Gesundheit und Wohlstand, die unterschätzten Faktoren beim Klimaschutz?

Von Jan Pfretzschner

Bill Gates Forderung nach einer „Kehrtwende“ im Klimaschutz hat auf der COP 30 eine Kontroverse ausgelöst. Der Fokus sollte mehr auf Armutsbekämpfung, Gesundheit und globalen Wohlstand gelenkt werden. Dieser Ansatz als Grundlage wirksamer Klimapolitik, findet sich auch in den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen wieder.

In seinem Essay hat Bill Gates auf der Weltklimakonferenz COP 30 im November 2025, mit dem Vorschlag zur „Kehrtwende“ im Klimaschutz für Aufregung gesorgt.
Mit Kehrtwende ist allerdings nicht gemeint, dass Gates den Klimawandel leugnet bzw. eine Abkehr von Klimaschutzmaßnahmen fordert, sondern eher ein Umdenken vorschlägt, welche Prioritäten im Klimaschutz gelten sollten.

Oder um es in den Worten von Bill Gates zu formulieren: „It’s time to put human welfare at the center of our climate strategies, which includes reducing the Green Premium to zero and improving agriculture and health in poor countries.“

Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit sind also zentrale Voraussetzungen für wirksamen Klimaschutz. In seinem Essay formuliert Bill Gates drei „harte Wahrheiten über den Klimawandel“. Erstens erkläre er, der Klimawandel werde nicht das Ende der Zivilisation sein. Zweitens argumentiere er, die Temperatur sei nicht die beste Methode, um Fortschritte beim Klimaschutz zu messen. Drittens betone er, Gesundheit und Wohlstand seien die beste Verteidigung gegen den Klimawandel.

Von MDGs zu SDGs: Ein Überblick

Das Interessante ist hierbei, dass die letzte Wahrheit eigentlich nicht ein neugedachter revolutionierender Ansatz von Gates selbst ist. Anfang 2000 haben die Vereinten Nationen in New York in die sogenannte Millenniumserklärung verabschiedet, aus welcher sich später acht internationale Entwicklungsziele abgeleitet haben, die „Millennium Development Goals“, kurz MDGs. Die MDGs umfassten Ziele bis 2015, darunter die Halbierung der extremen Armutsrate, die Bekämpfung von HIV/AIDS sowie die Sicherstellung einer allgemeinen Grundschulbildung.

Aus den Millenniumszielen entwickelte sich dann 2015 die Agenda 2030, in welcher die Vereinten Nationen nun aus den ehemals 8 MDGs die 17 Ziele zur Nachhaltigen Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) verabschiedete. In der Zusammenarbeit mit dem Pariser Abkommen strebt die Agenda 2030 Frieden und Wohlstand für alle und jeden auf der Welt, für die Gegenwart und eine klimagerechtere Zukunft durch den Einklang von Klimapolitik, nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung. Die Agenda fordert dabei ausdrücklich, die Schwächsten und Verwundbarsten in den Mittelpunkt zu stellen, getreu das Motto „leave no one behind“.

Gates Anspruch an Wohlstand und Gesundheit findet sich auch in den Klimazielen: Das erste SDG „Keine Armut“ und das dritte Ziel „Gesundheit und Wohlergehen.“. Es gibt noch weitere SDGs die direkt oder indirekt zur Gates Aussage dazu passen, etwa SDG 10 „Keine Ungleichheiten“ oder SDG 16 „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen, doch der Artikel fokussiert sich übersichtshalber auf die Ziele 1 und 3. Das Ziel „Keine Armut“ strebt an, Armut in allen ihren Formen und überall zu beenden, in dem u.a. alle Menschen durch Sicherungsleistungen geschützt sind. Das dritte Ziel verfolgt das Anliegen, ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern.

Umsetzung der SDGs in Deutschland

Die Bundesregierung hat auf Ihrer Homepage den Plan zur konkreten Umsetzung der SDGs, die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie, für alle kostenlos und barrierefrei zum Download zur Verfügung gestellt.

