„Basically a Story Teller“ – Eine Lesung von und mit Kiran Nagarkar

von Sandra Fuhrmann

„I’ve no idea what you guys brought here. You should be watching a movie or something.“ Nun, sicher hätte man das auch tun können. In diesem Fall wäre man jedoch nicht in den Genuss von Kiran Kagarkars einzigartigem Humor gekommen.

Außerdem konnte man neugierig sein auf einen Roman, nach dessen erster Vorstellung sich vier von Kiran Nagarkars ältesten Freunden für mehrere Monate weigerten, mit ihm zu sprechen. The Extras, auf Deutsch Die Statisten ist der neueste Roman des bekannten indischen Schriftstellers. Am Mittwoch stellte der Autor ihn und seinen vorhergehenden Roman God’s little Soldier auf einer Lesung an der Universität Tübingen vor.

A man of bizarre mixtures

1942 in Bombay geboren, wuchs er in einer Familie auf, die er selbst als „poor and westernized“ beschreibt. Er nennt es: „A bizarre mixture for indian circumstances“.

Sein erstes Buch Sieben mal sechs ist dreiundvierzig veröffentlichte er bereits 1974. Der Roman enthält drei verschiedene Sprachen: Marathi, Hindi und Englisch. Die deutsche Übersetzung erschien erst über drei Jahrzehnte später, im Jahr 2007.  Seitdem genießt Nagarkar auch in Deutschland großes Ansehen, 2008 gehörten Nagarkars Bücher zu den meist besprochenen der Frankfurter Buchmesse. Erst kürzlich, im November diesen Jahres, wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. In Indien erhielt er bereits früher Auszeichnungen, wie zum Beispiel den Sahitya Akademi Award, der als die höchste Auszeichnung für Literatur in Indien gilt.

Not someone like Charles Dickens

Hört man Nagarkar reden, wird einem bald klar, dass dieser Mann eine ganz spezielle Art von Humor besitzt. Immer wieder weiß er während des Vortrags die Zuhörer zum Lachen zu bringen. In seinen Roman nutzt Nagarkar diesen Humor, um mit einem zwinkernden und einem kritischen Auge einen Blick hinter die Kulissen gesellschaftlicher Themen zu werfen. Er selbst hofft vor allem, dass seine Bücher sehr, sehr lustig sind, schließt dabei jedoch nicht aus, dass ein lustiges Buch auch seine ernsten Seiten haben kann. Auf eine Frage aus dem Publikum, ob es sein Ziel sei, durch seine Romane etwas in der Gesellschaft zu bewegen oder ihr einen Spiegel vorzuhalten, antwortet er jedoch: „I don’t see myself as someone like Charles Dickens who brought change to the people. I’m basically a story teller.“

 „…laughing at my own passages“

Und liest Nagarkar dann aus seinen Büchern, wird allein an seiner lebendigen Erzählweise deutlich: Es macht ihm Spaß, Menschen Freude zu bereiten. „I’ve been cought laughing at my own passages“, gesteht er, nachdem er mit einer Passage aus Die Statisten gelesen hat.

„If you want to learn something about India, better learn about the food and better learn about the films.“ Die Geschichte von The Extras spielt in den 60er,  70er und teilweise in den 80er Jahren. Die beiden Protagonisten Eddie und Ravan versuchen dabei alles, um in der Welt Bollywoods Fuß zu fassen und Filmstars zu werden. Nagarkar greift damit ein tatsächlich sehr reales Phänomen der indischen Gesellschaft auf.

Die Zahl, der jungen Menschen, die ins Filmgeschäft einsteigen wollen, schätzt er auf 75 bis 80 Prozent. „Without any exageration there are murders taking place. Young men and women will do almost anything to get roles.“ Auch sexuelle Gefälligkeiten sind da keine Ausnahme. Und so hat Nagarkar auch die Lacher auf seiner Seite, als er einen Textauszug vorließt, in der sich Eddie beim Arzt den Folgen einer solchen Gefälligkeit stellen muss. Eddie findet sich dabei in einer höchst peinlichen Situation wieder. Zu seinem Schrecken entdeckt er, dass nicht nur der Arzt, sondern auch Studenten und natürlich Studentinnen im selben Alter wie er selbst bei der Untersuchung seines Intimsten zugegen sein werden. Jeder kommt beim Untersuchen mal an die Reihe und jeder darf Fragen stellen. Auch Eddies Beteuerungen gegenüber dem Arzt, er habe weder mit Frauen, noch mit Männern intime Beziehungen gepflegt – schließlich sei er nicht verheiratet und somit noch Jungfrau – nutzen da nichts mehr.

Wir, die Statisten

„As I came to finish the book I realized that The Extras is very, very close to my understading of what most of us are.“ 99 Prozent von uns, so Nagarkars Erklärung, spielen im Weltgeschehen keine bedeutende Rolle, sind unsichtbar für die Großen dieser Welt. Wir sind Statisten und spielen unsere Rollen als ein Teil des großen Ganzen – ohne dabei jedoch tatsächlich gesehen zu werden.

Im Laufe seiner Schriftstellerkarriere stellte Nagarkar fest: Nicht alle Bücher funktionieren in allen Ländern gleich. Ein solches Buch ist God’s Little Soldier. „It worked for some people in India, it worked far better here.“

Selbst wenn Nagarkar, wie hier, über ernste Themen wie Extremismus und Fundamentalismus schreibt, schafft er es dabei noch immer irgendwie seinen Zuhörern ein Lachen aufs Gesicht zu zaubern, während seine Hauptfigur eine doch eher ungewöhnliche Diskussion mit Gott selbst führt.

Nagarkars heimlicher Wunsch: „That some terrific music composer would give the music to the writing of Kabir. And the music would be so terrific, that the Taliban and the Hindu fundamentalists would have no option but to dance like dervishes.“

 

Am Donnerstag bildete Kiran Nagarkar mit seinem Vortrag „God bothering“ den Auftakt zur Konferenz „Religion als Kunst? Ihre Spiegelungen in Film und Literatur“. Der Audio-Stream zum Vortrag sowie ein gefilmtes Interview mit dem Schriftsteller wurden von Campus TV aufgenommen und werden hier in Kürze zur Verfügung stehen.

 

Fotos: Copyright Sandra Fuhrmann

 

„Es ist eine riesen Bock-Sache.“ Die LYME im Interview

von Sebastian Luther

LYME, das ist ein neues Magazin, das von Studenten in Tübingen auf die Beine gestellt wurde und demnächst an bestimmten, noch geheimen Orten ausliegen wird, kostenlos. Um was geht es? Wer steckt dahinter? media-bubble.de hat sich mit den Redaktionsmitgliedern Tobias Tullius und Fabian Federl getroffen. Dabei war auch Autorin Anna Tiefenbacher . Zusammen mit den dreien will media-bubble.de ein wenig Licht ins geheimnisvolle Dunkel bringen.

 

[mb]  In eurem Editorial steht, dass ihr „interessante, kurzweilige und genreübergreifende Unterhaltung“ bieten wollt. Was heißt das?

Fabian Wir wollen ein Unterhaltungsmagazin sein, das man überall lesen kann. Beim Warten vor dem Prüfungsamt, an der Bushaltestelle, zuhause in der WG… Unterhaltung einfach. Wir wollen auch kein Musik-, Skate- oder Reisemagazin sein, sondern eine gute Mischung.

Tobias Wie dieses Gefühl, wenn man sich bei einem guten Wikipediaartikel ein bisschen Wissen anliest. Das wollten wir auch erreichen.

Anna Informative Unterhaltung.

Tobias Ja, genau. Im Grunde ist das Ganze nur eine riesen Bock-Sache.

Fabian Es ging darum, ein Magazin zu machen, das man selbst auch gerne lesen würde. Das war der Qualitätskompass. In der ersten Ausgabe wollten wir einfach unser Ding durchziehen, worauf wir eben Lust haben. Wir hatten auch Anfragen von anderen, ob sie mitmachen dürfen. Beim nächsten Mal, ja klar! Und wenn uns in Zukunft jemand eine coole Geschichte zuschickt, dann wird die gedruckt.

[mb]  Bleiben wir noch kurz beim Editorial. Da schließt ihr ja auch vieles aus, wie Fabian bereits gesagt hat. Ihr schreibt, dass Ihr eigentlich kein Magazin seid. Aber was seid Ihr?

Tobias Ich bin ein großer Gegner von Situationsdefinitionen. Man kann es Magazin nennen, weil es gebunden ist und Seiten hat, aber das war es auch schon. Wir hatten Spaß beim Machen und haben Spaß beim Lesen und hoffen, dass das die Leute auch haben, aber wenn nicht, ist es auch ok. Das meinen wir damit, wenn wir im Editorial schreiben, dass wir ein Spielzeug sind. Das kann man mal in die Hand nehmen und benutzen, aber auch einfach wieder weglegen. Wenn es die Busfahrt verkürzt, super! Und wenn es in der WG Küche unter dem Tischbein steckt, auch gut.

[mb]  Ein großer Teil eurer ersten Ausgabe hat mehr oder weniger direkt was mit Sex zu tun. Ist das nicht eigentlich der Bereich der Neon?

Fabian Warum sollte das der Bereich eines einzigen Magazins sein? Auto Motor Sport ist auch nicht die einzige Zeitschrift, die über Autos schreibt.

Tobias Wenn es für gute Geschichten sorgt, dann tut es das. Wenn die Spaß machen beim Lesen, warum nicht? Dann drucken wir die ab. Wir haben ja kein Eifersuchtsdrama, oder ein Liebes-Quiz, oder so etwas.

Fabian Solche typischen Sachen wollen wir auch überhaupt nicht machen, im Sinne von „Woran erkennst du, dass blabla so und so was heißt?“. Außerdem haben wir gar nicht so viel Sex drin.

