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Die Queen of blues lebt!

Von Maya Morlock

Die Dokumentation „Janis – little girl blue“ von Regisseurin Amy J. Berg zeigt das Leben der Blues- und Rocklegende Janis Joplin. Der Zuschauer begleitet sie von der Geburt an in Port Arthur 1943 bis zu ihrem verfrühten Tod im Alter von nur 27 Jahren. Interviews von Familienmitgliedern, Freunden und Bandmitgliedern, persönliche Briefe von Joplin selbst und das authentische Filmmaterial von Liveauftritten und Interviews stellen Joplins Leben und ihre Person lebensnah dar.

Wie sie leibt und lebt

Zu Beginn sieht man die erwachsene Janis Joplin auf der Bühne, an dem Ort, an dem sie sich wohl und sicher fühlt. Im Rampenlicht ist sie jemand. Dort gibt sie alles, dort geht sie völlig auf und lebt jede Note, jedes Wort. Der Text kommt ihr über die Lippen, als sei er ihr gerade erst in den Sinn gekommen, kein bisschen gekünstelt. Sie versprüht eine Energie, die fasziniert, die ansteckt und man erwischt sich beim Mitwippen zum Takt. Schnell ist alles herum vergessen, Joplin schafft es einen mit wenigen Zeilen in den Bann zu ziehen, ihre Präsenz und Ausstrahlung sind ergreifend. Man bewundert dieses energiegeladene Bündel voller Leben und fragt sich: Was ist nur geschehen, was ist so schrecklich schief gelaufen?

Das schwarze Schaf

Joplin ist ein kleiner Streithahn, immer auf Krawall aus. Sie ist ein untypisches Mädchen, keine Schönheit, die man auf einem Modemagazin erwarten würde: Kräftige und nahezu männliche Züge zeichnen ihr Gesicht, an dem struppige Haare, weder glatt noch lockig, herunterhängen. Sie hat kräftige Beine und ist etwas mollig an den Hüften. In der Schule wird sie gemobbt, ihre erste Flucht in die große weite Welt scheitert und ihr Verlobter hintergeht sie. Es ist wohl eine Interpretationssache, doch allein die erste halbe Stunde des Films zeichnet eine tief verletzte Person, die ihr Leben lang nach Anerkennung und Liebe sucht. Immer wieder wird das schon angekratzte Selbstvertrauen zerstört, beispielsweise als die junge Sängerin Joplin zum hässlichsten Mann gewählt wird. Joplin fängt sich, doch Drogen und Alkohol sind ständige Wegbegleiter. Mehrmals versucht sie clean zu werden, doch richtig los kommt sie nie.

„Take another little piece of my heart, baby“

Der Film begleitet sie in ihrer Zeit bei der ersten Band „Big Brother and the Holding Company“ und auch bei ihrem zweiten Projekt „Kozmic Blues“. Die Musik kommt neben dem erstaunlichen Leben Joplins natürlich nicht zu kurz: Liveaufnahmen von zum Beispiel „Piece of my heart“ und auch die Entstehungsgeschichte von Joplins größtem Erfolg „Me and Bobby McGee“ werden gezeigt. Ihre Vorbilder und Inspirationsquellen bekommen Raum; eine Wolke aus Blues, Folk und Rock´n Roll vermischt sich zu einem gigantischen Klangerlebnis.

Do you know Janis?

Viele mosaikartige Einzelteile aus Interviews, dem Filmmaterial und den sehr persönlichen Briefen von Janis an ihre Eltern setzten nach und nach das Puzzle des Lebens und der Person Joplins zusammen. Unglaublich plastisch und sogleich respektvoll schafft es Berg ein facettenreiches Dasein in weniger als zwei Stunden darzustellen. Am Ende hat man das Gefühl Joplin wirklich zu kennen und zu verstehen, als habe man sie tatsächlich getroffen. Unglaublich bewegend ist diese Dokumentation, von der so einige Liebesschnulzen noch etwas lernen könnten – unglaublich authentisch und zuletzt untröstlich traurig.

Eine Hommage an eine wunderschöne Frau mit einem riesigen Talent. Ich wage es kaum zu sagen, doch dieser Film lässt Janis ein Stück weit weiterleben. Sie lebt in den Köpfen der jungen Generation, die sie dadurch wiederentdeckt, bevor sie vergessen werden konnte.

Foto: flickr.com/Winston Vargas (CC BY-NC 2.0)

Der Mensch und das bewegte Bild

von Ricarda Dietrich

„Der Film hat keine Zukunft“ (Louis Lumière, 1901)

8083141718_bbc0220e34_zWie falsch Louis Lumière mit diesem Zitat lag, lässt sich heute eindeutig erkennen. Film ist inzwischen in fast jeden Bereich unseres Lebens eingedrungen, wir können uns ihm nicht mehr entziehen. Die Filmlandschaft ist seit den Anfängen stetig gewachsen und bietet heute ein sehr breites Angebot, das wir auf unterschiedliche Weise und aus verschiedenen Gründen nutzen.

Jeder, der sich mal mit den Anfängen des Films beschäftigt hat, kennt die Legende: Als 1896 der Kurzfilm „L“Arrivee d“un train en gare de La Ciotat“ („Die Ankunft eines Eisenbahnzuges im Bahnhof La Ciotat“) der Lumière-Brüder zum ersten Mal vor Publikum gezeigt wurde, sind die Besucher panisch aufgesprungen und vor der riesigen Lok davongelaufen. Sie waren nicht an das bewegte Bild auf der Leinwand gewöhnt und hatten Angst von einer realen Lok, die durch den Raum fährt, überfahren zu werden.

Heute belächeln wir diese Reaktion. Kinder werden heute schon von Geburt an mit Bewegtbild konfroniert und auch die ältere Generation ist mit Film in jeglicher Form vertraut. Film ist inzwischen in fast jeden Teil unseres Lebens eingedrungen. Seine Erfindung vor 130 Jahren hat die Menschheit nachhaltig und unwiderrufbar verändert.

130 Jahre Film

9414002494_5c6917207f_zBis dahin hat der Film allerdings eine lange Strecke zurückgelegt. Technischer Fortschritt führte zu einer stetigen Entwicklung und man kann nur rätseln, ob irgendwann einmal alles erfunden sein wird, was das Erleben einer Handlung noch realistischer macht. So gab es die Schritte von Stummfilm zu Tonfilm, von schwarz-weißen Bildern zum Farbfilm. Bildformate änderten sich, Soundsysteme wurden verbessert und inzwischen kann man Filme in 3D oder sogar 4D erleben. Doch nicht nur der Film selbst, auch die Aufnahme- und Abspielmöglichkeiten haben eine lange Entwicklung hinter sich und sind noch lange nicht am Limit angekommen. Dass es in den 50er Jahren eine Sensation war, ein Fernsehgerät im Haus zu haben, können wir uns heute nur noch schwer vorstellen. Jedes Smartphone, jeder Laptop und jedes Tablet können inzwischen mühelos Filme abspielen. Man ist nicht mehr ans Kino als Ort, sowie an das Programm, was grade gezeigt wird, gebunden, sondern kann auf Streaming-Seiten und Video-Plattformen wie Youtube jederzeit und an jedem beliebigen Ort anschauen, was einen wirklich interessiert und nicht das, was nun einmal gerade gezeigt wird. Genauso ist es inzwischen jedem Individuum möglich, selbst Filme herzustellen und zu verbreiten. Dabei sollte man sich hin und wieder vor Augen führen, wie komplex, aufwändig und teuer die Produktion von Filmen vor einigen Jahrzenten noch war.

„Die Simpsons“ oder doch eher „A Clockwork Orange?“

Warum wenden wir uns welchem Format des Films zu? Es kommen schnell die offensichtlichen Gründe in den Sinn. In allererster Linie wollen wir unterhalten werden, wenn wir den Fernseher einschalten. Es bedeutet, wir haben nun Freizeit, was jetzt folgt soll nichts mehr mit Arbeit zu tun haben. Je nach Situation suchen wir dann einen Film, eine Serie oder Show aus, die uns hilft zu entspannen, die uns unterhält oder uns informiert. Manchmal will man auch einfach für eine Weile in eine andere Welt eintauchen, die aufregender ist als unsere eigene oder in der es ganz andere Probleme gibt als in unserem eigenen Leben.

