Not in my backyard – Nicht auf meinem Rasen

von Sebastian Seefeldt

Die Homophobie und der deutsche Profifußball – definitiv kein Sommermärchen. Wenn Christoph Daum, damals noch Trainer des 1. FC Köln öffentlich homosexuelle beleidigt, wenn Tausende Kehlen im Singgesang den VFB als „Schwabenschwuchteln“ bezeichnen, spätestens dann fühlt sich der aufgeklärte Mensch des 21. Jahrhunderts in ein mittelalterliches Zeitalter zurückversetzt. Dabei dominieren immer wieder die gleichen Vorurteile.

Der DFB ist homophob

Dem DFB wird seit Anbeginn der Zeit eine homophobe Haltung vorgeworfen – völlig zu Unrecht. Viele Menschen begehen den Fehler, den Fankosmos mit seinem eingeschränkten, starren Horizont und die Einstellung des DFBs gleichzustellen. Der DFB arbeitete unter Präsident Theo Zwanziger  jahrelang mit Verbänden wie dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD), Queer Football Fanclubs (QFF) und der European Gay & Lesbian Sport Federation (EGLSF) zusammen. Fraglich bleibt allerdings, wie erfolgreich diese Zusammenarbeit ist: In jedem Bundesligaspiel begegnet man einem Stadion, in dem Sprechchöre wie „schwule Sau“ noch harmlos sind, einem Stadion, in dem Homosexualität zur Stigmatisierung dient, kann und darf nicht als aufgeklärtes Stadion angesehen werden. In einem Stadion gelten andere Regeln: Es ist primitiv und von den positiven Entwicklungen der letzten Jahre unangetastet. In Zeiten von öffentlich schwulen Bürgermeistern, Comedians und Vizekanzlern scheint der Fußball als „letztes Reservat der Männlichkeit“ zu dienen.

Am 2. März hat Wolfgang Niersbach das „Erbe“ von Theo Zwanziger angetreten – fraglich bleibt, ob er es schaffen wird, die „Primitiven“ zu kultivieren. Denn selbst Zwanzigers Aufruf zum Outing, mit einer einhergehenden umfangreichen Unterstützung, blieben unerhört – feuerten die Debatte dennoch weiter an: Während Mario Gomez zum Outing rät, „wir haben einen schwulen Vizekanzler, der Berliner Bürgermeister ist schwul. Also sollten sich auch Fußballprofis zu ihrer Neigung bekennen“, steht Philipp Lahm der Thematik mehr als kritisch gegenüber „Der Spieler, der sich jetzt outen würde, der geht jedes Wochenende vor zigtausend Zuschauern seinem Job nach. Ein Guido Westerwelle spielt nicht jedes Wochenende vor 60.000 Zuschauern Fußball“. Wie sich ein Outing auf die Problematik auswirken würde, kann im Vorhinein wohl nicht prognostiziert werden – feststeht allerdings: Die Debatte ruht auf einem zentralen Klischee.

Es gibt keine Schwulen im Fußball

Analytisch betrachtet ein Ding der Unmöglichkeit. Zwar gibt es keine eindeutigen Daten, wie viele homosexuelle Männer in Deutschland leben, denn „schwul“ ist immer eine Definitionssache und nicht jeder ist dazu bereit sich in einer Umfrage als homosexuell zu outen. 2001 kam eine repräsentative Umfrage von EUROGAY auf 4,1%.  Aus genannten Gründen kann diese Zahl als absolute Untergrenze angesehen werden. Ein Rechenspiel: 18 Vereine spielen in der 1. Bundesliga, somit gibt es 198 Spieler in den jeweiligen Startaufstellungen. Geht man nun von einer Quote von 4,1% aus, kommt man auf mindestens 8 schwule Spieler in der Profiliga – allein in den Startformationen. Dass sie sich unter dem aktuellen Diktat der Männlichkeit nicht outen wollen, ist nur logisch – wie der Kommentar von Lahm erahnen lässt, ist sich der Sport längst seiner Homophobie bewusst. Der, einem Outing zwangläufig folgende, mediale Spießrutenlauf kann – im wahrsten Sinne des Wortes – tödlich sein, wie das Schicksal von Justin Fashanu tragisch bewusst macht.

„Justin Fashanu wurde von zwei Polizisten abgeführt. Er hatte sich geweigert, den Trainingsplatz zu verlassen. Brian Clough, Trainer von Nottingham Forrest, hatte den Stürmer 1982 rausgeschmissen. Er hatte erfahren, dass sich Fashanu in der Schwulenszene bewegte. Clough wollte die „verdammte Schwuchtel“, wie er es formulierte, nicht mehr in seiner Mannschaft haben. Das große Talent Fashanu, das bei Norwich City Ende der 70er-Jahre überzeugend aufgespielt hatte, wagte 1990 ein öffentliches Coming Out. Das Boulevard-Blatt „The Sun“ bezahlte ihm dafür 80.000 Pfund. Der öffentliche Druck sollte Fashanu zerbrechen, am 2. Mai 1998 erhängte sich Fashanu in einer Garage in London, er wurde 37 Jahre alt“ (dfb.de).

Das Outing von Fashanu mag zwar einige Zeit zurückliegen, aber es wirft immer noch seinen Schatten über die Profiliga.

