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Sascha Lobo_Mediendozentur

Das Ende der Gesellschaft – von den Folgen der Vernetzung

von Jasmin Gerst

Auch in diesem Jahr luden das SWR Studio und das Institut für Medienwissenschaften zur 13. Mediendozentur in der Neuen Aula der Universität Tübingen ein. Um den journalistischen Nachwuchs zu fördern, werden jährlich herausragende Persönlichkeiten eingeladen, die über aktuelle und brisante Themen zu referieren.

Am vergangenen Dienstag, den 07.06.2016, war der Blogger und Journalist Sascha Lobo mit seinem Vortrag „Das Ende der Gesellschaft – von den Folgen der Vernetzung“ zu Gast.

Das Ende der Illusion, die wir Gesellschaft nennen

IMG_5131Gleich zu Beginn stellt der 41-jährige klar, dass es in seinem Vortrag keineswegs um „das Ende der Gesellschaft gehe, sondern um das Ende der Illusion, die wir Gesellschaft nennen.“ Denn unsere Gesellschaft durchlebt momentan einen unvorstellbaren Wandel, der nicht nur durch unser Umfeld, sondern auch durch die Massenmedien genährt wird. Dieser Wandel ist unaufhaltsam, denn es wird alles veröffentlicht und alles dokumentiert. Es ist ein Trend geworden, alles mit der Welt zu teilen: sei es das gerade zubereitete Mittagessen, das härteste Sporttraining aller Zeiten oder das kürzlich erworbene Outfit.

Dieser soziale Trend lässt uns in „die Köpfe der Menschen schauen“. Diesen Prozess beschreibt Lobo als Live-Auflösung der Illusion der Gesellschaft – wir können live dabei sein und zuschauen wie sie sich verändert und was sie aus uns Menschen macht.

Zusätzlich entsteht daraus eine neue Qualität der sozialen Medien: Es entsteht nicht nur ein rauer Umgangston bei Menschen, die sich im Netz hinter anonymen Identitäten verstecken, sondern Menschen aller Klassen kommentieren und kritisieren unter vollem Namen. Wir müssen uns bewusst sein, dass durch diesen sozialen Trend unsere Gesellschaft immer mehr abblättert.

Eine neue Sprache entsteht mit unfassbarer Geschwindigkeit

Durch den sozialen Wandel sehen auch die Massenmedien sich gezwungen, eine Veränderung durchzuführen – eine neue formalisierte Sprache der Nachrichten entsteht als Inbegriff der Mäßigung. Auch sogenannte „Fake News“, eine satirische Nachahmung der Nachrichten als eine Art gesellschaftlichen Abschied der sozialen Mäßigung, werden zum Trend. Die Medien richten sich nun nach ihrem Publikum: erst kommen Emotionen, dann kommen die Informationen. Dadurch entsteht eine neue Ebene der digitalen Vernetzung.

Und als wäre dies nicht genug. Mit einer unfassbaren Geschwindigkeit zieht alles an uns vorbei. Dinge geschehen, bevor man versteht warum. Auf einmal geschieht etwas Neues und das Ereignis zuvor ist schon veraltet. Um dieser Entwicklung zu begegnen, braucht man nach Lobo eine emotionale Brille, denn diese Entwicklung manipuliert unsere Emotionen und unsere Wissensbildung scheint damit in Gefahr geraten zu sein.

Ein weiteres Problem ist das Teilen in den sozialen Netzwerken. Erzählungen, die man aufschnappt – ohne konkretes Wissen – sind zentral für diese Problematik und damit gerät auch das wichtigste Instrument des Journalisten in Gefahr: die Recherche. Im Grunde hat man keine andere Wahl, man muss glauben, was einem gesagt wird, obwohl ein Restzweifel bleibt. Dem Wahrheitsbegriff wird sozusagen ein Filter des Gefühls übergestülpt und so wird auch dieser – wie vieles im Netz – zum Fake.

Aber was sind die Gründe für eine derartige Entwicklung? Nicht nur die zunehmende Komplexität der Welt oder die Tatsache, dass es vermeintliche Verschwörungen gibt, können hier als Erklärung angeführt werden, sondern ebenso die immer steigende Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit. Es wird immer deutlicher, dass immer mehr Menschen sich im Netz öffentlich darstellen und sich dabei weitgehend an Äußerlichkeiten orientieren: Der Beauty-Trend oder der Fitness-Trend sind dabei große Vorreiter.

Jedoch bleibt es dabei nicht bei netten Komplimenten. Menschenfeindlichkeit, Neid, Radikalität und auch Gefühle der Notwehr stehen dabei an der Tagesordnung und so nimmt der Extremismus in den sozialen Medien immer mehr zu.

Kampf gegen den Extremismus im Netz

Für Sascha Lobo ist es also „das Ende der Illusion der Gesellschaft“, denn alles scheint möglich zu sein – auch kalte Hysterie und Gewaltbereitschaft gehören wie selbstverständlich dazu. Zusammenfassend kann Lobo feststellen, dass es im Gegensatz zu früher nicht mehr wichtig ist die Nachrichten so emotionslos wie möglich zu präsentieren, sondern dass sich die Reihenfolge umgedreht hat: Emotionen vor Informationen. Dennoch sei es an der Zeit, sich diesen gesellschaftlichen Entwicklungen zu stellen und sich gegen diese mit aller Kraft zu wehren und die sozialen Netzwerke wieder zu dem zu machen, was sie einst waren.

 

Fotos: flickr.com

CINELATINO – Wo, wenn nicht im Schwabenland?

Von Valerie Heck

Foto: Alexander Gonschior

Bei der Eröffnung des CINELATINO 2016 am 13. April begrüßten nicht nur die Festivalleitung, bestehend aus Paulo de Carvalho, Kathrin Frenz und Pola Hahn, die zahlreichen Besucher, sondern auch der mexikanische Konsul Dr. Horacio Aarón Saavedra Archundia. Er erzählte, dass er vom Präsidenten Enrique Peña Nieto bei dessen Staatsbesuch in Hamburg den Auftrag bekommen habe, einen Ort zu finden, wo die mexikanisch-deutsche Beziehung gestärkt werden konnte. Wo, wenn nicht im Schwabenland war die Antwort von Dr. Saavedra Archundia und so besuchte er das nun schon zum 23. Mal als CineLatino und zum 13. Mal als CineEspañol stattfindende Festival in Tübingen.

