Die Multitasking-Medien

Immer häufiger werden Medien parallel genutzt – etwa beim Fersehen im Internet gesurft oder nebenbei gesimst. Doch während Multitasking in den letzten Jahren zum Schlüsselwort für die Arbeitserleichterung war, ist jetzt klar: Es ist nicht zielführend.

Unser Leben im Netz (Teil 2)

von Alexander Karl

Wir sind digital natives. Wir sind die Zukunft. Wir sind online. Ziemlich oft sogar und ziemlich lange. Aber was machen wir im Netz? Und wie verändert das Internet sich und schlussendlich uns? media-bubble.de wirft einen Blick auf aktuelle Studien zu unserem Nutzungsverhalten.

Diesmal: Google und die Merkfähigkeit, die Wikipedia-Schreiber und die Zukunft des Internets.

Google und die Merkfähigkeit

Google merkt sich ja ziemlich viel. Um etwa die Google-Suche zu optimieren, nutzt die Suchmaschine 57 Indikatoren, die bei jedem Besuch untersucht werden. Neben Informationen über unsere Search History,  den Browser, den Aufenthaltsort und der genutzten Sprache wird auch dokumentiert, wie lange man zum Tippen seiner Anfrage braucht, ob man mit Enter oder der Maus die Suche abschickt, ob die Autovervollständigung genutzt wird und so weiter. Da klingt es ein wenig verwunderlich ,wenn Stefan Keuchel, Pressesprecher bei Google Deutschland, der ComputerBILD sagt: „Wenn jemand die Google-Suche nutzt, ist das recht anonym, schließlich ändert sich bei den meisten regelmäßig die IP-Adresse und Namen kennen wir auch keine.“ Na ja. Außer, man nutzt Google+, denn dann personalisiert Google die Suche noch weiter.

Aber wie verändert sich die menschliche Merkfähigkeit durch Google? Das haben Forscher der Columbia University untersucht und fanden heraus:

“Our brains rely on the Internet for memory in much the same way they rely on the memory of a friend, family member or co-worker. We remember less through knowing information itself than by knowing where the information can be found.”


Der Spruch: „Man muss nur wissen, wo es steht“, bekommt durch Google eine ganz neue Bedeutung. Sachen von denen wir ausgehen, dass wir sie online finden, vergessen wir. Wenn wir aber glauben, dass wir etwas nicht im Netz finden, merken wir es uns.

Wikipedia – und keiner schreibt

Wikipedia ist wohl mittlerweile jedem Internetnutzer ein Begriff, immerhin findet man zum eingegebenen Suchbegriff sehr häufig zunächst die entsprechende Seite der Online-Enzyklopädie. Doch Wikipedia gehen die Autoren aus! So verschwanden etwa in den ersten drei Monaten des Jahres 2009 bei der englischen Version des Angebots 49.000 Schreiber. Und der Einstieg ist für neue Autoren nicht mehr reizvoll: „So werden Beiträge von Wikipedia-Neulingen heute viel öfter gelöscht als früher. Auch das Artikelwachstum ist längst vom ursprünglich exponentiellen Pfad zu einem eher linearen Wachstum übergegangen“, fasst heise.de den Trend zusammen. Heißt also: Viele Themengebiete sind mittlerweile beackert, viele Einträge müssen nur ab und an aktualisiert werden – es gibt nicht viel zu tun, aber viel zu lesen. Auch die ARD-ZDF-Onlinestudie des Jahres 2011 stellt fest, dass viele Wikipedia nutzen (97 %), aber nur 1 Prozent etwas einstellt und lediglich 2 Prozent beides tun.

Einen Vorschlag für die Weiterentwicklung von Wikipedia – nämlich einen Angriff auf Facebook – bringt Der Freitag:

„Wikipedia ist nicht mehr sexy. Dies kann sich ändern, wenn Wikipedia sich ein Soziales Netzwerk zulegt. Die Software gibt es bereits: Diaspora funktioniert sehr gut. Die Idee hinter Diaspora ist überzeugend: eine Open Source-Software, die es erlaubt, dezentrale, aber miteinander kompatible Soziale Netzwerke zu installieren. Diaspora zu implementieren hätte für Diaspora und für Wikipedia eine positive Signalwirkung: Diaspora würde an Attraktivität und Bekanntheit gewinnen und Wikipedia könnte wieder jugendlicher werden.“

Von den technischen Möglichkeiten einmal abgesehen: Wäre das ein Schritt, den Wikipedia wagen könnte, vielleicht sogar sollte? Nein, sollte Wikipedia nicht. Denn wenn Wikipedia nicht genügend Nutzer gewinnt und noch kläglicher scheitert als Google+, würde Wikipedia einiges an Vertrauen verlieren. Und das ist das letzte, was der Community passieren sollte.

Die Zukunft des Internets

Was könnte die Zukunft in der digitalen Welt mit sich bringen? Was wird sie uns bringen? Zum einen könnte der Traum vom offenen Netz ein für alle Mal ausgeträumt sein – und wir sind selbst daran Schuld. Jonathan Zittrain ist Professor für Recht und Informatik an der Harvard University und sieht in den Smartphones und Tablet-PCs eine große Gefahr. Denn anders als der PC-Marktführer Microsoft bestimmen Apple und Co. die Inhalte von Software, also der Apps:

„Das Zulassungsprocedere von Apps verschleiert allerdings, worum es wirklich geht: Das Geschäft von IT-Unternehmen besteht jetzt auch darin, Texte, Bilder und Töne zu genehmigen – und das auch noch einzeln. Sie bestimmen, was wir auf den wichtigsten Portalen der Welt finden und nutzen können. […] Zwei, drei Betriebssystem-Hersteller sind in der Position, sämtliche Apps und deren Inhalte zu verwalten, und eine kleiner werdende Gruppe von Cloud-Dienste-Anbietern ermöglicht Webseiten oder Blogs, die vor Denial-of-Service- Problemen geschützt sind.“

Der SPIEGEL brachte Ende 2011 eine Titelgeschichte, in der Zittrains Überlegungen noch ein wenig weiterführt werden: Per se gibt es im Internet keine Monopole. Gleichzeitig haben sich aber mittlerweile vier US-Firmen herausgebildet, die den Online-Kuchen zu großen Teilen unter sich aufteilen: Amazon, Apple, Facebook und Google. Jeder bedient eigentlich ein eigenes Segment, gleichzeitig wildert mittlerweile jeder im Revier des anderen: Amazon bringt mit dem Kindle Fire ein Tablet-PC  auf den Markt und greift Apples iPad an, Google+ soll Facebook den Kampf ansagen – und so weiter. Am Ende liegt dann wieder die Entscheidung beim Nutzer – also bei uns – auf welchem Unternehmen er sein Vertrauen (und seine Daten) schenkt.

