Der digitale Lehrer – YouTube und Co. als Lernplattformen

von Iris Hofmann

„Es ist des Lernens kein Ende.“ (Robert Schumann, deutscher Komponist (1810-56))

Gerade in unserer heutigen Informationsgesellschaft ist klar: Man lernt nie aus, dem Erwerb von Wissen sind keine Grenzen gesetzt. Dazu tragen Technologien wie das Internet bei. Auf unzähligen Websites kann man sich informieren. Ob man nun Informationen zu Themen wie Geschichte und Medizin sucht, sich über Neuigkeiten aus der ganzen Welt informieren will oder einfach nur ein neues Kuchenrezept ausfindig machen will – fast jedes nur denkbare Thema ist im Internet bereits vertreten.

Aber nicht ausschließlich Texte können uns im Internet informieren. Auch Portale wie YouTube, MyVideo oder Clipfish, die für Unterhaltung bekannt sind, bieten eine riesige Auswahlmöglichkeit, durch die man sich neues Wissen aneignen kann.

Lern- & Informationsangebote im Videoformat

Singen, Stricken, Golfspielen oder Arabisch lernen sind nur einige wenige Beispiele von Videoergebnissen, sucht man in YouTube nach dem Schlagwort „Lernen“. Zu allen möglichen Themen sind Videos vertreten. Derzeit besonders beliebt sind Videos, in denen schulische Themen erklärt werden. Bekanntes Beispiel hierfür ist Salman Khan. Khan, von Beruf ursprünglich Hedgefond-Analyst, beginnt seine YouTube-Karriere 2006 damit, Mathematik-Lehrvideos auf YouTube zu stellen. Dadurch möchte er die Nachhilfe, die er bisher seiner Cousine gegeben hat, für die weiteren Familienmitglieder ebenfalls zugänglich machen und ihnen die Möglichkeit geben, die Lektionen wann und so oft sie wollen abzurufen. Seine Videos helfen schließlich aber nicht nur der Familie. Er bekommt viele positive Kommentare und immer mehr Klicks.

Khan gründet ein Lernportal, das immer weiter wie ein soziales Netzwerk ausgebaut wird und nennt es „Khan-Academy“. Nutzer können sich ein Profil anlegen und ihren Erfolg in der Bearbeitung von Aufgaben verfolgen. Inzwischen hat Khan eine Vielzahl an Videos aus den Bereichen Physik, Chemie, Wirtschaft, Geschichte, Biologie und Computerwissenschaften ins Netz gestellt.

Selbst Hochschulen können das Internet nutzen, um ihren Studenten mehr Komfort zu bieten. Zum Beispiel besitzt die Universität Berkeley in den USA einen eigenen YouTube-Channel, über den Studierende Lektionen abrufen und dadurch wiederholen und lernen können.

Jedoch nicht nur Themen, die schulische oder universitäre Bildung betreffen, sind vertreten. Man findet ebenso unzählige Videos zum Lernen von Instrumenten, in denen beispielsweise Gitarrengriffe gezeigt werden, sowie Videos, mit denen man backen und kochen lernen kann. Selbst Videos, die Schmink- und Stylingtipps vermitteln, kommen nicht zu kurz.

YouTube und Co. als Lernportale?

Bieten Videoplattformen im Internet nun wirklich die Möglichkeit zu grenzenlosem Lernen? Es sind unvorstellbare Mengen an Themen vorhanden und obwohl sich die Zahl der Videos und die damit angesprochenen Themenfelder stetig vermehren, ist nicht jedes Thema und jedes Detail als Video zu finden. Meistens sind die Themen sehr gut erklärt und

Auch Stricken kann man online lernen

durch das Videoformat auch bildlich veranschaulicht. Zudem kann man davon ausgehen, dass eine Person, die sich ein Lernvideo absichtlich anschaut, dadurch auch ein sehr hohes Lernpotenzial hat. Das Medium des Videos liegt besonders nahe an der alltäglichen Wahrnehmung des Menschen, denn im Gegensatz zu statischen Bildern muss der Betrachter nicht erst eine Verbindung zwischen den einzelnen Bildern herstellen. Videos können komplexe Sachverhalte darstellen und damit die Informationsverarbeitung des Nutzers effektiver gestalten (Stephan, 2008). Wendet man Lernvideos beispielsweise an, um schwierige Themen zu wiederholen, ist die Chance für ein besseres Verständnis der Thematik hoch, da man sich noch einmal damit auseinandersetzt und dadurch seine Leistung entweder verbessern oder aufrecht erhalten kann (Hager & Hasselmann, 2000). Bekommt man, wie bei der Universität Berkeley, die Möglichkeit, im Internet eine Vorlesung virtuell zu besuchen, hat man die freie Wahl, entweder die ganze Vorlesung zu wiederholen oder nur Teile davon zu vertiefen. Hat ein Student die Vorlesung verpasst, kann er sie ganz leicht im YouTube-Channel nachholen.

Auf der anderen Seite bieten Massenmedien im Gegensatz zu einer Face-to-Face Situation nicht die Möglichkeit, bestimmte Dinge zu hinterfragen und dadurch bestimmte Aspekte detaillierter zu erfahren. Aus einem Video im Internet kann der Nutzer ausschließlich die Information entnehmen, die im Video angesprochen wird. Außerdem bietet das Onlineangebot meist für „digital immigrants“, das heißt die Generation, die nicht bereits mit dem Internet aufgewachsen ist und sich erst darin einfinden muss, Schwierigkeiten. „Digital immigrants“ sind im Gegensatz zu „digital natives“ (Unterscheidung nach Marc Prenzky) noch nicht so sehr an das Internet und dessen Methoden gewöhnt oder bevorzugen schlichtweg die Methoden, die sie auch vor dem Durchbruch des Internets genutzt haben.

