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Filmkritik: Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen

von Sonja Sartor

Als Mélanie Laurent 2012 die Studie „Approaching a state shift in Earth’s biosphere” liest, ist die Schauspielerin geschockt. Die Autoren Anthony Barnosky und Elizabeth Hadly prognostizieren darin den Zusammenbruch der Zivilisation in den nächsten 40 Jahren. Laurent ist zu dem Zeitpunkt schwanger und die Vorhersage nimmt sie so mit, dass sie „den ganzen Tag weint“, sie ist verzweifelt. Soll ihr Kind das Ende des Ökosystems dieses Planeten miterleben? Ist es schon zu spät zu handeln?

Anstatt aufzugeben und sich dem Schicksal zu ergeben, fasst Laurent zusammen mit dem befreundeten Umweltaktivisten Cyril Dion einen Beschluss: Sie werden einen Film drehen. Aber nicht einen Film wie Dutzende davor, der ein Horrorszenario nach dem anderen durchspielt, sondern einen, der zeigt: Die Welt ist voller Lösungen.

Wie man mal kurz die Welt retten kann

Das französische Filmteam um Dion und Laurent beginnt mit seiner Reise um die Welt und das Publikum taucht in das erste Kapitel ein: Die Landwirtschaft. Während die Anbauflächen immer weniger werden, nimmt die Weltbevölkerung stetig zu. Es werden die Fragen aufgeworfen: Welche innovativen Anbaumöglichkeiten in Stadt und Land gibt es? Wie kann man verhindern, dass riesige Agrarkonzerne die Kleinbauern in den Ruin treiben?

Tomorrow 2Den ersten Stopp machen Laurent und Dion im Norden ihres Heimatlandes und entdecken eine Gemüsefarm, die sich dem Zwischenfruchtanbau sowie der Permakultur verschrieben hat. Die Besitzer der Farm, Perrine und Charles Hervé-Gruyer, zeigen stolz ihren unübersichtlichen, aber charmanten Bio-Irrgarten irgendwo im Nirgendwo. Die Pflanzen werden auf begrenztem Raum angepflanzt, das Basilikum wächst unter der Tomate. Pestizide brauchen die Bauern nicht, denn der intensive Geruch des Basilikums hält Ungeziefer von allein fern.

6000 Kilometer Luftlinie entfernt ist das Ausmaß der industriellen sowie landwirtschaftlichen Monokultur nicht zu übersehen. Verlassene Wohnhäuser, leergefegte Kirchen und verfallene Fabrikgelände prägen das Stadtbild vieler Viertel im amerikanischen Detroit. Die Blütezeit der einstigen Autometropole ist vorbei, Firmen wanderten ab, die Zahl der Arbeitslosen stieg und Supermarktketten verschwanden aus der Stadt. Zugang zu gesunder Nahrung? Fehlanzeige. Aber Detroit hat eine kluge Lösung gefunden, mit der die 700.000-Einwohnerstadt die Lebensmittelversorgung seiner Bewohner gewährleisten kann. Das Stichwort heißt „Urban Gardening“. Brachland mitten in der Stadt wird in Gemüsegärten umgewandelt. Arbeitslose finden so eine Beschäftigung und die Detroiter haben Zugang zu lokalen und gesunden Produkten.

Tomorrow3In England finden Laurent und Dion einen Ansatz, der auch in einigen deutschen Städten angewendet wird. In dem kleinen Städtchen Totnes kann man statt in britischen Pfund auch in „Totnes Pound“ zahlen. Die Lokalwährung unterstützt die hiesigen Geschäfte. Laut den Filmemachern könnte auch in Griechenland eine regionale Währung der Schlüssel zum Erfolg sein, da erwirtschaftete Gelder in der heimischen Wirtschaft blieben und nicht in den internationalen Geldkreislauf zurückfließen würden.

Beim Thema Energie beeindruckt Island mit seiner Fortschrittlichkeit. Die Insel profitiert von seinen Geysiren, Vulkanen und heißen Quellen und versorgt mittlerweile 90 Prozent der Haushalte über Wasserdampf mit Wärme. Lösungen über Lösungen – die Welt ist voll davon.

Eine Botschaft, die alle betrifft – nicht nur Ökos

Der 118-minütige Dokumentarfilm, der bereits mit einem César ausgezeichnet wurde, setzt neue Maßstäbe. Er wühlt nicht in den unzähligen Problemen, die der Klimawandel mit sich bringt, sondern liefert konkrete und inspirierende Lösungsansätze. Nicht alle Lösungen hauen den deutschen Zuschauer vom Hocker, darunter das ambitionierte Zero-Waste-Projekt aus San Francisco, bei dem Müll vorbildlich getrennt wird. Dennoch sind solche Projekte ein Hoffnungsschimmer, der zeigt, dass auch anderen Ländern bewusst wird, dass Ressourcen kostbar sind und Wiederverwertung ein notwendiger Schritt ist. Außerdem reibt der Film dem Zuschauer nicht belehrend unter die Nase, was er im Moment alles Schlechtes tut, sondern verbreitet von Beginn an eine positive Grundstimmung. Trotz der ernsten Thematik gibt es immer wieder Momente, in denen man lacht, schmunzelt und staunt.

Besonders angenehm ist, wie sehr sich das Filmteam zurücknimmt. Selten sind die Kameraleute und die beiden Regisseure Dion und Laurent im Bild. Sie betonen damit, was wirklich zählt. Denn „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ lebt vor allem von den Personen, die nicht zuschauen, sondern handeln. Und das mit vollem Einsatz und voller Begeisterung für ihr Projekt. Wenn der französische Geschäftsführer einer Briefumschlagfabrik dem Zuschauer erklärt, wie er und seine Mitarbeiter es schaffen, eine umweltfreundliche und nachhaltige Produktion auf die Beine zu stellen, bei der immer weniger Ressourcen verbraucht und in einen ausgeklügelten Kreislauf eingespeist werden, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Gern hätte man mehr davon.

Mélanie Laurent trifft auf den Punkt, was die interviewten Aktivisten auszeichnet: „Die Personen in unserem Film haben nicht darauf gewartet, bis etwas von oben kommt. Sie handeln, da wo sie können. Punkt.“ Schon während man den Film anschaut, beginnt man sich selbst zu fragen, was man im Alltag anders und besser machen könnte. Sollten wir das Auto nicht öfter mal stehen lassen? Und vielleicht auf dem Markt einkaufen anstatt beim Discounter?  Eines lehrt der Film auf eindrucksvolle Weise: Man muss im Kleinen anfangen, damit man Großes bewegen kann.

Fotos: Tomorrow-derfilm.de


Weitere Artikel dieser Reihe:

Wenn Leid zu Glück wird –  Der Eurovision Song Contest 2016

Die Crème de la Crème des Autorenkinos

Gérard Depardieu: „Es hat sich so ergeben“

Ein bisschen Wein muss sein

Kampf um den Schrottplatz

von Maya Morlock

In seinem Langfilmdebüt „Schrotten“ nimmt sich der Oscar-nominierte Max Zähle (Kurzfilm RAJU) einer ganz eigenen und traditionellen Kultur an: der des Schrottplatzes. Die Zukunft des Hofes steht auf dem Spiel, die Investoren kreisen wie Aasgeier über ihm – außerdem hat Mirko Talhammer einen ganz eigenen Plan; er muss dringend an Geld kommen. Schrotten ist ab dem 5. Mai in den Kinos!

Geflohen

Erster Absatz_Pressefoto_c_PortAuPrincePicturesMirko Talhammer (Lukas Gregorowicz)lebt in einer lieblos eingerichteten Wohnung in der Innenstadt und trägt einen langweiligen Anzug. Er ist davon überzeugt, dass er Karriere gemacht hat und vollkommen zufrieden mit seinem Leben ist. Der alleinstehende Mann ohne Kinder oder einem Haustier ist der Starverkäufer seiner Versicherungsagentur. Leider hat er sich verzockt und soll einen Berg Schulden begleichen, sonst droht ihm der berufliche Ruin. Zwei schmuddelige Männer betreten die Firma und wollen zu Mirko, der sie sofort aus dem Gebäude jagt. Sie stammen vom familiären Schrottplatz und haben schlechte Nachrichten dabei: Mirkos Vater, der Eigentümer des Hofes, ist gestorben. Taub für jegliche Informationen fängt sich Mirko kurzerhand eine Kopfnuss ein, die sich gewaschen hat und geht zu Boden. Gegen seinen Willen wacht er im Truck der Männer auf, der sich auf dem direkten Weg zum Schrottplatz befindet. Egal wie weit man sich von der Familie wegbewegt, sie holt einen immer wieder ein.

Ein heikler Plan

Zweiter Absatz_c_PortAuPrincePicturesFür die Talhammers, die in kleinen Häuschen oder Wohnwägen auf dem Hof leben, ist klar, dass Mirkos kleiner Bruder Letscho (Frederick Lau) den Schrottplatz weiterführen wird. Doch Schrott ist nicht mehr rentabel und das Recyclingunternehmen Wolfgang Kercher macht ein großzügiges Angebot, um den Platz zu erwerben. Das kommt für die Familie gar nicht in Frage, seit Generationen leben sie auf dem Hof. Mirko steckt in der Klemme: Einerseits möchte er einfach nur sein Maklerleben weiterführen und braucht dafür dringend Geld, das ihm sein Teil des Erbes verschaffen würde. Andererseits möchte er seine Familie nicht entwurzeln und findet sogar noch Gefallen an Luzi (Anna Bederke), einer Schweißerin auf dem Hof. Die Talhammers versichern Mirko, ihn auszahlen zu können, trotz der schlecht laufenden Geschäfte. Dieser kommt schlussendlich hinter den hirnrissigen Plan: Talhammers wollen 40 Tonnen Kupfer, einen gesamten Zugwagon, stehlen. Mirko, der als einziger studiert hat, kann nur den Kopf schütteln; die Planung ist vollkommen falsch, Parameter sind unzureichend berechnet und die Naivität der Bewohner sperrt Verbesserungsvorschläge. Der Plan ist zum Scheitern verurteilt und der Hof, samt Mirkos Erbe scheint verloren…

Ganz nett – mehr aber auch nicht

Dritter Absatz_c_PortAuPrincePictures„Schrotten“ ist ein leichtlebiger Film für zwischendurch. Nichts Großes und nichts Atemberaubendes – aber unterhaltsam. Der Kulturcrash innerhalb einer Familie ist gut inszeniert. Während Mirko dem heutigen Arbeiter und Karrieretyp entspricht, kommen die Talhammers etwas einfältig und minderintelligent daher. Es ist bei ihnen schon eine Leistung, einen Schulabschluss vorweisen zu können. Bei ihnen herrschen noch die Gesetze der Starken. Zwar entwickeln sich die Charaktere innerhalb des Filmes, doch den Stempel der „Hinterwäldler“ bekommen sie nicht los. Das riskante Spiel mit Vorurteilen glückt nicht, da Menschen aus Dörfern und Provinzen als „dumm“ dargestellt werden und nur mit der Hilfe Studierter Ziele, die außerhalb ihres Kenntnisgebietes liegen, bewältigen können. Wenn man diesen Aspekt nicht allzu ernst nimmt, macht das westernartige Schauspiel Spaß und ist ideal für einen Fernsehfilm.

Fotos: © Port Au Prince Pictures

CINELATINO – Wo, wenn nicht im Schwabenland?

Von Valerie Heck

Foto: Alexander Gonschior

Bei der Eröffnung des CINELATINO 2016 am 13. April begrüßten nicht nur die Festivalleitung, bestehend aus Paulo de Carvalho, Kathrin Frenz und Pola Hahn, die zahlreichen Besucher, sondern auch der mexikanische Konsul Dr. Horacio Aarón Saavedra Archundia. Er erzählte, dass er vom Präsidenten Enrique Peña Nieto bei dessen Staatsbesuch in Hamburg den Auftrag bekommen habe, einen Ort zu finden, wo die mexikanisch-deutsche Beziehung gestärkt werden konnte. Wo, wenn nicht im Schwabenland war die Antwort von Dr. Saavedra Archundia und so besuchte er das nun schon zum 23. Mal als CineLatino und zum 13. Mal als CineEspañol stattfindende Festival in Tübingen.

Mexiko zu Gast in Tübingen

Alex Gonschior 2Und tatsächlich stellte sich das Festival, das neben Tübingen auch in Stuttgart, Freiburg und Rottenburg zahlreiche Besucher anlockte, als sehr guter Ort für die Entwicklung einer Freundschaft zwischen der deutschen und der mexikanischen Kultur heraus, denn in diesem Jahr bildete Mexiko den Länderschwerpunkt. Nachdem bereits das dritte Mal in Folge der mexikanische Regisseur Alejandro G. Iñarritu einen Oscar gewann, wurde es Zeit, dass in Deutschland auch andere mexikanische Filmtalente in den Fokus rückten. Einer von ihnen ist der Regisseur Fernando Eimbcke, der mit seinem Film „Club sándwich“ das Festival besuchte und die Sources of Inspiration Lecture im Rahmen des Sources 2 Script Development Workshops hielt. Auch Cutter Omar Guzmán Castro alias Julia Pastrana kam extra aus Mexiko zu Besuch, um den Film „Navajazo“ vorzustellen. Dieser handelt von Prostituierten, Drogendealern und einem Pornofilmregisseur, die an der Grenze zu den USA ums Überleben kämpfen. Das Besondere an dem Film: Er zeigt das echte Leben von Menschen in Tijuana zwischen Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit und Sexualität – schonungslos und brutal. Ein weiterer mexikanischer Film füllte nicht zuletzt wegen der Anwesenheit der Regisseurin Tatiana Huezo den Tübinger Kinosaal am Dienstagabend, den 19.04. In „Tempestad“ wird in beeindruckenden Bildern das Schicksal der „Pagadores“, die unschuldig des Menschenhandels beschuldigt wurden, beleuchtet.

Von Spanien bis Ecuador

Das diesjährige Festival zeichnete sich neben einem herausragendem Rahmenprogramm mit Open Festival Space in der Tübinger Innenstadt, einer Hommage an Frida Kahlo im Club Voltaire und der Vernissage zur Ausstellung „Streetart Colombia“ im Blauen Salon vor allen Dingen durch seine zahlreichen Gäste aus. Neben den bereits erwähnten mexikanischen Filmemachern waren zehn weitere Regisseure, Cutter, Produzenten und Experten aus dem spanischsprachigen Raum von Madrid bis Ecuador zu Besuch und bereicherten das Festival mit interessanten Publikumsgesprächen und guter Stimmung

Foto: Alexander Gonschior

Aus Spanien war unter anderem Regisseur Zoe Berriatúa mit dem Film „Los heróes del mal“ zu Gast. Beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Filmvorführung ließ es sich der Spanier nicht nehmen, die spanische Filmförderung, die mit Bestechungen Zensur betreibe, zu kritisieren. Laut Berriatúa werden dort nur Filme unterstützt, die positiv ausgehen – eine Vorgabe, die er mit seinen Filmen nicht einhalten mag. Doch mit Álex de la Iglesia als Produzenten am Bord konnte er, nachdem er zehn Jahre am Drehbuch saß und kein Geld bekam, den Film doch noch verwirklichen. Ergebnis ist ein Film, der zum Nachdenken über den Ursprung von Gewalt anregt. Vom Sohn des Oscarpreisträgers Fernando Trueba wurde der Film „Los exiliados románticos“ gezeigt. Fast ohne Drehbuch gedreht, zeigt er besonders authentisch und realitätsnah, wie sich drei Freunde mit einem Bulli von Madrid auf den Weg nach Paris machen und dabei die ein oder andere romantische Begegnung haben. Der Festivalgast Ángel Santos stellte sein Werk „Las altas presiones“ vor – ein Film über verpasste Chancen und die lähmende Angst, vermeintlich falsche Schritte zu tun.

Beendet wurde das Festival am Mittwochabend, 20.04., mit dem spanischen Film „El apóstata“ von Federico Veiroj. Hauptdarsteller und Drehbuchautor Álvaro Ogalla war anwesend, um von den Dreharbeiten des Films, der sich um den Atheisten Gonzalo dreht, der mit Mitte dreißig noch keine großen Erfolge in seinem Leben verbuchen kann und beschließt mit dem Austritt aus der katholischen Kirche etwas zu ändern, zu berichten. Ein angemessener Abschluss für eine solch erfolgreiche und aufschlussreiche Festivalwoche.

Fotos: Alexander Gonschior

Die Dystopie in den Medien: eine Schlussbetrachtung

Von Antje Günther

Auch wenn das Thema der Dystopie noch viele andere Facetten aufweist, so ist es nun an der Zeit Lebewohl zu sagen. Die wichtigsten Erkenntnisse dieser Reihe werden hier noch einmal zusammengefasst und bilden den Abschluss dieses Ausflugs in die Welt der Dystopie.

Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten: Die Genregeschichte

Artikel 11 (1)Im Verlauf der verschiedenen Artikel dieser Reihe wurden die unterschiedlichsten Facetten der Dystopie beleuchtet. Angefangen mit der grundlegenden Frage nach der Definition des Genres wurde die Dystopie zunächst von den verwandten Genres der Utopie und Anti-Utopie abgegrenzt und ihre zentralen Merkmale vorgestellt. Dabei stand insbesondere der Kampf des Einzelnen gegen das Regime und die Verbindung von System- und Gegennarrativ im Mittelpunkt. Darüber hinaus wurde in den ersten Artikeln die Genregeschichte der Dystopie behandelt. Obwohl noch ein recht junges Genre, so hat die Dystopie doch einige Veränderungen durchgemacht: Von Orwells 1984 bis hin zu aktuellen Young Adult Dystopien wurde ihre Entwicklung nachgezeichnet und die jeweiligen Themen und Formveränderungen diskutiert. Standen beispielsweise in den 30er Jahren vor allem Sozialismus und Technophobie im Mittelpunkt der Werke, so dominieren heute das „coming-of-age“ Narrativ und der Romantik-Subplot das Genre. Im Anschluss an diese Betrachtung der Genregeschichte, die insbesondere die Unterschiede zwischen den Epochen betonte, zeigte Artikel sechs, wie stark sich die Ausführungen der Dystopie dennoch ähnelten. Es konnten sechs Machtwerkzeuge identifiziert werden, die sich in vielen Werken widerfanden, darunter beispielsweise die Kontrolle von Sprache und Erinnerung oder die Abschottung des Territoriums nach außen.

