Let’s talk about… sports!

von Miriam Heiner

Susie Stoddart gilt als die schnellste Frau der Welt. Die Motorsportlerin rast am Sonntag im Rennanzug verpackt im Finallauf der Deutschen Tourenwagen Masters um die Wette. Doch besucht man die Schottin auf Facebook, betritt man das Profil einer sexy Blondine, die einen Rennanzug trägt. Stoddart legt das Augenmerk auf ihre Weiblichkeit und ist damit kein Einzelfall:  Die (Selbst-)Darstellung von Sportlerinnen zielt immer öfter auf ihre Reize, um in den Medien überhaupt wahrgenommen zu werden.

Quotenfrau oder Talent?

Noch immer ist die Deutsche Tourenwagen Masters ein von Männern dominierter Sport. Dort kämpft Susie Stoddart als eine von zwei Frauen mit 16 Männern um Punkte und Podestplätze. Ihre sportliche Bilanz ist zum Ende der Saison allerdings eher enttäuschend: Wie ihr weibliches Pendant Rahel Frey bei Audi verzeichnet sie keine Punkte und damit kein Podium auf ihrem Konto – alle Männer hingegen konnten zumindest einmal in die Punktplätze fahren.

Es wundert nicht, dass Susie Stoddarts Abschneiden in der populären Deutschen Tourenwagenserie  sofort die Stimmen jener Kritiker weckt, welche die Damenriege in der DTM als schlichte Quotenfrauen abstempeln. Eine Bezeichnung, gegen die sich natürlich die Damen selbst, und die beiden beteiligten Automobilkonzernen Mercedes-Benz und Audi wehren. Diese Diskussion ist beispielhaft für viele ähnliche Debatten rund um Frauen in der genuin männlichen Welt des Sports.

Im Fußball gibt es zwar kein direktes Duell der Geschlechter, aber die Unterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Spiel mit dem runden Leder sind vor allem in der Medienberichterstattung deutlich: Fünf Bundesligaspielerinnen nutzen die Gelegenheit vor der Frauen-Fußball-WM in diesem Jahr und warben auf eine reizvolle Art für ihren Sport, indem sie sich im Männermagazin Playboy wirkungsvoll in Szene setzten. Keine Seltenheit, denn seit 1995 haben sich mehr als 30 Profisportlerinnen in dem Magazin ablichten lassen.

Klischeehafte Berichterstattung

Keine Frage also, Männer- und Frauensport sind, zumindest was die Medienberichterstattung angeht, schwer miteinander zu vergleichen. Im Durchschnitt machen Berichte über Frauensport in den Medien etwa 15 Prozent der gesamten Sportberichterstattung aus. Eine Zahl, die bei weitem nicht das tatsächliche Verhältnis und Geschehen auf den Sportplätzen, Stadien und Sporthallen in Deutschland widerspiegelt. Dabei berichten die Medien über Frauen vor allem in den ihnen typischen Sportarten wie Eiskunstlauf, Tanz, Tennis und Beachvolleyball. Allesamt Sportarten mit einem gewissen ästhetischen Reiz.

Auch bei der Inszenierung von Leistung und Erfolg in den Medien gibt es deutliche Unterschiede zu den männlichen Akteuren. Während heroische Jubel-Posen von Oliver Kahn fast schon legendär sind, erscheinen Frauen oftmals in gemeinsamer, dezenterer, ja, behäbiger Manier.

Die Gründe für diese unterschiedliche Darstellung liegen nicht zuletzt an der eigenen Öffentlichkeitsarbeit der Sportlerinnen. Wer beispielsweise die Internetseite von Anna Kournikova aufruft, wird nicht von einer Tennisspielerin in Action, schwitzend und angestrengt begrüßt, sondern von einer attraktiven, sportlichen Frau, die erst auf den zweiten Blick als ehemalige Tennisspielerin zu erkennen ist. Genau dasselbe Bild ergibt sich bei einem Blick auf Susie Stoddarts Facebook-Seite: Profilbilder, die zwar eindeutig ihren Beruf erkennen lassen, aber sicherlich nicht, wie sie ihn tatsächlich ausführt. Auch hier blickt dem Besucher eine attraktive, blonde Frau entgegen, die ihre Wirkung beim männlichen Publikum sicherlich erzielt und sich derer bewusst ist.

Die Gründe für diese Art der Darstellung sind wiederum einfach zu erklären: Es gilt, die Aufmerksamkeit des vorrangig männlichen Publikums zu erlangen. Und das, so scheint es, geschieht in erster Linie nicht durch exzellente sportliche Leistungen und Erfolge, sondern vielmehr durch das Propagieren von Weiblichkeit. Das gibt ein anonym gehaltener Journalist im medienkritischen Buch „Soziale Konstruktion von Geschlecht im Sport“ auch ohne Umschweife zu: „Wir zeigen andere Bilder von Frauen, das ist klar. […] Wenn die sekundären Geschlechtsmerkmale sehr deutlich zu sehen sind […], dann ist das ein Kriterium bei der Auswahl. Während bei Männern, wir gucken auf die Szene, was passiert da […]?“

Wen wundern die gewohnten Bilder nach dieser Aussage noch? Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass Susie Stoddart im DTM-Fahrerfeld natürlich eindeutig an ihrem pink lackierten Auto zu erkennbar ist…

 

Die Macht der Studien

von Alexander Karl

Studien sind im Journalismus sehr verbreitet: Sucht man bei Google nach „Studie Gesundheit“, stößt man etwa beim Hamburger Abendblatt auf  die Meldung „Studie zeigt: 15 Minuten Sport am Tag ausreichend„. Oder aber die konkreten Zahlen folgen gleich nach der Überschrift, wie etwa bei stern.de. Dort heißt es:  „Nur 14 Prozent der Deutschen leben gesund. […]“

Aber: Wie vertrauenswürdig sind solche Studien? Und tut sich der Journalismus einen Gefallen damit, so stark auf Studien zu setzen?

Das NDR-Medienmagazin ZAPP hinterfragte nun kritisch, ob die Synthese von Journalismus und Studien nicht teilweise abstruse Formen annimmt. So erklärte die Statistikerin Katharina Schüller im Beitrag: „Zahlen, Statistiken und Studien haben etwas Objektives, was Belastbares, sie suggerieren, dass da etwas gemessen worden ist und gezählt und nicht nur einfach geschätzt oder gemeint.“

Pressemittelungen statt Primärquelle

Konkret befasste sich der Beitrag mit den aktuellen Studine zur Internetabhängigkeit der Deutschen und dem Glücksreport. So recherchierte ZAPP etwa, dass in der Internetabhängikeits-Studie nirgendwo die Zahl 560.000  – also die in den Medien oftmals genannte Zahl der Abhängigen – auftaucht. Stattdessen heißt es: „Auf Grundlage des Cut-offs von 28 ergibt sich eine geschätzte Prävalenz für das Vorliegen einer Internetabhängigkeit von 1,5% (Frauen 1,3%, Männer 1,7%).“ Erst das Bundesgesundheitsministerium brachte laut ZAPP die Zahl 560.000 in Umlauf.

