Das Ende der Suche

von Jelena Hauß

Das Semantische Web als „Antwortmaschine“

Ganz im Habitus großer Medienkonzerne liefert auch Google wieder einen Jahresrückblick 2011. Das Video „Zeitgeist 2011“ stilisiert die Suchmaske und weitere Anwendungen Googles als Tor zur Welt. Was zunächst nur als schöne Animation erscheint, kommt der tatsächlichen Bedeutung der Suchmaschinen für unsere Wissensbestände jedoch sehr nah. Diese mächtigen Filter ermöglichen es erst, das Web und darin gespeicherte Informationen nutzen zu können. Eine Facebookgruppe bringt die heutigen Nutzungsgewohnheiten – sei dahingestellt ob bewusst oder unbewusst – auf den Punkt: „Wir denken nicht, wir googeln“. Angesichts der Alltäglichkeit von Suchanfragen haben wir offenbar vergessen, welche Transferleistungen wir stets an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine erbringen müssen, denn Google funktioniert grundlegend anders als das menschliche Gehirn. Eine Zukunftsvision für das Internet und die Filterung der dort verfügbaren Daten widmet sich der Überwindung genau dieser Kluft: Das „Semantische Web“ und die „Semantischen Suchmaschinen“, die uns nicht mehr nur Suchergebnisse auflisten, sondern Antworten auf unsere Fragen geben.

Transferleistung? Fehlanzeige!

„Das Internet soll klüger werden“, überschrieb SpiegelOnline einen Artikel zum Semantischen Web und trifft damit das Kernanliegen. Bisher ist das Netz ein Ort der Datenberge, die mit mächtigen Suchmaschinen durchwühlt und uns dann in einer von Algorithmen bestimmten Reihenfolge angeboten werden. Die eingesetzten Rechner und Anwendungen können jedoch nicht die inhaltlichen Bedeutung von Suchanfragen erfassen, keine Informationen verknüpfen und so keine Antworten im ursprünglichen Sinne liefern. Stets ist der Nutzer gefragt: Webinhalte querlesen, einschätzen, möglicherweise eine neue Suchanfrage starten, um schließlich Zusammenhänge herstellen zu können. Schon einfache, alltagsnahe Fragen, werden so zu einer mühseligen Aufgabe für den Nutzer, wie Micheal Osl treffend beschreibt. Diese Kleinteiligkeit der Informationsgewinnung im Netz soll das Semantische Netz beenden, wie Wikipedia verdeutlicht:

Die Daten in einem Semantischen Web sind strukturiert und in einer Form aufbereitet, welche es Computern ermöglicht, sie entsprechend ihrer inhaltlichen Bedeutung zu verarbeiten. Zudem erlaubt ein Semantisches Web Computern […], aus den vielen Informationen der weltweiten Daten Wissen herzuleiten und neues Wissen zu generieren.

Eine verführerische Idee, die auch deswegen ernst zu nehmen ist, weil sie von Tim Berners-Lee entwickelt wurde, dem Erfinder des Internets, wie wir es heute nutzen. Sein erster Artikel zu diesem Thema ist inzwischen über zehn Jahre alt – doch wo steht das Semantic Web heute?

Von ersten Erfolgen hin zur Utopie

Der Herausforderung, diese weitreichenden Ideen in umsetzbare Konzepte zu gießen, stellten und stellen sich Experten wie Informatiker und Kognitionswissenschaftler, muss doch der Transfer menschlicher Denkstrukturen auf die Maschinen gelingen. Einige grundlegende Techniken, wie Auszeichnungs- und Abfragesprachen, wurden so schon geschaffen. Diese Sprachen dienen unter anderem dazu, Daten im Netz mit sogenannten Metadaten zu hinterlegen, die dann Wortbedeutungen transportieren und so der Ausgangspunkt für Informationsknüpfung sind. Greifbare Ergebnisse liefern bisher semantische Suchmaschinen, wie etwa die im universitären Rahmen entwickelte Suchmaschine Sempria, die bereits deutlich bessere Ergebnisse als algorithmische Maschinen liefert. Auch WolframAlpha kann als Etappenerfolg gelten, liefert diese Webanwendung doch „sinnvolle“ Antworten, wenn auch vornehmlich für mathematisch oder physikalisch exakt zu beantwortende Fragen. Ein Zeichen, wie wichtig die Entwicklung einer Netzsemantik ist, setzte die deutsche Politik: Bereits 2006 rief die Bundesregierung das interdisziplinäre Forschungsprogramm Theseus ins Leben.

Jenseits aller Detailarbeit und Interessensgruppen, die am Semantic Web arbeiten, scheint das Szenario, auf das hingearbeitet wird, in der Webgemeinde jedoch ausgemachte Sache: Das Netz und die Websuche sollen eine „Antwortmaschine“ werden, so zum Beispiel dargestellt in einem anderen aktuellen Video von Google: Man stellt Fragen, die einer natürlichen Gesprächssituation gleichen – und erhält eine ebenfalls „menschliche“ Antwort in Form eines Aussagesatzes.

Was auf den ersten Blick traumhaft einfach erscheint, könnte jedoch auch zu einfach sein: Antworten, deren Quellen nicht erschlossen werden können, sind kaum etwas wert. Die Frage, ob als Grundfunktion die Komplexitätsreduktion bei der Semantischen Suche auch stets nachvollzogen und aufgeschlüsselt werden können sollte, wird derzeit offenbar noch kaum diskutiert –die Expertenbeschäftigen sich vor allem damit, die „Antwortmaschinen“ erst mal zum Laufen zu bekommen. Wolfram Alpha als Vorreiterprojekt liefert einen erste Lösung hierfür: Mit einem Klick kann man einen Blick in die „Source information“ der Suchergebnisse werfen. Zukunftsvisionen für das Semantische Web reichen jedoch noch viel weiter; solche umreißt der Wissenschaftler Michael Herzog einer Sendung des Deutschlandradios Kultur: Beispielsweise könnten mithilfe dieser Technologie „Augmented Reality“Anwendungen die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine verwischen oder ganz verschwinden lassen.

Mensch und Maschine in Seligkeit vereint?

Heute besteht jedoch nur ein Bruchteil des Netzes aus semantisch angereicherten Daten und es gibt bisher nur vage Vorschläge, wie die unvorstellbare große Menge an notwendigen Metadaten in das Web 2.0 eingepflegt werden könnte. Auch ist es ein sensibler Punkt, wer mit welchen Interessen Daten welche Bedeutungen zumisst, womit gerade im Semantic Web Fragen zur Macht über Wirklichkeitskonstruktionen umso dringlicher gestellt werden müssen. Die erste Frage, die man folglich einer perfekt funktionierenden semantischen Suchmaschine stellen sollte, ist wohl: „Ist das Semantische Web ein Fluch oder Segen für die Menschheit?“ Eine Antwort, destilliert aus allem, was dazu jemals an Daten ins Netz gespeist wurde, wäre sicherlich aufschlussreich.

Foto: Flickr/Jeffrey Beall (CC BY-ND 2.0)

Werbung, die keine ist. Der Fall Facebook

von Larissa Grodke-Bried

Computer an – Internetbrowser auf – Facebook laden – Anmelden: 1 neue Nachrichten, 2 Freundschaftsanfragen, 5 Neuigkeiten. Erst einmal die Freundschaftsanfragen beantworten, dann die Nachrichten lesen und danach die Neuigkeiten begutachten (L backt gerade Plätzchen und P fährt übers Wochenende zu seiner Oma), um sich auf den neusten Stand zu bringen.
Es ist erstaunlich und auch ein wenig beängstigend, wie eng unser Alltagsleben mit Online Communities verknüpft ist. Laut allfacebook.de gibt es derzeit (Stand 13.12.2011) über 22.000.000 aktive Facebook Nutzer (ca. 25% der deutschen Bevölkerung). Auch laut Nielsen Media Research ist Facebook die meist genutzt Media-Plattform: Die durchschnittliche Verweildauer ist sechsmal höher als im Durchschnitt aller Social Networks (22.03.2010).
Aufgrund dieser Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass Facebook eine gute Anlaufstelle für Werbetreibende ist: Viele potenzielle Käufer, die viel Zeit auf Facebook verbringen und so oft beworben werden können.