Gesellschaftskritik und die Dystopie im Film

Der siebte Artikel dieser Reihe widmete sich dagegen dem kontroversen Thema, ob die Young Adult Dystopie überhaupt noch dem gesellschaftskritischen Anspruch des Genres entspricht. An ausgewählten Szenen des Filmes Divergent wurde aufgezeigt, dass auch die Young Adult Dystopie noch kritische Elemente enthält, auch wenn anderen Aspekten in der öffentlichen Diskussion um die Young Adult Dystopie mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dieser Artikel bildete auch die Überleitung in die Welt des Films, wo die Dystopie ebenfalls prominent vertreten ist. Einige Höhepunkte des dystopischen Films wurden in den Artikeln acht und neun vorgestellt, darunter Science-Fiction Klassiker wie Metropolis und Blade Runner, aber auch neuere Werke wie Alfonso Cuaróns Children of Men (2006).

Der Boom der Dystopie

Artikel 11 (2)Nach diesem Ausflug in die Filmwelt kehrte der zehnte und letzte Artikel der Reihe zum literarischen Genre der Dystopie zurück und stellte die Frage, warum gerade heute die Dystopie unsere Bücherregale und Kinosäle wieder so sehr füllt. In Verbindung mit der Theorie der „Culture of Fear“ und dem crossover Phänomen in der Literatur wurde versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben und auch zu zeigen, warum es gerade die Young Adult Dystopie ist, die heute so boomt. Aufgrund ihres so wandelbaren Erscheinungsbildes kann sich die Dystopie immer wieder den aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen und so ist zu vermuten, dass sie nicht nur heute, sondern auch in Zukunft ein wichtiges und interessantes Genre in Literatur und Film darstellen wird. Ihre Wandelbarkeit macht sie auch zu einem spannenden Untersuchungsobjekt in den Wissenschaften; insbesondere die Utopian/Dystopian Studies in der englischsprachigen Literatur- aber auch Kulturwissenschaft widmen sich ihr im Detail. Diese Reihe vermochte nur einen kurzen Einblick in dieses Feld zu geben und einzelne Ansätze aufzuzeigen, hat es aber hoffentlich dennoch geschafft, das Interesse an der (wissenschaftlichen) Untersuchung von Genreliteratur und insbesondere der Dystopie ein wenig zu wecken. Sie bietet ein abwechslungsreiches Forschungsfeld, welches sich weiter zu entdecken lohnt.

Fotos: flickr.com/Craig Duffy (CC BY-NC 2.0), flickr.com/Patrick Hoesly (CC BY 2.0), flickr.com/Roey Ahram (CC BY-NC-ND 2.0)


Alle Artikel dieser Reihe:

Wie man mit sechs Werkzeugen eine dystopische Gesellschaft erschafft

Pubertätsnöte und Regimekämpfe – Die Teenager erobern die Dystopie

Der Silberstreif am Horizont: Die kritische Dystopie

Das große Lied vom Scheitern

Von Unterdrückung und Gedankenkontrolle – Das Genre Dystopie

Big Brother is still watching you – Dystopie in den Medien

Die Young Adult Dystopie – nur noch Kitsch?

Die Dystopie auf der Leinwand (1)

Die Dystopie auf der Leinwand (2)

Der Reiz der Dystopie

Filmtipp: Das Tagebuch der Anne Frank

Von Maya Morlock

Hans Steinbichler (Regie) und Fred Breinersdorfer (Drehbuch) wagen sich an eine deutsche Verfilmung des Tagebuchs von der Jüdin Anne Frank. Durch die Veröffentlichung ihres Tagebuchs nach dem Krieg durch ihren Vater Otto (im Original: „Het Achterhuis“ – zu Deutsch „Das Hinterhaus“) wird Anne zu einem Symbol der Opfer des Holocausts. Die eindrucksvolle Geschichte der wohl berühmtesten Zeitzeugin erstaunt auch noch im Jahre 2015. Ab dem 3. März ist die hervorragende deutsche Produktion im Kino zu bewundern.

Samstag, 15. Juli 1944

Bild_057-0385„Das ist das Schwierige in dieser Zeit: Ideale, Träume, schöne Erwartungen kommen nicht auf, oder sie werden von der grauenhaften Wirklichkeit getroffen und vollständig zerstört. Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube.

Es ist mir nun mal unmöglich, alles auf der Basis von Tod, Elend und Verwirrung aufzubauen. Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden.

Inzwischen muss ich meine Vorstellungen hochhalten, in den Zeiten, die kommen, sind die vielleicht doch noch auszuführen!“, schrieb Anne Frank 20 Tage bevor sie und die anderen Bewohner des Hinterhauses verraten und verhaftet wurden. Ende Februar/Anfang März 1945 stirbt sie an einer Krankheit im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Das Hinterhaus

Die jüdiBild_060-5304sche Familie flieht von Frankfurt nach Amsterdam, um dem Nationalsozialismus zu entkommen. Die jüngste Tochter Annelise Marie, genannt „Anne“, (Lea Van Acken) bekommt zu ihrem 13. Geburtstag ein Notizbuch geschenkt, welches sie in den folgenden zwei Jahren als Tagebuch nutzt. Denn nur kurz nach ihrem Ehrentag bricht auch in den Niederlanden Alarmstufe rot für alle Juden aus – es heißt fliehen oder einen sicheren Unterschlupf finden. Annes vorausschauender Vater (Ulrich Noethen) hat schon vor Wochen damit begonnen eine etwa 50 Quadratmeter große Wohnung in der Prinsengracht 263 (Haus seiner Firma) zu möblieren und den Eingang hinter einem großen Bücherregal zu verstecken. Dort leben die Franks (Anne, ihre große Schwester Margot, die Mutter Edith und der Vater Otto) mit einer weiteren jüdischen Familie (Peter, Petronella und Hans Van Daan) und dem einsamen Doktor Fritz Pfeffer über zwei Jahre auf engstem Raum. Die Wohnung dürfen sie nicht verlassen und die Fenster müssen stets geschlossen bleiben. Zwischen Bombenangriffen und misstrauischen Arbeitern, die hin und wieder meinen Geräusche gehört zu haben, leben die Bewohner des Hinterhauses in ständiger Angst. Doch auch ein Alltagsleben mit Streit, Trauer, Liebe und der großen Hoffnung auf das Kriegsende sind ständige Wegbegleiter.

Kitty – die beste Freundin

Bild_039-6196In dieser Zeit ist das Tagebuch Annes beste Freundin. Das eher in sich gekehrte Mädchen personifiziert es und fängt an Briefe an die „neue beste Freundin und engste Vertraute“ Kitty zu schreiben, in denen sie sich völlig öffnen kann. Dem Tagebuch (Kitty) vertraut sie ihre intimsten Gedanken, ihre scharfsinnigen Beobachtungen der Hausbewohner, ihre erschütterte Beziehung zu ihrer Mutter und ihre Träume für die Zukunft an. Schriftstellerin möchte sie werden – eine berühmte Schriftstellerin!

Unvergänglich – unvergessen

Bild_152-1022Dieser Film erzählt nichts Neues – das muss er aber auch nicht! Es gibt Lieder und Geschichten, die unvergänglich sind, die den Nerv der Zeit immer zu treffen scheinen. Die Persönlichkeit der Anne Frank, die durch die historische Überlieferung ihres Tagebuches weiterlebt, ist wohl ein Paradebeispiel. Auch wenn speziell diese Geschichte nicht neu ist, so spiegelt sie den allgegenwärtigen Fremdenhass wieder, der sich derzeit auch in unserer Generation verbreitet. Nun mag wohl so mancher genervt die Augenbrauchen Richtung decke ziehen und laut stöhnen: „Schön, ein weiterer Film, bei dem alle Welt mit erhobenem Finger auf den bösen, bösen Deutschen zeigt, so langsam ist aber auch mal gut! Diesen Zweiflern sei zu sagen, dass es dieser Film durch eine authentische Art schafft, ganz nah am Geschehen und an der Gedankenwelt der Anne Frank zu sein. Diese ist, wohl gemerkt trotz der Verbrechen der Nazis nicht voll mit Hass. Diese zwei Stunden sollen nicht verurteilen, vielmehr ist man daran interessiert das Leben im Hinterhaus zu rekonstruieren, den Zuschauer nah an der Situation, aber auch am klugen Geist eines jungen Mädchens, sein zu lassen. Die nachgebildete Wohnung samt der ganzen Utensilien aus dieser Zeit, die enge Anlehnung an die Buchvorlage, die Kleidung und Maske der Schauspieler und die überwältigend passende Musik tragen dazu bei, dass dieses Ziel geglückt ist.