Das gleiche gilt für den Glücksreport: Zum einen, so kritisiert ZAPP, ist der Begriff  „Glück“ nicht hinreichend definiert, zum anderen wurde vielmehr nach der Zufriedenheit der Deutschen gefragt.

 

Journalismus und Recherche

Die Grundkritik des ZAPP-Beitrags ist wohl, dass Journalisten zu wenig recherchieren – und nur selten selbst in die zitierten Studien gucken, statt nur Pressemitteilungen zu übernehmen. Dies kreidete das Journalistik Journal bereits vor zwei Jahren an. Dort heißt es: „Zeitnot und Arbeitsverdichtung beherrschen den redaktionellen Alltag, Journalisten verzichten auf Überprüfungsrecherchen und aufwändige Recherche-Methoden, die rasche Verarbeitung von PR-Informationen ersetzt journalistische Kerntätigkeiten.“

Wie wichtig aber eine fundierte Recherche ist, liefert der Bericht des Magazins sofort mit:

Wie wichtig gerade Quellencheck und Faktenkontrolle sind, zeigte der „Spiegel“-Reporter Markus Grill am Beispiel der Pharmaindustrie bei der „Netzwerk Recherche“-Fachkonferenz „Quellen finden und öffnen“. Es gebe beispielsweise eine systematische Unterwanderung von Selbsthilfegruppen durch Pharmakonzerne, als Experten getarnte PR-Agenten der Pharmafirmen oder medizinische Studien, deren wissenschaftlicher Wert fragwürdig sei. Die Zuverlässigkeit der Quellen sei daher stets zu kon­trollieren.

Doch gerade die kürzlich von Stefan Niggemeier gescholtene Online-Ausgabe des stern hat die eingangs genannte Studie zur Gesundheit der Deutschen kritisch beleuchtet. Dort heißt es in der Unterüberschrift: „Nur 14 Prozent der Deutschen leben gesund. Der Rest ernährt sich schlecht, bewegt sich kaum, raucht, trinkt, hat Stress – so das Ergebnis einer neuen Studie, die aber mit Vorsicht zu genießen ist.“

Wieso die Studie mit Vorsicht zu genießen ist, folgt im Artikel. Denn in der Studie der Deutschen Krankenversicherung und der Deutschen Sporthochschule Köln wird gezeigt, dass Hauptschulabsolventen angeblich gesünder leben als höher Gebildete – und widerspricht somit anderen Studien. Doch die Autorin scheint sich die Studie genauer angesehen zu haben und stellt fest, dass die Definitionen – etwa von Gesundheit und Stress – problematisch sind. Und schlussendlich lohnt sich natürlich auch ein Blick auf die Auftragsgeber der Studie.

Doch dies scheint im journalistischen Alltag nicht Usus zu sein. Die Leipziger Journalismus-Forscher Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker legten 2008 mit dem Buch ‚Journalistische Recherche im Internet‘ eine Studie vor, die zeigt, dass Journalisten relativ wenig auf Primärquellen setzen, sondern Wikipedia und Berichte der Konkurrenz zur Recherche heranziehen.

Doch wie sollte ein Journalist nun recherchieren?  Das Journalistik Journal leitet aus der Leipziger Studie folgende Handlungsempfehlungen ab:

Dazu zählen sie beispielsweise die Sensibilisierung der Journalisten für PR-Inhalte, die Schaffung von spezialisierten Rechercheteams, die kontinuierliche Evaluation der Arbeitsabläufe in den Redaktionen, eine gezielte Weiterbildung für effiziente Recherche-Strategien und die feste Verankerung der Online-Recherche in der Journalisten-Ausbildung.

 

Foto: o-zero / photocase.com

Die Kunst des Interviews

von Mira Keßler

Journalisten bezeichnen sich gerne – begründet durch den Artikel 5 des Grundgesetzbuches, der die Pressefreiheit gewähren soll – als so genannte Vierte Gewalt, die die Öffentlichkeit aufklärt und das Ziel hat zwischen Politik und Bürgern zu vermitteln. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn Journalisten ihre eigene Meinung –  statt eine umfassende objektive Berichterstattung – der Öffentlichkeit nicht nur anbieten, sondern auch propagieren? Und wie sieht es eigentlich aus, wenn diese Journalisten in der Medienlandschaft zu richtigen „Stars“ aufsteigen?

Die Rollen der Interviewer

Das Interview ist für den Journalisten ein Bestandteil der Recherche. Der Interviewer kann hier als Stellvertreter der Empfänger, als Promoter der Befragten oder als Selbstdarsteller auftreten. Als Selbstdarsteller finden sich Journalisten vor allem im Kulturbereich. In den USA polarisieren die  so genannten ‚Shock Jocks’, wie beispielsweise Howard Stern, durch provokantes und zum Teil anrüchiges Auftreten. Sie versprechen den Sendern damit hohe Werbeeinahmen und Abo-Gebühren.

In Deutschland haben sich Interviewer in Print und Fernsehen durch einen eigenen Stil der Gesprächsführung selbst zu Prominenten entwickelt. Michel Friedmann (Studio Friedmann, N24) geht in seinen TV-Interviews mit strenger Schärfe vor. Er bedrängt und demaskiert seine Interviewpartner, provoziert und verunsichert sie. Als ‚geistiger Anarchist’, wie er sich selbst bezeichnet, will er vor allem Politiker auf den Prüfstand stellen und hinter ihre vorgefertigten Formulierungen kommen. Arno Luik (Stern) lässt seine Gesprächspartner immerhin, anders als Friedmann, zu Wort kommen. Aber auch er definiert Kritikfähigkeit und Schärfe als Zeichen des Qualitätsjournalismus. Mit den Lesern im Hinterkopf will er aber auf unterhaltsame Weise informieren. Durch akribische Vorbereitung und direkte und mitunter provozierende Fragen will er an den emotionalen Kern des Interviewpartners gelangen. So begann er das Gespräch mit dem  Brandopfer Hans Hammerstingl mit den Worten: „Sie sehen schrecklich aus, richtig furchterregend.“ Moritz von Uslar (Magazin der Süddeutschen Zeitung) überschüttet seinen Gesprächspartner mit abwegigen Fragen, beispielsweise „Welche ist ihre Lieblingsfarbe?“, die den gewohnten Interviewablauf unterwandern. Der Ausschluss von Tiefsinn macht hierbei für ihn den Reiz aus. Durch die Übernahme subjektiver Beobachtungen verwendet er ein Element des so genannten New Journalism, eine Bewegung, in der die Autoren ihre Subjektivität und ihr literarisches Schaffen in den Vordergrund stellen! Die Frage ist nun: Was passiert dadurch eigentlich mit dem Anspruch auf die Vierte Gewalt, was mit der objektiven Berichterstattung?