So viel zur Umsetzung auf Bundesebene – doch wie sieht es auf kommunaler Ebene aus? Die erfolgreiche Umsetzung der Agenda 2030 beruht unter anderem auf enger Kooperation vor Ort. In SDG-Partnerschaftskonferenzen treffen Erfahrungsaustausch, der Aufbau kommunaler Netzwerke und die Förderung neuer Partnerschaften zusammen. Ermöglicht werden sie unter anderem durch die Engagement Global. Engagement Global ist eine zentrale Anlaufstelle in Deutschland für entwicklungspolitisches Aktivitäten sowie der Informations- und Bildungsarbeit in diesem Bereich. Mittels sogenannter SDG-Kommunalchecks bieten Institutionen wie das Zentrum für Verwaltung und Forschung Möglichkeiten für praktische und projektbezogene Anwendungen der Nachhaltigkeitsziele.

Das SDG-Portal ermöglicht es, kommunale Fortschritte bei den Nachhaltigkeitszielen anhand von Indikatoren einzusehen, auszuwerten und zu vergleichen.

Was Hochschulen zur nachhaltigen Entwicklung beitragen können

Aber nicht nur Kommunen, auch Hochschulen können Ihren Beitrag zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele beitragen. Ein Beispiel für universitäre Nachhaltigkeitsaktivitäten wäre das Verbundprojekt KuNaH (Kultur der Nachhaltigkeit an Hochschulen), ein Forschungsprojekt der Universität Tübingen, der Freien Universität Berlin, der Leuphana Universität Lüneburg, der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde sowie des Karlsruher Institut für Technologie.

Das Projekt beschäftigt sich, laut Angaben der Koordinatorin von KuNaH Vanessa Weihgold, mit der Beschreibung, Erfassung und Etablierung von Kulturen der Nachhaltigkeit in Hochschulen und in Hochschulsystemen. Ziel des Projekts ist es, eine Kultur der Nachhaltigkeit zu fördern – also Nachhaltigkeit nicht nur in einzelnen Projekten, sondern dauerhaft in Strukturen, Entscheidungsprozessen und im Alltag der Hochschulen zu integrieren. Eine Kultur der Nachhaltigkeit ist laut Weihgold eine gelebte Praxis, die sowohl formelle als auch informelle Prozesse zur Gestaltung von Grundannahmen, Zielen, Regelsystemen und systemischen Rahmenbedingungen umfasst. Das Projekt arbeitet mit sogenannten Realexperimenten, in denen neue Ansätze gemeinsam mit Hochschulmitgliedern erprobt werden.

Ein Beispiel eines solchen Realexperimentess liefert die Universität Tübingen KuNaH und das Kompetenzzentrum für Nachhaltige Entwicklung, organisierte ein Vernetzungstreffen. Dazu wurden Studierende und Mitarbeiter der Universität eingeladen um über Ansätze der Nachhaltigkeit innerhalb des universitären Betriebs zu sprechen. Hierbei stellte sich das Thema Wellbeing und mentale Gesundheit als besonders wichtig heraus. Wie auch das SDG 3 „Gesundheit und Wohlergehen“ gilt der Erhalt und die Ermöglichung von Gesundheit als ein zentrales Ziel nachhaltiger Entwicklung.

Daraus entstand das Realexperiment Wellbeing@Uni-Tübingen. Dafür wurde eine neue Seite auf der Website der Universität Tübingen eingerichtet, die den Zugang zu bedarfsorientierten Angeboten erleichtert und so zu einer Kultur der Nachhaltigkeit im Hochschulalltag beiträgt.
Das Projekt stärkt das Bewusstsein für individuelles und kollektives Wohlbefinden – insbesondere in Bezug auf physische, soziale und mentale Gesundheit – und setzt einen ersten Impuls, dieses Thema langfristig stärker an der Universität zu verankern.

Zusammenfassend zeigt sich, dass das Wohlbefinden des Einzelnen weder für den Klimaschutz noch für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung isoliert betrachtet werden kann, sondern als integraler Bestandteil beider Ziele mitgedacht werden muss.

Quellen:

Verwendete Bilder: