Chronik eines Sommers

von Felix Niedrich

„Sind Sie glücklich?“

Die 1960er Jahre waren in vielerlei Hinsicht eine Zeit gesellschaftlicher Umbrüche. Das gilt auch für die Filmindustrie. Während sich die großen Studios in Hollywood längst in einer Krise befinden, kommt in Europa neue Bewegung in die Filmlandschaft. Die jungen Filmemachern der französischen Nouvelle Vague, die mit originellen Ideen dem eingerosteten Erzählkino aus Übersee entgegentreten wollen, führen neue Debatten über den Stand des Mediums und seine Zukunft. Wichtige Beiträge zur Entwicklung innovativer filmischer Ansätze kamen dabei auch aus dem Bereich des Dokumentarfilms. Eine zentrale Figur dabei war der französische Regisseur Jean Rouch, dessen wohl bekanntestes Werk „Chronik eines Sommers“ neue Maßstäbe setzte und bis heute Filmemacher beeinflusst.

Ein Film als soziologisches Experiment

Das Projekt wurde von Jean Rouch und dem Soziologen Edgar Maurin ins Leben gerufen . „Chronique d’un été“ gilt seither als Schlüsselfilm des sogenannten „Cinema verité“. Dabei handelt es sich um eine Strömung im Dokumentarfilm der 60er Jahre, die sich durch ihre neuen Prinzipien im Umgang mit der Kamera und dem Dargestellten, sowie durch das hohe Maß an Selbstreflexivität auszeichnet. Der Film stellt ein soziologisches (wie auch filmisches) Experiment dar, dessen Entstehung Maurin als Forschungsprozess betrachtete.

Ziel des Films war nichts geringeres,  als etwas „Wahrhaftiges“ aus dem Leben festzuhalten.
Der Film versucht eine Annäherung an das Leben in der zeitgenössischen französischen Gesellschaft. Dazu porträtiert er eine Gruppe von Menschen verschiedenen Alters und mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen in Paris. Diese werden sehr direkt in unterschiedlichen Situationen, sowie bei spontanen Diskussionen und Einzelinterviews begleitet und gefilmt und äußern sich im Verlauf des  Films zu ihrem Leben, ihrer Arbeit und anderen soziopolitischen Themen. Im Rahmen des Drehs, der meist in möglichst natürlicher Umgebung, also bei den Leuten zu Hause oder am Arbeitsplatz, stattfindet, lernen sich die Personen auch gegenseitig kennen.  Zu Grunde liegt lediglich die existenzielle Leitfrage: „Etes vous heureux?“ („Sind sie glücklich?“).

Rouch behandelt gleichzeitig Fragen nach Darstellungskonventionen, Genregrenzen und Herangehensweisen. Er sah den Dokumentarfilm zu seiner Zeit in der Krise. Durch zu viel Vorbereitung, die Orientierung am Drehbuch und an technischen Möglichkeiten, lag seiner Meinung der Fokus zu sehr auf dem Einfangen des Spektakulären, nicht des Alltäglichen. Im Kleinen, in den Reaktionen der Menschen lag für Rouch eine zunächst vielleicht banal erscheinende Wirklichkeit, der es gerecht zu werden galt.

Eine wichtige Voraussetzung hierfür waren unter anderem neue technischen Entwicklungen. Sie ermöglichten erst die Art der Aufnahmen, die Rouch im Sinn hatte. Auf künstliche Beleuchtung konnte aufgrund des verbesserten Filmmaterials oft verzichtet werden.  Mit leichten Handkameras war man mobiler und flexibler beim Dreh und mit der damit verbundenen neuen Tontechnik waren direkte Synchronaufnahmen einfach und schnell herzustellen. Dies bot einen direkteren Zugriff und ermöglichte, das Gezeigte relativ bruchlos wiedergeben zu können oder aber auch bewusste Brüche (zum Beispiel zwischen Bild und Ton) einzusetzen.

 

Die Provokation der „Wahrheit“

Das Besondere bei Rouch war zum einen seine konzeptionelles Vorgehensweise, als auch der Bruch mit den Konventionen des zeitgenössischen Dokumentarfilms. Im Vordergrund steht dabei das Element der Spontanität und der Improvisation. Es ist ein Film ohne Skript, ohne vorgegebene Struktur und ohne Schauspieler. Selbst die Filmemacher wissen dabei nicht, wo der Film hinführen wird. Vielmehr lässt sich der Film die meiste Zeit von seinen Akteuren leiten.

