„Springer-Lobby“ und „Nazi-Boom“ – das Leistungsschutzrecht

von Sebastian Seefeldt

Es war am 4. März 2012: Der Koalitionsausschuss macht erste deutliche Schritte in Richtung Leistungsschutzrecht. Kurz darauf standen – virtuell – die Straßen in Flammen. Eine Welle der Empörung und der Ungläubigkeit ging durch das Netz: Von Springer-Lobby bis hin zum NPD-Boom, wie ihn Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner (Bündis 90/Die Grünen) prognostiziert, ist die Rede. Was soll man also von diesem „Leistungsschutzrecht“ halten – und was ist das überhaupt?

Schnipsel-Krise

Viele große Verlage nehmen eine klare Pro-Leistungsschutz-Stellung ein, beispielsweise der Cheflobbyist Christoph Keese. Die immer wiederkehrenden Argumente der Verlage scheinen logisch: So genannte Snippets, also kurze Textauszüge (Schnipsel) einer Webseite, werden kommerziell von News-Aggregatoren genutzt, ohne dass die Verlage eine Gegenleistung erhalten. „Mit dem Leistungsschutzrecht wollen sich die Verleger ihre verlegerischen Investitionen in Organisation, Vermarktung, Personal und Vertrieb schützen lassen“ (sueddeutsche.de). Schwarz-Gelb reagiert: „Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Verlage im Online-Bereich nicht schlechter gestellt sein sollen als andere Werkvermittler. Deshalb sollen Hersteller von Presseerzeugnissen ein eigenes Leistungsschutzrecht für die redaktionell-technische Festlegung journalistischer Beiträge oder kleiner Teile hiervon erhalten. Gewerbliche Anbieter im Netz, wie Suchmaschinenbetreiber und News-Aggregatoren, sollen künftig für die Verbreitung von Presseerzeugnissen (wie Zeitungsartikel) im Internet ein Entgelt an die Verlage zahlen. Damit werden die Presseverlage an den Gewinnen gewerblicher Internet-Dienste beteiligt, die diese – mit der bisher unentgeltlichen – Nutzung der Verlagserzeugnisse erzielen“, so hieß es im Koalitionsausschuss am 4. März 2012. Klingt doch vernünftig – wo liegt also das Problem?

Von Igeln und Schlüsseln

In Zeiten, in denen die Zeitungsbranche mit einem ständigen Rückgang der Auflagen kämpfen muss, ist das Bestreben nach neuen Einnahmequellen doch nur eine logische Folge. Das Leistungsschutzrecht sieht hierzu eine Verwertungsgesellschaft vor, welche die Gelder einzieht und anschließend anhand eines speziellen Schlüssels an die Verlage austeilt. Dass der Normalbürger bei dem Wort „Verwertungsgesellschaft“ erst einmal zusammenzuckt, ist – GEMA sei Dank – nicht weiter verwunderlich. Der Koalitionsausschuss versprich aber „die private Nutzung von Presseerzeugnissen im Internet wird nicht vergütungspflichtig, normale User werden also nicht betroffen sein. In der gewerblichen Wirtschaft bleiben das Lesen am Bildschirm, das Speichern und der Ausdruck von Presseerzeugnissen kostenfrei“. Der Normalbürger ist also nicht betroffen? Der Schein trügt.
Der angewandte Schlüssel zur Verteilung der Einnahmen könnte eine Lawine ins Rollen bringen, deren Ausmaße sich unserer Vorstellung entziehen. Ein mögliches Zukunftsszenario der FAZ sieht im Leistungsschutzrecht den Untergang der Zeitungen. Was gewagt klingen mag, ist dennoch logisch. News Aggregatoren wie Google News sorgen dafür, dass zahlreiche User auf die Seiten der Zeitungsbranche landen, was wiederum ein Plus in den Einnahmen der Onlinewerbung zur Folge hat. Wäre demzufolge ein symbiotisches Zusammenleben, ein Geben von Usern und ein Nehmen von Werbeeinnahmen nicht die bessere Lösung?

Weiterhin fraglich bleibt der Ausschüttungsschlüssel – wer bekommt wie viel? Ein Kriterium hierfür wird sicherlich die Reichweite der jeweiligen Zeitung sein. Die 10 größten Verlage würden sich demnach knapp 60% der Einnahmen teilen, wohingegen sich viele kleine Regionalzeitungen mit dem Rest begnügen müssten. Die Folge: Die Großen werden noch größer, die Kleinen werden aufgekauft oder gehen schlichtweg bankrott. Glaubt man nun Tabea Rößner, schafft genau diese Situation den Nährboden, auf dem die NPD ihr Gedankengut säen kann.
Mittlerweile haben sich Organisationen gegen das Leistungsschutzrecht zusammengetan, beispielsweise die Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL), welche interessanterweise von Google unterstützt wird. Auf ihrer Seite findet sich eine Pro- und Kontra- Argumentation der Debatte (natürlich aus der Sicht der Kontra-Fraktion).

Netzneutralität in Gefahr

Auch die Netzneutralität und Infrastruktur scheinen gefährdet zu sein, wie Georg Nolte berichtet.

Das von den Presseverlagen geforderte Verbotsrecht in Bezug auf Snippets zielt letztlich auf ein Kernelement der Internetarchitektur, nämlich der Möglichkeit, frei zugängliche Inhalte im Internet durch die Verwendung von Hyperlinks zu vernetzen. Betroffen wären nicht nur Anbieter von Suchmaschinen, sondern jeder, der unter Zuhilfenahme kurzer Snippets auf Verlagserzeugnisse verlinkt.
[…]
Zudem würde eine Suchmaschinenbetreiber – und ggf. auch Accessprovider – treffende Vergütungspflicht zugleich in empfindlicher Weise in die Neutralität der Netzinfrastruktur eingreifen und den Grundsatz der „inhaltsneutralen Bereitstellung“ solcher Dienste in Frage stellen.[…]Diese ließe sich nicht gewährleisten, wären
derartige Dienste im Hinblick auf die Zugriffseröffnung bzw. -erleichterung Verbots- oder Zahlungsansprüchen einer bestimmten Gruppe von Contentanbietern ausgesetzt.