Journalisten sind, wie jeder andere Mensch auch,  soziale Akteure mit einer bestimmten Erziehung, Bildung und einem bestimmten sozialen und beruflichen Werdegang (Raabe 2005). Durch ihren ‚Habitus’ sind ihre Wahrnehmung, ihr Denken und ihre Handlungen geregelt, ihre kulturellen Orientierungen und Weltanschauungen definiert. So ist bei Michel Friedman deutlich, der der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört, dass er sich stark mit dem Thema der Judenverfolgung und des Rassismus auseinandergesetzt hat. Arno Luik hat bei der Diskussion um Stuttgart 21 gezeigt, dass er – emotional motiviert – Gegner des Projektes ist und seine Meinung dementsprechend vertritt. Seine Rolle als Journalist ist also keine neutrale. Den objektiven Journalisten kann es also gar nicht geben. Das Rollenverständnis des Journalisten als 4. Gewalt, die Informationen zur Verständlichkeit übermittelt und zwischen Politik und Bürger vermittelt, wird besonders vor dem Hintergrund dieser ‚Star- Interviewer’ fraglich, vor allem dann, wenn sie sich noch nicht einmal um eine Objektivität bemühen und ihre eigene Person ins Zentrum des öffentlichen Interesses rücken.

Die Kunst des Interviews- der  Journalist als „Dienstleister“

Der Auftrag der Journalisten, den Bürger umfassend und objektiv zu informieren, ist nicht nur durch die Praktizierung des Selbstkultes eingeschränkt. Das Auftreten von Personen in der medialen Öffentlichkeit, sei es im Fernsehen, im Radio oder in der Zeitung, begründet verstärkt die Reflexion der eigenen Handlung – was nimmt wer wie von mir wahr? – und den Wunsch, auf die Außenwirkung Einfluss zu nehmen.

Erving Goffmann beschreibt das Öffentlichkeitsverhältnis von Kommunikation, damit ist auch jedwedes Auftreten gemeint,  als Theatermetapher und teilt sie in eine Vorder– und eine Hinterbühne (1969). Auf der Vorderbühne findet regelkonformes Verhalten statt, das der sozialen Norm entsprechen soll. Die Hinterbühne ist der Schutzraum, der sich abseits der Öffentlichkeit befindet. Dazwischen befindet sich die ‚middle region’ als Übergang. Die moderne Mediengesellschaft erzwingt von jedem ein ‚Mittelbühnenverhalten’. Durch das Internet und portable Kameras wird alles medial gespiegelt. Beim ‚Impression Management‚ ringen die Gesprächspartner von Interviews um Vorder- und Hinterbühne, also darum was „gesehen“ werden darf und was nicht „gesehen“ werden soll.  Images sollen erzeugt und gesteuert werden. Somit ist es ein Bestandteil der PR wünschenswerte Wirklichkeiten durch gezielte und kontingente Konstruktionen zu erzeugen und Images zu festigen. In diesem Rahmen lässt die Bühne der massenmedialen Öffentlichkeit den Journalisten zum Dienstleister werden.

Bei Prominenten – vor allem Politikern – hat sich im Print immer mehr das ‚Verlautbarungsinterview´ gefestigt. Im meist vorher festgelegtem Gespräch ist der Journalist nur noch Bestandteil der PR-Arbeit der Prominenz. Während der Autorisierung haben neben dem Interviewten u. U. sogar Manager und Berater Einfluss auf die Textgestaltung. Bei der Veröffentlichung kann der Leser der „gelenkten“ Informationen nur noch die Vorderbühnenimages antizipieren, also nur noch das, was nach außen dringen durfte. Er erfährt nichts von den Prozessen der Gestaltung auf der Hinterbühne, also wer was nicht so stehen lassen wollte. Da Print- Interviews letztlich konstruiert sind, kann man von einer „einvernehmlich vorgenommenen Irreführung“ des Lesers sprechen.  Eine mangelnde Transparenz der Produktion gibt es aber auch beim Fernsehen. Der Glaube an die Authentizität der Kamera und an die Technik verstärkt die Illusion einer „wirklichen“ Wirklichkeit, also den Eindruck, dass medial vermittelte Berichte wahr sind und die Kameras eine sinnlich erfassbare und abbildbare Wirklichkeit wiedergeben. Die mediale Entwicklung lässt sogar u. U. Pseudoereignisse entstehen, die nur für die Berichterstattung veranstaltet werden. Inszenierte Demonstrationen oder das Händeschütteln von Politkern bei Auslandsreisen auf einem Podest vor einem roten Teppich, würden ohne die mediale Berichterstattung nicht stattfinden. Mediatisierte Ereignisse sind hingegen zwar nicht nur für eine mediale Berichterstattung inszeniert, aber der Ablauf und ihre Ausgestaltung werden von ihr beeinflusst. Als besonders echt wird von dem Publikum die Live-Aufnahme empfunden, obwohl diese ebenso das Ergebnis der Operation von Medien, wie der Kameraführung, dem Schnitt, der Lichtgestaltung, den Effekten und den Retuschierungen ist.

Foto: Sophie Kröher

Literatur

Friedrichs, Jürgen/ Schwinges, Ulrich (1999): Das journalistische Interview. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Goffmann, Erving (1969): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München : Piper.

Haller, Michael (1992): Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. Frankfurt am Main: Verlag Sauerländer.

Pörksen, Bernhard/ Loosen, Wiebke/ Scholl, Armin (Hg.) (2008): Paradoxien des Journalismus. Theorie, Empirie, Praxis. Festschrift für Siegfried Weischenberg. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Raabe, Johannes (2005): Die Beobachtung journalistischer Akteure. Optionen einer empirisch-kritischen Journalismusforschung. Wiesbaden : VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Waterstraat, Swantje (2007): Die Autorisierung politischer Presseinterviews. Spielregel zwischen Politik und Presse. Saarbrücken : VDM.

Weischenberg, Siegfried (2005): Interview. In: Siegfried Weischenberg/Hans J. Kleinsteuber/Bernhard Pörksen (Hg.): Handbuch Journalismus und Medien. Konstanz: UVK. S. 118-12.

 

 

License to brand

von Alexander Karl

Letzte Woche war das Thema Product Placement -doch längst gibt es andere Werbeformen, die den Zuschauer noch explizieter ansprechen wollen. Dazu gehört branded entertainment. Ziel ist es, den Rezipienten nicht mit Werbebotschaften zu überfordern, sondern ihm stattdessen Angebote zu machen, die er möglichst selbstständig wahrnimmt.

