Tübinale 2013 – Die Gewinner des Abends im Interview

von Nicolai Busch

Klappe, die zweite! Die diesjährige Tübinale mit dem Thema „Medienkonvergenz“ wird Teilnehmern und Zuschauern in Erinnerung bleiben. Media-bubble.de hat für Euch mit den Gewinnern des Kurzfilmwettbewerbs gesprochen und zeigt einen der ausgezeichneten Filme in voller Länge.

Gruppe „It’s complicated“

Medienkonvergenz kann die Annäherung verschiedener Einzelmedien, aber gleichzeitig auch die soziale Distanzierung ihrer Nutzer voneinander bedeuten. Eine Distanzierung, die Janina Wollensak, Kristin Ruff, Moritz Moser und Sebastian Luther in ihrem Kurzfilm „It’s complicated“ nur zurecht zum Thema ihrer Generation erklären. Wie die Welt zweier Menschen, nämlich die des analogen Romantikers mit Hemingway-Syndrom und jene seiner handyversessenen Freundin, aus dem Gleichgewicht gerät, erzählen auf schauspielerisch und kameratechnisch hohem Niveau die Gewinner der Tübinale und des diesjährigen Publikumspreises.

media-bubble.de: Die wichtigste Frage natürlich zu erst: War der Kuss echt?

Moritz Moser: (lacht) Nein, der war natürlich nicht echt! Aber weil es uns schauspielerisch schließlich doch ganz gut gelungen ist, ihn recht echt wirken zu lassen, sind wir wirklich ganz zufrieden mit dem Ergebnis.

mb: Medien rauben zunehmend Aufmerksamkeit und gefährden dadurch zwischenmenschliche Beziehungen. Das ist grob gefasst der Inhalt eures Films. Ein autobiographisches Statement der Mitwirkenden?

Moritz Moser: Ich persönlich bemerke deutlich, dass sich unsere zwischenmenschliche Kommunikation durch Mobile Devices, wie das Smartphone, verändert. Und ich glaube auch, dass wir uns durch die ständige, durch die neuen Medien erzeugte Ablenkung letztendlich voneinander entfremden. Eben das sollte in „It’s complicated“ auch hoffentlich deutlich geworden sein.

mb: Besonders auffällig an eurem Film sind die starken Farben und Kontraste, aber auch die herausragende Tiefenschärfe? Worin liegt das kameratechnische Geheimnis?

Sebastian Luther: Das Geheimnis liegt tatsächlich in der großartigen Ausrüstung, mit der uns das Zentrum für Medienkompetenz (ZFM) ausgestattet hat. Uns als Team war es von Anfang an wichtig, mit einer Kamera zu arbeiten, die unsere filmoptischen Erwartungen auch zu hundert Prozent erfüllt.

mb: Gab es Herausforderung beim Umgang mit dem technischen Equipment?

Sebastian Luther: Eine Herausforderung war ganz sicher, die Technik nicht kaputt zu machen (lacht). Abgesehen davon, fotografiere ich selbst schon seit vielen Jahren und habe mir durch mein Hobby einiges an Know How angeeignet. Das hat den Umgang mit der Kamera um einiges erleichtert.

mb: Wie sich zwei ineinander verlieben, boy meets girl, das ist die am häufigsten erzählte Geschichte der Welt. In „It’s complicated“ erzählt aber jemand vom Anfang, obwohl das Ende schon längst feststeht. Worin lag für euch der Reiz dieser anachronistischen Erzählweise?

Sebastian Luther: Möglicherweise kann sich der Laie unter den Begriffen „Medienkonvergenz“ und „Medienwandel“ nur wenig vorstellen. Wir hatten uns deshalb überlegt, die Thematik durch die Geschichte boy meets girl unterhaltsam und verständlich aufzupeppen . Aber um diese relativ banale Handlung erzähltechnisch aufzuwerten beziehungsweise, um den Zuschauer auch gedanklich etwas zu fordern, haben wir uns dann letztlich entschieden, die Geschehnisse zeitlich versetzt darzustellen.

mb: Mir scheint auch, „It’s complicated“ ist voller sorgfältig bedachter Bilder und Metaphern. Da wäre z.B das Ein- und Ausatmen des Zigarettenqualms am Anfang und Ende des Films. Ein selbstzerstörerisches Motiv? (Sebastian, Moritz)

Moritz Moser: (Überlegt) Ein selbstzerstörerisches Motiv hat die Zigarette meiner Ansicht nach nicht. Sie hat eigentlich zum einen viel mehr die Aufgabe, die beiden Zeitstränge am Ende des Films wieder zusammenzuführen. Zum anderen versucht das Bild der Zigarette oder der Akt des Rauchens bestimmte andere bildliche, die Stimmung des Films sehr prägende Merkmale, wie den Wein, die alte Schreibmaschine, oder den alten Holztisch, in ihrer situativen Bedeutung zu intensivieren. Nur, wenn der Protagonist raucht, ist er ganz bei sich selbst, absseits des Trubels und fähig, die Gründe der dargestellten Beziehungskrise zu reflektieren.

mb: Euer Film zeigt großartige Naturaufnahmen. Welche thematische Rolle spielt die Natur in eurem Film? Wo habt ihr gedreht?

