FSK: Sexuell befangen?

von Alexander Karl

Es gibt wohl wenige große deutsche Filme, die eine Coming-of-Age-Geschichte nicht im heterosexuellen Milleu ansiedelt, sondern den Schritt in die LGBT-Welt wagt. „Sommersturm“ war einer dieser Filme, scheiterte aber an den Kinokassen. Nun als „Romeos… anders als du denkst„. Doch die FSK setzt die Freigabe auf 16 Jahre – mit einer fragwürdigen Begründung.

Darum geht’s

„Romeos“ erzählt die turbulente Liebesgeschichte von Lukas und Fabio, die durch Lukas‘ Transsexualität deutlich erschwert wird. Die Filmemacher wollten den Film ab 12 Jahren freigeben lassen, doch die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) hielt den Daumen darauf und entschied, dass erst Jugendliche ab 16 den Film sehen dürfen. Die Regisseurin Sabine Bernardi stellte die Begründung online. Hier ein Auszug der Entscheidung:

Das Thema selbst ist schon schwierig für 12- bis 13-Jährige und die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen. Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken, auch wenn der Film auf Bildebene nicht schamverletzend ist und niemanden diffamiert.

Die FSK und die Entscheidung

Nun ist die FSK aber auch online präsent und schildert dort die Kriterien, die für die Einteilung der Altersstufen herangezogen werden. Dort heißt es für die Altersfreigabe ab 12 Jahren:

Bei Kindern und Jugendlichen dieser Altersgruppe ist die Fähigkeit zu distanzierter Wahrnehmung und rationaler Verarbeitung bereits ausgebildet. […] 12- bis 15-jährige befinden sich in der Pubertät, einer Phase der Selbstfindung, die mit großer Unsicherheit und Verletzbarkeit verbunden ist. Insbesondere Filme, die zur Identifikation mit einem „Helden“ einladen, dessen Rollenmuster durch antisoziales, destruktives oder gewalttätiges Verhalten geprägt ist, bieten ein Gefährdungspotenzial. Die Auseinandersetzung mit Filmen, die gesellschaftliche Themen seriös problematisieren, ist dieser Altersgruppe durchaus zumutbar und für ihre Meinungs- und Bewusstseinsbildung bedeutsam.

Aus dieser Erklärung könnte man für den Film „Romeos“ also zweierlei ableiten: Die Helden haben ein antisoziales oder destruktives Rollenmuster (in diesem Fall wohl ihre Sexualität) und bieten damit Gefährdungspotenzial. Oder aber die gesellschaftlichen Themen werden nicht seriös problematisiert.

Schnell wird das Paradoxon deutlich: Es kommt ein Film heraus, der aus dem schwarz-weiß der heterosexuellen (Film-)Welt hinausfällt und somit eine deutliche gesellschaftliche Relevanz inne hat. Doch, wie es in der Begründung zu „Romeos“ heißt, könnte das zu einer „Desorientierung der sexuellen Selbstfindung führen“. Wird damit unterstellt, dass „Romeos“ die Kinobesucher zu homosexuellen Menschen macht? Denn die Begründung, dass die häufigen Partnerwechsel für die Jugendlichen „verwirrend“ wirken können, ist kaum nachvollziehbar wenn man einmal schaut, welche Filme ansonsten für 12-Jährige zugelassen werden:

Da wäre natürlich „Sex and the City“ (Der Film), in dem Samantha ihre Nachbarn bei sehr expliziten (heterosexuellen) Praktiken beobachtet. Oder „Das Leben des David Gale“, in dem eine Frau sich selbst erstickt und der Zuschauer den Todeskampf sehr realistisch mitverfolgen kann. Auch in „Keinohrhasen“ – der sogar eigentlich ab 6 Jahren freigegeben werden sollte – spielt Sex eine große Rolle und nicht zu vergessen „The Hangover“, in dem nicht nur nackte Asiaten durch die Gegend springen, sondern Drogenkonsum den Plot erst möglich macht.

Schaut man in den Schluss der Begründung, findet man den Satz, dass der Film eine „verzerrte Realität“ wiederspiele. Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, sagt hierzu: „Schwule, lesbische und transsexuelle Jugendliche existieren wirklich. Wenn die FSK meint, schon die filmische Auseinandersetzung mit diesem Thema sei Jugendlichen nicht zuzumuten – wie sollen Jugendliche auf die Konfrontation mit der Wirklichkeit vorbereitet sein?“

Vielleicht sollten die Damen und Herren der FSK einmal einem Kölner Schwulenclub einen Besuch abstatten um zu überprüfen, ob die „Realität“ des Films tatsächlich verzerrt ist oder einmal selbst die eigene gesellschaftliche Sicht in Frage stellen. Denn nicht umsonst wird die Entscheidung der FSK bereits als ‚homophob‚ oder ’sexuellen befangen‘ bezeichnet.

UPDATE: Die FSK hat sich für die unglückliche Formulierung entschuldigt.

UPDATE 2: Die FSK hat Romeos jetzt doch für 12 Jährige zugelassen.

