Die Angst vor dem Fremden: „Edward mit den Scherenhänden“

von Selina Juliana Sauskojus

Aufgeräumte Vorstadtsiedlungen, erfolgreiche Ehemänner, Hausfrauen, die sich ihren Alltag mit Tratsch versüßen – so stellt Tim Burton den amerikanischen Traum in seinem Film Edward mit den Scherenhänden dar. Doch was passiert, wenn plötzlich ein Exot das Leben in Suburbia durcheinander bringt?

In Amerika ist man bekanntermaßen sehr stolz darauf, dass jeder Mensch die gleichen Chancen zum Aufstieg hat. Hautfarbe, Herkunft, Religionsangehörigkeit – all das ist egal, sofern man sich dem amerikanischen System anpasst und sich ein bisschen bemüht. So viel zur Theorie. Filmisch wurde das Thema des amerikanischen Traumes schon des Öfteren aufgegriffen. 1990 tat dies auch der Meister des skurrilen Fantasyfilms Tim Burton. Der Regisseur zeigt uns eine stereotype Vorstadtwelt mit bunten Reihenhäuschen, gestutzten Hecken und heilen Familien. Doch Burton wäre nicht Burton, würde er all dies nicht in einen fantasievollen Rahmen einbinden. So scheint uns Edward mit den Scherenhänden zunächst ein modernes Märchen um den tragischen Titelhelden zu sein. Bei näherer Betrachtung ist der Film jedoch eine bissige Satire auf den American way of life und die Gesellschaft.

Eine unvollendete Kreatur in der Vorstadt

In einem düsteren Schloss kreiert ein Erfinder (die letzte Rolle des Horror-Urgesteins Vincent Price) einen Menschen namens Edward (Johnny Depp). Bevor er sein Geschöpf fertigstellen kann, anstatt Händen hat Edward bisher nur Scheren, stirbt der Erfinder. Edward lebt jahrelang isoliert im Schloss, bis eines Tages die Make-Up-Vertreterin Peg das Schloss aufsucht um potentielle Kunden zu gewinnen. Sie findet den schüchternen Edward. Aus Mitleid beschließt sie, ihn mitzunehmen und ihn unter ihre liebevollen Fittiche zu nehmen. Zunächst ist Edward die neue Attraktion im Vorort. Die Nachbarinnen sind fasziniert von diesem Exoten, umso mehr als dieser sich als Meister des Heckenschneidens und Frisierens entpuppt. Edward ist ebenso erstaunt und verwirrt von dieser neuen Welt, insbesondere als er sich in Peg’s Tochter Kim (Winona Ryder) verliebt. Doch schnell wendet sich das Blatt. Edward’s Unsicherheit und Unerfahrenheit kollidieren mit den Konventionen der Gesellschaft. Anstatt ein willkommenes Mitglied der Nachbarschaft zu bleiben, wird Edward nun zum allgemeinen Feindbild der Leute.

„If you had regular hands, you’d be like everyone else“

Der Charakter Edward ist einer der beliebtesten Figuren der modernen Popkultur. Das liegt nicht nur an seinem unverwechselbaren Äußeren, sondern ebenso daran, was diese Figur verkörpert. Edward, der fast sein ganzes Leben in Isolation verbracht hat, wird in eine Welt geworfen, in der alles standardisiert und konventioniert ist. Diese neue Welt ist ihmfremd und er begegnet ihr zunächst mit einer gewissen Vorsicht. Durch sein sanftes Wesen wirkt er auf den Zuschauer ungemein gewinnend. Innerhalb der Geschichte sind es vor allem seine Scherenhände, die ihn zu einer beliebten Person in der Nachbarschaft machen. Als Edward bei einer Talkshow im Fernsehen auftritt bemerken die Studiogäste: „If you had regular hands, you’d be like everyone else. (…) But then, no one would think you were special.“

In der von Burton dargestellten Welt scheint es keine Sensation zu sein, dass es künstlich geschaffene Menschen mit Scherenhänden gibt. Zwar macht Edward diese Tatsache zu einem Exoten, dies wirkt jedoch eher anziehend als abstoßend. Als ihn jedoch die Nachbarin Joyce verführt, weiß er mit der Situation nicht umzugehen und weist sie ab. Kurz darauf beteiligt sich Edward, aus Liebe zu Kim, an einem Einbruch und wird erwischt. Nun ist Edward ein Ärgernis. Die Nachbarn meiden ihn, nehmen seine Hilfe nicht mehr in Anspruch. Statt sich seiner anzunehmen und ihm bei seiner Sozialisierung zu helfen, verstoßen sie ihn.

Der Film stellt den Umgang der Gesellschaft mit Sonderlingen dar. Dabei wird kein Unterschied gemacht, ob es sich um Menschen handelt, die anders handeln, weil sie sich selbst als Outlaws positionieren wollen oder ob sie, wie Edward, lediglich fremd sind mit den Konventionen, die sich allmählich etabliert haben.

Edward ist eine Figur, die stets aus reinem Herzen und aus Sympathie handelt. Auf die Frage hin, was er mit Geld machen würde, dass er auf der Straße findet, antwortet er, er würde es seinen Liebsten geben, um sie glücklich zu machen. Diese Antwort ist jedoch nicht akzeptabel, da man das Geld gefälligst zur Polizei zu bringen habe. Doch Edward wird nicht als die reine Person gesehen, die er ist. Er stellt vielmehr eine Gefahr für den Trott der Vorstadt dar. Da er sich den Regeln nicht fügen kann (was er aber durchaus gerne würde) wird er verstoßen. Erst als die Nachbarschaft die Gefahr für endgültig gebannt hält, endet die Kampagne, die kollektiv gegen Edward gestartet wurde. Am Ende stellt sich heraus, dass der Protagonist in der Einsamkeit seines Schlosses besser aufgehoben ist, als in der normalen Gesellschaft. Am Ende hat die Vorstadt gesiegt.

Fazit

Mit seiner märchenhaften Geschichte um Edward mit den Scherenhänden schuf Tim Burton eine sehr gelungene Kritik an der Gesellschaft. Burton lässt das Absurde gegen das Normale antreten. Plötzlich scheinen einem die Normalität und die Realität so lieblos, dass man fast an der Gesellschaft verzweifeln mag. Der Protagonist jedoch, der für das Anders- und Fremdsein steht, wächst dem Zuschauer sehr ans Herz, sodass er viel Identifikationspotential bietet. Edward mit den Scherenhänden ist ein modernes Märchen, das mal Spaß macht und mal traurig stimmt. Und letztlich verhält es sich bei diesem Film, wie mit allen Märchen: am Ende steckt doch ein Fünkchen Wahrheit darin.

Foto: flickr.com/Dan C (CC By-NC-SA 2.0)

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