Mexiko zu Gast in Tübingen

Alex Gonschior 2Und tatsächlich stellte sich das Festival, das neben Tübingen auch in Stuttgart, Freiburg und Rottenburg zahlreiche Besucher anlockte, als sehr guter Ort für die Entwicklung einer Freundschaft zwischen der deutschen und der mexikanischen Kultur heraus, denn in diesem Jahr bildete Mexiko den Länderschwerpunkt. Nachdem bereits das dritte Mal in Folge der mexikanische Regisseur Alejandro G. Iñarritu einen Oscar gewann, wurde es Zeit, dass in Deutschland auch andere mexikanische Filmtalente in den Fokus rückten. Einer von ihnen ist der Regisseur Fernando Eimbcke, der mit seinem Film „Club sándwich“ das Festival besuchte und die Sources of Inspiration Lecture im Rahmen des Sources 2 Script Development Workshops hielt. Auch Cutter Omar Guzmán Castro alias Julia Pastrana kam extra aus Mexiko zu Besuch, um den Film „Navajazo“ vorzustellen. Dieser handelt von Prostituierten, Drogendealern und einem Pornofilmregisseur, die an der Grenze zu den USA ums Überleben kämpfen. Das Besondere an dem Film: Er zeigt das echte Leben von Menschen in Tijuana zwischen Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit und Sexualität – schonungslos und brutal. Ein weiterer mexikanischer Film füllte nicht zuletzt wegen der Anwesenheit der Regisseurin Tatiana Huezo den Tübinger Kinosaal am Dienstagabend, den 19.04. In „Tempestad“ wird in beeindruckenden Bildern das Schicksal der „Pagadores“, die unschuldig des Menschenhandels beschuldigt wurden, beleuchtet.

Von Spanien bis Ecuador

Das diesjährige Festival zeichnete sich neben einem herausragendem Rahmenprogramm mit Open Festival Space in der Tübinger Innenstadt, einer Hommage an Frida Kahlo im Club Voltaire und der Vernissage zur Ausstellung „Streetart Colombia“ im Blauen Salon vor allen Dingen durch seine zahlreichen Gäste aus. Neben den bereits erwähnten mexikanischen Filmemachern waren zehn weitere Regisseure, Cutter, Produzenten und Experten aus dem spanischsprachigen Raum von Madrid bis Ecuador zu Besuch und bereicherten das Festival mit interessanten Publikumsgesprächen und guter Stimmung

Foto: Alexander Gonschior

Aus Spanien war unter anderem Regisseur Zoe Berriatúa mit dem Film „Los heróes del mal“ zu Gast. Beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Filmvorführung ließ es sich der Spanier nicht nehmen, die spanische Filmförderung, die mit Bestechungen Zensur betreibe, zu kritisieren. Laut Berriatúa werden dort nur Filme unterstützt, die positiv ausgehen – eine Vorgabe, die er mit seinen Filmen nicht einhalten mag. Doch mit Álex de la Iglesia als Produzenten am Bord konnte er, nachdem er zehn Jahre am Drehbuch saß und kein Geld bekam, den Film doch noch verwirklichen. Ergebnis ist ein Film, der zum Nachdenken über den Ursprung von Gewalt anregt. Vom Sohn des Oscarpreisträgers Fernando Trueba wurde der Film „Los exiliados románticos“ gezeigt. Fast ohne Drehbuch gedreht, zeigt er besonders authentisch und realitätsnah, wie sich drei Freunde mit einem Bulli von Madrid auf den Weg nach Paris machen und dabei die ein oder andere romantische Begegnung haben. Der Festivalgast Ángel Santos stellte sein Werk „Las altas presiones“ vor – ein Film über verpasste Chancen und die lähmende Angst, vermeintlich falsche Schritte zu tun.

Beendet wurde das Festival am Mittwochabend, 20.04., mit dem spanischen Film „El apóstata“ von Federico Veiroj. Hauptdarsteller und Drehbuchautor Álvaro Ogalla war anwesend, um von den Dreharbeiten des Films, der sich um den Atheisten Gonzalo dreht, der mit Mitte dreißig noch keine großen Erfolge in seinem Leben verbuchen kann und beschließt mit dem Austritt aus der katholischen Kirche etwas zu ändern, zu berichten. Ein angemessener Abschluss für eine solch erfolgreiche und aufschlussreiche Festivalwoche.

Fotos: Alexander Gonschior

Die Zukunft des Journalismus

Von Jasmin Gerst

Der promovierte Politikwissenschaftler Dominik Wichmann referierte am 14. Dezember im Kupferbau der Universität Tübingen über Veränderungen des Verhältnisses zwischen Publikum und Medien sowie dessen Auswirkungen auf den Journalismus wie wir ihn kennen. Wichmann war Chefredakteur des SZ-Magazins und beim STERN, außerdem hat er vor kurzem zusammen mit Guido Westerwelle dessen Biografie „Zwischen zwei Leben: Von Liebe, Tod und Zuversicht“ realisiert.

Geizige Digital Natives?

DominikWichmannWichmann stellt zu Beginn klar, dass der Journalismus noch nie besser war – die Qualität der Inhalte steigt, trotzdem sind immer wenige Konsumenten bereit für diese Qualität Geld zu bezahlen. Eine offensichtliche Veränderung stellt das Leseverhalten der Konsumenten dar. Fakt ist, dass viel weniger Menschen eine Tageszeitung abonniert haben als früher. Und warum? Weil mittlerweile fast alles kostenlos im Netz zu finden ist. Der Kampf, den die Journalisten führen müssen, lässt an der Zukunft des Journalismus zweifeln. Wichmann ist sich jedoch sicher, dass es ihn immer geben wird, allerdings in veränderter Form und mit qualitätsvolleren Inhalten. Die jüngere Generation der Journalisten, die Digital Natives, sind sich ihrer Zukunft zwar ungewiss, bringen jedoch gewisse Vorteile mit sich: Sie können das Neue leichter adaptieren und dabei spielt das Alter eine wichtige Rolle. Da sie bereits in jungen Jahren den Umgang in der digitalen Welt erlernt haben, sind sie der älteren Generation um Längen voraus. Denn Kommunikation allein reicht nicht mehr aus: Die Konsumenten fordern mehr Expertise, aber gerade die Digital Natives sind nicht bereit für diese Expertise zu bezahlen.