Entertainment und Werbung

Guy Ritchie und Madonna sind schon länger kein Paar mehr, doch noch heute sorgt ein Kurzfilm der beiden selbst in der Medienforschung für Verzückung: The Hire. The Hire, eine Kurzfilm-Reihe, wurde 2001 und 2002 für BMW produziert und neben Clive Owen wurden immer wieder Stars vor und hinter die Kamera geholt. Wie eben auch Madonna und Guy Ritchie. Das es sich bei den Filmen streng genommen um Werbung handelt, fällt kaum auf: Zwar spielt sich ein Großteil der Handlung in BMW-Fahrzeugen ab. Doch eigentlich wird der Zuschauer nur eines: Unterhalten. Und eben nicht plump zum Kauf animiert. Zudem wurden die Kurzfilme nur im Internet publiziert, man setzte darauf, dass die Menschen die Filme über Facebook und Co. teilten. Und die Macher sollten recht behalten.

 

Branded entertainment

Schnell wird ersichtlich, dass branded entertainment natürlich Charakteristiken des Product Placement erfüllt. So heißt es etwas in einem Artikel der ZEIT:

Klassische Schleichwerbung war es, einen Yogurt im Tatort zu platzieren oder die Limonadenmarke Florida Boy in der Serie Marienhof unterzubringen. Beim Marienhof haben die Verantwortlichen der Bavaria-Filmproduktion aber auch ganze Handlungsstränge ins Drehbuch montiert, sodass die eigentliche Unterhaltung und die Werbestrecken für den Reiseveranstalter L’tour oder das Autorennen DTM nicht mehr voneinander zu trennen sind. Genau das ist Branded Entertainment.

Doch branded entertainment bedeutet vor allem eines: Dem Rezipienten ein Angebot zu machen und ihn nicht mit Werbebotschaften zu überhäufen. Scott Donaton beschreibt diese Umschichtung des Werbemarkts: Nach Donaton verliert das push-Modell, das auf das Eindringen in den Rezipienten-Habitus setzt, an Bedeutung. Stattdessen trumpft nun das pull-Modell auf, das man als Einladung des Werbenden an den Rezipienten verstehen kann.

Kurz gesagt: Die Werbung soll ihren marktschreierischen Charakter verlieren und stattdessen eher subtil wirken.

Um dies zu bewerkstelligen, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Dazu zählen nach Donaton etwa auch die long-form ads, wie etwa der BMW-Werbespot von Guy Ritchie mit Madonna (The Hire). Ebenso kann die Musikindustrie eingebunden werden, wie bei der Bewerbung der A-Klasse von Mercedes – dazu sang Christina Aguilera den Song „Hello“. Angeblich war Mercedes diese Integration 10 Millionen Dollar wert.

Publicité Mercedes Classe A (version Allemagne)… von Christina-News

 

Prof. Guido Zurstiege, Experte für Werbungeforschung an der Uni Tübingen, hält branded entertainment zwar für zukunftsträchtig, „aber nicht unter diesem Schlagwort.“ Denn, so Prof. Zurstiege, umfasst branded entertainment eine Vielzahl von Werbeformen, die er „Unterhaltungsgeschenke“ nennt. So kann man bei neckermann.de sein Horoskop lesen oder bei MAOAM eine Kinderversion von Wer wird Millionär spielen. Oder eben – wie im Fall von BMW – mit einem Kurzfilm unterhalten werden. „Bei all diesen Formaten wird 0 Prozent in den Kauf von Werbeplätzen investiert, dafür 100 Prozent in die Kreativität“.

Doch mit kleinen Filmen ist das Potenzial von branded entertainment noch lange nicht erschöpft. Die ZEIT nennt weitere Möglichkeiten der Verknüpfung von Marke und Unterhaltung. So hieß 2005 die Tour der Band Destiny’s Child „Destiny Fulfilled – and lovin’ it“ – ein kleiner Verweis auf die Werbebotschaft von McDonalds, einem Sponsor der Tour. Immerhin ist deren Slogan “ I’m lovin‘ it“. Und natürlich können auch in Romanen Werbebotschaften eingebaut werden: Jean-Marc Lehu zählt in dem Buch ‚The Perfect Manhattan‘ 15 Nennungen von Budweiser. Zufall? Wohl eher nicht.

 

Foto: Sophie Kröher

License to sell

von Alexander Karl

Anfang des Monats wurde bekannt gegeben: James Bond wird wieder auf die Leinwand zurückkehren. Der 23. Film über den Agent 007 soll bereits 2012 wieder zum Kinohit avancieren. Doch neben der Frage, wer das Bond-Girl wird, rätseln nicht nur Autofans, mit welchem Auto Bond diesmal durch die Gegend fahren wird.

 

Bond und Carrie

In Casino Royale waren es sechs bekannte Marken, denen bereitwillig die ein oder andere Sekunde im Mittelpunkt der Handlung geschenkt wurde. Darunter Sony, Omega Uhren und Heineken – aber das wichtigste sind natürlich Bonds Autos! Darunter im letzten Film ein Quantum Trost: Aston Martin und Ford.

Was für Bond die schnellen Autos und Uhren sind, sind für Carrie und Co. bei Sex and the City die Kleidern und Handtaschen: Im ersten Film gab es Über 300 Kostümwechsel und ein Outfit ist grandioser als das vorhergehende. Und wohl auch das beste Beispiel, wie sehr Product Placement den Zuschauer beeinflussen kann. Denn wer kannte vor der Serie schon Manolo Blahnik?

Gegenüber stern.de sagte Regisseur Michael Patrick King: „Die Designer vertrauen uns blind. Sie brachten Klamotten zu Patricia Field, der Kostümdesignerin, und Sarah Jessica Parker – und die durften nach Belieben aussuchen.“

Für die Produzenten natürlich ein Vorteil, denn würde man alle Kleider selbst kaufen müssen, würden Unsummen allein für das Styling ausgegeben werden. Denn so eine Louis-Vuitton-Tasche aus dem Film kostet 3400 Euro. Aber: Die Designer sollen nur ihre Waren zur Verfügung gestellt und sich eben nicht eingekauft haben – nur Mercedes hat anscheinend dafür bezahlt, das Mr. Big nun die S-Klasse fährt.

Doch wie beurteilt die Forschung Product Placement? Prof. Guido Zurstiege der Uni Tübingen, Experte für Werbeforschung, hält Product Placement für eine Erfindung der klassischen Massenmedien: „Product Placement ist so alt wie der Film selbst. Die Markenbotschaften sollen in ein attraktives Umfeld gebracht werden, beispielsweise einem Film.“ Prof. Zurstiege nennt dies Werberahmenprogramm: Ein Aston Martin im James Bond Film wirkt nun einmal attraktiver als in einer Zeitungsannonce.

Vor allem ist Product Placement aber eines: Ein großes Geschäft. Autorin Lacey Rose des Forbes-Magazins fasste 2006 die Größenordnungen der Product Placement Welt so zusammen:

That explains why global brands will spend $3.07 billion collectively on paid placements–that includes movies as well as television, radio and video games–this year, up 39% from the $2.21 billion they shelled out in 2005, according to PQ Media. The technique has even outpaced the growth of Internet advertising, which is up 33% this year over last, according to PricewaterhouseCoopers.