 

Alle Fußballerinnen sind Lesben

Im Frauenfußball scheint der Begriff Homophobie nicht mehr gerechtfertigt – Hass und Diskriminierung wären die besseren Ausdrücke. „Lesben raus!“ titelte die Taz als die nigerianische Trainerin bekannt gab, sie würde die „dreckige Lebensweise“ nicht tolerieren. Vorfälle wie diese sind ein Grund dafür, wieso Frauen sich nach und nach aus dem Fußball zurückziehen. Wie manifestiert das Lesben-Stereotyp mittlerweile ist, lässt der Kommentar der Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Schaaf erkennen:

„Ich habe einmal eine Vertreterin eines Sponsors gefragt, was denken Sie, warum wir so wenig Fußballerinnen in der Werbung sehen? Wir als Medienwissenschaftler erwarten dann so was wie: Der Bekanntheitsgrad ist nicht so hoch, wir brauchen jemanden, der sehr bekannt ist. Aber die Person antwortete: Das ist doch total klar, warum die keine Werbepartner haben. Das sind doch alles Lesben und wer will schon Lesben in der Werbung sehen. Ich habe dann gedacht, ist das jetzt die persönliche Meinung? Wird erst auf die sexuelle Orientierung geschaut und dann ein Vertrag verhandelt? Aber sie meinte dann: Nein, nein, meine persönliche Meinung ist das nicht, ich habe überhaupt kein Problem damit. Aber Ähnliches haben auch andere Sponsoren gesagt, dass sie selber kein Problem damit haben, aber von anderen Kollegen wissen, dass es ein Problem für die Konsumenten ist.“

 

Ich habe überhaupt kein Problem damit“ – das könnte die zentrale Aussage der Problematik sein. Anscheinend hat niemand – oder nur wenige – ein Problem mit homosexuellen Sportlern, doch sobald nicht mehr die eigene Meinung gefragt ist, sondern die der Masse, herrscht im Fußball eine homophobe Stimmung. Homosexualität schön und gut – aber bitte nicht auf unserem Rasen.

 

Foto:  Peter Ankerstål/flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum “Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie”  am 17.5.2012. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

1, 2 oder 3? Braucht Facebook ein drittes Geschlecht?

Ein revolutionärer Vorstoß eines Abgeordneten aus Nepal: Sunil Babu Pant setzt sich für ein drittes Geschlecht auf Facebook ein. Das trifft den Zeitgeist, denn unlängst forderte der deutsche Ethikrat genau das für die BRD. Doch wie reagiert Facebook?

Klischee vs. Realität? Der Homo-Film

von Pascal Thiel

Knallige Farben, schrille Electrobeats. Geschminkte, aber nicht gerade sehr männlich wirkende Jungs Anfang 20. Die Beine mittels Bräunungscreme getönt, rasiert und nackt. Sie stolzieren durch den Schwulenclub, stets die muskelbepackten Oberkörper der Typen an der Bar im Blick – so stellt sich der Durchschnittsfernsehkonsument das schwule Leben und somit natürlich auch einen „richtigen“ Schwulenfilm vor. Doch das Klischee täuscht. Fünf schwule Filme fernab des Stereotyps.

Klischeefilme: Eine Gefahr?

Ein großer Teil des gegenwärtigen nationalen und internationalen Kinogewerbes hat jedoch glücklicherweise mehr auf und im Kasten, als so mancher Filmemacher, der meint, das Publikum mit kreischenden Tunten und Quiche Lorraine als Sexspielzeug belästigen zu müssen. Obwohl diese Filme in der Regel eine Parodie der Schwulenklischees beabsichtigen, führen sie bei Menschen, die sich mit homosexuellen Themen oder Inhalten eher weniger beschäftigen, zumeist doch zu einer Festigung dieser: Sie sehen sich in ihren Vorurteilen bestätigt, da sie den parodischen Unterton nicht bemerken. Für sie gilt das Klischeebild des CSD: Tunte oder Leder. Die, mit der Wirklichkeit vertrauten, Homosexuellen, müssen sich dann gegen diese Klischees erwehren, um nicht sofort in die Tunten-Schublade gesteckt zu werden.

Doch abseits dieser in Übertreibung und Provokation ersaufenden Klischeefilme erlebt die Homosexualität seit einigen Jahren einen erstaunlichen Aufschwung auf der Leinwand. Dabei steht sie zum Teil unmittelbar im Zentrum der des Interesses: Etwa in Sommersturm, I killed my Mother und Brokeback Mountain. In anderen Filmen wiederum ist sie lediglich ein Randaspekt – etwa in Toast und Was nützt die Liebe in Gedanken.

Meilensteine im Homofilm

Große Gefühle gibt’s in dem deutschen Coming-Out-Film überhaupt: Sommersturm (2004). Während eines Trainingslagers seiner Rudergruppe erlebt Tobi, der in seinen besten Freund Achim verliebt ist, ein turbulentes Coming-Out, das die Freundschaft der beiden zu zerreißen bedroht. Sommersturm war bis dato und ist wohl bis heute der einzige Film im deutschen Kino, der sich mit solch einer Intensität mit dem Thema Homosexualität beschäftigt. Er erzählt auf eine erstaunlich authentische Weise – was sowohl dem Drehbuch als auch der perfekten Auswahl der Schauspieler zu verdanken ist – die besonders schwierige, manchmal auch kräftezehrende Phase des inneren und äußeren Outings, die Millionen Jugendliche durchleben. Zugleich aber zeigt er auch die Ressentiments mancher Jugendliche gegenüber Homosexuellen und versucht diese zu beseitigen.

Diese schwierige Zeit im Leben eines Menschen wird auch in Xavier Dolans I killed my Mother (CA 2009) thematisiert. Hier steht die Homosexualität allerdings im Zeichen der zweiseitigen Persönlichkeit eines fast zwanzigjährigen Protagonisten: Auf der einen Seite sieht man einen künstlerischen, aber reichlich egoistischen Möchtegern-James-Dean, der sich intellektueller Lyrik und Literatur hingibt, auf der anderen Seite einen pubertierenden, fast hysterischen Frühreifen, dessen Mutter seine Homosexualität im Sonnenstudio von der seines Freundes erfahren muss. Aus Ersterem ergibt sich ein besonderer Aspekt der Homosexualität: Eine gewisse Abgrenzung von gleichaltrigen Heterosexuellen und dem Austritt aus dem gewohnten Alltag zur Verdeutlichung des Andersseins, auch durch Verhalten, Lebensweise oder Mode. Das nimmt auch Dolans zweiter Film Herzensbrecher auf.