Anna Na, es ist schon viel.

[mb] Seid ihr zufrieden?

Tobias Bisher? Klar!

Fabian Auf jeden Fall! Wir haben angefangen, wir wollten 500 Stück machen und jetzt sind es 2500 geworden.

Tobias Wir haben das mal ausgerechnet vorher und wollten gucken, wie viel wir zusammen kriegen. 500 klang für uns realistisch und diese Zahl haben wir dann angepeilt.

Fabian Wir haben auch nicht erwartet, dass wir so viel interessante Leute dafür kriegen. Dass wir jetzt fuckyouvermuch und Samy Deluxe im Heft haben, das hätte ich nicht erwartet.

[mb]  Woher kam ursprünglich die Idee? Seid ihr eines morgens aufgewacht und die Idee war da?

Tobias Es war ein kurzer Prozess, aber es war nicht im Bett.

Fabian Also, es hat damit angefangen, dass ich Borreliose bekommen habe und mein Knie nicht bewegen konnte. Ich durfte keinen Alkohol trinken und durfte auch nicht in die Sonne…

Anna … und das war letzten Sommer…

Fabian …ja, ich war dann in meinem kleinen Kämmerchen zuhause.

Tobias Dann sind Fabi und ich viel abgehangen und wir haben uns überlegt „Wir brauchen ein Projekt“ ansonsten langweilen wir uns vier Wochen lang. Fabi kann schreiben, ich kann fotografieren, machen wir doch einfach ein Magazin. Dann haben wir das gemacht, haben uns abendelang zusammengesetzt und uns durch die Saftauswahl unseres Supermarkt getrunken und nach einer Woche war die erste Version schon fertig. Dann hatten wir das Magazin schon gemacht und wollten es dann auch nicht in die Ecke legen. Und weil die Krankheit Lyme Borreliose heißt, heißt das Magazin jetzt auch Lyme. Das hatten wir so nach zwei Wochen fertig, aber das endgültige Magazin hat dann schon ein paar Monate gedauert.

Tobias Vor allem in der Endphase saßen wir täglich acht Stunden zusammen und haben nur Kleinigkeiten ausgebessert, Layout, Kommasetzung, solche Dinge eben.

 [mb]  Aber mit dem Prototyp, den ihr nach zwei Wochen hattet, seid Ihr auf Sponsorensuche? 

Tobias Genau. Die Grundideen für die Artikel sind die gleichen geblieben, aber wir haben das Ganze noch verfeinert.

Fabian Man muss auch dazu sagen, dass es so was in Tübingen noch nicht gegeben hat. In anderen Studentenstädten gibt es das eben schon und es passt auch zu Tübingen. Viele Leute, die wir vorher gefragt haben, meinten, dass es eine coole Idee sei.

Tobias Ja, Tübingen ist der perfekte Nährboden. Zehn Plakate and zehn wichtige Stellen und die ganze Stadt ist informiert. Jetzt schauen wir einfach mal, wie es ankommt. Finanzierung steht, Druck auch und was die Leute sagen werden, merken wir dann schon.

 [mb]  Ihr seid umsonst. Wieso?

Fabian Wir sind für immer umsonst.

Tobias Würdest du für etwas Geld ausgeben, dass du nicht kennst? Nicht bevor du von der Qualität überzeugt bist. Wenn wir überhaupt wollen, dass es ankommt, muss es schon kostenlos sein. Und über kostenlose Dinge freut man sich eh mehr, als über kostenpflichtige. Wir auch.

 [mb]  Auch nicht, wenn ihr in die Zukunft schielt? 

Tobias Wir gucken erst mal gar nicht in die Zukunft. 

Anna Mit Werbung hat das jetzt für die erste Ausgabe gut funktioniert. 

Fabian Damit kann man ein tolles Magazin machen. Die Werbung ist halt nicht so hübsch, aber besser als Geld nehmen. 

Tobias Deswegen auch nur ganzseitige Werbung. Den Apothekenumschau-Look mit zehntausend kleinen Anzeigen wollten wir nicht. 

 [mb]  Wenn jemand zu Euch sagen würde, ihr wärt prätentiöse Hipster, die den ultimativen Selbstdarstellungstrip fahren, was wäre eure Antwort darauf?

 (Anna lacht)

Fabian Ich würde darauf verweisen, dass wir unsere Namen nur ein einziges Mal angeben und auch Bilder von uns nur im Impressum zu finden sind.

Tobias Ich würde mich gar nicht verteidigen. Das Hipster-Thema ist ausdiskutiert genug, aber ich würde ihn auf ein Bier einladen, weil er die Eier hat, zu uns zu kommen und uns so was ins Gesicht zu sagen. Klingt nach einem lustigen Zeitgenossen. 

Anna Und wir haben ganz viel Zeit und Arbeit investiert, um im Endeffekt die Leute, und natürlich auch uns selber, zu unterhalten.

 [mb] Ihr habt das letzte Wort. 

Tobias Wir wollen die LYME Launch Party am 8. Dezember im Kuckuck ankündigen! DJ Caniggia kommt!

 

Das Interview führte Sebastian Luther.

Foto: Copyright Sebastian Luther 

Brechend schlecht? Synchronisation in Deutschland

von Sebastian Luther

Segen oder Fluch? Hilfe für Leute ohne solide Fremdsprachenkenntnisse, oder vergeudete Chance, eine Fremdsprache idiomatisch zu lernen? Nicht nur im Nörgeln und im Maschinenbau ist Deutschland gefühlter Weltmeister, sondern auch im Synchronisieren ausländischer Serien und Filme. Von der Spurensuche im deutschen Sprachfetischismus und Verbrechen im Kampf zwischen Original und Synchronisation.

Deutschland, ein Sprachmärchen

Was anderen Ländern leicht fällt, da tun sich die Deutschen manchmal schwer. Nationalstolz ist so ein Fall. Auch bald 70 Jahre nach Ende des dritten Reichs ist er hierzulande noch anrüchig, verpönt, gar despektierlich. Große Fußballereignisse wirken da wie konzentrierter Traubenzucker für das Bedürfnis vieler Bürger, ihre Zugehörigkeit zur Nation gleich mehrfach auszurücken. Das lässt während der restlichen Zeit einerseits Freiraum, um über Berechtigung und Notwendigkeit von Nationalstolz generell nachzudenken. Andererseits lenkt es die Aufmerksamkeit verstärkt auf Bereiche, in denen die Deutschen sehr viel ungenierter mit dem ihnen Gegebenen umgehen. Denn ein Blick in die Kino- und Fernsehlandschaft lässt kaum einen Zweifel: Die Deutschen lieben ihre Sprache. Filme und staffelweise Serien werden eingekauft und mit enorm hohem Aufwand synchronisiert.

Als erstes muss eine Übersetzung erstellt werden, deutsche Schauspieler müssen den übersetzten Originaltext nachsprechen (und vor allem auch spielen), Geräusche müssen häufig neu erzeugt werden, und schließlich muss die deutsche Tonspur richtig auf die Lippenbewegungen gesetzt werden, bis eine glaubwürdige deutsche Fassung entstanden ist“,

beschreibt die Webseite synchronkartei.de treffend. Der Bundesverband Deutscher Synchronproduzenten (BVDSP) schätzt das Gesamtvolumen der Branche auf 90 bis 100 Million Euro pro Jahr, die professionelle Synchronisation eines Kinofilms kostet zirka 40.000 bis 50.000 Euro. Auch wenn der Preisdruck enorm ist und im Staate Synchronisation viel faul zu sein scheint, so sieht RTL in den hochwertigen Synchronisierungen amerikanischer Serien einen wesentlichen Grund für deren Erfolg in Deutschland. Doch das allein beantwortet die Frage nicht, warum wir diese Version unbedingt vorziehen. Sind Synchronisationen unsere Form von vorsichtigem Nationalstolz oder doch Gewöhnungssache?

 Ich ♥ das Deutsche

Qualität also hin oder her, warum keine Originale? Die Ursachenforschung präsentiert hier, wie meistens, verschiedene Gründe, die zusammenspielen. Der offensichtlichste Grund dürfte sein, dass deutsche Fassungen immer noch mehr Menschen erreichen als englische oder gar französische. Eine größere Zielgruppe bedeutet logischerweise mehr potentielle Kunden. Und was mehr Kunden für ein Unternehmen bedeuten, bedarf keiner Erklärung.

Auch die Alternativen zu Synchronisationen erscheinen momentan nicht attraktiv. So verspüren wohl nur sehr wenig Menschen Lust, beim Fernsehen oder im Kino ständig auf Untertitel zu kucken. Das lenkt einerseits von der Bildebene ab und nimmt im Ernstfall spannende Wendungen vorweg. Andererseits ist der Reflex, die Untertitel zu lesen, durch das den Imperativ des geschriebenen Worts nur sehr schwer zu unterdrücken, weshalb auch diejenigen ein minderwertiges Erlebnis haben, die die Sprache eigentlich beherrschen. Da bleibt gezwungenermaßen nur noch die Originalfassung, die für noch weniger Zuschauer verständlich ist. Der finanzielle Teufelskreis für Originale schließt sich hier, wenn das Fehlen einer deutschen Synchronisation weniger Zuschauer für die teuer gekaufte Serie bedeutet. Kosten können nicht gerechtfertigt werden und auch in Zukunft wird kein Original eingekauft.