Die Akteure werden zu teilnehmenden Subjekten und nicht zu dargestellten Objekten, die vom Film gelenkt werden.  Indem sie in den kreativen Prozess einbezogen werden, versucht Rouch auch die Grenze zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten zu überschreiten und einen Diskurs auf Augenhöhe zu erreichen.

Das Filmteam und die Personen entwickeln so den Film gemeinsam weiter. Die Filmemacher sind dabei am Dialog auch selbst direkt beteiligt. Es geht Rouch dabei darum, eine möglichst natürliche Diskussion zu etablieren, um so sehr persönliche und authentische Eindrücke und Reaktionen der Personen mit der Kamera einzufangen. Im Auftreten der Filmemacher im Film wird außerdem die Transparenz des Mediums zur Realität hervorgehoben. Essentiell ist dabei, dass die dabei vorherrschende „Natürlichkeit“ nicht trotz der Anwesenheit der Kamera, sondern gerade aufgrund der Anwesenheit der Kamera entsteht. Die Subjekte sollen sich vielmehr der offenen Anwesenheit der Kamera bewusst sein und sich an sie gewöhnen. Die Kamera wird so selbst zum Akteur und dient als Katalysator der gefilmten Ereignisse, die ohne die Kamera, ohne den Film, ja so nicht stattfinden würden. Hier liegt auch ein wesentlicher Unterschied zum amerikanischen „Direct Cinema“, bei dem die Kamera uninvolvierter Beobachter bleibt.

In diesem Prozess geht es Rouch nicht um „Objektivität“. Vielmehr will er die gezeigten Personen im Verlauf des Films in Situationen der Selbstoffenbarung beobachten. Die Kamera „provoziert“ dabei die Reaktionen maßgeblich mit.

 

Die Reflexion der Reflexion

Dem ohnehin reflexiven Ansatz folgt, dass der Film im letzten Teil den Teilnehmern präsentiert und als Film im Film gezeigt wird. Der Film thematisiert sich somit zum Schluss selbst und verweist dadurch auf die darstellende und vermittelnde Eigenschaft des Mediums. Hierdurch wird die Frage nach der Trennung von Welt und Film und den Grenzen zwischen vorfilmischer Realität und der Realität des Films gestellt , welche Rouch versucht aufzubrechen.

In einer Diskussion reflektieren nun die einzelnen Akteure ihr eigenes Handeln sowie das der anderen. Hier vermischen sich verschiedene Standpunkte zwischen Person und Figur und Kamera. Kontrovers wird debattiert, welche Personen und Szenen authentisch oder gespielt wirken.
Die Frage wo „Wahrheit“ aufhört und Inszenierung anfängt, stellt sich auch der Zuschauer über den ganzen Film hinweg. Auch, weil Rouch absichtlich einige Szenen irritierend montiert und scheinbar narrative Momente einbaut. Ist Wahrheit nur eine Interpretation von Welt?

In der letzten Szene des Films reflektieren die Filmemacher Rouch und Maurin die vorangegangene Debatte und das Ergebnis ihres filmischen Projekts. Eher ernüchternd stellen sie fest, dass sie in der Frage nach der Wahrheit nicht wirklich erreicht haben, was sie sich erhofft hatten.

In „Chronique d’un été“ ist mit Wahrheit letztlich eine „artifizielle Form der Wahrheit[, die] nicht empirisch angelegt ist, sondern […], ganz im Gegenteil, eine nur mit den Mitteln des Films herstellbare Wahrheit“ (Piechota, 2008, S. 82) gemeint. Für Rouch liegt Wahrheit letztlich nicht im Beobachtbaren, sondern dahinter. Und der Film ermöglicht dafür eine neue Perspektive.

 

Piechota, Antje (2008). Jean Rouch. Innovationen im Spannungsfeld von Ethnologie und Kino. Saarbrücken: VDM Verlag.

Foto: flickr.com/ Festival de Cine Africano :Jean Rouch (CC BY-SA 2.0)

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