Gerade in Aufgaben der öffentlichen Meinungsbildung ist es fraglich, ob ein derart weitreichender Eingriff wie das Leistungsschutzrecht gerechtfertigt ist. Google und Co. haben es vorgemacht: Mit guten Inhalten kann im Internet Geld verdient werden – das Leistungsschutzgesetz sorgt allerdings für ein Verharren im alten System, statt Innovationen im journalistischen Bereich zu fördern.
Gerade für Blogger stellt das Leistungsschutzrecht eine ACTA gleichkommende Zensur da, schließlich basiert das Bloggen meist auf dem Zusammenfügen von bestehenden Inhalten. Wenn also ein Blogger eine Werbeanzeige auf seiner Seite schaltet – gilt er dann noch als Privatanbieter oder schon als gewerblich und fällt somit unter das Leistungsschutzrecht? In Anbetracht der Gier, die die großen Verlagshäuser an den Tag legen und unter den Bedingungen einer Regierung, die Wachs in den Händen der Lobbyisten zu sein scheint, ist die Antwort wohl klar: Salut Zensur und adieu freies Internet – schon wieder.

Foto: flickr/yago1.com (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/Maria Reyes-McDavis (CC BY 2.0)

Wissen und wissen lassen

von Alexander Karl

Fernsehen soll eigentlich nicht nur unterhalten, sondern auch Wissen vermitteln. Mittlerweile sind die Übergänge aber fließend: Willkommen in der Welt des boulevardisierten Wissens! Längst haben Programmformate wie „Galileo“ den Schritt gewagt. Und die Quoten geben ihnen recht.

Wissen light: Galileo

Wissen schaffend?

Dass das Fernsehen ein generell gutes Medium ist, um Wissen zu vermitteln, finden Elke Schlote und Claudia Maier: „… Fernsehen [eignet sich] mit der Vielzahl seiner Darstellungsmittel besonders gut für die Erklärung von wissenschaftlichen Zusammenhängen“. Aber wie kommen Wissensformate beim Zuschauer an? In einer Studie zum Rezeptionsverhalten wählten Schlote und Maier die Wissenschaftsmagazine „Galileo“, „Quarks & Co“ und „Mythbusters“ aus und befragten Rezipienten im Alter von 14 bis 16 Jahren. Über die Sendungen hieß es da etwa:

„HauptschülerInnen finden Mythbusters mindestens ebenso lehrreich wie Quarks & Co und besser verständlich, auch wegen des größeren Unterhaltungswerts. […] Galileo bleibt in seiner Serviceorientierung bei sehr konkreten Themen und kann so keinen fundierten Einblick liefern, wie die wissenschaftliche Beschäftigung mit komplexeren Fragestellungen funktioniert. Es wird von den Jugendlichen vor allem wegen seiner »Alltagstauglichkeit« geschätzt.“

Dieser Begriff der „Alltagstauglichkeit“ wird gerade bei Galileo in den letzten Jahren immer weiter gedreht: Manchmal wird aus der Wissens- eine Rankingshow, mit den „ungwöhnlichsten Fastfoodbuden„, dem „härtesten Feuerwerk der Welt“ oder den „Top 15-Sex-Mythen„. Ohne Zweifel: Auch hinter diesen (boulevardesken) Themen kann Wissen versteckt sein. Mit den 100-Sekunden versucht Galileo immer wieder, aktuelle Themen kurz und prägnant zu erklären und Antworten zu liefern – die Themen hierbei reichen von Wikipedia bis zum „Benzinwahnsinn„. Auch hier gilt: Ja, es sind relevante Themen, aber die Art der Aufmachung und die Thematisierung erinnert doch sehr an die (deutsche) Yellow Press. Und auch Galileos Fake-Check – vornehmlich wird dort die Echtheit von Internetvideos überprüft – ist eher Wissenschaft light als Wissen schaffend.

Die Kritik an Wissensformaten ist nicht neu. So sagte bereits 2006 der Medienkritiker Hans Hoff, dass es bald einen „Kater des Wissens“ geben werde. Auf der anderen Seite steht der Wissenschaftsjournalist Prof. Winfried Göpfert, der zwar einräumt, dass das „Fernsehen bei Bildung und Wissensvermittlung durchaus Grenzen“ habe – aber eben auch Türen öffnen kann. Er findet generell den „Boom von Wissens-TV sehr begrüßenswert“. Natürlich kann vermutet werden, dass die privaten Sender generell Wissen unterhaltsam aufbereiten müssen, um eine gute Quote einzufahren. Doch längst haben auch die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Programm dem der Privaten angepasst: So wird etwa in der HR-Sendung „Alles Wissen“ getestet, wie man 24 Stunden ohne Strom auskommen kann. Oder „W wie Wissen“ fragt, ob Insekten die neue „Super-Mahlzeit“ sind. Wäre doch eigentlich auch ein Thema für Galileo, oder?

Wissen oder Unterhaltung?