 Wie ich deine Mutter traf

Wenn wir im Kino sind, wollen wir alles verstehen. Wenn wir eine Serie im Fernsehen ankucken, wollen wir quasi-mühelos unterhalten werden. Aber genau so gerät ein wichtiger künstlerischer Aspekt unter die Räder des akkuraten Deutschen mit seinen preisgekrönten Maschinen. Kulturelle Codes auf sprachlicher Ebene lassen sich sehr schwer in eine andere Sprache übertragen. Dabei sind es genau diese Informationen, die uns helfen, ein tieferes Verständnis für einen Film zu gewinnen. Die Synchronisation wirkt hier wie ein akustisches Beruhigungsmittel. Wir haben ja alles verstanden, warum also nachforschen? Sieht man die Serie oder den Film dagegen mit Originalton und versteht mal was nicht, so besteht wenigstens noch die Möglichkeit, dass man versucht, das Missverständnis aufzuklären. Dabei lernt man ganz nebenbei idiomatische Formulierungen einer Fremdsprache.

In der Einheitswelt der Synchronisation ist dafür kein Platz mehr. Der Reiz, der Flirt mit dem Fremden wird glatt gebügelt: Sprichwörter und Wortwitze, die nicht übersetzt werden, Gesangseinlagen, Anspielungen sowie Dialekte, die verloren gehen. Eine Synchronisation muss den Spagat zwischen eigener Sprachidentität und der der Fremdsprache schaffen. Die zwangsläufigen Diskrepanzen erschaffen schließlich eine armseelige Kreatur, die nicht zwei Seelen in ihrer Brust hat, sondern gleich zwei Köpfe auf den Schultern trägt, die sich gegenseitig zerfleischen: Synchron-Deutsch. Kantige Formulierungen, die nicht zur Situation passen. Lippenbewegungen, die etwas völlig anderes vermuten lassen. Und Übersetzungsfehler, die, in aller gebotenen Mäßigung, einfach scheußlich sind. Selbst wenn es eine gelungene Synchronisation schafft, diese Stolperfallen zu vermeiden, bleibt immer noch der drückende Gedanke, dass sich manche Dinge einfach nicht übersetzen lassen und so ein Witz einfach verloren geht, in den Weiten einer transzendenten Zwischenebene von Übersetzung und Original, die keinen Interpretationsspielraum mehr zulässt.

English Speaker, Englisch Sprecher

Alleine ist Deutschland mit seiner Synchronisationskultur allerdings nicht gänzlich, wie diese Karte zeigt. Auch zum Beispiel Frankreich, Italien und Spanien nutzen Synchronisationen. Allerdings wird in vielen Ländern Osteuropas aus Kostengründen von einer Synchronisation abgesehen – dort werden Filme mit Untertiteln in den jeweiligen Landessprachen gezeigt. Auch in Skandinavien wird nicht synchronisiert – die meisten Menschen dort sind gegen eine Synchronisation. In Russland und Polen gab es lange die Praktik, im Voice-over in der Landessprache über die Englische Originaltonspur zu sprechen. Die gleiche Technik wird in Deutschland oft bei Interviews in einer andren Sprache oder bei Live-Übersetzungen verwendet. Doch die Tendenz dazu ist abnehmend, viele Filme werden heute professionell synchronisiert.

Und natürlich sollte nicht jeder in der Lage sein müssen, das Oxford Dictionary aus dem Effeff zitieren zu können, nur damit man ins Kino gehen kann und auch etwas versteht. Auch hier öffnet sich der Markt langsam und heiß antizipierte Filme, wie der neue James Bond oder Batman, können in ausgewählten Kinos auf englisch gesehen werden. Wer seine Unterhaltung mit originaler Sprachausgabe genießen will, der wird wohl fündig werden. Wer sich nach Feierabend nur noch ein wenig berieseln lassen möchte, oder einfach nicht viel englisch spricht, für den ist ebenfalls gesorgt. Der Trend zu mehr Original ist jedoch durchaus positiv zu bewerten.

Fotos: flickr.com/Keith Bloomfield (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/sminor (CC BY-NC-ND 2.0)

Eine andere Perspektive? – Im Gespräch mit Michel Arriens

von Alexander Karl

Wie man sich in den Medien präsentiert, weiß Michel Arriens mittlerweile genau: Gemeinsam mit Ulla Kock am Brink hat er auf SAT.1 ein Format über Kleinwüchsige moderiert. Dabei stand er auch selbst als Protagonist vor der Kamera. Viel Medienerfahrung für einen 22-jährigen Studenten.

Mit seinem Kommilitonen Alexander Karl sprach Michel Arriens über seinen Weg auf den Bildschirm, Doku-Soaps und sein Studium.

Michel, du hast ‚Die große Welt der kleinen Menschen‘ gemeinsam mit Ulla Kock am Brink moderiert und warst auch einer der Protagonisten. Wie findest du das Wortspiel im Titel der Sendung?

Ich finde es nicht schlimm. Es ist einfach ein Fakt, dass gewisse Dinge bei Kleinwüchsigen anders sind und damit gehe ich auch offen um. Beispielsweise ist die Perspektive mit meinen 1,25 Metern völlig anders, als bei jemand mit 1,80 Metern.

Wie kam es dazu, dass du plötzlich bei einer Doku-Soap mitmachst?

Zunächst bekam ich nur eine Mail der Casting-Agentur des Senders. Darauf habe ich geantwortet, Bilder und Infos über mich hingeschickt – und wurde dann zum Videocasting eingeladen, bei dem ich vor der Kamera auf Herz und Nieren geprüft wurde. Offensichtlich hat das gut geklappt (lacht). Davor habe ich aber auch schon bei einer ‚Focus TV Reportage‘ mitgewirkt.

Du standest nicht nur als Moderator vor der Kamera, sondern auch als Protagonist. Doku-Soaps wie ‚Bauer sucht Frau‘ oder ‚Frauentausch‘ stehen immer wieder in der Kritik, Menschen vorzuführen. Hattest du Angst davor?

Angst ist das falsche Wort. Aber ich habe von Beginn an gesagt, dass ich nicht mit einer Zipfelmütze durch das Bild laufen oder andere Klischees bedienen werde. Ich wusste im Vorfeld, dass es eine Doku-Soap wird, in der es Höhe- und Tiefpunkte gibt. Mir war es wichtig, dass man nicht einerseits als der hilflose Behinderte gezeigt und mit Samthandschuhen angefasst wird. Und andererseits auch nicht an den Pranger gestellt wird. Und ich finde, dass es dem Sender insgesamt gelungen ist, ein authentisches Bild von Kleinwüchsigen zu zeigen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen zur Sendung, etwa von Karl-Heinz Klingebiel vom ‚Bundesverband Kleinwüchsige Menschen‘, der gegenüber dem Medienmagazin ‚ZAPP‘ von einer „flachen, dümmlichen Sendung“ sprach. Wie reagierst du auf solche Kritik?

Die Kritik richtete sich ja nicht an mich. Natürlich muss bei solchen Formaten immer wieder gekürzt und geschnitten werden, es kann ja nicht das gesamte Drehmaterial gezeigt werden. Zum Beispiel auch die Szenen, die beim ‚Großen Treffen‘ des ‚Bundesverbands Kleinwüchsige Menschen‘ gedreht wurden. Da wurden leider einige Szenen herausgelassen, sodass eher der Eindruck erweckt wurde, dass es sich nur um eine Spaßveranstaltung handelt. Ärztevorträge und so weiter wurden eben nicht gezeigt. Das hätte man anders machen können, da teile ich die Kritik.

Deine Kollegin ChrisTine Urspruch spielt das ‚Sams‘ und auch im Münsteraner ‚Tatort‘. In diesem Jahr wurde viel über die Paralympics in London berichtet. Denkst du, dass Menschen mit Behinderungen ihren Platz in den Medien gefunden haben?

Ich glaube, sie sind dabei, ihren Platz zu finden. Die Paralympics in diesem Jahr sind ein gutes Beispiel, denn sie zeigen, dass Menschen mit Behinderung ohne Probleme bestimmte Sportarten ausführen können – und das haben die Medien auch so dargestellt.

Du gehst offen mit dem Kleinwuchs um, triffst aber auch sicherlich auf Menschen, die nicht genau wissen, wie sie sich dir gegenüber verhalten sollen. Wie sollen die Leute auf dich zugehen?

Es kommt darauf an, wie gut man die Menschen kennt: Wenn es Freunde sind, habe ich kein Problem mit einem kleinen Spaß – ich weiß ja, wie es gemeint ist. Bei Fremden ist das natürlich etwas anderes, da erwarte ich auch eine sprachliche Korrektheit.

Du hast zunächst Inklusive Pädagogik studiert, nun studierst du Medien- und Kommunikationswissenschaft in Hamburg. Wie kam es zu dem Wechsel?

Bei den Praktika zum Lehramtsstudium habe ich schnell gemerkt, dass der Beruf körperlich für mich zu anstrengend wäre. Alleine schon Kinder auseinander zu halten ist für mich einfach drei bis vier Mal anstrengender als für einen Menschen mit durchschnittlicher Größe. Außerdem haben sich für mich in der Medienbranche gerade Türen geöffnet. Aber auch wissenschaftlich interessiere ich mich für die Darstellung von Handicaps in den Medien.

Wie geht es nun für dich auf dem Bildschirm weiter?

Wenn ‚Die große Welt der kleinen Menschen‘ in die 2. Staffel gehen sollte, wäre ich gerne wieder dabei. Ansonsten sollte man gespannt bleiben (lacht).  Aber mal schauen, ob mein großer Traum, einmal neben Markus Lanz zu sitzen, wahr wird. Entweder auf dem bequemen Sessel oder dem großen Sofa.

 

Foto: Alexander Karl

Klartext: Gefangen in der Blase – Eli Parisers „Filter Bubble“

von Sandra Fuhrmann


Sucht man nach dem Wort „Depression“ in einem Internetlexikon, installiert die Seite sofort bis zu 223 Cookies. Und fortan wird man mit Werbeanzeigen für Antidepressiva durch das Internet gejagt. Die Gemeinschaft der Internetnutzer ist gefangen in einer Blase, die sie mit ihren eigenen Interessen umgibt. In seinem 2011 erschienenen Buch The Filter Bubble – What the Internet Is Hiding from You thematisiert Pariser genau das: die gemeinsame Einsamkeit im Netz.

