Ein Jahr im Netz

Jedes Jahr gibt es 365 Milliarden Google-Suchanfragen, 73 Milliarden Tweets und etwa 71 Millarden Bilduploads bei Facebook. Hinzu kommen Millionen von Nachrichten und Meldungen, die über Onlineportale recherchiert, verbreitet und kommentiert werden. Was bedeutet das für die Rezipienten, die Medienmacher und für die Akteure, über die berichtet wird? Ein Jahr online im Blickpunkt.

50 Shades of Sex

von Alexander Karl

Es ist DAS (Pseudo-)Skandalbuch des Jahres: Der Erotik-Roman Shades of Grey. Von Boulevard bis Feuilleton wird es besprochen, mal mit mehr, mal mit weniger positiven Kritiken. Fakt aber ist: Es sorgt für Gesprächsstoff. Und ist doch nicht neu.

Fanfiction goes Independent

Was kaum einer weiß: Der Ursprung der Triologie Shades of Grey liegt in einer aufgepeppten – oder aufgesexten – Version von Twilight. Sex in Fanfiction ist nichts Neues. Dass daraus dann aber plötzlich ein Bestseller wird schon. Erika Leonard, die das Buch unter dem Pseudonym E. L. James auf den Buchmarkt brachte, veröffentlichte die formalige Fanfiction auf der Seite 50shades.com – damals noch unter dem Namen Master of the Universe. Jetzt, nachdem das Buch ein riesiger und weltweiter Erfolg ist, schauen sich Fans der Bücher die veröffentlichte und die frühere online Variante an – und stoßen auf einige Ähnlichkeiten, wie Galleycat berichtet:

Blogger Jane Litte used the Turnitin plagiarism detection program to measure similarities between the two books. She reported: “According to Turnitin, the similarity index was 89%.  There are whole swaths of text wherein just the names were changed from MoTU to 50 Shades.”

Mittlerweile sind die Spuren zu den Wurzeln des Buches aber aus den Weiten des Webs verschwunden – nur noch wenige Screenshots existieren. Doch die Zeiten, in der das Buch ein Insidertipp in Fanforen war, sind vorbei. Shades of Grey, wie das Buch in Deutschland heißt, wurde hierzulande mit einer Auflage von 500.000 Stück geradezu auf den Markt geworfen – und das mit viel Wirbel. So wurden etwa auf bild.de vorab Auszüge aus dem Buch veröffentlicht. Die Überschrift zum Artikel: „Shades of Grey“: Dieses Buch ist schärfer als Porno„. Wie scharf das Buch ist, das ist Geschmackssache. Es dauert einige Seiten, bis der Multi-Milliardär die 21-jährige und jungfräuliche Ana rumbekommt – und ihr zunächst zeigt, was er unter Blümchensex versteht. Denn Christian Grey, nachdem das Buch benannt ist, steht auf harten Sex. SM um genau zu sein – und so findet Ana in seiner Wohnung ein Spielzimmer mit Andreaskreuz und bekommt schnell eine Verschwiegenheitsklausel plus Vertrag vorgelegt – letzteres, um sich als Sub (die vornehme Bezeichnung für Sklave) zu verpflichten.

Sex sells

Und so kommt es, dass viele Stellen äußerst sexuell sind (Stichwort Mommy Porn), wie es aus der Vorab-Veröffentlichung von bild.de vorgeht:

Verdammte Scheiße, tut das weh! Ich gebe keinen Laut von mir, doch mein Gesicht ist schmerzverzerrt. Ich versuche, mich ihm zu entwinden – angetrieben vom Adrenalin, das durch meine Venen pumpt. „Halt still“, knurrt er, „sonst muss ich noch länger weitermachen.“ Inzwischen reibt er meine Pobacke, dann kommt der nächste Schlag. Er verfällt in einen steten Rhythmus: streicheln, tätscheln, schließlich ein kräftiger Schlag. Ich muss meine volle Konzentration aufbieten, um die Schmerzen zu ertragen. Mein Kopf ist wie leer gefegt, während ich versuche, die Schläge wegzustecken. Mir fällt auf, dass er nie zweimal hintereinander auf dieselbe Stelle schlägt, sondern den Schmerz gleichmäßig verteilt.

An dieser Stelle lässt sich natürlich ein zweifelhaftes Frauenbild vermuten: Die völlig unerfahrene Ana unterwirft sich körperlich wie emotional einem deutlich erfahreneren Mann. Bisher hat man aber noch keinen Aufschrei von Alice Schwarzer gehört – nur in der Presse rumort es schon. Beispiel Hamburger Abendblatt. Da heißt es:

Nur die Emanzipierten dürften mit dem Kopf schütteln: Was ist das denn für ein Rollenbild, bitte? Frau mit guter Ausbildung und gesellschaftlichem Selbstvertrauen lässt sich heimlich auspeitschen und sexuell demütigen. Was ist das: Postfeminismus?

Und auch das Wort „Schocker“ oder „Skandal“ ist für Shades of Grey zu viel des Guten: Geschockt wird ein wenig, da ist sich die Presse einig: Sowohl in American Psycho als auch in Geschichte der O geht es härter zur Sache. Trotzdem eignet es sich – da muss man der Schwäbischen Zeitung zustimmen – als Urlaubslektüre. Aber nicht nur Zwecks Eskapismus, sondern, weil der menschliche Voyeurismus par excellence bedient wird – und das nicht zu knapp. Auch deshalb stellen die Verkaufszahlen selbst Harry Potter in den Schatten. Deshalb steht nun halb Hollywood für die Filmrollen Schlange – aber nicht die Stars aus Twilight, die ja immerhin indirekt als Imspiration dienten. Übrigens: Auch Stephenie Meyer, Autorin der Twilight-Saga, äußert sich zu dem Buch: „I haven’t read it. I mean, that’s really not my genre, not my thing,“ she said with a laugh. „I’ve heard about it; I haven’t really gotten into it that much. Good on her — she’s doing well. That’s great!“

Foto: Presse

Das infizierte Netz. Wenn Werbung ansteckend wird

von Sebastian Seefeldt

Trends und Gerüchte sind schon lange keine Zufälle mehr. Die Werbeindustrie hat verstanden, wie sie gezielt ausgelöst werden können. Virales Marketing ist effektiv, weil wir Werbebotschaften selbst verbreiten und aktiv nach ihnen suchen – und wir tun es freiwillig.

