Weihnukka oder Chrismukkah?

von Alexander Karl

“You want your menorah or a candy cane? Hm? Christmas or Hanukkah?“, fragt Seth Cohen, Protagonist aus O.C. California und sieht seinen Adoptivbruder Ryan und sieht ihn abwartend an.  “Don’t worry about it, buddy because in this house, you don’t have to choose. Allow me to introduce you to a little something I like to call … Chrismukkah!”

Die Wortschöpfung Chrismukkah ist tatsächlich eine Erfindung der Erfolgsserie O.C. California, was aber nicht bedeutet, dass es die Mischung aus Weihnachten/Christmas und Hannukah davor gab – dazu aber später mehr.

Chrismukkah und O.C.,

Chrismukkah, wie es im amerikanischen Original heißt, ist eine Verbindung des christlichen Weihnachtsfests und des jüdischen Hannukah, das Seth Cohen als Kind erfunden hat, um die jüdischen Wurzeln seines Vaters und die protestantischen seiner Mutter zum „greatest super-holiday known to mankind“ zu vereinen. Und das Besondere laut Seth: „Other highlights include eight days of presents, followed by one day of many presents.“
Wann und wie genau aber Chrismukkah gefeiert wird, sagt Seth nicht. Hinzu kommt nämlich, dass Hannukah immer wieder an anderen Daten gefeiert wird – und das nicht zwingend direkt vor oder nach Weihnachten.

 

Doch Chrismukkah ist noch viel mehr: Es stellt den melting pot der amerikanischen Gesellschaft dar, die sich nicht mehr an Unterschieden aufhält, sondern Brücken baut. Als Special der 4. Staffel gibt es in der DVD-Box eine kurze Reportage zur Entstehung und Bedeutung von Chrismukkah. Darin wird deutlich: In gewisser Weise ist es auch ein Fall von political correctness. Denn darf man seinen Arbeitskollegen „Frohe Weihnachten“ wünschen, auch auf die Gefahr hin, dass er Jude ist? Dank Chrismukkah wird hier eine Brücke geschlagen – so die einhellige Meinung von Produzenten und Schauspielern der Serie, die das December dilemma damit als überwunden ansehen.

Aber wie immer gibt es auch Kritik an solchen (modernen) Spielen mit der Religon. Wie US Today berichtete, nennen die Catholic League und der New York Board of Rabbis in einem gemeinsamen Statement Chrismukkah ein „multicultural mess“ und bezeichneten es als Beleidigung für Juden und Christen gleichermaßen. Gleichzeitig ist aber der deutsche Begriff Weihnukka nicht nur O.C., California zu verdanken. Vielmehr stammt – so heißt es auch im DVD-Spezial – die Idee der Mischung aus Weihnachten und Hannukah aus Deutschland. Denn gerade auch in der Nazi-Zeit bot es sich an, nicht den jüdischen Brauch zu feiern.

O.C. und die Pop-Kultur

Ich hatte bereits bei meiner Figurenanalyse von Seth Cohen herausgearbeitet, dass er als Protagonist einer TV-Serie mit seinem sonderbaren (und komischen) Humor eine relativ einmalige Stellung in der Fernsehlandschaft einnimmt. Gleichzeitig wird durch Chrismukkah und Co. aber auch der Einfluss von TV-Serien (und O.C., im Speziellen) auf die Pop-Kultur deutlich. Wie Tamara Jill Olson beschreibt, hebt sich O.C., damit von vergleichbaren Soaps ab:

„The introduction of this witty, cosmopolitan style not only breaks the mold of the traditional primetime soap, but also strategically targets viewers who want to feel superior to and label themselves as being “above” the “low culture” genre. Because The O.C. is so witty and self-knowing, “sophisticated” viewers can feel good about watching a primetimesoap opera, a form that is usually associated with “low” or mass culture.“

Übrigens: Zu Chrismukkah gehört auch der Yarmuclaus, eine Mischung aus Kippa (yarmulke) und Santa-Claus-Mütze, wie Seth und Summer sie auf dem Bild tragen. In diesem Sinne: Happy Chrismukkah!

 

Foto: flickr/kevin dooley (CC BY 2.0)

FSK: Sexuell befangen?

von Alexander Karl

Es gibt wohl wenige große deutsche Filme, die eine Coming-of-Age-Geschichte nicht im heterosexuellen Milleu ansiedelt, sondern den Schritt in die LGBT-Welt wagt. „Sommersturm“ war einer dieser Filme, scheiterte aber an den Kinokassen. Nun als „Romeos… anders als du denkst„. Doch die FSK setzt die Freigabe auf 16 Jahre – mit einer fragwürdigen Begründung.

Darum geht’s

„Romeos“ erzählt die turbulente Liebesgeschichte von Lukas und Fabio, die durch Lukas‘ Transsexualität deutlich erschwert wird. Die Filmemacher wollten den Film ab 12 Jahren freigeben lassen, doch die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) hielt den Daumen darauf und entschied, dass erst Jugendliche ab 16 den Film sehen dürfen. Die Regisseurin Sabine Bernardi stellte die Begründung online. Hier ein Auszug der Entscheidung:

Das Thema selbst ist schon schwierig für 12- bis 13-Jährige und die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen. Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken, auch wenn der Film auf Bildebene nicht schamverletzend ist und niemanden diffamiert.

Die FSK und die Entscheidung

Nun ist die FSK aber auch online präsent und schildert dort die Kriterien, die für die Einteilung der Altersstufen herangezogen werden. Dort heißt es für die Altersfreigabe ab 12 Jahren:

Bei Kindern und Jugendlichen dieser Altersgruppe ist die Fähigkeit zu distanzierter Wahrnehmung und rationaler Verarbeitung bereits ausgebildet. […] 12- bis 15-jährige befinden sich in der Pubertät, einer Phase der Selbstfindung, die mit großer Unsicherheit und Verletzbarkeit verbunden ist. Insbesondere Filme, die zur Identifikation mit einem „Helden“ einladen, dessen Rollenmuster durch antisoziales, destruktives oder gewalttätiges Verhalten geprägt ist, bieten ein Gefährdungspotenzial. Die Auseinandersetzung mit Filmen, die gesellschaftliche Themen seriös problematisieren, ist dieser Altersgruppe durchaus zumutbar und für ihre Meinungs- und Bewusstseinsbildung bedeutsam.

Aus dieser Erklärung könnte man für den Film „Romeos“ also zweierlei ableiten: Die Helden haben ein antisoziales oder destruktives Rollenmuster (in diesem Fall wohl ihre Sexualität) und bieten damit Gefährdungspotenzial. Oder aber die gesellschaftlichen Themen werden nicht seriös problematisiert.

