Beiträge

Frankreich bleibt Charlie

von Sonja Sartor

Der irische Schriftsteller Jonathan Swift sagte einmal: „Satire ist eine Art Spiegel, in dem das Publikum nur die Gesichter anderer Menschen sieht, aber nicht das eigene.“

In Frankreich nimmt Satire eine zentrale Rolle in der Medienlandschaft ein. Doch wie funktioniert französische Satire überhaupt? Wie ist sie entstanden und was sind ihre Besonderheiten? Diesen Fragen soll in diesem Artikel aus der Reihe Medienperspektiven à la française auf den Grund gegangen werden.

Die schwierigen Anfänge der Satire

Die Tradition französischer Satire reicht bis in die Epoche der Aufklärung zurück. Werke von bekannten Schriftstellern wie Montesquieu und Voltaire werden im  19. Jahrhundert zensiert, weil sich darin satirische Züge über Staat, Gesellschaft und Kirche finden. Durch die Milderung der Zensur infolge der französischen Revolution von 1789 wird eine Flut von Plakaten, Flugblättern und Pamphleten ausgelöst, die dazu dienen, die Bürger in eine öffentliche politische Debatte einzubinden. Die Vorzensur von Schriften wird zwar abgeschafft, jedoch müssen sich Autoren nach Veröffentlichung eines Werkes weiterhin vor der willkürlichen Verfolgung durch die Pariser Polizei fürchten. Unter der Jakobinerdiktatur kann ein einziger Hinweis auf die Treue des Autors gegenüber der Monarchie zur Verhaftung, wenn nicht sogar zum Tod durch die Guillotine führen. Ab 1830 verbreiten sich Karikaturen und satirische Elemente in vielen Zeitungen.

1831 zeichnet der Humorist Honoré Daumier König Louis-Philippe I. als Gargantua, eine saufende und nimmersatte Romanfigur von François Rabelais. Was für ein Affront! Für diese Verunglimpfung des Königs büßt der Karikaturist sechs Monate im Gefängnis ein. Bis zur Presse- und Meinungsfreiheit wie sie Frankreich heute kennt, ist es noch ein langer Weg.

Bissig, bissiger, Charlie Hebdo

Die wichtigsten Satirezeitschriften Frankreichs, die noch heute die französische Medienlandschaft prägen, entstehen im 20. Jahrhundert. Le Canard enchaîné wird bereits während des Ersten Weltkrieges ins Leben gerufen, Charlie Hebdo dagegen erst 1970.

Satire2Der Erfolg der satirischen Wochenzeitung Le Canard enchaîné mit dem witzigen Namen (dt. Die gefesselte Ente) ist ungebrochen. Die Zeitung mit einer Auflage von ca. 700.000 Exemplaren setzt nicht nur auf Satire, sondern auch auf Enthüllungsjournalismus und ist so schon einigen Politikern brandgefährlich geworden. So trat die Außenministerin Michèle Aillot-Marie 2011 zurück, nachdem die Satirezeitung aufgedeckt hatte, dass die Politikerin Kontakte zum tunesischen Ex-Diktator Ben Ali pflegte und während der Unruhen Urlaub in Tunesien machte. Gute Kontakte in höhere Kreise haben der Zeitung schon so manchen Scoop verschafft; man sagt, Le Canard Enchaîné besäße das beste Informantennetzwerk Frankreichs.

Satire3Zwar ist Le Canard Enchaîné die traditionsreichere der beiden Satiremedien, jedoch ist Charlie Hebdo mindestens genauso bedeutend. Charlie Hebdo fällt auf mit seinen grellen Comics, Fotomontagen und großformatigen provokativen Karikaturen, die keine Rücksicht auf jegliche Institution oder Persönlichkeit nehmen. Die Wochenzeitung ist die bissigste aller französischen Satiremedien und wurde bereits 14 Mal verklagt – und hat dabei keinen einzigen Prozess verloren. Das deutsche Satiremagazin Titanic ist im Vergleich dazu relativ harmlos. Religiöse Satire über Islam, Juden- und Christentum sind ein fester Bestandteil der Zeitung. Charlie Hebdo gehört auch zu den wenigen Zeitungen in Europa, die die Mohammed-Karikaturen 2007 abdruckte und um eigene Persiflagen erweiterte. Die Bedrohung durch Extremisten war schon  vor 2015 reeller, als den Zeichnern lieb war. Das Pariser Büro wurde 2011 durch einen Brandanschlag verwüstet, der bis heute nicht aufgeklärt werden konnte. Einige Karikaturisten standen wegen Morddrohungen unter Polizeischutz. Am 7. Januar 2015 erschossen zwei Terroristen zehn Mitglieder der Redaktion, darunter der berühmte Zeichner Charb alias Stéphane Charbonnier. Medien weltweit zeigten sich tief erschüttert und bekundeten ihre Solidarität mit dem französischen Satireblatt.

