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Regisseur Wolfsperger: Für einen Film mit dem Kopf durch die Wand

Der Filmemacher Douglas Wolfsperger war bei uns am Medieninstitut zu Gast und hat Studierenden der Medienwissenschaft einen Einblick in seine Arbeit gegeben. Was ein Karpfen mit seiner Filmlaufbahn zu tun hat, wie er zu seinen Protagonisten steht und warum man Steine, die einem in den Weg gelegt werden, als Herausforderung sehen sollte – darüber hat er mit uns gesprochen.

Pierre M Krause

„Das Fernsehen ist tot!“

Pierre M. Krause war an der Uni Tübingen als Workshop Coach zu Gast. Was er über die Zukunft des Fernsehens denkt, welche Geheimnisse er rund um das Fernseh-Business verraten hat und wofür eigentlich das M steht, lest ihr hier. 

Ein Mann mit kleinen Träumen

von Sanja Döttling

Am Montagabend war Pierre M. Krause im Ribingurumu zu Gast. Seit Jahren senkt der Moderator das Zuschaueralter des SWR gefährlich. Bekannt ist er vor allem durch SWR3 latenight, aber auch durch Serienkonzepte wie In Deutschland um die Welt oder TV Helden. Querfeldein hat den Moderator interviewt.

Es ist acht Uhr abends. Das Wohnzimmer ist voll, die Kneipe in ein kleines Theater umgewandelt. Moderator Max Scherer von Querfeldein und Interviewgast Pierre M. Krause sitzen in alten, abgenutzten Sesseln, ein verblasster Teppich liegt zwischen ihnen und an den Wänden hängen Bilder aus Omis Wohnzimmer. Nur die große, professionelle Leinwand für Einspieler bricht das Bild. Die Atmosphäre ist gelassen, und Pierre macht deutlich, dass er ein Medienmensch zum Anfassen ist, wirft gleich am Anfang die Jacke ins Publikum (und nimmt sie dann doch lieber zu sich).

 

Pierre kann immer noch kein Französisch

Pierre M. Krauses Karriere fing seltsam an: Der ehemalige Bankkaufmann wurde Student, doch das war nicht so das Wahre: „Ich hab Sprachen studiert, unter anderem auch Französisch. Dann habe ich gemerkt, dass ich das schon sprechen sollte.“ Stattdessen drehte er Kurzfilme, und die Preise häuften sich: Der Ehrenpreis der Stadt Straubingen, aber auch zwei Preise aus Japan, für einen Film über das Licht im Kühlschrank, und Russland. Der Gewinn? „So eine kleine Gipsstatue von irgend einem russischen Zaren. Sowas willst du als 19-jähriger Filmemacher unbedingt haben“, sagt Pierre, immer ironisch. Dass die Vergeber der „internationalen“ Preise seine Filme verstanden haben, bezweifelt er stark.

Eine Initativ-Bewerbung brachte ihn dann zum SWR, zu DasDingTV. Dort hatte der junge Pierre M. Krause die Möglichkeit, eine Sendung von Anfang an zu konzepieren und umzusetzen. Die Sendung lief Samstag morgens um neun Uhr. Pierre sagt, und vielleicht steckt hinter dem ironischen Ton ein Funken Wahrheit: „Man hat uns da machen lassen, weil man wusste, dass das ausserhalb des messbaren Bereichs ist.“ Vor allem aber hat der SWR ihm die Möglichkeit gegeben, ohne viele Vorgaben seinen eigenen Stil zu entwickeln.

Pierre nimmt Sachen leicht, oft sich selbst nicht ganz ernst. Seine Preise, auch den Fernsehpreis, den er 2009 bekommen hat, tut er ab, will fast nicht darüber reden. Er verschwindet hinter seinen Witzen und Pointen, seiner Show-Persönlichkeit.

 

Premiumprodukt des SWR

Seit 2005 ist Pierre M. Krause Moderator der Sendung SWR3 latenight, gut und sicher im Samstagnacht-Programm des Senders versteckt. „Ich war schon immer das Premiumprodukt des SWR“, sagt er ironisch. Da finden ihn junge Leute auch nur, wenn sie besoffen aus dem Club geschmissen werden. Was anscheinend oft genug vorkommt: „Wir haben das Durchschnittsalter der Zuschauer bei unserer Sendung von 61 auf 47 gesenkt. Das ist für das SWR schon fast pränatal.“

Seine Kurzfilme der Latenight-Show sind oft Parodien auf die Medien selbst: Der Mann, der an Overvoice und Untertiteln erkrankt ist. CSI Baden Baden, das amerikanische Einheitsbrei-Krimis auf die Schippe genommen hat. Ein Video, in dem er drei Stunden durch Baden-Baden geht und ihn niemand anspricht. Selbtironie und Parodien, Aussage: die Medien soll man besser nicht ernst nehmen.

Alle zwei Wochen werden zwei neue Folgen gedreht. Der Druck, neue Witze, Pointen und Filme zu entwickeln, ist groß. Wenn er keine Ideen hat, redet er einfach fünf Minuten länger mit dem Gast. „Ich würde lieber drei perfekte Sendungen im Jahr machen als 30“, gibt er zu. Er schreibt, dreht und schneidet zum großen Teil selbst. „Ja“, sagt er, „das ist traurig.“ Er meint es nicht so: Pierre scheint die Freiheit zu mögen, die ihm der nicht ganz optimale Sendeplatz lässt, seine ganz eigene Narrenfreiheit.

Manchmal verliert er sich selbst im seinen Witzen: „Was war denn die Frage?“ Er konzentriert sich auf das, war er so gerne tut: unterhalten. Nicht immer auf hohem Niveau, aber die Lacher hat er.

 

Witze mit Nerds

„Ich war zweimal auf einer Esoterikmesse, das war das eine Mal davon. Oder das andere?“ Pierre erzählt Ankedoten aus seinem Leben als Medienmacher. Zum Beispiel von seinem kleinen unteren Chakra, das fotografiert wurde. Von den Agentenmikrofonen, die er anscheinend dabei hatte. „Seitdem darf man dort nicht mehr drehen.“

Auf der CeBIT hat Pierre Computernerds veräppelt. „Ist deine Freundin auch hier?“ fragt er den Computer-Interessierten, und der antwortet: „Ich habe gar keine.“ Noch witzig, auf Kosten anderer? Pierre glaubt, auch der junge Mann fand das lustig.  Darf man andere nicht ernst nehmen, nur weil man sich selbst nicht ganz ernst nimmt? Pierre kommt kurz in Verlegenheit. „Es geht ja nicht um eine Person, sondern um die ganze Messe“, sagt er.

