Desinformationen beim Klimawandel. Wie geht man mit Falschinformationen auf sozialen Medien um?

– Dr. Felix Schilk im Interview Teil 2

Von Jacob Spiegl

Ein Link in der WhatsApp Familiengruppe, eine fragwürdige Person im Feed auf Instagram oder TikTok, oder vielleicht sogar ein Freund. Teils haben alle etwas gemeinsam und das ist die Verbreitung von Desinformationen. In Bezug auf den Klimawandel kann das nicht nur zur Verharmlosung des Problems führen, sondern außerdem das Ausbremsen von Klimaschutzmaßnahmen begünstigen.

Im zweiten Teil geht es um den Umgang mit Desinformationen. Das Problem ist häufig, dass Inhalte nicht kritisch hinterfragt werden oder wegen des Nicht-Verstehens neuer digitaler Möglichkeiten gar völlig unkritisch übernommen werden. Was kann man dagegen tun? Das sagt Dr. Felix Schilk zum Thema.

Zur Person:

Dr. Felix Schilk ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Medienwissenschaften in Tübingen. Er ist Teil des Teams des Forschungsprojekts “Rechte Immersion und engagierte Öffentlichkeiten.” Dieses untersucht den Einfluss rechter Lebenswelten und Weltanschauungen auf Personen. Im Vordergrund stehen verschiedene mediale Strukturen und Strategien. Konkret wird erforscht, wie rechtsextremes Wissen an alltagsweltliche und wissenschaftliche Anschauungsweisen anschließt, diese politisch instrumentalisiert und Resonanz in der Bevölkerung erzeugt. Auch Klimawandelleugnung hat hiermit Berührungspunkte.

Lösungsansätze gegen Desinformationen

Desinformationen beim Klimawandel nutzen wirtschaftlichen Interessengruppen mit einer Nähe zu fossilen Energiekonzernen. Ihre Verbreitung ist im digitalen Zeitalter durch die erleichterte Teilhabe an Informationsproduktion besonders leicht. Das ist ein Grund, warum sie so gut funktionieren. Dies erklärte Felix Schilk im ersten Teil des Artikels.
Nun stellt sich allerdings die Frage, was konkrete Lösungsansätze gegen Desinformationen sein könnten.
Die Bundesregierung zum Beispiel möchte die “Medienkompetenz“ der Bürger:innen fördern, sowie den institutionellen Journalismus stärken. Die Bundeszentrale für politische Bildung spricht unter anderem von “Faktenchecks“. Was davon ist hilfreich? Und was könnten weitere Hilfsmittel, für uns und andere, sein?

Kann zum Beispiel Medienkompetenz dem entgegenwirken?

Schilk: Medienkompetenz muss man lernen und kritisch reflektieren. In Schulen und Studiengängen gibt es heute eine größere Sensibilität für die Wichtigkeit des Themas und eine größere systematische Auseinandersetzung damit. Mir bekannte Studien belegen, dass wenn Menschen für Medienkompetenz sensibilisiert werden und dann Desinformation, oder Verschwörungstheorien ausgesetzt werden, tendenziell weniger dafür anfällig sind. Das spielt dann auf das sogenannte “Debunking” an. Das wird vor allem bei Verschwörungstheorien eingesetzt, kann aber auf Desinformationen übertragen werden. Da lernen die Adressaten, sich mit dem Content auf einer Meta-Ebene auseinanderzusetzen. Sie lernen zum Beispiel, was typische Argumentationsmuster, rhetorische Tricks, oder klassische Narrative von Desinformationen sind. Es wird dann einfacher, eine skeptische Lesehaltung zu entwickeln.

Reicht Medienkompetenz aus?

Schilk: Medienkompetenz ist eine wichtige Kompetenz, allerdings reicht diese nicht aus. Man darf auch nicht den Trugschluss ziehen, dass medienkompetente Leute nicht auch auf Desinformationen reinfallen, oder dass alles an Medienkompetenz liegt. Ich glaube letztendlich hilft da vor allem auch nur eine dauerhafte und permanente Sensibilisierung und kritische Hinterfragung. Wir alle rutschen bei unserem Medienkonsum schnell in Routinen und sind einem “Dauer-bombardement” an Informationen ausgesetzt. Das Problem bei Medienkompetenz ist, dass sie Zeit beansprucht. Man sollte sich zum Beispiel immer fragen: Woher kommt die Information? Wie funktioniert sie? Was daran ist suggestiv? Was ist persuasiv? Was ist das für eine Quelle und ist sie glaubwürdig?
In der alltäglichen Informations-Hektik ist es eher schwer, sich das bei jedem Video oder Bild etc. zu fragen. Ich denke, ein wichtigeres Ziel wäre es, zum einen eine individuelle Routine zu entwickeln und zum anderen vor allem Räume oder Formate zu schaffen, in denen der eigene Medienkonsum kritisch hinterfragt und analysiert wird. So kann die Bereitschaft von Personen erhöht werden, sich kritisch mit ihrem Konsum auseinanderzusetzen und vielleicht sogar den Willen dafür zu schaffen, die Architektur von sozialen Medien so umzubauen, dass diese Bereitschaft begünstigt wird.