Aus meinem Mund in deinen

Mit der Entstehung des Web 2.0  lebte auch die Mundpropaganda wieder auf. Das Internet ist keine Plattform mehr, in der der Benutzer den Inhalt vorgesetzt bekommt. Er kann ihn selbst erzeugen. Solche „erzeugten Inhalte“ können auch Weiterleitung von bereits bestehendem Seiten, Videos oder ähnlichem sein. Hier setzt das virale Marketing an: Es will das Weitergeben von Empfehlungen – in Form von Links – gezielt auslösen und steuern.

Im Gegensatz zu traditioneller Werbung, die in den Massenmedien ausgestrahlt wird, beruht virales Marketing auf den etablierten sozialen Kommunikationsnetzwerken der Gesellschaft. Also dem Gespräch mit Bekannten und Verwandten, Nachbarn und Freunden, aber auch den digitalen „Gesprächen“, zum Beispiel auf Facebook.  Die Menge an Bekannten, denen man am Tag begegnet, ist nichts im Vergleich zu der Masse an Facebook-Freunden. Und die sind immer nur einen Post entfernt. Diese Netzwerke werden infiziert – wie bei einer Viruserkrankung. Und mehr mögliche Adressanten bedeuten auch eine höhere Chance auf Weiterverbreitung.

Da die virale Werbung nicht in dem typischen werblichen Gewand kommt, sondern aus dem „Mund“ – von der Pinnwand – eines Facebook-Freundes, wird ihr auch anders begegnet. Man ist empfänglicher und tritt der Werbebotschaft nicht mit Abneigung gegenüber. Schließlich kommt die Empfehlung aus dem Mund eines Freundes – und dessen Glaubwürdigkeit wird immer höher eingestuft als die der (werbenden) Medien. Was früher vom Person zu Person weitererzählt wurde, ist heute virales Marketing – quasi Mundpropaganda 2.0.

Um einen Menschen dazu zu bringen, als Sprachrohr der Werbung zu fungieren, müssen einige Bedingungen erfüllt sein. Grundvoraussetzung ist eine Win-win-Situation. Die Rezipienten müssen von der Werbung unterhalten werden. Sie muss Emotionen in ihnen auslösen oder durch ganz neue Ideen glänzen. Um das zu erreichen, steht meistens nicht mehr das Produkt im Vordergrund, sondern sogenannte Kampagnengüter. Sie sind Köder, hinter denen die Werbebrache das eigentliche Produkt versteckt. Sie stellen den Anreiz dar, etwas weiterzuempfehlen. Ein solches Gut soll Aufmerksamkeit wecken und den Kunden mit dem Produkt vertraut machen – und das alles, ohne nach Werbung auszusehen. Wie können also solche Kampagnengüter aussehen?

Entertain me!

Was uns unterhält, stimmt uns freudig. Was uns unterhält, wird auch gerne an unsere Freunde weitergeleitet. Diese positiven Erfahrungen können auch noch an eine Marke gekoppelt werden. Deshalb ist die Unterhaltung ein wichtiges Kampagnengut. Die Werbeindustrie bedient sich dabei jeglichen Genres. Vom kurzweiligen Sketch bis hin zu Kinofilmtrailern ist alles möglich. Virale Werbevideos greifen alles auf, was auch sonst gerne im Netz gesehen wird.

So gibt es zum Beispiel einen Flashmob vom belgischen Sender TNT,

Der an einen Kinotrailer erinnernden Werbespot von The Guardian,

Aber aber auch die Kurzfilmserie mit Starbesetzung, bei der die Spots länger sind als die typische Werbung – „The Hire“ von BMW.

Neu und einzigartig

Wenn ein Clip nicht unterhält, muss er sich neue Wege der Verbreitung suchen. Die Mundpropaganda lebt nicht nur vom Erzählen toller Erlebnisse, sondern auch von Neuheiten oder Dingen, die uns begeistern. Bedingung für eine solche Weiterempfehlung ist, dass dieses „Ding“ noch niemand außer uns kennt.  Es geht darum, der Erste zu sein, der eine Neuheit entdeckt. Man möchte Trends setzen. Allerdings muss hierzu ein noch nie dagewesenes Produkt her – und gerade in Zeiten des globalen Internets stellt dies eine Herausforderung dar. Typisch für diese Art des Kampagnenguts sind Neuheiten aus der Technik, wie Googles „Projekt Glas“.

Allerdings muss nicht immer das Produkt neu sein – auch die Art des Werbedesigns kann einzigartig sein. Tipp-Ex lässt uns beispielsweise an einer interaktiven Zeitreise teilhaben, um die Geburtstagsparty eines Bären zu retten oder setzt sich (inter)aktiv für den Tierschutz ein.

Globale Emotionen

Damit eine virale Kampagne wirklich weltweit funktioniert kann, müssen allgemein verständliche Codes verwendet werden. Ideal sind daher Videos, die entweder ganz ohne Sprache auskommen oder in denen diese nicht benötigt wird, um ein Gefühl auf der Rezipientenseite auszulösen. Es gibt nichts Globaleres als Emotionen und ihre eindeutigen Codes: Lachen, Grinsen, Tränen, Küssen … Werbung, die mit diesen Mitteln arbeitet, kann es schaffen weltweit gesehen und weiterempfohlen zu werden. Dabei muss es allerdings nicht immer nur fröhlich zugehen, wie in dieser Coca-Cola Werbung,

sondern auch besinnlich, wie es P&G vormachen.

Kein anderes Instrument der Werbeindustrie hat das Potenzial einer viralen Werbekampagne – wenn sie denn funktioniert. Ein gutes virales Video erzählt uns eine Geschichte, ist nicht an einen Ort gebunden, ist überall verständlich und löst Gefühle in uns aus. Sei es nun ein Lachen oder  ein Staunen über die Technik. Vielleicht ist es diese romantische Idee einer Bildergeschichte, die auf der ganzen Welt verstanden wird, was virale Werbung so einzigartig macht.