Ein Mann der Tat

Eli Pariser ist ein Mann, der durch die Praxis groß wurde. Seinen Bachelor machte er am Simon’s Rock College in Great Barrington, Massachusetts in den Fächern Recht, Politik und Gesellschaft.

Er ist zwanzig Jahre, als er infolge der Terroranschläge von 9/11 eine eigene Website gründet, die sich kurze Zeit später mit der Seite MoveOn.org verbindet. Unter Parisers Leitung schafft die Seite damals einen Meilenstein in der Geschichte der Online-Mobilisierungen, indem sie viele der heutigen üblichen Praktiken etablierte und zeigte, dass es möglich ist, auf dem Online-Weg eine große Menge an vielen kleinen Spendenbeiträgen zusammenzutragen. Mit Auftritten in den meisten amerikanischen Hauptnachrichtensendern erlangte Pariser in den Folgejahren Bekanntheit. Man kann ihn kurz und einfach Online-Aktivisten bezeichnen.

Wie kann ich Ihnen helfen?

Eine kleine Nostalgiereise in die Einkaufswelt vor dem Onlineshopping: Es gab sie damals und es gibt sie noch heute, die Buchläden der realen Welt. Dort suchte man früher nach einem Schmöker, der einem das Einschlafen erleichtert oder lange Zugfahrten überbrückt. Vielleicht ging man sogar öfter in besagten Laden. Dann kam der nette Verkäufer, der uns und unseren Geschmack kannte, oftmals auf uns zu und wies uns auf den neuen Band der Romantrilogie hin, von der wir bereits die ersten beiden Bände gekauft hatten. Ein solcher Buchladen hat viele Regale und man war oft dankbar für solche Tipps, die wertvolle Zeit sparen und einem ein fast garantiertes Lesevergnügen bescheren.

Man stelle sich nun die virtuellen Buchregale bei Amazon vor, denen platzmäßig keine Schranken auferlegt sind. Inzwischen sind es nicht mehr nur Bücher, sondern im Grunde das ganze Spektrum an Möglichkeiten, an dem wir unsere Konsumlust ausleben können. Aber auch hier gibt es ihn: den freundlichen Verkäufer, der uns auf die Angebote hinweist, die uns vermutlich gefallen. Er heißt nicht Herr Meyer oder Frau Müller wie im Buchladen, sondern „Personalisierungsagent“.

Wer wir sind

Bereits zu seinen Anfängen 1995 war Amazon ein Online-Shop mit eingebauter Personalisierung. Die Idee von Personalisierungsagenten aber wurde schon früher entwickelt. Mitte der 90er Jahre gab es eine zunehmende Anzahl an Fernsehsendern, aus denen das Publikum auswählen konnte. So entwickelte Nicolas Negroponte am MIT Media Lab 1994 die Idee einer lernfähigen Fernbedienung, die die Vorlieben der Rezipienten abspeichern konnte.

Ganz ähnlich funktionieren die Personalisierungsalgorithmen, die heute so oft den Pfad bestimmen, den wir auf unserer Reise durch das Internet nehmen. Amazon merkt sich die Produkte, die wir gekauft oder nur angeschaut haben und schickt uns entsprechende Empfehlungen. Google speichert unsere „Click Signals“ und erstellt dementsprechend unseren persönlichen „Page Rank“, also die Reihenfolge der Treffer, die angezeigt werden. Das bedeutet, dass zwei Personen, die nach demselben Wort googeln, ihre Ergebnisse nie in derselben Reihenfolge präsentiert bekommen werden. Oben steht, was erwartungsgemäß am meisten unseren Präferenzen entspricht.

So hinterlassen wir Spuren im Internet. Und in jeder dieser Spuren stecken mehr Informationen über uns selbst, als mancher sich vorstellen mag. Ein angenehmer Service, bei der unendlichen Informationsflut im Internet, könnte man sagen. Ja, ABER, würde Pariser antworten.

Zirkel der Verdammnis

„The structure of our media affects the character of our society. The printed word is conductive to democratic argument in a way that laboriously copied scrolls aren’t.“ Das, was man in den Medien zu lesen und zu hören bekommt, prägt den Charakter der Gesellschaft, sagt Pariser. Die Gesellschaft, das ist das, was sich aus jedem einzelnen Individuum zusammensetzt, also aus uns. Beeinflussen diese gefilterten Inhalte also uns, haben sie damit das Potenzial die ganze Gesellschaftsstruktur zu verändern. Damit kommen wir zu dem, was Pariser als „The Filter Bubble“ bezeichnet.

„[Alghorithms] are prediction engines, constantly creating and refining a theory of who you are and what you’ll do next. Together, these engines create a unique universe of information for each of us.“

Was Pariser beschreibt, lässt sich dramatisch ausgedrückt als Zirkel der Verdammnis beschreiben. „What you’ve clicked on in the past determines what you see next – a web history you’re doomed to repeat.“

Die Jagd nach Unterwäsche – gejagt von Unterwäsche

Als klänge das nicht besorgniserregend genug, geht Pariser noch einen Schritt weiter. Nicht nur, dass wir in einer Blase festsitzen, die immer wieder unsere eigenen Interessen widerspiegelt. Nein, Personalisierung birgt noch weitere Potenziale und Gefahren. Ihre Potenziale wurden bereits von der Wirtschaft entdeckt, ihre Gefahren bleiben bei den Nutzern oft unerkannt. Wer sich schon einmal gefragt hat, warum er von Anzeigen für Markenunterwäsche durchs Internet gejagt wird, seitdem er nur einmal darauf geklickt hat, der hat nun ein Wort dafür: Retargeting.

„For now, retargeting is being used by advertisers, but there’s no reason to expect that publishers and content providers won’t get in on it“. Hier muss man keinen großen Gedankensprung mehr machen, um sich auszumahlen, dass durchaus noch weitere Teilnehmer mit ins Spiel kommen könnten, die das Interesse und die Macht haben, Personalisierung für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Man denke beispielsweise an die politische Führung verschiedener Länder.

Doch die Vorteile für Anbieter gehen weit über bloßes Stalking der potenziellen Kunden hinaus. Die Daten der Nutzer, also die bereits erwähnten Spuren, die wir im Internet hinterlassen, gelten in der Online-Welt längst als eine Art Währung. „The company that has the most data and can put it to the best use gets the advertising dollars.“

Wie wir ticken

Pariser verdeutlicht anhand mehrerer Studien, welch starken Einfluss Medien auf unsere Meinungsbildung haben. So führte beispielsweise der Neuropsychologe Drew Westen einen Versuch durch, bei dem Probenden aufgefordert wurden, sich eine Liste von Wörtern zu merken. Darunter die Wörter Mond und Ozean. Als er danach zu der Frage wechselte, welches Waschmittel sie bevorzugten, zeigten die Probanden eine starke Vorliebe für das Produkt Tide. Doch beeinflussen Medien nicht nur unsere Vorlieben. Auch neigen wir dazu, Dinge eher zu glauben, von denen wir vorher schon einmal gehört haben und die uns so bereits bekannt sind.

Homage an die Freiheit

„All of these are basic psychological mechanisms. But combine them with personalized media, and troubling things start to happen. Your identity shapes your media, and your media then shapes what you believe and what you care about.“

In den nächsten Jahren werden die Regeln geschrieben, die das Online-Leben des kommenden Jahrzehnts oder sogar noch längerer Zeit bestimmen werden, so Parisers Prophezeihung. Die großen Player sind gut darauf vorbereitet, diese Regeln nach ihren Wünschen zu formen. Allein die Internetnutzer scheinen es bislang nicht zu sein. Getreu seiner Rolle als Aktivist sind Parisers Worte ein Plädoyer für die Freiheit im Netz und der Aufruf an alle Nutzer, sich aus ihrer Blase zu befreien. „If the great mass of us decide that an open, public-spirited Internet matters and speak up about it […] the lobbyists don’t stand a chance.“

Ein gefährlicher Aspekt der Personalisierungsagenten ist, wie Pariser feststellt, dass sie unsichtbar sind. Der Kampf für die Freiheit im Netz sollte also mit der Aufklärung der Nutzer beginnen. Genau das tut Pariser in The Filter Bubble. Ein Buch, das nicht nur für Medienwissenschaftler spannend sein dürfte, sondern für jeden, der im Internet regelmäßig auf sich selbst stößt.

 

Klartextlogo: Copyright Pascal Thiel; Fotos: flickr.com/poptech (CC BY-SA 2.0); flickr/gi  (CC BY-SA 2.0)

 

Der Mensch, die Medien und ein gutes Buffet

von Pascal Thiel

Seit 2011 lehrt Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach als Professor für Medieninnovation und Medienwandel am Institut für Medienwissenschaft in Tübingen. Am Dienstag, den 20.11.2012 hat er seine Antrittsvorlesung gehalten. In der Vorlesung sprach er über sein neues Forschungsprojekt „Medien aus anthropologischer Perspektive“. Ein Projekt, das eine „Lebensaufgabe“ für Sachs-Hombach werden könnte.

Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach sei der „ideale Inhaber eines Faches, das es nicht gibt, aber bald geben wird“ sagt Prof. Dr. Jürgen Leonhardt, Dekan der Philosophischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sachs-Hombach ist studierter Germanist, Psychologe und Philosoph, somit „fachfremd“. Doch bereits einmal wagte er den Schritt ins Unbekannte – und das erfolgreich. Jahrelanges Engagement in der Bildwissenschaft machten ihn zu einem der wenigen „europäischen Experten“ auf diesem Gebiet.

