Letzte Reise nach Mittelerde

von Marius Lang und Andrea Kroner

 

Ein letztes Mal zurück nach Mittelerde. Vor fast zwei Jahrzehnten begann die erste Trilogie. Sechs Filme, also gut 20 Stunden Laufzeit später, ist auch das letzte Kapitel von Peter Jacksons epischer Adaption von J. R. R. Tolkiens Werken abgeschlossen. Der Hobbit: Die Schlacht der Fünf Heere hebt sich dabei stark von seinen beiden Vorgängern ab. Zum einen ist er, mit 144 Minuten Laufzeit, der kürzeste Film der Hobbit-Trilogie. Er ist jedoch auch der spannendste, düsterste, actionreichste und befriedigendste Film der Trilogie. Und dazu ein Film, der gekonnt den Bogen zum Herrn der Ringe spannt und Bilbo Beutlins Reise bezahlt macht.

 

Ein Höhepunkt jagt den nächsten

Seestadt, letzte Menschen-Enklave zu Füßen des Einsamen Berges: Die Stadt ist in Aufruhr, denn Drache Smaug wurde von den Zwergen (und dem Hobbit) geweckt und erzürnt. Seine feurige Wut will dieser nun an den Menschen von Seestadt auslassen. Feuer, Tod und Zerstörung prägen die ersten Minuten des Filmes. Peter Jacksons Entscheidung, den Angriff des Drachens an den Anfang des Filmes zu setzen, macht sich bezahlt. So stark ist der Auftakt, dass man sich fast fragt, was denn noch kommen wird. Hat Jackson etwa sein Pulver schon verschossen?

Nein, natürlich nicht. Denn wenn Peter Jackson in den vorherigen Filmen etwas beweisen konnte, dann dass er weiß, wie man große Kämpfe und Heldenmut in größter Not in Szene setzt. Der weitere Verlauf des Films baut mehrere Krisen auf, die eine Spannung bilden, welche sich in der titelgebenden Schlacht der fünf Heere schließlich entlädt. Saurons kehrt nach Mittelerde zurück und beginnt den strategischen Aufbau seines geplanten Krieges gegen die freien Völker. Thorins (Richard Armitage) Wahnsinn, der sein Königreich und sein Gold von allen bedroht sieht, steigert sich, ebenso die Verzweiflung der Menschen von Seestadt, angeführt von Bard (Luke Evans). Ausserdem wird die Spannung zwischen den Zwergen und den Waldelfen von Thranduil (Lee Pace) unerträglich: beide wollen den Schatz des Drachens.

Und der Hobbit Bilbo (Martin Freeman) steht zwischen den Fronten, zerrissen von seiner Loyalität zu Thorin und den Zwergen und dem Wunsch, Thorin vor sich selbst zu retten. Es passiert eine Menge im dritten Teil der Reihe, doch kurioserweise wirkt der Film nicht zu dicht. Jede Wendung wird entsprechend aufgebaut. Jeder Charakter passt in die Handlung. Der ernstere, düstere Ton des Films, der sich so stark von den eher fröhlichen, optimistischen Vorgängern unterscheidet, steht dem Finale gut. Die düstere Stimmung ist außerdem eine Vorausdeutung auf das dunkle Zeitalter, das mit dem Herrn der Ringe über Mittelerde hereinbrechen wird.

 

Lästern auf hohem Niveau

Wenn es kleine Kritikpunkte gibt, dann wohl in dem zeitlichen Management der finalen Schlacht. Hier passiert so vieles, zu gleichen Zeiten, dass man sich manchmal fragt, woher die Protagonisten die Zeit nehmen, lang miteinander zu diskutieren. Eine Frage, die man sich auch schon bei Herr der Ringe stellen musste. Auch der Liebessubplot zwischen Elbe Tauriel (Evangeline Lilly) und Zwerg Kili (Aidan Turner) mag Puristen hinsichtlich deren Abwesenheit in der Buchvorlage stören, doch schadet er dem Film nicht. Er führt allerdings auch nicht zu sonderlich viel.

Diese Kleinigkeiten sind jedoch weit ausgeglichen in den vielen Höhepunkten des Filmes. Das fantastische Spiel der drei Hauptdarsteller trägt den Film. Martin Freeman, der den Wandel des schüchternen, alteingesessenen Hobbits zu einem wahren Held auf den Punkt bringt. Armitage, der Thorins Wahnsinn und Paranoia perfekt verkörpert und auch die letzten Schritte des Zwergenkönigs glaubhaft vermittelt. Und natürlich Ian McKellen als Gandalf, im Buch nur Stand-In für das wiederkehrende Deus Ex Machina-Prinzip ist gewohnt punktgenau, eine Mischung aus weisem Zauberer, besorgtem Freund und tapferem Helden.

 

Modernste Technik, so weit das Auge reicht

Natürlich ist es vollkommen unmöglich, eine Welt wie Mittelerde ohne die neuesten Animationstechniken auf die Kinoleinwand zu bringen. Erst dadurch kann dieser Film sein komplettes Wirkungspotenzial entfalten: Der Drache zu Beginn des Films verdankt seinen spektakulären Auftritt aufwändigen Animationen, von denen auch die Schlacht der fünf Heere profitiert, da sie dadurch an Plastizität und Dynamik gewinnt. Doch Jackson geht dabei fast eine Spur zu weit, da an manchen Stellen zu viele verschiedene Spezialeffekte verwendet werden. Das macht den Film überladen, manchmal unrealistisch für manche. Es zeigt aber auch, welche fantastischen Bilder moderne Filmtechnik erzeugen kann. Die technischen Möglichkeiten werden auf höchstem Niveau eingearbeitet und setzen dadurch ganz neue Maßstäbe.

 

Ein zweischneidiges Schwert

Auch beim letzten Teil der Hobbit-Trilogie gehen die Meinungen auseinander: Viele bemängeln, Peter Jackson hätte die Handlung des Buches zu sehr ausgeschlachtet und für jüngere Zuschauer sei die Verfilmung des eigentlichen Kinderbuches gar nicht mehr geeignet denn der ursprüngliche Stoff wurde enorm erweitert und verändert. Die Charaktere wurden ausgebaut, die Schlacht ausgebaut, der Stoff um politische Dimensionen erweitert. Und dennoch ist Der Hobbit kein reiner Film für Erwachsene. Er ist im Vergleich zum Herrn der Ringe deutlich unblutiger, weniger düster, weniger hoffnungslos. Vor allem die ersten beiden Teile bestechen durch Slapstick und harmlose Witze. Dieser letzte Teil ist, wie gesagt, dunkler in der Grundstimmung, schafft damit aber eine Brücke zu den anschließenden Herr-der-Ringe-Filmen. Mit denen kann und will sich die Hobbit-Trilogie nicht vergleichen. Letzten Endes ist die Trilogie eine bildgewaltige Buchverfilmung, die zu unterhalten versucht: und allen Reisenden und Suchenden die Möglichkeit gibt, einmal mehr nach Mittelerde zurückzukehren. Vielleicht zum letzten Mal.

 

THE HOBBIT – THE BATTLE OF THE FIVE ARMIES, Neuseeland, Vereinigtes Königreich, USA, 2014 – Regie: Peter Jackson. Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro. Kamera: Andrew Lesnie. Mit: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage. 144 Minuten.

Fotos. Copyright 2014 Warner Bros. Entertainment Inc. and Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. / Mark Pokony

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.