Foto: flickr/Aquila (CC BY-NC 2.0)

Hunde und Reis – Warum Journalismus im Kleinen beginnt.

„When a dog bites a man, that is not news, because it happens so often. But if a man bites a dog, that is news“, sagte John Bogart einmal und gab somit die Grundregel des Journalismus vor. In der Lokalzeitung tummeln sich keine beißenden Männer. Dort gibt es abgebrannte Restaurants, Baustellen und verschmutze Parkanlagen.

Das lesende Herdentier

von Sandra Fuhrmann

Der Mensch ist ein Herdentier. Er sehnt sich nach sozialer Interaktion. Doch manchmal, da zieht er sich zurück in sein stilles Kämmerchen, greift ins Regal und schlägt die Seite eines Buches auf, um mit sich und der fremden Welt, die sich zwischen den Seiten verbirgt, allein zu sein. Aber warum allein in fremden Welten wandeln, wo es da draußen doch so viele willige Mitstreiter gibt? In Zeiten des Internets nennt sich das Social Reading – und ist doch ein alter Hut.

Social Reading – ein alter Hut

Lesekreise gibt es vermutlich in der ein oder anderen Form seit der Mensch Schriftzeichen mit Bedeutung versieht. Besonders im religiösen Umfeld finden wir in der Geschichtsschreibung zahlreiche Beispiele für das gemeinschaftliche Lesen von Schriften. Etwa den Castelberger Lesekreis, der im Zusammenhang mit der Täuferbewegung im 16. Jahrhundert bekannt wurde. Social Reading – das ist intellektueller Austausch, das ist im bereits Entdeckten Neues zu entdecken, neue Perspektiven, die sich erschließen oder Dinge, die einem erst durch den Austausch mir anderen klar werden.

Ist für den einen die Bibel das Buch der Bücher, so ist es für den anderen vielleicht Tolkiens Herr der Ringe. Lesekreise gibt es heute in mehr Varianten denn je. Sie sind so vielfältig, wie die Menschen, die an ihnen teilnehmen. Längst muss man zum gemeinsamen Lesen nicht mehr Platons Garten aufsuchen. Bequem lässt sich der literarische Dialog dank Internet vom heimischen Sessel aus führen. Internetforen wie lovelybooks.de, Book-Clubs-Resource.com oder literatur-commuinity.de, über das media-bubble in einem anderen Beitrag berichtete, Social Media und nicht zuletzt E-Books lassen ganz neue Varianten des gemeinschaftlichen Lesens und des Austauschs entstehen. Waren die typischen Teilnehmer traditioneller Buchklubs meist über 60-Jährige oder nicht berufstätige Mütter, so ziehen vor allem Onlineangebote vermehrt ein junges Publikum an. Online-Foren werden oft auch nur genutzt, um sich Listen mit Lesevorschlägen anzusehen und sich so für das nächste Buch zu entscheiden.

Das Lesen von Büchern heißt heute lange nicht mehr nur, sich über schwarze Buchstaben auf weißem Papier zu beugen, mit der Hand über die Seiten zu fahren bis man irgendwann bemerkt, wir rau die Haut geworden ist und wie müde die Augen. Die Plattform lovelybooks.de ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch Lesen multimedialer geworden ist als je zuvor – hier kann man auch mit den Autoren diskutieren und an Leserunden teilnehmen. Die Seite ist nicht nur Diskussionsforum, wo es ein Leichtes ist, sich mit Menschen mit ähnlichem Lesegeschmack zu vernetzen, über Neuheiten zu informieren und ein virtuelles Bücherregal zu erstellen. Die Website lässt sich zudem als App auf dem Smartphone installieren und es werden Livestreams zu Autoren-Talks geschaltet, die dem Zuschauer die Möglichkeit bieten, via Chat Fragen an die Autoren zu richten. Aber auch die Bücherwelt gibt es noch offline, etwa in Talkrunden mit Autoren im Fernsehen, wie bei der zdf-Sendung „aspekte“ und Buchvorstellungen wie bei 3sats „Kulturzeit„. Auch Autorenlesungen, beispielsweise in Buchhandlungen, gibt es noch analog.

Der Stoff, auf dem Welten entstehen

Lesen – das ist Versunkensein, das ist sich an einem anderen Ort zu befinden, ohne das Zimmer verlassen zu müssen. „Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste“, so ein Zitat von Heinrich Heine. Aber können diese Welten auch vor anderen Hintergründen bestehen? Etwa vor dem von Metall und Plastik? E-Books scheinen noch einmal eine ganz neue Kategorie zu öffnen. Mit ihren Möglichkeiten des Markierens und der Weitergabe von Informationen über das Wie und Was des Lesens dringen sie vor bis auf den Grund der Informationen über unser Leseverhalten, bis auf die nackte Haut. Sie machen Lesen zu einem so sozialen Erlebnis, wie es davor vielleicht höchstens durch intensivsten verbalen Austausch möglich war. Sie zeigen der Welt unsere lesende Seele.

Neue Features wie Before you Go für Amazons Kindle ermöglichen es, das Buch zum einen auf einer Skala von eins bis fünf, wie man sie aus den üblichen Amazon Rezensionen kennt, zu bewerten. Zudem ist es möglich, seine Gedanken dazu direkt in Social Networks wie Facebook und Twitter mit anderen zu teilen. Dass Anmerkungen und Markierungen des Lesers für den Rest der Welt sichtbar werden, ist das eine. Die Frage ist jedoch auch, ob das neue technische Spielzeug E-Reader der ohnehin fleißig geführten Debatte über die zunehmenden Multitaskinggewohnheiten und wie viel unserer Konzentration ihnen zum Opfer fallen wird, zu Recht zusätzliches Brennmaterial liefert. E-Reader könnte durch ihre Möglichkeiten unser Leseverhalten auf Dauer verändern, so die Befürchtung. Es ist wahr, dass Austausch eine Bereicherung für den eigenen Horizont und das Verständnis sein kann. Doch muss nicht erst einmal die Fläche geschaffen werden, über die man zu diesem Horizont blicken kann? Die Angst ist, dass uns das sogenannte Deep Reading, das versunkene Lesen, durch die ständige Unterbrechung des Leseflusses, die diese neuen Gewohnheiten mit sich bringen mögen, verloren gehen könnte.

