„The Act of Killing“

von Felix Niedrich

Anwar: Portrait eines Serienmörders

Indonesien 1965/66. Nach einem gescheiterten Putschversuch übernimmt das Militär die Kontrolle über die Regierung. Infolge dessen kommt es einer systematischen Vernichtung der vermeintlichen Feinde. Das Ziel sind Anhänger der Kommunistischen Partei, (mutmaßliche) Sympathisanten und Angehörige der chinesischen Minderheit. Eine halbe Million Menschen werden dabei ermordet. Je nach Schätzung liegt die Zahl der Opfer noch deutlich höher. Thematisiert wurde der Völkermord bis heute so gut wie nicht.

Für die Gräueltaten rekrutierte die Armee sogenannte „Gangster“ und Mitglieder paramilitärischer Gruppierungen, die für nicht wenig Geld die Drecksarbeit verrichteten. Einer von ihnen war Anwar Congo, die Hauptfigur in „The Act of Killing“. Mit einem innovativen Ansatz, bei dem er seinen Akteuren kreative Kontrolle über Teile des Films gewährt, portraitiert Regisseur Joshua Oppenheimer seine Person und versucht seine Taten zu reflektieren.

„Facts do not constitute truth“

Oppenheimer ist dabei nicht daran interessiert, historische Fakten aufzuarbeiten und stellt bewusst wenig Kontext zur Verfügung. Auch Werner Herzog, der hier als Produzent fungiert, teilt die Meinung, dass Fakten nicht hinreichend zur Wahrheit führen. Für ihn sollte sich der Dokumentarfilm ohnehin weiter weg von der auf Fakten basierenden Vermittlung bewegen. „The Act of Killing“ folgt vielmehr einem außergewöhnlichen und zugleich erschreckenden Konzept, um den Akteuren des Films nahe zu kommen und sie mit ihrer Schuld zu konfrontieren. Ähnlich wie Claude Lanzmanns Holocaust-Doku „Shoah“, den Oppenheimer neben Jean Rouch als Inspiration nennt, verzichtet Oppenheimer auf Archivmaterial, auch um den Gegenwartsbezug zu stärken. So versucht er den Umgang mit diesen traumatischen Ereignissen zu beleuchten und gleichzeitig das dahinterliegende korrupte System bloß zu stellen.

Zu Beginn des Projekts hatte Oppenheimer allerdings andere Pläne. Anfangs hatte er vor, einen Film über Überlebende der Massaker und deren aktuelle Situation zu machen. Bis heute leben diese in Angst und Unterdrückung. Nachdem die Behörden den Dreh immer wieder verboten haben und die Sache zu gefährlich wurde, begann Oppenheimer die Seite der Täter zu beleuchten, die bis heute hohes Ansehen in der Region genießen. Bei den Interviews musste er feststellen, dass die Mörder ihre frühere Arbeit keineswegs verheimlichten, sondern sogar von sich aus und mit Stolz davon berichteten. Häufig demonstrierten diese ihre Taten sogar spontan vor der Kamera. So bot Oppenheimer folglich an, die von den Tätern selbst dargestellten Erfahrungen zu filmen – egal, wie sie es sich vorstellten.

 

„Warcrimes are defined by the winners“

Das Ergebnis ist ebenso bizarr wie eindrucksvoll. Anwar und seine Kollegen lehnen die Tötungsszenen zunehmend an verschiedene Filmgenres an. Viele der „Gangster“ arbeiteten nebenbei als Kartenverkäufer in den Kinos der Stadt und liebten die Filme aus Hollywood. Durch diese lernten sie nach eigener Aussage auch neue Methoden des Tötens und Folterns kennen.

In „The Act of Killing“ entstehen somit zwei Filme parallel, die einerseits miteinander in Konflikt stehen, andererseits aber auch keine klare Grenzziehung zwischen einander erlauben: auf der einen Seite stehen die Re-Enactments nach den Erfahrungen oder Ideen von Anwar und seiner Crew; auf der anderen steht Oppenheimer, der neben diesen Nachstellungen selbst auch die Entstehung dieser Szenen filmt und zusätzlich auf Interviews und Ausschnitte aus dem täglichen Leben der Männer zurückgreift. Beide Teile sind von unterschiedlichen Motivationen geleitet und versuchen unterschiedliche Versionen der Geschichte(n) zu entwerfen, wobei Oppenheimer aber letztlich über das Gesamtwerk die Kontrolle behält. Er versucht die Sequenzen so zu montieren, dass sie in einen Zusammenhang gestellt oder auch bewusst kontrastiert werden.