Diese eigentlich subtile und attraktive Einbindung von Produkten steht aber gerade hierzulande in der Kritik. Oftmals wird in diesem Kontext abfällig von Schleichwerbung gesprochen. Offiziell gibt es aber seit April 2010 Richtlinien, die sagen, was bei Product Placement erlaubt ist und was nicht.

 

Die Grenzen der Platzierung

Der Branchendienst DWDL.de fasst die aktuellen Rahmenbedingungen für Product Placement so zusammen:

Einzelne Produkte dürfen in vornehmlich unterhaltenden und fiktionalen Programmen platziert werden, sofern dies „redaktionell gerechtfertigt“ ist. Nach wie vor verboten sind Produktplatzierungen in Nachrichtensendungen, informierenden Magazinen und Kinderprogrammen. Bei der Darstellung darf dem Produkt „keine auffällige Stellung im Sendungsverlauf eingeräumt“ werden, eine werbliche Darstellung – zum Beispiel in Form von lobenden Dialogen außerhalb der Handlungslogik – ist nach wie vor verboten.

Doch die Frage, ab wann eine Platzierung auffällig ist und ab wann unauffällig, wird wohl auch in Zukunft strittig bleiben. Wie das Beispiel des Marienhof zeigte, kann es lange dauern – bei der Soap waren es 10 Jahre – bis jemand die Schleichwerbung publik macht. Wenn Geld für die Produktplatzierung geflossen ist, so die Vorgabe, müssen nun laut DWDL.de „[m]indestens drei Sekunden lang zu Beginn und zum Ende einer Sendung, sowie nach einer Werbepause die Abkürzung „P“ und ein Hinweis wie „unterstützt mit Produktplatzierungen“ eingeblendet werden.“

Aber ist Product Placement überhaupt noch ein Modell mit zu Zukunft? „Ja“, sagt Prof. Zurstiege, „doch seit Anfang der 2000-Jahre hat Product Placement Konkurrenz bekommen. Die Unternehmen werden nun aktiv und schaffen selbst die Rahmenprogramme, bespielweise auf ihren Webseiten.“ So kann man bei neckermann.de sein Horoskop lesen oder bei MAOAM eine Kinderversion von Wer wird Millionär spielen.

Solche Angebote werden oftmals als branded entertainment bezeichnet. Dazu mehr nächste Woche, hier auf media-bubble.de.

 

Foto: Sophie Kröher

Billy ohne Bücher

von Alexander Karl

Es ist das Tüpfelchen auf dem i, es bezeugt den Wandel einer ganzen Industrie. Und doch ist es eigentlich nur ein Regal – aber eines mit hohem Stellenwert. Das BILLY-Regal von IKEA, einst das Bücherregal für jedermann, folgt dem veränderten Kundenhabitus und macht die Böden tiefer. Weg vom typischen Bücherregal, hin zum Staubfänger für Krimskrams. Denn gelesen wird ja jetzt papierlos.

E-Books im Kommen

Hat das gute, alte Bücherregal bald ausgedient?

Hat das gute, alte Bücherregal bald ausgedient?

Nachdem in den vergangenen Jahren bereits der Musik- und Filmmarkt kräftig durchgeschüttelt und das Motto „höher, schneller – online“ abgefeiert wurde, sieht sich Dank Amazons Kindle und weiteren Konkurrenzprodukten der Buchmarkt zunehmend auf der Sprung ins Netz. Nicht nur die alten Buchhandlungen in den historischen Innenstädten haben ausgedient und sind gegen Thalia-Filialen in Einkaufscentern und Amazon ersetzt worden – auch das gute alte Buch kommt immer virtueller daher.

Gerade auch in den USA schreitet die Digitalisierung immer weiter voran, Amazon verkauft mittlerweile mehr E-Books als „paper-books“. So heißt es im Economist: „In the first five months of this year sales of consumer e-books in America overtook those from adult hardback books.“ Doch diese Entwicklung zieht auch Probleme nach sich: Die Gefahr der Buch-Piraten steigt. Denn Buch-Dateien sind deutlich kleiner als Filme oder Musikalben – und können so noch schneller illegal heruntergeladen werden. Das zweite Problem: Die habtische Präsens in den Buchhandlungen fehlt. Während ein Spotankauf früher durch Werbung in den Schaufenstern der Büchereien zustande kam, lassen wir uns heute doch Amazon Empfehlungen und Bewertungen zum Kauf führen.

 

Virales Marketing für Bücher

Um aber die Bücher auch in der digitalen Welt an den Käufer zu bringen, setzten immer mehr Verlage auf Social Media und Fanpages im Web. Neben der mittlerweile standardmäßigen Fanpage auf Facebook versuchen die Verlage, den Strom der Leser auf teilweise sehr aufwendige Webseiten zu lenken.

So wie etwa die House of Night-Seite des S. Fischer-Verlags. In der Online-Community sind Blutstropfen sind die einzige Währung. Als Neuling auf der Seite ist man ein Jungvampir und bekommt Blutstropfen, wenn man Quizfragen beantwortet oder Zaubersprüche veröffentlicht. Der Leser ist dann nicht mehr nur Rezipient, sondern Teil des Buch-Universums. Diesen Schritt ging jetzt auch Joanne K. Rowling: Mit Pottermore sollen nicht nur die Potter-E-Books verkauft werden, sondern auch Hogwarts-Fans aus aller Welt die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und kreativ auszutoben.

Und damit sich der ganze Aufwand lohnt, sollen die Rezipienten möglichst selbstständig möglichst viel Werbung machen – Stichwort virales Marketing, also Werbung, die sich wie ein Virus ausbreitet.

 

Ganz neu: Instand E-Books

Von Online-Nachrichtendiensten sind wir ja schon gewöhnt, dass im Sekundentakt Meldungen über Erdbeben, Wahlen und Co. über die Bildschirme flimmern. Im Buchmarkt war das bisher anders: Bis ein Buch geschrieben, lektoriert und schlussendlich gedruckt ist, vergehen teilweise Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Doch auch hier – E-Book sei Dank – wird nun neuerdings auf die Tube gedrückt. So heißt es im Blog Hyperland:

„Genau sieben Tage oder 144 Stunden nachdem ein Spezialkommando der US-Navy Seals Osama Bin Laden in seinem Versteck in Pakistan erschossen hatten, erschien auf Amazon.com das Buch „Beyond Bin Laden: America and the Future of Terror“, das, so der Verlag Random House, endlich eine Antwort geben sollte auf die Frage: Was ist genau passiert? Und was kommt als Nächstes auf uns zu?“

Logisch, ohne die Zeit für den Druck wird der Prozess des Publizierens beschleunigt. Aber kann man innerhalb von so kurzer Zeit ein sauber recherchiertes Buch auf den Markt bringen? Oder ist es wie bei der ARD, die noch zu Lebzeiten die Nachrufe für wichtige Persönlichkeiten vorbereitet und sie dann bei Bedarf bringt?