Wie wir witschaftlich werden

Fast ein wenig grotesk, dass gerade E-Books und die digitale Verfügbarkeit von Texten als eine große Gefahr gesehen werden, zum Beispiel wenn es um die Debatte zur Buchpreisbindung geht. Dabei bieten sie auf der anderen Seite wiederum herrliche neue Möglichkeiten für die Vermarktung. Dem gläsernen Konsumenten können passende Angebote direkt vor die Nase gepostet werden, was letztendlich auch den Verkauf optimieren müsste. Doch nicht nur E-Books sind im Bereich sozialer Leseangebote ein wirtschaftliches Wunderkind. Vermutlich keiner, der nicht schon einmal von einer Tupper-Party gehört hat. Tupper verdient damit laut dem Marketingexperten Jochen Krisch rund 230 Millionen Dollar jährlich. Warum nicht dasselbe mit Büchern machen?

In Amerika gibt es über eine halbe Million Lesekreise. „Rudelbildung stützt den Buchmarkt!“, sagt Florian Kessler. Laut dem Tagespiegel-Autor werden in Deutschland mittlerweile sogar schon Romanausgaben speziell für Lesekreise herausgegeben. Manche Unternehmer haben diese neue Absatzmöglichkeit, die dem Verkauf des gedruckten Wortes auf die Sprünge helfen könnte, bereits auf die ein oder andere Weise für sich entdeckt. So zum Beispiel die Buchhandlung Riemann: „Die Buchpicker“ ist ein Leseklub für Kinder, in dem sich 9- bis 13-Jährigen alle vier Wochen treffen und unter Anleitung gemeinsam Bücher entdecken können.

Social Reading ist durchaus kein neues Phänomen. Es ist ein alter Hut, den man mit neuem Putz drapiert hat. Nicht nur, dass neue technische Entwicklungen dem Ausdruck ganz neue Dimensionen verleihen, Social Reading muss durch die Veänderungen in der Medienlandschaft auch in einem neuen Kontext gesehen werden. Richtig genutzt kann es eventuell das ein oder andere Potenzial bereithalten. Denn eines ist sicher: Der Mensch war und ist ein Herdentier, das sich im Allgemeinen im Rudel nunmal am wohlsten fühlt.

Fotos: flickr/diepuppenstubensammlerin (CC BY-NC-SA 2.0) , flickr/Simon Cocks (CC BY 2.0)

I am sherlocked

von Sanja Döttling

„Es gibt da so eine neue Sherlock-Serie!“, sagte eine Freundin ganz aufgeregt zu mir, „die spielt im Heute, mit Smartphones und Computern und Internet und so!“ Zugegeben, ich war skeptisch: Der Detektiv steht im Guinness-Buch der Rekorde als die meisterverfilmte Figur der Geschichte. Braucht man da wirklich noch einen Detektiv im 21.Jahrhundert? Meine Anwort heute: Ja, das tut man! Sherlock, die Neuinterpretation der BBC, ist ganz großes Kino. Geständnisse eines Fans.
Was macht den Charme dieser neuen Serie aus? Sie ist ganz klar der Strömung des  „Quality TV“ zuzuordnen, dass sich im allgemeinen Schrei um den Untergang des Fernsehens herausgebildet hat. Merkmale dieser neuen Strömung: Sie haben eine komplexere Narration, tiefere Charakter und eine neue Ästhetik und heben sich so von früheren Serien ab. Sherlock ist ein Paradebeispiel dafür. Die Serie glänzt vor allem durch textuelle Verweise zu den Original-Büchern von Conan Doyle, aber auch zu all den anderen Verfilmungen der letzten 100 Jahre. Sie etabliert neue Figureninterpretationen, die einem Slash-Fan das Herz höher schlagen lassen, und eine neue Ästhetik, indem die Schrift anders eingesetzt wird als früher.

Kennen wir schon! Oder?

„A Study in Pink“ heißt die erste Folge der neuen Serie. Sherlock ermittelt, Afghanistan-Veteran John Watson kommt treuherzig mit. Die Leiche schrieb „Rache“ auf den Boden – auf Deutsch.

Doyle-Fans runzeln die Stirn. Alles schon mal gehört? Im Original heißt die erste Geschichte „A Study in Scarlet“, und auch hier wird eine deutsche Rache-Botschaft hinterlassen (ach ja: ein Afghanistan-Krieg gabs vor 140 Jahren auch schon). Im Fachjargon nennt man dies „hypertextuelle Verweise“. Doch Sherlock ist mehr als nur eine Serie voller Zitate und Anspielungen; die neue Version emanzipiert sich von dem Original. Als Scotland-Yard Polizist Anderson mit seinen Deutschkenntnissen prahlt, wiegelt der neue Sherlock ihn ab: Natürlich ist das kein Rachehinweis, das Opfer wollte Rachel schreiben! Serienautor Steven Moffat – der im Moment wohl der Beste auf seinem Gebiet in Großbritannien ist – stellt sich in diesem Moment über das Original.

Moffat und Mark Gatiss, ebenfalls Autor der Serie, outen sich aber selbst als große Fans der Originale. Die Frage, wo John Watsons Wunde aus dem Krieg zu verorten ist – Doyle platziert sie manchmal im Bein, manchmal in der Schulter – beantworten sie mit der ihnen eigenen Schläue: John humpelt zwar, aber das ist psychosomatisch. Die Schusswunde aber befindet sich in der Schulter.

Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie sehr in dieser Serie auf Details geachtet wird. Einmal ein Beweis für die Qualität der Serie, zudem aber auch eine Verbeugung vor dem Original. Diese Jagt nach „Verweis-Schnipseln“ zum Original oder zu anderen Verfilmungen treibt die Fans an, immer mehr Hintergrundwissen zu sammeln. (Schon gewusst? Die Schrift für Sherlock’s Deduktionen ist die, die auch der London Underground verwendet.) Gleiches gilt für Serien wie Lost – dort allerdings noch in größerem Maße und über die Grenzen eines Universums (hier: das des Sherlock-Holmes) hinaus.

Damit ist die Serie Sherlock viel mehr als eine Verfilmung; es ist eine Neuinterpretation, dass Kennern des Original-Universums neue Facetten zeigt und Neulinge mit der schnellen Erzählweise und strahlenden Ästhetik in ihren Bann zieht. Denn so sehr Doyle auch zu bewundern ist, seine Geschichten sind für die heutige Zeit zu langsam, viele Fälle könnten nicht mehr umgesetzt werden. Moffat erzählt schnell und aufs Hier rund Jetzt zugeschnitten. Das ist auch ein Grund, warum Sherlock bei ihm im 21. Jahrhundert ermittelt: Es bot die Möglichkeit, den alten Stoff zu entstauben. Mark Gatiss sagt: „Rather than being about the trappings, about the gas lamps, about the hansom- cabs, the top heads, the frog coats, it is much more getting back to the original friendship between these two unlikely men and them solving wonderful mysteries, having adventures.“
Die Serienmacher erweitern ihr Universum auch im John Watons Blog, welcher Johns Memoiren im Original ersetzt. Er schreibt in der Serie, und diese Blogeinträge können dann im Internet gelesen werden. Sherlock geht also über die Serie hinaus, umarmt Original, ein Jahrhundert Filmgeschichte und das Internet. Dieses Phänomen nennt man „Transmedia Storytelling“. Eine Erzählung weitet sich über verschiedene Plattformen auf und baut so ein komplexes Universum auf: Ähnlich machen es Star Wars, Harry Potter oder Matrix.

Schrift und Sherlock – ein Traumpaar

Die Serie stellt das moderne London glänzend und übersteigert dar. Vor allem Sherlocks Technik-Affinität trägt dazu bei, die Serie modern wirken zu lassen. Moderne Kommunikationsmittel wie Handy und Internet, aber auch Überwachungskameras und gesteigerte Mobilität durch Taxis und Autos machen die Handlung schneller und atemberaubender. Sherlock benutzt das Smartphone zur Lösung seiner Fälle und integriert es damit als wichtigen Bestandteil der Handlung. Die Darstellung eines Handy-Bildschirms im Film ist ein detailreiches Unterfangen; wichtige Informationen, die per SMS gesendet werden, gehen bei einer Kameraeinstellung auf den Bildschirm selbst leicht unter, und können teilweise gar nicht richtig gelesen werden.

Die Serie Sherlock hat deshalb einen  innovativen Weg gefunden, diese kleinteiligen Aufnahmen darzustellen: Anstatt eine Close-up-Einstellung auf den Bildschirm selbst zu filmen, werden Texte einfach über den Bildschirm gelegt. Die Vorteile: Auf diese Art muss die Handlung nicht mehr unterbrochen werden, um diese Text anzuzeigen. Die Schrift fügt sich als neue Ebene – und eine Generation von Photoshop-affinen Jugendlichen weiß so etwas – in das Bild ein.

Man spricht bei dieser Art der Schriftdarstellung von einem „diegetischen Insert“. Das bedeutet, dass die Texte – anders als bei Datums- und Ortsangaben, wie man sie aus vielen Filmen kennt  – auf der Handlungsebene, der Diegese zu verorten sind. John und Sherlock schreiben SMS, Blogeinträge, bedienen Handys. Dabei ist dieses „Insert“ nicht nur visuell – durch Klingel und Tastentöne werden sie mit der Ebene der Handlung verknüpft. 

Doch nicht nur die SMS werden mit Inserts dargestellt. Auch Sherlocks „Deduktionen“ (wissenschaftlich korrekt müsste man bei seinem Verfahren allerdings von einem abduktiven Schluss sprechen) werden visualisiert – wie auch sonst könnte man in den Kopf einer Figur eindringen, der sich selbst als „highly functioning sociopath“ beschreibt? Auch hier spielen Töne eine wichtige Rolle. Damit wird zwischen Sherlocks Gedanken und der Technik-Darstellung eine enge Verbindung gezogen. Da Schrift selbst als konkret und logisch – im Gegensatz zum emotionsgeladenen Bild – gilt, liegt der Schluss nahe, dass Sherlocks Deduktionen genauso wie die Texte auf den rationalen Charakter beider verweisen. 

„People will talk!“

Die Serie zeichnet sich auch durch ihren soggenannten Fan-Service aus. Während früher die Produktion von Serien und Filmen unabhängig vom Publikum geschah, nehmen heute immer mehr Produktionen auf die Zuschauer Rücksicht. Dabei geht es nicht nur im Quoten und Zuschauerzahlen – es geht vor allem um den harten Kern der passionierten Fans. Obwohl sie nur einen kleinen Teil der Zuschauer ausmachen, ist die Fangemeinde die Basis einer jeden Serie. Und denen muss etwas geboten werden. Heutzutage sind sich die Schauspieler und Autoren bewusst, was die Fans wollen – schließlich gibt es das alles im Internet zu bewundern. Benedict Cumberbatch, Sexiest Man Alive  und neuer Sherlock, kennt sogar dieses Bild, auf dem sein Gesicht mit dem eines Otters verglichen wird. Und sie kennen die Fanfiction, die den wohnungsteilenden Junggesellen Sherlock und John eine romantische Beziehung unterstellen.

„Ich bin froh, dass das niemand gesehen hat – Wie Sie mir in einem dunklen Schwimmbad die  Kleider vom Leib reißen“ sagt John Watson, und beschwert sich: „Die Leute werden reden!“ wenn er und Sherlock, mit Handschellen gefesselt, durch das dunkle London streifen. Die Fans freut’s, alle anderen stört’s nicht.