Schnell wird das Paradoxon deutlich: Es kommt ein Film heraus, der aus dem schwarz-weiß der heterosexuellen (Film-)Welt hinausfällt und somit eine deutliche gesellschaftliche Relevanz inne hat. Doch, wie es in der Begründung zu „Romeos“ heißt, könnte das zu einer „Desorientierung der sexuellen Selbstfindung führen“. Wird damit unterstellt, dass „Romeos“ die Kinobesucher zu homosexuellen Menschen macht? Denn die Begründung, dass die häufigen Partnerwechsel für die Jugendlichen „verwirrend“ wirken können, ist kaum nachvollziehbar wenn man einmal schaut, welche Filme ansonsten für 12-Jährige zugelassen werden:

Da wäre natürlich „Sex and the City“ (Der Film), in dem Samantha ihre Nachbarn bei sehr expliziten (heterosexuellen) Praktiken beobachtet. Oder „Das Leben des David Gale“, in dem eine Frau sich selbst erstickt und der Zuschauer den Todeskampf sehr realistisch mitverfolgen kann. Auch in „Keinohrhasen“ – der sogar eigentlich ab 6 Jahren freigegeben werden sollte – spielt Sex eine große Rolle und nicht zu vergessen „The Hangover“, in dem nicht nur nackte Asiaten durch die Gegend springen, sondern Drogenkonsum den Plot erst möglich macht.

Schaut man in den Schluss der Begründung, findet man den Satz, dass der Film eine „verzerrte Realität“ wiederspiele. Volker Beck, Abgeordneter der Grünen, sagt hierzu: „Schwule, lesbische und transsexuelle Jugendliche existieren wirklich. Wenn die FSK meint, schon die filmische Auseinandersetzung mit diesem Thema sei Jugendlichen nicht zuzumuten – wie sollen Jugendliche auf die Konfrontation mit der Wirklichkeit vorbereitet sein?“

Vielleicht sollten die Damen und Herren der FSK einmal einem Kölner Schwulenclub einen Besuch abstatten um zu überprüfen, ob die „Realität“ des Films tatsächlich verzerrt ist oder einmal selbst die eigene gesellschaftliche Sicht in Frage stellen. Denn nicht umsonst wird die Entscheidung der FSK bereits als ‚homophob‚ oder ’sexuellen befangen‘ bezeichnet.

UPDATE: Die FSK hat sich für die unglückliche Formulierung entschuldigt.

UPDATE 2: Die FSK hat Romeos jetzt doch für 12 Jährige zugelassen.

Das ist übrigens der Trailer des Films:

Foto: © by PRO-FUN MEDIA

HIV und die Medien

von Alexander Karl

Am 1. Dezember wird man wieder überall rote Schleifen sehen – denn dann ist Welt-Aids-Tag. Die Gefahren von HIV und AIDS sind schon seit über 20 Jahren bekannt, doch wie griffen und greifen die Medien das Thema auf?  Und wird noch immer mit Stereotypen – etwa Homosexuellen oder Drogensüchtigen – gearbeitet?

Die Berichterstattung beim Ausbruch

Elke Lehmann schrieb 2003 in ihrer Dissertation zur Berichterstattung der Medien über das Aufkommen des HI-Virus: „AIDS wurde sogar als eine Epidemie der Medien bezeichnet. Eine Krankheit mit einer geringen Inzidenz, auf deren Existenz die Öffentlichkeit von den Medien aufmerksam gemacht wurde.“ Doch zunächst, so  Lehmann, wurde zu Beginn der AIDS-Epedemie in nur sehr wenigen Zeitungen und Magazine über das Problem berichtet. Denn zumeist ging man davon aus, dass der Virus das Problem einer (homosexuellen) Randgruppe sei, die keinerlei Bedeutung für die alltägliche Berichterstattung habe. Mit Verweis auf Virginia Berridge (1996) stellt sie die folgenden Stationen der Berichterstattung fest:

„Der erste, in den frühen achtziger Jahren, war gekennzeichnet durch die Bezeichnung als ‘Schwulenseuche’, dieser Term wurde sowohl von der Boulevardpresse, als auch von qualitativ guten Zeitungen verbreitet. Ab Mai 1983 wurde die mögliche Ansteckungsgefahr von Heterosexuellen aufgrund von kontaminiertem Blut an die Öffentlichkeit herangetragen. Dadurch wurden erstmals auch Frauen als eine mögliche Risikogruppe beschrieben. Ebenso wurde in dieser Zeit über Afrika als Ursprung der Krankheit debattiert.“

Dass HIV und AIDS schlussendlich doch in den Medien als globales Problem betrachtet wurde, ging auch auf den Tod des Schauspielers Rock Hudson 1985 zurück. HIV und AIDS bekamen nun ein Gesicht und schafften somit den Sprung in die Köpfe der Menschen. Die erzeugten Bilder kokettierten aber noch immer mit dem Unmoralischen. So schrieb The Times 1985:  „Wie auch bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten erhöht sich die Gefahr, sich zu infizieren, durch eine hohe Zahl sexueller Kontakte und Promiskuität.“  Dabei ist aber HIV keine sexuell übertragbare Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein Virus, der nicht nur beim Sex, sondern auch durch Blut übertragen werden kann.

Der Beginn der Berichterstattung war also geprägt von Klischees und Unwissen, von Panik bis zur Angstlosigkeit. Aber wie wird HIV und AIDS heute in den Medien – vor allem auch im Fernsehen – dargestellt?

 

Heute im TV

Noch immer gilt das Fernsehen als eines der wichtigsten Medien – und da gerade in Serien versucht wird, die Realität abzubilden, tauchen immer wieder HIV-positive Charaktere auf. In der schwul-lesbischen US-Serie Queer as Folk wird die HIV-Thematik immer wieder in den Fokus gerückt. So sind in allen fünf Staffeln Betroffene Charaktere vertreten – so etwa der Uniprofessor Ben, den alternden und an Aids erkrankten Vic oder der Stricherjunge Hunter.

In Deutschland ist die ‚Lindenstraße‘ Vorreiter in der Konfrontation der Öffentlichkeit mit heiklen Themen und so auch bei HIV. Benno Zimmermann, eine Figur der ersten Stunde, erkrankte 1988 an HIV. Es wurde also nicht nur die Gefahr an sich thematisiert, sondern auch mit Stereotypen gebrochen. Denn Benno Zimmermann war nicht schwul, sondern hatte sich bei einer Bluttransfusion angesteckt.

Monika Siebenbach, Pressesprecherin der Lindenstraße, sagte media-bubble.de, dass es den Machern der Serie bereits damals darum ging, HIV und Aids nicht als schwules Problem darzustellen, sondern auch die Ausgrenzung von heterosexuellen Erkrankten zu beschreiben. 1999 wurde erneut ein HIV-Charakter eingeführt: Felix Flöter hatte sich bei seiner Mutter während der Geburt angesteckt. „Dadurch, dass Felix nach dem Tod seiner Mutter von dem homosexuellen Paar Carsten und Käthe adoptiert wird, treffen die Themen Homosexualität und HIV als Diskussionsstoff in der Geschichte auch nochmal zusammen. Aber eben nicht in der Form, wie man sie zunächst mal erwarten würde. Auch hier hat die Art der Geschichte dazu geführt, dass die Zuschauer offen für das Thema und emotional davon gepackt waren“, so Siebenbach.

