Neues Fernsehen

von Lina Heitmann

HBO, Netflix, Amazon, Twitter – wie verändern sie Fernsehinhalte und unser Fernsehverhalten? Eine Untersuchung von der Entstehung neuer Qualitätsserien bis hin zur Bedeutung von Social Media.

Wie HBO & Co alte Serienstrukturen umwarfen

Im Tagesspiegel schreibt Bodo Mrozek, dass sich Serien verändert haben, weil die Charaktere menschlicher wurden – aber wie geschah das? Möglich wurde die Entwicklung, wie auch in dem Essay dargestellt, dadurch, dass die Handlung sich nun über eine oder mehrere Staffeln hinausziehen konnte. NBC gab vielleicht mit Hill Street Blues den Anstoß, aber möglich wurde die Revolutionierung der Fernsehinhalte durch die Premium-Kabel-Sender in den USA, die anfingen, selbst Serien zu drehen. HBO (The Sopranos, The Wire, Boardwalk Empire, Girls, Game of Thrones) und Showtime (Dexter, Californication, Weeds, Nurse Jackie, Homeland) sind weder an Werbeeinnahmen, noch an strenge FCC-Regeln gebunden, die Profanität verbieten. Vince Gilligan, der Erfinder der Erfolgsserie Breaking Bad deutet noch auf einen weiteren Vorteil hin: die Staffeln auf Kabelsendern sind 13 statt 24 Folgen lang. Nicht nur kann die Handlung dadurch viel straffer sein, die gewonnene Zeit kann für genaueste Konzeption und Vorproduktion genutzt werden; die Showmacher können sich für eine Folge viel mehr Zeit nehmen.

Im Buch The Revolution Was Televised beschreibt TV-Kritiker Alan Sepinwall anhand von Interviews mit den Qualitäts-TV-Machern die Ursprünge dieser Serien, denen bis dahin unvorstellbare kreative Freiheiten gegeben wurden. Auf HBO also durfte experimentierfreudig geschrieben werden. Zwar ist es schwierig, bei Serien mit einer einer staffelübergreifenden Handlung nach dem Beginn der Serie neue Zuschauer zu gewinnen. Man betrachte nur einmal The Wire, wo ein Einstieg in der Mitte nahezu unmöglich ist. Andererseit sind die bei HBO entstandenen Serien das beste Beispiel dafür, dass ein solcher Aufbau dennoch nachhaltig sein kann – zum Beispiel durch den Verkauf von DVDs. Bald entstanden auch bei Basic-Kabel-Sendern wie AMC und FX weitere Qualitätsserien wie Mad Men, Breaking Bad und Louie. Natürlich gab es auch auf Broadcast-Network Serien, die kreative Freiheiten zeigten, doch diese Ausnahmen waren eher weniger erfolgreiche Serien, die den Chefs wohl eher egal waren. Beispiele dafür sind Freaks and Geeks, Friday Night Lights und Arrested Development.

Die zweite Revolution: Amazon, Netflix und Social Media

Heute sind wir schon inmitten einer zweiten TV-Revolution. Diese haben wir, wie die erste, neuen Content-Anbietern zu verdanken. Diesmal sind es nicht HBO und andere Fernsehkanäle, sondern Streaming-Videotheken, die die Fernsehlandschaft verändern. Netflix, eine Online-Videothek für Abonnenten (wie hier z. B. Watchever), und Amazon drehen nun eigene Serien. Der Internetriese Amazon geht nun auf Nutzer direkt zu und lässt sie abstimmen, welche der von ihm gedrehten Pilote als Serien weiterverfolgt werden sollten. Netflix seinerseits hat mit House of Cards mit großem Erfolg die erste eigene Serie herausgebracht (ein Remake der britischen Serie gleichen Namens). Zur Erstellung hat Netflix gesammelte Daten über die Rezeptionsgewohnheiten seiner 29 Millionen Nutzer erfasst  und untersucht. Es ergab sich, dass die Zielgruppe politische Dramas, Kevin Spacey und David Fincher mag. Aus genau diesen Puzzleteilen wurde dann eine Serie gemacht – voilà, House of Cards! Die sehr genauen Vorgaben, die sich aus der Analyse von Nutzerverhalten ergeben, haben in diesem Fall zu einem Erfolg geführt. Die Einschränkungen, die sich aus dieser Arbeitsweise ergeben, stehen aber in starkem Kontrast zu der kreativen Freiheit, die den Machern von Vorreiterserien wie The Sopranos, The Wire und Mad Men gegeben wurde – die übrigens alle nicht von bereits bekannten Stars leb(t)en.

Die Online-Videothek Netflix belebte nun die Kultserie Arrested Development neu, die nie den großen Erfolg hatte, dafür aber immer sehr vokale, loyale und im Internet aktive Fans. Netflix ist nicht an Quoten gebunden, aber der Anbieter weiß genau, welche Nutzer welche Filme oder Serien ansehen. Er empfiehlt deshalb darauf basierend weitere Angebote. Die Kategorien können so banal sein wie „Komödien“ und so spezifisch wie „Dramas, die auf zeitgenössischer Literatur basieren”.

Bisher wird die Präsenz von Serien in sozialen Netzwerken nicht über Quoten erfasst. Trotzdem gewinnen die virtuellen Treffpunkte auch für das Film-und Fernseh Business an Bedeutung – beispielsweise durch das Live-Tweeten von Sendungen. Die traditionellen Quoten verlieren dabei immer mehr an Bedeutung. Es wird zunehmend deutlich, dass traditionelle Quoten kaum akkurat darüber Auskunft geben, wie viele Zuschauer eine Sendung tatsächlich hat. Erst seit Kurzem gibt es die +7 Version der Ratings, die auch die DVR-Rezipienten innerhalb von einer Woche zählt. Mediatheken werden gar nicht gezählt. Wired schreibt schon pointiert: „The Nielsen Family is Dead“. (Die Nielsen Ratings sind in den USA die Fernsehquotenzahlen, vergleichbar mit der GfK in Deutschland.) Die Sender aber verlassen sich immer noch stark auf Quoten, um Programmentscheidungen zu treffen. Außerdem hängen TV-Quoten und das Engagement der Fans beispielswise auf Twitter miteinander zusammen: so auch bei Scandal, dem White House Drama von Shonda Rhymes (Grey’s Anatomy, Private Practice), welches mit acht Millionen Zuschauern pro Woche die besten Quoten eines Dramas in seinem Zeitfenster hat. Während den Ausstrahlungen kommen mehr als 190.000 Tweets zusammen. Das Live-Tweeting trägt dazu bei, dass mehr Zuschauer die Folgen live sehen, um sogenannte “Spoiler” zu vermeiden. So wird TV wieder zu einem gemeinsamen Erlebnis.

 

Fotos: flickr/perspective (CC BY-SA 2.0), flickr/mo (CC BY-SA 2.0)

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