„Wo es immer Ärger gibt, ist, wenn es um Tiere geht“, sagte Pierre und zieht die Debatte wieder in den ungefährlichen Bereich. Verklagt wurde er noch nie: „Nur fast.“

 

Stand-Up im Sitzen

Pierre M. Krause ist ein Energiebündel auf der Bühne, schafft er es, dem Moderator und sich selbst, die Worte im Mund umzudrehen, immer auf der Suche nach der nächsten Pointe. Dabei ist es ihm egal, wenn diese mal daneben gehen: Es ist der Versuch, der zählt. Pierre ist ein Entertainer durch und durch. Die Kekse des Sponsors, Rauchen im gelben Vierecken, das Publikum als zeitweise Kleiderständer: Aus allem macht er eine Show.

Moderator Max Scherer will Stand-Up lernen. Pierre erklärt: „Zuerst musst du die Nachricht erklären. Also: Die CSU will, dass Menschen mit Migrationshintergrund Deutsch lernen müssen. Dann lässt du deine Autoren Witze dazu schreiben: Dass sie selbst kein Deutsch können, wäre zu offensichtlich, also sagst du: Wenn die Bayern ihnen Deutsch beibringen, dann ist das so, als würde Bushido Emanzipation erklären. Übertreibung ist das Stichwort. Und wenn gar nichts mehr geht, dann endest du auf Lothar Matthäus oder Rainer Kalmund.“

Moderator Max darf seine Pointen aber gar nicht beenden, Pierre unterbricht ihn und meint: „Du bist vielleicht eher der Journalistentyp“, und fügt eine Sekunde zu spät hinzu: „Was ein Kompliment ist.“ Max nimmt es gelassen.

 

Pierre und das Land

Pierre kann sich dem journalistischen Anspruch selbst nicht ganz verwehren. In der Serie In Deutschland um die Welt besucht er Menschen aus aller Welt, in Deutschland.  Er beschreibt: „Das ist ein bisschen lustig, aber auch journalistisch.“

Pierre selbst ist nie richtig aus Baden weggekommen. Er kommt aus Karlsruhe. Nach dem Studium in Köln verschlug es ihn zum SWR Baden-Baden. Er sagt: „Ich hatte ja keine Ahnung, was es bedeutet, nach Baden-Baden zu ziehen.“ Reiche Russen und Grablichter, so könnte man die Stadt nach Pierre zusammenfassen – natürlich wieder ein Witz. „Das bietet sich als Grundlage für den einen oder anderen Scherz an“, sagt Pierre, „aber leider haben die Baden-Badener keine Selbstironie.“

Vielleicht zog es ihn deshalb aufs Land hinaus. Sein Buch „Hier kann man gut sitzen. Geschichten aus dem Schwarzwald“ erzählt von dem ruhigen, beschaulichen Leben auf dem Land irgendwo hinter Baden-Baden. Vielleicht autobiographisch, sicherlich sehr kurzweilig: Sein lässiger Witz erhält sich auch in seinem Roman.

Ach ja, übers Privatleben wurde auch geredet und wir wissen jetzt: Er hat eine Katze.

 

Fast eine Karriere

„Bist du noch ein Hoffnungsträger, oder langsam zu alt dafür?“, fragt Max. Was er eigentlich fragt, ist, wie es um Pierres Karriere steht. 2009 erhielt er den Deutschen Fernsehpreis für die Serie TV Helden (Eine Sendung, die nach zwei Folgen abgesetzt wurde). Danach arbeitete er für die Harald-Schmitd-Show, dem Urgestein deutscher Latenight-Unterhaltung. Nebenher lief seine eigene Latenight-Show. Im Moment entwickelt er neue Konzepte, doch bis jetzt gibt es keine festen Zusagen. Ein Karriereknick? Pierre sagt: „Ist mir egal. Ich habe gar nicht den Ehrgeiz. Ich will machen, was mir Spaß macht, was ich für richtig halte in dem Moment. Ich nehme mir auch heraus, ganz viel nicht zu machen, wenn ich nicht will.“ Kein Karrieremensch ist er also – eine seltene Spezies, im hart umkämpften Medienbetrieb.

„Ich lebe im ganz Kleinen und spiele einen Traum“, sagt Pierre, „Ich kann machen, worauf ich Bock habe, ohne groß kontrolliert zu werden. Ich kann zum Beispiel einfach nach Tübingen fahren, weil ich Lust dazu habe. Auch wenn im Fernsehen vieles nervig ist, kannst du mit guten Leuten Quatsch machen. Du wirst für die Dinge bezahlt, für die du in der Schule vor die Tür geschickt wurdest.“

Vielleicht ist das sein großes Geheimnis: Pierre bleibt anfassbar. Ein großer Entertainer, keine Frage, der aber nicht nach Größerem strebt. Vielleicht sind seine Pointen deshalb so gut: Sie tun nicht weh, bleiben bei sich, streben nicht nach mehr als einem gut unterhaltenen Publikum.

 

Florentin Will kommt zur nächsten Veranstaltung von querfeldein am 12.01.2014. Karten sind wie immer kostenlos, und am Donnerstag davor ab 20 Uhr im Riminguburu zu bekommen.

Fotos: querfeldein, Sanja Döttling

„‚The Voice‘ hat auch nicht mehr Talente als DSDS.“

von Alexander Karl

Deutschland hat gesucht und fand im Jahr 2009 ihn: Daniel Schuhmacher, Jahrgang 1987, gewann die sechste Staffel von ‚Deutschland sucht den Superstar‘. Mit ‚Anything But Love‘ eroberte er die Spitze der deutschen Charts, aktuell arbeitet er an seinem neuen Album, das im Frühsommer 2013 erscheinen soll.

Mit media-bubble.de sprach Daniel Schuhmacher über ‚The Voice‘, die aktuelle DSDS-Staffel und die Bedeutung von Social Media.

Daniel, du hast im Jahr 2009 ‚Deutschland sucht den Superstar‘ gewonnen. Wie sehr nervt dich die Frage von Journalisten, ob du ein Superstar bist?

Ich habe zwar DSDS gewonnen, aber das heißt nicht, dass ich ein Superstar bin. Das ist einfach der Titel der Show. Kein DSDS-Gewinner ist so weltberühmt wie Madonna oder Justin Timberlake. Aber durch den Sieg konnte ich in der Musikbranche Fuß fassen, Musik machen und mit coolen Leuten zusammen arbeiten.