Für das größte mediale Echo und eine gesellschaftliche Diskussion über Homosexualität- sorgte der wohl bekannteste Homo-Streifen: In Brokeback Mountain (USA 2005) wird eines der wohl stärksten Symbole des American Dream, also gewissermaßen ein Heiligtum der amerikanischen Konservativen, mit Homosexualität in Verbindung gebracht: Der Cowboy. Obwohl sich der „schwule Cowboy“ im Nachhinein zu einem homoerotischen Sexsymbol auf der einen Seite und einer homophoben Metapher auf der anderen Seite entwickelte, stellt der Film wie kaum ein anderer zuvor den Kampf zweier Männer für ihre gemeinsame Liebe dar, der sich über Jahrzehnte hinzieht und schließlich gewaltsam in gesellschaftlichem Hass und Intoleranz erstickt. So treffen in Brokeback Mountain nicht nur zwei junge Cowboys der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufeinander, sondern auch hochaktuelle Themen unserer Zeit: Vom Versteckspiel mancher Homosexuelle, die sich in Familien flüchten, in dem Glauben, sich an die gesellschaftliche Mehrheit anpassen zu müssen, bis hin zur aggressiven, homophoben Haltung von Menschen unserer Gegenwart.

Schwul? Na und?

Viele Filme behandeln das Thema Homosexualität sehr entspannt. Ein Beispiel: Toast (GB 2010). In dieser Komödie kämpft sich der junge Nigel Slater (heute einer der angesehensten britischen Starköche) durch eine harte Kindheit und Jugend, geprägt von einer kochunfähigen Mutter, deren Tod und von der Putzfrau Mrs. Potter, die sich mithilfe ihrer Köstlichkeiten aus der Küche an seinen Vater herankocht, was schließlich in dessen Tod und Nigels Flucht endet. Die Homosexualität wird dabei als begleitender Faktor, aber nicht als etwas Besonderes oder Außergewöhnliches beschrieben. Wie es im Leben eben ist, wird erst die Zuneigung des kleinen, ca. sechsjährigen Nigels zu einem benachbarten Gärtner, dann im jugendlichen Alter die erste Liebe gezeigt – jedoch wird die sexuelle Identität dabei nie in den Vordergrund gestellt – vielleicht die versteckte Botschaft des Regisseurs, nicht diese zu sehen bei Homo- und Bisexuellen, sondern deren Talente, deren Persönlichkeit – wie bei jedem anderen auch.

Wenn man über Sexualität spricht, dann wird schnell deutlich:

Homo- und Heterosexualität sind zwei grundverschiedene Dinge. Spricht man über die Liebe, so ist das nicht mehr zwangsläufig so. Was nützt die Liebe in Gedanken (D 2005) zeigt auf eine herrlich lockere Weise, dass man dem zustimmen kann. Wären all die gesellschaftlichen Meinungen und Einschätzungen nicht, so würde man gar nicht mehr von homosexuellen Inhalten sprechen, sondern von einem ganz normalen Liebesdrama. Denn so haben die Macher des Films die Homosexualität eingebunden. Es spielt keine Rolle, welche Geschlechter sich gegenseitig lieben, sondern dass sie sich lieben, Homosexualität wird auch hier nicht als etwas Außergewöhnliches dargestellt. Wenn das auch in unserer realen Gesellschaft getan wird, ist sie bei der heute geforderten Gleichstellung angekommen.

Foto: spielfilm.de, cinema.de

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum „Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie“. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

Out und raus! Wenn die Medien outen

von Alexander Karl

Die Symbiose zwischen Presse und öffentlichen Personen ist sehr alt. Aber auch hier gibt es Schattenseiten: Die Presse ist auf eine gute Geschichte aus und fragt sich (nicht immer), ob man den öffentlichen Personen damit schaden könnte. Gerade beim Thema Homosexualität wird viel Fingerspitzengefühl verlangt: Tut man Promis mit einem öffentlichen Outing einen Gefallen oder zerstört es die Karriere?

Homophobie und die Angst

Noch immer ist Homosexualität in Deutschland ein Tabuthema. Ja, natürlich wird darüber geschrieben und gesprochen, aber die Akzeptanz in der Bevölkerung lässt noch immer zu wünschen übrig. Das zeigt aktuell der Fall des DSDS-Kandidaten Kristof Hering, der wegen seiner Homosexualität angefeindet wird – er spricht sogar von Todesangst nach diversen Drohungen! Viele andere Personen der Zeitgeschichte gehen mit ihrer sexuellen Orientierung nicht so offen um und entgehen deshalb möglichen Anfeindungen – verhindern durch ihr Verhalten aber auch, dass (homophobe) Gesellschaftsschichten verstehen, dass Homosexualität längst kein Randphänomen, sondern ein Querschnittsphänomen ist: Die sexuelle Orientierung macht vor keiner Berufsgruppe, Nationalität oder Altersgruppe halt. Natürlich ist nicht jeder der „schwul wirkt“ automatisch schwul (auch wenn Google es suggeriert), aber die Dunkelziffer der Ungeouteten ist hoch. Und gerade auch große Massenmedien wissen um die wahre sexuelle Orientierung von Stars.

Der Fall Krupp anno dazumal

Kritisch wird es aber immer dann, wenn Menschen unfreiwillig geoutet werden. Und dieses Vorgehen von Seiten der Presse ist nicht neu: Am 15. November 1902 outete das SPD-Parteiblatt Vorwärts den Industriellen Friedrich Alfred Krupp als Homosexuellen  – vordergründig, um mit der nun offensichtlichen klassenübergreifenden Homosexualität für die Abschaffung des Paragraphen 175 Stimmung zu machen. Der Paragraph 175 des Reichsstrafgesetzbuchs bestand ab 1872 und hieß in der Fassung des Kaiserreichs: „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ Paragraph 175 existierte in diversen Formen bis 1994 fort – unter den Nazis verschärft, ab Ende der 1950iger gelockert.