Aber haben die Einführung infizierter Charaktere auch einen Aufklärungscharakter? Nehmen die Zuschauer nicht nur die emotinale Botschaft wahr, sondern beschäftigt sich auch mit Themen wie Safer Sex?
Jeff Gavin untersuchte bereits im Jahr 2000 den Komplex der Darstellung von Safer Sex und der Wirkung bei Jugendlichen und urteilte darüber: „Young audiences understand soap opera portrayals of safe sex as the ‘official’ version of safe sex; the type of sex they ought to have. This is contrasted with a ‘real-life’ understanding of safe sex. This is the type of sex that audiences believe they can have.“

Ob die Einführung von HIV-infizierten Charakter also auch einen Aufklärungscharakter hat, ist strittig. Aber zumindest werden die Zuschauer mit der Thematik konfrontiert – was auch das Ziel der aktuellen Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums ist. „Positiv zusammen leben – aber sicher!“ soll zu mehr Toleranz gegenüber Erkrankten aufrufen.

 

Foto: Sophie Kröher

‚The Voice‘ mit wenig Gezwitscher

von Alexander Karl

Die US-Erfolgsshow ‚The Voice‘ hat nun auch den Sprung nach Deutschland geschafft – das Prinzip ist gleich: Nationale Hochkaräter in der Jury und starke Stimmen auf der Bühne. Doch was ‚The Voice‘ in den Staaten besonders vorbildlich betrieb, war die Social Web Einbindung. Das versuchen nun auch ProSieben und Sat.1.

Die Show in den USA

Mit starken Stimmen und starken Quoten gelang es ‚The Voice‘, den Zuschauern den US-Sommer zu versüßen. Dahinter steckt ein innovatives Konzept, welches sich durch zwei wichtige Faktoren von anderen Shows abhob:

In der Jury saßen Vollblutmusiker wie Christina Aguilera und Maroon 5-Sänger Adam Levine, die auch kein Problem damit hatten, selbst live zu singen. Gleichzeitg ging es zunächst um eines: Eben die Stimme der Kandidaten, nicht um Aussehen oder Performance. Denn die Jury saß zu Beginn mit dem Rücken zu den Kandidaten und entschied, ob er oder sie in das Team der Jurors sollte.

Und das zweite Novum: Die intensive Einbindung von Social Media in die Sendung. Über Twitter wurde zwischen den Shows immer wieder aus dem Nähkästchen geplauert, es wurden erste Teaser der Proben gepostet und die Follower-Gemeinde dazu aufgerufen, abzustimmen. Etwa 200.000 Tweets, die mit „The Voice“ zu tun haben, gab es pro Show.

Doch die eigentliche Revolution fand während der Sendung statt: Im sogenannten „V-Room“, eine Art Greenroom der angehenden Stars mit Tablet-PCs, sollten die Künstler live ihre Impressionen posten. Gleichzeitig aber konnten die Zuschauer und Fans Fragen stellen, die live beantwortet wurden. Und: „Immer wieder gibt es zwischen den Auftritten Schalten in den V-Room zur V-Korrespondentin Alison Haislip, die aktuelle Twitter- und Facebook-Fragen vorliest und die Kandidaten interviewt.“ Daraus resultiert, dass #TheVoice zum Trending Topic auf Twitter wurde.

Mix in Deutschland

Während die Show in den US vor allem auf Twitter setzte, gibt es in Deutschland einen multimedia Mix aus Facebook, Twitter und Livekommentaren der Redaktion. Das liegt auch daran, dass in Deutschland nur 460.000 User den Microblogging-Dienst nutzen. Zum Vergleich: Facebook hat in Deutschland über 21 Millionen Nutzer! Über die ‚The Voice of Germany‘ -Homepage kann man sich mit seinem Facebook-Account einloggen und mit Freunden über die Show chatten – und natürlich die Twitter-Kommentare verfolgen. Das nennt sich dann ‚The Voice of Germany Connect‘. Außerdem gibt es einen Livestream, der wohl gerade die junge und mobile Generation ansprechen soll.

Aber doch nicht alles scheint man aus den USA übernommen zu haben: Die Jury, bestehend aus Allzweckwaffe Nena, Schmusesänger Xavier Naidoo, Rea (Leadsänger der Band ‚Reamonn‘) und zwei Jungs von ‚The Boss Hoss ‚ twittern und facebooken – soweit es ersichtlich ist – nicht um die Wette und um die Gunst der Zuschauer. Das übernimmt dann wieder die Facebook-Fanpage der Show.

Ob es in Deutschland auch einen ‚V-Room‘ geben wird wie in den Staaten, muss sich noch zeigen. Denn auch dort kamen die Backstageberichte der Kandidaten erst ab der Battle-Round. Bis dahin läuft aber über ‚Connect‘ außerordentlich viel – auch das zeigt, wie wichtig ProSieben und Sat.1 die Show ist. Immerhin läuft sie abwechselnd bei beiden Tochtersendern – und muss heute sogar gegen ‚Das Supertalent‘ antreten. Übrigens zeigt X-Factor auf VOX, wie gut die Zuschauer auf eine multimediale Einbindung reagieren.

Voting 2.0

Auch die Abstimmung bei der amerikanischen Variante von ‚The Voice‘ kann man vorbildlich nennen: Neben dem kostenlosen Telefonvoting gibt es eine NBC Live App, über die abgestimmt werden kann. Aber auch die Songs der Kandidaten können per iTunes direkt nach der Show kostenpflichtig herunter geladen werden, was gleichzeitig als eine Stimme gezählt wird. Außerdem ist auch die Abstimmung über die Webseite des Senders nbc.com möglich. Und in Deutschland? Ob man dort auch über das Weiterkommen der Kandidaten ohne 50-Cent-Telefongebühr entscheiden darf, ist fraglich. Immerhin kann man  bei ‚The Voice of Germany Connect‚ über andere Fragen abstimmen, etwa  „Gefiel euch der Auftritt der Jury?“ oder „Für wen entscheidet sich Kandidat X?“

 

Aber eines muss man doch ehrlich sagen: Die US-Jury ist schon noch etwas cooler als die deutsche…

Foto: Screenshot, http://connect.the-voice-of-germany.de/ (24.11.2012)

Der Presserat – rastlos im Einsatz und trotzdem ratlos?

von Miriam Heiner

Wie viel Prozent der Rügen des Presserats waren für Bild?“, fragt Fiete Stegers, Multimedia-Journalist. Die Antwort: von 1997 bis zum 30. Oktober 2011 genau 24,5 Prozent aller Rügen des Deutschen Presserats – in Zahlen ausgedrückt 103 von insgesamt 420. Eine beeindruckende Zahl und für media-bubble.de ein Anlass, um sich den Deutschen Presserat genauer anzusehen: Was ist der Presserat? Welche Aufgaben hat er? Wofür steht er? Welche Sanktionsmöglichkeiten hat das Gremium?

