Brechend schlecht? Synchronisation in Deutschland

von Sebastian Luther

Segen oder Fluch? Hilfe für Leute ohne solide Fremdsprachenkenntnisse, oder vergeudete Chance, eine Fremdsprache idiomatisch zu lernen? Nicht nur im Nörgeln und im Maschinenbau ist Deutschland gefühlter Weltmeister, sondern auch im Synchronisieren ausländischer Serien und Filme. Von der Spurensuche im deutschen Sprachfetischismus und Verbrechen im Kampf zwischen Original und Synchronisation.

Deutschland, ein Sprachmärchen

Was anderen Ländern leicht fällt, da tun sich die Deutschen manchmal schwer. Nationalstolz ist so ein Fall. Auch bald 70 Jahre nach Ende des dritten Reichs ist er hierzulande noch anrüchig, verpönt, gar despektierlich. Große Fußballereignisse wirken da wie konzentrierter Traubenzucker für das Bedürfnis vieler Bürger, ihre Zugehörigkeit zur Nation gleich mehrfach auszurücken. Das lässt während der restlichen Zeit einerseits Freiraum, um über Berechtigung und Notwendigkeit von Nationalstolz generell nachzudenken. Andererseits lenkt es die Aufmerksamkeit verstärkt auf Bereiche, in denen die Deutschen sehr viel ungenierter mit dem ihnen Gegebenen umgehen. Denn ein Blick in die Kino- und Fernsehlandschaft lässt kaum einen Zweifel: Die Deutschen lieben ihre Sprache. Filme und staffelweise Serien werden eingekauft und mit enorm hohem Aufwand synchronisiert.

Als erstes muss eine Übersetzung erstellt werden, deutsche Schauspieler müssen den übersetzten Originaltext nachsprechen (und vor allem auch spielen), Geräusche müssen häufig neu erzeugt werden, und schließlich muss die deutsche Tonspur richtig auf die Lippenbewegungen gesetzt werden, bis eine glaubwürdige deutsche Fassung entstanden ist“,

beschreibt die Webseite synchronkartei.de treffend. Der Bundesverband Deutscher Synchronproduzenten (BVDSP) schätzt das Gesamtvolumen der Branche auf 90 bis 100 Million Euro pro Jahr, die professionelle Synchronisation eines Kinofilms kostet zirka 40.000 bis 50.000 Euro. Auch wenn der Preisdruck enorm ist und im Staate Synchronisation viel faul zu sein scheint, so sieht RTL in den hochwertigen Synchronisierungen amerikanischer Serien einen wesentlichen Grund für deren Erfolg in Deutschland. Doch das allein beantwortet die Frage nicht, warum wir diese Version unbedingt vorziehen. Sind Synchronisationen unsere Form von vorsichtigem Nationalstolz oder doch Gewöhnungssache?

 Ich ♥ das Deutsche

Qualität also hin oder her, warum keine Originale? Die Ursachenforschung präsentiert hier, wie meistens, verschiedene Gründe, die zusammenspielen. Der offensichtlichste Grund dürfte sein, dass deutsche Fassungen immer noch mehr Menschen erreichen als englische oder gar französische. Eine größere Zielgruppe bedeutet logischerweise mehr potentielle Kunden. Und was mehr Kunden für ein Unternehmen bedeuten, bedarf keiner Erklärung.

Auch die Alternativen zu Synchronisationen erscheinen momentan nicht attraktiv. So verspüren wohl nur sehr wenig Menschen Lust, beim Fernsehen oder im Kino ständig auf Untertitel zu kucken. Das lenkt einerseits von der Bildebene ab und nimmt im Ernstfall spannende Wendungen vorweg. Andererseits ist der Reflex, die Untertitel zu lesen, durch das den Imperativ des geschriebenen Worts nur sehr schwer zu unterdrücken, weshalb auch diejenigen ein minderwertiges Erlebnis haben, die die Sprache eigentlich beherrschen. Da bleibt gezwungenermaßen nur noch die Originalfassung, die für noch weniger Zuschauer verständlich ist. Der finanzielle Teufelskreis für Originale schließt sich hier, wenn das Fehlen einer deutschen Synchronisation weniger Zuschauer für die teuer gekaufte Serie bedeutet. Kosten können nicht gerechtfertigt werden und auch in Zukunft wird kein Original eingekauft.