Ein wichtiger Begriff bei der Wahl des Mediums und Formats ist das „Mood-Management“. Diese Theorie wurde 1988 von Dilf Zillmann erstmals formuliert und besagt, dass Medien nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch Gefühle stimulieren. Der Rezipient versucht daher mit der Wahl des zu rezipierenden Formats den eigenen Stimmungszustand zu manipulieren. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Stimmung des Rezipienten an die Stimmung des Films anpasst. Ziel der Rezeption von Film ist dabei ein innerer Spannungsausgleich. Ist man also schlecht gelaunt, da man Langeweile hat, dann sucht man einen Film oder eine Serie mit spannendem Inhalt aus. Kommt man gestresst von der Arbeit, sucht man ein beruhigendes Format, das entspannend wirkt. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Zuwendung zu bestimmten Formaten gut erklären.

Vorschau auf die nächsten Folgen

Die folgenden Artikel sollen die unterschiedlichen Formate, in denen wir Bewegtbild rezipieren, beleuchten. Sie sollen einen kurzen Blick auf die Geschichte der Formate werfen und heute, im digitalen Zeitalter, nach der Bedeutung für die Zuschauerschaft fragen. An diesem Punkt kommt, unter anderem, das Mood-Management ins Spiel: Mit all den Angeboten, mit denen sich der Mensch heute konfrontiert sieht, wie schaffen es die verschiedenen Formate nebeneinander zu existieren? Es gibt Serien, Blockbuster, Vines, Polit-Shows, Katzenvideos und vieles mehr, denn sie bedienen alle andere Bedürfnisse. Diese sollen in den nächsten Wochen ein bisschen näher betrachtet werden. Jeder Leser wird sich und seine Verhaltensweisen irgendwo wiederfinden, denn das ist das Schöne an dem Thema: Es gibt niemanden mehr in Deutschland, der sich dem Film, in welcher Form auch immer, entziehen kann. Das hat einen einfachen Grund: Bilder lassen sich kognitiv besser verarbeiten als Worte. Daher findet man mittlerweile zum Beispiel auf der Internetseite vieler Unternehmen einen Kurzfilm, der die Firma vorstellt. Warum einen langen Text schreiben, wenn man auch mit einem Zweiminüter alles sagen kann? Und wir wissen ja alle: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!

Dennoch natürlich viel Spaß beim Lesen!

Fotos: flickr.com/ynetbot (CC BY-NC-SA 2.0), flickr.com/Marko Kudjerski (CC BY 2.0)

Mark auf dem Mars

Von Roman van Genabith

Der Film The Martian – (deutscher Titel „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“) nach dem Drehbuch von Drew Goddard und unter Regie von Ridley Scott, versucht in 144 Minuten einen Roman von rund 500 Seiten wiederzugeben; einen komplexen Plott, der eine komplexe Thematik behandelt.

Kann das gelingen?

Die Kollegen von raumfahrer.net betrachten das Werk mit Blick auf die Tradition der Mars-Filme. Im Folgenden sollen in einer vergleichenden Betrachtung von Buchvorlage und Film die erzählerischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Buchvorlage und Film beleuchtet werden. Die Romanvorlage ist Reelle Science-Fiction auf Tuchfühlung zum heute Möglichen, etwa vergleichbar mit GRAVITY (2013). Bleibt dieser Umstand im Film  bestehen? Abschließend wird noch kurz auf verschiedene interessante crossmediale Vertiefungen und Anschlussveröffentlichungen eingegangen.

Was passiert?

DF-05028_1400Während einer auf 30 Tage angelegten Mars-Expedition kommt es zu einem heftigen Sandsturm, während die Besatzung gerade dabei ist Bodenproben zu sammeln. Die Kommandantin beschließt die Mission abzubrechen und mit dem Rückkehrmodul (MRM) zu starten, das bei weiter steigenden Windgeschwindigkeiten zu kippen und die Crew somit zum Tode auf dem Mars zu verurteilen droht. Doch auf dem Weg zum Rückkehrmodul wird der Botaniker Mark Watney von umherwirbelnden Trümmern der Antennenanlage getroffen und vom Team getrennt. Dabei wird sein Biomonitor zerstört und seine Kameraden halten ihn für tot. Schließlich sind sie gezwungen zu starten, um nicht selbst getötet zu werden.

Die Geschichte entwickelt sich fortan um den widererwarten nicht ums Leben gekommenen Mark Watney, sowie die Vertreter der Raumfahrtorganisationen und die mediale Öffentlichkeit auf der Erde, die mit der unerwarteten Tragödie umgehen müssen.

Rascher Fortschritt

Schon früh zeigt sich, dass die Filmcrew versucht sich möglichst an der Romanvorlage zu orientieren und dabei auch auf Details achtet. So versucht der Pilot der Mission durch Zündung der Steuerdüsen das Rückkehrmodul zu stabilisieren, als Dieses zu kippen droht und erklärt das auch. Diskrepanzen ergeben sich vor Allem im Tempo. Während der Roman in ausgedehnten Passagen und unter Nutzung verschiedener Zeitsprünge die Zeit nach dem unglücklichen Aufbruch der Crew und die ersten Tage und Wochen danach schildert, ohne dabei anstrengende Längen zu entwickeln, ergibt sich im Film ein gefühlt recht rascher Handlungsfortschritt. Nachdem Mark, vom Antennenstück aufgespießt und in Folge starkem Druckverlusts schon ohnmächtig, durch den Sauerstoffalarm seines Expeditionsanzugs wieder zu sich kommt, wird sein Überlebenskampf und die Rückkehr in die Wohnkuppel recht ausführlich und anschaulich gezeigt. Die Romanvorlage geht hier sehr detailreich auf die Funktion der Anzüge und die Umstände, die Marks sofortigen Tod in dieser Situation verhindern ein, während der Protagonist im Film nach einer eindrücklichen „Operation“ an sich selbst knapp erläutert, dass das verdickte Blut ein weiteres Entweichen von Anzugluft verhinderte.

In beiden Fällen wird Mark zum einsamen, aber selten verzweifelten oder tragischen Helden. Während er im Roman recht lange davon überzeugt ist unausweichlich sterben zu müssen, ohne dass dadurch spürbare Verbitterung aufkommt, wirkt es im Film oft wie ein gefährliches, aber letztlich doch fantastisches Abenteuer, ein Road-Movie in ungewohnter Umgebung. Das mag einerseits über den wahren Ernst von Marks Lage hinwegtäuschen, spiegelt aber auch die ungeheure Improvisationsgabe und den eisernen Lebenswillen realer Astronauten wieder.

Die rettenden Kartoffeln, die Mark Watney in beiden Versionen pflanzt und so sein mehrjähriges Überleben auf dem Mars sichert, findet er im Buch erst relativ spät in Form einer Thanksgiving-Überraschung im Missionsgepäck, im regulären Proviant befindet sich nichts biologisch aktives. Im Film tauchen sie dagegen einfach auf, und zwar recht bald nachdem Mark Inventur gemacht hat. Während ihm, ein ordnungsgemäßes Funktionieren der autarken Lebenserhaltung der Station, die nur für 31 Tage konzipiert wurde vorausgesetzt, Luft und Wasser nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehen, verhungert er, wenn er keine eigene Nahrung erzeugen kann. Allerdings bleibt ihm, bedingt durch die drastisch gesunkene Anzahl an Stationsbewohnern, ein komfortabler Zeitvorrat. Dieser Umstand ermöglicht es Buch und Film die Handlung nicht als hektischen Wettlauf gegen die Uhr darzustellen.

Unterschiede im Detail

DF-07708sm_1400Mark pflanzt Kartoffeln. Dafür muss er Ackerland urbar machen und benötigt somit Erde. In beiden Versionen holt er Mars-Erde in die Wohnkuppel, ein extrem aufwendiger, Zeit- und Kräftezehrender Prozess. Die häufigen Außeneinsätze verschleißen zudem die Raumanzüge. Deren hat er zwar jetzt Mehrere, trotzdem macht ihm die unumkehrbare Verschmutzung der CO2-Filter im Buch Sorgen. Im Film verläuft diese Phase relativ zügig. Eine gewisse Simplifizierung ist auch zu beobachten, als der Film nicht auf die genaue Prozedur der Erzeugung von Wasser eingeht, das Mark für seine Kartoffelfarm in weit größeren Mengen, als ihm zur Verfügung stehen, benötigt. Die Elektrolytische Reaktion und die durch Marks Unaufmerksamkeit ausgelöste heftige Explosion werden gezeigt, die Notwendigkeit den Sauerstoffanteil im Habitat durch eine komplette Stickstoffatmosphäre zu ersetzen, inklusive des nicht trivialen Kunststücks dies gegen die Lebenserhaltenden Routinen der Elektronik hinzubekommen, entfallen.