Wir User werden also in den nächsten Jahren wohl noch häufig überlegen müssen, was wir in der digitalen Welt so alles tun oder auch nicht. Wem wir unser Vertrauen schenken oder auch nicht. Es bleibt also spannend wie sich das Web (und somit unser Leben) verändern wird. Übrigens: Eine erste Prognosen zu den Entwicklungen im Social Web 2012 findet ihr hier.

Unser Leben im Netz (Teil 1) über den digital divide, Facebook und E-Mail gibt es hier.

Foto: flickr/keso (CC BY-NC-ND 2.0)

Amerika wählt – zwischen YouTube-Videos und Analsex

von Sanja Döttling

Wollte man früher Leute –  sagen wir,  Politiker –  öffentlich beleidigen, erforderte das großen Aufwand und viel Planung.
Man musste zu einer Veranstaltung gehen. Man musste Tomaten mitnehmen. Gut zielen können. Und schnell wegrennen. Das Internet aber entwickelt ganz neue Formen und Möglichkeiten, andere zu diffamieren. Und beim Kampf um das Präsidentenamt in Amerika bietet die Gelegenheit, virtuelle Tomaten zu werfen. Und zwar richtig große.
Der Startschuss zum Run auf den auf das höchste Amt in den Vereinigten Staaten ist gefallen. Während die Demokraten Barack Obama zur Wiederwahl aufstellten, haben die Republikaner im Moment noch sechs Kandidaten im Rennen. Sechs Kandidaten, die nicht nur Obama als Feind sehen, sondern auch die anderen fünf. Und dieser Kampf wird medial ausgetragen.

Jeder gegen Jeden

Bis zu den Präsidentschaftswahlen am 6. November 2012 herrscht politische Kriegsstimmung in Amerika. Die Betonung im Wort Wahlkampf liegt klar auf der zweiten Silbe. Dabei wettern nicht nur die Republikaner gegen Obama (auch ein alter Hut, inzwischen. Schon McCain stetzte Anruf-Roboter ein, die Obama als Terroristenfreund bezeichneten), sondern lassen auch untereinander kein gutes Haar aneinander.
So wird etwa Mitt Romney, der in Vorwahlen aktuell führt, als Jobzerstörer oder Schwuler betitelt. Seine vermeintliche Homosexualität – logischerweise in konservativen Kreisen eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung – wird im Brokeback Mountain-Stil hochgekocht. Lustig ist das keinesfalls.

Hinter dem Video, das Romney als miesen Kapitalisten zeichnet, steht ein sogenannter „Super PAC“. Diese „Gruppen“ haben das Ziel, andere Kandidaten zu diffamieren – und den eigenen in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Sie agieren im Schatten des eigentlichen Kandidaten und können aus den Vollen schöpfen: Denn die Super-PACs dürfen für ihren favorisierten Kandidaten so viel Geld bereitstellen, wie ihre Taschen hergeben. Und die sind meistens ziemlich, ziemlich groß.

Google Bombe: Santorum und Analsex

Doch es geht noch schlimmer: Mit der Google-Bombe. Sie nutzt den Google-Algorithmus, um durch das gezielte Verlinken einer Webseite mit einem Text Leute oder Unternehmen zu diffamieren.
Rick Santorum, ebenfalls Präsidentschaftskandidat, ist einer der Attackierten (Handelsblatt und Süddeutsche berichteten) – allerdings zu recht.
Bekannt wurde der erzkonservative Kandidat mit locker-leichten, weltumarmenden Aussagen wie: Eine schwule Ehe sei nichts anderes als wenn „ein Mann mit einem Kind, ein Mann mit einem Hund, oder so etwas in der Art“ sexuell aktiv werden würde (das sagte er 2003). Außerdem zitierte er einen zwielichtigen, unbekannten Experten mit den Worten: „Er fand heraus, dass Väter im Gefängnis, die ihr Kind verlassen hatten, immer noch besser sind als überhaupt keinen Vater im Leben eines Kindes zu haben“ und bezog sich dabei auf Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen.

Da ist wirklich das Gemüse zu schade für, dachte wohl auch der Schwulenaktivist Dan Savage. Seit 2003 arbeitet er an der Santorums-Google-Bombe, die bis heute intakt ist: Wer bei Google „Rick Santorum“ eingibt, erhält unter den ersten Treffern auch diesen. Nachdem santorum als „forthy mixture of lube and fecal matter that is sometimes the by-product of anal sex“ definiert wurde, gelangt man auf Savage’s Blog. Der hat die einfache Aufgabe, all den verbalen Müll zu sammeln, den Santorum in den Medien hinterlässt.
Solche politischen Spielchen gibt es übrigens auch in Deutschland, wenn auch harmloser: So hörte Angela Merkels Webpräsenz eine Zeit lang auf den Namen „Experiment Kohlkopf“ und die SPD fand man, indem man die „Verräter Partei“ suchte.

Schönes, neues demokratisches Google

Urs Hölzle, Mitarbeiter von Google, erwiderte 2004 auf die Frage, was man gegen das „Google-Bombing“ unternehme, übrigens folgendes: „Nichts. Das ist ein Zeichen, wie demokratisch das Internet ist. Wenn genügend Leute ihre Webseiten entsprechend verlinken, kann es so herauskommen.“
Naja. Okay, schöne Neue Welt: Inzwischen lässt Google die Bomben dann doch entschärfen.

Teaser-Foto: YouTube

Unser Leben im Netz (Teil 1)

von Alexander Karl

Wir sind digital natives. Wir sind die Zukunft. Wir sind online. Ziemlich oft sogar und ziemlich lange. Aber was machen wir im Netz? Wofür nutzen wir das World Wide Web? media-bubble.de wirft einen Blick auf aktuelle Studien zu unserem Nutzungsverhalten – von Facebook, über E-Mail bis Google.

Diesmal: Deutschland online, Facebook und E-Mail.

Deutschland online

Fast 52 Millionen Deutsche sind mittlerweile online, das entspricht etwa 73 Prozent – das ergab die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011. Die Altersgruppe der 14-19-jährigen ist zu 100 Prozent online, bei 20-29-jährigen sind es 98,2 Prozent. Ältere User sind noch immer seltener online als die jungen – aber es werden immer mehr. Ein Großteil der Deutschen ist also online, der ‚digital divide‚ scheint eine Sorge der Vergangenheit zu sein. Und docht mahnt die Studie, nicht allein das Vorhandensein von PC und Internet als Triumpf zu feiern: „Vielmehr sind heute „weichere Kriterien“ für die Unterscheidung zwischen Nicht und Gelegenheitsnutzern sowie routinierten Nutzern heranzuziehen – nämlich Grad der Medienkompetenz, Nutzungsvielfalt und Anwendungsroutinen.“

Nutzungsvielfalt ist ein wichtiger Punkt – denn was machen wir ‚digital natives‘ nun online? Die Altersgruppe der 14-29-jährigen ist durchschnittlich 168 Minuten pro Tag, also fast 3 Stunden. Viel Zeit für buntes Treiben im Netz. Beschränkt wird sich aber zumeist auf die Standard-Angebote: 80 Prozent senden mindestens einmal wöchentlich eine E-Mail, 95 Prozent nutzen im gleichen Zeitraum eine Suchmaschine, 71 Prozent sind auf Online-Communitys präsent – so die Studienergebnisse (siehe auch Tabelle rechts).