 

Foto: Screenshot eliZZZa13/Stricken lernen 1 – Maschenanschlag (20.12.2011)

SWR Bestenliste Dezember

von Fabian Diercks, Amelie Hipp und Livia Noll

 

Weitere Projekte der Science-Bubble 2011/12 gibt es hier.

Social Web im Jahr 2012

von Alexander Karl

Auch im Jahr 2012 wird das Social Web wieder eine große Rolle für User und Unternehmen spielen – das ist klar. Doch wie könnte das Social Web sich im nächsten Jahr verändern? media-bubble.de nennt die Meinung von Experten und schaut zurück auf das Jahr 2011.

Trends 2012

David Armano ist Vizepräsident des Bereichs Global Innovation & Integration bei Edelman Digital – kurz: Er hat Ahnung von dem, was er sagt. So lag er bereits im letzten Jahr mit seiner Vermutung richtig, dass Google gegen Facebook zurückschlagen wird. Google+ war das Ergebnis. Und was prophezeit Armano für das Jahr 2012?

1) Convergence Emergence.

Social Media wird nach Armano noch transparenter und allgegenwärtiger. Er nennt beispielsweise Domino’s Pizza, die die Kundenkommentare ungefiltert auf dem Times Square einblenden lassen. Klar, so etwas bringt Gefahren für Unternehmen, die nicht kundenfreundlich sind. Wer aber Service groß schreibt, kann sein Image noch weiter verbessern. Außerdem nennt Armano Coca Colas Experiment für einen Freizeitpark, mittels Chips den Aufenthaltsort bei Facebook zu posten. Wie beim Ausleihen von Büchern in der UB kann so digital gepostet werden, was man macht. Aber es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass zu viel Transparenz bei den Aufenthaltsorten für Langfinger ein gefundenes Fressen sein kann…

2) The Cult of Influence.

Armano meint, dass nicht nur Stars durch die Medien Menschen beeinflussen können, sondern Dank der Social Media nun jeder andere beeinflussen kann, beispielsweise mittels Posts bei Facebook. Auch hier spielen dann Reichweite und Glaubwürdigkeit eine Rolle. Und damit wird man auch für Unternehmen interessant. Das Prinzip ist in der Medienwissenschaft aber schon lange bekannt  unter dem Terminus Meinungsführerschaft.

3) Gamification Nation.

„No we’re not taking about video games. Rather, game-like qualities are emerging within a number of social apps in your browser or mobile device. […] Primarily, gamification has been used in consumer settings, but look for it in other areas from HR, to government, healthcare and even business management. “ Klingt ein bisschen nach spielerisch lernen. Keine schlechte Idee, weil Wissensvermittlung in Spielen wohl eher Spaß macht als stures Pauken.

4) Social Sharing.

Klar – mittlerweile kann alles geteilt werden. Egal ob bei der BILD oder bei Amazon: Der User kann zeigen, was er gelesen, gekauft oder bestellt hat. Damit kann man seine virtuellen Freunde schnell informieren und vielleicht sogar etwas angeben, wenn man schon wieder bei Amazon bestellt hat.

5) Social Television.

Armano nennt es „Social Televison“ und meint damit die Einbindung von Social Web-Angeboten in das „normale“ Fernsehen. In den USA kann man das mittlerweile bei X Factor oder auch The Voice beobachten. In Deutschland ist man da noch nicht so weit, hier geht derzeit wohl The Voice of Germany am weitesten, aber das ist für amerikanische Verhältnisse nun wirklich keine Revolution.

6) The Micro Economy.

Crowdsourcing ist eine mittlerweile auch in Deutschland beliebte Gangart, um Projekte zu finanzieren, in dem jeder der will ein wenig spendet – das probieren derzeit auch die Stormberg-Macher, um die Serie auf die Kinoleinwand zu holen. Armano sieht darin etwas Gutes: „These examples may point to a new future reality where economic value is directly negotiated and exchanged between individuals over institutions.“

Zwischen Ignoranz und Hoffnung

Armano hat die Trends für 2012 beschrieben und wird damit – so meine Vermutung – größtenteils ins Schwarze treffen. Auch in Deutschland werden Social Sharing und Social Televison eine immer wichtigere Rolle spielen. Doch dafür bedarf es in so manchem Medienschaffenden ein Umdenken – das zeigen aktuelle Studien. So verriet der Social Media Trend Monitor 2011, dass gerade auch Journalisten für ihre Arbeit kaum auf Social Media setzen.

Gleichzeitig aber vertrauen die Blogger den Journalisten den klassischen Medien und ziehen sie in 99 Prozent der Links als Quelle heran – das ergab eine US-Studie.

Und wem Vertrauen die Facebook-Nutzer? Den Infos von Freunden. So führte der deutsche „Social Media Atlas 2011“ zu Tage, dass „die Mehrheit (67 Prozent) äußert großes Vertrauen in Informationen, die von den persönlichen Kontakten stammen. Bei knapp jedem Vierten (24 Prozent) hat eine Empfehlung aus dem privaten Netzwerk sogar schon mal zu dem Kauf eines Produkts geführt.“ Armour würde an dieser Stelle wohl begeistert nicken. Denn das entspricht so ziemlich dem, was er „Cult of Influence“ nennt. Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Social Media 2012 weiterentwickeln.

Foto: flickr/webtreats (CC BY 2.0)

Spion oder Freund? Eltern beim Facebook

von Alexander Karl

Über 50 Prozent der britischen Eltern spionieren die eigenen Kinder über Social Networks aus – das ergab eine Studie des Internet-Security-Diensts BullGuard. Sollte man seine Eltern also nicht zu Facebook-Freunden machen, um sich noch ein paar Geheimnisse zu bewahren? media-bubble.de fragt Tübinger Studenten.