Akzeptieren und Umdenken

Fakt ist also, dass sich die Zeiten geändert haben und man sich dieser neuen Zeit anpassen muss. Dazu gehört nicht nur diesen Wandel zu akzeptieren, sondern ihn auch zu „wollen“. Denn die unendlichen Möglichkeiten, die es nun auf dem Markt gibt, müssen optimiert werden. Es ist also von großer Wichtigkeit, dass der Journalismus diese Angebote wahrnimmt und sich heute viel mehr vermarkten muss als früher. Dazu gehört unter anderem stets präsent zu sein, Expertise zu erlangen, Unvoreingenommenheit sowie Form und Inhalt in Einklang zu bringen. Wichmann stellt außerdem fest, dass dieser Umbruch auch viele Widersprüche mit sich bringt. Ein Journalist muss zwei wichtige Parameter vereinen: möglichst aktuell und möglichst zeitnah sein. Das bedeutet, was die Aktualität betrifft, im digitalen Zeitalter angekommen zu sein (Stichwort Liveticker oder Twitter), sowie möglichst schnellen und guten Journalismus zu präsentieren. Dass die Qualität dadurch auf der Strecke bleibt, ist nur allzu verständlich. Nur ein wirklich guter Journalist kann diese beiden Kräfte vereinen, aber dadurch steigt ein weiterer Druck – die Möglichkeit des Scheiterns.

Präsent sein

Ein weiteres Problem ist, dass die Leser nicht nach bestimmten Nachrichten suchen. Die Daten kommen zum Leser und nicht der Leser zu den Daten. Diese werden aufgrund von den Spuren, die der Nutzer tagtäglich hinterlässt, angepasst. Wichtig sei außerdem, dass die Inhalte dort zu finden sein müssen, wo der Leser sich aufhält (z.B. Werbung bei Facebook / Twitter / Instagram etc.). Deshalb wird es immer wichtiger auf Facebook, YouTube, Twitter usw. präsent zu sein. Dass der mediale Wandel begonnen hat, zeigt sich auch dadurch, dass hochkomplexe Themen mittlerweile über mehrere Stunden (z.B. Serie Mad Men) ausdiskutiert werden können. Problem dabei ist jedoch, dass nicht jeder Sender kooperiert und weiterhin ein „spießiges und biederes“ TV-Programm bietet. Die Digitalität ermöglicht revolutionäre Umbrüche sowie eine enorme Verfügbarkeit der Daten.

Aus Real-Time wird Before-Time

Ist es also ein Ende des Journalismus wie wir ihn kennen? Das Berufsbild wird zwar nie verschwinden, so Wichmann, aber der Journalist muss umdenken und sich deutlich mehr nach seinen Lesern richten. Außerdem wird er es deutlich schwerer haben als früher. Denn der Redakteur der Zukunft übernimmt die Rolle als Chefredakteur der Gegenwart. D.h. die Transparenz der Daten führt dazu, dass er oder sie entscheiden.

Durch diese Verfügbarkeit der Daten wird der Journalismus zu einem ganz anderen, so gravierend wird er sich verändern. Sein retrospektiver Charakter wird erweitert und eine neue Erzählform wird entstehen: aus Real-Time wird Before-Time. Um erfolgreich zu sein, fügt Wichmann hinzu, muss man das Rad nicht neu erfinden, es reicht lediglich es als erster zu importieren. Innovation wird ein großes Stichwort sein, diese ist jedoch mühsam und anstrengend. Deshalb ein weiterer Tipp von Wichmann: bestehendes Optimieren!

Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Der berechenbare Mensch – Auswirkungen der digitalen Evolution

Von Jasmin M. Gerst

Am Donnerstag, den 18. Juni 2015, lud das Institut für Medienwissenschaften in Kooperation mit dem SWR zur 12. Mediendozentur in Tübingen ein. Ziel der Veranstaltung war es, wie jedes Jahr, Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis zu bauen und Studenten über aktuelle Themen in der Medienbranche zu informieren. Bei der diesjährigen Mediendozentur übernahm Miriam Meckel, Chefredakteurin der Wirtschaftswoche und Professorin für Medien- und Kommunikationsmanagement, mit dem Vortrag „Der berechenbare Mensch – was die digitale Evolution mit unserer Individualität und Freiheit macht“ diese Aufgabe. In der Neuen Aula der Universität in Tübingen blieben zu diesem Anlass nur wenige Plätze frei.

Die Vermessung des Menschen

Miriam Meckel stellt mit einem historischen Beispiel klar, dass der Mensch schon immer versuchte, das menschliche Bestreben mit metrischen Mitteln zu messen. Im Jahr 1901 war Duncan MacDougall mit seinem Experiment auf der Suche nach der menschlichen Seele. Dabei stellte er fest, dass der Mensch nach dem Tod 21 Gramm weniger wiegt als vorher. Daraus schloss er, dass die Seele 21 Gramm wiegen muss. Während früher die Seele vermessen werden sollte, versucht man heute  aus dem Verhalten des Menschen ein Ordnungsmuster zu erschließen und dieses in Algorithmen umzuwandeln. Dabei stellen sich die Fragen, welche Muster man am Menschen erkennen kann und ob der Mensch wie ein großer Datensatz berechenbar ist.

Täglich hinterlassen wir im Internet durch Ortungsdienste oder Recherchen eine Menge von Daten. Durch das Nachverfolgen dieser Daten können Rückschlüsse auf  unsere Gewohnheiten und Vorlieben gezogen und sogar unser Alltag rekonstruiert werden. Amazon erforscht bereits Möglichkeiten, wie sie  in Zukunft das liefern können, was der Nutzer seinen Gewohnheiten entsprechend in nächster Zeit bestellt hätte. Dabei wird mit Hilfe von Informationen über das Kauf- bzw. Suchverhalten des Kunden eine Datenanalyse vorgenommen und mit dieser Vermessung des Menschen können ihm dann Entscheidungen abgenommen werden.