Der Medien-Monitor beäugt Galileo äußerst kritisch. Da heißt es: „Und damit das nicht mit Galileo passiert, die Sendung am Ende nicht abgesetzt wird, muss es wohl krachen, muss es spannend sein. Das ist bedenklich und führt dazu, dass die Sendung kein Wissensmagazin mehr ist.“ Aber kann überhaupt noch zwischen Wissen und Unterhaltung unterschieden werden? Und macht diese Trennung überhaupt Sinn? Wer möchte einen wissenschaftlichen Bericht über den Proteingehalt von Heuschrecken sehen oder Statistiken zur Zusammensetzung des Benzinpreises, die an Uni-Texte erinnern? Wenn es in Tests, Checks und Selbstversuchen ein wenig menschelt, sinkt der wissenschaftliche Gehalt der Kernaussage nicht per se, nur der Rahmen wird verändert. Und das ist auch gut so. Denn die Versuchung der reinen Unterhaltung liegt meist nur einen Sendeplatz entfernt. Im Fall von Galileo sind es etwa „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder „Alles was zählt“. Und ein wenig buntes Wissen ist doch besser als gar keins. Oder?

 

Foto: Tita Totaltoll / photocase.com

Praktikum bei der BILD: Ich verkaufe meine Seele… nicht!

Gleich vorne weg: Ich habe meine Seele noch, kann noch in den Spiegel schauen und mein Gewissen ist rein. Wieso denn auch nicht? Vier Wochen habe ich ein Praktikum bei BILD Berlin, drei sind vorbei. Und das Fazit ist… positiv. Sehr positiv, um genau zu sein. Warum? Da gibt es genügend Gründe.

Kony 2012

von Sebastian Luther

Am 20. April 1889 wurde Adolf Hitler im österreichischen Braunau geboren. Die NGO „Invisible Children“ (IC) hat dieses Datum für eine Geburt der anderen Art gewählt: Am 20. April 2012 soll die ganze Menschheit auf das Konterfei Joseph Konys blicken. Es wird auf den Plakaten von „KONY 2012“ zu sehen sein, in einer Reihe mit Osama bin Laden und Adolf Hitler. Und auch Kony soll nach Jahrzehnten des Terrors endlich das Handwerk gelegt werden.

Das Sichtbare

Die bedeutungsschwangere Verbindung lässt einen kurz innehalten, ein Effekt in seiner Natur wahrscheinlich ebenso von den Initiatoren intendiert, wie die symbolträchtige Konnotation der Konterfeis auf den Plakaten. Hitler und bin Laden – Ikonen des Bösen, Schaubilder, auf die wir unsere Ängste und gleichzeitig unsere Aggressionen projizieren können und die uns daran erinnern, dass Übeltäter zur Strecke gebracht werden. So soll es zweifelsohne auch mit Kony passieren. Vor 25 Jahren gründete dieser seine Miliz, die „Lord’s Resistance Army“ (LRA). Seitdem terrorisiert sie die Grenzgebiete zwischen Uganda, Südsudan und der zentralafrikanischen Republik. Es ist ein gnadenloses, perfides Vorgehen: Kinder werden dazu gezwungen, ihre Eltern zu töten, die Jungen müssen als Kindersoldaten für Kony kämpfen, die Mädchen werden zu Sexsklavinnen. Es kommt zu Massenvergewaltigungen, Morden, Brandschatzungen und anderen Verbrechen. Der Mitgründer von IC, Jason Russell, trifft 2003 in Uganda zum ersten Mal auf Jacob, der auch in seinem Video zu sehen ist. Geschockt, entsetzt von den unfassbaren Gräueltaten entschließt er sich dazu, Jacob zu helfen, Kony und die LRA zur Strecke zu bringen.

IC hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Ugandas Armee soll Kony verhaften, unterstützt durch Spendengelder und westliche Militärberater, die helfen, das Vorgehen zu koordinieren. Die US Regierung hat bereits im Oktober 2011 rund 100 Soldaten nach Uganda geschickt, um eben diesen Auftrag auszuführen. Neben der Verhaftung Konys will IC noch andere Projekte umsetzen, wie ihre Webseite verrät. So werden etwa Schulen neu gebaut, Lehrer ausgebildet und Einrichtungen unterstützt, die ehemaligen Kindersoldaten dabei helfen sollen, psychisch und physisch aus dem Krieg in ihre Familien zurückzukehren. In einem Vortrag vor dem christlichen „Liberty College“ im November 2011 spricht Russell außerdem von einem weiteren Ziel: Missionierung.

Das Unsichtbare

Seitdem das Video „Kony 2012“ vor vier Wochen bei Vimeo und vor zwei Wochen bei YouTube online gegangen ist, wurde es addiert über 100 Millionen mal gesehen (Stand: 19.3.) und hat eine hoch emotionale, binäroppositionelle Debatte losgetreten, die sich weit über die Foren, Webseiten und Social Media Plattformen des Internets erstreckt. Die Strategie der Produzenten ist aufgegangen: Kony 2012 wird jetzt schon als eines der erfolgreichsten Viral-Marketing Phänomene gewertet, die es bis heute gab. Das Prinzip von Viral Marketing ist einfach. Ein Video oder eine Webseite tritt an die Stelle einer teuren Werbekampagne. Anstatt Aufmerksamkeit durch Werbepräsenz zu akkumulieren, wird das Video ähnlich einem Virus von einem User zum nächsten weitergegeben, ohne dass kostspielige Maßnahmen zum Einsatz kommen, da der gewünschte Effekt, Verbreitung und damit Aufmerksamkeit, durch die User selbst erreicht wird. Im Fall Kony 2012 wendet sich das Blatt jedoch langsam. Nach dem anfangs überwältigendem positiven Echo und der schlagartigen Verbreitung im Netz, werden jetzt auch die Kritiker der Initiative immer mehr und lauter. Die Vorwürfe wiegen schwer: Das Video sei eindimensional und vereinfache einen komplexen Konflikt, es kämen, abgesehen von Jacob, ansonsten nur weiße Aktivisten vor, Ugandas Armee hätte sich ebenso Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht und IC bewege sich in kritischer Nähe zu evangelikalen, homophoben Organisationen und der Investmentbank JP Morgan, da Ben Keesey, der CEO von Invisible Children, früher dort gearbeitet hat. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass IC nur ein Drittel der Spendengelder nach Afrika schickt. Den Rest gibt sie für sich selbst aus, also für Gehälter und Organisation, und für die Aufmerksamkeitskampagne an sich. YouTube-Userin „slubogo“, deren Video über drei Millionen mal angeklickt wurde, wirft IC außerdem vor, das Video stelle eine veraltete Situation in Uganda dar, Kony habe sich längst zurückgezogen und sei kaum noch aktiv.