Eltern in sozialen Netzwerken

Facebook und Co. sind längst kein Digital Native Phänomen mehr. So ergab die ARD-ZDF-Onlinestudie aus dem Jahr 2011 etwa, dass 83 Prozent der Gruppe der 30 bis 49-Jährigen mindestens einmal die Woche E-Mails verschicken, 28 Prozent sind einmal die Woche auf Online-Community-Seiten. Doch was machen unsere Eltern auf Facebook und Co.? Dies ermittelte der Internet-Security-Dienst BullGuard: Demnach spionieren über die Hälfte der Eltern ihre Kinder bei Facebook und Co. aus. Weiter heißt es: „Four in ten parents admitted to regularly checking their children’s social media status updates, 39% use the Facebook “wall” to see who’s been posting messages to their children, and 29% look through tagged images.“ 11 Prozent gaben sogar zu, nur auf einer sozialen Plattform zu sein, um die Kinder im Blick zu haben.

„Fürchtet ihr euch um eure Privatsphäre?“

Julian Engelhard, 23

Wir haben zwei Tübinger Studenten, deren Eltern bei Facebook sind, gefragt: „Fürchtet ihr euch um eure Privatsphäre?“ Frances-Kate Johnson, 22, kommt ursprünglich aus den USA und ist mit ihren Eltern bei Facebook befreundet. Die Archälogie-Studentin nutzt das Social-Network, um ihre Eltern auf dem Laufenden zu halten: „Ich bin soweit weg von zu Hause. So können sie sehen, was ich tue.“ Angst, dass die Eltern sie ausspionieren? Kein bisschen.

Facebook um die Distanz zu überbrücken: Dafür nutzte auch der Sportpublizistik-Student Julian Engelhard, 23, Facebook. Er war in den Semesterferien in Mittelamerika und hatte seine Eltern vor dem Abflug gebeten, sich bei Facebook anzumelden. „Damit sie besser verfolgen konnten, was ich gerade mache und wo ich gerade bin.“ Er hat seine Eltern auf keiner Liste platziert, sie können alles sehen, was er macht. Bisher gab es aber noch keinen Rüffel von seinen Eltern für irgendwelche Posts. „Das liegt aber auch daran, dass meine Eltern nicht sehr aktiv auf Facebook sind. Insbesondere mein Vater benutzt Facebook fast nie. Und auch meine Mutter ist selten dort online seitdem ich wieder in Deutschland bin.“ Das Gefühl, ausspioniert zu werden, hat er absolut nicht.

 

Aber nicht alle Kinder sind sonderlich glücklich über das Verhalten ihrer Eltern bei Facebook. Da werden peinliche Baby-Geschichten über Facebook verbreitet und man liest pseudo-lustige Kommentare seines Vaters. Andererseits bedeutet eine abgelehnte Freundschaftseinladung der Eltern noch lange nicht, dass sie nichts über die Online-Aktivitäten der Sprößlinge erfahren. So gibt es Internetdienste, die das Ausspionieren der Kinder übernehmen – und dafür natürlich Geld verlangen.

Im Internet finden sich auch immer wieder kuriose Sammlungen von elterlicher Kommentaren – wie man hier auch links sehen kann.

Übrigens: Wie Eltern Facebook kreativ nutzen können, zeigt ein amerikanisches Paar, die über den Plattform über den Namen ihres Kindes abstimmen ließen.

Foto: Privat

Goodbye Facebook?

von Alexander Karl

Es sind Zahlen, die Marc Zuckerberg alarmieren sollten: Die Anzahl der Neuanmeldungen in den Facebook-Hochburgen USA und Kanada flachen ab, in der Türkei, die die fünft größte Gemeinde des Netzwerks stellt, übersteigen die Abmeldungen sogar die Neuanmeldungen. Setzt tatsächlich ein Facebook Fatigue ein, wie der Blogger Gutjahr es nennt?

Abwanderung und Lethargie

Gutjahr nennt in seinem Blog das Beispiel eines wahren digital native, Michael Umlandt, der für das ZDF die social web Auftritte betreut, privat aber genug von Facebook hat – und sein Konto deaktiviert hat. Damit scheint er nicht alleine zu sein: Bereits im letzten Jahr schwappte eine Lethargiewelle durch Facebook, gerade in der Kernzielgruppe der 18-44-Jährigen, die einfach keine Lust mehr auf Netzwerk zu haben schienen. Und auch in diesem Jahr häufen sich Meldungen über Abmeldungen bei Facebook. 6 Millionen Menschen sollen Facebook im Mai 2011 verlassen haben – alleine in den USA! Natürlich muss man bedenken, dass Facebook in den USA und anderen internetaffinen Ländern nur noch schwerlich weiterwachsen kann, wenn das Gros der Bevölkerung bereits online ist. Das weiß auch Facebook.

Es stellt sich die Frage: Quo vadis, Facebook?

Vergisst Facebook bei all der Profitmaximierung die User? Der im nächsten Jahr angestrebte Börsengang könnte massig Geld in die Kasse spülen, ja, vielleicht sogar historisch sein: Positiv wie negativ. Kritiker und Experten wittern schon eine neue platzende Blase, wenn das auf 100 Milliarden Dollar geschätzte Unternehmen an die Börse geht und seine Versprechen nicht halten kann.