Gefährdung der Individualität

Aber was bedeutet das für den Menschen? Meckel sieht eine Gefährdung der Individualität des Menschen darin, dass ihm durch Maschinen Entscheidungen abgenommen werden sollen. Beruhigend ist jedoch, dass durch die Algorithmen nur Routineentscheidungen nachvollzogen werden können. Wenn der Mensch einmal anders  entscheidet als der Algorithmus es vorsieht, ist dies eine Bedrohung für die Software, für uns aber ist es ein Stück Freiheit, so Meckel. Da das Grundprinzip der Maschine keine Zweideutigkeit zulässt, bleibt der Mensch also in komplexeren Entscheidungen der Software einen Schritt voraus. Er ist in der Lage seinen Verstand zu gebrauchen und frei zu entscheiden und auch wenn der Algorithmus uns Produkte empfiehlt, gibt es immer noch die Möglichkeit anders zu entscheiden. Allerdings sieht Meckel es als Gefahr an, dass wir durch die permanente Nutzung personalisierter Angebote bequem werden. Anstatt uns neuen Dingen zu widmen, bleiben wir bei unseren alten Gewohnheiten. Doch wollen wir nicht selber Entscheidungen treffen, anstatt sie uns von einer Software liefern zu lassen? Sie liefert uns ja eigentlich eine Verlagerung der Vergangenheit in die Zukunft und daher nur ein konservatives Angebot. Neues lässt sie nicht zu.

Doch, wie Meckel wiederholt betont, stehen wir immer noch am Anfang dieser Entwicklung. Vor allem in der Medienwelt erwartet uns noch eine spannende Zukunft, in der wir durch die digitale Evolution aber auch ein Stück unserer Freiheit verlieren könnten.

Klappe, die Vierte – Die Tübinale 2015

von Maya Morlock

Montag luden die Studenten der Medienwissenschaft erneut zur Tübinale ein. Das ist ein interner Filmwettbewerb von und mit Medienwissenschaftsstudenten: Sie produzieren die Filme und organisieren das gesamte Event. Dieses Jahr stand die Tübinale unter dem Motto „Medienkonvergenz und Gaming“.

Film vs. Klausur

Als Prof. Dr. Klaus Sachs- Hombach im Oktober letzten Jahres ankündigte, dass man seine Klausur umgehen könne und stattdessen praktisch arbeiten, sprich einen Kurzfilm drehen könne, da konnte sich das Organisationsteam vor Anmeldungen kaum retten. 17 Filmteams hatten sich angemeldet, jede Menge Arbeit sollte vor ihnen liegen. Zwei Wochen vor der Abgabe sah man rauchende Köpfe im Schnittpool – jeder feilte am perfekten Film.

Am Montag war es dann endlich so weit: Im Landestheater begrüßten die Moderatoren Stefan und Eva gegen 19 Uhr ihr Publikum. Die Tübinale war restlos ausverkauft, sodass einige, die auf die Abendkasse gehofft hatten, Stehplätze in Kauf nehmen mussten.  Aus Zeitgründen wurden lediglich die zwölf besten Ergebnisse gezeigt. Einige glichen sich von der Thematik her, andere, vor allem der Siegerfilm, stachen heraus. Viele interpretierten das Thema Gaming so, dass sie entweder versuchten ein eigenes Spiel zu entwickeln oder bekannte Spiele nachzubilden. Der Protagonist des Filmes „Super Matteo Bros. oder Life is a Game“  vom Team „Handheld“ beispielsweise erinnerte stark an Super Mario. Er musste Aufgaben erfüllen, um das nächste Level zu erreichen – schaffte er es nicht, so musste es wiederholt werden. „Die Nachzügler“ entwickelten ein eigenes Campusspiel. Der Protagonist musste hier immer genug auf seinen Nährstoffhaushalt achten, und bei Bedarf etwas trinken oder essen, damit die Balken sich wieder füllten. Der Name des Filmes von „Dispute is Power“ lautete „life is a Game“ und hatte demnach eine ähnliche Thematik.

Klassiker neu „vertont“

Das Team „Frame“ bestehend aus Alina Veit, Francisca Geitner und Melanie Kümmerle, hatte ein ähnliches Thema. Sie stachen durch die Umsetzung und „die Liebe zum Detail“ heraus, zitierte Moderator Stefan die Jury. Sie kamen verdient auf den dritten Platz. In ihrem Film „Hard Life of a Gamer“ werden berühmt-berüchtigte Games möglichst genau veranschaulicht und ordentlich auf die Schippe genommen. Zu Beginn reitet eine Kriegerin mit einem Pferd durch die verschneite Winterlandschaft – die Assoziation zu Assassin´s Creed ist da nicht weit, auch wegen dem ausgesprochen guten Kostüm der Darstellerin. Auch das Kultspiel „Snake“ wird nicht verschont: in einem Viereck jagt ein Mensch einem Happen zu Essen nach, erreicht er ihn, so kommt ein weiterer Mensch hinzu und der Happen ist an einem neuen Ort. Auch „die Sims“ sind vertreten und werden erstaunlich gut von den Darstellern gemimt. Ein schallendes Lachen erfüllte den Saal, als Lara Croft aus Tomb Raider, auch hier wurde auf ein detailgetreues Outfit geachtet, ihr bekanntes Stöhnen bei einem Sprung von sich gibt. Ein Film, der einem bei der Fülle an Filmen im Gedächtnis blieb und verdient auf dem Treppchen landete.

Querbeet aus der Ideenkiste

Das Thema wurde selbstverständlich auch anderweitig interpretiert, beispielsweise in „Lebendig“ von den Tarantinas. In diesem Film werden verschiedene Realitäten gezeigt, die wiederum durch Befehle einer anderen Realität bedingt sind. Was nun das wahrhaftig Wahre ist und wer letztendlich wen steuert, bleibt rätselhaft. Das Team „Jump´n´run“ entwickelte in „Imagination“ eine neuartige Jogging-App, die den Laufenden durch die Drohung, immer näher kommende Zombies könnten ihn gleich erwischen, ermutigen soll, schneller zu rennen. Leider lässt sich diese App nicht einfach abschalten und die Hauptdarstellerin sieht um sich herum nur noch Zombies.