Aktuell läuft die 10. Staffel, aber die Quoten waren auch schon besser. Was ist der Grund für den Abwärtstrend von DSDS?

Es gibt einfach zu viele Castingshows. Der Zuschauer weiß gar nicht mehr, was er anschauen soll. Aber bei DSDS kommt mittlerweile auch die Musik ein wenig zu kurz. Klar, es wird gesungen, aber auch mit Halb-Playback und Effekten auf den Stimmen. Das ist etwas ganz anderes, als mit einer Liveband zu arbeiten wie in unserer Staffel. Es klingt einfach anders, wenn die Musik live gespielt wird und nicht vom Band kommt. Das Eigentliche – das Talent und der Gesang – treten mehr und mehr hinter der Show zurück.

In eurer Staffel wurde auch noch weniger getanzt als heute, oder?

Wenn wir getanzt haben, mussten wir das alleine machen ohne viele Tänzer. Natürlich ist es legitim und auch ganz cool bei Dance-Songs ein paar Tänzer dabei zu haben. Aber manchmal kommt es mir so vor, als würden in jede Performance auf Biegen und Brechen Showelemente und Tänzer eingebaut werden – egal ob das passt oder nicht. Der Fokus sollte wirklich auf den Kandidaten liegen. Ich will die wahre Stimme des Sängers hören und keine extrem bearbeiteten Stimmen mit Echos und so weiter.

Würdest du dann heute – wenn du 2009 nicht DSDS gewonnen hättest – eher bei ‚The Voice‘ mitmachen?

Gute Frage, ich hab keine Ahnung. DSDS ist das Original, es war das erste Format, das nach einem Solo-Act gesucht hat. Alle anderen Formate sind ein bisschen von DSDS abgekupfert. Ich würde mir glaube ich einfach nur überlegen, ob ich zum Original gehe. Denn was mich nervt – unabhängig davon, dass ich es gewonnen hab – ist, dass die Medien DSDS immer als Schmuddelkind darstellen und ‚The Voice‘ oder ‚X Factor‘ in den Himmel loben. ‚The Voice‘ hat auch nicht mehr Talente als DSDS. Schlussendlich ist das alles Fernsehen, die wollen alle gute Quoten, die wollen alle Geld verdienen und die wollen alle erfolgreich sein.

Du warst in der aktuellen Staffel auch zu sehen – du hast im Casting einem Kandidaten gezeigt, wie man ‚Ain’t No Sunshine‘ singt. Wie hat es sich angefühlt, noch mal vor der DSDS-Jury zu stehen?

Eigentlich sollte ich den Kandidaten, die es in den Recall geschafft hatten, ein paar Tipps geben und Fragen beantworten. Und plötzlich hat mich Dieter Bohlen zur Jury gerufen und mich gebeten, den Song vorzusingen. Aber mir hat der Kandidat auch leid getan, ich wollte da ja niemanden bloßstellen oder so. Aber es war auch cool zu zeigen, wer ich heute bin. Ich wurde danach auch ganz, ganz oft gefragt, ob mein spontanes Vorsingen geplant war – es war definitiv nicht geplant.

Du schaust dir die Show ja auch weiterhin an. Wie ist es, das alles noch mal vom Bildschirm aus zu erleben?

Natürlich schaue ich mir DSDS anders an als ein ganz normaler Zuschauer, der keine Ahnung hat, was für ein riesiger Apparat hinter der Show steckt. Ich weiß, wie sich der Kandidat in der Situation fühlt, was da bei den Interviews vielleicht gemacht, irgendwie hingedreht wurde. Die Kandidaten sind noch unerfahren im Umgang mit den Medien, das war ich damals auch. Aber als Redakteur will man Dinge über die Kandidaten herausfinden und kitzelt die Antworten aus ihnen heraus. Da werden die Fragen so gestellt, dass man in die Falle tappt. Aber das ist einfach das TV-Geschäft.

Als Sieger von DSDS hattest und hast du natürlich viele Fans, auch bei Facebook. Letztens hast du Fanfragen in Videos beantwortet und diese online gestellt. Warum nutzt du Social Media so aktiv?

Für mich als Castingshow-Gewinner sind Facebook und Co. die größte Chance, um mein Publikum zu erreichen. Wir DSDS-Sieger und Kandidaten werden nicht im Radio gespielt und auch im TV haben wir es nicht unbedingt leicht. Durch Social Media kann ich meine Fans an meinem Leben und meiner Karriere auch teilhaben lassen.

Gibt es auch Sachen, die für dich zu privat sind, als dass du sie online posten würdest?

Ich war da anfangs, nachdem ich DSDS gewonnen hatte, ziemlich offen und hab da alles beantwortet und oft ziemlich viel Preis gegeben. Ich habe aber gemerkt, dass ich da eine Grenze finden muss, denn sonst ist das Privatleben nicht mehr privat. Über meine Familie, aber auch über meine Freunde poste ich wenig. Ich habe mir das Leben in der Öffentlichkeit ausgesucht, nicht sie. Anfangs haben Leute meine Eltern angerufen, sie oft auch Mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt – das fand ich extrem unverschämt.

Zum Schluss noch dein Tipp zur aktuellen Staffel – wer wird der diesjährige DSDS-Sieger?

Ich drücke Susan die Daumen. Sie ist am besten und singt sicher, auch wenn sie nicht die einzigartigste Stimme der Welt hat. Aber es heißt ja immer, dass bei DSDS keine Mädels gewinnen können… Auch dieses Mal gibt es mit Erwin den typischen Mädchenschwarm, aber bei den Jungs sehe ich gesanglich Ricardo weit vorne.

 

Fotos: J. Andreasson, aufgenommen beim Konzert von Daniel Schuhmacher am 29. November 2012 in der Stadthalle Pfullendorf.

„Medien durchdringen den politischen Alltag“

von Sanja Döttling

Herr Prof. Bernhard Pörksen hat zusammen mit 23 Studenten der Medienwissenschaft das Buch „Die gehetzte Politik“ auf den Markt gebracht. Es stellt in Interviews an Politiker und Journalisten die Frage: Wie funktioniert die Machtverteilung zwischen Politik und Medien?

Ein Interview mit Herr Prof. Pörksen und der Medienwissenschafts-Studentin Ildiko Mannsperger, die im Rahmen dieses Projektes unter anderem Sahra Wagenknecht und Walter Kohl interviewte.