E-Mail versus Facebook

Eine interessante Frage ist, welche Kommunikationswege von den Onlinern genutzt werden. So fand die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 heraus: „66 Prozent der 20- bis 29-jährigen Onliner nutzen Xing, Facebook oder andere Communitys, zu den E-Mail-Anwendern (mindestens wöchentlich) zählen dagegen 81 Prozent (2010: 92 %).“

Während über Facebook in der Vergangenheit also immer wieder philosophiert wurde, jede Entwicklung durch die Medien ging und über die Zukunft der Plattform diskutiert wurde, gab und gibt es im Windschatten noch immer eine Anwendung, die nicht tot zu kriegen ist – die E-Mail.

Jüngst ergb dies auch eine Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW): „Neue, intelligente Smartphones werden dank der Kombination aus Telefonie, E-Mail und sozialer Kommunikation gerade für die Verbraucher attraktiv“, sagte Olav Waschkies, Vize-Vorsitzende der Fachgruppe Mobile im BVDW, dem Branchendienst Meedia. So scheinen soziale Netzwerke sich positiv auf die Nutzungsintensität auszuwirken. Platzhirsch bleibt aber die E-Mail. Auch die Grafik rechts zeigt: Noch immer stehen E-Mails hoch im Kurs – egal ob Internet-Jungspund oder Veteran.

Weiterhin feiert aber auch Facebook in Deutschland große Erfolge: „Facebook konnte die Zahl seiner Mitglieder binnen eines Jahres mehr als verdoppeln. Zum 16. Juli 2011 waren in Deutschland knapp 20 Millionen Menschen auf Facebook angemeldet, dies entspricht rund 24 Prozent der deutschen Bevölkerung.“ Wie es oftmals aber der Fall ist, scheint es auch zu Facebook eine Gegenbewegung zu geben – nämlich hin zu beschränkten Netzwerken, die etwa nur 50 Freunde fassen. Ob sich diese wirklich durchsetzen werden?

Übrigens: Auch Facebook versuchte ins E-Mail-Geschäft einzusteigen. So konnte man seine E-Mail-Adresse mit @facebook.com anlegen. Das sähe laut Unternehmensinfo dann so aus: „Wenn dir jemand eine E-Mail von diesen externen Systemen schickt, geht sie direkt in deinen Facebook-Nachrichten ein. Falls du Nachrichten an externe E-Mail-Adressen schickst, werden diese so wie deine Nachrichten auf Facebook formatiert und enthalten deinen Namen und dein Profilbild zusammen mit deiner Nachricht.“ Über Erfolg oder Misserfolg ist mir leider nichts bekannt. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass viele sich neben ihrem Facebook-Profil und ihrer E-Mail-Adresse (die man übrigens zur Anmeldung bei Facebook braucht) eine zusätzliche @Facebook-Adresse macht.

Freundschaft und Facebook

Wie entstehen Freundschaften bei Facebook? Wie enden sie? Auch dazu gibt es eine Studie, die wenig überraschend sagt, dass wir zu 82 Prozent Menschen aus dem „echten Leben“ als Freunde hinzufügen. 55 Prozent schmeißen Freunde aus ihrer Liste, wenn diese verletzende Kommentare schreiben. Eine Freundschaft baut in den meisten Fällen übrigens auf Gemeinsamkeiten auf, wobei die Einflussnahme auf die Facebook-Kontake gering bis nicht vorhanden ist – bis auf Klassik und Jazz-Liebhaber, die sich anscheinend untereinander beeinflussen, wie eine Harvard-Studie ergab.  Aber Facebook wirft noch mehr Fragen auf: Soll man seinen Chef als Freund hinzufügen? Laut einer Forsa-Umfrage würde die Mehrheit der Deutschen dies nicht tun – und nur 2 Prozent würde selbst die Initiative ergreifen und dem Arbeitgeber einer Freundschaftsanfrage stellen. Das ist vielleicht auch besser so – im November 2011 wurde ein Mitarbeiter von IKEA entlassen, da dieser anscheinend auf Facebook mit der NPD sympathisierte.

 

Im nächsten Teil: Google und die Merkfähigkeit, Wikipedia und die Zukunft der Online-Welt

Foto: flickr/TF28 ❘ tfaltings.de (CC BY-NC-SA 2.0)


Causa Wulff: Warum schweigt BILD?

von Alexander Karl

Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, doch es hat sich tatsächlich so abgespielt: Da ruft ein Bundespräsident den Chefredakteur der BILD-Zeitung an und spricht ihm drohend auf die Mailbox. Und was macht die BILD? Schweigt. Lässt Wulffs Entschuldigung durchgehen, veröffentlicht den Artikel zur Kredit-Affäre aber trotzdem. Und irgendwie – sehr wahrscheinlich von der BILD – gelangt die Info über Wulffs-Mailbox-Drohung dann an die Süddeutsche Zeitung und die FAZ.

Warum schweigt die BILD?

Schlagzeilen wie: „Jetzt reicht’s! Wulff droht BILD!“ oder „Wulff erklärt BILD den Krieg!“ hätten sich super auf der Titelseite gemacht. Stattdessen eine Titelseite zur Rente mit 67 und ein kurzes Statement „In eigener Sache“ online, in der der Vorfall erklärt wird – nachdem SZ und FAZ schon längst Wulffs Ausbruch öffentlich gemacht haben. Warum nur? In der Erklärung der BILD heißt es: „Deshalb [nach der Entschuldigung, Anm. d. Autors] hat die BILD-Zeitung nach breiter redaktioneller Debatte davon abgesehen, eigens über den Vorfall zu berichten.“

Aha. Wieso das? Was ist da los?

Möglichkeit 1: Der Rubikon ist noch nicht überschritten.

Schön, wenn so alte Redewendungen noch genutzt werden, auch, wenn sie kaum noch einer versteht. Was Wulff aber anscheinend meinte, war: Es ist vorbei mit der BILD-Wulff-Symbiose, die über viele Jahre so wunderbar geklappt hat. Vorbei die Zeit, in der Wulff sich für seine jetzige Frau scheiden lassen konnte – und BILD die neue Liebe trotzdem feierte. Auch wenn angeblich bereits vor der Wahl vom Bundespräsidenten eine Abkühlung zwischen BILD und Wulff zu bemerken war: Es scheint eigentlich erst mit der Kredit-Affäre gekracht zu haben. Zumindest für Wulff.