Moritz Moser: Ich glaube, besonders die Aufnahmen am Bodensee sind für die anfängliche Atmosphäre des Films von großer Bedeutung. Hier harmoniert das Paar noch mit der natürlichen Schönheit der farbintensiven Kulisse, während sich später im städtischen, zunehmend dunklen Raum die Probleme zuspitzen und die Situation im Tunnel letztendlich völlig eskaliert. Uns war es wichtig, die Entwicklung der filmischen Liebesbeziehung auch durch die Darstellung der natürlichen Umwelt sinnbildlich deutlich werden zu lassen.

mb: An letzter Stelle: Ergaben sich Schwierigkeiten oder Herausforderungen beim Dreh? Worin lag die größte Herausforderung im schauspielerischen Bereich?

Kristin Ruff: (lacht) Besonders schwierig war es tatsächlich ernst zu bleiben und auch die Handlung ernst zu nehmen. Denn natürlich muss man lachen, wenn man etwas spielt, dass von der eigenen Realität stark abweicht. Es war z.B wirklich nicht leicht, den Streit im Film authentisch darzustellen. Viel einfacher ist es mir wiederum gefallen, die glücklichen Szenen zu spielen. Auch muss man sich daran gewöhnen, während des Spielens nicht in die Kamera zu schauen, was am Anfang beinahe immer rein automatisch passiert ist.

mb: Danke und Herzlichen Glückwunsch!

 

 

Gruppe „Medienwandel und Alltagskultur“

Einen Medienwandel erleben wir nicht erst seit gestern. In ihrem Beitrag „Medienwandel und Alltagskultur“ machten es sich Arianne Schmitt, Katja Lißel und Anna Dudenhausen auch in Wohnzimmern der 60er Jahre gemütlich, um den historischen Wurzeln des Wandels auf den Grund zu gehen. Die Jury zeigte sich begeistert und verlieh den drei Filmproduzentinnen zurecht den Journalistenpreis der Tübinale 2013.

mb: Wie kam es zu eurer großartigen Filmidee?

Anna Dudenhausen: Ich glaube, unsere Ausgangsfrage war tatsächlich: Wie prägen Medien heute unseren Alltag? In unserer Generation ist es zur Gewohnheit geworden, immer erreichbar zu sein und stündlich viel Zeit am Smartphone oder am PC zu verbringen. Mehr als unsere heutigen Gewohnheiten, hat uns als Gruppe dann im Laufe der Vorbereitungen des Films aber bald die Mediennutzung der Menschen früher interessiert. Wir wollten zeigen: Wie sah der Mediengebrauch des deutschen Durchschnittbügers früher aus? Wann haben Menschen Medien genutzt und welchen Stellenwert hatten die Medien vor allem für die Menschen vor unserer Zeit?

mb: Ihr habt für euren Beitrag das Format der Dokumentation gewählt. Eine ganz absichtliche Entscheidung?

Arianne Schmitt: Eigentlich hatten wir anfänglich die Unterschiede der Mediennutzung früher und heute schauspielerisch darstellen wollen. Aber dann ist uns schnell klar geworden: Es ist gar nicht so einfach, das Leben dieser Zeit zu spielen (lacht). Uns fehlten da z.B die Kostüme, das 60er Jahre Bühnenbild und, und, und. Vor allem, weil wir viele geschichtliche Fakten und Erkenntnisse unterhaltsam präsentieren wollten, entwickelte sich aus unserer Schauspielidee letztendlich doch noch die Idee einer Dokumentation.

mb: In eurem Film beginnt der Medienwandel bereits mit der Einführung des Fernsehgeräts im bürgerlichen Haushalt. Diese geschichtliche Komponente fehlt in den meisten anderen Filmbeiträgen der Tübinale.

Katja Lißel: Stimmt, das Museum der Alltagskultur in Waldenbuch und der Ausstellungsbereich „Wohnwirklichkeiten“ des 20. Jahrhunderts hat sich für uns als perfekter Drehort erwiesen. Die Ausstellung in Waldenbuch macht es möglich, das typische Wohnzimmer der beispielsweise 60 oder 70 Jahre zu betreten und selbst in die Rolle damaliger Mediennutzer zu schlüpfen. Auch wurden wir während des Drehens im Museum von Mitarbeitenden wirklich großartig unterstützt. Wir sind sehr froh, derart fachkundige Interviewpartner gefunden zu haben. Vor allem die Interviews nehmen den Zuschauer an der Hand und führen ihn durch eine Zeitreise der Medien

mb: Ergaben sich Schwierigkeiten oder Herausforderungen beim Dreh der Interviews?

Katja Lißel: Schwierig beim Interview ist es natürlich, herauszufiltern, was für den eigenen Beitrag tatsächlich von Interesse ist und was nicht. Das fällt umso schwerer, wenn man, wie in unserem Fall, Fachkundige interviewt, die besonders viele, interessante Dinge erzählen können. Man möchte dann ungern unterbrechen und am liebsten alles Erfahrene filmisch auch irgendwie verarbeiten.

Anna Dudenhausen: Auch die Technik bereitet natürlich einige Herausforderungen! Da gibt es dann den ein oder anderen Wackler im Bild oder einen nicht beabsichtigten kratzenden Ton. Das ärgert natürlich, weil man plötzlich eine interessante und wichtige Szene so nicht mehr verwenden kann. Hier hilft es wiederum viel und ausgiebig zu filmen, um letztendlich die Möglichkeit zu haben, unbrauchbares Material aussortieren zu können.Es gilt: Je mehr Bilder und Perspektiven einem nach den Dreharbeiten zu Verwendung stehen, desto besser!

mb: Und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen! Herzlichen Glückwunsch auch an Euch und vielen Dank für das Interview!

 

Foto und Video: Copyright Sebastian Luther, Moritz Moder und Janina Wollensak

Screenshot: Copyright Anna Dudenhausen, Arianne Schmitt und Katja Lißel

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