Solche Ungenauigkeiten und Vereinfachungen treten immer wieder auf. So verfügt Mark im Buch über zwei funktionierende Rover mit eigener Druckbeaufschlagung, im Film ist es nur noch einer. Dennoch benötigt er für den später notwendigen langen Weg zum Landeplatz der Nachfolgemission im Grunde deren zwei. Mark braucht den zusätzlichen Platz, um dort die Luft- und Wasseraufbereiter unterzubringen, die er zuvor aus der Basis ausbaut. Auch darauf geht der Film nicht ein, obwohl es eine Kernnotwendigkeit für Marks Lebensentscheidende Reise zum Ares IV Landeplatz ist. Schließlich hat Mark eine Art Anhänger für seinen funktionierenden Rover. Als Mark die Pathfinder-Sonde, die 1997 auf dem Mars landete und rasch verstummte, birgt und als Kommunikationsrelay verwendet, wird der im Buch höchst umständliche und herausfordernde Transport der Sonde, als auch deren Unterbringung außen an der Wohnkuppel, deutlich zügiger und glatter durchgebracht.

Diese Simplifizierung zeigt sich besonders krass bei dem Unfall, der die Wohnkuppel dekomprimiert und Marks Kartoffelfarm zerstört. Mark, der gerade die Kuppel verlassen möchte, wird durch die explosive Dekompression hinweggeschleudert, als die Luftschleuse, die er benutzt, aufgrund von Materialermüdung explodiert. Dabei wird in Buch und Film Marks Raumanzug und Helmvisier schwer beschädigt. Im Buch dauert diese Krise für Mark viele Stunden, während denen er im Inneren der dutzende Meter weggeschleuderten Schleuse zwar noch am Leben ist, da der Innendruck noch stabil ist, durch den zerstörten Helm aber zunächst keine Chance hat einen der Rover zu erreichen, die nach dem Verlust der Wohnkuppel seine letzte Chance sind. Sich und seine Schleusenkammer mit akrobatischen Kunststücken zurück zur Wohnkuppel zu rollen, dort unter den Trümmern einen intakten Raumanzug zu finden, nachdem sein Eigener nur äußerst notdürftig und für wenige Minuten zu flicken war, und schließlich einen Rover zu erreichen, um dann den Wiederaufbau der Kuppel zu planen, ist im Buch eine sehr ausgedehnte Episode und wird im Film zwar dramatisch, aber zügig abgehandelt.

Eine weitere, für Mark lebensbedrohliche Krise, entfällt im Film vollständig. Auf seiner über 3000 km langen Reise zum rettenden Fluchtschiff gerät er in einen marsianischen Staubsturm. Anders als die heftigen Sandstürme zu Beginn ist dieses Phänomen zwar für die beobachtenden NASA-Forscher auf den Satellitenbildern klar erkennbar, zeigt sich Mark aber zunächst nicht. Der Effekt wird lediglich in einem langsamen, aber stetigen Verlust an Arbeitsleistung spürbar, die Marks aus der Wohnkuppel ausgebaute Solarpanele erbringen. Das wird durch die sinkende Lichtdurchlässigkeit der Atmosphäre bewirkt und als Mark die richtigen Schlüsse zieht, ist er bereits mehrere Tage in die Ausläufer des Phänomens eingetaucht und es ist im Grunde zu spät für ihn es zu umfahren oder umzukehren. Dennoch findet er einen Weg. Dieser ist zwar nachvollziehbar, zugegebenermaßen aber nur schwer filmisch darstellbar. Diese Episode ist im Buch eine ausgedehnte Krise, die sich viele Tage hinzieht und weniger durch sichtbare Action, als durch analytisches und planvolles Handeln entschärft wird.

Deutliche Diskrepanzen zu Gunsten filmischer Dramatik sind bei der Rettung Marks durch die Hermes, das interplanetare Raumschiff, mit dem die Astronauten des Ares-Programms zwischen Mars und Erde pendeln, zu konstatieren. Während die Demontage des Rückkehrmoduls der Ares IV zwecks Gewichtsersparnis, um einen höheren Orbit erreichen zu können, glaubhaft abläuft und der Film auch beim Start, dem Anpassen von Abfanggeschwindigkeit und Distanz nah am Buch bleibt, weicht er ab, als die Distanz am Ende trotz aller Bemühungen zu groß ist, um Mark einzusammeln. Während das Buch hier eine kühne Idee Marks erwähnt, bei der er seinen Anzug aufschneidet und durch ausströmende Luft am Handschuh Diesen als Schub- und Steuerdüse verwenden möchte, diese Idee von aber der Kommandantin verworfen wird, greift er im Film darauf zurück. Auch geht die Kommandantin statt des Arztes Chris Beck nach draußen, um Mark zu holen. Eine eher zweifelhafte Änderung, da Beck bereits in Position und Zeit ein kritischer Faktor ist.

Gemeinsamkeiten

Obwohl das Drehbuch hier und da vom Roman abweicht und Manches vereinfacht, bleibt es bei Vielem auch nah am Original. So sind zahlreiche Dialogstellen, etwa in Marks Videolog, das in Film und Buch eine zentrale Erzählkomponente darstellt, fast Wortgetreu übernommen worden. Die vertrackten Umstände, durch die die erste Sonde mit Versorgungsgütern in brennenden Trümmern ins Meer stürzte, werden nachvollziehbar präsentiert. Auch der teils extreme Zeitversatz, bedingt durch die doppelten Signallaufzeiten der Botschaften zwischen Mars und Erde, werden akkurat übernommen. Die Gesamtstimmung im Buch findet der Zuschauer im Film ebenfalls wieder. Auf überzogene Dramatik und Emotionalität wird weitgehend verzichtet. Es dominiert fast durchgängig ein Klima zurückhaltender Hoffnung, durchsetzt mit trockenem, aber nicht bitterem Humor.

Interessant: Trotz Beteiligung Chinas, dessen Verhältnis zur westlichen Welt traditionell gespannt ist, schaffen es Buch und Film politische Ränkespiele minimal zu halten. Zu keinem Zeitpunkt wird von einem der beteiligten Akteure erwogen den Einsamen vom Mars einer knappen Budgetpolitik zu opfern. Viel mehr fiebert  am Ende die ganze Welt dem Ausgang der riskanten Aktion entgegen, was sich sehr treffend im Untertitel der deutschen Synchronisierung des Films widerspiegelt: Rettet Mark Watney. Hier hat das filmische Medium einen Vorteil: Die gespannt wartenden Massen, die sich rund um die Welt versammeln, um den Übertragungen der Fernsehstationen zu folgen, können ins Bild gebracht werden.

Ein spezieller Unterschied zum Buch ergibt sich über dies zum Schluss. Während häufig Filme nach der finalen Schlusskrise und der Erfüllung, oder dem Tod Aller, zu Ende sind und Bücher noch einen Epilog aufweisen, ist es hier anders herum. Das Buch endet mit der Rettung Marks im Orbit des Mars. Im Film wird er als Lehrer für Astronautenanwerter gezeigt, den Abschluss bildet der Start einer weiteren bemannten Mission des Raumfahrtprogramms; eine schöne Botschaft: Die Reise geht weiter.

Implikationen

Der Marsianer ist Real-Science-Fiction, die sich in weiten Teilen an existierender Technologie und Organisationsstrukturen orientiert. Die Mission liegt wenige Jahrzehnte in der Zukunft. Sie greift zum Teil auf Technologie zurück, die noch nicht gebaut wurde, die aber in der Theorie plausibel durchgerechnet und machbar ist. Im Speziellen zu nennen ist hier das interplanetare Raumschiff, das in dieser Form mit Nuklearer Energieversorgung, Ionenantrieb und durch Rotation erzeugter künstlicher Schwerkraft zwar denkbar ist, jedoch noch nie gebaut wurde.