 

media-bubble.de: Das Buch „Die gehetzte Politik“ ist, wie schon einige Bücher davor, in Kooperation mit Studentinnen und Studenten des Studiengangs Medienwissenschaft entstanden. Herr Pörksen, wie beschreiben Sie Ihre Rolle im Entstehungsprozess des Buches?

Pörksen: Ich glaube, dass sich ein solches Projekt nur stemmen lässt, wenn man in ganz verschiedenen Rollen unterwegs ist. Als Organisator, als jemand, der die nötigen Gelder einwirbt und natürlich in der Rolle eines Menschen, der früher einmal als Journalist gearbeitet hat und sich Gedanken darüber macht, wie Journalismus funktioniert. Aber auch in der Rolle eines Menschen, der andere Leute anregt, sie herausfordert, so dass sie in Kontakt kommen mit ihrer eigenen Kraft und ihren Begabungen.

Sie haben das Interviewtraining als „mit bewusster Schärfe inszeniert“ und „gelegentlich sicher sehr hart“ bezeichnet. Ildiko, wie ging es dir dabei?

Ildiko: Es wurde schnell deutlich, dass wir selbst eine gewisse Schärfe entwickeln sollen. Es wurde kein Kuschelkurs gefahren, sondern es wurde von uns erwartet, dass wir uns engagieren. Das war gut: Man lernte seine eigenen Grenzen kennen.

Wo waren deine persönlichen Grenzen?

Ildiko: Es war spannend, aber auch schwierig, sich in ein Feld einzuarbeiten, das man sonst nicht so kennt und das nicht mein Expertengebiet ist. Und es gab ein Interviewmit Walter Kohl in dem das Aufnahmegerät nicht funktioniert hat und ich alles aus dem Gedächtnis rekonstruieren musste. Dann musste ich Walter Kohl anrufen und ihm das gestehen. Das war für mich eine große Überwindung. Aber nun kann ich jedes Telefongespräch führen.

Was hat das Interviewtraining für dich für den Ernstfall gebracht?

Ildiko: Es hat mir geholfen, mich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Du lernst, dass du das Gespräch als Interviewer in der Hand hast und die Fragen stellst. Wenn dann mal eine Gegenfrage kommt, dann lässt du dich nicht mehr verunsichern und bleibst in der Rolle. Auch die angesprochene Schärfe haben wir gelernt, dass man sich auch traut und nicht zu nett, sondern kritisch hinterfragt.

Wenn jetzt ein Kommilitone morgen Angela Merkel interviewen müsste, welchen Tipp würdest du geben?

Ildiko: Ich würde sie nicht als Angela Merkel, sondern als Mensch sehen. Und Ruhe bewahren, das ist das Wichtigste. Und vielleicht nicht so viel zu planen.So war es bei unserem Interview mit Sahra Wagenknecht, die den Interviewtermin mehrmals verschoben hat und dann nur noch die Hälfte der geplanten Zeit für uns hatte.

Wie lief die Themenwahl? „Die gehetzte Politik“ stellt die Beschleunigung der Berichterstattung durchs Internet, die Verknüpfung von Medien und Politik dar.

Pörksen: Es ist das fünfte Projekt dieser Art. Die letzten Bücher haben vergleichbare Themen behandelt. Schlüsselfragen waren: Wie funktioniert die Selbst- und Fremdinszenierung unter den aktuellen Medienbedingungen? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Medien und Prominenz? Wie funktioniert die Logik der Skandalisierung? Bei diesem Projekt lautet die Frage: Wie stellen sich Politiker dar? Wie werden sie von den Medien, getrieben, behandelt, misshandelt? Wenn Sie so wollen, ist das Buch Teil einer Serie, die sich dem Nachdenken über die Macht der Medien widmet.

„Die gehetzte Politik“ ist der Titel des Buches. Gehetzt wird die Politik von den Medien. Sind sie also an allem schuld?

Pörksen: Es wäre schön, wenn es so einfach wäre! Aber in der Tat ist die Frage: Wer regiert eigentlich wen? Wer ist mächtiger, Politik oder Medien? Ich würde sagen: Das ist in der Tendenz entschieden. Medien sind einflussreicher, Medien durchdringen den politischen Alltag in einer derart massiven Weise, dass man sagen kann, die medialen Einflüsse sind an erster Stelle zu setzen.

Können Politiker anders handeln?

Pörksen: Sie sind in jedem Fall aufgerufen, auf ihre eigene Autonomie, Ideen, Konzepte zu bestehen, abseits und jenseits der Medienlogik. Es ist eine Aufgabe von Politik heutzutage, ein Stück Medienverweigerung zu betreiben. Zu registrieren, dass die Zeit, die politische Entscheidungsfindung braucht, eine andere ist als die Zeit der Medien. Die Online-Schlagzeilen online wechseln im Extremfall alle halbe Stunde – das simuliert ein Tempo und eine Hektik von Politik, die es nicht geben kann. Auch der Zwang, dauernd Stellung zu nehmen, verändert Politik massiv.

Ist das ein Teufelskreis?

Pörksen: Man kann es als Teufelskreis und als einen in zweifacher Hinsicht gefährlichen Prozess. Zum einen ist die Beschleunigung zu massiv; sie passt nicht zu der Eigenzeit des Politischen und führt nach meinem Dafürhalten zu einem ständigen inneren Alarmzustand des Politikers. Zum zweiten gibt es auch eine zunehmende Angst vor der Sofort-Skandalisierung in der Politik.

Das führt dann du dem „Politiker-Deutsch“, so dass eigentlich gar nichts mehr gesagt wird.

Pörksen: Dann haben Sie Leute, die eine völlig distanzierte, rundgeschliffene Sprache verwenden, genau.

Gibt es noch eine Heilung für die Politik?

Pörksen: Es gibt da kein Rezept. Sicher ist nötig, dass wir klar machen, wie die aktuelle Mediengesellschaft funktioniert, und nach welchen Inszenierungsmustern gearbeitet wird. Das ist auch das Ziel der Bücher: Sie wollen die Hinterbühne medialer Inszenierung sichtbar machen und deutlich machen, wie ein ein womöglich auch ungesunder Wettlauf um dem nächsten neuen Skandal entsteht. Darüber aufzuklären, ist kein Allheilmittel, aber es ist ein Anfang des Bewusstmachens, wie massiv die Medien in den politischen Prozess eingreifen.

Das ist also das Ziel des Buches?