Die Organisation

Im Presserat organisieren sich die vier großen deutschen Verleger- und Journalistenverbände: der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger e.V. (VDZ), der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju).

Die Aufgaben

Der Presserat sieht sich als freiwilliges Kontrollorgan der deutschen Presse und hat sich zwei große Aufgaben auf die Fahnen geschrieben: Die Lobbyarbeit für die Pressefreiheit in Deutschland und das Bearbeiten von Beschwerden aus der Leserschaft. Damit verbunden sind acht große Ziele: Als Vertreter der Journalisten versucht er sicherzustellen, dass die Pressefreiheit eingehalten und ein ungehinderter Zugang zu Nachrichtenquellen gewährleitet wird. Der Pressekodex gibt den Journalisten Richtlinien für seine tägliche Arbeit an die Hand. Eine saubere Recherche, die Achtung der Menschenwürde und eine klare Trennung von redaktionellen Texten und Anzeigen, die Achtung von Privatleben und Intimsphäre kennzeichnen demnach einen seriösen Journalismus, während die Redaktionen eine unnötig sensationelle Darstellung vermeiden sollen.

In seiner Funktion als Kontrollorgan ist der Presserat Ansprechpartner für Leser, Journalisten und Verleger. Sie können Beschwerden über einen Verstoß gegen die Richtlinien direkt an den Presserat wenden. Besonders bei den Lesern ist diese Möglichkeit beliebt – rund 1.100Privatpersonen wandten sich 2010 an den Presserat. Sie stießen damit 85 Prozent aller Beschwerden an.

Die Sanktionen

Der Presserat hat bei einem Verstoß einerseits die Möglichkeit, nicht-öffentliche Maßnahmen gegen eine Redaktion zu ergreifen oder dies öffentlich zu tun. Das sanfteste Sanktionsmittel ist der Hinweis. Ihn spricht der Presserat an die betroffene Redaktion bei einem geringen Verstoß gegen den Presskodex aus. Hinweise sind nicht-öffentlich. Die Missbilligung als zweite Möglichkeit ist ein Mittel gegen schwere Verstöße gegen den Kodex. Die betroffene Redaktion muss eine Missbilligung des Presserats gegen ihre Berichterstattung nicht abdrucken, der Beschwerdeausschuss des Presserats empfiehlt aus Fairnessgründen jedoch einen Abdruck. Die härteste Maßnahme des Presserats ist die Rüge. Rügen muss das betroffene Medium abdrucken – und sich damit selbst öffentlich an den Pranger stellen. Beispielsweise rügte das Gremium  die Zeitschrift „Die Aktuelle“ dafür, eine falsche Krankheitsgeschichte über TV-Comedian Gaby Köster abgedruckt und anschließend über die Genesung berichtet zu haben. Der Presserat sah die Persönlichkeitsrechte Gaby Kösters verletzt.

Die Zeitschrift „tv Hören und Sehen“ erhielt eine Rüge wegen der Veröffentlichung von Schleichwerbung. Das Magazin hatte vier Beiträge über Krankheitsbilder veröffentlicht, in jedem der Artikel wurde dabei ein Markenprodukt als Heilmittel genannt.

Großes Aufsehen erregte eine Rüge des Presserats für die „Bild-Zeitung“, als sie nach dem Tod des Popstars Michael Jackson ein Foto veröffentlichte, das den Musiker mit an ein Beatmungsgerät  auf einer Trage liegend zeigte und titelte „Hier verliert er den Kampf um sein Leben“. Der Presserat hielt diese Berichterstattung für „unangemessen sensationell“.

Der „zahnlose Tiger“

Soweit die Fakten. Wie sieht die Arbeit des Presserats aber in der Praxis aus? 18 Rügen hat er 2011 ausgesprochen – die Bild-Redaktion überbietet mit sieben davon für die Bild-Zeitung oder Bild-Online ihren Gesamtschnitt mit umgerechnet rund 39 Prozent. Die Frage ist jedoch – was schadet es Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung? Nicht umsonst gilt der Presserat in der Branche als „zahnloser Tiger“. Mehr als rügen kann er nicht – und wenn die Rüge trotz der selbstauferlegten Verpflichtung der Mitglieder zur Veröffentlichung nicht veröffentlicht wird, bleibt als Sanktion nur – die Rüge. Kein Wunder also, dass die Bild-Redaktion 2004 sechs Rügen empfangen und keine davon abgedruckt hat.

Ein Blick auf die Statistik zeigt außerdem, dass der Presserat mit Rügen sehr zögerlich umgeht: Mit 812 Beschwerden befassten sich die Ausschusssitzungen – durchschnittlich waren damit immerhin 2,2 Beiträge in Print- und Onlineauftritten diskussionswürdig im Sinne des Pressekodex. 42 Rügen kamen dabei heraus. Falsche Zurückhaltung oder begründete Vorsicht? Der Grund für diese auf den ersten Blick geringe Quote liegt wahrscheinlich in der Natur der Sanktion selbst: Immerhin muss der Presserat bei einer Entscheidung für eine Rüge bedenken, dass ein Thema durch seine erneute Publikation im Zusammenhang mit einer Rüge erneut Aufmerksamkeit erzeugt – und so kann der Effekt schnell ins Gegenteil umschlagen. Außerdem: Wer hindert die betroffene Redaktion daran, die Rüge zum Anlass zu nehmen, um sich erneut hinter ihre eigene Berichterstattung zu stellen?

Foto: flickr/Maria Reyes-McDavis (CC BY 2.0)

Nur ein kleines Video

von Jürg Häusermann

Die Bundeswehr hat ein Video produzieren lassen:

Eine Heavy-Metal-Version des Deutschlandlieds begleitet ziemlich banale Bilder von militärischen Fortbewegungsmitteln. Raketen, die in die Luft steigen. Streiflichter auf das schützenswerte Idyll: Eine Familie spaziert durchs Watt. Der Kölner Dom glänzt in der Abendsonne. Ein Bergdorf am See plätschert vor sich hin. Insgesamt nur wenige Detonationen. Dafür viele Soldaten in Nahaufnahme. Und noch mehr Fortbewegungsmittel zu Wasser, zu Lande, in der Luft. 100 Sekunden, die Zivilisten für den Beruf des Soldaten begeistern sollen.