Kritiker vergleichen den Film mit dem SF-Blockbuster Interstellar, doch auf den zweiten Blick greift dieser Vergleich nicht. Einerseits kommt Der Marsianer ohne die Notwendigkeit zur Brechung physikalischer Gesetze aus, durch den einfachen Umstand, dass eine zentrale Zutat der meisten Science-Fictionwerke, Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit, hier nicht vorkommt. Warpantriebe oder Wurmloch, obgleich Bestandteil zahlreicher großartiger Filme und Serien, sind hier nicht nötig, um eine spannungsgeladene, aber weitgehend realistische Handlung zu schaffen. Auch gibt es bei Der Marsianer nicht den Bruch, den viele Filme dieses Genres im letzten Drittel ihrer Laufzeit aufweisen. Ein Solcher bleibt auch bei Interstellar nicht aus, dessen Plot gegen Ende zunehmend ins Absurde abgleitet und nicht mehr nachvollziehbar ist.

Fazit

Auch ein anderes viel bemühtes Klischee speziell der Mars-Filme kann Der Marsianer vermeiden: Es ist auf absehbare Zeit weder wünschenswert, noch angestrebt, dauerhafte Kolonien auf dem Mars oder einem anderen Himmelskörper im Sonnensystem zu errichten. Während die Initiative Mars One einen Plan zur Gründung von Mars-Kolonien betreibt, zeigt das vorliegende verfilmte Buch eindeutig die Unsinnigkeit dieser Idee. Der Mars ist wissenschaftlich ein spannendes Ziel für Generationen, das rechtfertigt dessen Erforschung, vielleicht zukünftig auch unter Beteiligung von Menschen. Aber seine Umwelt ist beinahe so tödlich wie der Weltraum. Und auch Mark Watney ist die ganze Zeit des Films über bestrebt zu seiner Heimat zurückzukehren. Er ist somit ein Terraner.

Crossmediale Rezeption

Der Film, der überwiegend wohlwollende bis eindeutig positive Kritiken erhalten hat, brachte inzwischen einige intermediale Ergänzungen hervor. So veröffentlichten verschiedene Raumfahrtagenturen, darunter das zur ESA gehörende Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Aufnahmen, die Handlungsorte des Films auf Basis von Aufnahmen zeigen, die heutige Mars-Sonden geliefert haben. Dazu zählt unter anderem ein Überflugvideo, das von deutschen Planetenforschern erstellt wurde und Marks Weg von seiner Wohnkuppel zum Landeplatz der Nachfolgemission zeigt, wo er sein Rettungsgefährt besteigt. Der Mars wirkt in diesem Video noch ein Stück unfreundlicher, viele Felsen, weniger Sand, weniger rot. Kein Ort zum Bleiben.

In einem für iPhone- und iPad erschienen Spiel müsst ihr Mark am Leben halten und durch seine Mission führen. Der Marsianer profitiert von Handlungsorten, die zwar hinter dem irdischen Horizont liegen, aber dennoch nicht aus der Welt sind.

Fotos: © 2015 20th Century of Fox

Roman van Genabith ist freier Journalist und unter Anderem Autor für das Astronomieportal raumfahrer.net.  Ferner schreibt er für ein Apple-Magazin und ein ostwestfälisches Nachrichtenangebot.

Captive – Gefangen in der eigenen Wohnung

Von Andrea Kroner

Ashley (Kate Mara) befindet sich am Tiefpunkt ihres Lebens: Sie ist drogenabhängig, alleinerziehend und hat Probleme bei der Arbeit. Doch als sie als Geisel genommen wird, ändert sich alles.

Zwei Welten prallen aufeinander

Ashley weiß nicht, wie sie mit den Problemen in ihrem Leben umgehen soll. Sie möchte unbedingt eine gute Mutter sein, für dieses Ziel ist sie bereit, alles zu tun. Sie besucht sogar eine Selbsthilfegruppe. Doch sie fällt trotzdem immer wieder in alte Muster zurück und schafft es nicht, von ihrer Sucht loszukommen.

Zeitgleich bricht Brian Nichols (David Oyelowo) aus seiner Zelle in einem Gerichtsgebäude aus. Er ist wegen Vergewaltigung verurteilt. Während seiner Flucht verletzt und tötet er mehrere Menschen ohne mit der Wimper zu zucken. Wieder in Freiheit zieht es ihn zunächst zu seinem neugeborenen Sohn, doch dort kreuzt auch die Polizei bald auf. Ihm wird schnell klar, dass seine ehemalige Freundin nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte.

Deshalb fährt er ziellos weiter und stößt zufällig auf Ashley. Er bedroht sie und nimmt sie in ihrer eigenen Wohnung gefangen. Verzweifelt versucht die junge Frau zunächst, eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Doch schon bald muss sie sich mit der Situation abfinden und sich ihrem Schicksal ergeben. Nach und nach kommen sich die beiden näher – sowohl auf menschlicher, als auch auf spiritueller Ebene. Denn sie verbindet mehr, als sie glauben. Wie es mit der Geiselnahme weitergeht und ob Nichols am Ende gefasst werden kann, wird sich zeigen.

Eine wahre Begebenheit

Mit diesen Worten wollen viele Filme Zuschauer gewinnen und einen realen Bezug schaffen. Und natürlich trägt es enorm zum Spannungsaufbau bei, sich vorzustellen, dass diese Geschichte sich wirklich in ähnlicher Form zugetragen hat. In diesem Film wurden sogar die Originalnamen der Protagonisten beibehalten. Damit es noch authentischer wirkt, waren zusätzlich im Abspann weitere interessante Informationen über den Vorfall und Bilder oder Videos der Beteiligten zu sehen. Dadurch wurde das reale Geschehen sehr gut in den Film integriert.

Die Tiefe fehlt

An sich behandelt der Film ein sehr spannendes Thema: eine Täter-Opfer-Beziehung. Doch leider kratzt er an vielen Stellen nur an der Oberfläche. Besonders Hintergründe und psychologische Prozesse bleiben oft im Dunkeln. So wird für die Ermittlungen zwar der behandelnde Psychologe von Nichols befragt. Jedoch erzählt dieser nur, sein Patient behaupte, die Tat nicht begangen zu haben. Dieser interessante Punkt wird jedoch nicht näher behandelt, im Gegenteil: Danach hört man nichts mehr davon, weder von den Ermittlern, noch von Nichols selbst.

Auch die Beweggründe beider Protagonisten bleiben sehr oberflächlich. Man versteht als Zuschauer nicht, was Nichols dazu gebracht hat, jemanden zu vergewaltigen oder gar umzubringen. Aber auch Ashleys Lebensgeschichte wird nur angerissen. Man bekommt zwar einen Eindruck von ihrer derzeitigen Situation, erfährt jedoch nicht, wie es dazu gekommen ist. Deshalb gestaltet es sich im Allgemeinen als sehr schwierig, sich in die Personen hineinversetzen zu können.

Die richtige Mischung

Im Gegensatz zu den Figuren ist die Handlung in sich stimmig, da verschiedene Stränge langsam immer mehr miteinander verflochten werden. Auf der einen Seite steht Ashley, die nicht mit ihrem Leben zurecht kommt. Auf der anderen befindet sich Nichols, der vor der Polizei flieht. Dazwischen steht der ermittelnde Kommissar, der den beiden immer mehr auf die Spur kommt. Leider sind jedoch viele Ereignisse auch recht vorhersehbar, wodurch nie wirklich Spannung entstehen kann. Dennoch ist der Film an vielen Stellen unterhaltsam und berührend oder actionreich. Eine gute Mischung also, die viele Geschmäcker vereint.

Foto: Flickr.com/Joseph Morris (CC BY-ND 2.0)

Katzenjammer auf höchstem Niveau

Von Maya Morlock

Am 29. Oktober 2015 kommt Xavier Giannolis neuer Film in die Kinos. In der Tragikomödie „Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne“, die Madame wird von Catherine Frot (Dinner für Spinner) gespielt, geht es vordergründig um eine Frau, die völlig schief und unrhythmisch singt, doch dies durch die durchweg positive Resonanz ihres Publikums nicht weiß. Doch der Film hat auch eine äußerst verletzliche und sentimentale Seite.