Doch seine thematische Bindung ans Bild hielt ihn nicht davon ab, 2011 erneut einen großen Schritt zu wagen. Er folgte dem Ruf nach Tübingen. Seitdem ist er Inhaber der Medienwissenschaftsprofessur für Medieninnovation und Medienwandel.

Am vergangenen Dienstag hielt er im Rahmen der Vorlesung „Medienkonvergenz“ seine Antrittsvorlesung zum Thema „Warum gelingt menschliche Verständigung?“ Bereits vier Jahre zuvor hatte er seine damalige Professur an der TU Chemnitz mit einem ähnlichen Thema eröffnet. Begab er sich damals – noch stark unter dem Einfluss seiner bisherigen wissenschaftlichen Karriere – auf die Spur des „Homo Pictor“, sprach er dieses Mal aus der Sicht des „anthropologischen Medienbegriffs“.

Kommunikation zeichnet den Menschen aus

Sachs-Hombach macht keine halben Sachen. Deshalb beginnt er seine Antrittsvorlesung am Anfang – und zwar ganz am Anfang: Der Evolution .

Die Evolution des Menschen ist ein Prozess, der seit acht Millionen Jahren im Gange ist. Seit 200.000 Jahren gibt es den „Homo Sapiens“, der seitdem zu den verhaltensbezogenen „modernen“ Menschen gezählt wird. Dieser ist ein Primat und zeichnet sich, so Sachs-Hombach, durch eine wesentliche Eigenschaft aus: durch eine bestimmte, nämlich die sogenannte „menschliche“, Kommunikation. Diese ist durch die Verbindung zweier wichtiger Elemente gekennzeichnet, der Bild- und der Sprachfähigkeit.

Die Bildfähigkeit ist die Kompetenz, auf verbildlichte Gegenstände, etwa Gesten, angemessen reagieren zu können. Das ist in eingeschränkter Weise auch bei Tieren möglich. Die Sprachfähigkeit hingegen ist das Vermögen des Menschen, sich mittels komplexer Zeichenvorgänge oral auszudrücken. Bezogen auf den Menschen ist das die Bildfähigkeit die Voraussetzung der Sprachfähigkeit. Die beiden Aspekte bedingen sich. Daraus zieht Sachs-Hombach den Schluss, dass die sprachliche Form der Kommunikation beim Menschen immer schon in der nicht-sprachlichen Form eingebettet war.

Um Verständigung zu erreichen, bedarf es also Kommunikation. Doch Kommunikation, so Sachs-Hombach, geschieht nur über Medien.

Medien bestimmen Kommunikation

Bezogen auf die im ersten Abschnitt beschriebene menschliche Kommunikation bedeutet das, dass die Sprache als ein Medium verstanden werden kann. Dabei hält sich Sachs-Hombach nahe am Medienbegriff von Roland Posner (1986). Er versteht ein Medium als „ein System von Mitteln für die Produktion, Distribution und Rezeption von Zeichen“, das den „in ihm erzeugten Zeichenprozessen bestimmte gleichbleibende Beschränkungen auferlegt“. Medien sind hier durch einen „Mittelcharakter“ bestimmt. Sie gelten als „Träger“ der kommunikativen Zeichen. Dabei ist jedes Medium und somit auch die jeweilige Art der Kommunikation durch seine eigene Medialität, also die Alleinstellungsmerkmale eines Mediums, geprägt.

Um dies zu verdeutlichen, greift Sachs-Hombach auf die Überlegungen des US-amerikanischen Anthropologen und Verhaltensforschers Michael Tomasello zurück. Dessen Medienbegriff definiert gestische, nonverbale Zeichen als Träger von Kommunikation. Sie wird dabei in einem weiten Verständnis begriffen. Die Kommunikation des Menschen gilt dabei im Gegensatz zur tierischen als vollendet entwickelte Kommunikationsform.

Tomasello beschreibt zwei Arten gestischer Zeichen. Als „Displays“ bezeichnet er animalische Warnrufe ohne Botschaft und Intention. „Gesten“, die zweite Form können wiederum in zwei Fälle unterteilt werden. „Intentionsbewegungen“ sind intentionale Gesten mit unmittelbarer Reaktion des Empfängers. „Aufmerksamkeitsfänger“ sind intentionale Gesten mit dem Ziel der Aufmerksamkeitserregung, die aber interpretatorische Leistung beim Empfänger notwendig machen. Weiterhin können menschliche Gesten in „Zeigegesten“, also auffordernde, nicht informative Gesten und „ikonische Gesten“, also auf Aufmerksamkeit konzentrierte, interpretationsbedürftige Gesten unterteilt werden.

Gesten dienen also der Kommunikation – mal mehr und mal weniger. Sie sind demnach Medien der personalen Verständigung.

Die bisherige Argumentation hat gezeigt: Verständigung ist nur durch Medien möglich. Eine innere Differenziertheit der Medien ist dabei essenziell, schon allein zur Unterscheidung verschiedener Gesten und ihren Bedeutungen. Denn die Modalitäten dieser Gesten werden nicht durch bestimmte Instanzen bestimmt, wie etwa bei der Sprache durch das Lexikon. Die Bedeutungszuschreibung erfolgt allein aufgrund der individuellen Interpretation des Dargestellten, des Bildes. Kommunikation kann nicht nicht-modal sein. Keine Kommunikation ist bedeutungslos.

Medien bestimmen den Menschen

Diese personale Kommunikation wird stark von Medien bestimmt. Sie nehmen Einfluss auf die Art und Weise der menschlichen Kommunikation. Sie bestimmen ihn und seine „Identitätsbildung“. Geschieht Kommunikation öffentlich, kommt es zur gesellschaftlichen „kulturellen Identitätsbildung“.

Als Beispiel nennt Sachs-Hombach eine Medienform, die sich in seinem Forschungsbereich mittlerweile etabliert hat: Computer- beziehungsweise Videospiele.

Aus anthropologischer Perspektive diene das „Spielen“ dem Erlernen diverser Fähigkeiten. Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive haben PC- und Videospiele eine erhebliche Bedeutung bei der Wirklichkeitserfassung. Durch virtuelle Welten, die immer näher an der Realität sind, ist eine deutliche Entwicklung zu erkennen. Immer stärker wird die Wirklichkeit selbst durch mediale Erfahrung erfasst. Obwohl das Spielen zumeist im Privaten stattfindet, sei es dennoch ein Massenphänomen. Eine Veränderung der „kulturellen Identität“ durch PC- und Videospiele ist also laut Sachs-Hombach durchaus möglich.

Ein gutes Buffet bestimmt den Menschen

Obwohl man auf Antrittsvorlesungen gerne „alles das sagen [würde], was man schon immer mal sagen wollte“, blieb Sachs-Hombach sachlich und mit dem Thema verbunden. Nach einer mit zahlreichen Annahmen bespickten Vorlesung traf man sich noch im Kleinen Senat der Neuen Aula mit einem Buffet für Gäste, Hörer und Studenten. Dort wurden offene Fragen noch einmal eifrig diskutiert.

Bild: Institut für Medienwissenschaft Eberhard Karls Universität Tübingen (genehmigt, Ausschnitt)

Die fiktive Realität

von Alexander Karl

Egal ob Doku-Soap oder Reportage – Dokumentationen in allen erdenklichen Facetten flimmern tagtäglich über die Bildschirme. Doch eines zeichnet sie alle aus: Sie enthalten immer auch Fiktion. Ausführlich hat sich Dr. Christian Hißnauer, Jahrgang 1973, mit den diversen Doku-Formaten beschäftigt und promovierte 2010 mit seiner Arbeit über „Fernsehdokumentarismus: Theoretische Näherungen, pragmatische Abgrenzungen, begriffliche Klärungen“ an der Universität Göttingen. Heute ist er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig.

media-bubble.de sprach mit ihm über die Fiktion in Dokumentationen, die Darstellung der RAF und Daniela Katzenberger.

Herr Hißnauer, für Sie zählen auch Reality-TV-Formate wie Big Brother zur Dokumentation. Worin liegt das wissenschaftliche Interesse, Formate wie „Big Brother“ und „Daniela Katzenberger – Natürlich blond“ zu untersuchen?

Christian Hißnauer: Es gibt unterschiedliche Ansätze, mit denen man die diversen dokumentarischen Formate bewerten kann. Bei einer Reportage lassen sich journalismusethische Maßstäbe anlegen, anhand derer auch bewertet werden kann. Das ist bei „Big Brother“ und „Daniela Katzenberger – Natürlich blond“ anders. Hier greifen keine journalistischen Standards, es geht nur um Unterhaltung. Da wird beispielsweise Daniela Katzenberger in allerlei Situationen gezeigt und wie sie darauf reagiert. Etwa, wie sie sich ihre Brüste neu machen lässt. Das kann man unterhaltsam finden oder nicht, aber mehr will dieses Format nicht. Eine klassische Dokumentation über Brustvergrößerung würde hingegen viel mehr Hintergrundberichte bringen und auch das Kriterium der faktischen Richtigkeit würde eine Rolle spielen. Das ist bei Daniela Katzenberger vollkommen egal. Im Zweifelsfalle sogar, ob sie sich die Brüste hat machen lassen oder nicht.

Egal ob Doku-Soap, Reality-TV oder klassische Reportage: In all diesen Formaten schaut man Menschen – ob Schauspieler oder nicht – zu. Man bekommt Einblicke in ihre Lebenswelt. Hat Dokumentarismus auch immer etwas mit Voyeurismus zu tun?

Die Frage ist: Wo fängt Voyeurismus an? Wenn eine Sozialreportage Einblicke in fremde Lebensbereiche gibt, besteht immer die Gefahr, dass es voyeuristisch wird. Es kommt auf den Standpunkt an, aber auch auf die Inszenierung. Wenn bei Reality-TV-Programmen nur Höhepunkte aneinander gereiht werden, dann wirkt es schneller voyeuristischer als in einer klassischen Reportage, in der die Protagonisten ausführlich zu Wort kommen. Letztendlich zeigt man aber durchaus die gleichen Sachen.