Das Offensichtliche

IC hat auf einige dieser Vorwürfe reagiert, doch eines bleibt: Auf der einen Seite ist es zwar rührend zu sehen, dass die Netzgemeinde keineswegs nur aus „slacktivists“ besteht, also denjenigen, deren Unterstützung für eine Sache sich auf das Ändern des Facebookavatars und Weiterverbreitung beläuft. Andererseits ist es erschreckend, wie viele einen Zweck unterstützen wollen, über den sie von einem einzigen Video, oder dem Material einer einzigen Organisation, informiert wurden. Es ist an dieser Stelle egal, welchen Standpunkt man IC gegenüber einnimmt, wer eine Organisation unterstützen möchte, sollte ohnehin mehr als nur deren Perspektive einnehmen. Information war noch nie so leicht verfügbar wie heute und es ist fraglich, ob der Mehrheit der Unterstützer von IC tatsächlich bewusst ist, dass sie mit ihrem Geld eine Militärintervention in Uganda unterstützen. Kony 2012 zeigt zweierlei: Erstens, wie groß die Macht der Netzgemeinde wirklich ist. Und zweitens, wie einfach sich diese für den eigenen Zweck mobilisieren lässt.

Foto: flickr/Robert Raines (CC BY-SA 2.0)

Wie das Fernsehen sich selbst abschafft

von Alexander Karl

Nein, das Fernsehen wird nicht sterben. Aber es siecht langsam dahin. Wer ist Schuld daran? Das Internet? Oder doch die Menschen, die es verpasst haben, das Internet als Chance und nicht als Fluch zu sehen?

Der Patient: Lage kritisch

„Der Zuschauer darf seine Regierung wählen, also auch sein Fernsehprogramm.  Ich wundere mich auch hin und wieder über die Wahl, aber der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.“ Dieses knackige Zitat stammt von Ex-RTL-Chef Helmut Thoma und bedeutet salopp gesagt: Ich selbst muss mein Programm nicht mögen, aber der Zuschauer. Über Jahre hinweg funktionierte das – gerade bei RTL – erstaunlich gut. Doch der Fernsehkonsument von heute ist verwöhnt. Er weiß, was er sehen will. Er hat da irgendwo auf YouTube was gesehen oder bei Facebook von gehört, vielleicht sogar bei Streaming-Plattformen geschaut. Doch das lineare TV – ohne Zeitversetzung, ohne eigene Programmplanung – ermöglicht es dem Fernsehzuschauer nicht, selbst zu wählen. Ja, er kann zappen. Aber manchmal ist das die Wahl zwischen Pest und Cholera. Um es mit Thoma zu sagen: Schon längst lechzt der Fisch nicht nur nach irgendeinem Wurm, sondern nach seinem individuellen Lieblingswurm. Und der wird ihm vom Angler einfach nicht angeboten.

Der Branchendienst DWDL.de hat eine Vielzahl von Punkten zusammengefasst, bei denen es im Fernsehen krankt: Mutlosigkeit, der Blick auf Marktanalysen und ins Ausland (was übrigens an den Buchmarkt erinnert). Innovation? Nein, danke. Jüngstes Beispiel: „Gottschalk live“. Der große Entertainer erreicht mittlerweile nur noch knapp 1,2 Millionen Zuschauer. Die Reaktion: Raus aus Facebook, raus mit der Redaktion, rein mit dem Live-Publikum und einem Sidekick. DWDL.de führt die Absurdität der Fernsehbranche vor Augen:

Mehrere TV-Produzenten geben ihre in Deutschland entwickelten Ideen inzwischen im Zweifel an ihre britischen Mutterhäuser ab, die diese dann umsetzen. Und mit dem Label des „erfolgreichen britischen Formats“ kauft es dann schon irgendwann jemand in Deutschland.

Ja, natürlich gibt es auch die berühmte Ausnahme – in diesem Fall Danni Lowinsky. Die erfolgreiche Comedy-Serie schaffte den Sprung in die USA. Aber wie gesagt: Ein Einzelfall. Denn ansonsten ist das deutsche Fernsehen eine große Version von „stern TV„: eine „Wundertüte“ mit „Tiere, Kinder, Kochen.“ Gut, die Kinder findet man mittlerweile primär bei der „Super Nanny“ (in Zukunft wohl ohne Katja Saalfrank) oder in den zahllosen Scripted Reality-Formaten. Tiere werden gefühlt weniger, während das Kochen immer beliebter wird. Bestes Beispiel: Das perfekte Dinner  – noch immer ein Quotenhit.

Was tun?