Doch all die Kritiker und Skeptiker wissen, dass Facebook nicht nur eine globale Marke , sondern mittlerweile der Inbegriff von Globalisierung und Social Web ist. Noch immer ist Facebook – global betrachtet – das größte und wichtigste soziale Netzwerk. So sehr Google+ derzeit von den Medien als Alternative gepriesen wird: An Facebook kommt es trotz allem nicht heran. Es ist mit seinen 25 Millionen Usern ein elitärer Kreis, mehr aber auch nicht. Meldungen, dass Facebook drei Jahre gebraucht hat, um 25 Millionen Mitglieder zu finden, wirkt bei genauerem Hinsehen lachhaft. Denn Facebook war der Primus seiner Gattung, während Google+ sich in das von Zuckerberg gemachte Nest setzen konnte.

Der Blog Gutjahr’s zitiert den ZDF-Web-Experten Michael Umlandt mit den Worten: „70 bis 80 Prozent, von dem, was meine ‚Freunde’ dort posten, ist mehr oder weniger sinnbefreit. Das will ich nicht mehr lesen.“ Doch genauso, wie wir Spam-Mails ignorieren und/oder filtern, werden wir über kurz oder lang auch Facebook-Nachrichten als Junk aussortieren, was ja mittlerweile durch die Einstellungen möglich ist.

Gleichzeitig aber muss sich auch Facebook seiner Rolle als Klassenprimus bewusst werden und endlich verstehen, dass hinter den User-Daten Menschen stecken, die keine Lust haben, ein vollständig gläsernes Leben zu führen. Diese Erkenntnis scheint mittlerweile angekommen zu sein. In den USA stimmte Facebook nun Datenschutz-Auflagen zu: „Teil der Vereinbarung mit der Handelskommission FTC ist die Verpflichtung, in den kommenden 20 Jahren regelmäßig die Datenschutz-Richtlinien von unabhängigen Prüfern inspizieren zu lassen. Außerdem darf Facebook Einstellungen zur Privatsphäre nicht ohne ausdrückliche Zustimmung der Nutzer verändern.“ Auch Zuckerberg selbst erklärte im Facebook-Blog, dass man „a bunch of mistakes“ begangen habe. Eine wichtige Einsicht, gerade auch im Hinblick auf den Börsengang. Es wäre natürlich aus Unternehmenssicht schlecht, kurz vor dem Gang an die Wall Street die User zu verärgern und zu verprellen. Aber Selbsterkenntnis ist ja sprichwörtlich der erste Schritt zur Besserung.

Foto: flickr/Sean MacEntee (CC BY 2.0)

Weihnukka oder Chrismukkah?

von Alexander Karl

“You want your menorah or a candy cane? Hm? Christmas or Hanukkah?“, fragt Seth Cohen, Protagonist aus O.C. California und sieht seinen Adoptivbruder Ryan und sieht ihn abwartend an.  “Don’t worry about it, buddy because in this house, you don’t have to choose. Allow me to introduce you to a little something I like to call … Chrismukkah!”

Die Wortschöpfung Chrismukkah ist tatsächlich eine Erfindung der Erfolgsserie O.C. California, was aber nicht bedeutet, dass es die Mischung aus Weihnachten/Christmas und Hannukah davor gab – dazu aber später mehr.

Chrismukkah und O.C.,

Chrismukkah, wie es im amerikanischen Original heißt, ist eine Verbindung des christlichen Weihnachtsfests und des jüdischen Hannukah, das Seth Cohen als Kind erfunden hat, um die jüdischen Wurzeln seines Vaters und die protestantischen seiner Mutter zum „greatest super-holiday known to mankind“ zu vereinen. Und das Besondere laut Seth: „Other highlights include eight days of presents, followed by one day of many presents.“
Wann und wie genau aber Chrismukkah gefeiert wird, sagt Seth nicht. Hinzu kommt nämlich, dass Hannukah immer wieder an anderen Daten gefeiert wird – und das nicht zwingend direkt vor oder nach Weihnachten.

 

Doch Chrismukkah ist noch viel mehr: Es stellt den melting pot der amerikanischen Gesellschaft dar, die sich nicht mehr an Unterschieden aufhält, sondern Brücken baut. Als Special der 4. Staffel gibt es in der DVD-Box eine kurze Reportage zur Entstehung und Bedeutung von Chrismukkah. Darin wird deutlich: In gewisser Weise ist es auch ein Fall von political correctness. Denn darf man seinen Arbeitskollegen „Frohe Weihnachten“ wünschen, auch auf die Gefahr hin, dass er Jude ist? Dank Chrismukkah wird hier eine Brücke geschlagen – so die einhellige Meinung von Produzenten und Schauspielern der Serie, die das December dilemma damit als überwunden ansehen.

Aber wie immer gibt es auch Kritik an solchen (modernen) Spielen mit der Religon. Wie US Today berichtete, nennen die Catholic League und der New York Board of Rabbis in einem gemeinsamen Statement Chrismukkah ein „multicultural mess“ und bezeichneten es als Beleidigung für Juden und Christen gleichermaßen. Gleichzeitig ist aber der deutsche Begriff Weihnukka nicht nur O.C., California zu verdanken. Vielmehr stammt – so heißt es auch im DVD-Spezial – die Idee der Mischung aus Weihnachten und Hannukah aus Deutschland. Denn gerade auch in der Nazi-Zeit bot es sich an, nicht den jüdischen Brauch zu feiern.

O.C. und die Pop-Kultur

Ich hatte bereits bei meiner Figurenanalyse von Seth Cohen herausgearbeitet, dass er als Protagonist einer TV-Serie mit seinem sonderbaren (und komischen) Humor eine relativ einmalige Stellung in der Fernsehlandschaft einnimmt. Gleichzeitig wird durch Chrismukkah und Co. aber auch der Einfluss von TV-Serien (und O.C., im Speziellen) auf die Pop-Kultur deutlich. Wie Tamara Jill Olson beschreibt, hebt sich O.C., damit von vergleichbaren Soaps ab:

„The introduction of this witty, cosmopolitan style not only breaks the mold of the traditional primetime soap, but also strategically targets viewers who want to feel superior to and label themselves as being “above” the “low culture” genre. Because The O.C. is so witty and self-knowing, “sophisticated” viewers can feel good about watching a primetimesoap opera, a form that is usually associated with “low” or mass culture.“

Übrigens: Zu Chrismukkah gehört auch der Yarmuclaus, eine Mischung aus Kippa (yarmulke) und Santa-Claus-Mütze, wie Seth und Summer sie auf dem Bild tragen. In diesem Sinne: Happy Chrismukkah!