Auch, wenn das Video nur kurze Zeit online stand, regt sich ganz Deutschland auf: Die Grünen-Abgeordnete Agnieszka Malczak war auf den Clip aufmerksam geworden. Sie warf dem Verteidigungsministerium vor, es stelle den Dienst bei der Bundeswehr wie ein „Ballerspiel“ dar.“

In ihrer Pressemitteilung sagt Malczak: „Dieses Video stellt eine Verherrlichung militärischer Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzungen dar. Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter und entwerfen so ein Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr.“

Einen Tag lang war das Video im YouTube-Kanal der Bundeswehr zu sehen. Dann wurde es wieder entfernt. Nicht aufgrund der Oppositionskritik, sondern – so der stellvertretende Regierungssprecher – weil der Off-Text fehlte. Aber greift denn die Kritik, hier werde ein „Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr“ entworfen? Von wie viel Sachkenntnis zeugt denn der Vorwurf, „Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter“?

Die Ästhetik des Krieges

Was die Kritikerinnen und Kritiker  nicht berücksichtigen: Schon längst wird uns mit dieser Ästhetik vom Krieg berichtet. „Banal Militarism“ nennen es zum Beispiel Tanja Thomas und Fabian Virchow, die die Vermengung von Militär und Alltag seit langem erforschen. Ob es um Krieg geht, um ein Ballerspiel oder einen Action-Film – die Grenzen werden bewusst vermischt. Man erinnere sich daran, wie die Öffentlichkeit auf die Operation „Iraqi Freedom“ vorbereitet wurde: „Boom, boom, we’re going in hard and fast. ‘By this time next week, sit by your TV and get ready to watch the fireworks’.

Das ist immerhin O-Ton eines Sprechers aus dem Weißen Haus.

Und es wird dafür gesorgt, dass auch die Soldaten selbst dieser Ästhetik nicht entkommen. In einer schaurigen Stelle in Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ (bei ca. 70 Min.) erklären die Soldaten sorgfältig, wie sie die Musik auswählen, die sie über die Kopfhörer dröhnen lassen, wenn sie auf den Feind losballern. Sie haben Bloodhound Gang und „The Roof is on Fire“ gewählt:

„The war happens and the fighting starts, you know, it’s kind of like thumped up and motivated ready to go. Its the ultimate rush. Because you know you’re going into the fight to begin with.  And then you got a good song playing in the background and uh that gets, that gets you real fired up, ready to do the job.“

In vieler Hinsicht gibt es kaum noch einen Unterschied zwischen dem Einsatz im Krieg und dem Spielen eines Ballerspiels. In beiden Fällen geht es darum, Menschen zu töten.  Für diejenigen, die am Drücker sind, soll es sich auch gar nicht real anfühlen. Für die Opfer schon – und die sind noch immer zur Hauptsache Zivilisten, auch wenn es aussieht, als ob nur noch gezielt die Bösewichte ausgeschaltet würden, und man daran arbeitet, dass es künftig nur noch virtuellen Krieg gäbe.

Was ist Ballerspiel? Was ist Krieg?

Die, die sich jetzt zu Wort melden, möchten, dass es noch so ist wie früher: Die Soldaten frieren in den Schützengräben still und leise vor sich hin, und wir sitzen unbeteiligt zu Hause.

Es gibt keinen Krieg, an dem die Bürger nicht beteiligt wären. Und spätestens seit Golfkrieg von 1990 ist klar, dass die Kriegsführung ein audiovisuelles Spektakel ist, von dem wir uns nicht ausgrenzen können. Wir sitzen zu Hause und ballern vor uns hin. Gleichzeitig dirigieren die Soldaten (natürlich nicht die Deutschen, nur ihre Verbündeten) ihre Drohnen und lenken sie scheinbar zentimetergenau auf ihre Ziele auf anderen Kontinenten. Wissenschaftler, die analysieren, was vor sich geht, sprechen längst nicht mehr von Kriegstechnologie, sondern vom Military-Entertainment-Complex: Der Krieg wird längst mit den gleichen Mitteln geführt, mit denen wir zu Hause virtuelle Krieger hopsgehen lassen.

Das US-Militär benutzt Ego-Shooter nicht mehr nur, um neue Soldaten anzuwerben, sondern sie setzt sie auch in ihrer Ausbildung ein. Mit dem Spiel „America’s Army“ kann man nicht nur spielen, sondern auch lernen, wie man einen bewaffneten Roboter führt. „Unsere Roboter werden mit genau so einem Game Controller gesteuert, wie Sie ihn von Computerspielen her kennen. Unserer ist nur etwas robuster gebaut. Wem es also Sorgen macht, dass Jugendliche heute so viel Zeit mit Computerspielen verbringen, der sollte sich klar machen, dass sie eigentlich nur trainieren, um später gute Roboter-Piloten zu werden.“

Dies sagt Joe Dyer, Chief Operation Officer der Rüstungsfirma iRobot in einem Feature von Jan Lublinski über den nur scheinbar sauberen Krieg der Drohnen. Vielleicht haben viele den Wunsch, dass die Bundeswehr sich für immer wohltuend und sauber von all den anderen Armeen wird abheben können. „Die Außenkommunikation der Bundeswehr“ sagt Agnieszka Malczak, „muss durch Sachlichkeit, Transparenz und Ehrlichkeit gekennzeichnet sein“.

Aber vielleicht ist diese Art von Video einfach eine ehrliche Einstimmung auf die globale Kriegsführung, an der wir beteiligt sind.

Jürg Häusermann, Jahrgang 1951, ist Professor für Medienwissenschaft (Schwerpunkt: Medienanalyse und Medienproduktion).

 

Das Ereignis des Jahres – Und wieder guckt kein Schwein

von Jürg Häusermann

Alle sprechen nur von Bushido. Er hat den Bambi für „Integration“ bekommen, und überraschenderweise wollen viele in ihm die integrative Kraft nicht so richtig sehen. Dabei ist das längst abgehakt. Jeder hat seine zweite Chance verdient. Das hat er selbst erklärt und Peter Maffay auch. Im Übrigen sagt er längst nicht mehr: „Wir vergasen jede Tunte“. Im neuesten Video schlachtet er nur noch Polizisten ab. Wozu also die Aufregung?

Schade, dass dabei das wirkliche Highlight der Bambi-Verleihung fast unbemerkt geblieben ist. Dabei ging es da nicht um den Preis für irgendein Fremdwort, sondern schlechthin um den Bambi für das TV-Ereignis des Jahres.

Der Bambi („das Bambi“ ist das Reh; „der Bambi“ ist das vergoldete Messingwesen, das die Chefs von Hubert Burda Medien an die wichtigsten Helden der „Bunten“ verteilen): Er nennt sich bescheiden: „Deutschlands wichtigster Medienpreis und ein Symbol für Publikumsgunst, denn mit dieser Auszeichnung ehrt Deutschland seine Stars“. Oder wie es einer der Drahtzieher aus dem Burda-Konzern sagt: „Es gibt innerhalb Europas kein vergleichbares Format, keinen Preis, der annährend so bedeutend ist wie Bambi, mit einer so hohen Reichweite, mit so tollen Gästen und vor allem auch mit der hohen journalistischen Relevanz.“
(Philipp Welte, Vorstand Hubert Burda Media)

Mit dieser hohen journalistischen Relevanz verleihen sie den Bambi für „Entertainment“, „Newcomer“ und „Comeback“. Dann gibt es noch den Publikumspreis (weil das Publikum nicht mitentscheidet) und zudem noch den Sonderpreis der Jury (weil… ja, warum eigentlich?).