Das ist übrigens der Trailer des Films:

Foto: © by PRO-FUN MEDIA

HIV und die Medien

von Alexander Karl

Am 1. Dezember wird man wieder überall rote Schleifen sehen – denn dann ist Welt-Aids-Tag. Die Gefahren von HIV und AIDS sind schon seit über 20 Jahren bekannt, doch wie griffen und greifen die Medien das Thema auf?  Und wird noch immer mit Stereotypen – etwa Homosexuellen oder Drogensüchtigen – gearbeitet?

Die Berichterstattung beim Ausbruch

Elke Lehmann schrieb 2003 in ihrer Dissertation zur Berichterstattung der Medien über das Aufkommen des HI-Virus: „AIDS wurde sogar als eine Epidemie der Medien bezeichnet. Eine Krankheit mit einer geringen Inzidenz, auf deren Existenz die Öffentlichkeit von den Medien aufmerksam gemacht wurde.“ Doch zunächst, so  Lehmann, wurde zu Beginn der AIDS-Epedemie in nur sehr wenigen Zeitungen und Magazine über das Problem berichtet. Denn zumeist ging man davon aus, dass der Virus das Problem einer (homosexuellen) Randgruppe sei, die keinerlei Bedeutung für die alltägliche Berichterstattung habe. Mit Verweis auf Virginia Berridge (1996) stellt sie die folgenden Stationen der Berichterstattung fest:

„Der erste, in den frühen achtziger Jahren, war gekennzeichnet durch die Bezeichnung als ‘Schwulenseuche’, dieser Term wurde sowohl von der Boulevardpresse, als auch von qualitativ guten Zeitungen verbreitet. Ab Mai 1983 wurde die mögliche Ansteckungsgefahr von Heterosexuellen aufgrund von kontaminiertem Blut an die Öffentlichkeit herangetragen. Dadurch wurden erstmals auch Frauen als eine mögliche Risikogruppe beschrieben. Ebenso wurde in dieser Zeit über Afrika als Ursprung der Krankheit debattiert.“

Dass HIV und AIDS schlussendlich doch in den Medien als globales Problem betrachtet wurde, ging auch auf den Tod des Schauspielers Rock Hudson 1985 zurück. HIV und AIDS bekamen nun ein Gesicht und schafften somit den Sprung in die Köpfe der Menschen. Die erzeugten Bilder kokettierten aber noch immer mit dem Unmoralischen. So schrieb The Times 1985:  „Wie auch bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten erhöht sich die Gefahr, sich zu infizieren, durch eine hohe Zahl sexueller Kontakte und Promiskuität.“  Dabei ist aber HIV keine sexuell übertragbare Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein Virus, der nicht nur beim Sex, sondern auch durch Blut übertragen werden kann.

Der Beginn der Berichterstattung war also geprägt von Klischees und Unwissen, von Panik bis zur Angstlosigkeit. Aber wie wird HIV und AIDS heute in den Medien – vor allem auch im Fernsehen – dargestellt?

 

Heute im TV

Noch immer gilt das Fernsehen als eines der wichtigsten Medien – und da gerade in Serien versucht wird, die Realität abzubilden, tauchen immer wieder HIV-positive Charaktere auf. In der schwul-lesbischen US-Serie Queer as Folk wird die HIV-Thematik immer wieder in den Fokus gerückt. So sind in allen fünf Staffeln Betroffene Charaktere vertreten – so etwa der Uniprofessor Ben, den alternden und an Aids erkrankten Vic oder der Stricherjunge Hunter.

In Deutschland ist die ‚Lindenstraße‘ Vorreiter in der Konfrontation der Öffentlichkeit mit heiklen Themen und so auch bei HIV. Benno Zimmermann, eine Figur der ersten Stunde, erkrankte 1988 an HIV. Es wurde also nicht nur die Gefahr an sich thematisiert, sondern auch mit Stereotypen gebrochen. Denn Benno Zimmermann war nicht schwul, sondern hatte sich bei einer Bluttransfusion angesteckt.

Monika Siebenbach, Pressesprecherin der Lindenstraße, sagte media-bubble.de, dass es den Machern der Serie bereits damals darum ging, HIV und Aids nicht als schwules Problem darzustellen, sondern auch die Ausgrenzung von heterosexuellen Erkrankten zu beschreiben. 1999 wurde erneut ein HIV-Charakter eingeführt: Felix Flöter hatte sich bei seiner Mutter während der Geburt angesteckt. „Dadurch, dass Felix nach dem Tod seiner Mutter von dem homosexuellen Paar Carsten und Käthe adoptiert wird, treffen die Themen Homosexualität und HIV als Diskussionsstoff in der Geschichte auch nochmal zusammen. Aber eben nicht in der Form, wie man sie zunächst mal erwarten würde. Auch hier hat die Art der Geschichte dazu geführt, dass die Zuschauer offen für das Thema und emotional davon gepackt waren“, so Siebenbach.