 

Foto: flickr/kevin dooley (CC BY 2.0)

FSK: Sexuell befangen?

von Alexander Karl

Es gibt wohl wenige große deutsche Filme, die eine Coming-of-Age-Geschichte nicht im heterosexuellen Milleu ansiedelt, sondern den Schritt in die LGBT-Welt wagt. „Sommersturm“ war einer dieser Filme, scheiterte aber an den Kinokassen. Nun als „Romeos… anders als du denkst„. Doch die FSK setzt die Freigabe auf 16 Jahre – mit einer fragwürdigen Begründung.

Darum geht’s

„Romeos“ erzählt die turbulente Liebesgeschichte von Lukas und Fabio, die durch Lukas‘ Transsexualität deutlich erschwert wird. Die Filmemacher wollten den Film ab 12 Jahren freigeben lassen, doch die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) hielt den Daumen darauf und entschied, dass erst Jugendliche ab 16 den Film sehen dürfen. Die Regisseurin Sabine Bernardi stellte die Begründung online. Hier ein Auszug der Entscheidung:

Das Thema selbst ist schon schwierig für 12- bis 13-Jährige und die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen. Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken, auch wenn der Film auf Bildebene nicht schamverletzend ist und niemanden diffamiert.

Die FSK und die Entscheidung

Nun ist die FSK aber auch online präsent und schildert dort die Kriterien, die für die Einteilung der Altersstufen herangezogen werden. Dort heißt es für die Altersfreigabe ab 12 Jahren:

Bei Kindern und Jugendlichen dieser Altersgruppe ist die Fähigkeit zu distanzierter Wahrnehmung und rationaler Verarbeitung bereits ausgebildet. […] 12- bis 15-jährige befinden sich in der Pubertät, einer Phase der Selbstfindung, die mit großer Unsicherheit und Verletzbarkeit verbunden ist. Insbesondere Filme, die zur Identifikation mit einem „Helden“ einladen, dessen Rollenmuster durch antisoziales, destruktives oder gewalttätiges Verhalten geprägt ist, bieten ein Gefährdungspotenzial. Die Auseinandersetzung mit Filmen, die gesellschaftliche Themen seriös problematisieren, ist dieser Altersgruppe durchaus zumutbar und für ihre Meinungs- und Bewusstseinsbildung bedeutsam.

Aus dieser Erklärung könnte man für den Film „Romeos“ also zweierlei ableiten: Die Helden haben ein antisoziales oder destruktives Rollenmuster (in diesem Fall wohl ihre Sexualität) und bieten damit Gefährdungspotenzial. Oder aber die gesellschaftlichen Themen werden nicht seriös problematisiert.

Schnell wird das Paradoxon deutlich: Es kommt ein Film heraus, der aus dem schwarz-weiß der heterosexuellen (Film-)Welt hinausfällt und somit eine deutliche gesellschaftliche Relevanz inne hat. Doch, wie es in der Begründung zu „Romeos“ heißt, könnte das zu einer „Desorientierung der sexuellen Selbstfindung führen“. Wird damit unterstellt, dass „Romeos“ die Kinobesucher zu homosexuellen Menschen macht? Denn die Begründung, dass die häufigen Partnerwechsel für die Jugendlichen „verwirrend“ wirken können, ist kaum nachvollziehbar wenn man einmal schaut, welche Filme ansonsten für 12-Jährige zugelassen werden:

Da wäre natürlich „Sex and the City“ (Der Film), in dem Samantha ihre Nachbarn bei sehr expliziten (heterosexuellen) Praktiken beobachtet. Oder „Das Leben des David Gale“, in dem eine Frau sich selbst erstickt und der Zuschauer den Todeskampf sehr realistisch mitverfolgen kann. Auch in „Keinohrhasen“ – der sogar eigentlich ab 6 Jahren freigegeben werden sollte – spielt Sex eine große Rolle und nicht zu vergessen „The Hangover“, in dem nicht nur nackte Asiaten durch die Gegend springen, sondern Drogenkonsum den Plot erst möglich macht.

Schaut man in den Schluss der Begründung, findet man den Satz, dass der Film eine „verzerrte Realität“ wiederspiele. Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, sagt hierzu: „Schwule, lesbische und transsexuelle Jugendliche existieren wirklich. Wenn die FSK meint, schon die filmische Auseinandersetzung mit diesem Thema sei Jugendlichen nicht zuzumuten – wie sollen Jugendliche auf die Konfrontation mit der Wirklichkeit vorbereitet sein?“

Vielleicht sollten die Damen und Herren der FSK einmal einem Kölner Schwulenclub einen Besuch abstatten um zu überprüfen, ob die „Realität“ des Films tatsächlich verzerrt ist oder einmal selbst die eigene gesellschaftliche Sicht in Frage stellen. Denn nicht umsonst wird die Entscheidung der FSK bereits als ‚homophob‚ oder ’sexuellen befangen‘ bezeichnet.

UPDATE: Die FSK hat sich für die unglückliche Formulierung entschuldigt.

UPDATE 2: Die FSK hat Romeos jetzt doch für 12 Jährige zugelassen.