Weitermachen, trotz allem

Und wie steht es nun um Charlie Hebdo nach den Anschlägen? In einem Interview mit dem Tagesspiegel beklagt der Chefredakteur Gérard Biard neben den psychischen Auswirkungen auf das Team auch die schwierige Suche nach talentierten Karikaturisten: „Wir versuchen, nicht daran zu denken, was passiert ist. Wir machen weiter, trotz all der Schwierigkeiten. Wir müssen sehr gute Zeichner finden, aber uns wird immer klarer, wie herausragend die getöteten Kollegen Charb, Honoré, Wolinski, Tignous und Cabu waren. Auch wenn es hart klingt: Viele Karikaturen sind nicht gut genug.“

Auch die Arbeitsweise der Redaktion selbst hat sich verändert, so die Zeichnerin Coco Rey gegenüber der Welt: „Wir sind nicht mehr das kleine Käseblatt, das in der Ecke vor sich hin arbeitet und nicht mal 30.000 Abonnenten hat. Wir wissen, dass Charlie jetzt weltweit gelesen wird. Also achten wir darauf, dass die Botschaft unserer Zeichnungen klar und eindeutig ist. Wir können uns nicht das geringste Missverständnis leisten. Wir versuchen natürlich, die Finesse, die Ironie, die Satire beizubehalten, hüten uns aber vor doppeldeutigen Botschaften. Aber ich bedauere es, dass ein so tragisches Ereignis nötig war, um den Leuten klarzumachen, wie wichtig und sogar notwendig Charlie für unsere Demokratie und die Freiheit der Meinungsäußerung ist.“

Frankreich bleibt Charlie. Es braucht Satire als Ausdruck freier Meinungsäußerung. Die Karikatur ist etwas typisch Französisches. Mit der Kraft von Stift und Papier wird gegen Staat, Kirche, Extremisten in allen Bereichen, gegen Missstände in Wirtschaft und Gesellschaft protestiert. Satire schaut den Politikern auf die Finger und hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Satire ermöglicht, Dinge aus einer anderen Perspektive als die der klassischen Medien zu sehen. Satire ist vor allem Bestandteil einer funktionierenden Demokratie, in der Kritik am System nicht nur geduldet, sondern willkommen ist.

Fotos: flickr.com/Esther Vargas (CC BY-SA 2.0), flickr.com/Mona Eberhardt (CC BY-SA 2.0), flickr.com/Rob Watling (CC BY-NC-ND 2.0)


Weitere Artikel dieser Reihe:

Wenn Leid zu Glück wird –  Der Eurovision Song Contest 2016

Die Crème de la Crème des Autorenkinos

Gérard Depardieu: „Es hat sich so ergeben“

Ein bisschen Wein muss sein

Filmkritik: Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen

Die Zukunft des Journalismus

Von Jasmin Gerst

Der promovierte Politikwissenschaftler Dominik Wichmann referierte am 14. Dezember im Kupferbau der Universität Tübingen über Veränderungen des Verhältnisses zwischen Publikum und Medien sowie dessen Auswirkungen auf den Journalismus wie wir ihn kennen. Wichmann war Chefredakteur des SZ-Magazins und beim STERN, außerdem hat er vor kurzem zusammen mit Guido Westerwelle dessen Biografie „Zwischen zwei Leben: Von Liebe, Tod und Zuversicht“ realisiert.

Geizige Digital Natives?

DominikWichmannWichmann stellt zu Beginn klar, dass der Journalismus noch nie besser war – die Qualität der Inhalte steigt, trotzdem sind immer wenige Konsumenten bereit für diese Qualität Geld zu bezahlen. Eine offensichtliche Veränderung stellt das Leseverhalten der Konsumenten dar. Fakt ist, dass viel weniger Menschen eine Tageszeitung abonniert haben als früher. Und warum? Weil mittlerweile fast alles kostenlos im Netz zu finden ist. Der Kampf, den die Journalisten führen müssen, lässt an der Zukunft des Journalismus zweifeln. Wichmann ist sich jedoch sicher, dass es ihn immer geben wird, allerdings in veränderter Form und mit qualitätsvolleren Inhalten. Die jüngere Generation der Journalisten, die Digital Natives, sind sich ihrer Zukunft zwar ungewiss, bringen jedoch gewisse Vorteile mit sich: Sie können das Neue leichter adaptieren und dabei spielt das Alter eine wichtige Rolle. Da sie bereits in jungen Jahren den Umgang in der digitalen Welt erlernt haben, sind sie der älteren Generation um Längen voraus. Denn Kommunikation allein reicht nicht mehr aus: Die Konsumenten fordern mehr Expertise, aber gerade die Digital Natives sind nicht bereit für diese Expertise zu bezahlen.