Vielleicht ist die BILD ihren Helden doch treuer, als man glauben mag: Das beste Beispiel sind die Guttenbergs. Selbst nach dem Abdanken von Dr. Guttenberg hielt ihm BILD die Treue. Vielleicht ist Druckerschwärze doch dicker als ein unpassender Mailbox-Anruf. Vielleicht auch nicht.

Möglichkeit 2: BILD will sich die Hände nicht schmutzig machen.

BILD und sich die Hände nicht schmutzig machen? Der bekannte Blogger und Spiegel-Autor Stefan Niggemeier hält das für möglich – klingt aber eigentlich ziemlich unwahrscheinlich. Aber warum sonst spannt man die seriöse Presse vor den Wulff-Karren und lässt sie machen? Selbst in der Online-Berichterstattung hält man sich vergleichsweise zurück, entscheidet sich zunächst ein Presseecho zu bringen und keinen zerfleischenden Artikel. Natürlich berichtet BILD auch nicht positiv über Wulff – aber welches Medium macht das heute schon? Alle Medien fühlen sich von Wulffs Versuch, die Presse direkt zu beeinflussen, angegriffen, ja mehr noch: Bedroht. Und so schießen sie nun gegen Wulff. So heißt es etwa bei stern.de : „Dass Wulff nicht der richtige Mann für die Repräsentation Deutschlands ist, dürfte spätestens jetzt klar werden.“ Und da wirkt der heutige Kommentar für BILD-Verhältnisse fast harmlos. Da heißt es: „Christian Wulff hat das Amt in den letzten Wochen tatsächlich geprägt. Aber das Amt wird Jahre brauchen, bis es sich davon erholt.“

Möglichkeit 3: BILD macht den Sack zu.

Zunächst durch die anderen schwächen und dann zu Fall bringen – das wäre eine clevere Taktik der BILD. Ob tatsächlich eine ganze Redaktion Wulffs Leben durchfilzt und nach dem Skandal sucht, der ihn zum Rücktritt zwingt, kann nur gemutmaßt werden. Unwahrscheinlich wäre es aber trotzdem nicht. Immerhin feiert BILD in diesem Jahr 60. Geburtstag und da macht sich eine Hetz-Kampagne gegen Wulff nicht gut. Aber wenn man ihn – den bösen Bundespräsidenten, der die Berichterstattung über sich verhindern wollte – mit dem Aufkochen einer neuer Affäre zu Fall bringt, steht BILD gut da. Vielleicht kann man die ersten Gewitterwolken schon heranziehen sehen: Denn BILD bittet Wulff, die Mailbox-Nachricht zu veröffentlichen. Kann Wulff da überhaupt nein sagen? Erstaunlicherweise hat Wulff dies abgelehnt. Ob BILD die Nachricht vielleicht doch veröffentlicht oder sie zufällig der FAZ/SZ zugespielt wird, wird sich zeigen.

Von einer „Kampagne“ der Springer-Presse und speziell BILD gegen Wulff kann bisher also nicht die Rede sein – findet auch Medienwissenschaftler Norbert Bolz. ‚Bisher‘ bedeutet aber natürlich: Es ist noch nicht aller Tage Abend. Ich komm wieder. Keine Frage.

UPDATE: Die Mailbox-Nachricht ist auch am 11.1.12 nocht nicht offiziell an die Öffentlichkeit gedrungen, doch Bruchstücke sind mittlerweile bekannt. Eine Rekonstruktion der Nachricht findet sich aber hier.

Foto: flickr.com/European Parliament (CC BY-NC-ND 2.0)

Papier- und Kostenlos.

von Sanja Döttling

Werden mit Zeitungspapier ausgelegte Biomülleimer, der morgendliche Gang in Pyjama zum Briefkasten bei minus elf Grad und vom Regen unleserliche Titelseiten bald der Vergangenheit angehören? Werden wir bald alle eine digitale Zeitung haben, die nur die Nachrichten anzeigt, die wir sehen wollen?

Zeitung ohne Seiten

Die Verkaufszahlen von Tablet-PCs steigen und die Käuferschicht von Papierzeitungen schwindet. Ist die Zeit reif für eine Zeitung 2.0? In der Theorie ja, auch wenn die Idee einer digitalen, personalisierten Zeitung nicht ganz neu ist: Schon 1995 wurde das Konzept dafür entwickelt und zehn Jahre später ging die Seite Daily Me online. Inzwischen haben sich auch andere Anbieter für so genannte News Aggregatoren gefunden. Beispiele sind Flipboard, Zite, Yahoo Livestand, AOL Editions und Google Currents und Pulse. Diese Angebote stellen Webcontent mit einer Art „Zeitungsoberfläche“ dar. Sie sollen übersichtlicher sein und dem Lesern ersparen, sich mühsam Artikel von vielen unterschiedlichen Webseiten zusammenzuklauben. Oder gar diese altmodische Papierzeitung aufzuschlagen, von der man noch nie wusste, wie man sie am besten halten soll.   

Zeitung von vielen – ganz für mich allein

Was diese neue Form des Zeitunglesens so interessant macht, ist ihre Lernfähigkeit: Das Leseverhalten der Benutzer beeinflusst die Artikel, die in die „persönliche Titelseite“ eingebunden werden. Manche Anbieter wie Flipboard nutzen auch die in Sozialen Netzwerken geposteten Links von Bekannten, um Interessen der Benutzer zu erspüren. Angebote wie das kostenlose Google Currents setzen dabei nicht auf eigene Artikel, sondern arbeiten in Kooperation mit 150 Verlagshäusern und verschiedenen Blogs. Für kreative Schreiberlinge bietet es auch die Möglichkeit, eigene Artikel zu erstellen.

Und Deutschland?

Der Axel-Springer-Verlag will ebenfalls ins Zeitungs-Aggregator-Geschäft einsteigen und präsentiert dazu MyEdition. Nachteil: Dieser Aggregator wird nur Artikel und Texte aus dem Springer-Haus vereinen, dazu gehören BILD, Die Welt, Hamburger Abendblatt und viele mehr. Und: Kosten soll das Ganze auch etwas. „Wir werden 2012 noch entschiedener auf Bezahlinhalte im stationären Web umschwenken“, sagte Springer-Chef Mathias Döpfner. Bis jetzt ist myEdition aber noch in der Betaversion.

Zeitung ohne Neuigkeiten

Gegner der digitalen Zeitungs-Apps führen ein Argument ins Feld, dass auch in der Medienwissenschaft behandelt wird: Wenn wir nur das Lesen, was uns interessiert, und uns auch nur die Artikel angeboten werden, die wir lesen wollen – dann schauen wir nicht mehr über den Tellerrand unserer Interessen hinaus. Dies nennt sich dann „Filterblase“, was Eli Pariser in seinem Buch „The Filter Bubble: What the Internet is Hiding from you“ beschreibt.