Nach dem Rieplschen Gesetz wird das Fernsehen nicht sterben. Es ist wahrscheinlich, dass noch immer Menschen fernsehen wollen, genauso, wie es Tageszeitungsleser oder Buchkonsumenten geben wird. Aber sollte man nicht vielleicht trotzdem versuchen, dem Medium einen letzten Dienst zu erweisen und es zu retten versuchen?

Die Schritte dazu wären gar nicht mal so schwer: Eine Überlegung wäre die Möglichkeit des interaktiven Fernsehens. Beispielsweise die Möglichkeit, dargestellte Produkte sofort kaufen zu können. Etwa Carrie Bradshaws Kleider oder Manolo Blahniks. Oder ein wenig mehr Kreativität zu wagen! Jüngst kauften US-Sender zehn israelische Serien ein – weil sie frisch und kreativ waren. Es sind nämlich nicht immer nur die amerikanischen Studios, denen die glorreichen Ideen zufliegen. Bekannte Beispiele sind etwa die Adaption von „The Voice“ aus den Niederlanden oder „Queer as Folk“ aus England.

Und natürlich  – endlich! – den Weg ins Internet zu finden. Ich möchte die Nachrichten – egal auf welchem Sender – online sehen können, sobald sie im TV ausgestrahlt werden. Nicht nur entweder im Livestream oder eine Stunde später. Ich möchte in Deutschland ein ähnliches Programm wie hulu.com haben, in dem ich legal alle aktuellen Serien schauen kann. Denn die deutsche Streaming-Mentalität liegt oftmals daran, dass es die einzige Chance ist, die gewünschte Serie im Internet zu schauen. Und bis die gemeinsame Mediathek von RTL und ProSieben-Sat1 kommt, wird es anscheinend noch dauern.

Das sind die Würmer, die mir als Fisch schmecken. Aber die Angler weigern sich beharrlich, mich damit zu ködern.

Foto: flickr/Funky64 (www.lucarossato.com) (CC BY-NC-ND 2.0),  photocase.com/ Tita Totaltoll

Talk talk talk – ein Format feiert Geburtstag

von Pascal Thiel

Wir machen heute eine so genannte Talkshow. Was sie ist, das wissen Sie nicht – und wir auch nicht so genau. Denken Sie nicht, dass eine Talkshow das Gegenteil einer Nachtshow ist; Talk kommt von ‚to talk’, reden, das Ganze ist also eine Rederei.“ Dietmar Schönherr in der Anmoderation zur ersten deutschen Talkshow am 18. März 1973

Die Talkshow – ein Fernseh-Dino

Als vor 39 Jahren im Westdeutschen Rundfunk die erste Talkshow im deutschen Fernsehen mit dem Namen „Je später der Abend“ über die Bildschirme flimmerte, hätte der wahrscheinlich erste deutsche „Showmaster“ Dietmar Schönherr wohl kaum gedacht, dass sich dieses Format zu einem elementaren Bestandteil des deutschen (zunächst öffentlich-rechtlichen) Fernsehens entwickeln würde. Und tatsächlich erlebte die Talkshow – ein US-Import – in den Folgejahren einen regelrechten Boom, der bis heute anhält. Die Palette, die sich im Laufe der letzten fast 40 Jahre entwickelt hat, ist – mancher mag bemerken, im Gegensatz zur heutigen Talkshowlandschaft in Deutschland – durchaus vielfältig. Da gab es Talkshows, die aufgrund Quotenschwäche innerhalb kürzester Zeit wieder eingestellt wurden, Talkshow-Dinos, die uns noch heute unterhalten, welche, die Skandale produzierten und solche, die Geschichte schrieben.

Vor allem politische Talkshows erfreuen sich in der Gegenwart großer Beliebtheit: Quer durch die Woche begegnet man ihnen, gerade in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Kein Tag vergeht ohne eine neue Runde: montags beehrt uns die ARD mit Hart aber Fair, dienstags sind wir bei Maischberger, mittwochs bei Anne Will, donnerstags in Beckmanns Wohnzimmer und sonntags in Günther Jauchs gläsernen Ufo. Das ZDF präsentiert sich donnerstags mit maybritt illner. Aber auch die „klassische“ Talkshow, die eher unpolitisch ist, ist im Spektrum vertreten: von Montag bzw. Dienstag bis Donnerstag im Vorabendprogramm der ARD Thomas Gottschalk und spät abends Markus Lanz im ZDF. Und ist man an den beiden noch verbleibenden Wochentagen einsam, so kann man freitags mit dem Nachtcafé oder 3 nach 9 in den Schlaf finden und samstags mit Frank Elstners Menschen der Woche bewundern.

Auch die Privaten setzten lange Zeit auf Talk: Von „Vera am Mittag“ bis „Hans Meiser“ sehr klassisch kontrovers, aber politisch („Talk im Turm“). Aktuell gibt es aber auf Sat. 1 nur die Talkshow-Verteranin Britt und als politischen Talk „1 gegen 1“.

 „Talk-Shows leben von Prominenten, die wie abgenutzte Wanderpokale herumgereicht werden.“

Es wird deutlich: Ein Mangel an „Redereien“, wie Dietmar Schönherr das Format nannte, gibt es im gegenwärtigen deutschen Fernsehen nicht. Hat man Glück, so kann man sich zu einzelnen – zumeist politischen und gesellschaftlichen – Themen täglich neue Einschätzungen von Politikern, Prominenten und solchen, die sich dafür halten, einholen, um das persönliche Meinungspuzzle weiter zusammenzufügen. Bei all dem Spott: Es darf nicht vergessen werden, dass die Medien eine herausragende Funktion in der politischen Meinungs-und Willensbildung des Einzelnen haben. Diese Funktion übernehmen unter anderem auch Talkshows, vor allem Polittalks. Sie dienen einerseits als Bühne für Politiker und ihren Botschaften, andererseits – und das ist die zentrale Funktion – als Forum für Diskussionen bezüglich des politischen Tagesgeschehens. Letzteres gilt als eine Grundlage zwischenmenschlicher Kommunikation über politische Themen. Da dieses Angebot von nicht wenigen Menschen angenommen wird, erwächst daraus eine gewisse Verantwortung für die Talkshows, da sie meinungsbildend und gegebenenfalls auch beeinflussend wirken können.