Lea Van Acken

Bild_052-2822Merkt euch diesen Namen! – Lea Van Acken! Zunächst etwas verwirrt erkennt man nicht allzu viele Ähnlichkeiten zwischen ihr und der wahrhaftigen Anne Frank. Doch zu einem Großteil ist es ihre schauspielerische Darbietung, die diesem Film einen neuen Glanz verleiht. Die Wandlung vom unbeschwerten Kind, bis hin zu einer jungen Frau, die durch das tagtägliche Leid viel zu schnell erwachsen werden musste, bekommt Van Acken vortrefflich hin. Wenn sie lacht, so scheint sie tatsächlich unbeschwert, und wenn sie weint, dann kullern echt Tränen. Eine kindliche Stimme aus dem Off, die Tagbucheinträge vorliest, die tiefsinnig und voller Lebenserfahrung sind. Zeilen voller Beobachtungen aus ihrem mittlerweile kleinen Umfeld und Worte der Hoffnung. Und zuletzt ein markdurchdringender Blick des Gebrochen-Seins – die Gewissheit verloren zu haben. Zutiefst beeindruckt von der Leistung der gerade erst 16-jährigen Jungschauspielerin ziehe ich meinen Hut vor Lea Van Acken!

Fazit

Ohne Ausnahme ist dieser Film ein Muss. Fröhlichkeit, Anspruch, beste szenische Techniken, Ernsthaftigkeit. Ein Stoff, der einen ein paar Tage nicht mehr loslässt, da man der Anne Frank näher ist als zuvor. Ein imposantes Werk, das die Balance zwischen der Bewunderung und Wut über den Nationalsozialismus hält. Das tragische Ende ist nicht zu leugnen und ihr Gedenken macht die Verbrechen der Massenvernichtung keineswegs besser – es ist eine warnende Instanz, sowie das Festhalten an etwas Gutes. Nach dem Motto: „Es ist schön, eine solch kluges und tapferes Mädchen gekannt zu haben“.

„Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube“, schrieb Anne kurz vor ihrer Verhaftung. Wenn eine junge Frau, der so viel Leid angetan wurde das kann, so sollte so manch anderer tief in sich gehen und darüber nachdenken, ob er das nicht auch kann!

Fotos: © 2015 Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions

And the Oscar goes to…

Es ist nun schon Tradition, dass unsere Redakteure ihre Oscar-Favoriten präsentieren. Auch dieses Jahr waren Jasmin und Marius bereit sich dieser Aufgabe zu stellen und ihre Tipps abzugeben.

Wie immer gilt: Wer am häufigsten danebenliegt, muss zur Strafe den schlechtesten Film 2015 anschauen. Diese Wahl überlassen wir wieder dem Komitee der Goldenen Himbeere. Diese ernennen traditionell am Vorabend der Oscars ihre Favoriten in schlechtester Leistung.

Jasmin M. Gerst Marius Lang

Favorit

© 2015 Twentieth Century Fox

© 2015 Twentieth Century Fox

Der diesjährige Favorit ist keine Überraschung. Mit zwölf Nominierungen steht THE REVENANT von Alejandro G. Iñárritu ganz oben auf der Liste, dicht gefolgt von Mad Max mit zehn und DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY mit sieben Nominierungen. Ich war unter anderem noch von Spotlight richtig begeistert, der sich mit dem leider immer noch aktuellen Thema des Kindesmissbrauchs unter katholischen Priestern auseinandersetzt – ein sehr ehrlicher und bewegender Film.

Dennoch wird THE REVENANT der große Abräumer des Abends werden: Sowohl bei den Golden Globes als auch beim British Academy Film Award konnte er viele Nominierungen in Auszeichnungen verwandeln.

 Puffer

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© 2016 Warner Bros. Entertainment Inc.

© 2016 Warner Bros. Entertainment Inc.

Nachdem Alejandro González Iñárritu bereits im letzten Jahr groß abräumen konnte, und unter anderem die Preise als bester Regisseur und für den besten Film mit nach Hause genommen hat, gilt sein neuer Film THE REVENANT auch in diesem Jahr und mit 13 Nominierungen als einer der großen Favoriten des Abends. Der packende Rachewestern im verschneiten Ödland überzeugt durch starke Darstellungen und fantastische Bilder. Dicht auf den Fersen sind ihm Ridley Scotts erster guter Film seit Jahren, THE MARTIAN und mein persönlicher Favorit des Abends und meines Erachtens nach der beste Film des Jahres, MAD MAX: FURY ROAD, mit jeweils sieben, respektive zehn Nominierungen. Beides Sci-Fi-Filme mit verschiedenen Herangehensweisen, einmal als optimistischer Weltraumeroberungsfilm und einmal als grelle Postapokalypse. Alle drei Filme können sich gute Aussichten auf die technischen wie auch die ganz großen Kategorien machen.

Generell sind fast alle Filme, die nominiert sind, nicht zu verachten. gerade in der wichtigsten Kategorie könnte es doch noch eine Überraschung geben, wenn beispielsweise THE BIG SHORT oder SPOTLIGHT die begehrteste STATUE abholen. Ich meinerseits drücke MAD MAX die Daumen etwas fester als den anderen Filmen.

 

Verlierer

© 2015 20th Century of Fox

© 2015 20th Century of Fox

Wie auch schon letztes Jahr sind unter den nominierten Schauspielern nur Weiße und unter den Regisseuren keine Frau. Aus diesen Gründen musste die Academy erneut viel Kritik bereits nach der Bekanntgabe der Nominierungen einstecken.

Es dürfte also spannend werden, da deshalb einige Prominente den Oscars fernbleiben wollen. Darunter zum Beispiel Will Smith, der mit seinem Film ERSCHÜTTERNDE WAHRHEIT nicht ein einziges Mal nominiert wurde. Haben sie vielleicht deshalb Chris Rock mit der Moderation beauftragt?

Und nun zum Wesentlichen: Mit ganzen zehn Nominierungen startet der Actionfilm MAD MAX: FURY ROAD von George Miller. Für mich ein paar Nominierungen zu viel, SPOTLIGHT oder ROOM hätten dafür ein paar mehr verdient. Für MAD MAX: FURY ROAD, aber auch für DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY wird es schwer werden, da die Konkurrenz meines Erachtens einfach zu groß ist.

 

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© Universal Pictures

© Universal Pictures

Alle Jahre wieder und bereits im Vorjahr kritisiert ist der große Verlierer leider erneut die Diversität in den nominierten Filmen. Großartige Filme, die eine deutlich diverseres Team hatten, wie etwa der brillante BEASTS OF NO NATION sind gar nicht oder nur in geringerem Maße nominiert. Unter den Schauspielern und Regisseuren ist nicht ein einziger Schwarzer und in letzterem Fall auch keine Frau zu finden. Die Sache ist symptomatisch für die Academy, die zum Großteil aus alten, weißen Männern besteht. Viele afroamerikanische Gäste wollen nun die Verleihung boykottieren.

Wirklich schräg ist allerdings, dass einige große, afroamerikanische Filme des Jahres zwar nominiert sind, aber nur in den Kategorien in denen die Preisträger dann weiß wären. CREED, ein Meisterwerk schaffte es tatsächlich nur eine Nominierung zu erhalten, für Sylvester Stallone, als Nebendarsteller und die beiden nominierten Drehbuchautoren von STRAIGHT OUTTA COMPTON sind, Überraschung, auch weiß.

Ungeachtet dieses schweren Fauxpas der Academy werden wohl auch einige der großen Filme des letzten Jahres leer ausgehen. THE DANISH GIRL hat zwar ein wichtiges Thema, geht daran jedoch wieder auf völlig klischeehafte Weise heran und ist auch sonst kein guter Film. Verdientermaßen wird es hier keine Preise geben. Auch BRIDGE OF SPIES, Stephen Spielbergs Spionagethriller, macht sich Hoffnungen auf die großen Kategorien, wird dabei jedoch wohl auch leer ausgehen.

 

Missachtet

Mir blutet das Herz, wenn ich die wenigen Nominierungen bei CAROL (6) oder THE DANISH GIRL (4) sehe. Beide Filme sind wirklich genial: schauspielerische Leistung, Kamera, Kostüme und Szenenbild. Für die so prüde Academy ein bisschen zu viel Sexualität auf einmal, wie es mir scheint. Dennoch sehr sehenswerte Filme mit ausgezeichneten Schauspielern. Diese Entscheidung der Academy wirft zudem kein besseres Licht auf die kommende Verleihung.