Und eben den Bambi für das „TV-Ereignis des Jahres“.

Und was war denn das TV-Ereignis des Jahres? – Vielleicht die Berichterstattung von den arabischen Revolutionen? Oder der euphorisch hochgejubelte Eurovision Song Contest aus Düsseldorf? Oder einfach die Tatsache, dass die königliche Hochzeit von William und Kate zeitgleich auf sechs Sendern (ARD, ZDF, RTL, Sat 1, n-tv und N24!) übertragen wurde? Nein, das absolute Fernsehereignis des Jahres, das wissen wir jetzt, war „Wetten, dass…“ Nummer 196 – die Direktsendung vom Juni aus Palma de Mallorca. Preisträger ist der hiermit fünffache Bambi-Förster Thomas Gottschalk. Er ließ Kokosnüsse mit den Zähnen knacken, Eiswürfel in ein Cocktailglas werfen und mit Baggerschaufeln Tennis spielen. Und empfing wie immer seine Freunde von Heidi Klum bis Michael Ballack, von Dieter Bohlen bis Jennifer Lopez. In einer Stierkampfarena voller deutscher Touristen.

In den Berichtzeitraum hätte auch eine frühere Show gehört. Man erinnert sich, dass kurze Zeit zuvor Millionen von Zuschauern vorgeführt wurde, wie man einen sportlichen jungen Mann zum Paraplegiker macht (ZDF, 4. 12. 2010). Gottschalk kam dabei angeblich zum Nachdenken. Aber das war keinen Bambi wert und es wurde den ganzen Abend nicht erwähnt.

Da das Thema Fernsehereignis schon besetzt war, muss für die Veranstaltung, bei der dieser Preis vergeben wird, ein anderer Begriff gefunden werden. Die Verleihung, organisiert von Burda und übertragen von der ARD, ist denn halt das „Medienereignis des Jahres“. Sein Kennzeichen ist Beliebigkeit. Und die gegenseitige Bespiegelung all jener, die fürchten müssen, ohne die Medien niemand zu sein.

Und sie sind alle gekommen, nach Wiesbaden zur Preisverleihung. Nicht nur Gottschalks Freunde. Auch Helmut Schmidt ließ sich locken, zusammen mit Lady Gaga, ebenso wie Justin Bieber und Hans-Dietrich Genscher. Um Thomas Gottschalk, dem Medium oder sich selbst zu huldigen (was sich wohl gar nicht richtig abgrenzen lässt).

Denn, wie Schönheitskönigin Shermine Sharivar sagt: „Also Stellenwert äh des Bambis das ist ganz einfach zu erklären, das is‘ äh absolut die äh größte Veranstaltung des Jahres in Deutschland.“ Und dann sitzen sie da, die Genschers und die Gagas, und Laudatorin Cindy aus Marzahn betritt die Bühne, der „Kugelblitz am deutschen Comedy-Himmel“ („Die Welt“). Und versüßt die Ode an Gottschalk mit kleinen Scherzen: „Sagt die Nonne zum Vibrator: Zitter‘ nich‘ so, für mich is‘ ooch das erste Mal.“

Herzliches Gelächter. Denn Bambi 2011 „bewegt und berührt“. Womit es das tut, ist beliebig. Und beliebig ist auch, wer welche Auszeichnung bekommt. (Der Song Contest hat halt schon den Deutschen Fernsehpreis, und zudem war der arme Gottschalk zehn Jahre ohne Bambi.)

Das Medienereignis des Jahres generiert das Fernsehereignis des Jahres. Das Fernsehereignis generiert wiederum Medienereignisse. Eins davon ist Cindy von Marzahn („Thomas, du hast mich damals zu deiner Sendung eingeladen, … und dafür dank‘ ich dir…“). Andere sind Bushido, Bieber und Gaga. Und Genscher? Und Schmidt?

Heino hat jetzt den Ausstieg geprobt. In der Bild-Zeitung steckt er seine Trophäe sorgfältig in einen ausgepolsterten Karton. Wenn er noch lange genug lebt, wird es wird ihm gehen wie Gottschalk. Er hat seine drei Bambis 1988 zurückgegeben, weil die Bunte ihm zu nahe gekommen war. Bei einer der nächsten Galas erhielt er sie wieder feierlich überreicht, zusammen mit einem weiteren, einem „Sonder-Bambi“. Seither lieben sie sich wieder, Gottschalk und Burda. Man kann sich auch nüchterner verhalten. Justin Bieber wurde gefragt, ob er denn zu Hause bereits ein spezielles Plätzchen für seinen Bambi reserviert habe. Er antwortete so unbekümmert wie auf alles andere: „I’ll put it right next to all my other awards, right next to them.“

 

Jürg Häusermann, Jahrgang 1951, ist Professor für Medienwissenschaft (Schwerpunkt: Medienanalyse und Medienproduktion).

 

Einmal neu, bitte!

von Alexander Karl

Über was hat man sich eigentlich den ganzen Tag Gedanken gemacht, bevor Thomas Gottschalk seinen Abschied von ‚Wetten dass…?‘ bekanntgab? Da hat das ZDF seinen friedlichen Volksmusik-Dösschlaf gehalten und darauf gehofft, dass ZDFneo schon irgendwie die jungen Menschen erreicht. Da mussten Promis Drogen- und Sexeskapaden vermelden, zumindest mal eine Trennung, um die Schlagzeilen zu beherrschen. Heute reicht ein einfaches ‚Nein‘, um auf die Titelseiten zu kommen. Aber dann schon ein gewichtiges: Wenn man nicht gerade die Bundespräsidentschaft ablehnt, dann schon wenigstens ‚Wetten dass…?‘ Und natürlich überlegen auch die Journalisten und Blogger fleißig, wer denn der oder die Neue werden könnte – wenn überhaupt.

Es war eine kuriose Woche – nach Kerkelings Absage als ‚Wetten dass…?‘-Nachfolger wird plötzlich so in etwa jeder Name der Branche gehandelt: Von Frank Elstner, Ur-Vater des Formats, über Anke Engelke, Joko und Klaas oder eben einfach wieder Gottschalk: Geschrieben und überlegt wird viel. Aber wieso überhaupt?

‚Wetten dass…?‘ hat Tradition

Jeder Deutsche kennt die Show – aber nun mal zumeist in Verbindung mit Gottschalk. Deshalb ist es auch nur schlau von Kerkeling, Schöneberger und Co. ein ‚Nein‘ in die Kameras zu hauchen – zu groß wäre die Gefahr, nicht in Gottschalks Schuhe zu passen. Anke Engelke (auch sie wird als Nachfolgerin gehandelt) kann eigentlich ein Lied davon singen – als sie Harald Schmidt beerben wollte, ging das auch nicht lange gut.