Dabei greift Eli Pariser auch auf die Gatekeeper-Theorie zurück. Diese besagt, dass Journalisten in Redaktionen die ankommenden Nachrichten aussortieren und dem Leser nur eine Auswahl der tatsächlichen Meldungen präsentieren.
Diese Aufgabe des Filterns wird jetzt von den Journalisten auf Such-Algorithmen im Internet verlegt, wie wir es etwa von Amazons Empfehlungen kennen. Doch trotzdem: In den Zeitungen gab es immer Seiten zu festgelegten Ressorts, wie Politik, Sport oder Kultur. Und wer noch Zeitung liest, merkt schnell: Oft bleibt man dann doch an Artikeln hängen, nach denen man nicht suchte. Eine altmodische Papierzeitung – eine Art Flohmarkt für Artikel, auf dem man ungehindert stöbern kann. Und die Titelseite liest man ja doch immer. Zumindest die Überschriften. Denn: Wenn am nächsten Tag der Kommilitone kommt und fragt: „Hast du das mit Wulff gelesen?“, hat man das gelesen, ja zumindest überflogen.

Aber auch gegen die bemängelte, zu enge Eingrenzung der Artikel bei Zeitungs-Aggregatoren ist ein Algorithmus gewachsen. Der wirft hin und wieder unerwartete Artikel auf die digitale Titelseite. Neue Möglichkeiten bietet hier auch der Filter über Soziale Netzwerke: So werden Artikel ausgewählt, die Bekannten gefallen. Bekannte, mit denen man ganz andere Interessen teilt. Auch so bleibt eine gewisse Varianz erhalten.

Teure Technik – und jetzt?

Apropos Technik. Die meisten Zeitungs-Aggregatoren setzen ein Tablet-PC – oder doch zumindest ein Smartphone mit Internetverbindung und den Willen, sehr kleine Buchstaben entziffern zu wollen –  voraus. Seit 2010, dem Jahr, in dem Apple den iPad auf den Markt brachte, wurden in Deutschland 2,3 Millionen Tablet-PCs verkauft. Damit erreichen Tablet-PC sicher nicht die große Masse – zumindest bis jetzt nicht. Allerdings sagt die Bitkom weiterhin steigende Verkaufszahlen voraus, und schon dieses Jahr sollen mehr Tablets als Laptops verkauft worden sein.

Es gibt tausend weitere Gründe für und gegen digitale zeitungsähnliche Neuigkeitenverkünder. Wer hat schon die Zeit, sich so eine personalisierte Zeitung zu generieren? Wer will schon am Bildschirm lesen? Hinter einem Tablet-PC kann man sich am Frühstückstisch nicht verstecken. Dafür liegt ein Tablet-PC nicht aufgeweicht im Briefkasten; die digitale Zeitung (fast) immer online und somit aktueller als jedes andere Medium. Oft sind die Aggregatoren auch kostenlos. Aber ob deswegen die Papier-Zeitung aussterben wird? Mit was legen wir dann den Biomüll aus?

Foto: flickr/yago1.com (CC BY-NC-ND 2.0)

Schnee drüber in Russland?

von Alexander Karl

Nach den Duma-Wahlen im Dezember kochte Russland. Proteste in Moskau, Aufrufe bei Facebook und die Frage, ob man Putin tatsächlich stürzen kann. Doch mittlerweile ist in Russland wieder Ruhe eingekehrt. War’s das schon mit der nächsten Online-Revolution?

Russland formiert sich online

Egal, ob es „russischer Winter“ als Anspielung auf den „arabischen Frühling“ genannt wurde oder doch „Schneerevolution“ – gemeint sind die Proteste gegen die One-Man-Show Putin und das von ihm geschaffene System. Der Ex-KGB-Agent will sich am 4. März wieder zum Präsident wählen lassen. Dieses Amt hatte er 2000 bis 2008 bereits inne, danach war er vier Jahre Premier. Schon längst werden dafür wieder die Weichen gestellt, etwa mit der Duma-Wahl am 4. Dezember, bei der offensichtlich die Ergebnisse gefälscht wurden. Die Folge: Massenproteste in Moskau, die sich mit Facebook und Co. formieren konnten. Bereits Anfang Dezember melden sich fast 30.000 Russen zur Demo in Moskau an – über Facebook, versteht sich. Und auch der amtierende russische Präsident Dmitri Medwedew musste feststellen, wie sich die Online-Welt plötzlich gegen ihn wendet. So kommentierten über zweitausend Facebook-User seine Aussage, die Wahlmanipulationen würden untersucht werden, kritisch bis höhnisch. Via YouTube verbreiteten sich schnell die Bilder der Proteste. Und als der bekannte russische Blogger Alexey Navalny inhaftiert und zwei Wochen später wieder freigelassen wurde, ging es durch die Medien, ebenso die Forderung Gorbatschows, Putin möge abdanken. Und als an Weihnachten geschätzte 100.000 Russen in Moskau demonstrierten, roch es nach Revolution.

Ruhe vor dem Sturm?

Doch das war letztes Jahr. Seit den Weihnachtsprotesten ist es ruhiger geworden um Russland, die Demonstrationen und Putin-Gegner. Diese Abstinenz ist selbst gewählt. So berichtet RP Online:

„Derweil haben die Kremlgegner beschlossen, eine Protestpause einzulegen. Weil in Russland das öffentliche Leben mit dem Jahreswechsel und dem russisch-orthodoxen Weihnachtsfest in der ersten Januarhälfte praktisch zum Erliegen kommt, soll die nächste Demonstration erst wieder im Februar stattfinden.“

Gleichzeitig fehlt der Protestbewegung ein klares Ziel vor Augen. Sie demostrieren gegen die Wahlfälschung, wollen freie Wahlen. Aber soll Putin weg? Soll Russland komplett auf den Kopf gestellt werden? Einige wollen das, andere nicht. So schreibt Dmitry Yagodin für den Blog Hyperland:

„Es scheint, als wäre die Mehrheit der Protestierenden mit einer Untersuchung der Wahlmanipulation und einer Revision des Ergebnisses zufrieden zu stellen – trotz vereinzelter “Russland ohne Putin”-Rufe. Der von vielen Medien gerne herbeigeführte Vergleich mit dem arabischen Frühling ist den Russen selbst jedoch nicht genehm: “Ich will keine Revolutionen”, war Rustem Adagamovs Antwort auf einen der Kommentare in seinem Blog. “Keiner der vernünftigen Leute will dies.”“

Und genau das weiß auch Putin, wenn er höhnt: „Was die für ein Problem haben? Es gibt kein einheitliches Programm, keine klare Zielsetzung und keine Leute, die irgendetwas Konkretes tun könnten.“

Demonstrationen, Proteste und Revolutionen brauchen ein Ziel – bestenfalls ein einheitliches mit Alpha-Tieren, die die Richtung vorgeben. Doch bisher dienten die Proteste vor allem dazu, um die Missstände der Wahl aufzuzeigen. Dafür sind Facebook und Co. ein gutes Mittel. Doch wie soll es nun weitergehen? Geben sich die Russen mit Versprechungen zufrieden? Vielleicht. Doch die Probe auf’s Exempel folgt im März, wenn Putin erneut zum Präsident gewählt wird. Daran zweifeln wohl nicht einmal die Demonstranten.