Facebook – die Werbemaschine

Anfang 2011 stieg der Wert von Facebook auf über 50 Milliarden Dollar. Der russische Investor Digital Sky Technologies und die US-Bank Goldman Sachs beteiligten sich mit 500 Millionen Dollar am Internet-Portal. Luca Di Blasi, wissenschaftlicher Assistent in einem privaten Forschungsinstitut in Berlin mit den Forschungsschwerpunkten Medienphilosophie und Kunsttheorie, erläutert in seinem Gastkommentar bei Zeit Online, wie „Facebook […] seine Mitglieder [benutzt] und […] ihre Profilseiten zu Werbetafeln“ macht. Er stellt die Frage woher diese Einnahmen kommen sollen, die diese Zahlen rechtfertigen. „Da Facebook  auch künftig keine Mitgliedsgebühren erheben will, bleibt im Wesentlichen nur die Werbung“, schlussfolgert Di Blasi.

Die Konkurrenz der Werbeanzeigen

Googelt man einen Begriff, ist es für uns selbstverständlich, dass die obersten Suchergebnisse gesponserte Werbeanzeigen sind. Auch in Sozialen Netzwerken sind wir Werbung gewohnt, doch hier konkurrieren die Anzeigen mit Mitteilungen, die für die Nutzer um einiges interessanter sind: Die Änderung des Beziehungsstatus des Fitnessstudiofreundes auf verlobt und die neuesten Partybilder der Kommilitonin mit diversen Kommentaren von Freunden. Die folgerichtige Idee: Werbung kombiniert mit persönlichen Informationen, die die User direkt anspricht.
Laut einer Studie des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Fittkau&Maaß aus dem Jahr 2010 lehnt jeder zweite personalisierte Werbung ab. 60% der Befragten befürchten zudem, dass durch personalisierte Werbung Datenschutz missachtet wird. Ebenfalls 60% fühlen sich durch personalisierte Werbung beobachtet. Für Werbende ist es also wichtig, das richtige Maß zu finden; einerseits um die passende Zielgruppe anzusprechen und andererseits um dem User nicht das Gefühl zu vermitteln, beobachtet zu werden.

„Sponsored Stories“

Seit Anfang 2011 bietet Facebook nun die Werbeform der „Sponsored Stories“ an.  Unternehmen können veranlassen, dass Check-In-Anmeldungen in ihren Filialen und „Gefällt mir“ – Klicks als Werbung auf der Facebook Seite in der rechten Spalte erscheinen. Die Firmen können ein bestimmtes Kontingent an „Sponsored Stories“ für den Geotaggingdienst Places von Facebook kaufen. Bei diesem Dienst wählt sich der User mit einem GPS-fähigen Smartphone in das Internet ein und bestimmt seinen aktuellen Aufenthaltsort. Der Standort wird auf dem Facebook Profil angezeigt. Zudem ist es möglich, noch weitere Personen zu taggen (markieren).
Loggt sich der Nutzer nun ein, während er in einem Café sitzt, darf das Café den Namen des Nutzers bei den Facebook Kontakten des Nutzers einblenden lassen. Aber nicht nur der Name samt Foto erscheint in der rechten Spalte der Facebook Seite. Es dürfen auch weitere Angaben wie Begleitung, eventuelle  Kommentare und „Gefällt mir“-Klicks veröffentlicht werden. Das Ganze kann dann noch mit dem Logo des Unternehmens versehen werden und ergibt so eine attraktive personalisierte Werbung. Personalisierte Werbung suggeriert Freundschaft und dementsprechend Vertrauen; empfiehlt ein Freund ein Produkt oder die Dienstleistung eines Unternehmens ist die Kaufbereitschaft oder zumindest der Gedanke an einen möglichen Produktkauf um ein Vielfaches höher als bei „normaler Werbung“. Beim sogenannten „Viralen Marketing“ wird die Propaganda der bestehenden Kunden genutzt, um neue Kunden zu werben. Wichtig ist dabei, dass es nicht zu offensichtlich nach Werbung aussieht.

 

Werbung für Werbung

Facebook ist sich seiner Attraktivität bewusst und wirbt selbst für die eigenen Werbeanzeigen: Zielgruppenauswahl, Aufbau einer „Fan“-Gemeinschaft mit Hilfe des „Gefällt mir“-Buttons und Zahlung nur bei Anklicken oder Ansehen der Werbeanzeige.
Auf der anderen Seite wirbt Facebook auch bei seinen Nutzern für seine Werbeanzeigen: „Alle möchten wissen, was ihren Freunden gefällt. Darum kombinieren wir Werbeanzeigen mit Freunden – so kannst du basierend auf den „Gefällt mir“ – Angaben und geteilten Inhalten deiner Freunde ganz einfach Produkte und Dienstleistungen finden, an denen du interessiert bist.“ Dies kann man aber auch abstellen. Sowohl für die Werbeanzeigen von Drittanbietern, als auch für soziale Anzeigen:  Startseite -> Kontoeinstellungen -> Facebook-Werbeanzeigen ->Einstellungen für Werbeanzeigen von Drittanbietern bearbeiten bzw. Einstellungen für soziale Werbeanzeigen bearbeiten.

Das große Werbepotenzial

„Facebook ist und bleibt kostenlos“, heißt es auf der Facebook Startseite. Doch auch ein kostenloses Social Network muss – um kostenlos zu bleiben – Geldverdienen. Facebook verdient durch seine Nutzer und verkauft dies zudem als weiteres Angebot für die Community Mitglieder. Werbung hat ein rießiges Verkaufspotenzial und Facebook die passenden Inserenten.

Foto: flickr/Andrew Feinberg (CC BY 2.0)

Online-Piraten im Visier

von Sandra Fuhrmann

Online-Piraten geraten immer mehr ins Visier der Ermittler. Nachdem die deutsche Kriminalpolizei im letzten Jahr kino.to vom Stecker nahm, soll es jetzt auch dem Nachfolger kinox.to an den Kragen gehen. Die USA aber gehen noch einen Schritt weiter: Mit einem neuen Gesetzesvorhaben könnte auch YouTube illegal werden.

Mission Internet

Jeder der dieser Tage versucht, die Seite http://tvshack.net/ aufzurufen, wird auf ein interessantes Beispiel für die Bemühungen der USA im  Kampf gegen Online-Piraterie stoßen. Vorzufinden ist auf der Seite nicht, wie vielleicht erwartet, eine Liste mit Verlinkungen zu anderen Seiten, deren Inhalt aus nicht lizensierten Streams von Filmen und Fernsehshows besteht. Stattdessen stößt der Besucher auf eine eindrucksvolle Anzeige, die auf die Beschlagnahmung der ursprünglichen Seite und diverse Strafen hinweist, die Verstöße gegen das Copyright zur Folge haben – gekrönt ist dieser Hinweis von drei offiziellen Wappen der US-Regierung.
Richard O’Dwyer hätte wohl nie damit gerechnet, dass sein Angebot jemals der Grund für solche Furore sein wird. Seit Mai 2011 läuft ein Verfahren wegen krimineller Urheberrechtsverletzung gegen den 23-jährigen Studenten aus Großbritannien.  Die ICE (Immigration and Customs Enforcement) fordert die Auslieferung des jungen Briten an die USA, um den Fall vor einem dortigen Gericht verhandeln zu können.  O‘Dwyers Anwalt argumentiert, dass sich der Server, von dem aus die Seite betrieben wurde, nicht in den USA befand und die Angelegenheit somit unter britisches Recht fällt. Die ICE jedoch erhebt Anspruch auf alle Angebote, die von einer .net- oder .com-Domain aus betrieben werden. Die für diese Domains zuständige Firma hat ihren Sitz in Virginia und damit auf US-amerikanischem Boden. Eine Lösung des Streits steht somit weiterhin aus.

Kriminell aber so nützlich

Sind wir bald alle Piraten?

Klickt man auf den Warnhinweis auf der beschlagnahmten Seite wird man zu einem Video weitergeleitet, das noch einmal die Schwere des Vergehens „Online-Piraterie“ verdeutlichen soll. Dieses Video steht auf einer Seite von YouTube.  Beschäftigt man sich nun mit der geplanten Erweiterung des Gesetzes, das zu O’Dwyers Anklage führte, muss man sich fragen, wo die US-Regierung ihre Videos wohl in Zukunft einstellen will, sollte das neue Gesetz tatsächlich in Kraft treten.
Denn: Mit dem SOPA (Stop Online Piracy Act) nämlich soll zukünftig all jenen die Suppe versalzen werden, deren Seiten das Ziel haben, US-Eigentum zu stehlen und auch solche, die gegen das geltende US-Recht verstoßen, Verstöße erleichtern oder diese nicht verhindern. Dazu gehören dementsprechend auch Facebook, Twitter, Google und YouTube. Tausendfach werden beispielsweise auf YouTube urheberrechtlich geschützte Songs und Videos eingestellt, die sich dann über Facebook und Twitter verbreiten. Es wären genau genommen Seiten weltweit, die von diesem Gesetzt betroffen wären – es wäre das gesamte Internet.

Protest auch aus den eigenen Reihen

Dass die US-Regierung mit dem SOPA eine Grenze überschreitet, darüber sind sich die meisten einig. Der Journalist und Medienexperte Felix Salmon stellt in seinem Blog die Frage, ob es unter den gewöhnlichen Internetusern überhaupt Befürworter des Gesetzes gibt. Sogar unter US-Abgeordneten regt sich mehr und mehr Protest gegen den Entwurf. In einem Brief verschiedener Kongressmitglieder an die Vorsitzenden des Komitees werden die Argumente erläutert, die gegen die Verabschiedung des Gesetzes sprechen.
Kritikpunkte gibt es viele. Zum einen ist es die angeblich schlechte und vage Formulierung in der Vorlage. So wird viel Raum für Interpretation und Willkür geschaffen. Und wem soll das Gesetz nun überhaupt nützen? Die gewöhnlichen User sind es offenbar nicht. Ein Vorwurf lautet, dass die Politik sich von Lobbygruppen wie der Film- und Musikindustrie beeinflussen lasse, da diese die Politiker mit Geld für ihre Wahlkämpfe versorge.
Es ist in der Tat eine feine Suppe, die uns die US-Regierung da eingebrockt hat. Auch Online-Innovationen werden durch das geplante Gesetz blockiert. Gerade kleine Firmen und Start-Ups haben oft nicht genug Geld für Überwachungsstrukturen und zur Abwehr von Klagen. Hätte es das Gesetz schon im Jahr 2005 gegeben, wäre beispielsweise YouTube niemals entstanden.

Mit dem SOPA muss sich die USA nun wohl selbst an die Nase fassen. Ganz gemäß ihrem selbst geschneiderten Ruf haben die USA in der Vergangenheit wiederholt andere Länder, wie China, auf das Recht zur freien Meinungsäußerung hingewiesen. Mit dem neuen Gesetzt jedoch würden Access und Service Provider dazu gezwungen Inhalte zu überwachen und zu sperren, um Verstößen aus dem Weg gehen zu können. Eine Maßnahme deren Auswirkungen sich gerade in China bereits beobachten lassen.

Am Pranger – doch zumindest nicht allein

Das Internet ist ein „dunkler Ort“, der „Urheberrechtsverletzungen geradezu fördert“. Zu diesem Schluss kam offenbar auch die Europäische Kommission. Denn nicht nur die US-Regierung kann wegen ihres Gesetzesentwurfs an den Pranger öffentlicher Beschimpfung gestellt werden. Längst gibt es in Europa einen ähnlichen Gesetzesentwurf, gegen den sich ähnlicher Protest regt. Das ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) wird bereits seit gut zwei Jahren im Stillen verhandelt. Unter den 39 teilnehmenden Staaten befinden sich neben den EU-Ländern auch die USA. Beschlossen wurde der Beitritt vom EU-Rat während einer Sitzung des Fischereiausschusses. Die Angst vor dem großen Dunkel und schneller Handlungsbedarf scheinen entsprechend groß zu sein.

Außergewöhnliche Umstände

Vielleicht ist die Frage ja gar nicht die, ob es eine Regelung geben muss, sondern mehr die, wie eine solche Regelung aussehen und wie sie umgesetzt werden soll. Dass das Internet ein außergewöhnlicher Raum ist, der auch außergewöhnliche Maßnahmen erfordert, wird wohl kaum jemand bestreiten. Doch bedeutet das nicht, dass es eventuell unangemessen ist, hier gewöhnliche Gesetze zum Einsatz zu bringen? Einen interessanten Anstoß dazu liefert die Quadrature de Net. Wenn in unserer modernen Zeit jeder Weltweit Zugriff auf im Internet verbreitete Kultur und andere Informationen hat, wie sinnvoll ist es dann eine alte Idee darauf  anzuwenden, die für jeden Akt eine ausdrückliche Genehmigung einfordern möchte?

Foto: flickr/~dolldreamer~ (CC BY-NC-SA 2.0)

Facebook-Beziehung gefällig? – 3…2…1…Deins!

von Mareen Michell

Auf Facebook mit der neuen Freundin prahlen und die Freunde beeindrucken? Die Ex eifersüchtig machen mit dem vollbusigen neuen Fang? Kein Problem! Ein Klick bei eBay genügt.

Beziehungshandel auf eBay – eine illegale Geschäftsidee

Vor ein paar Tagen trennten einen hiervon nur ein paar Mausklicks auf der deutschen Shopping-Website eBay. Junge Frauen boten hier käufliche, ausschließlich virtuelle Beziehungen auf bestimmte Zeit im sozialen Netzwerk Facebook an. Wer sicher gehen wollte, konnte beispielsweise direkt eine Freundin für 250€ erwerben. Doch die meisten Angebote waren herkömmliche Auktionen, bei denen sich das Gebot für den „Artikel“, wie beispielsweise eine 3-monatige Beziehung, nach und nach hochschaukelte. Neben dem reinen Beziehungsstatus, der im Profil oben bei den persönlichen Angaben wie Geburtsdatum, Schule oder Arbeitgeber erscheint, waren Pinnwand-Einträge, diverse Kommentare oder Likes bei Postings, sowie Bildern, oder auch Chatgespräche auf Freundschaftsniveau meistens inklusive.
Die Versteigerungen der Schein-Beziehungen erfreute sich in den letzten Wochen gesteigerter Popularität, woraufhin eBay auf die Geschehnisse aufmerksam wurde und die Auktionen beendete. Denn: Sie verstoßen gegen die eBay Geschäftsbedingungen, welche tatsächlich eine Klausel beinhalten, die bereits eben solche Versteigerungen virtueller Beziehungen untersagt. Leonie Bechtoldt, Sprecherin jenes wohl bekanntesten Auktionsportals, nahm Stellung zum Vorfall, indem sie versicherte, ein Team würde nach den verbotenen Artikeln sehen und diese löschen. Offenbar ist es erfolgreich in seinem Tun, denn beim Anklicken verschiedener Links, die einst zu den netten Ladies führten, erscheinen nun ausnahmslos Fehlermeldungen:  „Dieses Angebot wurde entfernt oder der Artikel ist nicht verfügbar.“
Schade für die Bieterinnen! Denn so manche hätte guten Gewinn erzielt, wie beispielsweise diese:

Für die horrende Gebots-Summe von 132.250 € bei immerhin 58 Geboten zur Zeit des Screenshots ist dann wohl auch eher ihr Foto als der recht einfallslose Text verantwortlich. Denn Die Artikelbeschreibung ihrer selbst lautete:

“Hey Jungs
Wer würde gerne eine 2 Monatige Facebook-Beziehung mit mir haben?
Dann fleißig bieten, ich warte!! 😀
egal wie alt und gilt ab da ich das Geld habe =)))”

Käufliche Liebe ist nichts neues, doch erscheint diese zwar harmlosere Form dennoch obskur. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass viele Facebook-user (unter ihnen meine eigenen Freunde) diverse dieser Auktionen in den vergangenen Wochen posteten. Selbstverständlich erreicht jede Meldung, die in einem Netzwerk mehrfach geteilt wird, binnen kürzester Zeit ein riesen Publikum. So wurden wohl die bis dato recht versteckt gebliebenen Geschäftchen der jungen Frauen bekannt. Denn die Idee und das Geschäftsmodell sind keineswegs so brandneu wie die Ermittlungen gegen die oftmaligen Fake-Profile, hinter denen keine realen Persönlichkeiten stehen. Die gab es bereits im August dieses Jahres, wie ein Blogger beweist. Zu seinem Blogeintrag gehört ein Bild, wieder ein Screenshot aus eBay. Erstaunlich ist, dass dieses Mal ein Mann seinen Namen und sein Profil für eine Web-Beziehung versteigert, waren es anderen Bloggern zufolge vor allem in letzter Zeit doch hauptsächlich weibliche Anbieterinnen.