Das ist übrigens der Trailer des Films:

Foto: © by PRO-FUN MEDIA

HIV und die Medien

von Alexander Karl

Am 1. Dezember wird man wieder überall rote Schleifen sehen – denn dann ist Welt-Aids-Tag. Die Gefahren von HIV und AIDS sind schon seit über 20 Jahren bekannt, doch wie griffen und greifen die Medien das Thema auf?  Und wird noch immer mit Stereotypen – etwa Homosexuellen oder Drogensüchtigen – gearbeitet?

Die Berichterstattung beim Ausbruch

Elke Lehmann schrieb 2003 in ihrer Dissertation zur Berichterstattung der Medien über das Aufkommen des HI-Virus: „AIDS wurde sogar als eine Epidemie der Medien bezeichnet. Eine Krankheit mit einer geringen Inzidenz, auf deren Existenz die Öffentlichkeit von den Medien aufmerksam gemacht wurde.“ Doch zunächst, so  Lehmann, wurde zu Beginn der AIDS-Epedemie in nur sehr wenigen Zeitungen und Magazine über das Problem berichtet. Denn zumeist ging man davon aus, dass der Virus das Problem einer (homosexuellen) Randgruppe sei, die keinerlei Bedeutung für die alltägliche Berichterstattung habe. Mit Verweis auf Virginia Berridge (1996) stellt sie die folgenden Stationen der Berichterstattung fest:

„Der erste, in den frühen achtziger Jahren, war gekennzeichnet durch die Bezeichnung als ‘Schwulenseuche’, dieser Term wurde sowohl von der Boulevardpresse, als auch von qualitativ guten Zeitungen verbreitet. Ab Mai 1983 wurde die mögliche Ansteckungsgefahr von Heterosexuellen aufgrund von kontaminiertem Blut an die Öffentlichkeit herangetragen. Dadurch wurden erstmals auch Frauen als eine mögliche Risikogruppe beschrieben. Ebenso wurde in dieser Zeit über Afrika als Ursprung der Krankheit debattiert.“

Dass HIV und AIDS schlussendlich doch in den Medien als globales Problem betrachtet wurde, ging auch auf den Tod des Schauspielers Rock Hudson 1985 zurück. HIV und AIDS bekamen nun ein Gesicht und schafften somit den Sprung in die Köpfe der Menschen. Die erzeugten Bilder kokettierten aber noch immer mit dem Unmoralischen. So schrieb The Times 1985:  „Wie auch bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten erhöht sich die Gefahr, sich zu infizieren, durch eine hohe Zahl sexueller Kontakte und Promiskuität.“  Dabei ist aber HIV keine sexuell übertragbare Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein Virus, der nicht nur beim Sex, sondern auch durch Blut übertragen werden kann.

Der Beginn der Berichterstattung war also geprägt von Klischees und Unwissen, von Panik bis zur Angstlosigkeit. Aber wie wird HIV und AIDS heute in den Medien – vor allem auch im Fernsehen – dargestellt?

 

Heute im TV

Noch immer gilt das Fernsehen als eines der wichtigsten Medien – und da gerade in Serien versucht wird, die Realität abzubilden, tauchen immer wieder HIV-positive Charaktere auf. In der schwul-lesbischen US-Serie Queer as Folk wird die HIV-Thematik immer wieder in den Fokus gerückt. So sind in allen fünf Staffeln Betroffene Charaktere vertreten – so etwa der Uniprofessor Ben, den alternden und an Aids erkrankten Vic oder der Stricherjunge Hunter.

In Deutschland ist die ‚Lindenstraße‘ Vorreiter in der Konfrontation der Öffentlichkeit mit heiklen Themen und so auch bei HIV. Benno Zimmermann, eine Figur der ersten Stunde, erkrankte 1988 an HIV. Es wurde also nicht nur die Gefahr an sich thematisiert, sondern auch mit Stereotypen gebrochen. Denn Benno Zimmermann war nicht schwul, sondern hatte sich bei einer Bluttransfusion angesteckt.

Monika Siebenbach, Pressesprecherin der Lindenstraße, sagte media-bubble.de, dass es den Machern der Serie bereits damals darum ging, HIV und Aids nicht als schwules Problem darzustellen, sondern auch die Ausgrenzung von heterosexuellen Erkrankten zu beschreiben. 1999 wurde erneut ein HIV-Charakter eingeführt: Felix Flöter hatte sich bei seiner Mutter während der Geburt angesteckt. „Dadurch, dass Felix nach dem Tod seiner Mutter von dem homosexuellen Paar Carsten und Käthe adoptiert wird, treffen die Themen Homosexualität und HIV als Diskussionsstoff in der Geschichte auch nochmal zusammen. Aber eben nicht in der Form, wie man sie zunächst mal erwarten würde. Auch hier hat die Art der Geschichte dazu geführt, dass die Zuschauer offen für das Thema und emotional davon gepackt waren“, so Siebenbach.

Aber haben die Einführung infizierter Charaktere auch einen Aufklärungscharakter? Nehmen die Zuschauer nicht nur die emotinale Botschaft wahr, sondern beschäftigt sich auch mit Themen wie Safer Sex?
Jeff Gavin untersuchte bereits im Jahr 2000 den Komplex der Darstellung von Safer Sex und der Wirkung bei Jugendlichen und urteilte darüber: „Young audiences understand soap opera portrayals of safe sex as the ‘official’ version of safe sex; the type of sex they ought to have. This is contrasted with a ‘real-life’ understanding of safe sex. This is the type of sex that audiences believe they can have.“

Ob die Einführung von HIV-infizierten Charakter also auch einen Aufklärungscharakter hat, ist strittig. Aber zumindest werden die Zuschauer mit der Thematik konfrontiert – was auch das Ziel der aktuellen Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums ist. „Positiv zusammen leben – aber sicher!“ soll zu mehr Toleranz gegenüber Erkrankten aufrufen.