Aber haben die Einführung infizierter Charaktere auch einen Aufklärungscharakter? Nehmen die Zuschauer nicht nur die emotinale Botschaft wahr, sondern beschäftigt sich auch mit Themen wie Safer Sex?
Jeff Gavin untersuchte bereits im Jahr 2000 den Komplex der Darstellung von Safer Sex und der Wirkung bei Jugendlichen und urteilte darüber: „Young audiences understand soap opera portrayals of safe sex as the ‘official’ version of safe sex; the type of sex they ought to have. This is contrasted with a ‘real-life’ understanding of safe sex. This is the type of sex that audiences believe they can have.“

Ob die Einführung von HIV-infizierten Charakter also auch einen Aufklärungscharakter hat, ist strittig. Aber zumindest werden die Zuschauer mit der Thematik konfrontiert – was auch das Ziel der aktuellen Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums ist. „Positiv zusammen leben – aber sicher!“ soll zu mehr Toleranz gegenüber Erkrankten aufrufen.

 

Foto: Sophie Kröher

‚The Voice‘ mit wenig Gezwitscher

von Alexander Karl

Die US-Erfolgsshow ‚The Voice‘ hat nun auch den Sprung nach Deutschland geschafft – das Prinzip ist gleich: Nationale Hochkaräter in der Jury und starke Stimmen auf der Bühne. Doch was ‚The Voice‘ in den Staaten besonders vorbildlich betrieb, war die Social Web Einbindung. Das versuchen nun auch ProSieben und Sat.1.

Die Show in den USA

Mit starken Stimmen und starken Quoten gelang es ‚The Voice‘, den Zuschauern den US-Sommer zu versüßen. Dahinter steckt ein innovatives Konzept, welches sich durch zwei wichtige Faktoren von anderen Shows abhob:

In der Jury saßen Vollblutmusiker wie Christina Aguilera und Maroon 5-Sänger Adam Levine, die auch kein Problem damit hatten, selbst live zu singen. Gleichzeitg ging es zunächst um eines: Eben die Stimme der Kandidaten, nicht um Aussehen oder Performance. Denn die Jury saß zu Beginn mit dem Rücken zu den Kandidaten und entschied, ob er oder sie in das Team der Jurors sollte.

Und das zweite Novum: Die intensive Einbindung von Social Media in die Sendung. Über Twitter wurde zwischen den Shows immer wieder aus dem Nähkästchen geplauert, es wurden erste Teaser der Proben gepostet und die Follower-Gemeinde dazu aufgerufen, abzustimmen. Etwa 200.000 Tweets, die mit „The Voice“ zu tun haben, gab es pro Show.

Doch die eigentliche Revolution fand während der Sendung statt: Im sogenannten „V-Room“, eine Art Greenroom der angehenden Stars mit Tablet-PCs, sollten die Künstler live ihre Impressionen posten. Gleichzeitig aber konnten die Zuschauer und Fans Fragen stellen, die live beantwortet wurden. Und: „Immer wieder gibt es zwischen den Auftritten Schalten in den V-Room zur V-Korrespondentin Alison Haislip, die aktuelle Twitter- und Facebook-Fragen vorliest und die Kandidaten interviewt.“ Daraus resultiert, dass #TheVoice zum Trending Topic auf Twitter wurde.

Mix in Deutschland

Während die Show in den US vor allem auf Twitter setzte, gibt es in Deutschland einen multimedia Mix aus Facebook, Twitter und Livekommentaren der Redaktion. Das liegt auch daran, dass in Deutschland nur 460.000 User den Microblogging-Dienst nutzen. Zum Vergleich: Facebook hat in Deutschland über 21 Millionen Nutzer! Über die ‚The Voice of Germany‘ -Homepage kann man sich mit seinem Facebook-Account einloggen und mit Freunden über die Show chatten – und natürlich die Twitter-Kommentare verfolgen. Das nennt sich dann ‚The Voice of Germany Connect‘. Außerdem gibt es einen Livestream, der wohl gerade die junge und mobile Generation ansprechen soll.

Aber doch nicht alles scheint man aus den USA übernommen zu haben: Die Jury, bestehend aus Allzweckwaffe Nena, Schmusesänger Xavier Naidoo, Rea (Leadsänger der Band ‚Reamonn‘) und zwei Jungs von ‚The Boss Hoss ‚ twittern und facebooken – soweit es ersichtlich ist – nicht um die Wette und um die Gunst der Zuschauer. Das übernimmt dann wieder die Facebook-Fanpage der Show.

Ob es in Deutschland auch einen ‚V-Room‘ geben wird wie in den Staaten, muss sich noch zeigen. Denn auch dort kamen die Backstageberichte der Kandidaten erst ab der Battle-Round. Bis dahin läuft aber über ‚Connect‘ außerordentlich viel – auch das zeigt, wie wichtig ProSieben und Sat.1 die Show ist. Immerhin läuft sie abwechselnd bei beiden Tochtersendern – und muss heute sogar gegen ‚Das Supertalent‘ antreten. Übrigens zeigt X-Factor auf VOX, wie gut die Zuschauer auf eine multimediale Einbindung reagieren.