Zurück zu Krupps Outing im Jahr 1902. Im Parteiblatt Vorwärts hieß es dann: „Herr Krupp gehört zu jenen Naturen, für die der § 175 eine stete Qual und Bedrohung bedeuten würde […]. [Er] huldigt mit den jungen Männern der Insel [Capri] dem homosexuellen Verkehr.“ Damit war Krupp also geoutet. Hinzu kam aber noch eine Vielzahl von weiteren Vorwürfen: Es gab den Verweis auf Kaiser Tiberius, der auf Capri Orgien gefeiert haben soll. Zudem sollten Bilder des Verkehrs vorliegen, doch alles sollte durch Korruption (Bestechung der Medien) unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten worden sein. Des Weiteren wird Krupp vorgeworfen, dass er aufgrund seiner sexuellen Vorliebe die Insel verlassen musste. Weiter heißt es dann: „Es handelt sich um einen pervers veranlagten Mann. Denn das Mitleid, dass das Opfer eines verhängnisvollen Natur-Irrtums verdient, muss versagen, wenn die Krankheit zu ihrer Befriedigung Millionen in ihre Dienste stellt.“

Dass die SPD im Kaiserreich deutliche homophobe Tendenzen aufzeigte, wird schnell deutlich; neben seiner sexuellen Orientierung gab Krupp aber auch aufgrund seiner Stellung aus bekannter Industrieller eine perfekte Zielscheibe ab. Anhand seiner Person konnte die Verdorbenheit der herrschenden Klasse gezeigt werden. Und deshalb war der Vorwärts wohl nur zu gerne bereit, Krupp in der Öffentlichkeit zu outen. Der Industrielle selbst bestritt bis zu seinem Selbstmord am 22. November 1902 alle Vorwürfe ab.

Moderne Medienlandschaft

Zwar ist in weiten (großstädtisch geprägten) Teilen der Bevölkerung Homosexualität kein Tabu- oder Igitt-Thema mehr, doch in der breiten Masse gilt Homosexualität immer noch als Skandalthema – und so natürlich auch für die Boulevardmedien. Es kursieren in der Branche viele Namen, gerade von TV-Prominenten. Einige Schauspieler sind schwul, doch da sie es nicht selbst thematisieren, halten die Medien ihre Informationen zurück und spielen das „ich bin Single“-Spiel mit. Andererseits wären es aber genau jene Gesichter, die nötig wären, die Akzeptanz in der Gesellschaft noch weiter zu erhöhen. Der Branchendienst dwdl.de bringt es auf den Punkt: „Jedes gelebte Beispiel dafür, dass man sich nicht verstecken muss, ist auch heute noch auch ein Befreiungsschlag für schwule und lesbische Jugendliche, die noch genau das tun, weil sie nicht einmal Familie und Freunden, manchmal nicht einmal sich selbst eingestehen wollen, anders zu sein.“ Wenige Stars bekennen sich zu ihrer Homosexualität. Da wäre etwa Neil Patrick Harris, Star aus How I met your mother, der sich 2006 outete. In Deutschland sind es vor allem Moderatoren, die ihr Schwulsein öffentlich gemacht haben: Hape Kerkeling, Dirk Bach und Thomas Herrmanns. Bei einem anderen ist es ein offenes Geheimnis, wie sowohl bild.de also auch dwdl.de schreiben: Marco Schreyl. In der letzten DSDS-Staffel konnte man immer wieder Andeutungen mehr als zweideutig verstehen, aber ein öffentliches Outing blieb aus – bisher. Andere Namen sollen an dieser Stelle nicht genannt werden, da viele Schauspieler und Medienmenschen scheuen die Öffentlichkeit aus Angst um ihren Job. Nicht, dass sie dann nicht von den Programmschaffenden weiter beschäftigt werden, weil diese Resentiments gegen Schwule hätten. Sondern vielmehr, weil die Angst vor der Reaktion der Fans besteht.

Denn auch, wenn Homosexualität in allen Gesellschaftsschichten angekommen ist, ist es die Gesellschaft selbst, die sich selbst beschränkt und ihre eigenen Rechte auf ein freies Leben beschränkt. Und um sich noch einen Rest Privatleben zu erhalten, kämpfen schwule und lesbische Promis um ihr Geheimnis. Denn solange noch immer die (berechtigte) Angst besteht, dass die sogenannten Fans Sturm laufen, werden weiterhin viele Promis ein Doppelleben führen. Und in ihren Augen führen müssen. Denn niemand will den Krupp’schen Spießrutenlauf selbst erleben.

Foto: flickr/incurable_hippie (CC BY-NC 2.0), flickr/Li’l Wolf (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum „Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie“. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

In eigener Sache: Teilnahme am „Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie“

Der medienkritische Blog www.media-bubble.de beteiligt sich bei der Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum „Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie“ und hinterfragt zu diesem Thema die Darstellung von Homosexualität und den Umgang mit Schwulen und Lesben in den Medien. Die Redaktion beschloss einstimmig, bei der Aktion mitzumachen und steuert eine Vielzahl von neuen Texten zum Thema bei. Bereits in der Vergangenheit beschäftigte sich media-bubble mit queeren Thematiken und Gender-Fragen.

Zum Aktionstag am 17. Mai wird es auf media-bubble.de einen Post zu diesem Thema geben, aber bereits im Vorfeld wird sich die Redaktion mit der Thematik auseinander setzen. Auf unserer Themenseite gibt es eine Übersicht der Artikel zum Thema.

 

 

Kinderquatsch mit Dieter

von Alexander Karl

Es ist keine neue Idee, Kinder auf die Bühne zu stellen und süße Lieder singen zu lassen. Michael Schanze tat es 12 Jahre lang. Jetzt plant Dieter Bohlen eine DSDS-Kids-Version. Und prompt warnt der Deutsche Kinderschutzbund vor einer Teilnahme.