Was sind Werkzeuge und Methoden, um kritisch zu hinterfragen?

Schilk: Nehmen wir als Beispiel Bilder. Sie transportieren viel auf unbewusster Ebene.
Sie können selektiv sein, ein Framing haben und Deutungen nahelegen. Es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, gerade wenn man den Kontext nicht kennt.
Dabei gibt es unterschiedliche Arten von Desinformation. Teilweise lügen sie ganz plump, erfinden Informationen oder Zitate, reißen Bilder aus dem Kontext oder erzeugen Fakes per KI. Dabei kann eine einfache Bilder Rückwärtssuche helfen oder Programme, die KI-Bilder erkennen. So gehen auch Journalist:innen vor. Es wird sachlich überprüft, ob die Person X, das zu diesem Zeitpunkt wirklich gesagt hat, bzw. ob das überhaupt möglich war.
Dann gibt es auch forensische Methoden. Dabei sind die Tötungen durch ICE ein gutes Beispiel. Da wird dann Videomaterial vielfältig ausgewertet, mit anderem Material kombiniert, eine Situation aus verschiedenen Winkeln untersucht, um herauszufinden, ob das wirklich so stattgefunden hat, wie behauptet.
Schwieriger wird es bei einer Art von Desinformation, die per se gar nicht lügt. Sie ist selektiv, lässt Dinge aus, reißt sie aus dem Kontext, oder liefert diesen gar nicht erst mit. So sind die Informationen zwar sachlich richtig, suggerieren aber eine fragwürdige Deutung. Das ist dann gefährlich, weil es auch eine Grauzone darstellt. Das kann man sich dann wie ein Spektrum vorstellen, in dem dann politische Diskussionen über das richtige Framing der Situation entstehen. Ein Kampf um Deutungshoheit praktisch. Das ist dann auch die effektivste Version von Desinformation.

Wie kann man anderen Leuten helfen?

Schilk: Desinformationen stützen bei Personen eine bestimmte Identität bzw. ein bestimmtes Weltbild. Das heißt, es bringt weniger etwas, diese Desinformation gerade rücken zu wollen, sondern an dem Identitätsstiftendem, dem Weltbild anzusetzen, das von der Desinformation erschaffen wird. Das wegzunehmen ist falsch, denn es hat eine wichtige psychologische Funktion. Ein pädagogisches Ziel wäre es, bei Personen ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum sie so denken und was es ihnen bedeutet und weiter eine Bereitschaft zu entwickeln, auch anders zu denken, bzw. sich von dem Weltbild zu lösen.
Dabei ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen bzw. eine Form von Akzeptanz, und wenn die dann existiert, ist es leichter für Menschen sich selbst in Frage zu stellen. Darum geht es letztendlich, dass Menschen Teile ihrer Identität hinterfragen und sich neugestalten und erfinden. Das ist ein anspruchsvoller Prozess, der Zeit und Räume beansprucht, bei dem vor allem Menschen nicht direkt sanktioniert oder bestraft werden sollten. Je stärker Äußerungen sanktioniert werden, desto schwerer ist es auch für Personen, davon loszulassen.

Fazit
Desinformationen sind ein hoch aktuelles Thema. Nicht nur weil ihr Einsatz durch den neuzeitlichen Medienwandel begünstigt wird, sondern auch bei zeitgenössischen Themen, wie dem Klimawandel aktiv eingesetzt wird. Dabei ist eine individuelle kritische Hinterfragung notwendig, aber auch eine gesellschaftliche Bereitschaft dafür, etwas zu ändern. Wichtig ist jedoch zu erkennen, dass die Menschen in unserer Gesellschaft oder auch in unserem Umfeld nicht immer unsere Feinde sind. Es lohnt sich, den Dialog zu suchen, ins Gespräch zu kommen, um einander zu verstehen und vielleicht sogar wieder zu vertrauen. Denn Spaltung bringt uns am wenigsten und am meisten industriellen Interessengruppen, wie fossilen Geschäftsmodellen.

Quellen zum Nachschlagen und Weiterlesen

  • Zu Dr. Felix Schilk: https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/philosophie-rhetorik-medien/institut-fuer-medienwissenschaft/institut/personen/schilk-felix-dr/
  • Zum Forschungsprojekt Rechte Immersionen und engagierte Öffentlichkeiten: https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/philosophie-rhetorik-medien/institut-fuer-medienwissenschaft/institut/lehrstuehle/lehrstuhl-fuer-transformationen-der-medienkultur/rechte-immersion-und-engagierte-oeffentlichkeiten/
  • Bundesregierung gegen Desinformationen: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/schwerpunkte/DE/desinformation/massnahmen-der-bundesregierung.html
  • BPB über Desinformationen: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/medienkompetenz-355/539986/fake-news-misinformation-desinformation/
  • Thema Debunking: https://umweltakademie.baden-wuerttemberg.de/documents/30713/759126/Prebunking%20und%20Debunking.pdf
  • Mehr zu Desinformationen: https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/desinformation/