Wie an Fäden…

Der Zweitplatzierte „Digital Divide“ (Marisa Gold, Patrick Becker, Tobias Pfefferle) spielt mit dem Gedanken, was wohl wäre, wenn wir alle ferngesteuert wären – all unsere Bewegungen durch eine höhere Macht, einen Gamer beispielsweise, gesteuert werden würden. Diese Gedanken der Schauspielerin hört das Publikum mit, während sie im Restaurant Unkel kellnert. Bei jeder Bewegung erscheint ein animierter Pfeil, der die Handlung quasi ausübt, der sie befiehlt. Ein Gast vergisst seine Tasche, bei der Überlegung, was nun zu tun sei, erscheinen wie bei Knobelspielen verschiedene Auswahlmöglichkeiten, aus denen der Spieler eine wählt. Dies geschieht bei jeder Tat, sei es, ob sie die Tasche durchsuchen, der Besitzerin antworten oder das Geld aus dem Portemonnaie entwenden soll. Zuletzt wird eine zweite Realität gezeigt, die veranschaulicht, was passiert wäre, hätte man andere Taten ausgesucht. Dieser Film überzeugte durch eine perfekte Animation und Kameraführung. Ein derart guter studentischer Film verdient eindeutig Silber! Dem Publikum gefiel der Film so gut, dass sie in der Pause fleißig abstimmten und ihm so auch noch den Publikumspreis und eine Magnumflasche Wein verschafften.

Faul, dumm und sexy

…so beschreiben sich „Murat sein Benz“ (Yasemin Said, Julien Bucaille, Valérie Eiseler) in ihrem Fragebogen. Der Teamname allein erweckt bereits eine gewisse Neugier, ebenso wie die kleinen Sequenzen, die man im Schnittpool so mitbekam – spähte man mal hin und wieder zum Nachbar-PC hinüber. „Der Anarchist“ sollte etwas vollkommen Anderes sein und komplett erstaunen. Ein derart hohes Niveau und Können in der Filmproduktion hatte wohl kaum jemand erwartet. Während die übrigen Filme sehr gut waren – war dieser herausragend! Zunächst Verwirrung: „Das ist ja schwarz-weiß!“ und dann eine tiefe, raunende Männerstimme aus dem Off. Es ist der Herr, der einen packenden Trailer zum neuen Computerspiel in Auftrag gegeben hat. Der Einsatz von Licht und das Spiel mit Schatten erwecken den Eindruck eines alten Mafioso-Films. Das Ergebnis ist teilweise etwas farbig und gefällt dem Chef leider gar nicht – zu harmlos, nicht brutal genug, denn das Publikum möchte ja Blut sehen. Verzweifelt weiß sich der Produzent des Werbespots nicht mehr zu helfen und beschließt wahre, brutale Gewalt für seinen zweiten Anlauf zu verwenden…
Neben den packenden Bildern ist auch die Sprache wirklich ein Genuss für jeden Zuhörer: Jedes Wort ist genauestens durchdacht, die Sätze wirken nahezu melodisch, teilweise erinnert es an ein Gedicht – vorgetragen von der markant rauchigen Stimme, die in den Köpfen des Publikums widerhallt und auch der Jury imponierte.
Aus meiner Sicht ein eindeutiger Sieger, da er sich vom Stil und der Produktion klar von allen Anderen abhebt – eindeutig und uneingeschränkt Gold!

Zu hoffen ist, dass die Tübinale auch im Jahre 2016 stattfindet und ein solch bunter, kurzweiliger und erstaunender Abend dabei herauskommt.

Foto: Tübinale 2015

Im Juni gibt Claus Kleber sein Debüt

Von Valerie Heck

Bereits im Januar wurde verkündet, dass das Institut für Medienwissenschaft Claus Kleber für eine Zusammenarbeit gewinnen konnte. Der vor allen Dingen durch seine Tätigkeit beim heute journal des ZDF bekannte Nachrichtenjournalist studierte selbst an der Universität Tübingen Jura und wird nun als Honorarprofessor in seine Studienstadt zurückkehren. Am 02. Juni wird Claus Kleber seine öffentliche Antrittsvorlesung an der Universität halten.

Prof. Dr. Susanne Marschall lädt zur Antrittsvorlesung ein

Liebe Studierende der Medienwissenschaft,

wir freuen uns sehr, Sie alle ganz herzlich zur öffentlichen Antrittsvorlesung unseres neuen Honorarprofessors, Dr. Claus Kleber, am Dienstag, 02.06.2015, um 18:00 Uhr, in den Festsaal der Neuen Aula, Wilhelmstraße 7, einladen zu können.

Claus Kleber wird zum Thema „Rettet den Journalismus! – Wozu?“ sprechen und zur Diskussion darüber einladen. Im Anschluss daran findet ein kleiner Umtrunk statt.

Bitte merken Sie sich diesen Termin vor, kommunizieren sie ihn in Ihren Kreisen und nehmen Sie zahlreich an dieser Veranstaltung teil! Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an Carolin Wiede, carolin.wiede@uni-tuebingen.de, Tel: 29-74271.

Herzliche Grüße
Prof. Dr. Susanne Marschall

Im Wintersemester kommt das erste Blockseminar

Zukünftig wird Claus Kleber in Lehrveranstaltungen direkten Kontakt zu den Tübinger Studierenden haben. In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Film- und Fernsehwissenschaft wird der Fernsehmoderator Seminare zu Themen wie Nachrichtenberichterstattung, Dokumentarfilm oder die vielfältigen Anforderungen der gegenwärtigen journalistischen Medienpraxis geben. Das erste Blockseminar ist für das kommende Wintersemester geplant.

 

Das vergessene Profil

von Jasmin Gerst

Bereits seit einigen Jahren gibt es die Wahl zwischen zwei Profilen in der Medienwissenschaft: Zum einen gibt es ein praxisbezogenes erstes Profil in Kooperation mit der Medieninformatik, zum anderen ein zweites, das sich mit Medienkonvergenz und –empirie beschäftigt, also rein medienwissenschaftliche Aspekte behandelt.

Über das Angebot des ersten Profils fehlen nicht nur die nötigen Informationen, sondern auch die Initiative diese Kluft zu schließen. Seit 2012 haben sich nur 13 (!) Studenten für dieses Profil entschieden, obwohl Kenntnisse in Bereichen wie Adobe Photoshop und HTML in vielen Berufen der Medienlandschaft heutzutage vorausgesetzt wird.

 

Panik vor’m Programmieren oder doch nur fehlende Informationen?