Voting 2.0

Auch die Abstimmung bei der amerikanischen Variante von ‚The Voice‘ kann man vorbildlich nennen: Neben dem kostenlosen Telefonvoting gibt es eine NBC Live App, über die abgestimmt werden kann. Aber auch die Songs der Kandidaten können per iTunes direkt nach der Show kostenpflichtig herunter geladen werden, was gleichzeitig als eine Stimme gezählt wird. Außerdem ist auch die Abstimmung über die Webseite des Senders nbc.com möglich. Und in Deutschland? Ob man dort auch über das Weiterkommen der Kandidaten ohne 50-Cent-Telefongebühr entscheiden darf, ist fraglich. Immerhin kann man  bei ‚The Voice of Germany Connect‚ über andere Fragen abstimmen, etwa  „Gefiel euch der Auftritt der Jury?“ oder „Für wen entscheidet sich Kandidat X?“

 

Aber eines muss man doch ehrlich sagen: Die US-Jury ist schon noch etwas cooler als die deutsche…

Foto: Screenshot, http://connect.the-voice-of-germany.de/ (24.11.2012)

Der Presserat – rastlos im Einsatz und trotzdem ratlos?

Die BILD führt in der Hitliste der meisten Rügen des Presserats, doch auch „die Aktuelle“ und „tv Hören und Sehen“ wurden letztens gerügt. Aber was ist der Presserat? Und welche Sanktionsmöglichkeiten hat das Gremium?

Nur ein kleines Video

von Jürg Häusermann

Die Bundeswehr hat ein Video produzieren lassen:

Eine Heavy-Metal-Version des Deutschlandlieds begleitet ziemlich banale Bilder von militärischen Fortbewegungsmitteln. Raketen, die in die Luft steigen. Streiflichter auf das schützenswerte Idyll: Eine Familie spaziert durchs Watt. Der Kölner Dom glänzt in der Abendsonne. Ein Bergdorf am See plätschert vor sich hin. Insgesamt nur wenige Detonationen. Dafür viele Soldaten in Nahaufnahme. Und noch mehr Fortbewegungsmittel zu Wasser, zu Lande, in der Luft. 100 Sekunden, die Zivilisten für den Beruf des Soldaten begeistern sollen.

Auch, wenn das Video nur kurze Zeit online stand, regt sich ganz Deutschland auf: Die Grünen-Abgeordnete Agnieszka Malczak war auf den Clip aufmerksam geworden. Sie warf dem Verteidigungsministerium vor, es stelle den Dienst bei der Bundeswehr wie ein „Ballerspiel“ dar.“

In ihrer Pressemitteilung sagt Malczak: „Dieses Video stellt eine Verherrlichung militärischer Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzungen dar. Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter und entwerfen so ein Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr.“

Einen Tag lang war das Video im YouTube-Kanal der Bundeswehr zu sehen. Dann wurde es wieder entfernt. Nicht aufgrund der Oppositionskritik, sondern – so der stellvertretende Regierungssprecher – weil der Off-Text fehlte. Aber greift denn die Kritik, hier werde ein „Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr“ entworfen? Von wie viel Sachkenntnis zeugt denn der Vorwurf, „Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter“?

Die Ästhetik des Krieges

Was die Kritikerinnen und Kritiker  nicht berücksichtigen: Schon längst wird uns mit dieser Ästhetik vom Krieg berichtet. „Banal Militarism“ nennen es zum Beispiel Tanja Thomas und Fabian Virchow, die die Vermengung von Militär und Alltag seit langem erforschen. Ob es um Krieg geht, um ein Ballerspiel oder einen Action-Film – die Grenzen werden bewusst vermischt. Man erinnere sich daran, wie die Öffentlichkeit auf die Operation „Iraqi Freedom“ vorbereitet wurde: „Boom, boom, we’re going in hard and fast. ‘By this time next week, sit by your TV and get ready to watch the fireworks’.

Das ist immerhin O-Ton eines Sprechers aus dem Weißen Haus.

Und es wird dafür gesorgt, dass auch die Soldaten selbst dieser Ästhetik nicht entkommen. In einer schaurigen Stelle in Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ (bei ca. 70 Min.) erklären die Soldaten sorgfältig, wie sie die Musik auswählen, die sie über die Kopfhörer dröhnen lassen, wenn sie auf den Feind losballern. Sie haben Bloodhound Gang und „The Roof is on Fire“ gewählt:

„The war happens and the fighting starts, you know, it’s kind of like thumped up and motivated ready to go. Its the ultimate rush. Because you know you’re going into the fight to begin with.  And then you got a good song playing in the background and uh that gets, that gets you real fired up, ready to do the job.“

In vieler Hinsicht gibt es kaum noch einen Unterschied zwischen dem Einsatz im Krieg und dem Spielen eines Ballerspiels. In beiden Fällen geht es darum, Menschen zu töten.  Für diejenigen, die am Drücker sind, soll es sich auch gar nicht real anfühlen. Für die Opfer schon – und die sind noch immer zur Hauptsache Zivilisten, auch wenn es aussieht, als ob nur noch gezielt die Bösewichte ausgeschaltet würden, und man daran arbeitet, dass es künftig nur noch virtuellen Krieg gäbe.