Wie hoch bietest du? Oder: Wie tief sinkst du?!

Doch mal ehrlich: In was für einer Welt leben wir, in der sich offenbar nicht nur das halbe Leben im Internet abspielt, wo Leute gerne zeigen, in welcher Form einer Beziehung  sie angeblich mit wem stecken, sondern auch noch Menschen ganz bewusst sich selbst als Produkt in ein Shopping-Portal stellen?! Und ist es denn auf Käufer- bzw. Bieter-Seite nicht Selbstdiskriminierung genug, eine Fake-Beziehung mit einem Unbekannten einzugehen? Offenbar nicht. Denn gewinnen tut der, der am meisten bietet…oder doch eher der, der bereits am tiefsten gesunken ist? Beziehungen stellen im online-Zeitalter offensichtlich nichtmehr das dar, was sie einmal taten. Ständig liest man auf seiner Startseite neue Meldungen bezüglich des Beziehungsstatus‘ diverser (Facebook-)Freunde, die häufig genauso gerne teilen wenn sie sich wieder einmal getrennt haben und erneut zu den „Singles“ gehören, wie wenn sie eine neue (zeitweilige) Partnerschaft eingehen. Doch wer absichtlich provoziert, dass sein Beziehungsstatus für von vorneherein 2 festgesetzte Monate im Profil ganz schön aussieht und dafür auch noch hunderte, bzw. tausende von Euro hinblättert, ist schon ein schiefer Typ. Vielleicht fanden deswegen einige ihre Wunsch-Beziehungen in eBay unter der Rubrik „Sammeln & Seltenes > Total Verrücktes > Total durchgeknallt“, wie in einem Artikel dieses Medien-News-Portals  bereits im September berichtet wurde.

Prestige-Förderung durch falsche Beziehungen?

Insgesamt dient dieses ganze Vorspielen und fälschliche Vorgeben einer interpersonalen Beziehung auf Facebook jedoch einzig und allein dem Prestige einer Person, das bei besonders hübschen, oder „geilen“ Freundinnen / Freunden, wohl positiv beeinflusst wird. So, oder so ähnlich müssen die Motive der Mitsteigerer auf eBay ausgesehen haben, denn wie in einem weiteren privaten Online-Blog  beschrieben ist, beinhalteten die Angebote „kein reales Treffen oder jegliche Chancen auf ein reales Kennenlernen.“ Weiter steht dort, dass die Freundschaft und der Beziehungsstatus sofort vom Anbieter gekündigt werden darf, sobald obszöne Mails, Bilder, oder Anfragen auch nach einer Verwarnung nicht aufhören sollten. Es war also von vorne herein erklärt, dass sich der Ersteigerer seines als allgemein für hübsch befundenen „Artikels“ keine Hoffnungen auf mehr oder eine jemals echte Beziehung machen durfte.
Doch auch auf der anderen, der Anbieter-Seite, ist es, wie bereits erwähnt, doch fragwürdig, sich auf materielle Ebene herabzusetzen und sogar seinen „Artikelzustand“ anzugeben. Manche titulieren sich als „sehr gut“ , andere geben sogar in wenig für sich werbender Art und Weise an, bereits „gebraucht“ zu sein.

Online-Handel mit Dienstleistungen für soziale Netzwerke wird immer populärer

Da fragt man sich:  Wie weit soll dieser Handel mit Dienstleistungen für soziale Netzwerken noch gehen? Schockierend genug ist es, dass, seit geraumer Zeit jegliche Dienste online für Geld zu haben sind. Und das ganz legal und völlig normal?! Beispielsweise zahlt man bei getfansfast.com bis zu knapp 3.000$ für bis zu 10.000 neue Facebook-Fans, und das alles bei 100%iger Geld-zurück-Garantie, falls es nicht funktionieren sollte. Ein anderes Beispiel ist die Seite Fünfi.de, auf der, passend zum Namen, 5-€-Deals zu allem Möglichen abgeschlossen werden können. Gibt man den Suchbegriff „Facebook“ ein, ergibt sich eine Liste diverser Dienste. Ob man nun sein Produkt promoten lassen möchte, oder lieber „how-to“-Tipps für 500 neue Fans pro Tag  bekommen will – das Portal lässt keine Wünsche offen. Wirklich keine. Denn auch hier bietet eine Verkäuferin namens Fashionmodel an, über 2 Monate hinweg eine Facebook-Beziehung mit dem Käufer zu führen – inklusive Beziehungsstatus, süßer Posts, oder Modelbilder ihrer selbst auf seiner Pinnwand. Dieses Konzept funktioniert auch für andere soziale Netzwerke wie StudiVZ oder Wer-kennt-wen.de, wie weitere bei Fünfi.de aufgelistete Angebote zeigen. Anscheinend ist hier die gefundene Marktlücke, welche ja auf eBay verboten ist, nicht nur ebenfalls bereits entdeckt worden, sondern auch gut am Laufen. Denn der Beschreibung des genannten Beziehungs-Angebots für Facebook lässt sich entnehmen, dass bereits zwei Aufträge bei Fashionmodel in der Warteschlange sind.
Völlig crazy? – Ja! Denn auch dieses Angebot findet sich bei Fünfi.de unter der Kategorie „Verrücktes“.

Die Multitasking-Medien

von Alexander Karl

Multitasking ist die Norm

Während ich diesen Text schreibe, läuft im Hintergrund Musik, Facebook ist in einem Tab offen und mein Handy hat mir gerade eine SMS angekündigt. Für die Generation der digital natives klingt dies zunächst einmal nicht ungewöhnlich. Unsere Aufmerksamkeit wird gespalten, schlussendlich auch für verschiedene mediale Angebote. Denn die Angebote im Zeitalter des Internets sind so reichhaltig, dass man fast schon parallel arbeiten muss, um wenigstens einen Bruchteil zu nutzen.

Dass Medien immer häufiger parallel genutzt werden, fand 2011 auch eine Studie des Fernsehsenders MTV heraus. Folgende Ergebnisse betrachten die Studienleiter als wichtig:

  • Die 14-49 Jährigen schauen eher abends fern und nutzen Internet und WebTV tagsüber
  • Die allgemeine Mediennutzung wächst trotz gleichbleibender frei verfügbaren Zeit über die parallele Mediennutzung
  • Internet wird häufiger parallel zu anderen Medien genutzt, als Fernsehen
  • Internet und Fernseher werden am häufigsten gleichzeitig genutzt
  • Der Fernseher wird überwiegend exklusiv am Abend genutzt, jedoch nimmt die parallele Nutzung zu

Besonders interessant ist, dass das Fernsehen v.a. zur Primetime genutzt wird, während sonst das Internet am beliebtesten ist. Doch gerade dann ist auch die Parallelnutzung des Internets am größten.