 

Foto: Sophie Kröher

‚The Voice‘ mit wenig Gezwitscher

von Alexander Karl

Die US-Erfolgsshow ‚The Voice‘ hat nun auch den Sprung nach Deutschland geschafft – das Prinzip ist gleich: Nationale Hochkaräter in der Jury und starke Stimmen auf der Bühne. Doch was ‚The Voice‘ in den Staaten besonders vorbildlich betrieb, war die Social Web Einbindung. Das versuchen nun auch ProSieben und Sat.1.

Die Show in den USA

Mit starken Stimmen und starken Quoten gelang es ‚The Voice‘, den Zuschauern den US-Sommer zu versüßen. Dahinter steckt ein innovatives Konzept, welches sich durch zwei wichtige Faktoren von anderen Shows abhob:

In der Jury saßen Vollblutmusiker wie Christina Aguilera und Maroon 5-Sänger Adam Levine, die auch kein Problem damit hatten, selbst live zu singen. Gleichzeitg ging es zunächst um eines: Eben die Stimme der Kandidaten, nicht um Aussehen oder Performance. Denn die Jury saß zu Beginn mit dem Rücken zu den Kandidaten und entschied, ob er oder sie in das Team der Jurors sollte.

Und das zweite Novum: Die intensive Einbindung von Social Media in die Sendung. Über Twitter wurde zwischen den Shows immer wieder aus dem Nähkästchen geplauert, es wurden erste Teaser der Proben gepostet und die Follower-Gemeinde dazu aufgerufen, abzustimmen. Etwa 200.000 Tweets, die mit „The Voice“ zu tun haben, gab es pro Show.

Doch die eigentliche Revolution fand während der Sendung statt: Im sogenannten „V-Room“, eine Art Greenroom der angehenden Stars mit Tablet-PCs, sollten die Künstler live ihre Impressionen posten. Gleichzeitig aber konnten die Zuschauer und Fans Fragen stellen, die live beantwortet wurden. Und: „Immer wieder gibt es zwischen den Auftritten Schalten in den V-Room zur V-Korrespondentin Alison Haislip, die aktuelle Twitter- und Facebook-Fragen vorliest und die Kandidaten interviewt.“ Daraus resultiert, dass #TheVoice zum Trending Topic auf Twitter wurde.

Mix in Deutschland

Während die Show in den US vor allem auf Twitter setzte, gibt es in Deutschland einen multimedia Mix aus Facebook, Twitter und Livekommentaren der Redaktion. Das liegt auch daran, dass in Deutschland nur 460.000 User den Microblogging-Dienst nutzen. Zum Vergleich: Facebook hat in Deutschland über 21 Millionen Nutzer! Über die ‚The Voice of Germany‘ -Homepage kann man sich mit seinem Facebook-Account einloggen und mit Freunden über die Show chatten – und natürlich die Twitter-Kommentare verfolgen. Das nennt sich dann ‚The Voice of Germany Connect‘. Außerdem gibt es einen Livestream, der wohl gerade die junge und mobile Generation ansprechen soll.

Aber doch nicht alles scheint man aus den USA übernommen zu haben: Die Jury, bestehend aus Allzweckwaffe Nena, Schmusesänger Xavier Naidoo, Rea (Leadsänger der Band ‚Reamonn‘) und zwei Jungs von ‚The Boss Hoss ‚ twittern und facebooken – soweit es ersichtlich ist – nicht um die Wette und um die Gunst der Zuschauer. Das übernimmt dann wieder die Facebook-Fanpage der Show.

Ob es in Deutschland auch einen ‚V-Room‘ geben wird wie in den Staaten, muss sich noch zeigen. Denn auch dort kamen die Backstageberichte der Kandidaten erst ab der Battle-Round. Bis dahin läuft aber über ‚Connect‘ außerordentlich viel – auch das zeigt, wie wichtig ProSieben und Sat.1 die Show ist. Immerhin läuft sie abwechselnd bei beiden Tochtersendern – und muss heute sogar gegen ‚Das Supertalent‘ antreten. Übrigens zeigt X-Factor auf VOX, wie gut die Zuschauer auf eine multimediale Einbindung reagieren.

Voting 2.0

Auch die Abstimmung bei der amerikanischen Variante von ‚The Voice‘ kann man vorbildlich nennen: Neben dem kostenlosen Telefonvoting gibt es eine NBC Live App, über die abgestimmt werden kann. Aber auch die Songs der Kandidaten können per iTunes direkt nach der Show kostenpflichtig herunter geladen werden, was gleichzeitig als eine Stimme gezählt wird. Außerdem ist auch die Abstimmung über die Webseite des Senders nbc.com möglich. Und in Deutschland? Ob man dort auch über das Weiterkommen der Kandidaten ohne 50-Cent-Telefongebühr entscheiden darf, ist fraglich. Immerhin kann man  bei ‚The Voice of Germany Connect‚ über andere Fragen abstimmen, etwa  „Gefiel euch der Auftritt der Jury?“ oder „Für wen entscheidet sich Kandidat X?“

 

Aber eines muss man doch ehrlich sagen: Die US-Jury ist schon noch etwas cooler als die deutsche…

Foto: Screenshot, http://connect.the-voice-of-germany.de/ (24.11.2012)

Der Presserat – rastlos im Einsatz und trotzdem ratlos?

von Miriam Heiner

Wie viel Prozent der Rügen des Presserats waren für Bild?“, fragt Fiete Stegers, Multimedia-Journalist. Die Antwort: von 1997 bis zum 30. Oktober 2011 genau 24,5 Prozent aller Rügen des Deutschen Presserats – in Zahlen ausgedrückt 103 von insgesamt 420. Eine beeindruckende Zahl und für media-bubble.de ein Anlass, um sich den Deutschen Presserat genauer anzusehen: Was ist der Presserat? Welche Aufgaben hat er? Wofür steht er? Welche Sanktionsmöglichkeiten hat das Gremium?