Was ist Ballerspiel? Was ist Krieg?

Die, die sich jetzt zu Wort melden, möchten, dass es noch so ist wie früher: Die Soldaten frieren in den Schützengräben still und leise vor sich hin, und wir sitzen unbeteiligt zu Hause.

Es gibt keinen Krieg, an dem die Bürger nicht beteiligt wären. Und spätestens seit Golfkrieg von 1990 ist klar, dass die Kriegsführung ein audiovisuelles Spektakel ist, von dem wir uns nicht ausgrenzen können. Wir sitzen zu Hause und ballern vor uns hin. Gleichzeitig dirigieren die Soldaten (natürlich nicht die Deutschen, nur ihre Verbündeten) ihre Drohnen und lenken sie scheinbar zentimetergenau auf ihre Ziele auf anderen Kontinenten. Wissenschaftler, die analysieren, was vor sich geht, sprechen längst nicht mehr von Kriegstechnologie, sondern vom Military-Entertainment-Complex: Der Krieg wird längst mit den gleichen Mitteln geführt, mit denen wir zu Hause virtuelle Krieger hopsgehen lassen.

Das US-Militär benutzt Ego-Shooter nicht mehr nur, um neue Soldaten anzuwerben, sondern sie setzt sie auch in ihrer Ausbildung ein. Mit dem Spiel „America’s Army“ kann man nicht nur spielen, sondern auch lernen, wie man einen bewaffneten Roboter führt. „Unsere Roboter werden mit genau so einem Game Controller gesteuert, wie Sie ihn von Computerspielen her kennen. Unserer ist nur etwas robuster gebaut. Wem es also Sorgen macht, dass Jugendliche heute so viel Zeit mit Computerspielen verbringen, der sollte sich klar machen, dass sie eigentlich nur trainieren, um später gute Roboter-Piloten zu werden.“

Dies sagt Joe Dyer, Chief Operation Officer der Rüstungsfirma iRobot in einem Feature von Jan Lublinski über den nur scheinbar sauberen Krieg der Drohnen. Vielleicht haben viele den Wunsch, dass die Bundeswehr sich für immer wohltuend und sauber von all den anderen Armeen wird abheben können. „Die Außenkommunikation der Bundeswehr“ sagt Agnieszka Malczak, „muss durch Sachlichkeit, Transparenz und Ehrlichkeit gekennzeichnet sein“.

Aber vielleicht ist diese Art von Video einfach eine ehrliche Einstimmung auf die globale Kriegsführung, an der wir beteiligt sind.

Jürg Häusermann, Jahrgang 1951, ist Professor für Medienwissenschaft (Schwerpunkt: Medienanalyse und Medienproduktion).

 

Das Ereignis des Jahres – Und wieder guckt kein Schwein

von Jürg Häusermann

Alle sprechen nur von Bushido. Er hat den Bambi für „Integration“ bekommen, und überraschenderweise wollen viele in ihm die integrative Kraft nicht so richtig sehen. Dabei ist das längst abgehakt. Jeder hat seine zweite Chance verdient. Das hat er selbst erklärt und Peter Maffay auch. Im Übrigen sagt er längst nicht mehr: „Wir vergasen jede Tunte“. Im neuesten Video schlachtet er nur noch Polizisten ab. Wozu also die Aufregung?

Schade, dass dabei das wirkliche Highlight der Bambi-Verleihung fast unbemerkt geblieben ist. Dabei ging es da nicht um den Preis für irgendein Fremdwort, sondern schlechthin um den Bambi für das TV-Ereignis des Jahres.

Der Bambi („das Bambi“ ist das Reh; „der Bambi“ ist das vergoldete Messingwesen, das die Chefs von Hubert Burda Medien an die wichtigsten Helden der „Bunten“ verteilen): Er nennt sich bescheiden: „Deutschlands wichtigster Medienpreis und ein Symbol für Publikumsgunst, denn mit dieser Auszeichnung ehrt Deutschland seine Stars“. Oder wie es einer der Drahtzieher aus dem Burda-Konzern sagt: „Es gibt innerhalb Europas kein vergleichbares Format, keinen Preis, der annährend so bedeutend ist wie Bambi, mit einer so hohen Reichweite, mit so tollen Gästen und vor allem auch mit der hohen journalistischen Relevanz.“
(Philipp Welte, Vorstand Hubert Burda Media)

Mit dieser hohen journalistischen Relevanz verleihen sie den Bambi für „Entertainment“, „Newcomer“ und „Comeback“. Dann gibt es noch den Publikumspreis (weil das Publikum nicht mitentscheidet) und zudem noch den Sonderpreis der Jury (weil… ja, warum eigentlich?).

Und eben den Bambi für das „TV-Ereignis des Jahres“.