DSDS für Kids – so hart wie immer?

DSDS-Kids richtet sich an 4- bis 14 Jährige, die sich noch bis zum 31. März bewerben können – die erste Show läuft dann am 5. Mai. Bohlen selbst sagt zu dem Format: „Es gibt in unserer Show  nur Gewinner, keine Verlierer.“ Das wäre in der DSDS-Geschichte tatsächlich  neu. Immerhin ist der Juror bekannt für Sprüche wie „Ich habe nichts gehört, meine Ohren waren mit Kotzen beschäftigt“ oder „Du musst nicht traurig sein. Guck mal, Schweine können zum Beispiel nicht Stabhochspringen und sind deshalb auch nicht traurig“. Nicht unbedingt etwas, was man zu Kindern sagen sollte. Und natürlich jede Menge Tränen, wenn der große Traum vom Superstar zerplatzt. Ganz zu schweigen von den Demütigungen und Bloßstellungen, die mancher Kandidat über sich ergehen lassen musste. Auch deshalb rät der Deutsche Kinderschutzbund davon ab, sich bei DSDS-Kids zu bewerben. Aber in der Vergangenheit bewies Bohlen, dass er Kinder tatsächlich deutlich vorsichtiger behandelt, als die älteren Kandidaten. Von daher könnte man es ihm glauben, wenn er sagt: „Ich habe selber fünf Kinder. Ich werde sehr, sehr nett zu den Kindern in der Show sein. Ich werde sie alle wie meine eigenen behandeln.“ Viele Eltern scheinen davon überzeugt zu sein, dass Bohlen sein Wort hält. 2000 Eltern sollen sich bereits in den ersten 20 Stunden ihre Kinder angemeldet haben. Fraglich ist, ob dahinter tatsächlich die Lust der Kinder zum Singen oder der Profilierungswillen der Eltern steckt. Doch die Idee, dass Kinder im TV ihr Gesangtalent unter Beweis stellen, ist nicht neu.

Kinderquatsch

Von 1991 bis 2003 war es Michael Schanze, der mit seiner Sendung „Kinderquatsch mit Michael“ 4 bis 6-Jährige die Chance gab, im Fernsehen zu singen. Da war viel Spaß dabei, die Kinder durften erzählen, es war eben „Kinderquatsch“ und nicht DSDS. Natürlich hat sich das Format DSDS einen Namen durch die harte und pointierte Kritik von Bohlen gemacht, gespickt mit allerlei Schicksalsgeschichten, die RTL gerne auswälzte. Jüngstes Beispiel: Joey, den sein Vater als Kind angeblich umbringen wollte. Da besteht eine berechtigte Angst, dass es beim Kinder-Format nicht besser wird und nur Kinder aus zerrütteten Familien mit schweren Krankheiten auf die Bühne geholt werden.

Doch die Kritik daran, dass (Klein-)Kinder auf die Bühne geholt werden oder sie freiwillig betreten, sollte endlich verstummen: Bei „Kinderquatsch mit Michael“ oder „Wetten dass…?“ waren seit jeher junge Kandidaten vor der Kamera. Trotzdem hat der Medien Monitor recht, wenn er schreibt:

Eine Staffel Deutschland sucht den Superstar, in der nicht nur der eine Superstar gesucht wird, sondern alle wie versprochen die Gewinner sind, ist nicht „Deutschland sucht den Superstar“. Es wird Niederlagen geben, Tränen und Misserfolge, so viel steht fest. Und selbst die erfolgreichen Kids werden das helle Rampenlicht und seine Schattenseiten sicherlich nicht unversehrt überstehen.

Ja, die Kinder werden dadurch natürlich in die Öffentlichkeit gezogen, die zwar aktuell bei DSDS immer kleiner wird. Trotzdem besteht aber die Chance, dass Bohlen sein Wort hält und die Kinder nicht vorgeführt werden. Eben weil die Quoten des regulären DSDS fallen, könnte ein neuer und humanerer Anstrich dem Image der ganzen Sendung gut tun.

Übrigens: Wer „Kinderquatsch mit Michael“ nicht mehr kennt, kann hier einmal reinschauen.

Foto: flickr/ notsogoodphotography (CC BY 2.0)

„Springer-Lobby“ und „Nazi-Boom“ – das Leistungsschutzrecht

von Sebastian Seefeldt

Es war am 4. März 2012: Der Koalitionsausschuss macht erste deutliche Schritte in Richtung Leistungsschutzrecht. Kurz darauf standen – virtuell – die Straßen in Flammen. Eine Welle der Empörung und der Ungläubigkeit ging durch das Netz: Von Springer-Lobby bis hin zum NPD-Boom, wie ihn Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner (Bündis 90/Die Grünen) prognostiziert, ist die Rede. Was soll man also von diesem „Leistungsschutzrecht“ halten – und was ist das überhaupt?

Schnipsel-Krise

Viele große Verlage nehmen eine klare Pro-Leistungsschutz-Stellung ein, beispielsweise der Cheflobbyist Christoph Keese. Die immer wiederkehrenden Argumente der Verlage scheinen logisch: So genannte Snippets, also kurze Textauszüge (Schnipsel) einer Webseite, werden kommerziell von News-Aggregatoren genutzt, ohne dass die Verlage eine Gegenleistung erhalten. „Mit dem Leistungsschutzrecht wollen sich die Verleger ihre verlegerischen Investitionen in Organisation, Vermarktung, Personal und Vertrieb schützen lassen“ (sueddeutsche.de). Schwarz-Gelb reagiert: „Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Verlage im Online-Bereich nicht schlechter gestellt sein sollen als andere Werkvermittler. Deshalb sollen Hersteller von Presseerzeugnissen ein eigenes Leistungsschutzrecht für die redaktionell-technische Festlegung journalistischer Beiträge oder kleiner Teile hiervon erhalten. Gewerbliche Anbieter im Netz, wie Suchmaschinenbetreiber und News-Aggregatoren, sollen künftig für die Verbreitung von Presseerzeugnissen (wie Zeitungsartikel) im Internet ein Entgelt an die Verlage zahlen. Damit werden die Presseverlage an den Gewinnen gewerblicher Internet-Dienste beteiligt, die diese – mit der bisher unentgeltlichen – Nutzung der Verlagserzeugnisse erzielen“, so hieß es im Koalitionsausschuss am 4. März 2012. Klingt doch vernünftig – wo liegt also das Problem?