Bis die Ohren bluten

Lucien Hazel © 2015 Concorde Filmverleih GmbH

In den 1920er Jahren gibt Marguerite Dumont ein Benefizkonzert für die Kriegswaisen in ihrem kleinen Schloss nahe Paris. Einige begnadete Musiker und Sänger treten auf, zarte und wohlklingende Musikstücke der Klassik sind zu vernehmen. Als Höhepunkt betritt Marguerite die Bühne. Die allseits bekannten Anfangstöne der Arie der „Königin der Nacht“ aus Mozarts Zauberflöte erklingen. Dort besingt die Königin der Nacht die Verstoßung ihrer Tochter Pamina. „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen. Tod und Verzweiflung“, singt Marguerite, doch leider nicht mit den gewöhnlichen Tönen. Völlig falsch intoniert und schwankend im Rhythmus quält sie sich durch das Stück. Bei dem gefürchteten Hochton und der Koloratur gefriert dem Zuschauer fast das Blut in den Adern, so unerträglich ist der Missklang. Gleichzeitig imponiert die Inbrunst, mit der die Gastgeberin ihr nicht vorhandenes Gesangstalent zur Schau stellt.

Das Publikum ist wenig überrascht, im privaten Klub kennt man die Madame und ihr Gejaule bereits. Nur der Journalist Lucien Beaumont (Sylvain Dieuaide) und die spontan eingesprungene Sängerin Hazel (Frankreichs Shootingstar Christa Théret) sind neu. Trotz des unausstehlichen Gekrächzes applaudieren die Zuhörer und überschütten die Gastgeberin mit Lob – die Neuen sind verwundert. Als der Journalist Lucien am Folgetag eine begeisterte Kritik veröffentlicht, fasst Marguerite den Entschluss endlich auf einer großen Bühne in der Öffentlichkeit aufzutreten. Ihr Mann, der sich für sie schämt, versucht dies auf Teufel komm raus zu verhindern.

Der Ursprung der schiefen Töne

Die Geschichte basiert auf der reichen Erbin Florence Foster Jenkins, die in den 40er Jahren in den USA verstarb. Auf YouTube, kann man ihre unverwechselbare und wahrhaftige Interpretation der Königin der Nacht anhören. Auch sie war überzeugt von ihrer Gesangsqualität, obwohl sie keinen Ton traf. Trotzdem ist dieser Film keinesfalls eine Biografie (diese wird momentan in den USA gedreht), sondern entwickelt nach der Basis einen eigenen Handlungsstrang. Denn neben der Belustigung findet der Zuschauer einen Draht zur Innenwelt der Marguerite und begreift, dass sie eigentlich völlig einsam ist. Während den Geschäftsreisen ihres Mannes ist ihr nur die Musik geblieben und ausschließlich durch sie kann sie sich ausdrücken und etwas Aufmerksamkeit vonseiten ihres Mannes erhaschen. Denn im Grunde möchte sie nur, dass er stolz auf sie sein kann.

Die perfekte Besetzung

Gesangslehrer © 2015 Concorde Filmverleih GmbHCatherine Frot brilliert in ihrer Rolle als Marguerite: Sie ist überschwänglich und heiter, behält sich jedoch auch in diesen Szenen einen Kern Traurigkeit. Ihre Mimik spricht Bände, sodass sie vergleichsweise wenig sagen muss, um sich darzustellen. Ein weiterer Augenschmaus ist der exzentrische Gesangslehrer Atos Pezzini (Michel Fau), der Marguerite auf ihr großes Konzert vorbereiten soll. Er lebt für die Musik, erstarrt zur Salzsäule, als er den schaurigen Gesang der Madame zum ersten Mal hört und versucht trotz aller schlechten Omen sie bestmöglich für ihr Vorhaben zu wappnen.

Zu empfehlen

Auch wenn der Film einige Längen aufweist, ist er für jeden Musikliebhaber sehenswert. Der Facettenreichtum ist erfreulich, eine schlichte Komödie, bei der die Madame zur Witzfigur degradiert wird, wäre zu flach und bliebe unter dem möglichen Potenzial. Man lacht Tränen, hält sich die Ohren zu und leidet mit der Hauptfigur mit, die im Grunde nur um ihrer selbst willen geliebt werden möchte. Man fiebert gespannt dem großen Auftritt entgegen und hofft sie möge nun endlich die Töne treffen.

Ob Marguerite Dumonts Ehrgeiz und Wille sich am Ende gelohnt haben, könnt ihr ab dem 29. Oktober auf der Leinwand verfolgen. Von mir gibt es auf jeden Fall drei Daumen nach oben!

Fotos: © 2015 Concorde Filmverleih GmbH

Müller is bäck!

Von Maya Morlock

Nach dem riesigen Erfolg von FACK JU GÖHTE 2013, der über 7,3 Millionen Zuschauer in die Kinos lockte, hat das Warten der Fans auf einen zweiten Teil der Komödie nun endlich ein Ende. Seit heute, dem 10. September 2015, sind Ex-Häftling und Neulehrer Zeki Müller (Elias M`Barek), Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth) und die völlig außer Kontrolle geratene 10b, samt der „Musterschüler“ Chantal (Jella Haase), Zeynep (Gizem Emre), Danger (Max von der Groeben) und Burak (Aram Arami) wieder in ein turbulentes Abenteuer verwickelt.

Knacki-Lehrer – Zeki vier Monate später in seinem neuen Alltag

3 © 2015 Constantin Film Verleih GmbH  Christoph AssmannDer Wecker klingelt, schnell ist er ausgeschaltet. Nur Bruchteile später klingelt ein weiterer und auch dieser wird unsanft von Zeki Müller zum Schweigen gebracht. Dem Neulehrer fällt das frühe Aufstehen sichtlich schwer und er versucht den Rückweg ins Traumland zu finden. Doch dabei hat er nicht mit seiner neuen überengagierten Superpädagogenfreundin Lisi gerechnet, die dem pelzigen Hund einen dritten Wecker im Maul platziert hat. Nach einem Kontrollanruf ist Zeki dann auch endlich wach und bereit für seinen neuen, alten Job als Lehrer.

Wie im Vorgängerfilm ist Herr Müller nicht die Art von Lehrer, die man sich für sein Kind vorstellt. Er ist mürrisch, egozentrisch, authentisch, ehrlich, aber schweigsam, wenn es um seinen eigenen Vorteil geht und spart nicht gerade an verbalen Beleidigungen. Sätze wie: „Verpiss dich doch“ oder „halt´s Maul“ sind Teil seines alltäglichen Wortschatzes.

Diamanten vs. mürrische 10b

2 © 2015 Constantin Film Verleih GmbH  Christoph AssmannIm zweiten Teil des erfolgreichen deutschen Films 2013 wird eine Idee umgesetzt und ausgebaut, die eigentlich bereits für den ersten Teil gedacht war. Eine Klassenfahrt nahm damals aber laut Regisseur Bora Dagtekin zu viel Raum in Anspruch. Im zweiten Film kommt Zeki Müller jedoch unfreiwillig zu dem Vergnügen der Reise. Kurz zuvor findet er einen Teil der vergrabenen Beute wieder: Kleine glänzende Diamanten, die ein Vermögen wert sind. Unglücklicherweise landen diese im Spendencontainer für die Partnerschule in Thailand. Sein Ziel lautet: Die Diamanten finden, koste es was es wolle und dann nichts wie weg – nie wieder Lehrer sein!

Abseits des Klischees: Keine Liebeskomödie

Produzentin Lena Schömann und Bora Dagtekin (Buch und Regie) setzen erneut auf das Genre der „Schulkomödie“. Es soll nicht um die Liebesbeziehung zwischen Zeki und Lisi gehen. Man fragt sich nicht, ob die Gegensätze zusammenbleiben oder fiebert nach einer Dummheit Zekis einem Beziehung-Happy-End entgegen. Vielmehr wird die Beziehung zwischen Herrn Müller und seinen Schülern thematisiert, sowie die Wandlung Zekis, die er während dieser Klassenfahrt durchläuft. Man fragt sich: „Bleibt Zeki Lehrer und hält das Versprechen seine 10b durch das Abitur zu bringen? Oder wird er einknicken, den einfachen Weg gehen und die Diamanten der Schule vorziehen?“

„Ey isch schwöre du bist so Arzt!“ (Zeynep)

© 2015 Constantin Film Verleih GmbH  Christoph AssmannWem bereits Teil eins gefallen hat, dem wird auch der Nachfolger zusagen. Situationskomik und flache Witze sind wieder vorhanden und auch die Schüler der 10b sind noch genauso hohl, wie zuvor. Auch die deutsche Grammatik haben die Zehntklässler noch nicht wirklich verinnerlicht. So schafft es Chantal am letzten Tag ihres Praktikums ein zur Schau gestelltes Auto zu Schrott zu fahren, versucht sich zweifelhaft als YouTube-Bloggerin und wundert sich, dass sie ein vermeintlicher Wolf, in Wahrheit ein Affe, von einem Baum aus anstarrt. Fans von Chantal wird es freuen, zu erfahren, dass sie in FACK JU GÖHTE 2 den Part einer weiblichen Hauptrolle übernimmt und des Öfteren auch aus dem Off erzählt. Ansonsten hat der Film, neben der Komik, viel zu bieten: Die malerische Schönheit der Küstenprovinz in Thailand Krabi wird gezeigt und mit Stunts und Actioneinlagen wird nicht gespart. Es gibt rasante Passagen mit Jetskis, eine Explosion im Chemielabor und feindliche Einwohner, die Zeki und seine Klasse attackieren. Es ist sicherlich ein Film ohne großen Anspruch, doch stellenweise mit viel Herz und Liebe zum Detail. Auch wenn die Witze meist eher plump und offensichtlich daher kommen, sind diese 112 Minuten perfekt, um nach einem langen Arbeitstag dem Alltagsstress zu entkommen.