Und was war denn das TV-Ereignis des Jahres? – Vielleicht die Berichterstattung von den arabischen Revolutionen? Oder der euphorisch hochgejubelte Eurovision Song Contest aus Düsseldorf? Oder einfach die Tatsache, dass die königliche Hochzeit von William und Kate zeitgleich auf sechs Sendern (ARD, ZDF, RTL, Sat 1, n-tv und N24!) übertragen wurde? Nein, das absolute Fernsehereignis des Jahres, das wissen wir jetzt, war „Wetten, dass…“ Nummer 196 – die Direktsendung vom Juni aus Palma de Mallorca. Preisträger ist der hiermit fünffache Bambi-Förster Thomas Gottschalk. Er ließ Kokosnüsse mit den Zähnen knacken, Eiswürfel in ein Cocktailglas werfen und mit Baggerschaufeln Tennis spielen. Und empfing wie immer seine Freunde von Heidi Klum bis Michael Ballack, von Dieter Bohlen bis Jennifer Lopez. In einer Stierkampfarena voller deutscher Touristen.

In den Berichtzeitraum hätte auch eine frühere Show gehört. Man erinnert sich, dass kurze Zeit zuvor Millionen von Zuschauern vorgeführt wurde, wie man einen sportlichen jungen Mann zum Paraplegiker macht (ZDF, 4. 12. 2010). Gottschalk kam dabei angeblich zum Nachdenken. Aber das war keinen Bambi wert und es wurde den ganzen Abend nicht erwähnt.

Da das Thema Fernsehereignis schon besetzt war, muss für die Veranstaltung, bei der dieser Preis vergeben wird, ein anderer Begriff gefunden werden. Die Verleihung, organisiert von Burda und übertragen von der ARD, ist denn halt das „Medienereignis des Jahres“. Sein Kennzeichen ist Beliebigkeit. Und die gegenseitige Bespiegelung all jener, die fürchten müssen, ohne die Medien niemand zu sein.

Und sie sind alle gekommen, nach Wiesbaden zur Preisverleihung. Nicht nur Gottschalks Freunde. Auch Helmut Schmidt ließ sich locken, zusammen mit Lady Gaga, ebenso wie Justin Bieber und Hans-Dietrich Genscher. Um Thomas Gottschalk, dem Medium oder sich selbst zu huldigen (was sich wohl gar nicht richtig abgrenzen lässt).

Denn, wie Schönheitskönigin Shermine Sharivar sagt: „Also Stellenwert äh des Bambis das ist ganz einfach zu erklären, das is‘ äh absolut die äh größte Veranstaltung des Jahres in Deutschland.“ Und dann sitzen sie da, die Genschers und die Gagas, und Laudatorin Cindy aus Marzahn betritt die Bühne, der „Kugelblitz am deutschen Comedy-Himmel“ („Die Welt“). Und versüßt die Ode an Gottschalk mit kleinen Scherzen: „Sagt die Nonne zum Vibrator: Zitter‘ nich‘ so, für mich is‘ ooch das erste Mal.“

Herzliches Gelächter. Denn Bambi 2011 „bewegt und berührt“. Womit es das tut, ist beliebig. Und beliebig ist auch, wer welche Auszeichnung bekommt. (Der Song Contest hat halt schon den Deutschen Fernsehpreis, und zudem war der arme Gottschalk zehn Jahre ohne Bambi.)

Das Medienereignis des Jahres generiert das Fernsehereignis des Jahres. Das Fernsehereignis generiert wiederum Medienereignisse. Eins davon ist Cindy von Marzahn („Thomas, du hast mich damals zu deiner Sendung eingeladen, … und dafür dank‘ ich dir…“). Andere sind Bushido, Bieber und Gaga. Und Genscher? Und Schmidt?

Heino hat jetzt den Ausstieg geprobt. In der Bild-Zeitung steckt er seine Trophäe sorgfältig in einen ausgepolsterten Karton. Wenn er noch lange genug lebt, wird es wird ihm gehen wie Gottschalk. Er hat seine drei Bambis 1988 zurückgegeben, weil die Bunte ihm zu nahe gekommen war. Bei einer der nächsten Galas erhielt er sie wieder feierlich überreicht, zusammen mit einem weiteren, einem „Sonder-Bambi“. Seither lieben sie sich wieder, Gottschalk und Burda. Man kann sich auch nüchterner verhalten. Justin Bieber wurde gefragt, ob er denn zu Hause bereits ein spezielles Plätzchen für seinen Bambi reserviert habe. Er antwortete so unbekümmert wie auf alles andere: „I’ll put it right next to all my other awards, right next to them.“

 

Jürg Häusermann, Jahrgang 1951, ist Professor für Medienwissenschaft (Schwerpunkt: Medienanalyse und Medienproduktion).