Akzeptieren und Umdenken

Fakt ist also, dass sich die Zeiten geändert haben und man sich dieser neuen Zeit anpassen muss. Dazu gehört nicht nur diesen Wandel zu akzeptieren, sondern ihn auch zu „wollen“. Denn die unendlichen Möglichkeiten, die es nun auf dem Markt gibt, müssen optimiert werden. Es ist also von großer Wichtigkeit, dass der Journalismus diese Angebote wahrnimmt und sich heute viel mehr vermarkten muss als früher. Dazu gehört unter anderem stets präsent zu sein, Expertise zu erlangen, Unvoreingenommenheit sowie Form und Inhalt in Einklang zu bringen. Wichmann stellt außerdem fest, dass dieser Umbruch auch viele Widersprüche mit sich bringt. Ein Journalist muss zwei wichtige Parameter vereinen: möglichst aktuell und möglichst zeitnah sein. Das bedeutet, was die Aktualität betrifft, im digitalen Zeitalter angekommen zu sein (Stichwort Liveticker oder Twitter), sowie möglichst schnellen und guten Journalismus zu präsentieren. Dass die Qualität dadurch auf der Strecke bleibt, ist nur allzu verständlich. Nur ein wirklich guter Journalist kann diese beiden Kräfte vereinen, aber dadurch steigt ein weiterer Druck – die Möglichkeit des Scheiterns.

Präsent sein

Ein weiteres Problem ist, dass die Leser nicht nach bestimmten Nachrichten suchen. Die Daten kommen zum Leser und nicht der Leser zu den Daten. Diese werden aufgrund von den Spuren, die der Nutzer tagtäglich hinterlässt, angepasst. Wichtig sei außerdem, dass die Inhalte dort zu finden sein müssen, wo der Leser sich aufhält (z.B. Werbung bei Facebook / Twitter / Instagram etc.). Deshalb wird es immer wichtiger auf Facebook, YouTube, Twitter usw. präsent zu sein. Dass der mediale Wandel begonnen hat, zeigt sich auch dadurch, dass hochkomplexe Themen mittlerweile über mehrere Stunden (z.B. Serie Mad Men) ausdiskutiert werden können. Problem dabei ist jedoch, dass nicht jeder Sender kooperiert und weiterhin ein „spießiges und biederes“ TV-Programm bietet. Die Digitalität ermöglicht revolutionäre Umbrüche sowie eine enorme Verfügbarkeit der Daten.

Aus Real-Time wird Before-Time

Ist es also ein Ende des Journalismus wie wir ihn kennen? Das Berufsbild wird zwar nie verschwinden, so Wichmann, aber der Journalist muss umdenken und sich deutlich mehr nach seinen Lesern richten. Außerdem wird er es deutlich schwerer haben als früher. Denn der Redakteur der Zukunft übernimmt die Rolle als Chefredakteur der Gegenwart. D.h. die Transparenz der Daten führt dazu, dass er oder sie entscheiden.

Durch diese Verfügbarkeit der Daten wird der Journalismus zu einem ganz anderen, so gravierend wird er sich verändern. Sein retrospektiver Charakter wird erweitert und eine neue Erzählform wird entstehen: aus Real-Time wird Before-Time. Um erfolgreich zu sein, fügt Wichmann hinzu, muss man das Rad nicht neu erfinden, es reicht lediglich es als erster zu importieren. Innovation wird ein großes Stichwort sein, diese ist jedoch mühsam und anstrengend. Deshalb ein weiterer Tipp von Wichmann: bestehendes Optimieren!

Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Abschied vom Pessimismus – Warum der Journalismus von der digitalen Revolution profitiert

von Sabine Appel

 

Jedes Jahr lädt das Institut für Medienwissenschaft in Kooperation mit dem SWR prominente Persönlichkeiten zu einem Vortrag über aktuelle Themen in der Medienbranche ein. Gast bei der 11. Tübinger Mediendozentur am Montagabend, den 26. Mai 2014, war Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE. Er sprach über die aktuelle Sinnkrise des Journalismus, die aus der Digitalisierung entstanden ist und vertrat die Meinung, dass man ihr deutlich optimistischer entgegenblicken sollte als bisher. „Plakativer Pessimismus“ sei fehl am Platz, denn eigentlich biete die Digitalisierung genügend Chancen für den Journalismus. Laut Döpfner kann der digitale Journalismus in Zukunft sogar besser werden als der analoge.