 

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Ganz klar, einer meiner liebsten Filme des Jahres, CREED, wurde völlig missachtet, mit Ausnahme von Stallone als bestem Nebendarsteller gab es keine Nominierungen und in den wichtigen Kategorien hätte er fast immer eine verdient gehabt. Ryan Coogler hätte durchaus als bester Regisseur neben den anderen genannt werden müssen und Michael B. Jordan wäre meines Erachtens die einzige ernstzunehmende Konkurrenz im Feld des besten Darstellers gewesen. Auch der Harte Thriller SICARIO hätte seinen Platz in den großen Kategorien verdient gehabt und auch Schauspieler Idris Elba hätte für seine gewaltige Darstellung in BEASTS OF NO NATION eigentlich in einer der Darsteller-Kategorien Beachtung finden müssen.

Bester Film

THE REVENANT räumte schon bei den bisherigen Verleihungen ordentlich ab und das auch verdient. Großartiger und mitreißender Film, der nicht nur die Nominierung sondern auch den Oscar verdient hat. Nicht nur visuell überragend, sondern auch überzeugend gespielt – für mich ein gelungenes Westen-Drama!

Hoch im Kurs stehen bei mir außerdem noch ROOM und SPOTLIGHT – die beide sehr aktuelle Themen behandeln und mich in ihren Bann ziehen konnten. Gegen THE REVENANT werden sie sich allerdings nicht durchsetzen können.

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Kurioserweise ist dies die Kategorie, in der man noch am ehesten überrascht werden könnte. Der brutale Western THE REVENANT gilt als die wahrscheinlichste Wahl, doch auch alle anderen Filme haben ihre Anhänger und Chancen. Einzig BROOKLYN scheint, als eher langweilige, zu sichere Alternative ganz aus dem Spiel zu sein. Da fragt es sich eher, warum dieser Film überhaupt in dieser Kategorie zur Debatte steht. Eine Möglichkeit ist, dass sich THE REVENANT und MAD MAX: FURY ROAD die Kategorien als bester Film und beste Regie teilen. Hierbei muss ich allerdings mit meinem Herzen gehen und als besten Film MAD MAX in den Raum stellen, einen der kompromisslosesten und härtesten Filme seit langem. Allerdings würde ich mich auch für die anderen nominierten Filme freuen.

Beste Regie

© 2015 Twentieth Century Fox

© 2015 Twentieth Century Fox

Wow, Alejandro G. Iñárritu haut schon wieder einen Film mit phänomenalen Kritiken raus. Letztes Jahr gewann er vier Oscars mit BIRDMAN und auch dieses Jahr hat der mexikanische Regisseur gute Chancen. Iñárritu überzeugt mit seiner technischen Affinität zur Kamera und hat meiner Meinung nach auch die Academy ein weiteres Mal überzeugt. Er schafft es, dem Zuschauer die Natur in einer Weise zu zeigen, dass man sich wie mittendrin fühlt und mitleidet.

Wie bereits erwähnt ist THE REVENANT visuell einfach nur genial und kaum zu toppen, deshalb auch ein verdienter Oscar an Alejandro G. Iñárritu.

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Flickr.com/Eva Rinaldi (CC BY-SA 2.0)

Flickr.com/Eva Rinaldi (CC BY-SA 2.0)

Auch hier ist das Rennen eng. Adam McKay liefert seine bisher beste Arbeit mit THE BIG SHORT, ein Film über Finanzkrise und einen Haufen unsympathischen Typen, die darin Gewinne machen und auch Lenny Abrahamson konnte mit ROOM eine solide Arbeit einreichen, wenngleich auch eine furchtbar deprimierende. Doch auch hier sind die Favoriten Alejandro González Iñárritu für THE REVENANT und George Miller für MAD MAX: FURY ROAD. Einziger ernsthafter Konkurrent ist hierbei wohl Tom McCarthy, der mit SPOTLIGHT einen der besten Filme des Jahres lieferte, eine packende Geschichte um Journalisten, die tiefgehenden Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche von Boston aufdecken. Auch hier wäre der Preis gegönnt. Doch wie zuvor muss ich auch dieses Mal mit meinem Herzen gehen und fordern, dass George Miller den Oscar mit nach Hause nehmen darf.

Bester Haupt-/Nebendarsteller

© 2016 Twentieth Century Fox Film Corporation

© 2016 Twentieth Century Fox Film Corporation

Obwohl es für Leonardo DiCaprio bereits die vierte Nominierung ist, blieb der Platz für die goldene Trophäe auf seinem Kaminsims bisher leer. Aber mit seinem neusten Film THE REVENANT hat das Warten meiner Meinung nach nun ein Ende. Für diese schauspielerische Leistung muss er ihn einfach bekommen – ich habe ihm mit ihm gelitten und mit ihm gekämpft und diese harte Arbeit sollte endlich mal belohnt werden. Er hat sich mal wieder selbst übertroffen und wieder einmal alles aus sich rausgeholt! Grandios!

Auch Tom Hardy hat einen guten Job in THE REVENANT gemacht, aber für ihn wird es eng werden. Mark Ruffalo (SPOTLIGHT) und Mark Rylance (BRIDGE OF SPIES) kämpfen unter anderem gegen ihn an. Dennoch denke ich, dass Mark Rylance in seiner Rolle in BRIDGE OF SPIES das Rennen machen wird. Dieser war nämlich so gut, dass er Tom Hanks fast die Show gestohlen hat!

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© 2016 Warner Bros. Entertainment Inc.

Die Kategorie des besten Hauptdarstellers ist vermutlich die, die mich am unzufriedensten gestimmt hat, da weder Michael Fassbender noch Eddie Redmayne (der überschätzteste Schauspieler der vergangenen Jahre) hier zu Recht stehen. Stattdessen fehlt vor allem Michael B. Jordan, der in dem fabelhaften Sportdrama CREED so grandios spielte, hier völlig. Wie dem allerdings auch sei, dieses Jahr ist es soweit. Leonardo DiCaprio nimmt seinen Oscar für THE REVENANT nach Hause und verdient diesen auch. In der Rolle des Trappers Hugh Glass lieferte DiCaprio eine der besten Darstellungen seiner Laufbahn ab und der Preis für eine derartige Leistung kann nicht mehr lange warten lassen.

In der Kategorie des besten Nebendarstellers sind auch in diesem Jahr wieder eine Reihe großer Leistungen vertreten. Am meisten stechen jedoch Tom Hardy, wiederum für THE REVENANT, und Sylvester Stallone für seine bislang beste Filmleistung in CREED heraus. Hier tritt Stallone erneut in die Rolle des alten Boxers Rocky Balboa der den Sohn eines alten Freundes trainiert. Eine fantastische Leistung und mein Favorit in dieser Kategorie.

Beste Haupt-/Nebendarstellerin

© Universal Pictures Room

© Universal Pictures Room

Mit ihrer Leistung in ROOM hat Brie Larson viele überrascht. Sie spielt eine junge Mutter, die gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn festgehalten wird und dann versuchen sie zusammen zu fliehen. Die Romanverfilmung basiert auf dem Fall Fritzl, der seine eigene Tochter jahrelang im Keller gefangen hielt. Als Vorbereitung auf ihre Rolle soll sich Larson für einen Monat abgeschottet haben. Für dieses Engagement und ihre überzeugende Leistung ist sie für mich die Siegerin dieser Kategorie.

Bei den weiblichen Nebendarstellerinnen wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Kate Winslet in STEVE JOBS und Alicia Vikander in THE DANISH GIRL werden.

Vikander spielt an der Seite von Eddie Redmayne die Frau des transsexuellen Malers Einar Wegener. Sie zeigt uns die Welt einer starken Frau in den zwanziger Jahren. Jeder der den Film gesehen hat, wird mir zustimmen, dass Alicia Vikander absolut beeindruckt hat – mit einem schauspielerisch hervorragenden und gefühlvollen Drama.

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© Wilson Webb  DCM

© Wilson Webb DCM

Einer meiner liebsten Filme des letzten Jahres, CAROL, handelte von einer Liebe zwischen zwei Frauen. Allerdings nicht auf die klischeehafte „Oh, die sind homosexuell und deswegen ist ihr Leben schwer“-Art, die Hollywood so oft darstellt, sondern ganz normal als gefühlvolle Liebesgeschichte zwischen zwei liebenswerten Menschen, die zufällig beide Frauen sind. Dieser Film hatte zwei Hauptdarstellerinnen. Nur eine davon ist allerdings hier als Hauptdarstellerin nominiert. Cate Blanchett wird diesen Preis auch mit nach Hause nehmen, allerdings hätte auch ihr Gegenpart, gespielt von Rooney Mara in dieser Kategorie nominiert werden sollen. Denn so ist die einzige ernsthafte Konkurrenz für Blanchett Brie Larson, aus ROOM, wo sie eine Mutter spielt, die mit ihrem Kind nach jahrelanger Gefangenschaft endlich in die Freiheit kommt.