Dieser Trend schlägt sich etwa bei Twitter nieder. So gehört es fast schon zum guten Ton, online über den ‚Tatort‘ zu diskutieren. Bei einer Dezember-Folge kamen beispielsweise 4.700 Tweets zusammen, in der Storyline, Aufbereitung und Farbgebung besprochen wurden. Weiter geht aber ‚The Voice‚: Dort wird zur parallelen Nutzung von Fernsehen und Internet geradezu aufgerufen. Denn in den aktuellen Liveshows wird in die Lounge geschaltet, in der Kandidaten die aktuellen Kommentare von Twitter und Facebook gezeigt werden.

Es liegt also nicht unbedingt an der Qualität des TV-Angebots, dass man sich nebenbei im Internet tummelt – im Gegenteil. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Frauen etwa die Antworten auf Quizfragen suchen, während Männer sich von der TV-Werbung zum Online-Shopping verleiten lassen.

Schattenseite des Multitaskings

Aber Multitasking hat auch seine Schattenseiten: Es schadet der Gesundheit. Von Stress bis hin zum Burn-out kann die parallele Nutzung ziemlich viele ungute Reaktionen im Körper hervorrufen. Und: Es ist nicht effektiv. Das zeigt eine Studie des Ulmer Hirnforschers Manfred Spitzer. Bei der Frankfurter Rundschau heißt es darüber:

Probanden, die als starke oder geringfügige Medien-Multitasker klassifiziert wurden, absolvierten kognitive Tests. Dabei zeigte sich, dass die Nicht-Multitasker die Aufgaben besser lösten, aufmerksamer und schneller waren und besser zwischen Aufgaben wechseln konnten. Spitzer glaubt, Multitasker würden sich durch ihre heftige Mediennutzung Oberflächlichkeit und Ineffektivität geradezu antrainieren.

Eine bereits 2009 durchgeführte Studie der Stanford University kommt zu einem ähnlichen Ergebnis:

Als Gegenbewegung zum Multitasking gibt es die Achtsamkeitstherapie, die den Fokus wieder auf einzelne Handlungen richten soll. Also weg von der parallelen Nutzung, hin zu einer Aufgabe, die dafür aber bewusst absolviert wird. Und das soll auch für die Wirtschaft gut sein – denn der Versuch des Multitaskings kostet allein die US-Wirschaft 650 Milliarden Dollar im Jahr. Ich habe zwischendrin übrigens die Musik beim Schreiben ausgemacht. Ich will ja der Wirtschaft nicht schaden. Na ja, vor allem mir nicht.
Foto: flickr/ryantron (CC BY-ND 2.0)

Unser Leben im Netz (Teil 2)

von Alexander Karl

Wir sind digital natives. Wir sind die Zukunft. Wir sind online. Ziemlich oft sogar und ziemlich lange. Aber was machen wir im Netz? Und wie verändert das Internet sich und schlussendlich uns? media-bubble.de wirft einen Blick auf aktuelle Studien zu unserem Nutzungsverhalten.

Diesmal: Google und die Merkfähigkeit, die Wikipedia-Schreiber und die Zukunft des Internets.

Google und die Merkfähigkeit

Google merkt sich ja ziemlich viel. Um etwa die Google-Suche zu optimieren, nutzt die Suchmaschine 57 Indikatoren, die bei jedem Besuch untersucht werden. Neben Informationen über unsere Search History,  den Browser, den Aufenthaltsort und der genutzten Sprache wird auch dokumentiert, wie lange man zum Tippen seiner Anfrage braucht, ob man mit Enter oder der Maus die Suche abschickt, ob die Autovervollständigung genutzt wird und so weiter. Da klingt es ein wenig verwunderlich ,wenn Stefan Keuchel, Pressesprecher bei Google Deutschland, der ComputerBILD sagt: „Wenn jemand die Google-Suche nutzt, ist das recht anonym, schließlich ändert sich bei den meisten regelmäßig die IP-Adresse und Namen kennen wir auch keine.“ Na ja. Außer, man nutzt Google+, denn dann personalisiert Google die Suche noch weiter.

Aber wie verändert sich die menschliche Merkfähigkeit durch Google? Das haben Forscher der Columbia University untersucht und fanden heraus:

“Our brains rely on the Internet for memory in much the same way they rely on the memory of a friend, family member or co-worker. We remember less through knowing information itself than by knowing where the information can be found.”


Der Spruch: „Man muss nur wissen, wo es steht“, bekommt durch Google eine ganz neue Bedeutung. Sachen von denen wir ausgehen, dass wir sie online finden, vergessen wir. Wenn wir aber glauben, dass wir etwas nicht im Netz finden, merken wir es uns.

Wikipedia – und keiner schreibt

Wikipedia ist wohl mittlerweile jedem Internetnutzer ein Begriff, immerhin findet man zum eingegebenen Suchbegriff sehr häufig zunächst die entsprechende Seite der Online-Enzyklopädie. Doch Wikipedia gehen die Autoren aus! So verschwanden etwa in den ersten drei Monaten des Jahres 2009 bei der englischen Version des Angebots 49.000 Schreiber. Und der Einstieg ist für neue Autoren nicht mehr reizvoll: „So werden Beiträge von Wikipedia-Neulingen heute viel öfter gelöscht als früher. Auch das Artikelwachstum ist längst vom ursprünglich exponentiellen Pfad zu einem eher linearen Wachstum übergegangen“, fasst heise.de den Trend zusammen. Heißt also: Viele Themengebiete sind mittlerweile beackert, viele Einträge müssen nur ab und an aktualisiert werden – es gibt nicht viel zu tun, aber viel zu lesen. Auch die ARD-ZDF-Onlinestudie des Jahres 2011 stellt fest, dass viele Wikipedia nutzen (97 %), aber nur 1 Prozent etwas einstellt und lediglich 2 Prozent beides tun.

Einen Vorschlag für die Weiterentwicklung von Wikipedia – nämlich einen Angriff auf Facebook – bringt Der Freitag:

„Wikipedia ist nicht mehr sexy. Dies kann sich ändern, wenn Wikipedia sich ein Soziales Netzwerk zulegt. Die Software gibt es bereits: Diaspora funktioniert sehr gut. Die Idee hinter Diaspora ist überzeugend: eine Open Source-Software, die es erlaubt, dezentrale, aber miteinander kompatible Soziale Netzwerke zu installieren. Diaspora zu implementieren hätte für Diaspora und für Wikipedia eine positive Signalwirkung: Diaspora würde an Attraktivität und Bekanntheit gewinnen und Wikipedia könnte wieder jugendlicher werden.“

Von den technischen Möglichkeiten einmal abgesehen: Wäre das ein Schritt, den Wikipedia wagen könnte, vielleicht sogar sollte? Nein, sollte Wikipedia nicht. Denn wenn Wikipedia nicht genügend Nutzer gewinnt und noch kläglicher scheitert als Google+, würde Wikipedia einiges an Vertrauen verlieren. Und das ist das letzte, was der Community passieren sollte.

Die Zukunft des Internets

Was könnte die Zukunft in der digitalen Welt mit sich bringen? Was wird sie uns bringen? Zum einen könnte der Traum vom offenen Netz ein für alle Mal ausgeträumt sein – und wir sind selbst daran Schuld. Jonathan Zittrain ist Professor für Recht und Informatik an der Harvard University und sieht in den Smartphones und Tablet-PCs eine große Gefahr. Denn anders als der PC-Marktführer Microsoft bestimmen Apple und Co. die Inhalte von Software, also der Apps:

„Das Zulassungsprocedere von Apps verschleiert allerdings, worum es wirklich geht: Das Geschäft von IT-Unternehmen besteht jetzt auch darin, Texte, Bilder und Töne zu genehmigen – und das auch noch einzeln. Sie bestimmen, was wir auf den wichtigsten Portalen der Welt finden und nutzen können. […] Zwei, drei Betriebssystem-Hersteller sind in der Position, sämtliche Apps und deren Inhalte zu verwalten, und eine kleiner werdende Gruppe von Cloud-Dienste-Anbietern ermöglicht Webseiten oder Blogs, die vor Denial-of-Service- Problemen geschützt sind.“

Der SPIEGEL brachte Ende 2011 eine Titelgeschichte, in der Zittrains Überlegungen noch ein wenig weiterführt werden: Per se gibt es im Internet keine Monopole. Gleichzeitig haben sich aber mittlerweile vier US-Firmen herausgebildet, die den Online-Kuchen zu großen Teilen unter sich aufteilen: Amazon, Apple, Facebook und Google. Jeder bedient eigentlich ein eigenes Segment, gleichzeitig wildert mittlerweile jeder im Revier des anderen: Amazon bringt mit dem Kindle Fire ein Tablet-PC  auf den Markt und greift Apples iPad an, Google+ soll Facebook den Kampf ansagen – und so weiter. Am Ende liegt dann wieder die Entscheidung beim Nutzer – also bei uns – auf welchem Unternehmen er sein Vertrauen (und seine Daten) schenkt.