Von Igeln und Schlüsseln

In Zeiten, in denen die Zeitungsbranche mit einem ständigen Rückgang der Auflagen kämpfen muss, ist das Bestreben nach neuen Einnahmequellen doch nur eine logische Folge. Das Leistungsschutzrecht sieht hierzu eine Verwertungsgesellschaft vor, welche die Gelder einzieht und anschließend anhand eines speziellen Schlüssels an die Verlage austeilt. Dass der Normalbürger bei dem Wort „Verwertungsgesellschaft“ erst einmal zusammenzuckt, ist – GEMA sei Dank – nicht weiter verwunderlich. Der Koalitionsausschuss versprich aber „die private Nutzung von Presseerzeugnissen im Internet wird nicht vergütungspflichtig, normale User werden also nicht betroffen sein. In der gewerblichen Wirtschaft bleiben das Lesen am Bildschirm, das Speichern und der Ausdruck von Presseerzeugnissen kostenfrei“. Der Normalbürger ist also nicht betroffen? Der Schein trügt.
Der angewandte Schlüssel zur Verteilung der Einnahmen könnte eine Lawine ins Rollen bringen, deren Ausmaße sich unserer Vorstellung entziehen. Ein mögliches Zukunftsszenario der FAZ sieht im Leistungsschutzrecht den Untergang der Zeitungen. Was gewagt klingen mag, ist dennoch logisch. News Aggregatoren wie Google News sorgen dafür, dass zahlreiche User auf die Seiten der Zeitungsbranche landen, was wiederum ein Plus in den Einnahmen der Onlinewerbung zur Folge hat. Wäre demzufolge ein symbiotisches Zusammenleben, ein Geben von Usern und ein Nehmen von Werbeeinnahmen nicht die bessere Lösung?

Weiterhin fraglich bleibt der Ausschüttungsschlüssel – wer bekommt wie viel? Ein Kriterium hierfür wird sicherlich die Reichweite der jeweiligen Zeitung sein. Die 10 größten Verlage würden sich demnach knapp 60% der Einnahmen teilen, wohingegen sich viele kleine Regionalzeitungen mit dem Rest begnügen müssten. Die Folge: Die Großen werden noch größer, die Kleinen werden aufgekauft oder gehen schlichtweg bankrott. Glaubt man nun Tabea Rößner, schafft genau diese Situation den Nährboden, auf dem die NPD ihr Gedankengut säen kann.
Mittlerweile haben sich Organisationen gegen das Leistungsschutzrecht zusammengetan, beispielsweise die Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL), welche interessanterweise von Google unterstützt wird. Auf ihrer Seite findet sich eine Pro- und Kontra- Argumentation der Debatte (natürlich aus der Sicht der Kontra-Fraktion).

Netzneutralität in Gefahr

Auch die Netzneutralität und Infrastruktur scheinen gefährdet zu sein, wie Georg Nolte berichtet.

Das von den Presseverlagen geforderte Verbotsrecht in Bezug auf Snippets zielt letztlich auf ein Kernelement der Internetarchitektur, nämlich der Möglichkeit, frei zugängliche Inhalte im Internet durch die Verwendung von Hyperlinks zu vernetzen. Betroffen wären nicht nur Anbieter von Suchmaschinen, sondern jeder, der unter Zuhilfenahme kurzer Snippets auf Verlagserzeugnisse verlinkt.
[…]
Zudem würde eine Suchmaschinenbetreiber – und ggf. auch Accessprovider – treffende Vergütungspflicht zugleich in empfindlicher Weise in die Neutralität der Netzinfrastruktur eingreifen und den Grundsatz der „inhaltsneutralen Bereitstellung“ solcher Dienste in Frage stellen.[…]Diese ließe sich nicht gewährleisten, wären
derartige Dienste im Hinblick auf die Zugriffseröffnung bzw. -erleichterung Verbots- oder Zahlungsansprüchen einer bestimmten Gruppe von Contentanbietern ausgesetzt.

Gerade in Aufgaben der öffentlichen Meinungsbildung ist es fraglich, ob ein derart weitreichender Eingriff wie das Leistungsschutzrecht gerechtfertigt ist. Google und Co. haben es vorgemacht: Mit guten Inhalten kann im Internet Geld verdient werden – das Leistungsschutzgesetz sorgt allerdings für ein Verharren im alten System, statt Innovationen im journalistischen Bereich zu fördern.
Gerade für Blogger stellt das Leistungsschutzrecht eine ACTA gleichkommende Zensur da, schließlich basiert das Bloggen meist auf dem Zusammenfügen von bestehenden Inhalten. Wenn also ein Blogger eine Werbeanzeige auf seiner Seite schaltet – gilt er dann noch als Privatanbieter oder schon als gewerblich und fällt somit unter das Leistungsschutzrecht? In Anbetracht der Gier, die die großen Verlagshäuser an den Tag legen und unter den Bedingungen einer Regierung, die Wachs in den Händen der Lobbyisten zu sein scheint, ist die Antwort wohl klar: Salut Zensur und adieu freies Internet – schon wieder.