Wie sich der Buchmarkt weiterentwickeln wird, lässt sich nur schwerlich beurteilen. Kindle-Gegner und Befürworter haben gute Arguemte für oder gegen das E-Book. Doch eines ist klar: Egal ob für Marketing, als Händler oder gar als Medium – am Internet kommt das Buch nicht mehr vorbei.

 

Foto: Alexander Karl; Screenshot http://www.houseofnight.de/ (19.09.2011)

Drama up your life!

von Alexander Karl

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ Dieser durchaus schlaue Satz stammt von Niklas Luhmann, einem Soziologen, der sich auch mit den Medien befasst hat. Aber was lehren uns die Massenmedien über das Leben? Oder anders gefragt: Wie beeinflussen die Medien unser Leben?

 

Sex und Gewalt

Meike Uhrig, Expertin für Medienwirkungs-forschung

Sex and the City hat uns gelehrt, dass Sex nichts Schlimmes ist, man ihn möglichst oft haben sollte und am besten seinen Freundinnen davon erzählt. Gleichzeitig erfahren wir: Man kann in New York auch mit einer kleinen Sex-Kolumne überleben, sündhaft teure Schuhe kaufen und jeden Tag essen gehen. Zumindest in der fiktiven Welt von Carrie und Co.. Doch sind wir in der Lage, Realität und Unterhaltung wirklich zu trennen? Oder beeinflusst Carrie unser Shopping-Verhalten und Samantha unser Sex-Leben?

Meike Uhrig, Expertin für Medienwirkungsforschung der Uni Tübingen, sagt dazu: „Mit dieser Frage hat sich die Filmwissenschaft beschäftigt. Demnach können wir sehr wohl von Filminhalten beeinflusst werden, obwohl wir wissen, dass das was wir sehen nicht real und künstlich konstruiert ist. Wir rezipieren sozusagen unabhängig von diesem Bewusstsein.“

Außerdem beschäftigt sich auch die Medienwirkungsforschung immer wieder mit der Frage, wie sich Film und Fernsehen auf uns auswirken. Doch nicht die Auswirkungen auf unser Sexual- oder Shoppingverhalten stehen im Mittelpunkt, sondern oftmals die Gewaltdarstellung und deren Auswirkung auf den Rezipienten.

Als ein Pionier gilt Albert Bandura, der – verkürzt gesagt – sich mit dem Lernen am Modell auseinander gesetzt hat. Welche Verhaltensweisen eignet sich der Mensch durch Abgucken an, was lernt er durch ein Modell? In seiner sogenannten Bobo-Doll-Studie stellte er fest, dass Gewaltszenen (real wie auch filmisch) das Gewaltpotenzial bei Kindern fördern.

Doch ist es nicht zu einfach gedacht, dass ein Auslöser sofort eine Antwort nach sich zieht? Dieses stimulus-response-Modell wird in der Medienwissenschaft mittlerweile kaum noch als zeitgemäß betrachtet, weshalb auch Kunczik festhält: „Als abgesichert kann hingegen folgende Hypothese gelten: Je realistischer ein Film oder eine Fernsehsendung beurteilt werden, uni [sic!] so violenter werden sie auch empfunden.“ Das bedeutet nach Kunczik, dass Zeichentrickfilme (in den meisten Fällen) weniger gefährlich sind als Filme mit menschlichen Darstellern.

 

Doch wenn wir diese Überlegung für das Drama-Beispiel übernehmen – was bedeutet das?

Nach Kunczik könnte man somit als erste These aufstellen, dass eine shoppende Marge Simpson uns weniger zum Einkaufen verleitet als die Sex and the City-Darstellerinnen. Aber wie prägen die Figuren unsere Gefühle und Erwartungen?

Nehmen wir als aktuelles Beispiel den Film Freunde mit gewissen Vorzügen mit Justin Timberlake. Wünschen wir uns nicht auch, dass unser bester Freund nach einem großen Fehler einen riesigen Flashmob mitten in New York für uns organisiert? Oder wünschen wir uns von unserem (Ex-)Partner  nicht auch wie in Friends, dass er uns zum Flughafen nachfährt, um uns aufzuhalten? Die Überlegung wäre also, in wie fern wir nicht sofort auf das Gesehene reagieren, sondern Verhaltensmuster aus dem Fernsehen als ideal abspeichern und auf unser eigenes Leben übertragen. Erwarten wir von unserem besten Freund, dass er uns einen Flashmob organsiert oder dass der Exfreund uns doch am Flughafen abfängt?

Schaut man sich Facebook-Fan-Pages an, könnte man das vermuten. Nicht umsonst gibt es die Seiten Wegen Edward Cullen habe ich unerfüllbare Erwartungen an Männer oder Disney hat mir unrealistische Vorstellungen von Liebe vermittelt.

Doch was sagen die Medienwissenschaftler dazu? Meike Uhrig, Expertin für Medienwirkungsforschung, meint:

„Die Wechselwirkung zwischen (romantischem) Film- bzw. Fernsehinhalt und dem Alltagsleben des Zuschauers ist ein äußerst spannendes und extrem facettenreiches Thema. Man kann es  aus Richtung der Medienwirkungsforschung untersuchen und fragen, welche Auswirkungen die Medieninhalte auf Emotionen, Verhalten oder Einstellungen des Rezipienten haben.  Außerdem ist es möglich, das Ganze aus Sicht der Filmproduktion zu betrachten, die sich generell an Themenkomplexen orientiert, die Zuschauer gerne ansehen/erleben. Eine dritte Möglichkeit ist die, den Zuschauer als Ausgangspunkt der Untersuchung zu nehmen: Die Nutzungs- bzw. Rezeptionsforschung weist darauf hin, dass Zuschauer eben solche Inhalte nutzen, die sie in ihrem Alltag beschäftigen bzw. dass sie besonders die rezipierten Inhalte wahrnehmen, die mit ihrem Lebensentwurf übereinstimmen.“

Foto: Privat

Der Skandal endet nie

von Bernhard Pörksen

Medien suchen ihn, Mächtige fürchten ihn, das Publikum liebt ihn: den Skandal. Erkenntnisse und Ergebnisse der Skandalforschung.

Prof. Pörksen, Medienwissenschaftler in Tübingen

War da was? Das Publikum vergisst, so zeigt die entsprechende Forschung, nach sechs bis acht Wochen und wendet sich immer neuen Aufregern zu. Aber für die Betroffenen gilt: Der Skandal endet nie. Er kann einen Menschen ganz und gar gefangen nehmen. Wer einmal –  zu Recht oder zu Unrecht – im Fokus unerwünschter Aufmerksamkeit gestanden hat, für den wird diese Erfahrung zu einer Lebensspur, die sich gerade unter den gegenwärtigen Kommunikations- und Medienbedingungen nicht mehr tilgen lässt.