Sie sagen, dass Dokumentationen immer fiktionale Aspekte enthalten.

Ja, bei jeder Art von Dokumentation spielt der Autor mit fiktionalen Aspekten – und das auf ganz verschiedenen Arten. Ein Beispiel: Als Autor legt man den Anfangspunkt und den Endpunkt einer Geschichte fest. Genauso die Zwischenschritte. Damit suggeriert man als Autor, dass alles Wichtige erzählt wurde. Alles, was ausgeblendet wird, wird somit automatisch zum Nicht-Wichtigen. Für den Protagonisten, den man darstellt, kann das ganz anders aussehen. Ganz stark hat man das bei Eberhard Fechner, der aus ganz verschiedenen Interviews einen Film zusammensetzt. Dabei schneidet er die Menschen so zusammen, als würden sie miteinander reden. Und das, obwohl die Interviews vielleicht tausende von Kilometern voneinander entfernt aufgenommen wurden. Das ist erfundene Geschichte auf der Basis von Fakten, weil das Erzählte die Schöpfung des Autors ist.

Dokumentarismus umfasst also ein weites Feld. Doch wenn der Dokumentarismus-Begriff so stark zwischen Realität und Fiktion schwankt – warum entscheidet man sich dann, ein Buch über Fernsehdokumentarismus zu schreiben?

Zum einen ist das Thema auch dadurch spannend und es gibt bisher wenig Literatur zum Fernsehdokumentarismus. Zum anderen haben wir täglich mit Dokumentationen und Doku-Soaps zu tun, die mal mehr oder weniger erfunden sind. Die Frage ist also: Wie unterscheiden sich die Formate? Wie geht der Zuschauer damit um?

Der Zuschauer scheint vor allem in den letzten Jahren sein Gefallen an Doku-Soaps, wie eben „Daniela Katzenberger – Natürlich blond„, gefunden zu haben.

Das stimmt, sie sind ja auch oft krawallig. Aber man muss davon ausgehen, dass es verschiedene Nutzungsmotive gibt. Einige Zuschauer erheben sich über die Formate und verstehen, dass die Sendung gefaked ist. Andere erhoffen sich tatsächlich Lebensberatung von „Raus aus den Schulden„. Das ist nicht neu, sondern gab es auch schon bei den Daily-Talkshows in den 1990er Jahren.

Fernab von Daniela Katzenberger und Co. beschäftigen Sie sich auch intensiv mit der Geschichte und Darstellung der RAF. Warum setzen Sie sich – wie auch die deutsche Fernsehlandschaft – so intensiv mit diesem Thema auseinander?

Es gibt unheimlich viele Filme und Dokumentationen, die sich mit der RAF beschäftigen. Mir geht es darum, wie über die Medien Geschichtsbilder erzeugt werden. Und die verändern sich. Jede Generation macht sich sein eigenes Bild von der RAF, genauso wie auch von Hitler.

Was bedeutet das konkret?

Wir haben heute andere Filme zu diesen Themen als vor zwanzig Jahren. Die Aussagen sind auch andere. Beispielsweise die Landshut-Entführung von 1977 in Mogadischu: Wenn wir Dokumentationen aus den siebziger oder achtziger Jahren sehen, wird dies gerahmt in dem Thema des palästinensischen und internationalen Terrorismus. Damals spielte die RAF wenn überhaupt nur am Rande eine Rolle. Heute tritt die Rahmung in dem Bild des internationalen Terrorismus zurück. Stattdessen wird die Landshut-Entführung als eine Hilfsaktion für die RAF dargestellt, sogar teilweise so, als hätte die RAF dies in Auftrag gegeben – was wohl so nicht ganz stimmt. Damit werden nicht nur die Entführung, sondern auch ihre Opfer der RAF zugeschrieben. Das bekannte Ziel der RAF waren staatliche Repräsentanten und Wirtschaftsbosse. Jetzt ist es die ganz normale Bevölkerung, jeder Urlaubsflieger hätte ein Opfer werden können. Und durch die neuen Opferbilder entstehen auch neue Geschichtsbilder.

Kann man davon ausgehen, dass auch die NSU bald so ausführlich behandelt wird?

Bei der NSU verhält es sich anders, alleine schon durch die Opferstruktur. Momentan richtet sich der Fokus ganz stark auf das Versagen des Staates, was übrigens auch im ganzen RAF-Diskurs keine Rolle mehr spielt. Wir wissen etwa, dass die ersten Waffen damals vom Verfassungsschutz in die Szene gebracht worden sind. Es wird immer gesagt, dass die Terroristen reden sollten. Aber auch der Verfassungsschutz sollte hier – ähnlich wie beim NSU – sein Schweigen aufgeben. Übrigens fehlt heute im RAF-Diskurs ein Opferbild – nämlich jene, die unschuldig bei Hausdurchsuchungen oder Polizeikontrollen erschossenen worden sind. Davon gibt es mindestens fünf Menschen. Und das wird völlig tot geschwiegen.

Das Buch zum Interview: Hißnauer, Christian: Fernsehdokumentarismus: Theoretische Näherungen, pragmatische Abgrenzungen, begriffliche Klärungen. UVK, 2011. 416 Seiten, 32,00 Euro.

Foto: flickr/bechstein (CC BY-ND 2.0)

Der Online-Student

von Sebastian Seefeldt

Einmal an einer Eliteuniversität zu studieren, das ist der Traum Vieler. Die Webseite Coursera ermöglicht Wissbegierigen weltweit Zugang zu Universistätskursen von Dozenten, die an den Top-Universitäten lehren. Und das auch noch kostenlos. Sebastian Seefeldt besucht online den Kurs „Gamification“, weil er offline nicht genug von Medienwissenschaften kriegen kann. Ein Selbstversuch.

Freie Bildung

„The best courses from the best instructors at the best universities […] for free“. Das ist der Gedanke von Coursera-Gründerin Dephne Koller. In dem TED-Talk, der im Juni diesen Jahres gehalten wurde, stellte sie ihr Projekt vor, das schon damals 650 Tausend Mitglieder umfasste. Heute besuchen 1,8 Millionen Online-Studenten die virtuellen Klassenräume. Und ich bin einer von ihnen.

Durch jenen TED-Talk wurde ich auf die Seite aufmerksam. Zwei Wochen später begann bereits der erste Kurs. Aus den insgesamt 204 angebotenen Kursen wählte ich den Kurs „Gamification“ aus. Mein Dozent, Kevin Werbach, ist zurzeit an der University of Pennsylvania angestellt, eine der 33 Universitäten, die das Projekt unterstützen.

Studentenleben

Sechs Wochen studiere ich an der Internetuniversität. Jede Woche stehen zwei Stunden Videovorlesungen sowie eine Prüfungsleistung auf dem Plan. Doch die Videos rauschen nicht nur im Hintergrund, während ich auf Facebook die neusten Nachrichten aus dem Offline-Studentenleben lese. Die Videos fordern nämlich Interaktion. Alle paar Minuten poppt eine kleine Multiple-Choice-Frage auf, die das Wissen der vorherigen Minuten prüft. Die Fragen fließen zwar nicht in die Benotung ein, beantwortet man sie aber falsch, läuft das Video nicht weiter. Ich will sie trotzdem richtig beantworten.

In der Offline-Vorlesung bekomme ich eineinhalb Stunden zusammengestauchte Weisheit, die viel zu oft, ohne Spuren zu hinterlassen, an mir vorbeizieht. Auf Coursera bekomme ich Wissen in Häppchen. Jedes Themengebiet ist in kleine Einzelvideos von maximal 20 Minuten unterteilt. Habe ich mal etwas nicht verstanden, erklärt mir Herr Werbach die Thematik auch gerne ein zweites oder drittes Mal. Bleibt dann immer noch etwas unklar, hilft ein Blick in das kursinterne Forum. In dieser virtuellen Mensa gibt es zwar kein Essen, aber wichtige Diskussionen mit anderen Kursteilnehmern über den Unterrichtstoff.

Anfangs habe ich 81 Tausend Kommilitonen. In der zweiten Woche sind nur noch 61 % der angemeldeten Kursteilnehmer aktiv. Immer noch ein überdurchschnittliches Ergebnis meint Kevin Werbach in seiner letzten Sitzung. Dass die Anzahl an Kursabbrechern online im Schnitt knapp 50 % beträgt, ist nicht verwunderlich. Virtuell schreibt man sich gerne impulsiv in einen Kurs ein. Am Ende der sechs Wochen erhielten 8280 ein Zertifikat, dass ihre Leistung bescheinigt. Das Zertifikat wird immer dann ausgestellt, wenn mehr als 70 % der Maximalpunktzahl erreicht wurden. Ich gehörte auch dazu.

Virtuelle Universität – reale Leistung

Wer nun denkt, Coursera sei eine Plattform, auf der inflationär Zertifikate renommierter Dozenten verteilt werden, hat sich getäuscht. Die Leistungsansprüche auf Coursera sind hoch. In meinem sechs Wochen habe ich 24 Stunden Onlinevorlesungen gelauscht, vier Tests, zwei kleine schriftliche Abgaben mit jeweils 800 Wörter, sowie eine Abschlussklausur und ein schriftliches Abschlussprojekt mit 1500 Wörtern geschrieben.