Foto: flickr/yago1.com (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/Maria Reyes-McDavis (CC BY 2.0)

Wissen und wissen lassen

von Alexander Karl

Fernsehen soll eigentlich nicht nur unterhalten, sondern auch Wissen vermitteln. Mittlerweile sind die Übergänge aber fließend: Willkommen in der Welt des boulevardisierten Wissens! Längst haben Programmformate wie „Galileo“ den Schritt gewagt. Und die Quoten geben ihnen recht.

Wissen light: Galileo

Wissen schaffend?

Dass das Fernsehen ein generell gutes Medium ist, um Wissen zu vermitteln, finden Elke Schlote und Claudia Maier: „… Fernsehen [eignet sich] mit der Vielzahl seiner Darstellungsmittel besonders gut für die Erklärung von wissenschaftlichen Zusammenhängen“. Aber wie kommen Wissensformate beim Zuschauer an? In einer Studie zum Rezeptionsverhalten wählten Schlote und Maier die Wissenschaftsmagazine „Galileo“, „Quarks & Co“ und „Mythbusters“ aus und befragten Rezipienten im Alter von 14 bis 16 Jahren. Über die Sendungen hieß es da etwa:

„HauptschülerInnen finden Mythbusters mindestens ebenso lehrreich wie Quarks & Co und besser verständlich, auch wegen des größeren Unterhaltungswerts. […] Galileo bleibt in seiner Serviceorientierung bei sehr konkreten Themen und kann so keinen fundierten Einblick liefern, wie die wissenschaftliche Beschäftigung mit komplexeren Fragestellungen funktioniert. Es wird von den Jugendlichen vor allem wegen seiner »Alltagstauglichkeit« geschätzt.“

Dieser Begriff der „Alltagstauglichkeit“ wird gerade bei Galileo in den letzten Jahren immer weiter gedreht: Manchmal wird aus der Wissens- eine Rankingshow, mit den „ungwöhnlichsten Fastfoodbuden„, dem „härtesten Feuerwerk der Welt“ oder den „Top 15-Sex-Mythen„. Ohne Zweifel: Auch hinter diesen (boulevardesken) Themen kann Wissen versteckt sein. Mit den 100-Sekunden versucht Galileo immer wieder, aktuelle Themen kurz und prägnant zu erklären und Antworten zu liefern – die Themen hierbei reichen von Wikipedia bis zum „Benzinwahnsinn„. Auch hier gilt: Ja, es sind relevante Themen, aber die Art der Aufmachung und die Thematisierung erinnert doch sehr an die (deutsche) Yellow Press. Und auch Galileos Fake-Check – vornehmlich wird dort die Echtheit von Internetvideos überprüft – ist eher Wissenschaft light als Wissen schaffend.

Die Kritik an Wissensformaten ist nicht neu. So sagte bereits 2006 der Medienkritiker Hans Hoff, dass es bald einen „Kater des Wissens“ geben werde. Auf der anderen Seite steht der Wissenschaftsjournalist Prof. Winfried Göpfert, der zwar einräumt, dass das „Fernsehen bei Bildung und Wissensvermittlung durchaus Grenzen“ habe – aber eben auch Türen öffnen kann. Er findet generell den „Boom von Wissens-TV sehr begrüßenswert“. Natürlich kann vermutet werden, dass die privaten Sender generell Wissen unterhaltsam aufbereiten müssen, um eine gute Quote einzufahren. Doch längst haben auch die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Programm dem der Privaten angepasst: So wird etwa in der HR-Sendung „Alles Wissen“ getestet, wie man 24 Stunden ohne Strom auskommen kann. Oder „W wie Wissen“ fragt, ob Insekten die neue „Super-Mahlzeit“ sind. Wäre doch eigentlich auch ein Thema für Galileo, oder?

Wissen oder Unterhaltung?

Der Medien-Monitor beäugt Galileo äußerst kritisch. Da heißt es: „Und damit das nicht mit Galileo passiert, die Sendung am Ende nicht abgesetzt wird, muss es wohl krachen, muss es spannend sein. Das ist bedenklich und führt dazu, dass die Sendung kein Wissensmagazin mehr ist.“ Aber kann überhaupt noch zwischen Wissen und Unterhaltung unterschieden werden? Und macht diese Trennung überhaupt Sinn? Wer möchte einen wissenschaftlichen Bericht über den Proteingehalt von Heuschrecken sehen oder Statistiken zur Zusammensetzung des Benzinpreises, die an Uni-Texte erinnern? Wenn es in Tests, Checks und Selbstversuchen ein wenig menschelt, sinkt der wissenschaftliche Gehalt der Kernaussage nicht per se, nur der Rahmen wird verändert. Und das ist auch gut so. Denn die Versuchung der reinen Unterhaltung liegt meist nur einen Sendeplatz entfernt. Im Fall von Galileo sind es etwa „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder „Alles was zählt“. Und ein wenig buntes Wissen ist doch besser als gar keins. Oder?

 

Foto: Tita Totaltoll / photocase.com

Praktikum bei der BILD: Ich verkaufe meine Seele… nicht!

Gleich vorne weg: Ich habe meine Seele noch, kann noch in den Spiegel schauen und mein Gewissen ist rein. Wieso denn auch nicht? Vier Wochen habe ich ein Praktikum bei BILD Berlin, drei sind vorbei. Und das Fazit ist… positiv. Sehr positiv, um genau zu sein. Warum? Da gibt es genügend Gründe.

Kony 2012

von Sebastian Luther

Am 20. April 1889 wurde Adolf Hitler im österreichischen Braunau geboren. Die NGO „Invisible Children“ (IC) hat dieses Datum für eine Geburt der anderen Art gewählt: Am 20. April 2012 soll die ganze Menschheit auf das Konterfei Joseph Konys blicken. Es wird auf den Plakaten von „KONY 2012“ zu sehen sein, in einer Reihe mit Osama bin Laden und Adolf Hitler. Und auch Kony soll nach Jahrzehnten des Terrors endlich das Handwerk gelegt werden.

Das Sichtbare

Die bedeutungsschwangere Verbindung lässt einen kurz innehalten, ein Effekt in seiner Natur wahrscheinlich ebenso von den Initiatoren intendiert, wie die symbolträchtige Konnotation der Konterfeis auf den Plakaten. Hitler und bin Laden – Ikonen des Bösen, Schaubilder, auf die wir unsere Ängste und gleichzeitig unsere Aggressionen projizieren können und die uns daran erinnern, dass Übeltäter zur Strecke gebracht werden. So soll es zweifelsohne auch mit Kony passieren. Vor 25 Jahren gründete dieser seine Miliz, die „Lord’s Resistance Army“ (LRA). Seitdem terrorisiert sie die Grenzgebiete zwischen Uganda, Südsudan und der zentralafrikanischen Republik. Es ist ein gnadenloses, perfides Vorgehen: Kinder werden dazu gezwungen, ihre Eltern zu töten, die Jungen müssen als Kindersoldaten für Kony kämpfen, die Mädchen werden zu Sexsklavinnen. Es kommt zu Massenvergewaltigungen, Morden, Brandschatzungen und anderen Verbrechen. Der Mitgründer von IC, Jason Russell, trifft 2003 in Uganda zum ersten Mal auf Jacob, der auch in seinem Video zu sehen ist. Geschockt, entsetzt von den unfassbaren Gräueltaten entschließt er sich dazu, Jacob zu helfen, Kony und die LRA zur Strecke zu bringen.

IC hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Ugandas Armee soll Kony verhaften, unterstützt durch Spendengelder und westliche Militärberater, die helfen, das Vorgehen zu koordinieren. Die US Regierung hat bereits im Oktober 2011 rund 100 Soldaten nach Uganda geschickt, um eben diesen Auftrag auszuführen. Neben der Verhaftung Konys will IC noch andere Projekte umsetzen, wie ihre Webseite verrät. So werden etwa Schulen neu gebaut, Lehrer ausgebildet und Einrichtungen unterstützt, die ehemaligen Kindersoldaten dabei helfen sollen, psychisch und physisch aus dem Krieg in ihre Familien zurückzukehren. In einem Vortrag vor dem christlichen „Liberty College“ im November 2011 spricht Russell außerdem von einem weiteren Ziel: Missionierung.

Das Unsichtbare

Seitdem das Video „Kony 2012“ vor vier Wochen bei Vimeo und vor zwei Wochen bei YouTube online gegangen ist, wurde es addiert über 100 Millionen mal gesehen (Stand: 19.3.) und hat eine hoch emotionale, binäroppositionelle Debatte losgetreten, die sich weit über die Foren, Webseiten und Social Media Plattformen des Internets erstreckt. Die Strategie der Produzenten ist aufgegangen: Kony 2012 wird jetzt schon als eines der erfolgreichsten Viral-Marketing Phänomene gewertet, die es bis heute gab. Das Prinzip von Viral Marketing ist einfach. Ein Video oder eine Webseite tritt an die Stelle einer teuren Werbekampagne. Anstatt Aufmerksamkeit durch Werbepräsenz zu akkumulieren, wird das Video ähnlich einem Virus von einem User zum nächsten weitergegeben, ohne dass kostspielige Maßnahmen zum Einsatz kommen, da der gewünschte Effekt, Verbreitung und damit Aufmerksamkeit, durch die User selbst erreicht wird. Im Fall Kony 2012 wendet sich das Blatt jedoch langsam. Nach dem anfangs überwältigendem positiven Echo und der schlagartigen Verbreitung im Netz, werden jetzt auch die Kritiker der Initiative immer mehr und lauter. Die Vorwürfe wiegen schwer: Das Video sei eindimensional und vereinfache einen komplexen Konflikt, es kämen, abgesehen von Jacob, ansonsten nur weiße Aktivisten vor, Ugandas Armee hätte sich ebenso Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht und IC bewege sich in kritischer Nähe zu evangelikalen, homophoben Organisationen und der Investmentbank JP Morgan, da Ben Keesey, der CEO von Invisible Children, früher dort gearbeitet hat. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass IC nur ein Drittel der Spendengelder nach Afrika schickt. Den Rest gibt sie für sich selbst aus, also für Gehälter und Organisation, und für die Aufmerksamkeitskampagne an sich. YouTube-Userin „slubogo“, deren Video über drei Millionen mal angeklickt wurde, wirft IC außerdem vor, das Video stelle eine veraltete Situation in Uganda dar, Kony habe sich längst zurückgezogen und sei kaum noch aktiv.

Das Offensichtliche

IC hat auf einige dieser Vorwürfe reagiert, doch eines bleibt: Auf der einen Seite ist es zwar rührend zu sehen, dass die Netzgemeinde keineswegs nur aus „slacktivists“ besteht, also denjenigen, deren Unterstützung für eine Sache sich auf das Ändern des Facebookavatars und Weiterverbreitung beläuft. Andererseits ist es erschreckend, wie viele einen Zweck unterstützen wollen, über den sie von einem einzigen Video, oder dem Material einer einzigen Organisation, informiert wurden. Es ist an dieser Stelle egal, welchen Standpunkt man IC gegenüber einnimmt, wer eine Organisation unterstützen möchte, sollte ohnehin mehr als nur deren Perspektive einnehmen. Information war noch nie so leicht verfügbar wie heute und es ist fraglich, ob der Mehrheit der Unterstützer von IC tatsächlich bewusst ist, dass sie mit ihrem Geld eine Militärintervention in Uganda unterstützen. Kony 2012 zeigt zweierlei: Erstens, wie groß die Macht der Netzgemeinde wirklich ist. Und zweitens, wie einfach sich diese für den eigenen Zweck mobilisieren lässt.

Foto: flickr/Robert Raines (CC BY-SA 2.0)