So hat sich der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger geschworen, nie wieder mit einem Journalisten zu sprechen. Er hielt 1988 zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome eine Rede, die für gewaltige Empörung sorgte – auch, weil sich Jenninger des Stilmittels der erlebten Rede bediente und so den (falschen) Eindruck entstehen ließ, er distanziere sich nicht ausreichend vom Nationalsozialismus.

In Hamburg-Altona lebt, inzwischen mittellos, der ehemalige Top-Reporter des Stern, Gerd Heidemann. Er hatte im Auftrag des Magazins die von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher angekauft und gemeinsam mit der damaligen Chefredaktion als Weltsensation präsentiert. An den Moment, als alles aufflog, erinnert er sich genau. „Ich war gerade auf der Autobahn unterwegs und hörte um 14 Uhr die Nachrichten, als der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann verkündete: ‚Die Tagebücher sind eine Fälschung.’ Ich konnte kaum noch das Steuer halten, meine Knie waren weich, alle Kraft war erloschen. Ich habe geschaut, ob da irgendwo ein Brückenpfeiler war, gegen den ich donnern konnte. Aber da war keiner.“ Wer ihn besucht, der wird mit Dokumenten überschüttet, die nur eines zeigen sollen: Er konnte nicht wissen, dass Kujau ein Fälscher war, auch er wurde herein gelegt.

 

„Skandal ist Ansichtssache“

An diesen und vielen anderen Fallgeschichten zeigt sich damit noch ein anderer Befund, den der Soziologe Ronald Hitzler auf die Formel gebracht hat: „Skandal ist Ansichtssache.“ Das heißt zum einen: Auch Täter sehen sich gerne als Opfer, denn das scheint (neben der schlichten Leugnung, dem Teilgeständnis, der offensiven Umdeutung, der Berufung auf höhere Werte, der öffentlichen Entschuldigung usw.) eine Möglichkeit, der Schmach zu entkommen. Und es bedeutet zum anderen, dass das Publikum sich oft alles andere als einig ist. Die allgemeine Erregung hat offensichtlich eine äußerst geringe Halbwertszeit; jedem Aufreger ist ein rasches Verfallsdatum aufgeprägt.

Allerdings sind es die neuen Medien, insbesondere das Netz, die heute die Skandalkultur der Gesellschaft verändern. Jeder kann (per Blog, in einem Filmchen auf YouTube, in einer Protestmail, aber auch mit Hilfe des Fotohandys) versuchen, Öffentlichkeit herzustellen und andere Empörungswillige auf die eigene Sache zu verpflichten. „Gegen Ohnmächtige oder kleine Leute“, so schrieb vor mehr als 40 Jahren der Publizist Johannes Gross, „bricht kein Skandal aus.“

Diese Diagnose ist längst überholt, denn inzwischen kann prinzipiell jeder zum Objekt kollektiver Empörung werden. Dies zeigen Spezial-Seiten, auf denen wütend über eigene Nachbarn berichtet wird (rottenneighbor), über  miese Erfahrungen mit Liebhabern (don’t date him girl), über schlechte Lehrer und unbeliebte Professoren. Dies zeigt auch das Beispiel eines koreanischen Mädchens, das als Dog-Shit-Girl global Bekanntheit erlangte und nun in medienwissenschaftlichen Analysen als Paradebeispiel für die neue Skandalöffentlichkeit fortexistiert. Ihr Hund hatte, irgendwo in einer U-Bahn in  Südkorea, den Wagen beschmutzt, und sie weigerte sich, seine Hinterlassenschaft zu beseitigen. Nur: Ein Umstehender fotografierte sie, Blogger fielen über sie her; es dauerte nur ein paar Tage, bis man sie identifiziert und in Südkorea und später den USA an den digitalen Pranger gestellt hatte. Das ist nun auch schon länger her, aber Google vergisst nicht. Selbst marginales Fehlverhalten bleibt öffentlich abrufbar und weltweit präsent. Die Frage wird sein, wie man in einer Gesellschaft, die in dieser Weise transparent geworden ist, noch Fehler machen und aus ihnen lernen kann, ohne womöglich ein Leben lang auf diese festgelegt zu werden. Auch kleine und große Skandale sollten schon allein deshalb, irgendwann, enden.

 

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Gemeinsam mit Jens Bergmann und Studierenden schrieb er das Buch „Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung“ (Halem-Verlag).

Foto: Privat; Sophie Kröher

 

Viel Rauch im TV

von Alexander Karl

Nicht nur wirtschaftlich setzt China Akzente – auch in Sachen Rauchverbot: So wurde gerade erst der Glimmstängel aus dem TV verbannt – außer, es ist aus künstlerischen Gründen unbedingt notwendig. In der westlichen Hemisphäre sieht das zumeist noch etwas anders aus. Von Sex and the City über Mad Men bis Brokeback Mountain – in Film und Fernsehen wird auch heute noch geraucht, immerhin gibt es kein Verbot von Tabakkonsum im TV. Aber: Wie reagieren die Rezipienten darauf? Und warum raucht Lucky Luke nicht mehr?

 

Lucky Nichtraucher

Mit seinem erstmaligen Erscheinen im Jahr 1947 gab es einen ständigen Begleiter von Lucky Luke – die selbstgedrehte Zigarette. Als cooler Westernheld mit Fluppe war er dem Marlboro-Cowboy um fast 10 Jahre voraus. Lucky Luke trank und rauchte bis Ende der Siebziger. Nichtraucher wurde er erst, als ein kalifornisches Studio, das die TV-Serie produzierte, den Autoren Morris überzeugte, dass rauchende Kinderhelden auf dem amerikanischen Markt nicht sonderlich gut ankämen. Morris ließ sich davon überzeugen und mit der Anti-Rauch-Bewegung in den achtziger Jahren wurde auch bei den Comics die Fluppe gegen einen Grashalm getauscht.

Gesa Thomas untersucht in ihrem Aufsatz „Warum Lucky Luke das Rauchen aufgeben musste“ den Grund für den Rauchstopp: Man ging davon aus, dass der Westernheld seine jungen Leser und Zuschauer zum Rauchen verführen könnte –  deshalb dürfen in den USA Drogen in Comics nur mit abschreckender oder negativer Wirkung genutzt werden . Doch konstant waren die Zeichner bei Lucky Luke nicht – immer mal wieder tauchte er mit Zigarette auf und bekam eine Pistole mehr ins Halfter; vielleicht, um den Männlichkeitsverlust durch die Rauchentwöhnung wieder wett zu machen.

Lucky Luke als Nichtraucher, den Kindern wegen? Dieser Sachverhalt zieht natürlich die Frage nach sich: Werden Kinder von rauchenden Comicfiguren wirklich so sehr beeinflusst?