 

Einmal neu, bitte!

von Alexander Karl

Über was hat man sich eigentlich den ganzen Tag Gedanken gemacht, bevor Thomas Gottschalk seinen Abschied von ‚Wetten dass…?‘ bekanntgab? Da hat das ZDF seinen friedlichen Volksmusik-Dösschlaf gehalten und darauf gehofft, dass ZDFneo schon irgendwie die jungen Menschen erreicht. Da mussten Promis Drogen- und Sexeskapaden vermelden, zumindest mal eine Trennung, um die Schlagzeilen zu beherrschen. Heute reicht ein einfaches ‚Nein‘, um auf die Titelseiten zu kommen. Aber dann schon ein gewichtiges: Wenn man nicht gerade die Bundespräsidentschaft ablehnt, dann schon wenigstens ‚Wetten dass…?‘ Und natürlich überlegen auch die Journalisten und Blogger fleißig, wer denn der oder die Neue werden könnte – wenn überhaupt.

Es war eine kuriose Woche – nach Kerkelings Absage als ‚Wetten dass…?‘-Nachfolger wird plötzlich so in etwa jeder Name der Branche gehandelt: Von Frank Elstner, Ur-Vater des Formats, über Anke Engelke, Joko und Klaas oder eben einfach wieder Gottschalk: Geschrieben und überlegt wird viel. Aber wieso überhaupt?

‚Wetten dass…?‘ hat Tradition

Jeder Deutsche kennt die Show – aber nun mal zumeist in Verbindung mit Gottschalk. Deshalb ist es auch nur schlau von Kerkeling, Schöneberger und Co. ein ‚Nein‘ in die Kameras zu hauchen – zu groß wäre die Gefahr, nicht in Gottschalks Schuhe zu passen. Anke Engelke (auch sie wird als Nachfolgerin gehandelt) kann eigentlich ein Lied davon singen – als sie Harald Schmidt beerben wollte, ging das auch nicht lange gut.

Also: Alles neu?

Nein sagt der frühere RTL-Programmdirektor Helmut Thoma: ‚Wetten dass…?‘ sei von ‚Das Supertalent‘ und ‚Schlag den Raab‘ abgelöst worden, die Show gehöre eingestellt. Aber diesen Schritt wird das ZDF kaum ohne einen Neuversuch wagen, immerhin ist es das Flaggschiff des Senders. Eher würde Thomas Bellut wohl Verona Pooth vor sich hin blubben lassen, als ‚Wetten dass…?‘ sang- und klanglos ins TV-Nirvana eingehen zu lassen. Aber wer soll es richten? Derzeit gilt lediglich als gesichert, dass es erneut ein Duo sein soll – vielleicht auch wieder mit Michelle Hunziker. Doch – und wieder heißt es vielleicht – wird Michelle Hunziker so etwas wie das Nummerngirl der Show, das durch die Wetten führt. Denn als Hauptmoderatoren sind derzeit Joko und Klaas im Gespräch. Die Carmen-Nebel-Fans werden aber kaum etwas mit den beiden Namen, geschweige denn mit ihrem Humor, etwas anfangen können. Würde man die beiden aber mit einer gewissen Narrenfreiheit ausstatten, durch die wieder sie noch das ZDF sich verraten fühlen, könnte das Duo wirklich eine gute Wahl sein.

Joko und Klaas als die neuen Gottschalks?

Nein, eben nicht! Joko und Klaas wären weder die Nummer 1 auf der Nachfolger-Liste, noch überhaupt erwartbar gewesen, hätte Kerkeling nicht seinen Hut aus dem Ring genommen. Kurz: Sie wären eine Überraschung und so wäre ‚Wetten dass…?‘ auch wieder eines – spannend, überraschend, neu. Es wäre ein Statement des ZDF, nicht nur dem demographischen Wandel zu huldigen, sondern ein Publikum jenseits der 40 ansprechen zu wollen und somit dem breiten Informations- und Unterhaltungsauftrag endlich zu entsprechen. Denn wenn man im Hauptprogramm des ZDF nach jungen Formaten sucht, findet man meist nur solches für die ganz Jungen – von logo bis Löwenzahn unterhält man die Kiddies. Doch was ist mit der Generation der ‚digital natives‘? Entweder hat das ZDF sie bereits aufgegeben oder hofft sie mit ZDFneo zu locken. Doch längst empfängt nicht jeder ZDFneo, wahrscheinlich weiß ein Gros der Generation nicht mal von der Existenz des Senders, da es dem Fernsehen an sich bereits resignierend den Rücken zugekehrt hat. Es hilft aber nicht, nur über den Verlust von jungem Publikum zu klagen und mit Telenovela wie ‚Herzflimmern‘ auf Quotenfang zu gehen, um wenigstens so den Privaten etwas entgegen zu setzen. Stattdessen müssten die Entscheider im ZDF endlich Mut beweisen und alte Zöpfe abschneiden, anstatt sie einfach neu zu flechten. Dann sollte man hinter den Kulissen einen Raab gemeinsam mit Joko und Klaas ein Konzept ausarbeiten lassen, in dem es noch immer Musik, Show und Nervenkitzel gibt – aber eben zeitgemäß. Und plötzlich würden nicht mehr nur Oma und Enkel vor dem Fernseher sitzen, sondern auch die Jugend. Oder es sich zumindest in der Mediathek ansehen.

Foto: flickr/Funky64 (www.lucarossato.com) (CC BY-NC-ND 2.0)

Tod des geschriebenen Blogs?