Fotos: © 2015 Constantin Film Verleih GmbH/ Christoph Assmann

media-bubble.de in neuem Glanz

Schon gesehen? Die Arbeiten an unsere Webseite sind endlich abgeschlossen und sie präsentiert sich in einem neuen Look.

Was ist neu? Das Aussehen!

Wir haben die Aufmachung verändert, um euch die Bedienung zu erleichtern und die Webseite noch attraktiver zu machen. Dafür haben wir zwei Menüleisten eingebaut. Die obere (direkt über unserem Logo) umfasst alle Themen rund um die Redaktion von media-bubble und Kontaktdaten. Die untere enthält die unterschiedlichen Kategorien unserer Artikel. Von Büchern & Comics bis zur Uniwelt ist bei media-bubble alles geboten. Neben der Möglichkeit über die Kategorien zu Artikeln zu gelangen findet ihr auf der Startseite stets unsere neusten Beiträge.

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Größer. Härter. Mehr.

von Marius Lang

Erwartungsgemäß ist Marvels neuestes Superhelden-Stelldichein wieder ein echt dicker Brummer. Der Film lohnt sich auf jedem Level: er ist größer, bunter, wilder und düsterer als der Vorgänger. Vielleicht sogar ein bisschen besser.

 

Supermensch gegen Maschine

Das Spektakel beginnt irgendwo in Osteuropa, wo die Avengers unter Führung von Captain America und Iron Man die Festung des Deutschen Baron von Strucker attackieren, um damit endgültig den Nazi-Todeskult HYDRA zu zerschlagen und das Zepter von Loki, dem Bruder von Thor, zu erobern. Bei dieser ersten Mission trifft das Superhelden-Team zum ersten Mal die Maximoff-Zwillinge. Marvel-Fans sind die Zwillinge besser bekannt als Scarlett Witch und Quicksilver. In diesem Film noch über weite Teile Gegenspieler, werden sie in Zukunft ein Teil des Avengers-Team.

Zuvor schon beschließt Tony Stark, durch eine Vision dahingehend beeinflusst, mithilfe von Hulk Alter Ego Bruce Banner, einen zentralen Teil seiner Forschung weiterzutreiben: die Entwicklung des Ultron-AI, ein intelligentes Programm, welches künftig den Avengers die Weltrettung leichter machen soll. Ultron wird schließlich der Bösewicht des Films, ein selbstgebauter noch dazu.

Ein ganz normaler Dienstag im Marvel-Universum also.

 

Ein Gegner zum Fürchten

So gut die Filme des Marvel-Cinematic Universe bislang auch waren, eine Schwachstelle waren stets ihre Bösewichte. Einige wenige Widersacher ausgenommen (Loki, Red Skull, Alexander Pierce) waren diese stets blass und uninteressant. Doch Ultron hält alles, was sein großer Name verspricht. James Spader spielt den Androiden perfekt in allen seinen Facetten. Ultrons Verhalten ist geprägt von Stimmungsschwankungen, zwischen bitterem, schwarzem Humor, dem blendenden Charme des Bösen und blindem Hass.

Ultron vernetzt sich selbst mit dem World Wide Web, lernt in Sekunden und sieht die Zerstörung, die die Avengers auf ihren Heldenaktionen oft anrichten. Für Ultron ist die Sache klar: Die Avengers wollen die Welt beschützen, doch nicht verändern. Und nur wenn die Welt geändert wird, wird Frieden herrschen. Die Welt muss zum Frieden gezwungen werden und die Avengers, die dies trotz all ihrer Macht nicht tun würden, sind damit für Ultron die Wurzel allen Übels. Ultrons Bewusstsein entkommt über das Internet, er zieht die Zwillinge auf seine Seite und macht sich daran, ebendiese Wurzel auszureißen. Und dabei im Notfall die Menschheit mit in die Vernichtung zu reißen.

Spaders Ultron kann absolut ruhige Gespräche über Massenvernichtung führen und Geschäfte mit Waffenhändlern abschließen, nur um im nächsten Augenblick an die Decke zu gehen und eben diesem Waffenhändler beleidigt kurzerhand den Arm abzureißen: Ultron ist nicht nur ein Bösewicht, er ist ein Charakter. Er verführt gekonnt die Maximoffs auf seine Seite, erzählt ihnen von einer Welt in Frieden, ohne die Avengers.

Geplagt von Selbsthass, begründet in seiner künstlichen Herkunft, den er auf die Avengers und die gesamte Menschheit projiziert, verfolgt er seine Ziele akribisch, Punkt für Punkt und wechselt mehr als einmal ohne Probleme seine Vorgehensweise. Einer der herausragenden Momente, ja, sogar einer der besten Momente aller Marvel-Filme ist die Geburt seines Bewusstseins. Die Sequenz verursacht Gänsehaut und setzt den Ton für den Charakter über den Rest des Films: Ultron ist, endlich, ein Gegner zum Fürchten.

 

Uuund…. Action!

Von Anfang an bietet der Film genau das, was man sich von so einem Film mit den Avengers erwartet: Action Pur. Die Action-Szenen sind generell und erwartungsgemäß sehr gut. Ein Höhepunkt ist vermutlich ein direkter Zweikampf zwischen Iron Man und Hulk. Die Sequenz gehört zu den im Vorfeld am meisten antizipierten Teilen des Films und sie hält alles, was sie versprochen hat. Hulk und Iron Man zerlegen im Kampf gegeneinander eine afrikanische Metropole. Völlig übertrieben, und gewaltverherrlichend, aber egal: es fühlt sich fantastisch an.

 

Helden sind auch nur Menschen

Auch wenn die Actionsequenzen durch ihre Choreografie, das Zusammenspiel der Helden und der Technik des Films ein echter Hingucker sind, seine eigentliche Stärke offenbart der Film in seinen ruhigeren, charaktergetriebenen Momenten. Regisseur Joss Whedon versteht es, auch bei einem Übermaß an Hauptcharakteren niemanden zu kurz kommen zu lassen. Zu den Höhepunkten hierbei zählt unter anderem die Party der Helden im Avengers-Tower. Hierbei offenbart sich eine Romanze zwischen Black Widow (Scarlett Johansson) und Bruce Banner (Mark Ruffalo), die natürlich geprägt ist von Banners Angst, die Kontrolle über Hulk zu verlieren.

Doch auch die übrigen Helden haben durch den Film ihre großen und kleinen Momente der Charakterarbeit, besonders hervorzuheben sind dabei die größeren Charaktermomente von Hawkeye (Jeremy Renner), die weiter ausgebaute und in diesem Film auch auf die Probe gestellte Science-Bromance von Bruce Banner und Tony Stark (Robert Downey Junior), die besonders im Mittelpunkt steht, als die beiden mit vereinten Kräften die Grundlage für Ultron schaffen. Auch die ersten größeren Meinungsverschiedenheiten zwischen Captain America und Tony Stark werden in einer Szene klar, in der die beiden sich mit den anderen Avengers in einem sichern Zufluchtsort von einer dramatischen Niederlage gegen Ultron erholen. Tony verteidigt seine Entscheidung, Ultron als Präventivwaffe gegen fremde Mächte zu erschaffen. Eine Argumentation die Cap nicht einleuchten kann. Diese sind die erste Andeutung auf den dritten Teil von Captain America, in dem die beiden Helden auf zwei verschiedenen Seiten einer Debatte stehen werden.

 

Schneller. Schneller.