Wir User werden also in den nächsten Jahren wohl noch häufig überlegen müssen, was wir in der digitalen Welt so alles tun oder auch nicht. Wem wir unser Vertrauen schenken oder auch nicht. Es bleibt also spannend wie sich das Web (und somit unser Leben) verändern wird. Übrigens: Eine erste Prognosen zu den Entwicklungen im Social Web 2012 findet ihr hier.

Unser Leben im Netz (Teil 1) über den digital divide, Facebook und E-Mail gibt es hier.

Foto: flickr/keso (CC BY-NC-ND 2.0)

Amerika wählt – zwischen YouTube-Videos und Analsex

von Sanja Döttling

Wollte man früher Leute –  sagen wir,  Politiker –  öffentlich beleidigen, erforderte das großen Aufwand und viel Planung.
Man musste zu einer Veranstaltung gehen. Man musste Tomaten mitnehmen. Gut zielen können. Und schnell wegrennen. Das Internet aber entwickelt ganz neue Formen und Möglichkeiten, andere zu diffamieren. Und beim Kampf um das Präsidentenamt in Amerika bietet die Gelegenheit, virtuelle Tomaten zu werfen. Und zwar richtig große.
Der Startschuss zum Run auf den auf das höchste Amt in den Vereinigten Staaten ist gefallen. Während die Demokraten Barack Obama zur Wiederwahl aufstellten, haben die Republikaner im Moment noch sechs Kandidaten im Rennen. Sechs Kandidaten, die nicht nur Obama als Feind sehen, sondern auch die anderen fünf. Und dieser Kampf wird medial ausgetragen.

Jeder gegen Jeden

Bis zu den Präsidentschaftswahlen am 6. November 2012 herrscht politische Kriegsstimmung in Amerika. Die Betonung im Wort Wahlkampf liegt klar auf der zweiten Silbe. Dabei wettern nicht nur die Republikaner gegen Obama (auch ein alter Hut, inzwischen. Schon McCain stetzte Anruf-Roboter ein, die Obama als Terroristenfreund bezeichneten), sondern lassen auch untereinander kein gutes Haar aneinander.
So wird etwa Mitt Romney, der in Vorwahlen aktuell führt, als Jobzerstörer oder Schwuler betitelt. Seine vermeintliche Homosexualität – logischerweise in konservativen Kreisen eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung – wird im Brokeback Mountain-Stil hochgekocht. Lustig ist das keinesfalls.

Hinter dem Video, das Romney als miesen Kapitalisten zeichnet, steht ein sogenannter „Super PAC“. Diese „Gruppen“ haben das Ziel, andere Kandidaten zu diffamieren – und den eigenen in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Sie agieren im Schatten des eigentlichen Kandidaten und können aus den Vollen schöpfen: Denn die Super-PACs dürfen für ihren favorisierten Kandidaten so viel Geld bereitstellen, wie ihre Taschen hergeben. Und die sind meistens ziemlich, ziemlich groß.

Google Bombe: Santorum und Analsex

Doch es geht noch schlimmer: Mit der Google-Bombe. Sie nutzt den Google-Algorithmus, um durch das gezielte Verlinken einer Webseite mit einem Text Leute oder Unternehmen zu diffamieren.
Rick Santorum, ebenfalls Präsidentschaftskandidat, ist einer der Attackierten (Handelsblatt und Süddeutsche berichteten) – allerdings zu recht.
Bekannt wurde der erzkonservative Kandidat mit locker-leichten, weltumarmenden Aussagen wie: Eine schwule Ehe sei nichts anderes als wenn „ein Mann mit einem Kind, ein Mann mit einem Hund, oder so etwas in der Art“ sexuell aktiv werden würde (das sagte er 2003). Außerdem zitierte er einen zwielichtigen, unbekannten Experten mit den Worten: „Er fand heraus, dass Väter im Gefängnis, die ihr Kind verlassen hatten, immer noch besser sind als überhaupt keinen Vater im Leben eines Kindes zu haben“ und bezog sich dabei auf Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen.

Da ist wirklich das Gemüse zu schade für, dachte wohl auch der Schwulenaktivist Dan Savage. Seit 2003 arbeitet er an der Santorums-Google-Bombe, die bis heute intakt ist: Wer bei Google „Rick Santorum“ eingibt, erhält unter den ersten Treffern auch diesen. Nachdem santorum als „forthy mixture of lube and fecal matter that is sometimes the by-product of anal sex“ definiert wurde, gelangt man auf Savage’s Blog. Der hat die einfache Aufgabe, all den verbalen Müll zu sammeln, den Santorum in den Medien hinterlässt.
Solche politischen Spielchen gibt es übrigens auch in Deutschland, wenn auch harmloser: So hörte Angela Merkels Webpräsenz eine Zeit lang auf den Namen „Experiment Kohlkopf“ und die SPD fand man, indem man die „Verräter Partei“ suchte.

Schönes, neues demokratisches Google

Urs Hölzle, Mitarbeiter von Google, erwiderte 2004 auf die Frage, was man gegen das „Google-Bombing“ unternehme, übrigens folgendes: „Nichts. Das ist ein Zeichen, wie demokratisch das Internet ist. Wenn genügend Leute ihre Webseiten entsprechend verlinken, kann es so herauskommen.“
Naja. Okay, schöne Neue Welt: Inzwischen lässt Google die Bomben dann doch entschärfen.

Teaser-Foto: YouTube

Unser Leben im Netz (Teil 1)

von Alexander Karl

Wir sind digital natives. Wir sind die Zukunft. Wir sind online. Ziemlich oft sogar und ziemlich lange. Aber was machen wir im Netz? Wofür nutzen wir das World Wide Web? media-bubble.de wirft einen Blick auf aktuelle Studien zu unserem Nutzungsverhalten – von Facebook, über E-Mail bis Google.

Diesmal: Deutschland online, Facebook und E-Mail.

Deutschland online

Fast 52 Millionen Deutsche sind mittlerweile online, das entspricht etwa 73 Prozent – das ergab die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011. Die Altersgruppe der 14-19-jährigen ist zu 100 Prozent online, bei 20-29-jährigen sind es 98,2 Prozent. Ältere User sind noch immer seltener online als die jungen – aber es werden immer mehr. Ein Großteil der Deutschen ist also online, der ‚digital divide‚ scheint eine Sorge der Vergangenheit zu sein. Und docht mahnt die Studie, nicht allein das Vorhandensein von PC und Internet als Triumpf zu feiern: „Vielmehr sind heute „weichere Kriterien“ für die Unterscheidung zwischen Nicht und Gelegenheitsnutzern sowie routinierten Nutzern heranzuziehen – nämlich Grad der Medienkompetenz, Nutzungsvielfalt und Anwendungsroutinen.“

Nutzungsvielfalt ist ein wichtiger Punkt – denn was machen wir ‚digital natives‘ nun online? Die Altersgruppe der 14-29-jährigen ist durchschnittlich 168 Minuten pro Tag, also fast 3 Stunden. Viel Zeit für buntes Treiben im Netz. Beschränkt wird sich aber zumeist auf die Standard-Angebote: 80 Prozent senden mindestens einmal wöchentlich eine E-Mail, 95 Prozent nutzen im gleichen Zeitraum eine Suchmaschine, 71 Prozent sind auf Online-Communitys präsent – so die Studienergebnisse (siehe auch Tabelle rechts).