Die Tests werden im Multiple-Choice-Verfahren durchgeführt. Bei den schriftlichen Abgaben kommt eine Methode zutragen, die typisch für Coursera ist. Durch das sogenannte Peer-Assessments-Verfahren benoten sich die Studenten selbst. Hierzu bekommt jeder Student die Abgaben von fünf zufällig ausgewählten anderen Studenten. Diese Studenten benotet er dann nach klaren Richtlinien. Zugegebenermaßen hatte ich zu Beginn Respekt davor, Aufgaben anderer zu bewerten, doch die Aufteilung in quantitative (hat der Teilnehmer alle geforderten Punkte behandelt?) und qualitative (hat der Student die Punkte angemessen bearbeitet?) Maßstäbe hilft. Der klare Vorteil der Peer-Assessment-Methode ist, dass der Teilnehmer Einblick in die Lösungen von anderen bekommt.  Mir kam die Benotung der Abgaben fair vor. In den Foren oder in der obligatorischen Facebook-Gruppe stieß man nur selten auf Beschwerden.

Bringt das was?

Die Frage aller Fragen ist natürlich: „Was bringt mir das Ganze?“ Ich kann behaupten, dass ich durch das Seminar Wissen erlangt habe, dass ich offline nicht verfügbar habe. An der Universität in Tübingen gibt es kein Seminar mit dem Titel „Gamification“. Des weiteren bietet Coursera die Chance, Seminare in Psychologie und anderen Fächern zu besuchen, die durch einen NC beschränkt sind. Welchen Wert die Zertifikate im späteren Berufsleben haben, kann ich derzeit nicht einschätzen. Coursera ist in Deutschland noch nicht etabliert, dennoch handelt es sich um ein Zertifikat eines renommierten Dozenten einer Top-Universität.

Würde ich den PC auf Dauer gegen meinen „Real Life Dozenten“ tauschen? Ja. Das Online-Studium war in jedem Fall eine lohnende Erfahrung, da es die eigene Disziplin und Arbeitsmoral fördert. Auch meinem Englisch hat die Online-Uni gut getan, schließlich werden alle Vorlesungen auf Englisch gehalten.  Nicht zuletzt die freie Zeiteinteilung war ein klarer Pluspunkt. So passte sich der Workload meinem Biorhythmus an und nicht umgekehrt.

 

Foto: Copyright Sebastian Luther (CC-BY-NC)

Bastelanleitung für einen Katastrophenbericht

von Sandra Fuhrmann

Sie war eine wilde Lady, die Tod, Armut und Zerstörung hinterließ. Kaum zog der Wirbelsturm Sandy in Richtung New York, wirbelte er auch durch die Berichterstattung der internationalen Presse. Ein wenig vergessen blieb dabei Haiti, das bereits zwei Tage vor New York von dem Wirbelsturm heimgesucht wurde. Purer Zufall? Nein – vielmehr ein klassisches Beispiel für typische Mechanismen und Faktoren, die die Themensetzung in den Medien beeinflussen.

Ein Frankenstorm zu Halloween

Ein kleiner Rückblick zu den Medienberichten der letzten Wochen. Montag, 29. Oktober: Der Wirbelsturm Sandy trifft auf die Küste New Yorks. Bereits Tage zuvor wurde der „Frankenstorm“, groß in den amerikanischen Medien angekündigt. Prophezeiungen über die Störung  der Präsidentenwahlen und Halloween machten die Runde. „The next climate wake-up call?“, titelte die amerikanische Nachrichten-Website Politico am 24. Oktober. Als der Sturm dann auf die Ostküste der USA trifft, überbieten sich die Medien mit dramatischen Katastrophen-Berichterstattungen.

Die Süddeutsche berichtete im im Nachhinein, wie der ABC-Reporter Sam Champion den Beginn des Sturms unbehelligt im Süden von Manhattan verbringt, während sich sein Kollege Matt Gutman am Strand von North Carolina in einem Ganzkörperregenmantel in die Fluten stürzt. Für die US-Medien war der Sturm ein voller Erfolg. Er bescherte hohe Quoten und hohe Werbeeinnahmen.

Nur wenige Tage zuvor..

Während in den USA das große Bangen beginnt und über die Maßnahmen zur Vorbereitung auf die große Katastrophe berichtet wird, zieht Sandy ihre Spur durch die Karibik. Mindestens 69 Menschen kostet der Sturm in Kuba, Jamaika und Haiti das Leben. Durch Erdrutsche und Erdbeben stürzen Häuser ein und begraben die Bewohner unter sich. Besonders das vermutlich ärmste Land Mittel- und Südamerikas oder gar der Welt wird schwer getroffen: Sandy zerstört die Zeltstädte, die für die Opfer des Erdbebens vor zwei Jahren errichtet wurden. In Europa jedoch hören wir davon nur wenig. Zu sehr sind die Medien auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen und die befürchtete Verwüstung New Yorks konzentriert.

Als Sandy die Ostküste der USA hinter sich gelassen hat, wird auch hier das Ausmaß der Verwüstung deutlich: 102 Menschen verlieren ihr Leben. Der Sturm richtet einen Schaden von geschätzten 50 Milliarden US-Dollar an, zerstört Häuser, Stromnetze und mehr. Über mangelnde Berichterstattung aber kann sich hier niemand beschweren.

Auch die Philippinen werden in diesen Tagen nicht verschont: Am 28. Oktober werden die Inseln von einem Sturm heimgesucht, den es in dieser Stärke seit sieben Jahren nicht mehr gegeben hat. Son Tinh, ein Taifun der Stärke drei zieht schließlich weiter über Vietnam nach China. In den westlichen Medien wird jedoch nur wenig über Sandys großen Bruder berichtet. Alle Aufmerksamkeit gilt den USA.  Die sinkende Nachbildung der Bounty vor der US-Küste scheint quotengünstiger als leidende Asiaten. Aber warum ist das so?

Der Mythos ist schon länger tot

Versuch nicht, weiß zu schreiben„, so der Titel eines in diesem Jahr veröffentlichten Buchs von Charlotte Wiedemann. Die Journalistin kritisiert, wie Themen von Redaktionen gezielt aus Gründen den Quotensteigerung ausgewählt werden. In der Tat interessieren uns manche Themen einfach mehr ans andere. Die USA sind uns politisch und kulturell näher als Entwicklungsländer in der Karibik. New York interessiert uns mehr als der Vietnam. Flutwellen vor dem Hintergrund der Skyline einer Weltmetropole machen einfach mehr her als überschwemmte Zelte. Was wir in den Medien zu sehen, hören oder lesen bekommen ist weder Zufall noch ist es in Wahrheit objektiv. Dem Mythos der Objektivität im Journalismus kann dieser nicht gerecht werden – und vielleicht will er es auch gar nicht zur.

Schon früher haben sich Medientheoretiker mit diesem Problem befasst. So untersuchte schon Tobias Peucer im Jahr 1960 die Frage nach den Kriterien bei der Nachrichtenselektion. Derartige Überlegungen mündeten später in der Geschichte der Nachrichtenforschung in eine Nachrichtenwerttheorie. 1965 stellten Johan Galtung und Marie Holmboe Ruge dafür eine Liste von zwölf Selektionskriterien auf, die sie als Nachrichtenfaktoren bezeichneten. Zwei Beispiele für diese Faktoren sind etwa der Bezug zu Elite-Nationen, also Nationen, die im Weltgeschehen eine bedeutende Rolle einnehmen, oder die Konsonanz, also wie sehr ein Ereignis Erwartungen und Wünschen des Publikums entspricht. Spätere Theoretiker führten diese Gedanken weiter. Joachim Friedrich Staab schließlich bezog in die Überlegung mit ein, dass der Journalist bestimmten Ereignissen aktiv solche Selektionskriterien zuschreibt, um sie zu Meldungen verarbeiten zu können. Grund dafür ist, dass er sich bereits im Voraus die Folgen überlegt, die die Publikation einer Meldung haben wird. Erhofft er sich also gute Quoten von einem Ereignis, wird er dieses eher auswählen, um es zu publizieren.

Es sei an dieser Stelle nicht bestritten, dass es sehr wohl Unterschiede im Streben nach Objektivität bei unterschiedlichen Medienunternehmen geben mag. Und wollen wir das Wort Objektivität lieber einmal ausklammern, so kann man es Ausgewogenheit in der Berichterstattung nennen. Zudem ist es vielleicht etwas ungerecht, alles nur auf die Medien zu schieben. Es liegt nun einmal in der Natur von uns Menschen, dass wir bei bestimmte Wörtern eher einen zweiten Blick auf die Schlagzeile werfen, dass wir gewisse Bilder länger anschauen als andere und uns für manche Themen mehr interessieren, weil sie uns aus bestimmten Gründen mehr ansprechen. Hier also ein schönes Schlusswort von Bernd Hagenkord, dem Leiter der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan in Rom: „Wenn die Menschen aufhören würden, die Geschichten von Kapitän Schettino zu lesen, dann würden die Medien sie auch nicht mehr bringen.“

 

Fotos: flickr/zokuga (CC BY-NC 2.0); flickr/un_photo (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Trinity und Chewbacca Hand in Hand: Henry Jenkins „Convergence Culture“

von Sebastian Luther

Who the &%&# is Henry Jenkins?