Rooney Mara hat es in dieser Kategorie leider schwer, auch wenn ich mich sehr freuen würde, wenn sie hier den Preis gewinnen würde. Doch der Favorit ist ganz klar Jennifer Jason Leigh als die Gefangene Daisy Domergue in THE HATEFUL EIGHT. Leigh spielte sich die Seele aus dem Leib und wird wohl auch dafür ihren Preis erhalten. Erneut ist hier THE DANISH GIRL nominiert, diesmal vertreten durch Alicia Vikander und erneut völlig unverdient. Allerdings wird somit das Feld der Konkurrenz ausgedünnt für Leigh und Mara.

Vorschaubild: flickr.com/lincolnblues (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Dystopie auf der Leinwand (2)

Höhepunkte des dystopischen Films von 1984 bis heute

Von Antje Günther

Bereits im letzten Artikel wurden einige Höhepunkte der dystopischen Filmgeschichte vorgestellt. Diese Liste wird hier nun vervollständigt mit Klassikern wie Radfords Nineteen Eighty-Four (1984) und Terry Gilliams Satire Brazil (1985). Den Abschluss bildet ein Sprung in die 2000er, zu Alfonso Cuaróns Children of Men (2006).

4. Nineteen Eighty-Four (1984)

Artikel 9 (2)Keine Betrachtung der Dystopie kommt um George Orwells Klassiker 1984 herum. So überrascht es wenig, dass das Werk auch mehrfach den Weg auf die große Leinwand fand. Die erste Verfilmung fürs Kino – davor war bereits von der BBC eine Fernsehversion veröffentlicht worden – erschien 1956, stieß jedoch auf große Kritik. Zu groß waren die Freiheiten, die sich Regisseur Michael Anderson im Vergleich zur Romanvorlage herausnahm. Eine originalgetreuere Version fand schließlich im Orwell-Jahr 1984 seinen Weg in die britischen Kinos. Michael Radfords Film kleidet das Grauen des totalitären Staates in eindrucksvolle Bilder, dominiert vom allgegenwärtigen Grau: der Häuser, der Straßen, der Menschen. Er schafft eine düstere, bedrückende Atmosphäre, die Orwells Vision des Großen Bruders nicht nur durch den Plot, sondern auch visuell erzählt. Dabei hält sich Radford eng an die Vorlage und scheut sich nicht, die grimmigen Folterszenen des Buches umzusetzen. Insbesondere die „Rattenszene“, in der Winston schließlich Julia verrät, ist bemerkenswert verfilmt. Es wird deutlich, dass es dabei mehr um den psychischen Terror der Gehirnwäsche geht, als um die körperlichen Schmerzen Winstons. Die Gehirnwäsche ist erfolgreich und so endet der Film ebenso wie das Buch mit Winstons Liebesbekenntnis zum Großen Bruder; mit einem geflüsterten „I love you“ des weinenden Winston.

5. Brazil (1985)

Die 80er Jahre waren ein starkes Jahrzehnt für den dystopischen Film. Neben Blade Runner und Nineteen Eighty-Four kam auch Terry Gilliams Brazil (Foto im Header) 1985 ins Kino. Eigentlich eine Satire über Bürokratie und eine Parodie auf die klassische Dystopie, entfaltet der Film selbst ein dystopisches Szenario, in dem bereits der kleinste Fehler drastische Konsequenzen nach sich ziehen kann. So führt ein kleiner Druckfehler dazu, dass statt des „Terroristen“ Tuttle – der in Wahrheit einfach nur ein Heizungsbauer ist, der sich vor dem Papierkram drückt – der Familienvater Buttle verhaftet, gefoltert und schließlich ermordet wird. Sam Lowry, kleiner Angestellter im Archiv des M.O.I. (Ministry of Information), wird beauftragt, der Witwe Buttles einen Scheck über eine „Informationswiedergutmachungszahlung“ zu überbringen. Dabei trifft er die Frau aus seinen Träumen, in denen er sie als geflügelter Held zu retten versucht. Es handelt sich um Buttles Nachbarin, die Lastwagenfahrerin Jill. Lowry beginnt daraufhin seine verzweifelte Suche nach ihr, wobei er erfährt, dass auch das M.O.I. nach ihr fahndet. Als der Versuch, Jill aus den Unterlagen des Ministeriums zu löschen, fehlschlägt, wird Lowry verhaftet und gefoltert. Es scheint zunächst, als könnte er mit Hilfe von Tuttle entkommen und mit Jill in Frieden leben. Dies stellt sich jedoch als Vision Lowrys heraus, der durch die Folter seinen Verstand verloren hat und sich so den Zwängen des Ministeriums entzieht.

Gilliam erzählt Lowrys Geschichte mit absurd-groteskem Humor und mischt farbenfrohe Traumsequenzen mit den grauen Bildern der Realität. Er erschafft eine Welt, in der Formulare und Quittungen alles sind und die Menschen wortwörtlich hinter dem Papier verschwinden. Als Parodie auf Orwells Nineteen Eighty-Four enthält der Film auch viele Anspielungen auf das Original: eine ähnliche Stellung des Protagonisten, Jill als die neue Julia, und vieles mehr. Aber auch Kleinigkeiten wie das Kommunikationssystem im M.O.I. erinnern an Radfords Verfilmung, die gerade mal ein Jahr zuvor erschien. So handelt es sich bei Brazil zwar um eine Parodie auf eine Dystopie, die einen durchaus zum Lachen bringt, gleichzeitig wird dadurch die Gesellschaftskritik aber nicht geschmälert. Gerade das absurde Bestehen auf Unterschriften oder Formulare in vielen Szenen des Films regt ebenso zum Lachen wie auch zum Nachdenken an. Es ist wohl eine der ungewöhnlichsten Dystopien überhaupt, aber ihr Humor macht sie nicht weniger gesellschaftskritisch.

6. Children of Men (2006)

Artikel 9 (1)Weniger humorvoll geht es in Alfonso Cuaróns Children of Men zu. Der 2006 erschienene Film zeigt eine Welt ohne Kinder, ohne Zukunft. Seit 18 Jahren wurde kein Kind mehr geboren und niemand weiß wieso. Die ganze Welt ist im Chaos versunken, einzig in Großbritannien scheinen noch geordnete Verhältnisse zu herrschen. Doch die Grenzen sind dicht und „Fugees“ werden abgeschoben oder erschossen. Vor diesem Hintergrund erzählt der Film die Geschichte des desillusionierten Regierungsbeamten Theo, der vor Jahren seinen Sohn in einer Grippeepidemie verlor. Er soll Kee, die erste schwangere Frau seit 18 Jahren und selbst „Fugee“, an die Küste Großbritanniens begleiten. Dort soll ein Boot des Human Project, einer Gruppe Wissenschaftler, welche den Ursprung der weltweiten Sterilität erforschen, auf sie warten. Ihren Weg durch Großbritannien, auf dem sie stets Kees Schwangerschaft und später auch ihr Baby geheim halten müssen, inszeniert Cuarón in klaren Bildern voller Durchschlagskraft. Insbesondere Szenen wie der Stopp in einer verlassenen Grundschule oder die Paralyse aller Kämpfenden als Kees Baby schreit, entfalten eine enorme emotionale Wirkung. Auch das kinderlose London oder das Refugeecamp Bexhill zeichnet der Film in kalten Farben und düsterer Klarheit.

Auch wenn der Film nicht weiter auf die Untersachen der weltweiten Sterilität eingeht, so verdient er dennoch einen Platz in dieser Auszählung: Er nutzt das dystopische Szenario zwar nur als Hintergrund, visualisiert es aber dennoch eindrucksvoll und beklemmend. Somit bildet Children of Men einen würdigen Abschluss dieser Liste der Höhepunkte des dystopischen Films.

Einer solchen Zusammenstellung der Höhepunkte ist es natürlich gemein, dass eine Menge Filme nicht besprochen werden können. Wer also noch nicht genug von der filmischen Dystopie hat, kann hier in den Filmen weiterstöbern, die es qualitativ oder einfach aus Platzgründen nicht auf diese Liste geschafft haben.

Fotos: Flickr.com/Movies in LA (CC BY-NC 2.0), Flickr.com/Hans G (CC BY-SA 2.0), Flickr.com/Phil Gyford (CC BY-NC-ND 2.0)


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Die Young Adult Dystopie – nur noch Kitsch?

Die Dystopie auf der Leinwand (1)

Die Young Adult Dystopie – nur noch Kitsch?

Wie der Film Divergent gesellschaftliche Ängste porträtiert

Von Antje Günther

Die Dystopie war in ihrem Kern immer ein kritisches Genre. Mit dem Beginn der 2000er und der Young Adult Dystopie kamen aber neue Themen hinzu: Liebe, Pubertät, Erwachsenwerden, die die Botschaft der Werke doch teilweise überschatten. Es wird mehr darüber diskutiert, ob Katniss doch Gale hätte nehmen sollen, als über die in den Hunger Games enthaltene Medienkritik. Ist die moderne Dystopie endgültig zahnlos geworden?

