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Podcast: Workers

von Lena Bühler

Der Podcast:

Beitrag Nr. 6 fertig

 

Der Film: Die stille Revolution

Wie wäre es wohl, Tag und Nacht einer Hündin zu Diensten zu sein, die in einem schöneren Bett schläft und besseres Essen bekommt als man selbst? Oder dem Versprechen einer US-Staatsbürgerschaft folgend Kriegsdienst in Vietnam zu leisten und dann doch als Illegaler nach Mexiko abgeschoben zu werden. Wo man 30 Jahre bei Mindestlöhnen im Elektronikkonzern Philips arbeitet und die Rente verweigert bekommt? Das wäre in erster Linie hochgradig ungerecht. Für Lidia und Rafael, die in Tijuana arbeiten, ist es aber Realität. Höchste Zeit also, nach Jahren der Genügsamkeit im Verborgenen ein wenig Rache zu üben. Ob man nun mit einer Hupe der Hündin den Schlaf raubt oder im Supermarkt das Regal für Philips-Glühbirnen mit Konkurrenzprodukten verdeckt – Lidia und Rafael sind kreativ wenn es darum geht, sich für jahrelange Entbehrungen zu revanchieren.

Trotz des sensiblen Themas besticht Workers hauptsächlich mit feinem Humor und einem Händchen für Situationskomik. Koproduziert wurde die schwarze Tragikomödie übrigens von Paulo de Carvalho, der gerade den Tübingern als Leiter des jährlich stattfindenden Filmfestivals CineLatino bekannt sein wird. Fast schon eine logische Konsequenz, dass die humorvoll-poetische Studie der Ausbeutung ab dem 12. Dezember täglich um 18 Uhr im Tübinger Kino Museum gezeigt wird.

 

Workers, Mexiko/Deutschland 2013, 122 Min.

Regie & Drehbuch: José Luis Valle

Mit: Jesús Padilla, Susana Salazar, Bárbara Perrín Rivemar, Sergio Limón, Vera Talaia

 

 

 

Fotos: © Copyright José Luis Valle

Podcast: Blancanieves

von Lena Bühler

Der Podcast:

Beitrag Nr. 3 fertig

 

Der Film:  Es war einmal der Stummfilm? Wenn Märchen wahr werden

Bis zur Oscarverleihung 2012 hatten wohl die Meisten den schwarz/weiß Stummfilm als Relikt einer lange vergangenen Zeit abgetan. Umso größer war also die Überraschung über den Erfolg von The Artist, mit dem der Stummfilm ein kleines Comeback feierte und sich wieder zurück in unser Bewusstsein katapultierte. Davon profitieren vor allem kleinere Produktionen mit geringerem Budget, wie eben der spanische Stummfilm Blancanieves von Pablo Berger.

Obwohl der Titel genau das vermuten lässt, ist Blancanieves nicht wirklich eine Adaption des Märchenklassikers Schneewittchen. Es gibt keine Prinzen und Königreiche, keine sieben Berge und sprechende Spiegel. Stattdessen gibt es Flamenco, Stierkampf und einen frechen Hahn. Pablo Berger selbst sagte, er habe seine ganz eigene Version von Schneewittchen erzählen wollen und nutzt dafür auch Elemente der berühmten Oper Carmen. Zum Beispiel leiht er sich von ihr den Namen für seine Protagonistin. Und so entfaltet sich vor der malerischen Kulisse Sevillas der 20er Jahre eine Geschichte voller Poesie, die ganz ohne Farben und Worte verzaubert.

Wem übrigens die Idee von spanischen schwarz/weiß Filmen gefällt, kann vom 20. Bis zum 27. November neben Blancanieves auch Das Mädchen und der Künstler von Oscarpreisträger Fernando Trueba  im Tübinger Kino Museum sehen. Beide Filme laufen im Rahmen des Filmfestivals FrauenWelten, das sich nun zum 13. Mal jährt. Mittlerweile eine feste Institution in der Tübinger Festivallandschaft, werden auch dieses Jahr wieder humorvolle, berührende und außergewöhnliche Geschichten von außergewöhnlichen Menschen erzählt.

 

Blancanieves, Spanien  2012, 109 Min.

Regie & Drehbuch: Pablo Berger

Mit: Maribel Verdú, Daniel Giménez Cacho, Ángela Molina, Macarena Garcia, Sofia Oria

 

 

 

 

Copyright: AV Vision Filmverleih

 

Podcast: Tirez la langue, Mademoiselle

von Lena Bühler

Der Film: Ist Blut dicker als Wasser?

Mit den Geschwistern ist das so eine Sache. Wir lieben sie natürlich, aber jede freie Minute mit ihnen verbringen? Für die Meisten unvorstellbar. Anders bei Boris und Dimitri. Nicht nur, dass sie praktisch Nachbarn sind und sich per Handzeichen am Fenster noch zum Abendspaziergang mit dem Hund verabreden können. In der Gemeinschaftspraxis „Dr. Pizarnik & Dr. Pizarnik“ sind sie in erster Linie Kollegen und tun genau das, was den meisten Geschwistern Magenschmerzen bereitet – jede freie Minute zusammen verbringen. Doch die brüderliche Harmonie wird getrübt von – wie könnte es anders sein – einer Frau. Die schöne Judith ist die alleinerziehende Mutter von Alice, einer Patientin der Pizarnik-Brüder. Als sich sowohl Boris als auch Dimitri in Judith verlieben wünschen sie sich zum ersten Mal, was zuvor abwegig erschien – Abstand voneinander.

Der Podcast:

Podcast – Tirez la langue, Mademoiselle

 

 

Tirez la langue, Mademoiselle – Zunge raus, Fräulein, Frankreich 2012, 102 Min.

Regie & Drehbuch: Axelle Ropert

Kamera: Céline Bozon

Mit: Louise Bourgoin, Cédric Kahn, Laurent Stocker, Serge Bozon, Camille Cayol, Gilles Gaston-Dreyfus

Wie wir in Zukunft lernen werden – Leibniz-Institut entwickelt neue Techniken

von Sandra Fuhrmann

Eine ganze Bioklasse sitzt vertieft über ihren iPads. Dort kommt die Niere hin, da die Lunge. Eine App ermöglicht es, die Organe per Drag and Drop an den richtigen Platz im Körper zu ziehen. Eine Szene aus Hollywoods neuestem Science Fiction Blockbuster? Nein! Schon heute ist diese Szene Realität!

EyeVisit ist der Name des Projekts, mit dem sich Forscher des Tübinger Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) aktuell beschäftigen. „Unser Ziel ist es, Informationen in Zukunft intuitiver, personalisierter und vor allem auch multimedialer zu vermitteln“, sagt Professor Peter Gerjets, einer der beiden Leiter des Gesamtprojekts. Derzeit bezieht sich die Forschung vor allem auf die Wissensvermittlung im Museum. Peter Gerjets lässt aber durchblicken, dass das Ergebnis weit über das Museum hinausreichen wird. Die Revolution hat bereits begonnen – und sie wird alle nur erdenklichen Bereiche der Wissensvermittlung betreffen.

Auf der Schwelle zur Zukunft

Tritt man über die Schwelle eines Kellerraums des IWM, fällt einem sofort das Herzstück der momentanen Forschung ins Auge. Dort steht der Multitouch-Tisch, abgeschottet von Sonnenlicht, denn Infrarotlich würde ihn funktionsuntüchtig machen. Wie ein überdimensionales iPad oder Smartphone wirkt die Oberfläche. Darauf verteil scheinen Kunstwerke zu liegen, die aus dem Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig stammen. Das Museum ist der aktuelle Forschungspartner des IWM. Mit den Fingern können die Bilder verschoben, vergrößert und auch gedreht werden. Auf der Rückseite finden sich dann Texte oder Videos mit Hintergrundinformationen zum Gemälde. Smartphones, Tablets oder andere digitale Geräte können außerdem durch Auflegen auf die Oberfläche mit dem Tisch interagieren. So können zum Beispiel interessant erscheinende Kunstwerke mit den mobilen Geräten abfotografiert werden und der Tisch liefert dann später – vielleicht bei einer Pause im Museumskaffe – die Informationen dazu. Fundstücke, nennt sich diese erste Idee, die von der interdisziplinären Forschungsgruppe, bestehend aus Psychologen, Informatikern und Museumspädagogen, entwickelt wurde.

Zunehmende Digitalisierung führt auch zu mehr Personalisierung, so scheint es.  So wird momentan an der zweiten Idee innerhalb des Projekts gearbeitet, die noch vor der endgültigen Realisierung steht. Im Tisch sollen dabei auf verschiedene Benutzergruppen abgestimmte Themenrouten vorgespeichert werden, die vom Besucher je nach belieben vor dem Start des Rundgangs abgerufen werden können. Jeder bekommt nur das, was ihn interessiert.

Aber hoppla! Kennen wir das nicht irgendwoher? Dass Inhalte im digitalen Zeitalter personalisiert werden ist nach Google, Amazon und Co. nichts Neues mehr. Hier jedoch wird Personalisierung noch einmal  auf sehr viele weitere und vor allem zentrale Bereiche des Lebens übertragen.

Science Fiction im Klassenzimmer

„Es geht viel darum, was die Medien mit den Besuchern der Ausstellung machen. Was kann bei der Rezeption der Ausstellungsinhalte helfen? Wie können Besucher angeregt werden, sich auszutauschen. Was wollen die Besucher überhaupt sehen? Macht es einen Unterschied, ob etwas medial oder mithilfe eines Objekts vermittelt wird?“

All das sind laut Gerjets zentrale Fragen, mit denen sich die Forschungsgruppe um EyeVisit beschäftigt.  Fragen, deren Beantwortung letztendlich nicht allein im Museum zu einer Revolutionierung der Wissensvermittlung führen könnte.

Gerjets sagt voraus, dass schon in zehn bis 20 Jahren Tablets mit neuartigen Lern-Apps die Klassenzimmer dieser Welt erobert haben könnten. Tablets sind günstiger als gewöhnliche Laptops oder Computer und gewähren dem Lehrer durch ihre flache Form mehr Einsicht. Schon jetzt werden sie in einzelnen Schulklassen ausprobiert und vom IWM entwickelte Apps wurden auch bereits an hochbegabten Schülern getestet.

Wissen ist Silber – Wissensvermittlung ist Gold

Doch warum sich  auf Schulen beschränken? Wissensvermittlung spielt überall in unserem Alltag eine Rolle. Wo wir gehen und stehen versuchen alle Arten von Medien Informationen an uns heranzutragen, uns mit Wissen, Eindrücken und natürlich nicht zuletzt mit Bedürfnissen zu füttern. Auf Messen, in Firmen, in der Produktkommunikation – Informationen sind wertvoll, noch wertvoller jedoch kann ihre erfolgreiche Vermittlung sein.

Den Aufbau des Projekts erklärt Gerjets so: „Innerhalb des Forschungsbereichs gibt es zwei große Gruppen. Einer der Forschungbereiche nennt sich Präsentationsmedien. Hier geht es vor allem darum neue Formen der Informationspräsentation zu entwickeln. Die Andere Gruppe beschäftigt sich mit Wissensaustausch/Wissenskommunikation. Dabei geht es zum Beispiel darum  Face-to-Face-Situationen im Web zu ersetzen oder Meinungssrukturen in Gruppen sichtbar zu machen.“

Hongkong liegt gleich hinter dieser Wand

So ist auch bereits ein neues technologisches Wunderwerk in Arbeit. Dieses Mal nicht ein Tisch, sondern eine Wand. Wem schon Skype bereits ein wenig futuristisch anzumuten scheint, der kann hier nur noch staunen. Die Wand scheint einer Glasscheibe zu ähneln. Nur, dass der Gesprächspartner auf der anderen Seite sich nicht etwa im Vorgarten befinden muss, sondern vielleicht in Hongkong, New York oder Pune. Im Gegensatz zu Skype ist es hier außerdem möglich, Schaubilder oder Ähnliches auf der Wand aufzumalen und sie zu verschieben. Der Gesprächspartner sieht diese nicht nur, sondern kann sie auch verändern. Die Bilder werden auch nicht spiegelverkehrt angezeigt, sondern zum Beispiel Schrift kann auch auf der anderen Seite ganz normal gelesen werden. Internationale Firmenmeetings könnten so ein ganz neues Flair bekommen.

Entwicklungen dieser Art werfen sicher zwiespältige Gefühle auf. Muffige Biologiebücher in den Klassenzimmern mögen in vielleicht nicht all zu ferner Zukunft Geschichte sein – die, die ihrem Muff noch nachtrauern werden, wird es auf jeden Fall geben. Veränderungen haben durch das Internet und die digitalen Medien jedoch schon jetzt überall in unserem Alltag stattgefunden. Dass diese Entwicklung damit noch nicht am Ende ist, das ist wohl allen klar – wohin sie weiterhin führen wird, vielleicht eher weniger.

 

Bilder: Copyright Jörg Edelmann

Bücher auf Reisen

 von Lina Heitmann

Das Fundbüro von Siegfried Lenz ließ ich am vergangenen Sonntag am Bahnhof liegen. Anders als im Buch geht es hier aber nicht darum, dass es gefunden werden und zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurückfinden soll. Im Gegenteil: Das Buch soll wandern und seine Geschichte an möglichst viele neue Leser weitergeben.

Tatsächlich lassen Nutzer von bookcrossing.com weltweit ganz bewusst irgendwo Bücher rumliegen. Sie hoffen, dass Andere die Bücher finden, lesen und dann selbst weitergeben. Hinzu kommt, dass man die Bücher auf der Webseite verfolgen kann. Die Nutzer beschreiben, wo sie ein Buch gefunden und wo sie eines „freigelassen“ haben. Außerdem schreiben die Nutzer eine kurze Kritik zum Buch – alles zusammen macht den soggenannten Journaleintrag eines Buches, quasi sein Profil, aus. 

Man kann auf Jagd gehen um Bücher zu finden, auf der Straße oder in der Uni über sie stolpern, und sie per Post verschicken und empfangen. Die Seite setzt darauf, dass man die Bücher, die einem am Herzen liegen, teilen will, anstatt sie im Regal einstauben zu lassen.

 Was macht BookCrossing besonders?

BookCrossing verbindet auf kreative Art die Tracking-Möglichkeiten des Internets mit richtigen Büchern. Ziel ist es, die Welt in eine Bücherei zu verwandeln, wo auf Parkbänken, an Bahnhöfen oder in Cafés immer mal wieder ein Buch zu finden ist, das man lesen und dann weitergeben kann. Diese Welt-als-Bücherei bestände aber vor allem aus Zufallstreffern: die anderen Nutzer bestimmen, welche Bücher wo zur Verfügung stehen. Auch in einem größeren Umfang ist das Bookcrossing möglich: in Frankreich hat die Bahn (SNCF) ein BookCrossing-Experiment gemacht. In Zügen der TER Picardie wurden am 27. November 500 Bücher freigesetzt. Allerdings wurden bis jetzt nur 12 der 517 freigesetzten Bücher wieder auf bookcrossing.com eingetragen. Die anderen sind womöglich immernoch in den Zügen unterwegs.

Das BookCrossing begann in den USA. Bei der Idee lehnte sich der Gründer aus Kansas City an ähnliche tracking-sites wie „Where’s George?“, auf der man die Reise eines Ein-Dollar-Scheins verfolgen kann. Beim BookCrossing kommt aber zum Tracking die Freude am Lesen und Teilen von Büchern hinzu. Heute hat die Seite bereits zirka1,5 Millionen Nutzer.

Die Webseite erinnert ein bisschen an Seiten wie Couchsurfing und Mitfahrgelegenheit, aber der Kontakt läuft allein über die Bücher. Wie diese beiden Seiten ist beim BookCrossing der Hauptakteur die Netzgemeinschaft selbst, die die reale Welt durch die Möglichkeiten des Internets zum weltweiten „Dorf“ macht. Bei BookCrossing erhalte ich – wenn ich Glück habe einfach so, sonst auch per Post – direkt Bücher von Menschen, die die Liebe zum Buch mit mir teilen.

Die Welt als Bücherei Schnitzeljagd

Manche User wollen einem das Finden erleichtern (wenn zum Beispiel eine ganz bestimmte Bank angegeben wird), andere setzen eher auf den Zufall (wenn eine ganze Stadt als Freilassungsort angegeben wird). Gezielter – aber eben weniger spannend – ist die Anfrage per Post.

Noch ist die Welt keine Bücherei. Man kann sicher erfolgreich auf ein Buch stoßen, das von einem BookCrosser hinterlassen wurde. Ich erlebte es allerdings so, dass man gezielt nach den Büchern suchen muss und sie nicht unbedingt dort findet, wo sie freigelassen wurden. Ich hatte nicht das nötige Glück, und vielleicht auch nicht genügend Geduld. Im Brechtbau stöberte ich unter ausgestellten Flugblättern, in der Altstadt versuchte ich, möglichst unauffällig in geschmückten Tannenbäumen ein Buch zu entdecken; ich habe bestimmte Schaufenster in Tübingen sehr genau von innen und außen begutachtet, und ziemlich oft musste ich im Kreis gehen, um erneut gucken zu können – aber immer ging ich leer aus. Bei der aktiven Suche muss man schnell aber geduldig sein. Man kann sich natürlich auch das Buch nicht aussuchen – und man muss mehr Glück haben als ich bisher.

Als ich mein eigenes Buch freisetzte, saß ich kurze Zeit noch neben ihm auf der Bank und machte mich dann schnell aus dem Staub – mir sollte schließlich keiner nachrufen, ich hätte etwas vergessen…Wo es nun weiter hinwandert, werde ich über die nächsten Tage, Monate oder Jahre verfolgen können – je nachdem, wie erfolgreich es weitergegeben wird. Bislang werden nur 20-25% der Bücher, die in die „Wildnis“ freigesetzt werden, gefunden und wieder eingetragen. Nach der Freilassung ist es dem Zufall überlassen, ob und von wem es gefunden und weitergegeben wird. Ich warte trotzdem hoffnungsvoll auf eine Nachricht des Fundbüros.

 

 Fotos: Bücherstapel, flickr.com/pmagalheas (CC BY-NC-SA 2.0); Eingetütete Bücher, wikipedia.org/Johannes Kazah (CC BY-SA 3.0)

Eine andere Perspektive? – Im Gespräch mit Michel Arriens

von Alexander Karl

Wie man sich in den Medien präsentiert, weiß Michel Arriens mittlerweile genau: Gemeinsam mit Ulla Kock am Brink hat er auf SAT.1 ein Format über Kleinwüchsige moderiert. Dabei stand er auch selbst als Protagonist vor der Kamera. Viel Medienerfahrung für einen 22-jährigen Studenten.

Mit seinem Kommilitonen Alexander Karl sprach Michel Arriens über seinen Weg auf den Bildschirm, Doku-Soaps und sein Studium.

Michel, du hast ‚Die große Welt der kleinen Menschen‘ gemeinsam mit Ulla Kock am Brink moderiert und warst auch einer der Protagonisten. Wie findest du das Wortspiel im Titel der Sendung?

Ich finde es nicht schlimm. Es ist einfach ein Fakt, dass gewisse Dinge bei Kleinwüchsigen anders sind und damit gehe ich auch offen um. Beispielsweise ist die Perspektive mit meinen 1,25 Metern völlig anders, als bei jemand mit 1,80 Metern.

Wie kam es dazu, dass du plötzlich bei einer Doku-Soap mitmachst?

Zunächst bekam ich nur eine Mail der Casting-Agentur des Senders. Darauf habe ich geantwortet, Bilder und Infos über mich hingeschickt – und wurde dann zum Videocasting eingeladen, bei dem ich vor der Kamera auf Herz und Nieren geprüft wurde. Offensichtlich hat das gut geklappt (lacht). Davor habe ich aber auch schon bei einer ‚Focus TV Reportage‘ mitgewirkt.

Du standest nicht nur als Moderator vor der Kamera, sondern auch als Protagonist. Doku-Soaps wie ‚Bauer sucht Frau‘ oder ‚Frauentausch‘ stehen immer wieder in der Kritik, Menschen vorzuführen. Hattest du Angst davor?

Angst ist das falsche Wort. Aber ich habe von Beginn an gesagt, dass ich nicht mit einer Zipfelmütze durch das Bild laufen oder andere Klischees bedienen werde. Ich wusste im Vorfeld, dass es eine Doku-Soap wird, in der es Höhe- und Tiefpunkte gibt. Mir war es wichtig, dass man nicht einerseits als der hilflose Behinderte gezeigt und mit Samthandschuhen angefasst wird. Und andererseits auch nicht an den Pranger gestellt wird. Und ich finde, dass es dem Sender insgesamt gelungen ist, ein authentisches Bild von Kleinwüchsigen zu zeigen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen zur Sendung, etwa von Karl-Heinz Klingebiel vom ‚Bundesverband Kleinwüchsige Menschen‘, der gegenüber dem Medienmagazin ‚ZAPP‘ von einer „flachen, dümmlichen Sendung“ sprach. Wie reagierst du auf solche Kritik?

Die Kritik richtete sich ja nicht an mich. Natürlich muss bei solchen Formaten immer wieder gekürzt und geschnitten werden, es kann ja nicht das gesamte Drehmaterial gezeigt werden. Zum Beispiel auch die Szenen, die beim ‚Großen Treffen‘ des ‚Bundesverbands Kleinwüchsige Menschen‘ gedreht wurden. Da wurden leider einige Szenen herausgelassen, sodass eher der Eindruck erweckt wurde, dass es sich nur um eine Spaßveranstaltung handelt. Ärztevorträge und so weiter wurden eben nicht gezeigt. Das hätte man anders machen können, da teile ich die Kritik.

Deine Kollegin ChrisTine Urspruch spielt das ‚Sams‘ und auch im Münsteraner ‚Tatort‘. In diesem Jahr wurde viel über die Paralympics in London berichtet. Denkst du, dass Menschen mit Behinderungen ihren Platz in den Medien gefunden haben?

Ich glaube, sie sind dabei, ihren Platz zu finden. Die Paralympics in diesem Jahr sind ein gutes Beispiel, denn sie zeigen, dass Menschen mit Behinderung ohne Probleme bestimmte Sportarten ausführen können – und das haben die Medien auch so dargestellt.

Du gehst offen mit dem Kleinwuchs um, triffst aber auch sicherlich auf Menschen, die nicht genau wissen, wie sie sich dir gegenüber verhalten sollen. Wie sollen die Leute auf dich zugehen?

Es kommt darauf an, wie gut man die Menschen kennt: Wenn es Freunde sind, habe ich kein Problem mit einem kleinen Spaß – ich weiß ja, wie es gemeint ist. Bei Fremden ist das natürlich etwas anderes, da erwarte ich auch eine sprachliche Korrektheit.

Du hast zunächst Inklusive Pädagogik studiert, nun studierst du Medien- und Kommunikationswissenschaft in Hamburg. Wie kam es zu dem Wechsel?

Bei den Praktika zum Lehramtsstudium habe ich schnell gemerkt, dass der Beruf körperlich für mich zu anstrengend wäre. Alleine schon Kinder auseinander zu halten ist für mich einfach drei bis vier Mal anstrengender als für einen Menschen mit durchschnittlicher Größe. Außerdem haben sich für mich in der Medienbranche gerade Türen geöffnet. Aber auch wissenschaftlich interessiere ich mich für die Darstellung von Handicaps in den Medien.

Wie geht es nun für dich auf dem Bildschirm weiter?

Wenn ‚Die große Welt der kleinen Menschen‘ in die 2. Staffel gehen sollte, wäre ich gerne wieder dabei. Ansonsten sollte man gespannt bleiben (lacht).  Aber mal schauen, ob mein großer Traum, einmal neben Markus Lanz zu sitzen, wahr wird. Entweder auf dem bequemen Sessel oder dem großen Sofa.

 

Foto: Alexander Karl

Der Rankingwahn

von Alexander Karl

Rankings sind das, nach dem die Menschen lechzen: Es gibt ihnen in einer immer schneller werdenden Welt Halt und Struktur, eine Ordnung, die verloren gegangen zu scheint. Längst finden sich Rankings überall in den Medien – von Amazon bis im TV. Doch die Ergebnisse lassen oft zu wünschen übrig.

Die gefühlte Wertigkeit

Rankings gibt es überall, lassen sich leicht erstellen und werden von den Medien dankend angenommen. Vom beliebsten Arbeitgeber über SUVs, Biermarken bis hin zu Hochschulen wird alles in eine Rangliste gepresst, was nicht bei drei auf dem Baum ist (und selbst die könnten noch gerankt werden). Rankings erheben den Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit. Aber wen befragt man, wenn man die beliebtesten Biermarken testen will? Alle zwischen 16 und 99 Jahren? Fragt man lieber gar nicht in Erding oder ausschließlich da? Ermittelt man das Ranking anhand des Verkaufs oder der Produktion? Und so weiter.

Ein gutes Ranking sagt, wie es zustande kam, doch zumeist bleibt Raum zum Zweifeln, denn auch Rankings sind leicht zu beeinflussen. 2005 wurden Manipulationsvorwürfe der deutschen Musikcharts laut, da der Produzent David Brandes Platten seiner Schützlinge – etwa der Eurovision Songcontest-Teilnehmerin Gracia – gekauft haben soll. Das Ziel hinter solchen Aktionen, die angelich branchenüblich ist: Eine bessere Chartplatzierung, denn ein Top 20 Hit verkauft sich wiederum besser als ein Top 60 Hit.

„Schließlich zündet ab dieser Positionierung die zweite Marketing-Stufe: MTV, Viva und die Radio-Playlists greifen das Stück auf und bewerben es so kostenlos“, schreibt der Focus dazu. Dieses Prinzip lässt sich auf alle Bereiche übertragen: Ein Ranking zum beliebtesten Bier sorgt für die Möglichkeit, sich als Produzent genau das auf die Fahne zu schreiben. Die Platzierung eines Buches auf einer Bestsellerliste macht aus einem Titel schnell einen Top-Titel – selbst wenn das Buch nur kurz Chartluft schnuppern durfte. In jeder Buchhandlung liegen diese Bücher dann aus, um alleine durch ihre physische Präsenz und dem Prädikat Bestseller erneut gekauft zu werden – ein Teufelskreis.

Das Bewerben von Spitzentiteln ist natürlich der richtige Schritt des Produzenten und gängige Praxis – man denke nur an all die erfolgreich von Stiftung Warentest getesteten Produkte. Und für den Konsumenten scheint es ein guter Hinweis zu sein: Jeder möchte doch den Marktführer konsumieren und kein vermeintlich schlechteres Produkt. Das Ergebnis ist eine geringe Fluktuation von Spitzentiteln.

Doch Ranking ist nicht gleich Ranking. Recht schnell können sie skurile Formen annehmen, wie Amazon beweist, wenn es Titel in den unmöglichsten Kategorien rankt. Oder eben bewusst Käufe getätigt werden, um aus einem Produkt ein Spitzenprodukt zu machen. Vielleicht sollte man nur dem Ranking trauen, das man auch selbst gefälscht hat.

Doch Skurilität ist das Stichwort, wenn es um die Königsdisziplin des Rankings geht: Der TV-Rankingshow. Selten geht es dort um die harte Rankingware wie Unis und Autos, außer sie beweisen sich als sonderlich „skuril“.

Der Rankingwahn im Fernsehen

Die 25 unglaublichsten TV-Auftritte der Welt, Unsere Besten – Die größten Deutschen, 32Eins! – Die größten Beautyschocker, die unglaublichsten Tiere der Hessen, die erfolgreichsten Überraschungshits – die Rubrikenvielfalt einer TV-Ranking-Show scheint unendlich groß und reicht längst von den privaten Sendern bis zu den öffentlich-rechtlichen. Das Vorgehen – gerade bei den Privaten – ist zumeist gleich: Man finde zunächst eine Kategorie für ein interessantes Ranking, das zum Senderformat passt. Dann setze man ein wertendes Adjektiv à la unglaublich oder spektakulär hinzu. Weiterhin nehme man kostengünstiges Archivmaterial und schnibbele es wild zusammen. Im letzten Schritt lasse man einige Stars und Sternchen, die sich bereits im Sender bei anderen Formaten bewährt haben, Senf zu dem Gezeigen abgeben. Fertig.

Soweit, so gut. Doch mittlerweile nimmt der Rankingwahn absurde Formen an: Da tritt der gerade gerankte Beitrag hinter den meist uninformativen Beiträgen der Kommentatoren zurück, die im Idealfall das kommentieren, was man als Zuschauer gerne selbst sehen würde, wenn man denn könnte. Denn was die Prominenten da von sich geben, enthält zumeist das Motto der Sendung und unterstreicht, wie unglaublich dieser TV-Auftritt wirklich (!) ist. Oder wie vollkommen überraschend dieser Hit wirklich (!) ist. Oder wie vollkommen toll/grandios/ekelig/bäh/sinnfrei dieses oder jenes ist.

Vielleicht ist die Idee solcher Shows, durch die Willkürlichkeit der Zusammenstellung wenigstens nichts fälschen zu müssen. Vielleicht ist es auch nur kostengünstige Unterhaltung, die die Zuschauer in Erinnerung schwelgen lassen kann. Denn das was gerankt wirkt, muss existieren und in der Vergangenheit da gewesen sein. Rankingsshows sind letztendlich gerangordnete Rückblicke, nicht mehr und nicht weniger – nur die Art ihrer Seriösität und Ernsthaftigkeit variiert. Man warte auf den Tag, an dem es ein eine Rankingshow der unglaublichsten Rankings gibt.

Fotos: flickr/pete_pick (CC BY-NC-SA 2.0) , flickr/Funky64 (www.lucarossato.com) (CC BY-NC-ND 2.0)

Kaviar statt Fast-Food: Quality-TV

von Alexander Karl

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da schaute man Serien einfach mal nebenbei. Beim Bügeln, stummgeschaltet beim Telefonieren, zum Einschlafen. Heute ist das anders: Quality-TV-Serien ziehen den Zuschauer förmlich in ihren Bann und lassen keinen Platz für eine andere Beschäftigung.

Die neue Serienwelt

Die beste und härteste Serie der Welt?“ fragt bild.de und meint damit The Wire. Von 2002 bis 2008 entstand der Epos, der düstere Einblicke in das Leben in Baltimore ermöglicht: So werden etwa zu Beginn der ersten Staffel Drogendelikte abwechselnd aus den Augen der Polizei, dann wieder der Drogendealer erzählt. Klingt nicht sonderlich spannend? Das finden die Kritiker von bild.de bis zum Guardian nicht – sie loben die Serie in den höchsten Tönen. Denn was bild.de mit einem Fragezeichen ziert, wird bei anderen Medien fast schon mit einem Ausrufezeichen versehen. Auf dem TV-und Radio-Blog des Guardian werden neun Gründe genannt, warum The Wire „the greatest ever television drama“ ist und Schauspieler, Autoren, na ja, eigentlich alles, überschwänglich gelobt. Und auch die FAZ ist von The Wire fasziniert: „Kein Roman hat mich so beschäftigt wie „The Wire“ – das ist auch so zu verstehen: „The Wire“ ist ein Roman. Einer der besten.“

Trotz des (deutschen) Kritikerlobs werden hochwertige Serien in der deutschen Free-TV-Fernsehlandschaft stiefmütterlich behandelt. Ja, vereinzelt finden sie ihren Weg ins deutsche TV, vornehmlich bei Privatsendern. Vereinzelt meint aber in diesem Fall: Sehr selten. So fragte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Jahr 2010 – also zwei Jahre, nachdem The Wire abgedreht wurde – bei den deutschen Free-TV-Sendern nach, warum die Serie nicht hierzulande läuft oder lief. Ergebnis: Dem Zuschauer gefällt’s nicht – vermutet man zumindest bei den Sendern. Einzig das ZDF hatte überlegt, die Serie in den Programmkanon aufzunehmen – und ließ es schlussendlich bleiben. Hierzulande setzt man bei den US-Importen dann doch lieber auf Comedy (wie etwa How I met your mother, Two and a half men) oder klassische Polizei-Serien wie der CSI-Reihe.

Ob die Quality-TV-Serien dem deutschen Konsumenten allgemein nicht schmecken, darf aber bezweifelt werden – denn als DVDs werden sie gekauft und sicherlich auch online konsumiert. Die Free-TV-Tauglichkeit ist tatsächlich noch eine andere Frage, denn auch die in Deutschland komplett ausgestrahlte Serie Lost verschwand von ihrem vormaligen 20.15 Uhr-Sendeplatz auf Pro7 zunehmend in den späten Abend – und wurde schlussendlich aufgrund stetig sinkender Quoten an kabel eins weitergereicht.

Serien und Wissenschaft

The Wire, Mad Men, Six feet under, Lost, Breaking Bad – diese Serien werden gerne als Quality TV bezeichnet, also qualitativ hochwertig gestaltete Serien, die eigentlich mehr sind als ihre Genrezugehörigkeit erwarten lässt. Diese Serien erzählen nicht nur fesselnd, sie spielen mit dem Rezipienten, schüren seine Aufmerksamkeit – und sind von Interesse für die Wissenschaft. In ihrem Aufsatz über Quality TV beschreibt Jane Feuer am Beispiel der Serie Six feet under, was solche Serien ausmacht. Sie sieht die neuen TV-Lieblinge in der Tradition des europäischen art cinema und des Theaters, weist auf die hohe Bedeutung von Musik und die Transzendenz zwischen Traum und Realität hin, was gerade auch den Charme von Six feet under ausmacht – und vieles mehr.

Vereinfacht ausgedrückt: Quality-TV-Serien sind mit oftmals filmähnlichem Aufwand gestaltete Serien, die hintergründiger, fesselnder und nachdenklicher sind, als man es sonst von Telenovelas, Soaps und anderen Serien kennt. Eben keine leichte Kost, keine Nebenbei-Berieselung.

Genau deshalb verwundern aber hochwertige Serien wie Six feet under oder The Wire im ersten Moment, verstören vielleicht sogar: In der Fast-Food-Serienwelt ist kein Platz für lange Entwicklungen der Charaktere oder Mehrdimensionalität. Sicher ist: Der Konsument muss sich umgewöhnen. Und: Ihm muss der Kaviar schmackhaft gemacht werden, auch wenn er anstregend zu löffeln sein mag. Kleine Hinweise, Anspielungen, Metaphern und Querverweise, die für die weitere Handlung wichtig sind, sorgen dafür, dass man genau zuhören und aufpassen muss.

Zudem gibt es viel zu interpretieren, egal ob auf medienwissenschaftlicher oder soziologischer Ebene. Dem trägt seit März 2012 auch der diaphanes Verlag Rechnung, der mit seiner booklet-Reihe nach eigenen Aussagen das nachliefert, „was in den DVD-Boxen fehlt: Lektüren zur Serie.“ Die Essays über The Sopranos, The Wire und The West Wing machen deutlich, dass es sich lohnt, über Serien nachzudenken. Dem Filmkritiker Daniel Eschkötter etwa gelingt es, dem The Wire-Fan einen Blick hinter die Kulisse zu ermöglichen, zu zeigen, wie etwa Montagetechniken zwischen Bewegtbild, Überwachungsvideos und Fotos verwendet werden, um The Wire als Epos zu inszenieren. Querverweise zwischen den anderen Serien des The Wire-Autors David Simon werden aufgezeigt und mit Hintergrundwissen in einen Kontext gesetzt, der deutlich macht, dass diese Serie nicht am Reißbrett entstanden ist, sondern vielmehr ein eigener Kanon – oder „Visual novel“, wie Simon es nennt – ist. Denn die booklet-Reihe zeigt auch: Längst ist der Zuschauer einer Serie nicht nur Fan und Konsument, sondern Interpretierer einer Welt, die er nicht geschaffen hat, aber in der er sich auskennt oder auskennen möchte wie in seiner Westentasche.

Serien sind – und das zeigt nicht zuletzt die booklet-Reihe – längst kein kurzlebiges Konsumgut einer Wegwerfgesellschaft mehr, sonden durch die hochwertige Produktion ein qualitativ anspruchsvolles Medium, das Aufmerksamkeit verdient. Und sie auch bekommt.

Fotos: Tita Totaltoll / photocase.com, kaibieler / photocase.com

Große Filmkunst einer nahezu Unbekannten – Lotte Reiniger

von Alexander Karl

Sie ist die große Unbekannte des deutschen Films: Lotte Reiniger. Und doch war sie es, die mit ihren Scherenschnitten Filme schuf, die eine unnachahmliche Eleganz ausstrahlen und Kinofilme bis heute beeinflussen. Wer bei Scherenschnitt an Basteleien aus dem Kindergarten denkt, hat noch keinen Film von Lotte Reiniger gesehen. Nun entführt der Tübinger Dokumentarfilm „Lotte Reiniger – Tanz der Schatten“ in die Welt der Schöpferin und des Scherenschnitts – und das Kino Museum zeigt den Film sogar von Donnerstag, 2.8. bis Sonntag, 5.8,um  17:15 Uhr.

Lotte… wer?

Donnerstag, 26. Juli 2012: Im Tübinger Kino „Museum“ feierte der Dokumentarfilm „Lotte Reiniger – Tanz der Schatten“ Premiere, den die Masterstudenten der Medienwissenschaft in Tübingen gemeinsam mit den Autoren Prof. Susanne Marschall, Dr. Rada Bieberstein und M.A. Kurt Schneider geschaffen haben. Kooperiert wurde mit EIKON SÜDWEST und ARTE, zudem wurde das Projekt durch das Land und die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg gefördert.

Eine Stunde wurden die zahlreichen Zuschauer in die große Kunst des Scherenschnitts entführt. Nichts für Kindergartengruppen, was Lotte Reiniger bereits Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffen hat: Sie war es, die 1926 mit „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ den ersten abendfüllenden Animationsfilm schuf – nicht etwa Walt Disney. Die von ihr geschaffenen Figuren wurden mit viel Liebe zum Detail aus einem Pappe-Blei-Gemisch zusammengebastelt, mit Scharnieren verbunden – und ermöglichten es ihr so, die Figuren zu bewegen und ihnen Leben einzuhauchen. 24 einzelne Bilder machte Reiniger, um eine Sekunde Filmmaterial herstellen zu können. Tausendfach zog sie an einer Kordel, um den Auslöser zu betätigen, bewegte dabei die auf einer Glasplatte befindlichen Figuren nur minimal – bis nach vielen Tagen, Wochen und Jahren harter Abend endlich ein Film entstanden war. Wie eben der Stummfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmet“, der drei Jahre Produktionszeit kostete. Doch warum ist etwa Walt Disneys Schneewittchen und die sieben Zwerge aus dem 1937 wesentlich bekannter als Reinigers Werke? „Disney ist von vornherein auf den kommerziellen Massenerfolg aus gewesen und hat auch Schneewittchen genau daraufhin kalkuliert. Lotte Reiniger und ihr Mann Carl Koch waren ein Familienunternehmen, das im zusammen mit Freunden Filme aus Liebe zur Kunst anfertigte. „Das kommerzielle Interesse stand hier eher im Hintergrund“, sagt Kurt Schneider, geschäftsführender Leiter des Zentrums für Medienkompetenz (ZFM) an der Universität Tübingen und Autor des Dokumentarfilms.

Reinigers Erbe

Was kaum einer weiß: Reiniger inspirierte bis in die heutige Zeit. Wer die Filme zu Harry Potter und die Heiligtümer des Todes gesehen hat, kennt die dortige Darstellung des Märchens von den drei Brüdern: Es interpretiert die Scherenschnittkunst Reinigers neu, animiert sie digital – und doch zeugt die Filmsequenz von Reinigers Schattenspiel.

Auch im Video „Earth Intruders“ von Björk lassen sich Anspielungen auf Reinigers Arbeit finden. Und trotz allem ist Reiniger in Deutschland nahezu unbekannt. Wie kam man im Institut auf die Idee, einen Dokumentarfilm über die Schattenspielkünstlerin zu drehen? „Susanne Marschall ist über die Dauerausstellung im Tübinger Stadtmuseum auf das Thema gekommen. Und weil der gesamte Nachlass von Frau Reiniger in Tübingen liegt, da sie in Dettenhausen verstorben ist“, so Schneider gegenüber media-bubble.de. Da Reiniger bereits 1981 starb, musste auf Archivmaterial zurückgegriffen werden, was das Team aber trotzdem in den Bann zog: „Auch wenn man Filme über Personen dreht, die man nur aus dem Fremdmaterial heraus kennen lernt, entsteht im Laufe der Beschäftigung mit diesen Personen eine Art Vertrautheit, eine emotionale Vorstellung davon, wie dieser Mensch wohl gewesen sein muss. Genauso ging es uns mit Lotte Reiniger. Sie ist jetzt quasi wie eine enge Freundin für uns.“

Doch noch etwas anderes zeigt das Beispiel des Dokumentarfilms „Lotte Reiniger – Tanz der Schatten“: Es ist möglich, in Kooperation von Studenten und dem Institut einen 60-minütigen Film auf die Beine zu stellen, der wohl in der ersten Jahreshälfte 2013 bei Arte gezeigt werden soll.

Folgen jetzt weitere Projekte der Güteklasse Lotte Reiniger? Kurt Schneider dazu: „Aber sicher. Ideen haben wir genug. Und wir haben mit diesem Projekt erfolgreich gezeigt, dass wir Filme aus dem Lehrbetrieb heraus produzieren können.“

UPDATE: Auch von Do, 9.8. bis So, 12.8. wird „Lotte Reiniger – Tanz der Schatten“ wieder jeweils um 17:15 Uhr im Studio Museum gezeigt.

 Und wie so ein Film bei Lotte Reiniger aussieht, zeigt dieser Ausschnitt:

Foto: Presse; flickr/janwillemsen (CC BY-NC-SA 2.0)

Making of – So entstand der Kurzfilm „It gets better!“

von David Jetter (Film) Alexander Karl (Text)

Der Kurzfilm „It gets better“ von Student David Jetter kritisiert das Verständnis der Kirche gegenüber Homosexualität. Im Interview mit media-bubble.de sprach er über Veränderungen in der Kirche, die Bedeutung der Medien und die Arbeit am Film.

It gets better! ist ein Kurzfilm, der sich kritisch mit dem christlichen Glauben und Homosexualität auseinander setzt. Steht beides noch immer so im Gegensatz?

Man kann nicht allgemein sagen, dass sich Homosexualität und christlicher Glaube ausschließen. Es gibt mittlerweile viele schwule und lesbische PfarrerInnen, die offen zu ihrer Sexualität stehen. Da hat sich sehr viel getan in den letzten Jahren. Auf der anderen Seite wird Homosexualität von der Kirche immer noch oft verurteilt, vor allem seitens des Vatikans. Auch wird homosexuellen Pfarrern bis heute verwehrt mit ihrem Partner wie andere Pfarrer im Pfarrhaus zu wohnen. Also allgemein hat die Diskriminierung seitens der Kirche zwar abgenommen, aber sie ist immer noch da. Es gibt also meiner Meinung nach zwei Seiten, wenn es um diesen Konflikt geht: Einmal die konservative, diskriminierende Seite und die tolerante Seite, nach welcher Homosexualität und christlicher Glaube durchaus miteinander vereinbar sind. Im Kurzfilm werden diese zwei Seiten durch Magdalena und Hanna verkörpert.

Denkst du, dass Homosexualität in den Medien noch immer zu wenig beachtet wird?

Auch da hat sich meiner Meinung nach in den letzten Jahren viel verändert. Serien wie Queer as Folk und The L-Word sind natürlich Vorreiter, aber auch die deutschen Daily-Soaps ziehen mit gut durchdachten homosexuellen Geschichten nach. Schade ist, dass es kaum Serien gibt, in denen ein Schwuler oder eine Lesbe der Hauptcharakter ist. Oft treten sie nur als klischeehafter Nebencharakter auf. Neben Brokeback Mountain oder Sommersturm setzen sich auch wenige Filme explizit mit dem Thema auseinander. Also insgesamt bietet dieses Thema viel Potenzial für Geschichten und da könnte man medial sicher mehr daraus machen.

Was waren die größten Probleme, die du bei der Arbeit am Film hattest?

Ganz klar die Terminkoordination der Mitwirkenden – ob vor oder hinter der Kamera. Ich hatte ein wahnsinnig tolles Team, aber alle an wenigen Tagen zusammen zu bekommen, war echt schwer. Eine Woche vor Drehbeginn hat mir eine Schauspielerin abgesagt, das strapaziert die Nerven schon. Aber letztendlich hat alles geklappt. Auch die Tatsache, dass ich ja keine Marken platzieren wollte oder keine normale Musik verwenden durfte, war eine Herausforderung.

Trotz dieser Probleme: Könntest du dir vorstellen, weiterhin Kurzfilme zu drehen?

Ja auf jeden Fall! Die nächsten Projekte sind auch schon in Planung. Diese Arbeit macht einfach wahnsinnig viel Spaß und es ist toll den Prozess zu beobachten, also wie sich eine grobe Idee immer weiterentwickelt bis man dann wirklich einen fertigen Film auf dem Bildschirm sieht. Also ich kann nur jedem, der sich für Film und Fernsehen interessiert, empfehlen, sowas selbst auszuprobieren, weil man durch die selbstständige Arbeit sehr viel lernen kann.

Wie man sich auf einen Filmdreh vorbereitet und was alles passieren kann, zeigt David Jetter in seinem Making of zu „It gets better“:

Foto: Saskia Heinzel