Pörksen: Ich würde sagen: Es gibt zwei Ziele. Zum einen gilt es, die Selbstaufklärung der Mediengesellschaft voranzutreiben. Zum anderen ist es auch ein Versuch, engagierten Studenten eine journalistische Visitenkarte zu verschaffen, sie vielleicht auch in Situationen zu bringen, die eine Herausforderung darstellen. Sie lernen ein gutes Interview mit jemandem zu führen, den man vielleicht erst wieder interviewt, wenn man Ressortleiter oder Chefredakteur ist. Es ist für mich sehr schön zu sehen, was aus diesen Projekten erwächst. Ich habe inzwischen ein Regal voll mit Büchern, die ehemalige Studierende selbst geschrieben haben – im Anschluss an derartige Seminare.

 

Das Buch „Die gehetzte Politik“ ist seit gestern im Handel erhältlich.

Foto: Copyright, Sanja Döttling

Der Kommunikationszwang

von Alexander Karl

Piepsende Smartphones und aufploppende Facebook-Nachrichten gehören längst zum Alltag eines Digital Natives und auch vieler Digital Immigrants. Sie sind es gewohnt, ihr Leben im Netz darzustellen und dort oftmals auch (weiter)zuleben. Doch zeitweise scheint dieses Leben zu einem Kommunikationszwang zu werden, der uns Dank unserer smarten Telefone überall hin begleiten kann.

Mit „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“ ist nun ein Buch erschienen, das sich genau mit dieser Thematik befasst (siehe Rezension). Die Autorin des Buches, Nina Pauer, Jahrgang 1982, arbeitet als Redakteurin im Feuilleton der ZEIT.

Im Interview mit media-bubble.de spricht die Autorin über Facebook, Offline-Romantik und Wege aus dem Kommunikationszwang.

Frau Pauer, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die neuen Kommunikationsformen immer mehr unser Leben bestimmen. Wie oft am Tag checken Sie Ihre Mails und Ihre Facebook-Seite?

Ehrliche Antwort? Ich habe keine Ahnung – es ist viel zu oft, um es zu zählen.

Haben Sie schon einmal überlegt, Ihren privaten Facebook-Account zu kündigen?

Nein, ehrlich gesagt nie. Aber ich habe sehr oft darüber nachgedacht, wie ich mich von Facebook distanzieren kann, um es gesünder zu nutzen. Zusätzlich zum privaten Account habe ich ja auch noch einen Autorenaccount, also noch eine virtuelle Identität mehr…

Sie kritisieren in Ihrem Buch vor allem, dass man immer und überall erreichbar ist und technische Geräte wie Smartphones fester Bestandteil unseres Lebens sind. Kann man sich gegen diese Entwicklung überhaupt noch wehren, ohne im Job und im Privaten isoliert zu sein oder isoliert zu werden?

Ich bin mir sicher, dass man das kann. Man muss nur wieder den Zustand herstellen, dass wir diese Sphären und Geräte steuern und nicht umgekehrt sie uns. Wir müssen nicht andauernd erreichbar sein, unsere Freunde und Kollegen und Bekannte werden es ganz sicher respektieren, wenn wir unser Verhalten ändern. Wir müssen es uns und ihnen nur antrainieren, indem wir unser Kommunikationsverhalten drosseln.

Denken Sie, dass wir eines Tages genug vom Internet haben und uns wieder auf die Offline-Welt zurückbesinnen?

Nein, ganz sicher nicht. Ich glaube nicht an diese „Offline-Romantik“ à la: Stecker ziehen und dann haben wir unser eigentliches, wahres, wirkliches Leben zurück. Unser Leben passiert ja auch online, wir halten dort Beziehungen am Leben, beginnen oder beenden sie. Mit dem Internet ist es deshalb wie bei der Erfindung des Telefons: es ist einfach ein neues Medium und das wird sich nicht wieder abschaffen lassen. Ich denke auch nicht, dass das erstrebenswert ist. Das Internet ist ja nicht per se böse. Wir sind nur in der Anfangsphase, in der wir noch nicht wirklich mit diesem neuen Medium klar kommen.

Was sind Ihre Tipps, um sich Freiräume aus dem Kommunikationszwang zu schaffen?

Für mich heißt die Lösung „Intervallkommunikation“. Das heißt, Pausen zwischen dem Abrufen von Twitter, Facebook, den Emails einzulegen, das Telefon mal nicht mit zum Einkaufen oder Kaffeetrinken gehen. Solche kleinen Übungen reichen ja schon, um das Gefühl wiederzuerlangen, dass wir die Kontrolle über die Situation haben und nicht andersherum alles auf uns einprescht ohne das wir es steuern können. Und ansonsten: Yoga, Schwimmen gehen, irgendeine Art von Aktivität eben, bei der man nicht mal eben nebenbei noch schnell eine Nachricht schreiben kann.

Rezension: Nina Pauer: „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“

Mit „LG ; -)“ ist Nina Pauer ein unterhaltsames Buch gelungen, in dem sich wohl viele Digital Natives (und Digital Immigrants) wiedererkennen: Ständige Erreichbarkeit ist in vielen Momenten äußerst nützlich und angenehm, hat aber auch seine Schattenseiten. Die Protagonisten des Buches bewegen sich zwischen dem Wunsch nach Kommunikation und gleichzeitiger Ablehnung derselben. So sorgt das Ausbleiben von Nachrichten für Unruhe, das Vorhandensein aber auch für Stress. Nina Pauer gelingt es, den Lesern einen Spiegel vorzuhalten, der schlussendlich klar macht, dass man selbst das Kommunikationsverhalten bestimmt.

Nina Pauer: „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“. S. Fischer Verlag. 240 Seiten. ISBN: 978-3100606303. 14,99 Euro. Erschienen am 26. September 2012

 

Foto: flickr/webtreats (CC BY 2.0); Foto Nina Pauer: Dennis Williamson; Buchcover: S. Fischer Verlag

Making of – So entstand der Kurzfilm „It gets better!“

von David Jetter (Film) Alexander Karl (Text)

Der Kurzfilm „It gets better“ von Student David Jetter kritisiert das Verständnis der Kirche gegenüber Homosexualität. Im Interview mit media-bubble.de sprach er über Veränderungen in der Kirche, die Bedeutung der Medien und die Arbeit am Film.

It gets better! ist ein Kurzfilm, der sich kritisch mit dem christlichen Glauben und Homosexualität auseinander setzt. Steht beides noch immer so im Gegensatz?