Der Blogger Airen schreibt in ‚Der Welt‘ vom Niedergang des geschriebenen Blogs – die VBlogs kommen! Lustige Videos zu Lebenstipps, vorgestellt von Selbstdarstellern? Doch bedeutet dies wirklich das Aus für den schriftlichen Blog?

Mama 2.0 – Mütter im Internet

Eine aktuelle Studie der European Interactive Advertising Association belegt, dass junge Frauen mit Kind das Intertnet stärker nutzen als Kinderlose – 65 Prozent aller europäischen Mütter sind im Web aktiv. Aber was machen sie dort? Wir haben eine Online-Mutti gefragt.

Kaffee-Nachrichten

von Alexander Karl

„Schreib mir mal bei Facebook“ ist ein Satz, der das klassische „lass uns mal einen Kaffee trinken“ fast ersetzt hat. Denn: Beides ist vollkommen unverpflichtend, gerade dann, wenn es ein unter Bekannten dahingesagter Satz ist. Stattdessen könnte man auch einfach sagen: „Warten wir mal, bis wir uns einmal wieder über den Weg laufen.“ In der Offline-Welt war dies noch relativ unverfänglich (außer, man sagte ihn zu seinem Nachbarn). Da wurde die Kaffee-Sache nur dann eingelöst, wenn man sich tatsächlich über den Weg lief. Das aber passiert bei Facebook nun zwangsweise.

Doch wenn das (positive) Desinteresse aber nicht bei beiden Vorhanden ist, sondern der eine wirklich gerne einen Kaffee trinken gehen würde, stellt sich die Frage: Soll ich ihn wirklich anschreiben?

Und hiermit wären wir bei einer neuen Wachablösung durch Facebook. Die Frage „Soll ich ihn/sie anrufen oder nicht?“ wird heutzutage oftmals durch „soll ich ihn/sie anschreiben oder nicht?“ ersetzt. Beides zeigt aber zweierlei. Zum einen nämlich Interesse am Gegenüber, zum anderen aber auch eine gewisse Schwäche. Denn man wartet nicht, bis man angeschrieben wird, nein, man macht selbst den ersten Schritt. Gut, man könnte das selbstständige Anschreiben natürlich auch als Forschheit oder Selbstbewusstsein auslegen, doch der Punkt auf den ich hinaus will ist:

Warum sind manche Freunde daueronline und manche nie?

Warten die Daueronliner darauf, dass man die Kaffee-Versprechen wirklich einlöst? Flehen sie quasi um ein wenig Zuwendung und wollen uns mit ihrem ständig grünen Licht darauf hinweisen, dass wir uns doch bitte mal wieder bei ihnen melden sollen? Wohl kaum.

Denn in den meisten Fällen sitzen die Daueronliner natürlich nicht die ganze Zeit vorm PC oder Smartphone. Sie gehen zwischendurch auf Toilette, essen, kochen, schlafen, manche arbeiten sogar im richtigen Leben. Aber die eigentliche Frage ist, warum sie die ganze Zeit online sind. Wollen sie damit einfach nur immer verfügbar sein? Oder gibt es ihnen die Möglichkeit bei unliebsamen (Kaffee-) Nachrichten zu sagen: „Du weißt ja, ich bin immer online, aber les die Nachrichten nicht immer sofort. Ich hab geschlafen/gearbeitet/gelesen/…“?

Und auf der anderen Seite des Spektrums die Offliner: Wollen sie sich rar machen, um interessant zu sein? Oder scheuen sie den Kontakt und können daher sagen: „Ich bin so gut wie nie online – deshalb konnte ich auf deine Nachricht von vor zwei Wochen nicht reagieren“?

Und irgendwo dazwischen pendelt der Normalo-User, der ab und an online ist, aber sich fragt, wieso es eigentlich die Extreme gibt. Macht man sich mit der ein oder anderen Art interessanter?

Um den inneren Konflikt des Anschreibens-oder-nicht noch einmal aufzugreifen: Ist es nun besser, auf eine eingehende Nachricht zu warten und damit den längeren Atem zu beweisen oder muss man den ersten Schritt gehen, weil ihn nun einmal einer gehen muss?

Gerade dann, wenn man ein Zweisamkeitsinteresse am Gegenüber hat, stellt sich diese Frage und gerade Männer tendieren dazu, die Frau den ersten (und teilweise auch zweiten) Schritt machen zu lassen. Denn wenn sie es nicht tun und stattdessen selbst die Initiative ergreift, wird man schnell zum Stalker abgestempelt. Tut man es aber nicht, muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, kein Interesse zu zeigen.

Das Internet macht anscheinend doch nicht alles einfacher, denn die multiplen Kommunikationsformen ziehen auch multiple Entscheidungen nach sich. Und so eine simple Entscheidung wie on oder offline/ anschreiben oder nicht anschreiben kann einen Rattenschwanz von Entwicklungen nach sich ziehen. Manchmal wünscht man sich doch das unverfängliche „Lass uns man einen Kaffee trinken“ wieder.

 

teemoe / photocase.com