Foto: Flickr/ photo.maru (CC BY-NC-ND 2.0)

Regenbogenbuntes TV

von Alexander Karl

Bei ‚Bauer sucht Frau‘ finden sich zwei Männer,‘X-Diaries‘ wartet mit schwulen Protagonisten auf und nicht zu vergessen die ‚Lindenstraße‘, die Homosexualität im TV salonfähig machte. Und natürlich all die US-amerikanischen Serien, die in Deutschland laufen – etwa ‚Desperate Housewives‘ oder ‚Six feet under‘. Kurz: Im deutschen TV sind homosexuelle Charaktere allgegenwärtig. Aber führt diese Konfrontation auch zu mehr Toleranz? Kann man ein medienwissenschaftliches Modell heranziehen?

Homosexualität im Bewegtbild

Wenn man sich die Entwicklung von homosexuellen Inhalten in Film und Fernsehen näher ansehen will, kommt man natürlich nicht an Hollywood vorbei. Doch gerade in den Staaten war es zunächst problematisch, nicht-heterosexuelle Charaktere darzustellen. Als der Film laufen lernte, kam Homosexuellen zumeist nur eine Rolle zu: Sie dienten als komisches Element, als etwas, über das man sich amüsieren konnte. Der Motion Picture Production Code verbot sogar ab 1934 explizit die Darstellung von Homosexualität, bis er 1968 von dem noch heute existenten Rating System abgelöst wurde. Mit dem Aufkommen der sexuellen Revolution und Pornographie Mitte der Siebziger Jahre setzte eine Art Gegenströmung zur vorherrschenden heteronormativen Ansicht ein, bis mit dem Ausbruch von AIDS, welches bei den ersten Patienten noch GRID (Gay-related immune deficiency) hieß, ein erneuter Tiefpunkt erreicht wurde. Erst 1993 griff Hollywood das Thema in dem Film ‚Philadelphia‘ auf . Eine ähnliche Entwicklung wie der Film nahm auch das amerikanische Fernsehprogramm. Homosexualität spielte selten eine Rolle, erst mit Beginn der 1990-Jahre eroberten Homosexuelle auch das TV. So gab es etwa bereits bei ‚Xena‘ [1995-2001] einen homosexuellen Subtext. 1997 war es Ellen DeGeneres, die sich und ihre Serienrolle gleichermaßen in der Show ‚Ellen‘ [1994-1998] outete, aber bereits 1998 wieder den Bildschirm verließ.

Mit der Comedyserie ‚Will&Grace‚, die im US-Fernsehen auf NBC lief, wurde ein neues Kapitel in der Geschichte der Gleichstellung aufgeschlagen: Erstmals nahmen ein schwuler Charakter (Will) und seine beste Freundin (Grace) die Rolle der Protagonisten im Mainstream-Programm ein. Darüber urteilten Battles und Hilton-Morrow: “This increased visibility is, for some, a sign of society’s growing acceptance of the gay community”. Ferner sagen sie: “[…] we will argue that Will & Grace makes the topic of homosexuality more palatable to a large, mainstream television audience by situating it within safe and familiar popular culture conventions, particularly those of the situation comedy genre.” Dies rührt beispielsweise auch daher, dass der Charakter des Will eben kein Stereotyp ist, sondern stattdessen durch seine optische Heterosexualität vermeintlich unangreifbar ist . Mit Beginn der 2000-Jahre tauchten homosexuelle Charaktere in fast allen bedeutenden TV-Serien auf: Von ‚Sex and the City‘ bis ‚Six feet under‘ oder ‚Desperate Housewives‚  sind überall schwule, lesbische oder bisexuelle Charaktere vertreten. Aktuell stellt die glaad-Studie, die das Auftauchen homosexueller Charaktere im Fernsehen untersucht, daher fest: „The study shows that LGBT representations will account for 3.9% of all scripted series regular characters in the 2010-2011 broadcast television schedule, up from 3% in 2009, 2.6% in 2008, and 1.1% in 2007. The number of regular LGBT characters on cable has also increased following a two year decline, up to 35 from a count of 25 last year.“

Selbstbild und Toleranz

Homosexuelle – und speziell Schwule – sehen sich aber in den Serien nicht treffend dargestellt. Hier muss wohl – wie so oft – differenziert werden. Während die schwulen Charaktere in ‚Desperate Housewives‘ und ‚Sex and the City‘ durchaus sehr sterotyp und tuckig sind und wie ein Paradiesvogel daher kommen, entsprechen sie in ‚Six feet under‘ einem eher heterosexuellen Männerbild.

Doch woher kommt nun diese häufigere Darstellung von Homosexuellen? Ein medienwissenschaftlicher Ansatz wäre die Verstärkerhypothese von Klapper, die besagt, dass die Medien eine Einstellung zu einem Thema nicht verändern, aber verstärken können. Dies würde bedeuten, dass die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben nicht durch das TV entstanden ist, sondern die Medien die Akzeptanz nur verstärken – auch, in dem sie versuchen, die Wirklichkeit abzubilden.

Führt man sich noch einmal Battles und Hilton-Morrows These vor Augen, die besagt: “This increased visibility is, for some, a sign of society’s growing acceptance of the gay community” spricht dies für eine Verstärkerhypothese. Die Medien bestätigen quasi den gesellschaftlichen Wandel. Auf der anderen Seite sagen sie aber: “[…] we will argue that Will & Grace makes the topic of homosexuality more palatable to a large, mainstream television audience by situating it within safe and familiar popular culture conventions, particularly those of the situation comedy genre.” Dadurch also, dass viele Menschen mit Schwulen und Lesben – in dem vermeintlichen ’sicheren‘ Umfeld einer Comedy-Serie –  konfrontiert werden, entsteht Akzeptanz. Dies könnte man als eine Form der Meinungsführerschaft sehen, in der die Senderchefs die Meinungsführer sind und die Zuschauer die Höhrigen.