Ein kleiner Wehrmutstropfen ist dennoch offensichtlich. Zwischen all der kompakten Charakterarbeit und den Actionsequenzen wirkt der Film nie lang. Im Gegenteil. Age of Ultron scheint bisweilen eher gehetzt zu sein. Der Film ist recht episodisch aufgebaut, die Helden rennen von Plotpoint über Charakterentwicklung und hin zur nächsten Actionsequenz. Der Balance zwischen so vielen Helden ist es geschuldet, dass man innerhalb des Films kaum echte Momente der Ruhe hat, in denen sich alles gesehene setzen kann. Doch dies ist durchaus zu verkraften, hinsichtlich der vielen Stärken des Films. Wer jedoch gerne mal im Kino auf die Toilette geht, sei gewarnt, dass es keine unwichtigen Momente im Film gibt und die nächste wirklich große Sequenz jederzeit auftreten kann.

 

Fazit

Avengers – Age of Ultron setzt den erfolgreichen Lauf, den Marvel in den letzten Jahren hatte, fort. Es ist alles da, was die früheren Filme so gut machte, nur in noch größerem Ausmaß. Die Action ist je nach Bedarf mal sauber, mal dreckig und stets ein neuer Höhepunkt des Films. Die Charaktere sind vielschichtig, jeder bekommt seine glänzenden Momente und jeder bleibt liebenswert. Und für die Nerds unter den Zuschauern gibt es natürlich wie immer allerlei Easter Eggs und Anspielungen, die hoffentlich in späteren Filmen noch ihre Relevanz offenbaren. Alles in allem großes Actionkino mit guter Story und Charakteren voller Herzblut.

 

Foto: Marvel’s Avengers: Age Of Ultron, ©Marvel 2015

Into the Woods – Ich wünsche, also bin ich

von Miriam Gerstenlauer und Henrike Ledig

 

Nach dem großen Erfolg von „Les Misérables“ 2012 schafft es dieses Frühjahr eine weitere Musicalverfilmung eines in unseren Breitengraden eher unbekannten Stückes in die Lichtspielhäuser: Stephen Sondheims Into the Woods.

Unter der Regie von Rob Marshall (den meisten wohl für seine Arbeit an der Musicalverfilmung Chicago ein Begriff) kommt im Februar der wohl untypischste Streifen für die Produktionsfirma Walt Disney daher. In dieser musikalischen Märchenpersiflage bekommen die Helden alle gehörig ihr Fett weg: Zöpfe werden ausgerissen, Wölfe werden direkt gehäutet, jeder bestiehlt jeden und am Ende will trotzdem niemand an der ganzen Misere die Schuld haben. So wirklichkeitstreu waren Märchen noch nie.

 

“Once upon a time, in a far off kingdom…”

Der Kenner weiß: Fast iedes Märchen beginnt mit einem Kinderwunsch. So auch im Falle von Into the Woods. Ein Bäcker (James Corden) und seine Frau (Emily Blunt) wünschen sich nämlich nichts sehnlicher als eigenen Nachwuchs. Leider bricht eines Tages die Nachbarshexe (Meryl Streep) zur Tür herein und offenbart ihnen, dass sie aus Rache einst einen Fluch über die Bäckersfamilie gelegt hat, dieser aber zum Glück aller Beteiligten just in drei Tagen gebrochen werden könne, wenn ein blauer Vollmond über dem (praktischerweise nebenan liegenden) Zauberwald leuchtet. Dazu müssen die Bäckersleute ihr jedoch vier magische Zutaten für einen Zaubertrank bringen: Eine Kuh so weiß wie Milch, einen Umhang so rot wie Blut, einen Schuh so rein wie Gold und schlussendlich Haar so gelb wie Mais.
Welch ein Glück, dass sich sowohl Aschenputtel (Anna Kendrick), Jack (Daniel Huttlestone) und seine Kuhfreundin Milky White, Rotkäppchen (Lilla Crawford) und Rapunzel (MacKenzie Mauzy) im tiefen, dunklen Wald befinden und dort ebenfalls an der Erfüllung ihrer eigenen Wünsche arbeiten.

Auffällig ist, dass es sich bei den Geschichten in Into the Woods tatsächlich um die ursprünglichen Grimm-Versionen handelt: So regnet Aschenputtels Ballkleid aus Gold vom Baum am Grab ihrer Mutter auf sie herab, und ihre Stiefschwestern werden noch traditionell um ihre Zehen beziehungsweise Fersen gebracht, beim Versuch, sich in den glückverheißenden Schuh zu quetschen. Aus diesen Gründen ist Into the Woods vielleicht auch nur bedingt für junge Zuschauer geeignet: zwar ist die Stimmung zuerst vornehmlich fröhlich und humorvoll, aber spätestens im zweiten Akt auch sehr gnadenlos – hier ist keiner mehr sicher, Pro- und Antagonisten gleichermaßen!
Mal ganz abgesehen von Johnny Depps urkomischem aber nicht ganz jugendfreiem Auftritt als trashigem Großem Bösen Päderasten-Wolf.

Von Hollywood und Broadway nur das Beste

Neben Johnny Depp, der nur einen recht kurzen, dafür umso komischeren Auftritt hat, brilliert ein stimmiger und talentierter Cast. Allen voran die dreifache Oscarpreisträgerin Meryl Streep, die mit ihrer Rolle als böse Hexe gute Chancen auf ihren vierten Gewinn bei den Academy Awards hat. Sowohl mit ihrem ausdrucksstarken Gesang als auch ihrem unnachahmlichen Schauspiel sorgt Meryl Streep für emotionale Höhepunkte und trägt die Geschichte voran. Ihre Kolleginnen Anna Kendrick, Cinderella, und Emily Blunt, die Frau des Bäckers, kennt man bisher nur nicht singend auf der Leinwand.

Selten jedoch hat man in Hollywood bisher ein so charakterstarkes Duo von gleich zwei weiblichen Protagonistinnen gesehen, die nicht nur eindimensionale Stereotype darstellen – und das als Märchenfiguren. Daniel Huttlestone ist Musical-Fans schon bekannt als Gavroche in Tom Hoopers Film-Version von Les Misérables (2012), und als naiver Tollpatsch Jack (Hans in der deutschen Version) singt er sich in die Herzen der Zuschauer.
Überrascht hat vor allem Chris Pine, sonst bekannt als Captain Kirk in Star Trek, der als Prince Charming seiner Rolle als Hollywood-Schönling  alle Ehre macht und seiner Perfomance zeigt, dass er dabei auch noch schön (und schnulzig) singen kann.

Es kommt sogar richtiges Broadway-Feeling auf, dank der Besetzung von James Corden als der Bäcker, MacKenzie Mauzy und Billy Magnussen als Rapunzel und ihr Prinz, sowie des 12-jährigen Ausnahmetalents Lilla Crawford als Rotkäppchen. Durch ihre Erfahrungen auf der Bühne wirkten alle Performances durchweg stimm- und rollensicher, was die Mischung aus Gesprochenem und Gesungenem stets organisch wirken lässt.

 

Viel Musik und noch mehr Text

Stephen Sondheim gehört, zusammen mit Andrew Lloyd Webber und Stephen Schwartz, zu den größten Komponisten des Musicalgenres, wenngleich seine Werke in Deutschland eher selten gespielt werden. Am ehesten sind hierzulande West Side Story und Sweeney Todd – The Demon Barber of Fleet Street bekannt, letzterer vornehmlich durch die Verfilmung aus dem Jahr 2007 unter der Regie von Tim Burton.
Die Gründe dafür liegen dabei vor allem in den komplexen Texten in Sondheims Stücken, hier von James Lapine, die sich meist nur schwer ins Deutsche übertragen lassen, und daran, dass diese durch seine nicht sehr eingängigen Melodien auch nicht viel verständlicher werden.

Darunter könnte auch Into the Woods leiden, denn über wirkliche Ohrwürmer a là Memory aus Cats oder dem Phantom der Oper verfügt das Musical nicht. Das tut den musikalischen Nummern des Films (und davon gibt es viele!) jedoch keinen Abbruch, denn für kurzweilige Unterhaltung sorgt die durchweg brillante Inszenierung: In Nummern wie Agony in der die Prinzenbrüder (Chris Pine und Billy Magnussen) versuchen, sich gegenseitig so theatralisch wie möglich in ihrem Liebesleid zu übertrumpfen ist es kaum möglich, sich vor Lachen noch auf dem Kinositz zu halten.