Studie: Kinder lassen sich verführen

Es gibt Studien, die belegen: Gerade Jugendliche lassen sich durch Zigaretten auf der Mattscheibe beeindrucken. So geht aus einer Studie im Auftrag Bundesministeriums für Gesundheit hervor: “ Jugendliche mit ersten Raucherfahrungen beurteilen dieselbe attraktive weibliche Protagonistin dann deutlich „schöner“,„cooler“, „jünger“ und „sexier“ sofern diese in einer Filmsequenz raucht im Vergleich zu einem bis auf die einzige Rauchszene identischen Film, in der die Protagonistin nicht raucht.“ Mehr noch: Es löst bei ihnen das Verlangen selbst zu rauchen aus. Die Studie kommt daher zu den Schlussfolgerungen, dass Rauchen im Film Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche hat, gerade auf solche, die schon einmal geraucht haben. Aber auch bisherige Nichtraucher lassen sich vom Qualm beeindrucken:

Das Schauen von Rauchszenen in Filmen beeinflusst nicht nur Jugendliche, die bereits Erfahrungen mit dem Rauchen gesammelt haben, sondern auch Jugendliche, die noch nie in ihrem Leben geraucht haben. Diese unterliegen einem erheblich größeren Risiko, im Laufe ihrer Entwicklung mit dem Rauchen zu beginnen, sofern sie viele Filme mit
Rauchszenen gesehen haben.  Sie imitieren also das Verhalten der Rollenmodelle, die in den Filmen gezeigt werden.

Zwar darf keine Werbung mehr für Zigaretten im TV laufen und selbst Formel1-Autos müssen auf die Glimmstängel-Sponsoren verzichten, aber generell gibt es in Deutschland noch kein Rauchverbot im TV. Im Mai 2007 wagte die damalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, den Vorstoß, das Rauchen im TV zu verbieten. Doch er blieb erfolglos.

In den Augen der Nichtraucher-Initiative Deutschland e.V. ist das ein großer Fehler; sie apellierte Anfang des Jahres an die Serien- und Filmemacher, besonders auch an die deutschen:

Wer im letzten Jahr neue deutsche Spielfilme und -serien beobachtet hat, wird zu der Feststellung gelangen, dass weiterhin nicht nur häufiger als in US-Produktionen geraucht wird, sondern dass auch eine Vielzahl von Szenen zu sehen ist, in denen gegen gesetzliche Nichtraucherschutzbestimmungen verstoßen wird. Entweder ist der Anteil unfähiger Filmproduzenten  und Regisseure in Deutschland größer als anderswo, oder es ist die Vermutung zutreffend, dass sich die Tabakindustrie Rauch-Szenen erkauft.

 

Foto: flickr/Ferran. (CC BY-NC-ND 2.0)

Liebe 2.0

Von Alexander Karl

Können E-Mails genauso romantisch sein wie handgeschriebene Liebesbriefe? Ja, werden wohl alle Leser von  „Gut gegen Nordwind“ sagen. Denn der Bestseller ist eigentlich ein E-Mail-Liebesroman, mit dem Daniel Glattauer ein literarischer Bestseller gelang – ebenso mit dem Folgeband „Alle sieben Wellen“. Doch fernab der fiktiven Online-Romantik stellt sich die Frage, wie Liebesbekundungen sich in Zeiten des Internets verändert haben – und Liebe im Web überhaupt entsteht.

Liebe im Web

Lange galt das Klischee, dass Computernutzer sozial isoliert wären – doch seit es soziale Netzwerke gibt, scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Je beliebter man ist, desto mehr soziale (Online-) Kontakte hat man, desto länger ist die Freundesliste oder desto häufiger gibt man an, mit seinen Freunden irgendwas zu unternehmen. Und somit ist es kein Wunder, dass immer mehr Beziehungen online entstehen oder dort intensiviert werden.

Doch wie entsteht Liebe im Web? In der Forschung wird beispielsweise das Online-Kennenlernen nach gezielter Partnersuche (z.B. Partnerbörse) und beiläufigem Kennenlernen (z.B. in Chat-Foren oder neuerdings wohl auf Facebook) unterschieden (vgl. Döring, 2003, S. 7-9).

Aber wie findet man seinen Partner im Netz? Nicola Döring vermutet dass man entweder nach Profilübereinstimmungen (Größe, Alter, Hobbys etc.) oder aufgrund von Seelenverwandtschaft selektiert. Während oftmals die den Partnerbörsen eigenen Suchmaschinen bereits die Profilübereinstimmungen herausfiltern, findet der Check bei Seelenverwandtschaft von „innen nach außen“ statt, wie Döring es nennt (2003, S. 11).

Meistens folgt aber irgendwann der Schritt in die Realität – bei einem persönlichen Treffen außerhalb des Internets werden dann vertiefende Kontakte gekünft.

Doch Online-Dating spielt mittlerweile nicht nur in der Forschung eine große Rolle, sondern ist ein gesellschaftlicher wie wirtschaftlicher Faktor: Im Jahr 2010 fanden insgesamt 5,4 Millionen Deutsche ihre Partner im Netz. Längst sorgt das auch für Umsatz. „Die wichtigsten 100 Datingportale erwirtschafteten in Deutschland 2010 rund 188,9 Mio. Euro – über 85% in Form von Mitgliedsbeiträgen, der Rest sind Werbeeinnahmen“, berichtet aktuell etwa finanznachrichten.de. Und gerade auch durch neue, auf Facebook basierende Dienste wird der Markt derzeit aufgemischt.

Beziehungspflege 2.0

Auch in Zeiten des Internet werden sie noch geschrieben und verschickt – Liebesbriefe. Zwar fehlt der typische Parfumgeruch oder das gemalte Herzchen am Rand, doch Liebesbriefe im Internet sind grundsätzlich nicht anders als ihre Offline-Pendants. Aber – wie Wyss (2003, S. 9) es nennt – gibt es Internetcodes, die die Beschränktheit des Mediums wettmachen; so ersetzen Smileys beispielsweise liebevoll an die Seite des Blattes gemalte Blumenranken. E-Mail-Liebesbriefe brechen oftmals auch althergebrachte Kommunikationsformen wie die Anrede auf oder – wie bei kurzen Liebesbekundungen – sind eher im Telegrammstil gehalten. Aber: Natürlich gibt es auch Liebes-E-Mails, die gängige Konventionen einhalten.

Der Vorteil des elektronischen Liebesbriefs ist natürlich die schnelle Übertragung, wobei nicht nur E-Mails genutzt werden: Mittels SMS können auf die schnelle auch kurze Liebesbotschaften verschickt werden, während MMS oder Bild-Anhängen an E-Mails der pictorial turn verstärkt wird (Simonis, 2008, S. 431). Gleichzeitig besteht aber auch die Möglichkeit, über Youtube Liebesbotschaften zu gestalten und sie für die ganze Welt zugänglich zu machen.

Aber: Nicht jeder ist kreativ genug, um selbst Liebesbriefe zu schreiben. Daher gibt es im Internet Liebesbriefgeneratoren, die einem diesen Job abnehmen. Doch wie Berichte in Internetforen zeigen, kommen diese beim Empfänger nicht immer gut an.

 

Foto: flickr/dev null (CC BY-SA 2.0)