E-Mail versus Facebook

Eine interessante Frage ist, welche Kommunikationswege von den Onlinern genutzt werden. So fand die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 heraus: „66 Prozent der 20- bis 29-jährigen Onliner nutzen Xing, Facebook oder andere Communitys, zu den E-Mail-Anwendern (mindestens wöchentlich) zählen dagegen 81 Prozent (2010: 92 %).“

Während über Facebook in der Vergangenheit also immer wieder philosophiert wurde, jede Entwicklung durch die Medien ging und über die Zukunft der Plattform diskutiert wurde, gab und gibt es im Windschatten noch immer eine Anwendung, die nicht tot zu kriegen ist – die E-Mail.

Jüngst ergb dies auch eine Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW): „Neue, intelligente Smartphones werden dank der Kombination aus Telefonie, E-Mail und sozialer Kommunikation gerade für die Verbraucher attraktiv“, sagte Olav Waschkies, Vize-Vorsitzende der Fachgruppe Mobile im BVDW, dem Branchendienst Meedia. So scheinen soziale Netzwerke sich positiv auf die Nutzungsintensität auszuwirken. Platzhirsch bleibt aber die E-Mail. Auch die Grafik rechts zeigt: Noch immer stehen E-Mails hoch im Kurs – egal ob Internet-Jungspund oder Veteran.

Weiterhin feiert aber auch Facebook in Deutschland große Erfolge: „Facebook konnte die Zahl seiner Mitglieder binnen eines Jahres mehr als verdoppeln. Zum 16. Juli 2011 waren in Deutschland knapp 20 Millionen Menschen auf Facebook angemeldet, dies entspricht rund 24 Prozent der deutschen Bevölkerung.“ Wie es oftmals aber der Fall ist, scheint es auch zu Facebook eine Gegenbewegung zu geben – nämlich hin zu beschränkten Netzwerken, die etwa nur 50 Freunde fassen. Ob sich diese wirklich durchsetzen werden?

Übrigens: Auch Facebook versuchte ins E-Mail-Geschäft einzusteigen. So konnte man seine E-Mail-Adresse mit @facebook.com anlegen. Das sähe laut Unternehmensinfo dann so aus: „Wenn dir jemand eine E-Mail von diesen externen Systemen schickt, geht sie direkt in deinen Facebook-Nachrichten ein. Falls du Nachrichten an externe E-Mail-Adressen schickst, werden diese so wie deine Nachrichten auf Facebook formatiert und enthalten deinen Namen und dein Profilbild zusammen mit deiner Nachricht.“ Über Erfolg oder Misserfolg ist mir leider nichts bekannt. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass viele sich neben ihrem Facebook-Profil und ihrer E-Mail-Adresse (die man übrigens zur Anmeldung bei Facebook braucht) eine zusätzliche @Facebook-Adresse macht.

Freundschaft und Facebook

Wie entstehen Freundschaften bei Facebook? Wie enden sie? Auch dazu gibt es eine Studie, die wenig überraschend sagt, dass wir zu 82 Prozent Menschen aus dem „echten Leben“ als Freunde hinzufügen. 55 Prozent schmeißen Freunde aus ihrer Liste, wenn diese verletzende Kommentare schreiben. Eine Freundschaft baut in den meisten Fällen übrigens auf Gemeinsamkeiten auf, wobei die Einflussnahme auf die Facebook-Kontake gering bis nicht vorhanden ist – bis auf Klassik und Jazz-Liebhaber, die sich anscheinend untereinander beeinflussen, wie eine Harvard-Studie ergab.  Aber Facebook wirft noch mehr Fragen auf: Soll man seinen Chef als Freund hinzufügen? Laut einer Forsa-Umfrage würde die Mehrheit der Deutschen dies nicht tun – und nur 2 Prozent würde selbst die Initiative ergreifen und dem Arbeitgeber einer Freundschaftsanfrage stellen. Das ist vielleicht auch besser so – im November 2011 wurde ein Mitarbeiter von IKEA entlassen, da dieser anscheinend auf Facebook mit der NPD sympathisierte.

 

Im nächsten Teil: Google und die Merkfähigkeit, Wikipedia und die Zukunft der Online-Welt

Foto: flickr/TF28 ❘ tfaltings.de (CC BY-NC-SA 2.0)


Causa Wulff: Warum schweigt BILD?

von Alexander Karl

Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, doch es hat sich tatsächlich so abgespielt: Da ruft ein Bundespräsident den Chefredakteur der BILD-Zeitung an und spricht ihm drohend auf die Mailbox. Und was macht die BILD? Schweigt. Lässt Wulffs Entschuldigung durchgehen, veröffentlicht den Artikel zur Kredit-Affäre aber trotzdem. Und irgendwie – sehr wahrscheinlich von der BILD – gelangt die Info über Wulffs-Mailbox-Drohung dann an die Süddeutsche Zeitung und die FAZ.

Warum schweigt die BILD?

Schlagzeilen wie: „Jetzt reicht’s! Wulff droht BILD!“ oder „Wulff erklärt BILD den Krieg!“ hätten sich super auf der Titelseite gemacht. Stattdessen eine Titelseite zur Rente mit 67 und ein kurzes Statement „In eigener Sache“ online, in der der Vorfall erklärt wird – nachdem SZ und FAZ schon längst Wulffs Ausbruch öffentlich gemacht haben. Warum nur? In der Erklärung der BILD heißt es: „Deshalb [nach der Entschuldigung, Anm. d. Autors] hat die BILD-Zeitung nach breiter redaktioneller Debatte davon abgesehen, eigens über den Vorfall zu berichten.“

Aha. Wieso das? Was ist da los?

Möglichkeit 1: Der Rubikon ist noch nicht überschritten.

Schön, wenn so alte Redewendungen noch genutzt werden, auch, wenn sie kaum noch einer versteht. Was Wulff aber anscheinend meinte, war: Es ist vorbei mit der BILD-Wulff-Symbiose, die über viele Jahre so wunderbar geklappt hat. Vorbei die Zeit, in der Wulff sich für seine jetzige Frau scheiden lassen konnte – und BILD die neue Liebe trotzdem feierte. Auch wenn angeblich bereits vor der Wahl vom Bundespräsidenten eine Abkühlung zwischen BILD und Wulff zu bemerken war: Es scheint eigentlich erst mit der Kredit-Affäre gekracht zu haben. Zumindest für Wulff.

Vielleicht ist die BILD ihren Helden doch treuer, als man glauben mag: Das beste Beispiel sind die Guttenbergs. Selbst nach dem Abdanken von Dr. Guttenberg hielt ihm BILD die Treue. Vielleicht ist Druckerschwärze doch dicker als ein unpassender Mailbox-Anruf. Vielleicht auch nicht.

Möglichkeit 2: BILD will sich die Hände nicht schmutzig machen.

BILD und sich die Hände nicht schmutzig machen? Der bekannte Blogger und Spiegel-Autor Stefan Niggemeier hält das für möglich – klingt aber eigentlich ziemlich unwahrscheinlich. Aber warum sonst spannt man die seriöse Presse vor den Wulff-Karren und lässt sie machen? Selbst in der Online-Berichterstattung hält man sich vergleichsweise zurück, entscheidet sich zunächst ein Presseecho zu bringen und keinen zerfleischenden Artikel. Natürlich berichtet BILD auch nicht positiv über Wulff – aber welches Medium macht das heute schon? Alle Medien fühlen sich von Wulffs Versuch, die Presse direkt zu beeinflussen, angegriffen, ja mehr noch: Bedroht. Und so schießen sie nun gegen Wulff. So heißt es etwa bei stern.de : „Dass Wulff nicht der richtige Mann für die Repräsentation Deutschlands ist, dürfte spätestens jetzt klar werden.“ Und da wirkt der heutige Kommentar für BILD-Verhältnisse fast harmlos. Da heißt es: „Christian Wulff hat das Amt in den letzten Wochen tatsächlich geprägt. Aber das Amt wird Jahre brauchen, bis es sich davon erholt.“

Möglichkeit 3: BILD macht den Sack zu.