„Es ist schade, dass wir nur so wenige in unserem Profil sind“, so eine Studentin aus dem viertem Semester. Die Informationen dafür habe sie sich selbst aus dem Modulhandbuch zusammengesucht, denn sie wollte eine neue Herausforderung in ihrem Studium. Bisher ist sie sehr zufrieden mit ihrer Wahl und sogar bei Bewerbungsgesprächen für ein Praktikum sind die Informatik-Kenntnisse von Vorteil gewesen. Andere haben lediglich durch Mund-zu-Mund-Propaganda davon erfahren und sich einfach ins kalte Wasser gestürzt.

Die geringe Anzahl der Studenten bei diesem Profil ist allen Professoren bewusst, die Kooperation zwischen Medienwissenschaft und Medieninformatik ist definitiv noch nicht perfekt ausgereift. Eine Veranstaltung, bei der die beiden Profile vorgestellt würden, wäre nicht nur hilfreich, um mehr Studenten zu gewinnen, sondern auch um diese für das Profil zu begeistern. Allerdings glaubt Alexandra Kirsch, Junior-Professorin der Medieninformatik, dass die fehlenden Informationen nicht der einzige Grund für die ausbleibenden Studenten sei. Ihre Vermutung ist, dass bei den Studierenden der Geisteswissenschaften eine „gewisse Scheu gegenüber technischen Inhalten besteht“. Diese Scheu sei unbegründet, denn es werden keine Informatik-Kenntnisse vorausgesetzt, man lerne alles von Anfang an. Auch wurden spezielle Übungsgruppen für die Medienwissenschaftler eingerichtet, damit deren Bedürfnisse optimal befriedigt werden können.

 

Angebote für die Informatik-Newbies

Bei steigender Nachfrage würde die Medieninformatik auch gerne noch mehr solcher Hilfsangebote anbieten, damit sich die Medienwissenschaftler wohler fühlen.

Bei den Noten-Endergebnissen verzeichnet Kirsch in ihren Veranstaltungen zudem keinen Unterschied zwischen Teilnehmern aus Informatik- und Nicht-Informatik-Studiengängen. Deshalb ist ihr Rat: „Traut euch! Informatik und Programmcode sehen vielleicht auf den ersten Blick abschreckend aus, aber die Techniken sind auch nur Handwerkszeug, die jeder lernen kann.“

Nicht zu vergessen sei die technische Umsetzung von Multimedia für Medienwissenschaftler, nicht zuletzt da dieses Wissen ein breiteres Spektrum an Berufsmöglichkeiten mit sich bringt.

Außerdem ist sie sich sicher: „Die Kombination Medienwissenschaft und Informatik, egal ob der Schwerpunkt auf dem einen oder dem anderen Fach liegt, ist heutzutage sehr wichtig, insbesondere für meinen Bereich Mensch-Computer-Interaktion. Reines Technik-Wissen genügt dafür nicht, aber auch der Blick allein aus der medienanalytischen Perspektive ist zu beschränkt.“

Die praxisorientierten Teile bieten also eine sehr schöne Ergänzung zu den Theorien der Medienwissenschaften. Hinzu kommen noch gestalterischen Inhalte wie der Umgang mit Angeboten der Adobe Creative Suite, wie Photoshop und InDesign. Dadurch, dass in einzelnen, speziell informatisch orientierten Kursen, die Prüfungen speziell auf die Bedürfnisse der Medienwissenschaftler angepasst werden, fühlen sich diese nicht nur einbezogen sondern auch respektiert, obwohl sie keine Informatik-Cracks sind.

 

Also Schluss mit wissenschaftlichen Texten – und her mit der Praxis!

Das ominöse „Profil 1“  bietet kaum Theorie, dafür umso mehr praktische Aufgaben wie das Entwerfen von druckfertigen Flyern mit Photoshop oder das Erstellen und Pflegen einer eigenen Webseite.

Wer also neuen Wind in sein Studium bringen möchte, ist bei diesem Profil sehr gut aufgehoben. Zu guter Letzt noch ein kleiner Tipp von Alexandra Kirsch: „Auch wenn der Einstieg schwer aussieht, sieht man relativ schnell Ergebnisse, z.B. wenn man sich durch sein erstes Web-Formular klicken kann oder ein selbst programmiertes Spiel spielt!“

 

Foto: Dennis Skley / flickr.com (CC BY-ND 2.0)

Tübinale 2014: Darth Vader hatte die Nase vorn

                                                                                                                                                    von Maya Morlock

Am vergangenen Freitag, den 6. Juni 2014, war es endlich wieder soweit: die Studenten der Medienwissenschaft luden zur „Tübinale“ in die Aula des Keplergymnasiums ein. Die von Prof. Klaus Sachs-Hombach initiierte Veranstaltung stand wie auch in den Vorjahren unter dem Motto „transmediale Welten“. Angehende Jungregisseure bekamen hier die Chance ihre eigenen Filme zu diesem Thema zu präsentieren.

 

Transmediale Welten, wie setzten die Gruppen das um?

Gezeigt wurden 12 Filme à höchstens 6 Minuten, anschließend beantworteten die jeweiligen Verantwortlichen Fragen zu ihrem Werk. Nachdem alle Filme gezeigt vorgeführt wurden, erfolgte die Siegerehrung: Der Publikumspreis wurde an die Gruppe mit dem größten Applaus vergeben, über die Plätze drei bis eins entschied eine externe Jury, bestehend aus Experten der Medienbranche, wie zum Beispiel Manfred Handtke (Tagblatt-Redakteur)  und Studenten der Medienwissenschaft. Thematisch wurde in allen gezeigten Filmen besonders der Umgang mit den Medien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft fokussiert.
Oftmals wurden die negativen Aspekte aufgezeigt, wie beispielsweise in dem Film „Frei“, in dem ein Mann durch das Ausfallen der medialen Apparate gezwungen wird, wieder in das echte Leben zurückzukehren und dabei bemerkt, dass die Realität mehr bereithält als die mediale Welt. Die Abgrenzung zwischen medialer digitaler und realer Welt und wie sich unter deren Einfluss zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln, wurde häufig thematisiert.

Der einzige Film, der die Medien dabei eher positiv darstellte war „treasure“, der die Neuerungen als unendlich großen und namensgebenden Schatz darstellte. Wertungsfreie Filme waren ebenfalls vorhandenwurden, so beispielsweise der Dokumentarfilm „natives vs. immigrants“, in dem Passanten in der Tübinger Altstadt ihre Meinung zu „neuen“ und „alten“ Medien  preisgaben. Einen alten Walkman lehnte eine ältere Dame ab, ein Buch galt als habtisches Gut, das nicht durch ein E-Book verdrängt werden könne und eine Polaroidkamera befand der Großteil trotz der veralteten Technik als zeitlos und hip.

Bei solch einer Bandbreite von Filmen und kreativen Ideen war es sichtlich schwer einen klaren Gewinner zu ermitteln. Einige glänzten mit einem überragenden filmischen Know-How, andere denen man anmerkte, dass es wohl ihre erste Filmproduktion ist, überzeugten dagegen mit einer kreativen Umsetzung.
Bemerkenswert ist, dass alle Siegerfilme ohne gesprochene Sprache auskamen und sich, wenn überhaupt, nur Worteinblendungen bedienten. Die Atmosphäre wurde jedoch durchweg über eine passende Musik- und Soundauswahl übermittelt.

 

Die Wandlung der Medien – War früher alles besser?

Auf dem dritten Platz landete der Film „All the ways“, der die alten Medien mit den Neuen verglich: Wo viele nach dem Aufstehen eine „Wetter-App“ öffnen, streckt der Protagonist den Finger aus dem Fenster, um die Außentemperatur zu ermitteln. Zeitung gegen MP3 Player, Stadtkarte vs. Navi. Fazit ist, man kommt mit den alten Medien genauso gut ans Ziel, wie mit den Neuen.

„21st Century Love“, der den zweiten Platz belegte, erzählt dagegen die Geschichte einer Internetbeziehung: Die Protagonisten entschließen sich dazu, sich das erste Mal zu treffen. Im Zug wird die Protagonistin von ihrer Gedankenwelt übermannt. Sie stellt sich vor, wie der Liebste sie wegen einer anderen Frau versetzen oder sie mit offenen Armen empfangen könnte. Das reale Geschehen bleibt unerzählt –, da der Film endet, als sie aus dem Zug steigt. Ein Film der zum Nachdenken anregt, wie gut wir die Menschen eigentlich kennen, die wir beispielsweise als Facebook– Freunde haben. Dieser ergreifende Film räumte gleichzeitig den Publikumspreis ab und das Entwickler-Team „Purple Produktions“ freute sich über insgesamt 6,5l Wein, den sie zur Feier des Tages teilen würden.

 

Star Wars – Die Brücke zwischen den Medienangeboten

Beim Siegerfilm “Transmedialove“, von Mareike Stohp, Nina Linsenmayer und Johanna Dreyer, blieb im Saal kein Auge trocken. Stellenweise war nur schallendes Lachen zu vernehmen. Somit ging der erste Platz hochverdient an einen urkomischen Film, der trotzdem einen kritischen Aspekt behandelt: Es wird ein junger Mann über drei Monate hinweg begleitet seine Entwicklung verfolgt. Er ist ein großer Star Wars– Fan und verliert sich zunehmend in der galaktischen Welt. Die prominenten Sounds aus dem Film wurden ebenso aufgegriffen wie  prägnante Zitate, beispielsweise „May the force be with you“. Seine Star Wars– Obsession gipfelt schließlich darin, dass er sich ein Darth Vader Kostüm zulegt, dieses in seinem Alltag trägt und gänzlich dessen Rolle einnimmt. Es hielt kaum noch einen Zuschauer auf seinem Stuhl, als Darth Vader eine Bank betritt und die automatisch öffnenden Türen mithilfe seiner „Macht“ öffnet. Als Vader eine Gleichgesinnte findet, die stark an Prinzessin Leah erinnert, ist die „transmedialove“ perfekt. Ein Film mit wahrer Liebe zum Detail. Überall sind Star Wars Utensilien zu finden. Raffinierte Schnitte, eine gelungene Musikauswahl und eine überzogene Darstellung, wie man sich in einer medialen Welt verlieren kann, machen diesen Film einzigartig. Durch den komischen Aspekt behält er sich zudem vor, eine klare Wertung abzugeben. Vader hat sein Gegenstück, seine Leah gefunden und dort endet auch ihre Geschichte. Es wird nicht gezeigt, ob er den Weg zurück gefunden hat oder mit seiner Leah glücklich in der Phantasiewelt lebt. Sichtlich überrascht über ihren Erfolg betraten die Gewinner die Bühne. Laut eigener Aussage, wählten sie Star Wars bewusst, da es sich hierbei um ein wahrhaft transmediales Format handelt: Die unendlichen Weiten finden sich in Filmen, Comicbüchern, Fernsehserien und auch als Videospiel. Mit Anekdoten vom Dreh entzückte das Siegerteam „Digital Natives“ die Zuschauer: So habe Darth Vader in der Tübinger Innenstadt viel Aufsehen erregt, –Ein Mann habe beim Eintreten in die Bank sogar einen Überfall befürchtet!

Zusammenfassen lässt sich die diesjährige Tübinale wohl als ein Abend voller gelungener Filme, die ein überraschend hohes Niveau zeigten. Zu hoffen ist, dass dieser Event auch 2015 stattfindet, bei dem die Studenten der Medienwissenschaft ihr Können und ihre Kreativität vor Publikum unter Beweis stellen können.

Fotos: ©Presse Tübinale

Abschied vom Pessimismus – Warum der Journalismus von der digitalen Revolution profitiert

von Sabine Appel

 

Jedes Jahr lädt das Institut für Medienwissenschaft in Kooperation mit dem SWR prominente Persönlichkeiten zu einem Vortrag über aktuelle Themen in der Medienbranche ein. Gast bei der 11. Tübinger Mediendozentur am Montagabend, den 26. Mai 2014, war Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE. Er sprach über die aktuelle Sinnkrise des Journalismus, die aus der Digitalisierung entstanden ist und vertrat die Meinung, dass man ihr deutlich optimistischer entgegenblicken sollte als bisher. „Plakativer Pessimismus“ sei fehl am Platz, denn eigentlich biete die Digitalisierung genügend Chancen für den Journalismus. Laut Döpfner kann der digitale Journalismus in Zukunft sogar besser werden als der analoge.

Das aktuelle Problem der Verlage ist kurz zusammengefasst: Durch den digitalen Wandel und die kostenlosen Angebote im Internet gehen die traditionellen Printmedien unter. Einzelne Monopolisten (Google, Facebook) bedrohen die Verlage auch online mit ihrer Macht, denn sie kontrollieren die Inhalte im Netz. Die Meinungsvielfalt ist in Gefahr, weil Google und Co durch ihre Algorithmen den von den Nutzern – das sind allein in Deutschland derzeit 91,2% aller Internetnutzer – wahrgenommenen Content diktieren.  Eine weitere Gefahr stelle das „Diktat der Klickzahl“ dar, von dem  Professor Bernhard Pörksen in den Vortrag einleitenden Worten sprach: Dieses könne zum Qualitätsverlust führen, denn im Internet muss bis zu einem gewissen Grad veröffentlicht werden, was der Nutzer lesen will. Wer dies ignoriert, bekommt keine Klicks mehr und wird als Medium nicht mehr gehört. Aber was bedeutet das für den Journalismus?

 

Qualitätsjournalismus vom Papier aufs Tablet bringen

Döpfner stellte im Grunde zwei Thesen auf: Im Verlagswesen ändert sich durch die digitale Revolution letztlich nicht so viel wie ständig befürchtet wird. Aus diesem Grund ist der Journalismus an sich auch nicht dem Untergang geweiht. Außerdem dürfe man als Zeitung entgegen einer landläufigen Meinung eben nicht alles anders machen als bisher, um erfolgreich zu bleiben. Der Schlüssel zum Erfolg sei es, so Döpfner, die klassische „Idee des Journalismus vom Papier zu emanzipieren“. Man müsse sich auf die Grundqualitäten und –fertigkeiten des professionellen Journalismus berufen, um als Verlag bestehen zu bleiben, ganz unabhängig vom Medium.

Der Journalismus dient laut Döpfner nicht mehr als Instrument zur Volksbelehrung, das dem Leser überlegen ist, sondern ist zu einer Dienstleistung geworden, die sich nach dem Nutzer richten und damit auskommen muss, dass der Nutzer selbst auch publiziert – seien es Kommentare oder sogar eigene Blogs. Doch viele sehen in genau dieser Umkehrung die Problematik: Wenn jeder sein eigener Chefredakteur sein und seine Meinung im Internet publizieren kann, sind Profis vielleicht irgendwann überflüssig. Dem widerspricht Döpfner – denn es gebe „nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit“. Zwar sei der kritische Nutzer eine Bereicherung für die Diskussion, aber keine Bedrohung. Denn je größer das Angebot an Informationen sei, desto größer sei auch das bleibende Grundbedürfnis nach Orientierung und Anleitung durch kompetente Meinungsführer. Im digitalen Journalismus ginge es dem Nutzer nicht mehr nur um Informationsbeschaffung, sondern um die Einordnung und Diskussion dieser Information. Davon können Verlage profitieren, indem sie sich auf ihre traditionellen Qualitätsmerkmale berufen.

 

Content is king

Eine weitere interessante These Döpfners ist, dass „elektronisches Papier“ in einigen Jahren so aussehen wird wie heutzutage analoges Papier. Es sei dann dünn und faltbar, habe also alle Qualitäten des bisherigen und sei durch die fortgeschrittene Technologie und ökologische Verträglichkeit noch besser. An dieser Stelle zieht Döpfner eine Parallele zum Journalismus: Mit dem abbildenden Universalmedium könne auch der Journalismus besser werden, da sich die Zeitungen nicht mehr durch Materialmerkmale von den anderen unterscheiden könnten, sondern nur noch durch besser aufbereitete Inhalte. Diese Anforderung sei auch eine Chance. Der Journalismus im Netz sei 1. tiefgründiger, weil er längere Beiträge ermöglicht, 2. aktueller, weil eine sofortige Publikation möglich ist, 3. relevanter, weil es einen größeren Adressatenmarkt gibt und die Inhalte für jeden zugänglich sind, 4. interaktiver und damit klüger, weil Fehler korrigiert werden können und 5. intermedial und deshalb kreativer nutzbar. Der digitale Journalismus fördere damit Qualität wie eh und je. Das Erfolgsrezept für Verlage sei daher, „technisch progressiv, ästhetisch neu und inhaltlich konservativ“ aufzutreten.

Eine kleine, überwindbare Hürde sieht Döpfner in der aktuell vorherrschenden „Gratiskultur“, die generell Informationen und besonders qualitativ hochwertigen Journalismus als kostenlose Güter annimmt. Dies sei viel gefährlicher für den Journalismus als der Wechsel von Print zu Digital. Dennoch ist Döpfner optimistisch, dass Nutzer in Zukunft vermehrt bereit sein werden, für unabhängig recherchierten, professionellen Journalismus zu bezahlen. Verlage müssten sich nun darauf konzentrieren, auch das junge Publikum zu begeistern. Das ginge am Besten, indem sie die drei traditionellen Qualitätskriterien – Neuigkeiten, Meinung und Sprache – charismatisch und mit Zeitgeist vertreten. Nutzer suchen laut Döpfner nicht nur nach Information, sondern nach Haltung – ganz unabhängig davon, ob sie dieser am Ende zustimmen oder nicht. Außerdem sei eine emotionale Note sehr wohl gewünscht – Medien dürften ruhig eine Seele verkörpern, die die Leser bewegt. Durch die gesteigerte Medienkompetenz entstehen hohe Ansprüche an Journalisten, die jedoch auch als Chance wahrgenommen werden können. Abschließend sagte Döpfner, dass unabhängig davon, was sich technisch verändere, doch immer eines bleibe, das man bewahren müsse: Guter Journalismus. Eine sinnvolle Forderung, so simpel sie auf den ersten Blick auch erscheinen mag.

Souverän der Information – Professor Pörksen auf der re:publica 2014

von Sanja Döttling

Die re:publica ist eine deutsche Internetkonferenz rund um Social Media, Blogging und Digitale Gesellschaft. Dort hielt Professor Bernhard Pörksen, Leiter des Tübinger Instituts für Medienwissenschaften, einen Vortrag, über das Problem der Informationsüberflutung. Werden wir täglich mit zu vielen (digitalen) Informationen bombadiert? Pörksen stellte als Lösungsansatz seine Drei-Welten-Theorie vor. Im folgenden Video kann der Vortrag in ganzer Länge nachgehört werden.

 

 

 

Video: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Germany (CC BY-SA 3.0 DE)