Man kann nicht allgemein sagen, dass sich Homosexualität und christlicher Glaube ausschließen. Es gibt mittlerweile viele schwule und lesbische PfarrerInnen, die offen zu ihrer Sexualität stehen. Da hat sich sehr viel getan in den letzten Jahren. Auf der anderen Seite wird Homosexualität von der Kirche immer noch oft verurteilt, vor allem seitens des Vatikans. Auch wird homosexuellen Pfarrern bis heute verwehrt mit ihrem Partner wie andere Pfarrer im Pfarrhaus zu wohnen. Also allgemein hat die Diskriminierung seitens der Kirche zwar abgenommen, aber sie ist immer noch da. Es gibt also meiner Meinung nach zwei Seiten, wenn es um diesen Konflikt geht: Einmal die konservative, diskriminierende Seite und die tolerante Seite, nach welcher Homosexualität und christlicher Glaube durchaus miteinander vereinbar sind. Im Kurzfilm werden diese zwei Seiten durch Magdalena und Hanna verkörpert.

Denkst du, dass Homosexualität in den Medien noch immer zu wenig beachtet wird?

Auch da hat sich meiner Meinung nach in den letzten Jahren viel verändert. Serien wie Queer as Folk und The L-Word sind natürlich Vorreiter, aber auch die deutschen Daily-Soaps ziehen mit gut durchdachten homosexuellen Geschichten nach. Schade ist, dass es kaum Serien gibt, in denen ein Schwuler oder eine Lesbe der Hauptcharakter ist. Oft treten sie nur als klischeehafter Nebencharakter auf. Neben Brokeback Mountain oder Sommersturm setzen sich auch wenige Filme explizit mit dem Thema auseinander. Also insgesamt bietet dieses Thema viel Potenzial für Geschichten und da könnte man medial sicher mehr daraus machen.

Was waren die größten Probleme, die du bei der Arbeit am Film hattest?

Ganz klar die Terminkoordination der Mitwirkenden – ob vor oder hinter der Kamera. Ich hatte ein wahnsinnig tolles Team, aber alle an wenigen Tagen zusammen zu bekommen, war echt schwer. Eine Woche vor Drehbeginn hat mir eine Schauspielerin abgesagt, das strapaziert die Nerven schon. Aber letztendlich hat alles geklappt. Auch die Tatsache, dass ich ja keine Marken platzieren wollte oder keine normale Musik verwenden durfte, war eine Herausforderung.

Trotz dieser Probleme: Könntest du dir vorstellen, weiterhin Kurzfilme zu drehen?

Ja auf jeden Fall! Die nächsten Projekte sind auch schon in Planung. Diese Arbeit macht einfach wahnsinnig viel Spaß und es ist toll den Prozess zu beobachten, also wie sich eine grobe Idee immer weiterentwickelt bis man dann wirklich einen fertigen Film auf dem Bildschirm sieht. Also ich kann nur jedem, der sich für Film und Fernsehen interessiert, empfehlen, sowas selbst auszuprobieren, weil man durch die selbstständige Arbeit sehr viel lernen kann.

Wie man sich auf einen Filmdreh vorbereitet und was alles passieren kann, zeigt David Jetter in seinem Making of zu „It gets better“:

Foto: Saskia Heinzel

Bei Märchen gibt es kein Copy-Paste

von Alexander Karl

Professor Dr. Susanne Marschall ist nicht nur Expertin für Filme und Serien, sondern auch für Mythen und Märchen. Sie selbst ist ein großer Fan von Jean Cocteaus Die Schöne und das Biest. Mit media-bubble.de sprach sie über den Subtext in Märchen, die Rückbesinnung auf die Düsternis und das Frauenbild in Twilight.

media-bubble.de: Frau Marschall, sind Märchen Kinderkram?

Susanne Marschall: Nein, ganz im Gegenteil. Zwar wurden die bekannten Märchen der Gebrüder Grimm überwiegend als Kinderliteratur rezipiert, doch wenn man genauer hinsieht, entdeckt man viele „erwachsene“ Themen und zwar gerade in den bekannten Märchenstoffen. Tod, Einsamkeit, Ausgrenzung und schließlich Sexualität sind wichtige Themen des Märchens.

Wo denn zum Beispiel?

Etwa in Rotkäppchen: Die Begegnung mit dem Wolf wurde häufig als sexuelle Initiation interpretiert. Aber auch das Abschneiden der Ferse bei Aschenputtel kann als pervertierte Form der Sexualität verstanden werden. Viele Märchen sind durch solche Subtexte geprägt. Zum Beispiel das Leitmotiv der Verwandlung – etwa vom Mensch zum Wolf – lässt sich als Metapher für die wilde Seite der menschlichen Existenz verstehen. Symbolisch werden Tiere mit unkontrollierten Trieben in Verbindung gebracht, wobei dies natürlich nur die menschliche Sicht der Dinge ist.

Die Gebrüder Grimm sind in Deutschland die bekanntesten Märchenerzähler, obwohl ihre Werke vom Anfang des 19. Jahrhunderts stammen. Woher kommt das?

Die Sammlung und Bearbeitung von oral tradierten Märchen durch die Gebrüder Grimm im frühen 19. Jahrhundert begründete die wissenschaftliche Märchenkunde. Das war ein immenses Projekt und hat dazu geführt, dass in der Folge ein riesiger Fundus an Stoffen gedruckt zur Verfügung stand. Dazu kamen dann zum Beispiel noch die orientalischen Märchen usw. Es warteten plötzlich so viele Plots auf weitere künstlerische Auseinandersetzungen, dass es wahrscheinlich sehr schwer war und ist, etwas grundsätzlich Neues zu erfinden.

Auch die Gebrüder Grimm haben bekannte Erzählungen adaptiert und teilweise verändert. Begann die Copy-Paste-Kultur dann nicht schon vor dem Internetzeitalter?

Nein, bei Märchen würde ich das nicht Copy-Paste nennen, sondern eine „Arbeit am Märchen“ in Anlehnung an Hans Blumenbergs großartiges Buch „Arbeit am Mythos“. Blumenberg stellt die These auf, dass Menschen Mythen brauchen, um ihre Erfahrungen mit der oft unverständlichen Umwelt zu verarbeiten. Mythen sind für Blumenberg Geschichten mit einem starken narrativen Kern und vielfältigen Variationsmöglichkeiten. Sie sind dazu da, weiter erzählt, verändert und neu gelesen zu werden. Ob man das nun im Buch, auf der Theaterbühne, im Film oder sogar im Comic tut, ist in diesem Kontext erst einmal zweitrangig. Wichtig ist die Offenheit des mythischen bzw. des märchenhaften Textes für das Neue, also auch für die neuen Themen der Gegenwart. Exemplarisch kann man dies am Mythos des Prometheus sehen, der den Menschen erschaffen hat, und an Pygmalion, der sich eine künstliche Frau gebastelt hat. Aus diesen griechischen Sagen gingen romantische Schauergeschichten wie Mary Shelleys Frankenstein und E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann hervor. Das Kino machte den Cyborg, den Maschinenmenschen, zur populären Denkfigur, die sich mit jeder technischen Innovation verbinden lässt.