Die Organisation

Im Presserat organisieren sich die vier großen deutschen Verleger- und Journalistenverbände: der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger e.V. (VDZ), der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju).

Die Aufgaben

Der Presserat sieht sich als freiwilliges Kontrollorgan der deutschen Presse und hat sich zwei große Aufgaben auf die Fahnen geschrieben: Die Lobbyarbeit für die Pressefreiheit in Deutschland und das Bearbeiten von Beschwerden aus der Leserschaft. Damit verbunden sind acht große Ziele: Als Vertreter der Journalisten versucht er sicherzustellen, dass die Pressefreiheit eingehalten und ein ungehinderter Zugang zu Nachrichtenquellen gewährleitet wird. Der Pressekodex gibt den Journalisten Richtlinien für seine tägliche Arbeit an die Hand. Eine saubere Recherche, die Achtung der Menschenwürde und eine klare Trennung von redaktionellen Texten und Anzeigen, die Achtung von Privatleben und Intimsphäre kennzeichnen demnach einen seriösen Journalismus, während die Redaktionen eine unnötig sensationelle Darstellung vermeiden sollen.

In seiner Funktion als Kontrollorgan ist der Presserat Ansprechpartner für Leser, Journalisten und Verleger. Sie können Beschwerden über einen Verstoß gegen die Richtlinien direkt an den Presserat wenden. Besonders bei den Lesern ist diese Möglichkeit beliebt – rund 1.100Privatpersonen wandten sich 2010 an den Presserat. Sie stießen damit 85 Prozent aller Beschwerden an.

Die Sanktionen

Der Presserat hat bei einem Verstoß einerseits die Möglichkeit, nicht-öffentliche Maßnahmen gegen eine Redaktion zu ergreifen oder dies öffentlich zu tun. Das sanfteste Sanktionsmittel ist der Hinweis. Ihn spricht der Presserat an die betroffene Redaktion bei einem geringen Verstoß gegen den Presskodex aus. Hinweise sind nicht-öffentlich. Die Missbilligung als zweite Möglichkeit ist ein Mittel gegen schwere Verstöße gegen den Kodex. Die betroffene Redaktion muss eine Missbilligung des Presserats gegen ihre Berichterstattung nicht abdrucken, der Beschwerdeausschuss des Presserats empfiehlt aus Fairnessgründen jedoch einen Abdruck. Die härteste Maßnahme des Presserats ist die Rüge. Rügen muss das betroffene Medium abdrucken – und sich damit selbst öffentlich an den Pranger stellen. Beispielsweise rügte das Gremium  die Zeitschrift „Die Aktuelle“ dafür, eine falsche Krankheitsgeschichte über TV-Comedian Gaby Köster abgedruckt und anschließend über die Genesung berichtet zu haben. Der Presserat sah die Persönlichkeitsrechte Gaby Kösters verletzt.

Die Zeitschrift „tv Hören und Sehen“ erhielt eine Rüge wegen der Veröffentlichung von Schleichwerbung. Das Magazin hatte vier Beiträge über Krankheitsbilder veröffentlicht, in jedem der Artikel wurde dabei ein Markenprodukt als Heilmittel genannt.

Großes Aufsehen erregte eine Rüge des Presserats für die „Bild-Zeitung“, als sie nach dem Tod des Popstars Michael Jackson ein Foto veröffentlichte, das den Musiker mit an ein Beatmungsgerät  auf einer Trage liegend zeigte und titelte „Hier verliert er den Kampf um sein Leben“. Der Presserat hielt diese Berichterstattung für „unangemessen sensationell“.

Der „zahnlose Tiger“

Soweit die Fakten. Wie sieht die Arbeit des Presserats aber in der Praxis aus? 18 Rügen hat er 2011 ausgesprochen – die Bild-Redaktion überbietet mit sieben davon für die Bild-Zeitung oder Bild-Online ihren Gesamtschnitt mit umgerechnet rund 39 Prozent. Die Frage ist jedoch – was schadet es Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung? Nicht umsonst gilt der Presserat in der Branche als „zahnloser Tiger“. Mehr als rügen kann er nicht – und wenn die Rüge trotz der selbstauferlegten Verpflichtung der Mitglieder zur Veröffentlichung nicht veröffentlicht wird, bleibt als Sanktion nur – die Rüge. Kein Wunder also, dass die Bild-Redaktion 2004 sechs Rügen empfangen und keine davon abgedruckt hat.

Ein Blick auf die Statistik zeigt außerdem, dass der Presserat mit Rügen sehr zögerlich umgeht: Mit 812 Beschwerden befassten sich die Ausschusssitzungen – durchschnittlich waren damit immerhin 2,2 Beiträge in Print- und Onlineauftritten diskussionswürdig im Sinne des Pressekodex. 42 Rügen kamen dabei heraus. Falsche Zurückhaltung oder begründete Vorsicht? Der Grund für diese auf den ersten Blick geringe Quote liegt wahrscheinlich in der Natur der Sanktion selbst: Immerhin muss der Presserat bei einer Entscheidung für eine Rüge bedenken, dass ein Thema durch seine erneute Publikation im Zusammenhang mit einer Rüge erneut Aufmerksamkeit erzeugt – und so kann der Effekt schnell ins Gegenteil umschlagen. Außerdem: Wer hindert die betroffene Redaktion daran, die Rüge zum Anlass zu nehmen, um sich erneut hinter ihre eigene Berichterstattung zu stellen?

Foto: flickr/Maria Reyes-McDavis (CC BY 2.0)