 Wo steht die Talkshow heute?

Um nicht in einem Sumpf inhaltlicher und formaler Konvergenz zu versinken, hat sich das „Mutterformat“ im Laufe der Jahre in verschiedene Richtungen ausdifferenziert. Dabei spielen wie im Auszug aus dem Fernsehprogramm oben ersichtlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor allem „Debattenshows“ (vor allem der Polittalk) und „Personality-Shows“ (wie etwa Menschen der Woche) eine wichtige Rolle, wobei sich diese beiden Formen nicht selten miteinander vermischen. Zudem gibt es immer wieder Vorstöße, neue, bahnbrechende Modelle zu präsentieren, die alles bisher Gesehene in den Schatten stellen – ein aktuelles Beispiel: Roche und Böhmermann auf ZDFkultur, eine laut Senderinformationen „Talkshow ganz im Stil des frühen Fernsehens, nur neu gemacht.“ Hier trifft man auf Themen, die nicht unbedingt bei Markus Lanz besprochen werden, auf zwei Moderatoren, die sich parteiisch in die – falls vorhandene – Diskussion einmischen, es wird geraucht und getrunken. Viel Neues, vor allem Verrücktes, dennoch erinnert das Muster doch sehr an herkömmliche Talkshows.

Die Zeit, da immer neue Talkshows wie Unkraut aus unserer Fernsehlandschaft sproßen , ist vorbei. Trotz eines halbwegs etablierten Spektrums, das uns Woche für Woche begleitet, fragt man sich schnell, ob nicht auch hier weniger mehr ist. Man möchte dem wohl gerne zustimmen, dominiert gerade einmal wieder ein Thema alle Sendungen. Und ebenso möchte man sich gegen diese Auffassung stellen, wenn man die Vielfalt der Themen erlebt, die für jeden etwas Interessantes, vielleicht auch Relevantes, enthalten mag.

Zum Geburtstag hier ein „Best of“-Talkshow:

Foto: photocase.de / misterQM

Rabatt oder Rabatz! Wie Buchketten die Preise drücken.

von Alexander Karl

Thalia, Hugendubel, Amazon – ein Paradies für Leser. Jede Menge Bücher, die gekauft und gelesen werden wollen. Doch das riesige Angebot hat auch seine Schattenseiten: Die Verlage ächzen unter den Rabattforderungen der Buchketten und Online-Händler.

Das Prinzip Thalia

Die kleine Buchhandlung an der Ecke – eine Seltenheit.

Es wird viel geredet – aber nur hinter vorgehaltener Hand. Verlage schweigen öffentlich zu dem Druck, der von großen Buchhandelsketten aus sie ausgeübt wird. Denn wer nicht spurt, fliegt. Und das hat Folgen. Wer nicht in den Thalia- oder Hugendubel-Filialen präsent ist, verkauft deutlich weniger Bücher. Der Umsatz der beiden großen deutschen Buchketten steigt langsam aber sicher an die 1 Milliarde Euro-Marke. Andere Ketten und gar die kleine Buchhandlung um die Ecke können davon nur träumen. Natürlich weiß Thalia um die Bedeutung der eigenen Kette für die Verlage – und drückt die Preise.

Zwar gibt es in Deutschland eine Buchpreisbindung, durch die Kunden deutschlandweit einen einheitlichen Preis zahlen. Doch seit jeher verkaufen Verlage Bücher an Buchhandlungen mit Rabatt, früher lag dieser bei 30-40 Prozent. Damit waren alle Seiten glücklich und konnten überleben. Doch die Big-Player fordern schon lange 50 Prozent oder noch ein bisschen mehr. Eigentlich geht nicht mehr als 50 Prozent, dann schlägt das Kartellamt Alarm. Also werden mehr Freiexemplare oder andere versteckte Rabatte gefordert – und die Verlage stimmen zähneknischend zu. Oder lehnen ab.

Doch das Ablehnen hat zur Folge, das die Verlage ausgelistet werden. Das bedeutet, dass man nicht im Thalia-Sortiment der Filialen zu finden ist. Nicht im Regal, auf keinem Sonderposten, nirgends. Außer, ein Kunde verlangt explizit das Buch, dann kann es bestellt werden.

Damit aber nicht genug: Will man bei Thalia den Titel „Buch des Monats“ tragen, kostet das den Verlag 50 000 Euro extra. Im Weihnachtsprospekt abgedruckt werden? Mit etwa 15 000 Euro ist man dabei. Große Verlage können sich solche Späße vielleicht noch leisten. Aber mittlere und kleinere Verlage haben dafür nicht den finanziellen Spielraum. Daher ist es doch eigentlich gut, wenn es Amazon gibt. Immerhin gibt es da – anders als in der Thalia-Filiale – keine physische Platzgrenze. Der long tail macht’s möglich.

Aber falsch gedacht: Auch Amazon drückt die Rabatte.