Gilt das dann auch für Märchen?

Ja, auch Märchen haben einen narrativen Kern. Der Mensch arbeitet an seinen Märchen, um mit den Fragen, die er für sich nicht beantworten kann, fertig zu werden. Er entmachtet sozusagen die Alltagserfahrung, indem er sie in Erzählungen verpackt – und er personalisiert tradierte Stoffe durch Abwandlungen. Auch bei Märchen findet sich diese Dynamik zwischen symbolischen Kern und Variation. Darum sind sie wie die Mythen unsterblich.

Das Düstere gehört zum Märchen

In diesem Jahr erschien der Film Snow White and the Huntsman mit Charlize Theron und Kirsten Stewart, der eine düsterte Version der Geschichte von Schneewittchen erzählt. Ist das ein Beispiel für die Rückbesinnung auf die Ursprünge der Märchen?

Das Düstere gehört zum Märchen und insofern ist das wirklich eine Rückbesinnung. Schneewittchen ist dafür ein gutes Beispiel: Aus Eifersucht auf Schneewittchens Schönheit trachtet die Stiefmutter schon dem kleinen Mädchen nach dem Leben. Das ist eine sehr brutale Geschichte. In der Pädagogik wurde und wird diskutiert, ob Märchen überhaupt für Kinder tauglich sind, weil sie oft so abgründig sind.

Gibt es auch bei Märchen einen idealen Aufbau?

Ja, ein Märchen fängt mit einer Formel an und endet auch so. „Es war einmal … und wenn sie nicht gestorben sind…“ Märchen und Mythen folgen festen Mustern, die vor allem für die mündliche Tradierung wichtig sind: Dramaturgie hilft der Erinnerung. Die Geschichten brauchten den festen Rahmen, damit man sie sich merken konnte. Zum Märchen gehören aber auch Motive wie Verwandlungen oder die Reise der Figuren ins Ungewisse. Überhaupt sind Landschaften wichtig. „Das kalte Herz“ des schwäbischen Romantikers Wilhelm Hauff – er hat übrigens in Tübingen studiert – ist ohne seinen Ort, den Schwarzwald, nicht denkbar. In diesem dunklen, geheimnisvollen Wald können ein Glasmännlein und ein Holländer-Michel ihr Unwesen treiben – das kann man sich gut vorstellen.

Wichtig für Märchen sind auch die Antagonisten. Bei Schneewittchen, aber auch bei Hänsel und Gretel, ist es die böse Stiefmutter. Ist es Zufall, dass es oft Frauen sind?

Es sind ja nicht immer Frauen. Aber die Thematisierung der bösen Stiefmutter spielt mit Sicherheit auch auf früher existierende familiäre Problemfelder an, zu Zeiten, als der Blutsverwandtschaft ein großes Gewicht gegeben wurde. Heute leben wir zum Glück in diesem Sinne freier, unsere Vorstellung von Familie hat sich stark gewandelt. Märchen wurden und werden durch den gesellschaftlichen und kulturellen Wandel geprägt. Darum ist ein Märchenfilm wie der aktuelle Blockbuster Spieglein, Spieglein, bei dem der Inder Tarsem Singh Regie geführt hat, besonders interessant. Das Märchen wird global und stilistisch hybrid.

Das Wiki „TV Tropes“ nennt die Rückbesinnung auf die düsteren Wurzeln „Grimmification“. Wie sieht die Wissenschaft das? Gibt es einen Trend?

Es gibt sicher diesen Trend, aber auch Vorreiter der „Grimmification“. Etwa die Rotkäppchen-Adaption Die Zeit der Wölfe von Neil Jordan aus dem Jahr 1984, der das Märchen als böses Pubertätsdrama inszeniert und fast wie ein Horrorfilm daherkommt. Generell aber lässt sich ein zunehmendes Interesse der Filmemacher an Märchenstoffen beobachten.

Woran liegt das?

Das liegt vielleicht an dem Fantasy-Boom der letzten Jahre, dem keine wirklich großen Würfe in den Dimensionen von Herr der Ringe und Harry Potter mehr gelingen. Von Fantasy zum Märchen ist es dann filmisch oft nur ein Katzensprung, weil viele Filme das in beiden Genres beliebte Spektakel in den Mittelpunkt stellen. Eigentlich unterscheiden sich Fantasy und Märchen nämlich deutlich. Aber Tricks, groteske Masken und opulente Kostüme passen zu beiden. Twilight als hybride romantische Vampirsoap steigert diesen Attraktivitätsgrad des Plots sogar noch durch ein zweites Monster, die Werwölfe. Das ist eine klare Tendenz unseres globalen Mainstream-Films: Aus der vollen Schatztruhe der Märchen und Mythen werden narrative Elemente und Bausteine kunterbunt gemischt und zu einem Mega-Fantasy-Märchen-Event verschmolzen.

Der Reiz an Vampiren: Angst vorm Tod und Sehnsucht vor Unsterblichkeit

Auch im TV wird derzeit gerne mit Übersinnlichem gearbeitet: Vampire Diaries, True Blood oder auch Grimm sind Beispiele dafür. Kommt es bald zu einer Überdosis am Übersinnlichen?

Gefährlich und langweilig wird es dann, wenn die Neubelebung eines Stoffs nicht auf einer originellen Idee beruht. Wenn es nur noch um die Schauwerte fantastischer Welten und nicht mehr um Inhalte geht, sind die Ergebnisse traurig. Ein positives Beispiel ist die Serie True Blood: Die Welt wird von Vampiren bevölkert, die sich zum großen Teil in die menschliche Gemeinschaft integrieren wollen, sie trinken sogar nur noch künstliches Blut. Dennoch werden die Vampire ausgegrenzt und verachtet. True Blood handelt von Rassismus und zieht damit einen Subtext des Vampirmythos ans Licht, der zwar immer schon da war, aber selten so stark betont wurde.

Aber warum interessiert sich der Mensch für Werwölfe oder Vampire? Neigt er dazu, an das Übersinnliche zu glauben?

Eine allgemein gültige Antwort gibt es da wohl nicht. Doch eines sticht hervor. Der Vampirmythos bringt die menschliche Angst vor dem Tod und zugleich die Sehnsucht nach Unsterblichkeit zum Ausdruck. Vor der Unsterblichkeit haben wir aber eigentlich auch alle Angst. Und darum ist die unsterbliche Figur des Vampirs so ambivalent. Einerseits faszinierend, andererseits abschreckend. Seltsam ist, dass diese mythische Horrorgestalt heutzutage ein echter Trendsetter ist.

In Twilight erhalten Vampire ein neues Gewand: Sie glitzern in der Sonne und können Vegetarier werden. Ein gutes Beispiel für die Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten?

Absolut! Die Frage muss aber immer sein: Was wird damit erzählt? Welcher Funktion dient es? Und dort sticht Twilight heraus: Twilight träumt von einer elitären Welt der vampirischen Übermenschen, die schön und makellos sind. Ewige Gewinner, die in die Schule gehen und in jeder Klassenarbeit triumphieren, immer sexy sind und natürlich super cool. Die Filme sind ideologisch äußerst fragwürdig, aber sehr populär.

Twilight zeigt ja auch ein interessantes Frauenbild.

Interessant? Nein, anachronistisch! Aber das ist nichts Neues bei Vampirgeschichten, in denen Frauen meist als passives Opfer inszeniert werden, die von einem männlichen Blutsauger in Besitz genommen werden. Und doch gab es sogar schon im 19. Jahrhundert Gegenentwürfe, zum Beispiel in der Vampirgeschichte Camilla von Sheridan Le Fanu, die ziemlich deutlich von lesbischer Vampirliebe handelt. Um zum Schluss auf das Märchen zurückzukommen: Dessen Heldinnen sind oft wehrhafter als die weiblichen Figuren in den Horrorfilmen. Schneewittchen, Aschenputtel, Rotkäppchen und auch Schneeweißchen und Rosenrot rebellieren – und sind erfolgreich damit.

Foto: Pascal Thiel; flickr/Patty Maher (CC BY-ND 2.0), flickr/drurydrama (Len Radin) (CC BY-NC-SA 2.0)

Bücherliebe trifft Internetaffinität

von Alexander Karl, Sanja Döttling und Pascal Thiel

Köln im Juni 2012: Der Wind fegt entlang des Doms, wo sich media-bubble.de mit dem Gründer der literatur-community.de traf. Wie kommt man mit 16 Jahren auf die Idee, eine Literaturplattform zu gründen? Wie setzt man sich gegen die Konkurrenz ab? Und passen Internet und Bücher zusammen?  media-bubble.de im Gespräch mit Fabian Krott von literatur-community.de.

„Ich habe immer noch Michaels Eheringe.“

von Alexander Karl und Sanja Döttling

Köln, in der Schwulen-Sauna Babylon. Auf der „Queer as Folk“-Convention erinnerten sich die neun Hauptdarsteller an die Serie zurück, die ihr Leben prägte. Einige der Erinnerungen haben wir exklusiv hier zusammengetragen.

 

 

 

Scott Lowell aka Ted

„Vor einem Jahr, als die Planung begann, hätte ich nie gedacht, dass die Convention tatsächlich zu Stande kommen würde. “

„Ich habe mir als Vorbereitung auf die Convention alle fünf Staffeln innerhalb von drei Tagen angesehen. Das geht ganz gut, wenn man die Sexszenen auslässt.“

 

 

Sharon Gless aka Debbie

„Ich fragte Showtime nach der Rolle. Ich wollte sie unbedingt haben.“

„Ich musste meinen Sohn Michael – Hal Sparks – in einer Szene auf den Hinterkopf hauen. Erst habe ich mich nicht getraut, doch dann zeigte mir Hal, wie stark ich zuschlagen kann. Das war der Moment, in dem die Mutter-Sohn-Beziehung für mich, und die Zuschauer, glaubhaft wurde.“

 

 

Peter Paige aka Emmett

„Beim der letzten Casting-Runde war ich sehr aufgeregt und als Konsequenz eine Stunde zu früh am Studio. Selbst die Tore waren noch geschlossen. Ein anderer Schauspieler, Scott Lowell, saß mit mir dort. Nun gibt es bei den letzten Casting-Runden natürlich ein großes Konkurrenzdenken, und ich wollte die Rolle des Emmetts so gerne. Ich fragte Scott also reserviert: „Und, für welche Rolle bist du hier?“ Er antwortete: „Ted,“ Ich atmete auf und wusste, dass wir gute Freunde werden würden.“

 

 

Robert Gant aka Ben

„Es ist komisch, Harris [in der Serie „Hunter“, der Adoptivsohn von Michael und Ben] jetzt als erwachsenen Mann zu sehen. Wir sind sehr stolz auf unseren „Sohn“.“

„Es ist wichtig, dass wir Schwulen und Lesben einen Anstoß gegeben haben, sich zu outen. Es ist wichtig, dass sie sich auf die Wahrheit konzentrieren.“

 

 

Thea Gill aka Lindsay

 

„Ich hatte kein Problem damit, eine Lesbe zu spielen. Ich kannte auch die britische Version und wusste, was auf mich zukommt.“

 

 


Michelle Clunie aka Melanie

„Die Szene, in der Lindsay und Mel heiraten, hat mich sehr berührt. Ich durfte sogar beim Schreiben meines Treueeids helfen.“

„Wir, Thea und ich, hatten am Anfang der Dreharbeiten eine Szene, in der ich an ihrer Brust saugen sollte. Am Abend davor haben wir uns getroffen und haben „geprobt“. Ich habe gefragt, ob alles okay ist, und sie nickte.“

 

 

Randy Harrison aka Justin

„Brian hat sich in der letzten Staffel sehr schnell sehr verändert. Aber ich glaube, dass mein Charakter, Justin, diesen Wandel in fünf Jahren Überzeugungsarbeit erreicht hat. Ich habe dem Wandel auf jeden Fall geglaubt.“

 

 

 

Hal Sparks aka Michael

„Das Tolle an der Serie ist, dass du die Charaktere lieben und respektieren gelernt hat. Wir sind auch oft über die Grenze dessen, was sozial gemütlich ist, herausgegangen. Das hat meiner Meinung nach einen großen Wert.“

„Ich habe noch immer Michaels Eheringe. Es gab einen der passte, und einen, der es nicht tat.“

 

 

 

Fotos: Sanja Döttling