Die Frage ist: wie sehen sich die Männer selbst? Wie wollen sie sich darstellen? Und warum stellen sie sich überhaupt auf diese Weise dar? Und wie nehmen wir sie dadurch wahr? Trotz oder gerade aufgrund der dramatisierten Darstellung bleibt man sich hier der Realität bewusst. Denn es sind die wahren Mörder, die hier die Szene spielen. So verschwimmen die Grenzen zwischen den beiden Ebenen.

Zwischen den Szenen wird dabei oft kontrovers diskutiert, was gezeigt werden soll und wie es gezeigt werden soll. Adi, ein ehemaliger Anführer der Killer, ist nicht einverstanden mit dem Vorgehen. Er fürchtet um das Image seiner Landsleute, ist sich selbst aber keiner Schuld bewusst. „Kriegsverbrechen werden von den Gewinnern definiert“, meint er später. „Ich bin ein Gewinner, also kann ich meine eigene Definition machen“.

Oppenheimer entlarvt letztlich die Erzählung selbst als Konstrukt und als Versuch der Distanzierung, Rechtfertigung und Manipulation. Er sieht im Storytelling einen Weg im Umgang mit der Vergangenheit.

 

Person, Figur und Performance

Der eher fiktive und der dokumentarische („reale“) Teil des Films durchdringen sich sowohl inhaltlich als auch formal.

Ein weiterer zentraler, wenngleich ambivalenter Punkt ist die Performance. Anwar tritt im Film sowohl als reale Person als auch als Figur auf. Er ist außerdem in mehreren Rollen zu sehen. Dies findet aber nicht klar getrennt auf den verschiedenen Ebenen statt. Vielmehr kommt es auch hier zur Vermischung der Welten. Es stellt sich wiederum die Frage: wie viel des „fiktiven Films“ ist real und wie viel des Doku-Teils ist fake? Wo fängt die Performance an und wo hört sie auf?

So führt Anwar Zuschauer und Regisseur zu Beginn auf das Dach eines Hauses. Hier, so erzählt er, leben viele Geister. Allein an diesem Ort habe er dutzende Menschen umgebracht. Die eigens kreierte Methode des Tötens mit Draht hat sich bewährt. Anwar führt sie direkt an einem Freund vor. Kurz darauf beginnt Anwar an derselben Stelle freudig zu tanzen. Das Tanzen (unter anderem) habe ihm geholfen, zu vergessen. Das Tanzen erscheint, wie all die Prahlerei und das Auftreten im Film, als Fassade, als ein Akt der Verleugnung. Ein Zeichen von Angst, nicht von Stolz. Die Distanzierung von der eigentlichen Tat. In diesem Sinne wird das Töten als „Akt“ verstanden, um damit leben zu können.

Oppenheimer zwingt Anwar durchweg zur Selbstreflektion, indem er ihn immer wieder mit den Aufnahmen konfrontiert. Zunächst versucht Anwar das Gesehene zu überspielen; alles andere wäre ein Schuldeingeständnis. Aber auch wenn Anwar für seine Taten nie zur Rechenschaft gezogen wurde, kann er sich einer Strafe doch nicht ganz entziehen. Nachts plagen den alten Mann Alpträume. Ob Anwar am Ende aufrichtig eine Läuterung erfährt, ist fraglich. So wie Oppenheimer die Sequenzen zusammensetzt ist klar: für ihn gibt es am Ende keine Katharsis für Anwar. Aber auch der Zuschauer wird hier zum Nachdenken angeregt.

„The Act of Killing“ ist auch ein Film über die Gegenwart unserer Gesellschaft. Über die vielen kleinen und großen Lügen, die wir uns erzählen, um uns besser zu fühlen. Es ist ein Film, der wachrüttelt. Denn wenn man nur lange genug in einen Abgrund schaut, schaut der Abgrund auch in einen zurück.

 

Fotos: © WOLF Consultants

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