Der Bart, mächtig und schlohweiß, geht fließend in die verbliebenen Haare am Hinterkopf über und rahmt das Gesicht in einer Manier ein, die auf interessante Art an die popkulturelle Darstellung bestimmter Zauberer erinnert. Henry Jenkins steht auf der Bühne der renommierten Vortragsreihe „TEDxTalks“ und referiert über ‚paticipatory culture‘, also eine Mitmach-Kultur, die das Gegenteil zu einer reinen Konsumenten-Kultur bildet, in der Subjekte sich nicht am allgemeinen Schaffensprozess beteiligen können und eben konsumieren. Ein Forschungsfeld, an dessen Erschließung Jenkins selbst maßgeblich beteiligt war und in dem er mithin als Koryphäe gilt. Jenkins hat eine lange Forschungstradition vorzuweisen. Er gründete 1993 das ‚Comparative Media Studies Program‘ am Massachusetts Institute of Technology mit und war 15 Jahre lang dessen Direktor. Er ist Autor, bzw. Editor von insgesamt 12 Büchern, die sich mit Aspekten der Medien- und Popkultur auseinandersetzen. Er fördert darin Erkenntnisse zutage, die die Manager großer Medienkonzerne zum Lockern des Krawattenknotens bringen können. Sein 2006 erschienenes Buch „Convergence Culture“ macht da keine Ausnahme. Was er beschreibt, deutet nichts Geringeres als den kompletten Umbruch der Medienbranche an. „Convergence is coming and you had better be ready.“

Where old and new media collide

Was haben ‚The Matrix‘, ‚American Idol’ und ‚Star Wars’ gemeinsam? Die Beantwortung dieser Frage, die sich bei Jenkins Buch über 300 Seiten streckt, beginnt mit seiner Argumentation, dass sie alle Teil, Antrieb und Opfer zugleich, des Konvergenzprozesses sind, den er in der Medienwelt diagnostiziert.

„By convergence, I mean the flow of content across multiple media platforms, the cooperation between multiple media industries, and the migratory behavior of media audiences who will go almost anywhere in search of the kinds of entertainment experiences they want.“

…the flow of content across multiple media platforms…

In den explorativen Studien anhand besagter Beispiele, die Jenkins in seinem Buch kapitelweise vornimmt, erklärt er, was seiner Definition nach unter Konvergenz zu verstehen ist. ‚Matrix‘ war demnach nie einfach nur ein 1999 erschienener Cyber-Punk Film, der den postapokalyptischen Kampf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz darstellt. Vielmehr war ‚Matrix‘ der Anfang einer vielschichtigen Unterhaltungsmaschinerie, eines Franchises, das Fans auf eine Reise in ein Paralleluniversum mitzunehmen vermochte und sie dabei von einer Medienplattform zur nächsten führte. So wurden nach dem ersten Kinofilm Webcomics veröffentlicht, die den Haupthandlungsstrang mit Neo, Morpheus und Trinity um diverse Episoden ergänzten und weitere, tiefere Einblicke ins Matrixuniversum erlaubten. ‚Animatrix‚, eine auf DVD erschienene Serie von computeranimierten Kurzfilmen, war 2003 der nächste logische Schritt, in dem noch mehr Hintergrundinformationen zu Nebencharakteren und der Vorgeschichte der ‚Matrix‘ geliefert wurden. Über das erste Computerspiel ‚Enter the Matrix‘, den zweiten und dritten Film und das zweite, abschließende Computerspiel, das Massively Multiplayer Online Game (MMO) ‚The Matrix Online‘ wurde das Universum in einer fortlaufenden Story vollendet. Man hatte eine Umgebung geschaffen, in der diejenigen das meiste verstanden, die alle Veröffentlichungen rezipiert hatten. Denn sie waren in der Lage, verschiedene Handlungsstränge der Filme miteinander zu verknüpfen und Ereignisse erklären konnten, die in den Filmen nicht direkt aufgegriffen wurden. Die Wachowski Geschwister als Produzenten gaben zudem kryptische Interviews, in denen sie Fragen der Fans mit Fragen beantworteten, Hinweise auf Hinweise gaben und die verschiedensten Interpretationen ihrer Filme zuließen, was die Fankultur noch weiter anheizte, da man alles erklären und jede erdenkliche Bedeutung finden wollte. Jenkins charakterisiert das Matrix-Franchise mit dem Begriff ‚Transmedia Storytelling‘, also dem, was er in Verbindung zu Konvergenz als „flow of content across muliple media platforms“ bezeichnet. Jeder Teil liefert dabei eine wertvolle Ergänzung zum Universum.

…the cooperation between multiple media industries…

Lässt sich diese Entwicklung als eine auf horizontaler Ebene beschreiben, also dass sich verschiedene Plattformen aufeinander zu bewegen, so beschreibt Jenkins in einem anderen Kapitel auch eine Entwicklung auf vertikaler Ebene. War der Bereich der Fan Fiction im ‚Matrix‘-Universum noch relativ klein, explodiert dieser förmlich bei ‚Star Wars‘. Durch verbesserte technische Dispositionen werden Fans immer mehr dazu animiert, sich selbst als Produzenten hervorzutun und die originale Geschichte abzuändern oder durch eigens geschriebene Inhalte zu ergänzen. Produzenten und Konsumenten bewegen sich also auf vertikaler Ebene aufeinander zu, die Grenzen verschwimmen bis zu dem Punkt, an dem sich die Erschaffer der ursprünglichen Geschichte fragen müssen, wie sie mit Fan Fiction umgehen wollen – produktiv oder restriktiv. Das ‚Star Wars‘ Franchise unter George Lucas stolpert mit einer schizophrenen Haltung vom einen Extrem zum anderen, indem Fan Fiction zum Teil offiziell übernommen wird. Allerdings nur, wenn sie sich entlang bestimmter, vorgegebener Regeln entwickelt. Neben der Frage nach Urheberrechten spielen hier vor allem finanzielle Motive eine Rolle, da Unternehmen schließlich nur mit Inhalten Geld verdienen können, die zweifelsfrei ihnen gehören. Schaffen sie es allerdings sich den Konvergenzprozessen anzupassen, bieten sich viele Chancen. Diese stecken laut Jenkins nämlich vor allem in der industrieübergreifenden Zusammenarbeit der Konzerne, um weiterhin Franchises, bzw. Universen im Stile von ‚Matrix‘ oder ‚Star Wars’ zu erschaffen. Inhalte können über solche Wege vermarktet werden und in einer Zeit, in der Märkte zunehmend fragmentieren,  ist langfristige Kundenbindung so immer noch möglich. Beispielhaft hierfür analysiert Jenkins ‚American Idol‘. Coca Cola, Ford und der amerikanische Mobilfunkkonzern AT&T arbeiteten eng mit den Produzenten von ‚American Idol‘ zusammen, um die Beliebtheit des Formats einerseits zu steigern und andererseits davon zu profitieren. Coca Cola und Ford drehten jeweils Werbespots mit Akteuren und AT&T versuchte, die Abstimmung über die Kandidaten per SMS durchzusetzen. Konnten die Konzerne so auf der Welle der Beliebtheit mit schwimmen und Product Placement forcieren, so unterschätzten sie die vermeintlich harmlosen Konsumenten allerdings drastisch.

…the migratory behavior of media audiences…

Durch die Möglichkeiten des Internets bilden Konsumenten in rasantem Tempo Gemeinden und tauschen Informationen aus. Daraus entstehen Wissenskulturen, die nach dem Prinzip funktionieren, das eine Gruppe immer mehr wissen und deuten kann, als ein einzelnes Individuum. Im Fall von ‚American Idol‘ wurde in der drittel Staffel bekannt, dass die Wahlen von den Produzenten manipuliert wurden, um bestimmte Kandidatenkonstellationen zu inszenieren. Das negative Echo der Community fiel entsprechend stark aus und traf nicht nur die Produzenten, sondern auch die Sponsoren der Sendung, die sich so nah an das Format gebunden hatten. Jenkins wertet diese Gruppenbildung als weiteren Indikator für die längst unaufhaltbare Konvergenz, die die Medienbranchen erfasst hat und alle Unternehmen verschlingen wird, die sich ihr nicht anpassen. Ein Prozess, dessen Regeln niemand genau kennt, der wesentlich schwerer wird, als er sich vielleicht anhören mag und den man nur überlebt, wenn man sich anpasst und zusammenarbeitet.

Suche Forschungsfeld

Henry Jenkins Buch „Convergence Culture“ wurde äußerst positiv rezensiert und gilt als ein „Must-Read“, wenn man sich mit diesem Gebiet der Medienkultur auseinandersetzt – es ist auch das einzige, das sich mit genau diesem Phänomen befasst. Jenkins forscht hier auf einem Territorium, das ohne Weiteres noch als terra incognita bezeichnet werden darf, weil es schlicht und ergreifend noch nicht lange existiert  zumindest nicht in dieser Form. Das soll dem Ruf des Buches keinen Abbruch tun, sondern lediglich eine vorsichtige Skepsis nahelegen. Denn so sehr Jenkins Worte zu überzeugen vermögen, so bleibt er bei gewissen Begriffen doch eine harte, endgültige Definition schuldig. Es ist auch kein Wunder, denn Jenkins gibt sein Bestes, will allerdings Fehler vermeiden. Begriffe genau abzugrenzen, die noch nicht annähernd erforscht sind, ist denkbar unmöglich und so muss man Jenkins durchaus hohen Respekt für seine explorative Pionierarbeit zollen, die für den Moment als theoretische Forschungsbasis gewertet werden darf. Es liegt an Jenkins selbst, sowie an anderen Forschern, jetzt an der Überprüfung seiner Thesen zu arbeiten.

Zwei Seelen, ach in meiner Brust

Lesen lohnt, in jedem Fall. Selbst wenn er, wie erwähnt, stellenweise ein wenig schwammig wird, so nimmt er den Leser dennoch auf eine bunte Reise durch die digitale Medienkultur und -geschichte mit, auf der man viel Zeitgeschichtliches erfährt. Jenkins schreibt sehr verständlich, greift viele Themen sinnvoll auf und gibt Erklärungen und Denkanstöße. Es ist nicht nur das Buch eines Wissenschaftlers, sondern auch das eines Fans, der eben nicht nur beschreibend vorgeht, sondern begeistert ist. Diese Begeisterung steckt an, was das Buch gleich in mehreren Hinsichten durchaus lesenswert macht.

 

Bilder: flickr/dan4th (CC BY 2.0), flickr/poulepondeuse_coakes (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/peyri (CC BY-ND 2.0)