Also: Alles neu?

Nein sagt der frühere RTL-Programmdirektor Helmut Thoma: ‚Wetten dass…?‘ sei von ‚Das Supertalent‘ und ‚Schlag den Raab‘ abgelöst worden, die Show gehöre eingestellt. Aber diesen Schritt wird das ZDF kaum ohne einen Neuversuch wagen, immerhin ist es das Flaggschiff des Senders. Eher würde Thomas Bellut wohl Verona Pooth vor sich hin blubben lassen, als ‚Wetten dass…?‘ sang- und klanglos ins TV-Nirvana eingehen zu lassen. Aber wer soll es richten? Derzeit gilt lediglich als gesichert, dass es erneut ein Duo sein soll – vielleicht auch wieder mit Michelle Hunziker. Doch – und wieder heißt es vielleicht – wird Michelle Hunziker so etwas wie das Nummerngirl der Show, das durch die Wetten führt. Denn als Hauptmoderatoren sind derzeit Joko und Klaas im Gespräch. Die Carmen-Nebel-Fans werden aber kaum etwas mit den beiden Namen, geschweige denn mit ihrem Humor, etwas anfangen können. Würde man die beiden aber mit einer gewissen Narrenfreiheit ausstatten, durch die wieder sie noch das ZDF sich verraten fühlen, könnte das Duo wirklich eine gute Wahl sein.

Joko und Klaas als die neuen Gottschalks?

Nein, eben nicht! Joko und Klaas wären weder die Nummer 1 auf der Nachfolger-Liste, noch überhaupt erwartbar gewesen, hätte Kerkeling nicht seinen Hut aus dem Ring genommen. Kurz: Sie wären eine Überraschung und so wäre ‚Wetten dass…?‘ auch wieder eines – spannend, überraschend, neu. Es wäre ein Statement des ZDF, nicht nur dem demographischen Wandel zu huldigen, sondern ein Publikum jenseits der 40 ansprechen zu wollen und somit dem breiten Informations- und Unterhaltungsauftrag endlich zu entsprechen. Denn wenn man im Hauptprogramm des ZDF nach jungen Formaten sucht, findet man meist nur solches für die ganz Jungen – von logo bis Löwenzahn unterhält man die Kiddies. Doch was ist mit der Generation der ‚digital natives‘? Entweder hat das ZDF sie bereits aufgegeben oder hofft sie mit ZDFneo zu locken. Doch längst empfängt nicht jeder ZDFneo, wahrscheinlich weiß ein Gros der Generation nicht mal von der Existenz des Senders, da es dem Fernsehen an sich bereits resignierend den Rücken zugekehrt hat. Es hilft aber nicht, nur über den Verlust von jungem Publikum zu klagen und mit Telenovela wie ‚Herzflimmern‘ auf Quotenfang zu gehen, um wenigstens so den Privaten etwas entgegen zu setzen. Stattdessen müssten die Entscheider im ZDF endlich Mut beweisen und alte Zöpfe abschneiden, anstatt sie einfach neu zu flechten. Dann sollte man hinter den Kulissen einen Raab gemeinsam mit Joko und Klaas ein Konzept ausarbeiten lassen, in dem es noch immer Musik, Show und Nervenkitzel gibt – aber eben zeitgemäß. Und plötzlich würden nicht mehr nur Oma und Enkel vor dem Fernseher sitzen, sondern auch die Jugend. Oder es sich zumindest in der Mediathek ansehen.

Foto: flickr/Funky64 (www.lucarossato.com) (CC BY-NC-ND 2.0)

Tod des geschriebenen Blogs?

von Alexander Karl

Airen ist kein Sascha Lobo, keiner, der von Talkshow zu Talkshow tingelt und sein Gesicht in die Kamera hält. Im Gegenteil: Airens Charme war und ist es, nicht öffentlicht zu sein, sondern nur seine Worte in Blogs oder Büchern sprechen zu lassen. Anscheinend war davon auch eine gewisse  Helene Hegemann begeistert, die sich durch seinen Blog „inspirieren“ ließ. Und erst, als Hegemanns „Montage“ bekannt wurde, wurde es auch Airen.

Worte sind Schall und Rauch

Trotz seiner positiven Erfahrungen mit dem schriftlichen Bloggen beschwört Airen in einem aktuellen Artikel der ‚Welt‚ zunächst das Ende des geschriebenen Blogs:

Bloggen, das ist vorbei. Wer setzt sich denn heute noch hin und liest, old school, Texte mit Buchstaben und so? Die Zehnerjahre gehören eindeutig dem Vlog, dem Video-Blog, der Real-Time-Selbstinszenierung im Netz.

Er stellt Menschen vor, die regelmäßig ihr Gesicht in die Kamera halten, um via YouTube Tipps für alle Lebenslagen zu geben. Der Preis dafür ist aber auch der Erfolg: Man erhält im besten Fall Aufmerksamkeit, wird erkannt, wird bekannt. Manche Video-Blogger wollen genau das: Bekanntheit erlangen und bestenfalls dafür noch bezahlt werden. Denn laut Airen lässt YouTube die Egozentriker mit ihrer Pseudo-Hilfe nicht mehr leer ausgehen, sondern beteiligt sie an den Werbeeinnahmen. Einer dieser Vlogger ist übrigens HerrTutorial, der mit seinen über 270.000 Abonnenten mehr als 10 Mal so viele hat wie der ZDF-YouTube-Kanal. Herr Tutorial liefert etwa Tipps zum Kuss-Verhalten oder wie man sich richtig rasiert – und das alles witzig, ein wenig überdreht und ziemlich sympathisch. Einher geht aber immer der Appell: Folgt mir bei Facebook! Und Twitter! Klickt gefällt mir! Abonniert meinen Kanal! Jetzt! Sofort! Los!

Oder doch nicht?

Doch Airen, der selbst eine Blogger-Vergangenheit hat, die man in dem guten, aber extremen Buch ‚Strobo‚ nachlesen kann, bricht auch eine Lanze für das geschriebene Online-Wort:

Spannend wurde es bei geschriebenen Blogs immer dann, wenn jemand diese Plattform für sich selber nutzte: um Unverarbeitetes Unbekannten mitzuteilen, um den Thrill dieses gefährlichen Gemischs aus halb versteckter Anonymität und grenzenloser Ehrlichkeit auszukosten. Das war keine Selbstdarstellung, sondern maximale Selbstentblößung. […] Ich kenne keinen guten Blogger, der seine Texte gefahrlos vor einer Kamera vortragen könnte. Vielleicht wäre er auch zu hässlich oder zu nervös oder redete undeutlich und hätte Angst, sich vor Menschen zu präsentieren. Er hätte es auch gar nicht nötig: Seine Worte sind stark genug.