Zunächst durch die anderen schwächen und dann zu Fall bringen – das wäre eine clevere Taktik der BILD. Ob tatsächlich eine ganze Redaktion Wulffs Leben durchfilzt und nach dem Skandal sucht, der ihn zum Rücktritt zwingt, kann nur gemutmaßt werden. Unwahrscheinlich wäre es aber trotzdem nicht. Immerhin feiert BILD in diesem Jahr 60. Geburtstag und da macht sich eine Hetz-Kampagne gegen Wulff nicht gut. Aber wenn man ihn – den bösen Bundespräsidenten, der die Berichterstattung über sich verhindern wollte – mit dem Aufkochen einer neuer Affäre zu Fall bringt, steht BILD gut da. Vielleicht kann man die ersten Gewitterwolken schon heranziehen sehen: Denn BILD bittet Wulff, die Mailbox-Nachricht zu veröffentlichen. Kann Wulff da überhaupt nein sagen? Erstaunlicherweise hat Wulff dies abgelehnt. Ob BILD die Nachricht vielleicht doch veröffentlicht oder sie zufällig der FAZ/SZ zugespielt wird, wird sich zeigen.

Von einer „Kampagne“ der Springer-Presse und speziell BILD gegen Wulff kann bisher also nicht die Rede sein – findet auch Medienwissenschaftler Norbert Bolz. ‚Bisher‘ bedeutet aber natürlich: Es ist noch nicht aller Tage Abend. Ich komm wieder. Keine Frage.

UPDATE: Die Mailbox-Nachricht ist auch am 11.1.12 nocht nicht offiziell an die Öffentlichkeit gedrungen, doch Bruchstücke sind mittlerweile bekannt. Eine Rekonstruktion der Nachricht findet sich aber hier.

Foto: flickr.com/European Parliament (CC BY-NC-ND 2.0)

Papier- und Kostenlos.

von Sanja Döttling

Werden mit Zeitungspapier ausgelegte Biomülleimer, der morgendliche Gang in Pyjama zum Briefkasten bei minus elf Grad und vom Regen unleserliche Titelseiten bald der Vergangenheit angehören? Werden wir bald alle eine digitale Zeitung haben, die nur die Nachrichten anzeigt, die wir sehen wollen?

Zeitung ohne Seiten

Die Verkaufszahlen von Tablet-PCs steigen und die Käuferschicht von Papierzeitungen schwindet. Ist die Zeit reif für eine Zeitung 2.0? In der Theorie ja, auch wenn die Idee einer digitalen, personalisierten Zeitung nicht ganz neu ist: Schon 1995 wurde das Konzept dafür entwickelt und zehn Jahre später ging die Seite Daily Me online. Inzwischen haben sich auch andere Anbieter für so genannte News Aggregatoren gefunden. Beispiele sind Flipboard, Zite, Yahoo Livestand, AOL Editions und Google Currents und Pulse. Diese Angebote stellen Webcontent mit einer Art „Zeitungsoberfläche“ dar. Sie sollen übersichtlicher sein und dem Lesern ersparen, sich mühsam Artikel von vielen unterschiedlichen Webseiten zusammenzuklauben. Oder gar diese altmodische Papierzeitung aufzuschlagen, von der man noch nie wusste, wie man sie am besten halten soll.   

Zeitung von vielen – ganz für mich allein

Was diese neue Form des Zeitunglesens so interessant macht, ist ihre Lernfähigkeit: Das Leseverhalten der Benutzer beeinflusst die Artikel, die in die „persönliche Titelseite“ eingebunden werden. Manche Anbieter wie Flipboard nutzen auch die in Sozialen Netzwerken geposteten Links von Bekannten, um Interessen der Benutzer zu erspüren. Angebote wie das kostenlose Google Currents setzen dabei nicht auf eigene Artikel, sondern arbeiten in Kooperation mit 150 Verlagshäusern und verschiedenen Blogs. Für kreative Schreiberlinge bietet es auch die Möglichkeit, eigene Artikel zu erstellen.

Und Deutschland?

Der Axel-Springer-Verlag will ebenfalls ins Zeitungs-Aggregator-Geschäft einsteigen und präsentiert dazu MyEdition. Nachteil: Dieser Aggregator wird nur Artikel und Texte aus dem Springer-Haus vereinen, dazu gehören BILD, Die Welt, Hamburger Abendblatt und viele mehr. Und: Kosten soll das Ganze auch etwas. „Wir werden 2012 noch entschiedener auf Bezahlinhalte im stationären Web umschwenken“, sagte Springer-Chef Mathias Döpfner. Bis jetzt ist myEdition aber noch in der Betaversion.

Zeitung ohne Neuigkeiten

Gegner der digitalen Zeitungs-Apps führen ein Argument ins Feld, dass auch in der Medienwissenschaft behandelt wird: Wenn wir nur das Lesen, was uns interessiert, und uns auch nur die Artikel angeboten werden, die wir lesen wollen – dann schauen wir nicht mehr über den Tellerrand unserer Interessen hinaus. Dies nennt sich dann „Filterblase“, was Eli Pariser in seinem Buch „The Filter Bubble: What the Internet is Hiding from you“ beschreibt.

Dabei greift Eli Pariser auch auf die Gatekeeper-Theorie zurück. Diese besagt, dass Journalisten in Redaktionen die ankommenden Nachrichten aussortieren und dem Leser nur eine Auswahl der tatsächlichen Meldungen präsentieren.
Diese Aufgabe des Filterns wird jetzt von den Journalisten auf Such-Algorithmen im Internet verlegt, wie wir es etwa von Amazons Empfehlungen kennen. Doch trotzdem: In den Zeitungen gab es immer Seiten zu festgelegten Ressorts, wie Politik, Sport oder Kultur. Und wer noch Zeitung liest, merkt schnell: Oft bleibt man dann doch an Artikeln hängen, nach denen man nicht suchte. Eine altmodische Papierzeitung – eine Art Flohmarkt für Artikel, auf dem man ungehindert stöbern kann. Und die Titelseite liest man ja doch immer. Zumindest die Überschriften. Denn: Wenn am nächsten Tag der Kommilitone kommt und fragt: „Hast du das mit Wulff gelesen?“, hat man das gelesen, ja zumindest überflogen.

Aber auch gegen die bemängelte, zu enge Eingrenzung der Artikel bei Zeitungs-Aggregatoren ist ein Algorithmus gewachsen. Der wirft hin und wieder unerwartete Artikel auf die digitale Titelseite. Neue Möglichkeiten bietet hier auch der Filter über Soziale Netzwerke: So werden Artikel ausgewählt, die Bekannten gefallen. Bekannte, mit denen man ganz andere Interessen teilt. Auch so bleibt eine gewisse Varianz erhalten.

Teure Technik – und jetzt?

Apropos Technik. Die meisten Zeitungs-Aggregatoren setzen ein Tablet-PC – oder doch zumindest ein Smartphone mit Internetverbindung und den Willen, sehr kleine Buchstaben entziffern zu wollen –  voraus. Seit 2010, dem Jahr, in dem Apple den iPad auf den Markt brachte, wurden in Deutschland 2,3 Millionen Tablet-PCs verkauft. Damit erreichen Tablet-PC sicher nicht die große Masse – zumindest bis jetzt nicht. Allerdings sagt die Bitkom weiterhin steigende Verkaufszahlen voraus, und schon dieses Jahr sollen mehr Tablets als Laptops verkauft worden sein.

Es gibt tausend weitere Gründe für und gegen digitale zeitungsähnliche Neuigkeitenverkünder. Wer hat schon die Zeit, sich so eine personalisierte Zeitung zu generieren? Wer will schon am Bildschirm lesen? Hinter einem Tablet-PC kann man sich am Frühstückstisch nicht verstecken. Dafür liegt ein Tablet-PC nicht aufgeweicht im Briefkasten; die digitale Zeitung (fast) immer online und somit aktueller als jedes andere Medium. Oft sind die Aggregatoren auch kostenlos. Aber ob deswegen die Papier-Zeitung aussterben wird? Mit was legen wir dann den Biomüll aus?

Foto: flickr/yago1.com (CC BY-NC-ND 2.0)