Amazon in der Rabattschlacht

Vor Kurzem hieß es in der US-Buchbranche, dass Amazon (mal wieder) die Rabatte drücken will – ohne, dass konkrete Zahlen genannt werden. Buchreport.de erinnert dabei an vorangegangene Episoden, in denen Amazon den Unmut der Branche auf sich zog:

  • An das Frühjahr 2004, als Amazon sämtliche Diogenes-Titel auslistete, weil die Schweizer den Forderungen des Marktführers nicht folgen wollte;
  • an das Jahr 2007, in dem die Münchner, im Zwist mit den Musiklabels mitten im Weihnachtsgeschäft fast alle Top-100-Titel von Sony BMG und Warner Music für mehrere Tage aus dem Programm nahmen;
  • an das Jahr 2008 als Amazon.co.uk alle Titel von Hachette Livre UK auslistete
  • oder an das Jahr 2010, als Amazon laut „New York Times“ zeitweise die Macmillan-Titel aus dem Sortiment nahm, um seine 9,99-Dollar-Preise durchzudrücken.

So schön die Möglichkeit des grenzenlosen und vielfältigen Einkaufens online wie offline auch sein mag: Durch die atronomischen Rabattforderungen der großen Ketten werden die Margen der Verlage immer kleiner und es bleibt weniger Spielraum für Innovationen und Wagnisse.

Wie schwer es ist, neben Thalia und Co. zu bestehen, zeigt das Video einer kleinen Buchhandlung aus Kassel:

 

Foto: flickr/MorBCN (CC BY-NC-SA 2.0)

Der Freund eines Freundes hat erzählt…

von Sebastian Luther

Vor kurzem hat mir ein Freund tatsächlich eine Geschichte vom Freund eines Freundes erzählt. Er wurde nachts von der Polizei angehalten und ermahnt, er sei zu schnell gefahren. Sein sturztrunkener Beifahrer soll daraufhin ins Handschuhfach den Befehl geschrien haben, dass der Maschinenraum weniger Kohlen nachlegen soll. Bald darauf hörte ich die Geschichte ein weiteres Mal an anderer Stelle, was mich misstrauisch werden ließ. Der Blick ins Internet durch die Suchmaschinenbrille klärte mich schnell über die wahren Gegebenheiten auf.

Münzen, Spinnen und geklaute Nieren

Es handelt sich um eine moderne Sage, einen „urban myth“. So steht sie etwa auf der Webseite german-bash.org, auf der im Dezember 2009 ein Chatprotokoll gepostet wurde, das genau die selbe Geschichte erzählt und mittlerweile stolze 3000 Facebook-Daumen hat. Der ein oder andere geneigte Leser mag sie also auch schon einmal gehört haben. Von urbanen Legenden gibt es wahrscheinlich tausende, von denen es einige sogar in die Zeitungen schaffen. Die britische Zeitung „Sunday Mercury“ druckte im Dezember 2000 die Meldung von George Turklebaum, der fünf Tage lang tot am Schreibtisch in seinem New Yorker Büro gesessen haben soll, ohne dass es jemandem auffiel. Im Herbst 2001 tauchten Geschichten vom „dankbaren Araber“ im Netz auf, der den Finder seiner verloren gegangen Brieftasche eindringlich davor gewarnt haben soll, in den nächsten Tagen ein Flugzeug zu besteigen. Vor dem Oktoberfest 2009 wurde der Mythos in abgeänderter Form wieder erzählt, diesmal mit der Warnung, das Oktoberfest nicht zu besuchen. Auch bekannt sind die Geschichten von Geldstücken, die vom Empire State Building fallen und Menschen erschlagen, von Überfällen mit Betäubungsmittel, um Opfern die Nieren zu entnehmen, oder einfach nur, dass wir im Laufe unseres Lebens acht Spinnen im Schlaf verschlucken. Oder?

FOAF-Tales

Gemeinsam haben diese Geschichten, dass sie oft in leicht abgewandelter Version erzählt werden und deren vermeintlich zuverlässige Quelle meist der „Freund eines Freundes“(Friend Of A Friend) ist, der die Geschichte erlebt/gesehen/gehört haben soll. Im Kern eines urbanen Mythos steckt zudem oft eine moralische Botschaft, weshalb sie sich Menschen entweder zu Herzen nehmen, oder weiterzählen, um anderen zu helfen. So nähern sie sich stark einer anderen Gattung von Geschichten an, um deren Wahrheitsgehalt wir wesentlich besser Bescheid wissen: den Märchen. Was Digital Natives aber wohl kaum noch vom Bildschirm aufblicken lässt, konnte vor ein paar hundert Jahren die Menschen noch in Angst und Schrecken versetzen, da noch kaum einer Kannibalen, gefährliche Raubtiere oder ferne Länder gesehen hatte und Sagen über sie nicht bestätigt oder widerlegt werden konnten. An solchen Sagen manifestiert sich damals wie heute die Sehnsucht, dem eigenen Kulturkreis zu entfliehen, Faszinierendes zu erleben, terra incognita zu betreten. Heute ist die placebohafte Erfüllung, als natürlicher Feind der Sehnsucht, nur ein paar Mausklicks entfernt, weshalb sich an urbanen Legenden neben viel Unsinn, Befürchtungen oder Hoffnungen vermutlich auch eine Art Meta-Sehnsucht, eine Sehnsucht nach der Sehnsucht, widerspiegelt. Wir wollen verführt werden, wir wollen etwas glauben und wir wollen es nicht sofort googlen können. In diesem Sinne kann man die Position des amerikanischen Professors Jan Brunvand verstehen, der urbane Legenden jahrelang erforscht hat und ihnen einen ähnlich hohen Stellenwert wie Märchen in unserer Gesellschaft einräumt. Auf dessen Webseite findet sich neben einem interessanten FAQ auch der Link zur Seite http://www.snopes.com/, auf der sich unzählige Mythen finden. Wer also demnächst eine Geschichte erzählen will, die er vom Freund eines Freundes gehört hat…

Foto: flickr/ infomatique (CC BY-SA 2.0)

Homo-Hass im Web

von Alexander Karl

Das Internet bietet viele Möglichkeiten, seine Meinung kund zu tun. Kritisch wird es dann, wenn (Rand-)Gruppen diskriminiert werden. Gerade Homosexualität gilt noch immer als Tabu und sorgt im Internet für Wirbel. Wie weit darf die freie Meinungsäußerung gehen?