Sie ist es nicht. Auch wenn anderen Aspekten mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, so ist in den dystopischen Geschichten der Gegenwart doch immer noch der kritische Urimpuls enthalten. Einige Szenen aus dem Film Divergent dienen hier als Beispiel um zu zeigen, wie auch ein scheinbar reiner Unterhaltungsfilm, ausgerichtet vor allem an das junge weibliche Publikum, dennoch gesellschaftliche Ängste porträtiert.

Janine als Terroristin

Artikel 7 (3)Die Angst vor Terroranschlägen ist eine der am weitesten verbreiteten Ängste unserer Zeit, ein Thema, dass der Film durch die Figur Janine aufgreift. Fanatismus ist das rigorose, unduldsame Eintreten für eine Sache oder Idee als Ziel, das kompromisslos durchzusetzen versucht wird[1]. Und nicht anderes macht Janine, wenn sie für ihr Ziel, ein System ohne Divergent, im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Wie ernst es ihr ist, wird klar, als sie Tris und Four kidnappen lässt und ihnen ihre Pläne erklärt. Sie will einen Großteil der Abnegation Faction umbringen, um wie sie sagt, den Frieden wiederherzustellen.[2] Auch Tris wird durch ihre Verletzung für Janines Zwecke unbrauchbar und soll eliminiert werden. Visuell unterstützt wird Janines Fanatismus nicht nur in dieser Szene durch die Schauspielleistung von Kate Winslet: Ihre Mimik ist kalt und überheblich. Die Szene kombiniert die Aktion einer Entführung mit einer fanatischen Rede der Anführerin; ein Szenario, das stark an Terrorakte erinnert.

Technophobia in Divergent

Neben dem Terrorismus wird aber auch die Angst vor Technologie aufgegriffen. Sind es aktuell insbesondere Diskussionen um Big Data und Datenschutz im Internet, so porträtiert Divergent eine andere Art von Technophobia, dargestellt durch das Neuroserum. Hergestellt von der Erudite Faction, welche Wissenschaft und Technik repräsentieren, kontrolliert es das Gehirn der Injizierten und macht sie zu willenlosen Robotern. Janine setzt das Serum ein, um die Dauntless für ihre Zwecke zu nutzen und sie zu Killermaschinen zu machen. Diese Wirkung des Serums zeigt sich, als Tris mitten in der Nacht aufwacht und feststellt, dass alle anderen Dauntless Mitglieder sich sehr mechanisch anziehen.[3] Darunter ist auch ihre Freundin Christina, die sie versucht anzusprechen. Doch deren Gesichtsausdruck ist leer und sie antwortet nicht. So wird für Tris und den Zuschauer klar, dass Christina keine Ahnung hat, was sie tut; sie und alle anderen Dauntless werden durch Technologie kontrolliert. Die bedrohliche Atmosphäre dieser Szene entsteht auch durch die blau-grüne Farbgebung, welche die Haut der Schauspieler grünlich erscheinen lässt, sowie durch die Musik, ein dumpfes Dröhnen. Die Szene spiegelt eindrucksvoll unsere Angst vor dem wissenschaftlichen Fortschritt wider; unsere Angst davor, zu was wir in Zukunft fähig sein werden.

Die Angst der Außenseiter

Sind mit der Angst vor Terrorismus und Technologie aktuelle Bedenken in Divergent vertreten, so repräsentiert die Grundidee von Divergent, das Factionssystem, eine andere, basalere menschliche Angst: die Angst hervorzustechen, nicht dazuzugehören; die Angst der Außenseiter. Diese Angst ist es, die den gesamten Film antreibt und das System stabilisiert, denn die Divergent sind genau diejenigen, die eben nirgendwo im System dazugehören. Genau dieses Gefühl macht Tris Angst, als sie zu Beginn das Factionssystem per voice-over erklärt.[4] Sie will nicht so enden wie die Factionless, die isoliert von der Gesellschaft in Armut leben, sondern eine Faction finden, die ihrer Persönlichkeit entspricht. Sie will dazugehören, weiß aber nicht wo. Ihr Außenseiterstatus wird auch visuell deutlich: Sie rennt lieber den Dauntless hinterher, obwohl sie in Abnegation geboren ist und lässt in ihrer eigenen Faction unglücklich den Kopf hängen. Ihr verbales Geständnis, dass jeder weiß wo er hingehört, nur nicht sie, wird kombiniert mit dem Bild eines einzelnen Turms, der aus den anderen Gebäuden Chicagos hervorsticht. Die Szene repräsentiert die Angst hervorzustechen damit nicht nur auf der Ebene der Narration, durch die generelle Idee des Factionssystems, sondern auch durch die Bilder, die Tris‘ Erklärung des Systems begleiten.

Der Sprung ins Ungewisse

Artikel 7 (1)Eine weitere Angst, die der Film aufgreift, ist die Angst vor der Ungewissheit. Als eine der grundlegendsten menschlichen Ängste, gibt es viele Szenen in Divergent, welche dieses Gefühl porträtieren. Am deutlichsten visualisiert wird diese Angst jedoch durch die Initiation der Dauntless Bewerber.[5] Sie sollen von einem Hausdach in ein dunkles Loch springen, ohne zu erkennen, was sich am Boden befindet. Auch wenn sie wissen, dass die Dauntless ihnen wahrscheinlich nicht schaden werden – sie sind immerhin deren Zukunft – so traut sich doch keiner, als Erstes zu springen. Tris meldet sich freiwillig und springt nach kurzem Zögern vom Dach und damit auch in ihre neue, noch ungewisse Zukunft bei Dauntless. Visuell wird dieser Übergang unterstützt durch die Lichtverhältnisse. Ist zunächst das Loch schwarz und uneinsehbar, wechselt dies, nachdem Tris das Loch passiert hat. Nun ist ihre Umgebung, der Boden des Lochs, zu sehen und sie schaut nach oben, wo der graue Himmel durch das Loch sichtbar ist. Sie springt vom Licht, dem Bekannten, ins Dunkle, in das Unbekannte; vom Grau von Abnegation in das Schwarz von Dauntless. Die Szene zeigt im wahrsten Sinne des Wortes einen Sprung ins Ungewisse.

Diese kurze Untersuchung einiger ausgewählter Szenen zeigt bereits auf, wie auch Divergent, eine Young Adult Dystopie, gesellschaftlich wichtige Themen und Ängste aufgreift. Ihr Fokus auf eine jugendliche Protagonisten und die Inklusion eines Romantikplots führen somit keineswegs dazu, dass die Dystopie ihren kritischen Charakter verliert.

Fotos: Flickr.com/EyesOnFire89 (CC BY-NC-SA 2.0), Flickr.com/Ansuz Magazine (CC BY-NC-SA 2.0), Flickr.com/EyesOnFire89 (CC BY-NC-SA 2.0)


[1] (duden online, Fanatimus).

[2] Divergent, 2014, 1:50:28

[3] Divergent, 2014, 1:43:21 – 1:43:55

[4] Divergent, 2014, 0:02:33 – 0:04:16

[5] Divergent, 2014, 0:24:47 – 0:26:42


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Skrupellos, gerissen, unentbehrlich: Filmfeinde

Von Lara Luttenschlager

Filme nehmen uns mit auf große Reisen. Und zwar meist auf die Reise des Helden der Geschichte, die sie erzählen. Was aber macht eine gute Geschichte aus? Richtig, Spannung. Durch einen richtig guten Feind. Werfen wir doch einmal einen Blick auf fünf der besten Feinde der Filmgeschichte!

Die Heldenreise, ein dramaturgisches Modell des Mythenforschers Joseph Campbell, gliedert Geschichten in diverse Stationen, die der Protagonist durchlebt. Von Christoph Vogler weiterentwickelt, ist gerade in Hollywood so manch ein Drehbuch als Heldenreise aufgebaut, darunter Star Wars, Pretty Woman und Das Schweigen der Lämmer, um nur einige zu nennen. Eine der wichtigsten Stationen, welche sich ganz oben auf dem Spannungsbogen befindet, ist die Schlacht gegen den Schatten, der alles Böse repräsentiert und durch den Gegenspieler des Helden verkörpert wird. Indem er Konflikte schafft und der Hauptfigur das Leben schwer macht, ist er der widerwärtige Kontrahent, der die Handlung vorantreibt. Denn was ist schon ein noch so bewundernswerter Held, wenn er sich nicht beweisen kann? Je stärker der Feind, desto spannender der Film, könnte man sagen.

Gordon Gekko: Gier ist gut!