Ohne Zweifel haben VBlogs ihren Reiz, HerrTutorial zuzusehen hat einen gewissen Unterhaltungswert. Doch sind es oftmals solche Fast-Food-Videos, deren Mehrwert für Klimawandel- und Atomkraftdebatten relativ gering sind. Video-Blogs leben von ihrer Lebendigkeit, wahrscheinlich auch einem gewissen Witz und etwas Ironie. Denn um komplizierte Sachverhalte  darzustellen, bedarf es mehr als einer kleinen Kamera und eigenen Erfahrungen, sondern fundierter Recherche und am besten auch noch Grafiken und jeder Menge Bewegtbild. Dadurch steigt aber auch der Aufwand, denn die Sachverhalte werden dann nicht nur in Form von Text beschrieben, sondern müssen mit Bildern untermalt sein, wenn man nicht unablässig selbst vor der Kamera stehen will. Natürlich wäre auch das eine legitime Möglichkeit für manchen Selbstdarsteller, doch bei harten Themen würde wohl der Unterhaltungswert sinken – und damit die Klicks.

Schlussendlich kommt auch Airen zu dem Schluss, dass VBlogger einen Unterhaltungswert haben, aber wohl kaum einem Mehrwert:

Wenn alles öffentlich ist, wenn der Name und die Stimme und das Gesicht für jeden abrufbar sind, ist Offenheit unmöglich. Vlogger haben einfach nichts zu verstecken. Und deswegen auch so extrem wenig zu erzählen.

Also ist geschriebene Blog nicht tot? Nein (grammatikalisch korrekt ‚Ja‘), geschriebene Blogs wird es wohl noch eine ganze Weile geben. Denn die Langlebigkeit eines Mediums ist verblüffend – so erschien Airens Artikel auch in einem anderen bereits oftmal zum Tode verurteilen Medium: Der Zeitung.

Foto: Screenshot des Videos HerrTutorial/XTREMES RASIEREN!!! 1×1 – So Rasiert man sich Richtig! –

Mama 2.0

von Miriam Heiner

Eine aktuelle Studie der European Interactive Advertising Association belegt, dass junge Frauen mit Kind das Internet stärker nutzen aus Kinderlose – 65 Prozent aller europäischen Mütter sind im Web aktiv. Bianca, 34, aus der schwäbischen Kleinstadt Schorndorf ist eine davon.

Muttis im Web

Auch Bianca möchte als Mutter von Daniel (4) und Annika (3) nicht auf das World Wide Web verzichten – vor allem als ihre Kinder noch kleiner warnen, verbrachte sie viel Zeit im Netz. „Ich habe kein Profil auf Facebook oder anderen Portalen. Aber im Internet war ich während der Zeit, als Daniel und Annika noch kleiner waren, sogar häufiger als jetzt, wo beide schon aus dem Gröbsten heraus sind.“

Warum aber zieht es die frischgebackenen Muttis in Netz? Oftmals sind es ganz pragmatische Gründe. Etwa, wenn Tipps und Tricks zum Umgang mit dem Familienzuwachs gebraucht werden. Studien belegen, dass  die jungen Mütter im Internet besonders die Chance sehen, ihren Alltag zu bereichern und zu erleichtern. Diese Aussagen decken sich mit einer Studie von Anna Przewoznik zur Internetnutzung junger Mütter. Es geht den Onlinemuttis demnach weniger darum, ihren Alltag zwischen Babybrei und Wickeltisch mit anderen auf sozialen Netzwerken zur Schau zu stellen, sondern vielmehr darum, die kostbare Zeit sinnvoll zu nutzen.

Mit Urbia und Netmoms.de gibt es Portale, die sich mit den Themen rund um den Nachwuchs beschäftigen und den Mamis die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch geben und sehr beliebt sind. Für Bianca stand aber weniger diese Art der Kommunikation im Vordergrund. „Ich habe mich lieber mit Bekannten getroffen, die auch Kinder im gleichen Alter haben. Aber trotzdem war das Internet eine Hilfe im Alltag.“

Behördengänge, arbeiten, shoppen

Beispielsweise ersparten Serviceangebote im World Wide Web der jungen Mutter Behördengänge und lange Wartezeiten. Mittlerweile bietet die Arbeitsagentur die Möglichkeit, das Kindergeld vom Rechner aus zu beantragen. Das alles ohne den Gang in die Behörde mit dem quengelnden Nachwuchs im Kinderwagen, dessen Leidenschaft und Verständnis für die Bürokratie ungefähr genauso ausgeprägt sein dürfte wie für höhere Mathematik.  „Meine Steuererklärung habe ich beispielsweise schnell und einfach online gemacht. Aber auch Öffnungszeiten konnte ich online gut recherchieren und so den Tag besser planen. Termine kann man ja auch oft sogar schon direkt online beantragen“, erklärt sie.

Aber auch ihre berufliches Standbein hat das Internet Bianca erhalten: „Ich habe während der ersten Monate von zu Hause aus per Homeoffice gearbeitet. So war ich immer auf dem aktuellen Stand der Dinge und der Wiedereinstieg in den Beruf dieses Jahr war sicherlich um einiges leichter für mich“, beschreibt die überzeugte Onlinemama die Vorteile der Technik.

Besonders beliebt ist auch die Gegenrichtung unter diesen jungen Frauen – das Geldausgeben – Onlineshopping. Denn die virtuellen Shoppingmalls kennen keine Öffnungszeiten und passen sich ganz flexibel und unkompliziert dem Tagesrhythmus der kleinen Familien an. So bleibt es Mutter und Kind erspart, den Kinderwagen durch die viel zu engen Gänge zwischen den Kleiderständern zu quetschen und mehr Zeit für einen entspannenden Spaziergang in der frischen Waldluft. „Davon bin ich auch heute noch ein großer Fan– auch wenn natürlich längst die Möglichkeit besteht, die Kleinen einmal allein bei der Oma zu lassen“, grinst Bianca.

Schließlich setzen die Warenhäuser im Internet den Bedürfnissen mittlerweile keine Grenzen mehr: Das Angebot des wahrscheinlich bekanntesten Vertreters Amazon reicht von Büchern und allerlei Medienangeboten über Klamotten bis hin zu Elektro- und Haushaltsartikeln aller Art. Er vereint Baumarkt, Elektrohandel, Schuh- und Kleiderboutique sind hier unter einem virtuellen Dach. An dem einen oder anderen Utensil für den kleinen Nachwuchs mangelt es natürlich auch nicht.

Man darf gespannt sein, ob die neuen Onlinekaufkonzepte von Lebensmittelketten wie beispielsweise Rewe bei Frauen mit kleinen Kindern besonders großen Anklang finden. Und man darf sich fragen, wie eine Mutter in der analogen 1.0-Welt überhaupt managen konnte…?