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Wenn wir im Kino sind, wollen wir alles verstehen. Wenn wir eine Serie im Fernsehen ankucken, wollen wir quasi-mühelos unterhalten werden. Aber genau so gerät ein wichtiger künstlerischer Aspekt unter die Räder des akkuraten Deutschen mit seinen preisgekrönten Maschinen. Kulturelle Codes auf sprachlicher Ebene lassen sich sehr schwer in eine andere Sprache übertragen. Dabei sind es genau diese Informationen, die uns helfen, ein tieferes Verständnis für einen Film zu gewinnen. Die Synchronisation wirkt hier wie ein akustisches Beruhigungsmittel. Wir haben ja alles verstanden, warum also nachforschen? Sieht man die Serie oder den Film dagegen mit Originalton und versteht mal was nicht, so besteht wenigstens noch die Möglichkeit, dass man versucht, das Missverständnis aufzuklären. Dabei lernt man ganz nebenbei idiomatische Formulierungen einer Fremdsprache.

In der Einheitswelt der Synchronisation ist dafür kein Platz mehr. Der Reiz, der Flirt mit dem Fremden wird glatt gebügelt: Sprichwörter und Wortwitze, die nicht übersetzt werden, Gesangseinlagen, Anspielungen sowie Dialekte, die verloren gehen. Eine Synchronisation muss den Spagat zwischen eigener Sprachidentität und der der Fremdsprache schaffen. Die zwangsläufigen Diskrepanzen erschaffen schließlich eine armseelige Kreatur, die nicht zwei Seelen in ihrer Brust hat, sondern gleich zwei Köpfe auf den Schultern trägt, die sich gegenseitig zerfleischen: Synchron-Deutsch. Kantige Formulierungen, die nicht zur Situation passen. Lippenbewegungen, die etwas völlig anderes vermuten lassen. Und Übersetzungsfehler, die, in aller gebotenen Mäßigung, einfach scheußlich sind. Selbst wenn es eine gelungene Synchronisation schafft, diese Stolperfallen zu vermeiden, bleibt immer noch der drückende Gedanke, dass sich manche Dinge einfach nicht übersetzen lassen und so ein Witz einfach verloren geht, in den Weiten einer transzendenten Zwischenebene von Übersetzung und Original, die keinen Interpretationsspielraum mehr zulässt.

English Speaker, Englisch Sprecher

Alleine ist Deutschland mit seiner Synchronisationskultur allerdings nicht gänzlich, wie diese Karte zeigt. Auch zum Beispiel Frankreich, Italien und Spanien nutzen Synchronisationen. Allerdings wird in vielen Ländern Osteuropas aus Kostengründen von einer Synchronisation abgesehen – dort werden Filme mit Untertiteln in den jeweiligen Landessprachen gezeigt. Auch in Skandinavien wird nicht synchronisiert – die meisten Menschen dort sind gegen eine Synchronisation. In Russland und Polen gab es lange die Praktik, im Voice-over in der Landessprache über die Englische Originaltonspur zu sprechen. Die gleiche Technik wird in Deutschland oft bei Interviews in einer andren Sprache oder bei Live-Übersetzungen verwendet. Doch die Tendenz dazu ist abnehmend, viele Filme werden heute professionell synchronisiert.

Und natürlich sollte nicht jeder in der Lage sein müssen, das Oxford Dictionary aus dem Effeff zitieren zu können, nur damit man ins Kino gehen kann und auch etwas versteht. Auch hier öffnet sich der Markt langsam und heiß antizipierte Filme, wie der neue James Bond oder Batman, können in ausgewählten Kinos auf englisch gesehen werden. Wer seine Unterhaltung mit originaler Sprachausgabe genießen will, der wird wohl fündig werden. Wer sich nach Feierabend nur noch ein wenig berieseln lassen möchte, oder einfach nicht viel englisch spricht, für den ist ebenfalls gesorgt. Der Trend zu mehr Original ist jedoch durchaus positiv zu bewerten.

Fotos: flickr.com/Keith Bloomfield (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/sminor (CC BY-NC-ND 2.0)

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