Homo-Hass online

„It gets better“ soll LGBT Mut machen.

Unter dem Motto „NEVER confuse HATE speech with free speech – HATE SPEECH KILLS !“ macht Wipeout homophobia on Facebook (WHOF) auf ein grundlegendes Problem des Internets – und gerade Facebook – aufmerksam: Dort, wo die freie Meinung erlaubt ist, wird ihr oftmals keine Grenze gesetzt. Dies geht bis hin zur Diskriminierung. Kevin ‚Kel‘ O’Neil, Gründer von WHOF, suchte 2010 nach schwulen Gruppen bei Facebook und stieß auf zwei Hater-Gruppen. „I decided to“report“ both pages. Hate speech is illegal in most of the free world and is also against Facebook’s own terms of use“, so O’Neil. Daraufhin wurde die WHOF-Seite auf Facebook gegründet. Regelmäßig wird sich für die Rechte von Homosexuellen in den USA eingesetzt oder über neue Projekte berichtet. Mittlerweile hat die Fan-Seite von WHOF bei Facebook rund 340.000 Mitglieder.

Doch nicht nur werden immer wieder homophobe Seiten und Gruppen gegründet, auch in Kommentaren werden (vermeintliche) Schwule diskreditiert. Facebook ist da längst kein Einzelfall. Ebenso wird bei YouTube Schwulenhass zur Schau gestellt und immer wieder werden die Betreiber der Seiten kritisiert, weil die Löschung zu lange dauert.

Dass dieses Problem kein rein US-amerikanischen ist, zeigt das Beispiel Viva: Der Musiksender postete auf seiner Facebook-Seite ein Bild von Bill Kaulitz‘ (Tokio Hotel) neuer Frisur. Die Reaktion der User schockierte die Redaktion: „Die darauffolgende Stunde waren unsere Redakteure damit beschäftigt, hunderte schwulenfeindliche und diskriminierende Kommentare unter dem Beitrag zu löschen.“ In einem Blogbeitrag der Redaktion erteilte Viva Homophobie eine Absage:

Wir fragen uns: Was ist da los? In der heutigen Zeit, in unserer Generation, bei all dem kulturellen und politischen Fortschritt wundern wir uns darüber, dass es immer noch so viele Jugendliche gibt, die über das Thema Homosexualität nicht hinreichend aufgeklärt sind und deswegen so engstirnig und herablassend damit umgehen.

[…]

Unser Fazit: “Schwul“ ist keine Beleidigung und sollte als solche auch nicht verwendet werden!
Um dem Thema noch mehr Ausdruck zu verleihen, haben wir hier einige Gay Pride Bilder und Musikvideos für Euch gesammelt und erklären Euch mehr zu „Gay Pride“ und „LGBT“:

Aufklärung und Hilfe 2.0

Vivas Antwort auf die Kommentare kann nur vorbildlich genannt werden. Denn die offene Auseinandersetzung mit Homosexualität kann nämlich auch durch das Netz vorangetrieben werden. So gibt es etwa das Projekt „It gets better„, in dem vom Promi bis hin zum Jungen von nebenan jeder der Online-Welt Mut machen kann, sich zu outen. Auch Mitarbeiter von Facebook zeigten Flagge:

In Deutschland gibt es ein ähnliches Portal: „Du bist nicht allein„. Dort soll gerade jungen Schwulen ermöglicht werden, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und einen Weg zu finden, mit seiner Sexualität umzugehen. Gleichzeitig verbreiten sich homophobe Aussagen im Web wie ein Lauffeuer – das musste in letzten Jahr auch der Ex-Formel-1-Fahrer Niki Lauda merken, als seine homophoben Aussagen einen Proteststurm hervorriefen. Und auch Facebook will nun gemeinsam mit der US-Organisation GLAAD dafür sorgen, dass im Netz weniger diskriminiert wird.

 

Foto: flickr/nettsu (CC BY-NC-ND 2.0)

Der ewige Bundespräsident – zumindest bei Facebook

von Alexander Karl

Eigentlich müsste das Thema Wulff langsam einmal langweilig werden. Denn nach dem Zapfenstreich, der auch wieder für Wirbel sorgte, könnte es eigentlich ruhig um den Ex-Bundespräsidenten werden.

Aber eine Frage bleibt: Warum ist Wulff bei Facebook noch immer Bundespräsident (Stand: 10.März 2012, 17.33 Uhr)?

Der letzte Post auf der Fanpage von Wulff – die übrigens www.facebook.com/Christian.Wulff.Bundespraesident ist – ist zwar vom 14. Februar. Doch seitdem scheint niemand in den Sinn gekommen zu sein, Wulffs Info-Seite zu aktualisieren. Sprich: Ihn zum Bundespräsidenten a.D. zu küren, der er nun einmal mittlerweile ist. Auf der offiziellen Homepage des Bundespräsidenten heißt er übrigens bereits „Bundespräsident a.D. Christian Wulff“.

Rückblick: Wulffs Facebook-Seite wurde in der Vergangenheit von Usern/Bürgern genutzt, um ihn zum Rücktritt aufzufordern.

 

Foto: Screenshot Facebook.de (10.03.2012)