Das ist von den Produzenten her klar für die Fans geschrieben und gibt ihnen Stoff zu diskutieren. Aus dem einseitigen Monolog von Seiten der Medienproduktion wandelt sich das Verhältnis Zuschauer-Produzent hin zu einem Dialog, in dem die Fans auch etwas (wenn auch wenig) zu sagen haben. 

Als informierter Fan ist es also nicht nur wichtig, die Serie selbst zu rezipieren – Fantum geht darüber hinaus. Man muss auch wissen, welche kollektiven Fan-Interpretationen mit den Serien verknüpft sind, wer die besten Fanfiction schreibt und welchen Blogs man auf tumblr folgen muss, um die neusten Artikel aus Übersee und Co. lesen zu können, die hier in Deutschland nicht erscheinen. Die Faszination für eine Serie ergibt sich immer aus der Serie selbst – aber eben auch aus der damit verbundenen Fan-Community. 

 

Fotos: Copyright der Szenenfotos hat die BBC inne; Comic/Sadynax

Die Bilderwäscher der EM

von Sebastian Luther

Es ist ein Besuch der ganz besonderen Sorte. Zehntausende auf einem Fleck zusammengepfercht, es blitzt, qualmt, dampft und raucht, eine gewaltige Stimme donnert, gestützt von aberhunderten Kehlen. Es bietet sich das Panorama eines unglaublichen Gewusels, eines Ameisenbaus, das wir nicht restlos in seiner Gänze auffassen können. In schreiender Selbstvergessenheit scheint alles auf das Zentrum hingerichtet zu sein, auf das letzte wichtige Ereignis, ein schwarzes Loch der Aufmerksamkeit. Alles umweht ein Wind, ein Geruch – alkoholfreies Bier.

Ich glaube an das, was ich sehe

Das Bild, dass die Union of European Football Associations (UEFA) aus den Stadien der EM in Polen und der Ukraine zeichnet, bzw. sendet, ist von einer ebenso besonderen Sorte. Das Fernsehen wird hier seiner Rolle als Vermittler absolut gerecht, denn es vermittelt uns das Bild einer absolut heilen Fussballwelt. Die Spieler tragen den ‚Respect‘ nicht nur auf den Trikots, sondern auch in Kopf und Herz, wir sehen volle Ränge, hübsche Frauen, entzückte Fans und Trainer, die sich in scheinbar völliger Vergessenheit der nervenaufreibenden Partie sogar spitzbübische Späße erlauben. Was sehen wir da? Wir sehen das, was wir sehen wollen. Wir sehen Bilder einer friedlichen Europameisterschaft, die all diejenigen widerlegen, die immer noch behaupten, internationale Sportevents seien der Ersatz für Krieg. Es sind Sinnbilder der Völkerfreundschaft und -verständigung, vom friedvollen Miteinander von Trainern, Spielern und Fans aller Couleur. Es sind Bilder vom Planeten EM.

Bengalos? Politischer Protest? Leere Ränge? Nein.

Es sind Bilder vom Planeten EM und die UEFA überbringt uns die frohe Kunde von der Welt auf diesem Planeten. Und wie sehr sich diese Bilder von der EM unterscheiden, die tatsächlich stattfindet, zeigen die prominenten Beispiele: Bengalos beim Spiel Spanien gegen Kroatien, leere Ränge entgegen offizieller Verlautbarungen, die Stadien seien restlos ausverkauft, Protestplakate gegen Willkür und Einschränkung der Meinungsfreiheit, ein Flitzer, der den kroatischen Trainer herzt, oder dieses riesige Banner, das bei der Partie Polen – Russland für erhitzte Gemüter auf Seiten der Gastgeber gesorgt haben dürfte. Die Implikationen der russischen Fans sind eindeutig und verfehlen ihre Wirkung auf Seiten der Polen keinesfalls. Vor, während und nach dem Spiel kommt es zu massiven Ausschreitungen, wenn auch fast gänzlich außerhalb des Stadions, außerhalb des Blickwinkels der Kameras, fast schon am Rande des Bewusstseins. „Es ist die Philosophie der UEFA, ein neutrales Bild, das sich nur um den Sport kümmert, zu zeigen“, so Klaus Heinen, der während der EM der ARD-Programmchef im International Broadcast Center (IBC) ist. Das Bild des heilen, des fairen und neutralen Fussballs taucht hier wieder auf, wenn es auch ebenso wieder nicht zu kaschieren vermag, worum es vermutlich in Wirklichkeit geht.

Schneid den Altruisten, du wirst den Heuchler bluten sehen

Neben der Wahrheit versickert im Sumpf der UEFA vor allem eines: Geld. Bereits im Oktober 2010 berichtete die Phalanx der deutschen Printmedienlandschaft, FAZ, Spiegel, Süddeutsche und WELT, von einem Korruptionsskandal bei der Vergabe der EM an Polen und die Ukraine. Dass die UEFA als Antwort den „europaweiten Aufbau eines Netzwerk von Integritätsbeauftragten“ ankündigt, darf als indirektes Geständnis gewertet werden, warum sollte die UEFA schließlich auf völlig halt- und substanzlose Vorwürfe reagieren? Das fragwürdige Bild vom europäischen Fussballdachverband bereichert SZ Autor Thomas Kistner um eine weitere  ernüchternde Facette, indem er die Frage aufwirft, ob Partien überhaupt fair gepfiffen werden. „Ein Turnier mit Spaniern, Engländern und Deutschen im Viertelfinale ist schließlich viel attraktiver als eines mit Dänen, Ukrainern und Kroaten.“ Ist der Samen des Gedanken einmal gesät, so kann man ihn bestenfalls noch verdrängen, das Image der UEFA bleibt jedoch nachhaltig geschädigt. Welche Mannschaft auch immer am 1. Juli die Bessere sein möge, Europa als Fussballkontinent hat bereits kollektiv verloren.

Fotos: flickr/scottwills (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/~Liliana (CC BY-NC 2.0)

Schwarz-Weiß-Malerei gegen vier Buchstaben

von Alexander Karl

Es ist (mal wieder oder immer noch) en vogue, gegen die BILD zu sein. Wer sich positiv äußerst, dem wird sofort vorgeworfen, mit dem Teufel zu paktieren. Gegen den Pakt-Deluxe, auch bekannt als die Verteilungsaktion der Jubliläums-BILD zum 60. Geburtstag an 41 Millionen Haushalte, konnte man sich wehren. 250.000 Deutsche taten dies und sagten im Vorfeld, dass sie kein Exemplar wollten – das war und ist ihr gutes Recht. Über 40 Millionen taten es demnach aber nicht, bekamen das Blatt und konnten damit tun und lassen, was sie wollten. Doch für BILD-Kritiker scheint diese Art der Meinungsfreiheit nicht genehm zu sein: Sie ziehen es vor, die BILD-Welt weiterhin in schwarz und weiß zu malen.

Ein Geburtstag nach Maß

Ob man die BILD zu ihrem 60. Geburtstag nun lesen wollte oder nicht, konnte tatsächlich jeder selbst bestimmen, auch bereits im Vorfeld. Viele Kritiker des Blatts haben es sich anscheinend nicht nehmen lassen und einmal in die verbotene Welt der großen Buchstaben und noch größeren Bilder geschaut und kamen zu schockierenden Erkenntnissen: Die BILD feiert sich in ihrer Gratis-Ausgabe zum 60. Geburtstag selbst! So heißt es etwa bei heise.de: „Denn das praktisch einzige Thema in dieser Bildausgabe ist die Bildzeitung selber. „The medium is the message“, prophezeite der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan schon in den 1960er Jahren. Nie war der Satz wahrer als im Angesicht dieser selbstbezüglichsten aller selbstbezüglichen Zeitungsausgaben. „Oder auch der BILDblog. Da steht: „Es war noch viel weniger eine Zeitung, als wir im Vorfeld gedacht hatten, und noch viel mehr ein Werbeprospekt: In fast allen Geschichten ging es um „Bild“. Eine weitere Eintragung ins Guinness-Buch der Rekorde wäre also durchaus verdient: als selbstbezüglichste „Zeitung“ der Welt.“

Stellen wir uns den 60. Geburtstag von Tante Matthilde von nebenan vor. Wird sie Gäste einladen, die sie nicht mag und die sie nicht mögen? Wird sie gerne eine Runde schmutzige Wäsche waschen und sagen, was sie alles falsch macht? Sicherlich nicht. Ferner bedarf eine solche Sonderausgabe für 41 Millionen Leser einer gewissen Planung – seien es die redaktionelle Vorbereitung als auch der Druck der Zeitung. Wer hat wirklich erwartet, dass die Ausgabe einen Tag vorher angefertigt wird und aktuelle Themen behandelt? Zumal eine „normale“, also tagesaktuelle, BILD im Handel erhältlich war.

Wie blind die BILD-Gegner anscheinend auf beiden Augen sind, zeigt sich anhand der äußerst oberflächlichen Berichterstattung, etwa im BILDBlog. Da wird – haha! – ein Bild von einem weggeworfenen Exemplar verlinkt, anstatt sich das grandiose Interview mit Gerhard Schröder einmal genauer anzusehen. Schröder revidiert darin etwa seinen Satz „Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze“. Er kritisert die Griechenland-Politik der BILD, wirft dem Blatt vor, seine Differenzierungen weggelassen und fernab der Realität berichtet zu haben. Zitat Schröder: „Das [die Berichterstattung über ein Portrait von Schröder] war das erste Mal, wo sich BILD – bezogen auf mich – ansatzweise der Realität angenähert hat!“

Wer dieses Interview aufmerksam liest, muss sich doch wundern, was es in diesem Sonderausgaben-Blatt macht. Denn die augenscheinliche Lobpreisung von BILD an BILD stößt in diesem Interview hart an ihre Grenzen und müsste die Frage nach sich ziehen, wieso das Blatt ein so BILD-kritisches Interview überhaupt bringt. Ansonsten ist die Jubiläumsausgabe tatsächlich etwas langweilig und enthält wenig Interessantes, dafür hat bild.de bereits Tage zuvor ins Archiv der Zeitung blicken lassen und Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust die Geschichte der Zeitung schreiben lassen – und das durchaus kritisch. Vielen, selbst Günter Wallraff, ist aufgefallen, dass die BILD sich Stück für Stück wandelt und öffnet. Zwar sieht der Enthüllungsjournalist das Blatt noch immer in der Rolle des „gemeingefährlichen Triebtäters, der unter ständiger Beobachtung stehen muss“, aber hält dem Blatt etwa die Berichterstattung über den iranischen Musiker Shahin Najafi zu Gute und lobt sogar BILD-Chefredakteur Kai Diekmann.

Kritik ja, aber richtig

Watchblogs und medienkritsche Blogs sind nützlich für unsere Gesellschaft und die Medienlandschaft. Sie sind ein wichtiges Korrektiv. Aber es ist schade und kontraproduktiv, wenn die Gegner der BILD genau das tun, was sie dem Blatt eigentlich vorwerfen: Nämlich Schwarz-Weiß-Malerei, ohne auch einmal die Scheuklappen abzunehmen. Denn sonst erinnert die Aktion von Campact „Roter Umschlag oder Bild? Wir brauchen Ihre Rückmeldung!“ schnell an eine nette Mischung aus „BILD kämpft für Sie!“ und den 1414-Fotoreportern – nur eben mit anderen Vorzeichen. Übrigens – und das sollte man als Gegner der Zeitung eingesteht – beweist Chefredakteur Kai Diekmann in letzter Zeit viel Sinn für Humor und vielleicht sogar Verständnis: Campact-Aktivisten begrüßte er bei der Jahreshauptversammlung der Axel Springer AG im April mit Pseudo-Che Guevara-Shirt und Donuts, die er an die Demonstranten verteilte. Nun konterte er auf eine überdimensionale Rote Karte der Aktivisten mit einer Botschaft, die an jene Ansprache von Hans Leyendecker bei der Henri-Nannen-Preisvergabe erinnert. Man könnte das Gefühl bekommen, dass BILD die Augen nicht (mehr) verschließt. Ein Grund mehr für die BILD-Gegner, wach und offen zu sein.

flickr/mkorsakov (CC BY-NC-SA 2.0), flickr/campact (CC BY-NC 2.0)

Bücherliebe trifft Internetaffinität

von Alexander Karl, Sanja Döttling und Pascal Thiel

Köln im Juni 2012: Der Wind fegt entlang des Doms, wo sich media-bubble.de mit dem Gründer der literatur-community.de traf. Wie kommt man mit 16 Jahren auf die Idee, eine Literaturplattform zu gründen? Wie setzt man sich gegen die Konkurrenz ab? Und passen Internet und Bücher zusammen?  media-bubble.de im Gespräch mit Fabian Krott von literatur-community.de.

Facebook wählt die Cholera

von Sebastian Seefeldt

Die Bürger des Facebook-Staates hatten die Chance, über ein neues Grundgesetz in Sachen Datenschutz abzustimmen. Doch wer darin einen Fortschritt sieht, wird enttäuscht. Kritiker bemängeln: Die Wahl war eine bloße Farce.

Wahlbeteiligung gleich null

Facebook ist nicht irgendein virtueller Staat – in Bevölkerungszahlen ausgedrückt, ist Facebook das drittgrößte  Land der Welt. Mit seinen 900 Millionen „Einwohnern“ leben hier 11-mal mehr Menschen als in Deutschland. Umso skurriler, dass bei der Abstimmung über die neuen Datenschutzbestimmungen nur 0,0038 Prozent der Nutzer beteiligt waren – das entspricht in etwa der Einwohnerzahl der Stadt Wuppertal. Sind die Facebook-Nutzer nur uninteressierte Nichtwähler, oder steckt ein anderer Grund hinter der Wahlflaute?

Wahllokal unauffindbar

„Facebook ist stets bestrebt, ein transparenter und verantwortungsbewusster Dienstleister für unsere Nutzer zu sein, der schnell auf deren Anliegen reagiert. Deshalb suchen wir ständig nach neuen Wegen und Möglichkeiten, eine sinnvolle Nutzerbeteiligung in die Überprüfung unserer Richtlinien und Verfahren einzubringen.“

 

Dass diese Beschreibung , wie sie auf Facebook Site Governance zu lesen ist, weitestgehend unzutreffend ist, zeigt sich im Rahmen der Wahl: Wer das Dokument genau durchliest, stößt auf eine fragwürdige Passage: Das Ergebnis der Abstimmung ist erst dann verbindlich, „wenn mehr als 30% aller aktiven registrierten Nutzer daran teilnehmen. Sollten weniger als 30 % teilnehmen, so erhält die Abstimmung einen beratenden Charakter.“

Und Facebook sorgte dafür, dass diese 30 Prozent nicht erreicht werden. Wer sich, wie der Standarduser, auf Facebook einloggt, um ein wenig durch Timeline und Profile zu stöbern, wird von der Abstimmung nichts erfahren: Denn die Einladung bekam nur zu sehen, wer Facebook Site Governance abonniert hat – das sind gerademal 0,23 Prozent aller Facebook-Nutzer. Doch selbst diejenigen, die zum Kreis der Auserwählten gehörten und von der Facebook-Wahl erfuhren, konnten nicht viel ausrichten.

Pest und Cholera

„Welche Schriftsätze sollten die Nutzung von Facebook regeln?“ lautete die Frage, die zur Abstimmung stand. „Vorgeschlagene Dokumente“ oder „Bestehende Dokumente“ waren Antwortmöglichkeiten. Hinter den Dokumenten verbergen sich juristische Texte über die Datenschutzvereinbarungen, ohne Kommentare und ohne Angabe der Unterschiede. Für Nicht-Juristen also ellenlange Hieroglyphentexte. Was soll der Facebook-Normalo nun wählen? Gerademal eine Woche Zeit hatten die Facebook-Nutzer, um sich untereinander zu beraten und vor allem überhaupt auf die Abstimmung aufmerksam zu machen.

Schlussendlich blieb es eine Wahl zwischen Pest und Cholera, wie auch Facebook-Widersacher Max Schrems und seine Wiener Studentengruppe europe-v-facebook.org betonen. Kritiker bemängelten, dass sich Facebook durch die „vorgeschlagenen Dokumente“ mehr Rechte als bisher einräume. Europe-v-facebook.org kritisierte, dass aufgedeckte „Missstände“ beim Umgang mit Nutzerdaten mit den neuen Regeln legitimiert würden. Unter anderem sieht der neue Entwurf für die Datenschutzrichtlinien vor, dass Informationen länger als bisher aufgehoben werden können. In der neuen Ordnung heißt es dazu: „Wir werden Daten so lange einbehalten, wie dies erforderlich ist, um den Nutzern und anderen Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Diese umfassendere Verpflichtung gilt für alle Daten, die wir über Dich sammeln und erhalten, einschließlich Informationen von Werbetreibenden.“

Facebook macht sich keine Freunde

Obwohl 87 % der Wählerschaft, wie von einschlägigen Blogs empfohlen, für das bestehende Dokument stimmten, kann der Konzern machen, was er will. Da die 30%-Hürde nicht überwunden wurde, erhält die Wahl nur einen „beratenden Charakter“. Das große Medienecho blieb aus – Facebook bleibt in seiner Handlungsfreiheit uneingeschränkt und wird die „vorgeschlagenen Dokumente“ als neue Richtlinien einsetzen. Der Datenschützer Thilo Weichert nannte die Abstimmung eine „Farce“, außerdem enthielten beide Alternativen rechtswidrige Klauseln.

Facebook zeigt, auf eine ganz eigene Art und Weise, wie gut sie das Social Networking verstehen. Und vor allem, wie sie es aushebeln können. Alle für Facebook typischen Eigenschaften wie Interaktivität, Multimedia, schnelle Klicks waren bei der Abstimmung nicht vorhanden – an echter Mitbestimmung hat der Konzern offenbar kein Interesse.

Bild: flickr/smemon (CC BY 2.0)