Andere Ansätzen – etwa das Stimulus-Response-Modell – sind wohl weniger zielführend, denn nur, weil man Homosexuelle im TV sieht, findet man sie nicht sympathisch oder wird selbst schwul. Und wieder einmal stellt sich das auch von Merten beschriebene Problem der Wirkungsforschung: Es ist ziemlich schwer, kausale Zusammenhänge eindeutig zu identifizieren. Doch manche gläubigen US-Amerikaner jedoch sehen dort einen Zusammenhang, der ziemlich stark an das stimulus-response-Modell erinnert…

 

Foto: flickr/incurable_hippie (CC BY-NC 2.0)

Hart of Dixie – Serie mit Subtext

von Alexander Karl

„Hart of Dixie“ klingt für deutsche Ohren wohl zunächst einmal nach Dixiklo, doch damit hat die US-Serie mit der Speerspitze Rachel Bilson nun wirklich nichts zu tun. Stattdessen geht die Serie bekannte Wege des Dramedy – und kann sogar einen Subtext liefern.

Story und Abgründe

Zoe Hart, angehende Ärztin aus Leidenschaft, will in New York eigentlich Chirurgin werden. Doch mit ihren sozialen Kompetenzen ist es nicht so weit her und so soll sie zunächst ein Jahr als Hausärztin arbeiten, bevor sie wieder in der Klinik vorstellig werden darf. Da trifft es sich, dass ihr ein Unbekannter einen Platz in einer Praxis in Alabama anbietet – und dieser Unbekannte ist, wie sich später herausstellt, ihr leiblicher Vater. Doch er stirbt vor Zoes Ankunft, weshalb sie sich die Praxis mit dem arroganten Dr. Brick Breeland teilen muss. Dessen ebenso hochnäsige Tochter Lemon wird schnell zur Intimfeindin von Zoe, die sich in Alabama ganz schön umgewöhnen muss…
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Und damit beginnt das verrückte Landleben von Zoe Hart in Bluebell, einem fiktiven Ort im Süden der USA. Zahlreiche – für Dramedy-Serien nicht unübliche – Erzählstränge darf der Zuschauer verfolgen: Da wäre natürlich das (Über-)Leben in einer Kleinstadt, die der modebewussten (Klischee-)New Yorkerin nicht unbedingt wohlwollend gegenüber steht. Gerade Lemon Breeland wirft Zoe immer wieder Steine in den Weg, auch, weil Lemons Verlobter George Tucker und Zoe sich gut verstehen. Aber da ist der Bürgermeister von Bluebell, Ex-Footballer Lavon Hayes, der Zoe unter seine Fittiche nimmt, aber mal eine Affäre mit Lemon hatte. Kurz und gut: Das Gefühlskarussell dreht sich gleich zu Beginn schnell.

Doch Hart of Dixie ist nicht so stereotyp, wie man auf den ersten Blick meinen könnte: Alle Figuren haben ihre Geheimnisse und persönlichen Abgründe, in der Fachsprache nach Shakespeare flaws genannt. Die Eiskönigin Lemon wurde etwa früh von ihrer Mutter verlassen und übernahm deren Rolle für ihre jüngere Schwester. Sie wie auch ihr Vater Brick sorgen sich um das schöne Bluebell, in das Zoe nun einmal nicht passt, und verteidigen die Tradition der Stadt.

Gelungen ist übrigens auch die Homepage der (fiktiven) Stadt Bluebell, die für Fans der Serie einige Hintergrund-Infos bereithält und mit einigen Querverweisen ausgestattet ist: So finden sich Straftaten, die in der Serie begangen werden, auf der Seite unter Police Logs.

Serie mit Subtext

Der Titel der Serie verrät schon: Es gibt einen Subtext. Denn „Heart of Dixie“ ist der Spitzname von Alabama, wo die Serie spielt, benannt nach einer Zehndollarnote, auf der ‚dix‘ (französisch für zehn) stand. Gleichzeitig ist Zoes Nachname ‚Hart‘ und was fehlt Zoe zumindest zu Beginn der Serie? Genau, Herz und Mitgefühl, gerade auch für die Patienten. „Hart of Dixie“ kann man durchaus als einen Aufruf zur Herzlichkeit verstehen, was sich eigentlich auch die Bewohner von Bluebell auf die Fahne geschrieben haben. Die Serie hat eine Sozialkritik inne, die den äußeren Schein und das innere Sein der Figuren beleuchtet und hinterfragt. Jede Figur hat nachvollziehbare Ziele, die auch aus ihren Hoffnungen und Ängsten entstehen. Damit geht die Serie durchaus in Richtung Desperate Housewives, doch zumindest zum Ende der ersten Staffel kann man noch nicht so viel Absurdität in der Handlung wie bei Susan, Bree und Co. erkennen. Stattdessen sorgt nicht nur Rachel Bilson für ein gewisses O.C., California-Feeling: Dort spielte sie Summer, Seths Freundin, und auch Josh Schwartz tritt wieder als Produzent in Erscheinung. Und auch die Atmosphäre, die Wärme der Bilder und die gelungenen Dialoge lassen an O.C., erinnern. Während die Quoten nicht atemberaubend sind, ist die Internetgemeinde doch weitestgehend positiv gestimmt: In der renomierten InternetmovieDatabase (IMDb) hat die Serie eine Bewertung von 7,6/10 Punkten und liegt damit vor Platzhirschen wie Grey’s Anatomy (7,2) oder Desperate Housewives (7,5).  Zum 23. Januar 2012 wird die 1. Staffel in den USA auf The CW fortgesetzt. Bis dato sind erst 10 der 22 Episoden ausgestrahlt worden. Auch der Gala-Blog lobt die Serie bereits, obwohl für Deutschland noch kein Sendetermin in Sicht ist – aber es wäre für mich nicht verwunderlich, wenn ProSieben irgendwann mit „Hart of Dixie“ aufwarten würde.

 

Foto: flickr/Luciano Consolini  (CC BY-NC 2.0)

Auf Entzug vom Informationsrausch

von Jelena Hauß

„Killing the Internet at Home Is the Most Productive Thing I’ve Ever Done“, verkündet Joshua Millburn (ironischerweise) auf seinem Blog. Dabei würde er sich mit seinem weißen Hemd und der Fönfrisur gut in eine wohlbekannte Szenerie einfügen: Millburn könnte einer sein, der uns in irgendeiner Großstadt dieser Welt begegnet, das Smartphone am Ohr, das iPad in der Tasche, den Facebook-Status heute schon mehrmals aktualisiert. Er könnte einer sein, der sich dem Informationsorkan aus privater und öffentlicher Kommunikation gerne hingibt, ein „Digital Native“ eben. Doch Joshua Millburn wählt einen anderen Weg, um den es im Folgenden gehen wird.

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder – doch diese entwickeln die passende Diät

Denn unauflösbar mit diesem Informationsorkan hängt der „Burnout“ zusammen, als gesellschaftliches Massenphänomen oder zumindest als vereinfachender Sammelbegriff für die Leiden des Menschen im 21. Jahrhundert. Überall sind Informationen, die uns zwingen zu selektieren, zu reagieren und weitere Medieninhalte zu konsumieren. Miriam Meckel, als Kommunikationswissenschaftlerin vermeintlich sensibilisiert für die Tücken der digitalisierten Welt, geriet vor einiger Zeit selbst in eine solche persönliche Notsituation. Wie sie in einem Interview mit stern.de berichtet, gab es vor ihrem Zusammenbruch ein „Zuviel“ von allem außer Zeit und Ruhe: Zu viel Kommunikation, zu viel Informationen, zu viele Verpflichtungen, zu viel Ablenkung.

Dieser Reizüberflutung beizukommen, scheint jedoch wie ein Kampf gegen Windmühlen, denn die Menge der verfügbaren Informationen – egal ob sinnvoll, trivial oder nutzlos – wächst im Sekundentakt in einer nachvollziehbaren Dimension. Im Jahr 2010 wurden erstmals mehr als eine Trillion (1.000.000.000.000.000.000) Gigabyte digitaler Daten erzeugt. Ursache dieser stillen Informationsexplosion ist die Digitalisierung, doch das Internet ist heute der Hauptentstehungsort und -umschlagplatz der Datenberge. Einerseits tragen wir selbst durch unsere Kommunikation mittels verschiedenster Dienste dazu ständig bei, andererseits liegt es in der Natur des Internets, Datenmengen exponentiell wachsen zu lassen; der Blogger Michael Seemann beschreibt es in seinen Artikeln gerne als „Riesenkopiermaschine“.

Das Erfolgsmodell als Produktivitätsfalle

Miriam Meckels Beispiel zeigt es deutlich: Die „digitale Elite“, ein Heer von wissenschaftlich, journalistisch und/oder kreativ Arbeitenden, gerät gerade durch das Medium, das ihren Aufstieg erst ermöglicht und dann begleitet hat, unter erheblichen Druck. Der Blogger Dan Dohlmann beschreibt in einem Blogbeitrag sehr treffend das Szenario, in dem sich die „Poweruser“ wiederfinden: Sie verlieren sich im Netz angesichts der nie enden Hyperlinkstrukturen und unendlichen Möglichkeiten, die sich durch immer neue Geräte und Dienste bieten. Bereits im Jahr 1995 schrieb der Architekt und Philosoph Georg Franck in seinem Buch Ökonomie der Aufmerksamkeit treffend über diesen Überforderungszustand und den Fehlschluss, dass ihm nur mit „noch größerem Fleiß“ begegnet werden könne. Seine immer noch sehr aktuellen Überlegungen verdeutlichen, dass in Zukunft nicht mehr materielle Güter die beschränkte Ressource sein werden, sondern dass die Knappheit von Zeit und Informationsverarbeitungskapazitäten unser Leben prägen werden. An genau diesem Dilemma der von Natur aus limitierten Aufmerksamkeit in Zeiten allgegenwärtiger Medienangebote setzen ein vielstimmig in der Blogosphäre geführter Diskurs und ein offen zelebrierter Mentalitätswandel ein.

Vom Digital Nativezum philosophischen Neandertaler

Während sich die einen (noch) in der Perfektion der Selbstorganisation im digitalen Zeitalter mit dem Ziel des erfolgreichen Informationsmanagements versuchen, vertreten die anderen schon radikalere Thesen, wie eben der oben zitierte Joshua Millburn. Gemeinsam mit einem Freund betreibt er den Blog, in dem es um „minimalism and living a meaningful life with less stuff“ geht. Die beiden stehen exemplarisch für eine Reihe von Bloggern, die den Minimalismus als Lebensweise zu ihrer grundsätzlichen Geisteshaltung erhoben haben und diesen an die Gegebenheiten des Internetzeitalters anzupassen versuchen.

Es geht den Autoren jedoch nur auf den ersten Blick um die Befreiung von Informationsflut und Multitasking. Im Zentrum der Überlegungen steht das übergeordnete Ziel, ein erfüllteres Leben zu führen, indem man sich auf Wesentliches wie konzentriert (wie beispielsweise vom einflussreichen Vordenker Leo Babauta  in seinem E-Book Focus beschrieben). Zuletzt geht es an vielen Stellen auch um den weitgehenden Verzicht auf materielle Güter, wie dieser Fernsehbeitrag zeigt. Die digitalen Minimalisten greifen somit auf Wertvorstellungen zurück, die schon seit langer Zeit in verschiedenen Kulturen und Religionen Bestand haben oder auch an frühere „Besinnungstrends“ wie Straight Edge erinnern.

Die Darstellungsformen, in denen sich die Blogosphäre mit dieser Denkschule auseinandersetzt, sind vielfältig: So haben spirituell angehauchte Ratgeberblogs Hochkonjunktur, andere Minimalisten beschreiben vor allem ihren radikalen Lebensstil der Ungebundenheit und zuletzt finden sich inzwischen auch Metadiskurse im Netz, wie etwa im Blog von Peter Hinzmann. Den Gesetzen des Internets folgt also auch diese Thematik: Viele Akteure, eine unüberschaubare Anzahl von Schauplätzen und die ständige Weiterentwicklung des Diskurses durch eine nicht zu beherrschende Informationsflut. Thomas Cooper, ein weiterer Verfechter der Mediennutzungs-Entschleunigung, würde an diesem Punkt sicherlich zu „Media Fast“, dem „Medienfasten“, raten.

Auf dem Weg zur Weltrettung?

Das beschriebene Phänomen ist sicherlich derzeit noch eines der „digitalen Elite“: Während manche Bevölkerungsgruppen und Erdteile gerade erst dabei sind, die Weiten des Netzes entdecken und seine Vorteile nutzen zu können, wenden sich einige der „frühen Eroberer“ davon schon wieder ab. Das Internet dient ihnen nur noch als ein Werkzeug zur gelungenen Lebensführung, nicht mehr als Lebensmittelpunkt oder gar Ersatzreligion. Inwiefern sich dieser Trend durchsetzen wird, muss die Zukunft zeigen. Wünschenswert wäre jedoch eine Entwicklung, die Peter Hinzmann  formuliert: „Vor allem gut […] finde ich die Tatsache, dass […] das Thema ‚Nachhaltigkeit‘ sich langsam aber sicher auch in die Gemüter von uns Normalbürgern einschleicht. […] Ich sehe durchaus einen sehr wichtigen Zusammenhang zwischen den Themen Minimalismus und ‚Nachhaltigkeit‘, bzw. dem Begriff ‚sozialer Wandel‘.“

 

Foto: Flickr/Mr Mo-Fo (CC BY-NC-ND 2.0)