Gordon GekkoGordon Gekko, der skrupellose Manager aus Wall Street (1987), der aus dem Aktiengeschäft ein größenwahnsinniges Spiel auf Kosten tausender Arbeitnehmer macht, ist wohl das beste Beispiel dafür, dass Filmbösewichte mit den Feindbildern ihrer Zeit gehen. Schon fast karikativ verkörpert er alles erdenklich Abstoßende, was uns zu einem waschechten Kapitalisten einfallen kann: Er ist kalt, hinterhältig, egoistisch, unendlich gierig und auch noch stolz darauf. Umso ehrenhafter steht am Ende sein Broker Bud Fox da, der nach einem kurzen Trip in die entfesselte Finanzwelt bald angewidert abdankt und lieber zahlreiche Arbeitsplätze rettet. Nach der Ölkrise Ende der 1970er und dem Börsencrash im Erscheinungsjahr des Films entstanden neue Gesetze zum Insiderhandel – eines jener Vergehen, die Gekko begeht. Investmentprofi James Tomilson Hill, der angeblich als Vorbild für die Rolle Gekkos diente, ist inzwischen übrigens Milliardär.

Alonzo Harris: Dein täglich Feind und Henker

Alonzo HarrisAuch Training Day (2001) erscheint zur Geburtsstunde eines neuen Feindbildes: Es ist die Zeit des Rampart-Division-Skandals, als weitgehende Verbindungen von Mitgliedern des Los Angeles Police Departments zu kriminellen Gangs, Morden und Drogenhandel öffentlich werden, die Zeit der Ermittlungen zur Verwicklung der Polizei im Vergeltungsmord des East-Coast-Rappers The Notorious B.I.G.. Auch in Training Day terrorisiert Polizist Alonzo Harris ärmere Viertel in L.A., mordet, nimmt Drogen und ist brutaler und unberechenbarer als jeder Gang-Leader. Die Rolle Alonzos und das Feindbild, das sie bedient, kollidieren stark mit dem traditionellen Bild des ehrenhaften, gerechtigkeitsliebenden Polizisten, das bis dahin in medialen Darstellungen dominiert hatte. Nicht nur für die Bevölkerung, auch für den jungen, idealistischen Polizisten Jake Hoyt, der ihn einen Tag lang begleitet, entpuppt sich der korrupte Cop als Alptraum, der tun kann was er will, geschützt durch seine Dienstmarke.

Norman Bates: We all go a little mad sometimes

Das Thema des Psycho-Killers fasziniert die Filmwelt seit jeher. Doch noch vor Halloween (1978), Das Schweigen der Lämmer (1991) und The Texas Chainsaw Massacre (1974), da gab es Hitchcocks Meisterwerk Psycho (1960). Auf den ersten Blick schüchtern und unsicher, versteckt Motel-Besitzer Norman Bates ein unheimliches Geheimnis: Denn im Verborgenen kämpfen er selbst und seine ermordete Mutter um die Vorherrschaft im Körper des schizophrenen jungen Mannes. Schon lange beklagen Wissenschaftler das Stigma, das Hollywood durch die konsequente Verbindung von geistigen Krankheiten mit Gewalt in der Mediengesellschaft verbreitet hat. Auch Bates wollen wir im Dunkeln lieber nicht begegnen: Denn die Mutter in ihm ist furchtbar eifersüchtig auf hübsche junge Frauen, die sie ermordet und anschließend von ihrem Sohn im Sumpf versenken lässt.

Hans Landa, der „Judenjäger“

Mit SS-Offizier Hans Landa macht der Zuschauer in Inglourious Basterds (2009) Bekanntschaft, als dieser genüsslich ein Glas Milch schlürft, bevor er bei der Exekution einer jüdischen Familie ein Blutbad anrichtet. Schon seine Uniform lässt ihn zum ultimativen Feind werden: Als Nazi verkörpert er die abscheulichste Version eines Menschen. Doch Landa ist kein gewöhnlicher Filmbösewicht, denn er überrascht immer wieder mit seinem spitzem Intellekt, unschlagbarem Instinkt und seiner Kultiviertheit. Als Super-Intellektueller, der den Helden der Geschichte immer einen Schritt voraus zu sein scheint und in seinen grausamsten Momenten auch noch kindlichen, verspielten Humor an den Tag legt, fasziniert und stößt er uns zugleich ab.

The Joker: Die Welt einfach nur brennen sehen

Dark knightAuch der teuflische Joker beeindruckt in The Dark Knight (2008) durch seine Intelligenz und Gerissenheit. Er vereint alle „Tugenden“ eines Bösewichts: Skrupel- und ehrenlos, alle Regeln der Gesellschaft verwerfend und hässlich, ergötzt er sich am Leid der Menschen. Doch damit nicht genug, sein eigentliches Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, dass sie so moralisch verdorben sind wie er, und die Welt ins Chaos zu stürzen. Den Grund dafür erfahren wir nicht, wodurch Verständnis für den selbsternannten „Freak“ unmöglich wird. Letztlich reflektiert das Aussehen des Jokers sein Inneres: Sein abstoßendes, schmatzendes und vernarbtes Gesicht ist die makabre, deformierte Version eines Clowns, in westlichen Kulturen eigentlich mit Freunde und Fröhlichkeit verbunden. Er ist die Perversion dessen, was ursprünglich positiv war.

 

Fotos: flickr.com/Russ Allison Loar (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Giuseppe Graziano Barone(CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Kyle Lambert (CC BY-NC-ND 2.0)

Daddy’s Home – Ein Vater zu viel

Von Maya Morlock

In der Komödie „Daddy´s Home – ein Vater zu viel“, von Sean Anders und John Morris, bekriegen sich biologischer Vater und Stiefvater. Ab dem 21.01.2015 sind die Hollywoodlieblinge Mark Wahlberg und Will Ferrell auf der Kinoleinwand zu sehen, ein Spaß für Groß und Klein.

Stereotyp: Loser

DaddysHome-Gallery-14Brad (Will Ferrell) möchte nur schnell Dustys (Mark Wahlberg) monströses Motorrad aus der Einfahrt fahren. Hatte er doch dummerweise am Abend zuvor damit geprahlt, er sei in seiner Jugend nur zu gerne mit den schnellen Maschinen in der Gegend herumgeheizt. Das Motorrad macht höllische Geräusche, als Brad sie startet, sodass seine Frau Sarah (Linda Cardellini)und die beiden Stiefkinder sorgenvoll aus dem Haus stürmen. Keiner traut Brad den Umgang zu, was ihn nur noch mehr anspornt. Und zack legt Brad einen hollywoodreifen Hochstart hin und rast nur auf dem Hinterrad in der Gartenanlage umher. Beinahe hätte er seine Familie dem Erdboden gleichgemacht, hätte Dusty sich nicht heldenhaft und ohne Shirt gerettet. Unkontrolliert saust das Höllengefährt über die Veranda direkt ins Haus – es poltert, knallt und kracht. Zuletzt stürzt das Motorrad herrenlos aus einem Fenster im Obergeschoss, um direkt auf Brads Familienauto zu landen und eine unweigerlich riesige Delle zu hinterlassen. Das Motorrad hat keinen Kratzer, doch wie sieht es mit dem enthusiastischen Brad aus?

Vater ist nicht gleich Vater

DaddysHome-Gallery-03Ganz richtig erkennt der unfreiwillig sterilisierte Brad (Will Ferrell), dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem biologischen Erzeuger und einem echten Vater gibt, der immer für die Kinder da ist. Brad ist nicht cool, nicht hip und auch nicht besonders attraktiv. Trotzdem hätte er es fast geschafft, dass ihn seine Stiefkinder als neuen Vater akzeptieren, weil er die volle Verantwortung übernimmt und bei jeglichen Schulaktivitäten (Coach des Schulteams) komplett in seiner Vaterrolle aufblüht. Zu dumm, dass der durchtrainierte und biologische Vater der Stiefkinder Dusty (Mark Wahlberg) zu Besuch ist und vor hat seine Familie zurückzugewinnen. Mit Charme, Talent, Geld und Muskeln zieht Dusty alle Register. Gewinnt der verantwortungsbewusste oder der coole und risikofreudige Vater?

Lustig unter Vorbehalt

Auch diese Komödie funktioniert nach dem Schema F: Am Anfang steht die heile Welt, die von einem Störfaktor unterbrochen wird. Es folgt eine komödiantische Auseinandersetzung, bei der das Ende offensichtlich ist. Außerdem werden die berühmt berüchtigten Stereotype eingesetzt und vollends ausgeschöpft: der unbeholfene und naive Gutmensch, der gegen den supercoolen und beinharten Macho nahezu mickrig erscheint. Überraschungen dürfen kaum erwartet werden, außerdem ist davon abzuraten, sich den Trailer anzusehen, da dieser durch die Bank weg die besten Szenen verrät. Wenn man es schafft, seinen Anspruch an eine gute Geschichte vor dem Kino zu parken, hat dieser Film dennoch ein hohes Unterhaltungspotenzial und ist sicherlich auch für Kinder lustig und sehenswert. Den Zuschauer erwarten überzogene, aber durchaus amüsante Streitigkeiten und Stunts der Hauptdarsteller, eine kitschige Schlusswendung, Mark Wahlberg zu 70 Prozent oben ohne und einen abscheulich komischen Köter. Für einen anspruchslosen Kinospaß wirklich geeignet – für mehr jedoch nicht.

Fotos: ©2015 PARAMOUNT PICTURES