 

„That’s what woods are for: for those moments in the woods”

Charmant und urkomisch, romantisch und gnadenlos ehrlich – Into the Woods scheint auf den ersten Blick eine ganz typische Disney-Schmonzette zu sein, entpuppt sich aber nach und nach immer mehr als ironische Persiflage ebensolcher, indem die Charaktere auch einmal sich und das, was passiert, hinterfragen. Am Ende ist die Hexe vielleicht doch gar nicht so böse, und die Moral von der Geschicht‘: ist jemand nett, ist er noch lange nicht gut. („Nice is different than good.“)

Into the Woods läuft 124 Minuten, ist momentan noch nicht FSK geprüft und startet am 19. Februar in den deutschen Kinos. Zudem ist er für 3 Oscars nominiert in den Kategorien „Beste Nebendarstellerin“ (Meryl Streep), „Bestes Produktionsdesign“ und „Bestes Kostümdesign“.

Lügen ist menschlich

von Felix Niedrich

Das internationale Publikum strömte staunend in die Kinos. So etwas hatten sie noch nicht gesehen: Vor 64 Jahren fesselte „Rashomon“ Zuschauer rund um die Welt. Das bis dahin kaum bekannte japanische Kino brachte seinen ersten Star hervor. Akira Kurosawa ist ein Regisseur, der heute zu den ganz Großen der Filmgeschichte zählt. Sein Film ist eine meditative Parabel, eine philosophische Reflexion über Wahrheit und Moral. Die eingesetzten filmtechnischen und narrativen Mittel waren zu dieser Zeit bahnbrechend. Darüber hinaus wird das Medium selbst als Instrument der Vermittlung von Authentizität in Frage gestellt.

 

Wenn jeder behauptet, schuldig zu sein

Der Film hat drei narrative Ebenen. Auf der ersten Ebene finden sich zwei Männer unter einem verfallenen Torbogen ein, wo sie Schutz vor dem Regen suchen. Der Holzfäller und der Priester zerbrechen sich den Kopf über eine Geschichte, deren Zeuge sie wurden und die sie sich nicht erklären können. Ein dritter Mann kommt hinzu. Er will die Story hören. Der Holzfäller beginnt zu erzählen, was er gesehen und gehört hat. Fest steht dabei folgendes: Ein Samurai und seine Frau wurden im Wald von einem Banditen überfallen. Es kam zum Sex zwischen der Frau und dem Bandit. Der Samurai ist tot und der Räuber wurde später gefasst.

Sowohl der Holzfäller, der die Leiche des Samurai gefunden hatte, als auch der Priester, dessen Weg sich ebenfalls kurz vor dem Vorfall mit dem Samurai und seiner Frau gekreuzt hatten, waren beide als Zeugen vor Gericht geladen. Was die beiden so verwirrt, ist, dass alle Beteiligten in der Verhandlung unterschiedliche Aussagen zum Ablauf der Tat machten.

Die zweite Ebene zeigt das Gerichtsverfahren, in dem die einzelnen Personen nacheinander ihre Version der Geschichte vortragen. Der Zuschauer nimmt hier die Position der Jury ein, die im Film weder zu sehen noch zu hören ist. Die Figuren sprechen in statischen Aufnahmen in die Kamera.

Ebene drei visualisiert die Erzählungen der Personen über die noch weiter zurückliegenden Ereignisse, die des Überfalls. Zunächst berichtet der Holzfäller, er habe den Leichnam des Samurai, der mit einem Schwert niedergestreckt wurde, zufällig gefunden. Es folgt der Bandit, der seine Version, vor allem den ehrenvollen Zweikampf mit dem Samurai schildert. Die Frau hingegen behauptet unter Tränen, dass dieser Kampf nicht stattfand. Nachdem der Bandit das Weite suchte, hätte sie ihren Mann erstochen, um ihre Schande zu verbergen. Als nächstes sagt der tote Samurai mit Hilfe eines Mediums aus. Seiner Auffassung nach wollte seine Frau mit dem Banditen durchbrennen, verlangte von diesem aber zuvor noch den Mord an ihrem Mann.

Entgegen seiner Aussage vor Gericht, gibt der Holzfäller nach den drei Geschichten preis, dass er selbst Augenzeuge des ganzen Vorgehens gewesen sei.  Er behauptet, alle Geschichten seien Lügen und schildert dann etwas widerwillig seine eigene Sichtweise, die sich ebenfalls von den anderen unterscheidet.

 

Gibt es die „objektive“ Erzählung?

Am Ende stehen vier Aussagen gegeneinander, die nicht zusammenpassen. Irritierend ist, dass es keine Auflösung gibt. Aber genau dadurch wird zum Nachdenken angeregt: alle Versionen der Geschichte machen für sich genommen Sinn. Aber bereits auf der ersten Ebene werden von Beginn an die Zweifel an den Geschichten bestärkt und die Diskussion über Wahrheit und Motive der Personen angeregt.

Dies wird durch die Struktur des Films unterstützt. In den Flashbacks wird aus der vermeintlichen Erinnerung der Figuren erzählt und es handelt sich natürlich nicht um Tatsachenberichte, die es so nicht geben kann. Diese Erinnerungen sind subjektiv gefärbt. Die einzelnen Figuren passen ihre Geschichten ihrem Weltbild an.

Dadurch, dass der Film die Worte in Bilder übersetzt, wird den Geschichten aber zusätzlich Authentizität eingeräumt. Der Film thematisiert zunächst die Suggestion dieser Authentizität im Medium selbst. In seiner detaillierten Darstellung, die den Zuschauer aktiv am Geschehen teilhaben lässt, wird die Macht der Bilder problematisiert. Unsere eigene Wahrnehmung wird somit kritisch hinterfragt.

Durch die narrative Struktur, die Charakterisierung der Figuren, sowie die ausbleibende Auflösung wird letztlich die Frage gestellt, ob es eine „objektive“ Erzählung überhaupt geben kann. Und wenn es sie nicht gibt, was ist dann noch „Wahrheit“?

 

Wenn es richtig ist, falsches zu tun

Aufgrund der Ungereimtheiten und des grundsätzlichen Misstrauens aller Beteiligten und der Tatsache, dass es nicht zu einer Verständigung kommt, zweifelt der Priester an seinem Glauben an die Menschheit.

Möglicherweise übersieht er dabei die Motive für die Manipulationen der Geschichte. Die Figuren der Geschichte handeln alle entsprechend ihrer eigenen Position, um ihre „eigene Wahrheit“ – und damit die Sicht, die gesellschaftlich erwartet wird – aufrecht zu erhalten. Der Bandit prahlt mit seinen großen Taten. Die Frau präsentiert sich als das schwache Opfer. Und der Samurai handelt gemäß seines Ehrenkodex. Sie unterliegen dabei gesellschaftlichen Konventionen und Moralvorstellungen. Kategorien wie Ehre und Schande sind dabei gesellschaftliche Konstrukte. Sie lügen, um ihrer Stellung im System gerecht zu werden.

In gewisser Hinsicht handeln sie also richtig, selbst, wenn sie etwas Falsches erzählen. Wahrheit meint hier auch Richtigkeit als Grundlage menschlichen Handelns, welches von äußeren Umständen abhängt und auch teilweise vorgegeben wird. Eine übergeordnete Wahrheit wird nicht präsentiert. Vielmehr wird bezweifelt, dass es diese überhaupt gibt. Denn die Suche danach hat den Konflikt schließlich erst geschürt.

Dieser Konflikt wird zum Ende hin aber dennoch aufgelöst. Als die drei Männer in dem verfallenen Mauerwerk einen Säugling finden entsteht ein neuer Streit. Der dritte Mann stiehlt die dem Säugling beigelegten Gegenstände, Kleider und ein Amulett. Der Holzfäller beschuldigt ihn, Unrecht zu tun. Daraufhin weist der Mann den Holzfäller auf seine eigenen Fehler, wie seine Falschaussage vor Gericht und den vermeintlichen Diebstahl des Dolches der Frau, hin. Er verschwindet.

Der Holzfäller bleibt beschämt mit dem Priester zurück, der sich um das Kind kümmert. Als der Holzfäller daraufhin das Kind mitnehmen will, um es groß zu ziehen, wird der Glaube des Priesters in das Gute, das Wahre in den Menschen wiederhergestellt.

 

Foto: flickr.com/steve loya (CC BY-NC-ND 2.0)