Das aktuelle Problem der Verlage ist kurz zusammengefasst: Durch den digitalen Wandel und die kostenlosen Angebote im Internet gehen die traditionellen Printmedien unter. Einzelne Monopolisten (Google, Facebook) bedrohen die Verlage auch online mit ihrer Macht, denn sie kontrollieren die Inhalte im Netz. Die Meinungsvielfalt ist in Gefahr, weil Google und Co durch ihre Algorithmen den von den Nutzern – das sind allein in Deutschland derzeit 91,2% aller Internetnutzer – wahrgenommenen Content diktieren.  Eine weitere Gefahr stelle das „Diktat der Klickzahl“ dar, von dem  Professor Bernhard Pörksen in den Vortrag einleitenden Worten sprach: Dieses könne zum Qualitätsverlust führen, denn im Internet muss bis zu einem gewissen Grad veröffentlicht werden, was der Nutzer lesen will. Wer dies ignoriert, bekommt keine Klicks mehr und wird als Medium nicht mehr gehört. Aber was bedeutet das für den Journalismus?

 

Qualitätsjournalismus vom Papier aufs Tablet bringen

Döpfner stellte im Grunde zwei Thesen auf: Im Verlagswesen ändert sich durch die digitale Revolution letztlich nicht so viel wie ständig befürchtet wird. Aus diesem Grund ist der Journalismus an sich auch nicht dem Untergang geweiht. Außerdem dürfe man als Zeitung entgegen einer landläufigen Meinung eben nicht alles anders machen als bisher, um erfolgreich zu bleiben. Der Schlüssel zum Erfolg sei es, so Döpfner, die klassische „Idee des Journalismus vom Papier zu emanzipieren“. Man müsse sich auf die Grundqualitäten und –fertigkeiten des professionellen Journalismus berufen, um als Verlag bestehen zu bleiben, ganz unabhängig vom Medium.

Der Journalismus dient laut Döpfner nicht mehr als Instrument zur Volksbelehrung, das dem Leser überlegen ist, sondern ist zu einer Dienstleistung geworden, die sich nach dem Nutzer richten und damit auskommen muss, dass der Nutzer selbst auch publiziert – seien es Kommentare oder sogar eigene Blogs. Doch viele sehen in genau dieser Umkehrung die Problematik: Wenn jeder sein eigener Chefredakteur sein und seine Meinung im Internet publizieren kann, sind Profis vielleicht irgendwann überflüssig. Dem widerspricht Döpfner – denn es gebe „nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit“. Zwar sei der kritische Nutzer eine Bereicherung für die Diskussion, aber keine Bedrohung. Denn je größer das Angebot an Informationen sei, desto größer sei auch das bleibende Grundbedürfnis nach Orientierung und Anleitung durch kompetente Meinungsführer. Im digitalen Journalismus ginge es dem Nutzer nicht mehr nur um Informationsbeschaffung, sondern um die Einordnung und Diskussion dieser Information. Davon können Verlage profitieren, indem sie sich auf ihre traditionellen Qualitätsmerkmale berufen.

 

Content is king

Eine weitere interessante These Döpfners ist, dass „elektronisches Papier“ in einigen Jahren so aussehen wird wie heutzutage analoges Papier. Es sei dann dünn und faltbar, habe also alle Qualitäten des bisherigen und sei durch die fortgeschrittene Technologie und ökologische Verträglichkeit noch besser. An dieser Stelle zieht Döpfner eine Parallele zum Journalismus: Mit dem abbildenden Universalmedium könne auch der Journalismus besser werden, da sich die Zeitungen nicht mehr durch Materialmerkmale von den anderen unterscheiden könnten, sondern nur noch durch besser aufbereitete Inhalte. Diese Anforderung sei auch eine Chance. Der Journalismus im Netz sei 1. tiefgründiger, weil er längere Beiträge ermöglicht, 2. aktueller, weil eine sofortige Publikation möglich ist, 3. relevanter, weil es einen größeren Adressatenmarkt gibt und die Inhalte für jeden zugänglich sind, 4. interaktiver und damit klüger, weil Fehler korrigiert werden können und 5. intermedial und deshalb kreativer nutzbar. Der digitale Journalismus fördere damit Qualität wie eh und je. Das Erfolgsrezept für Verlage sei daher, „technisch progressiv, ästhetisch neu und inhaltlich konservativ“ aufzutreten.

Eine kleine, überwindbare Hürde sieht Döpfner in der aktuell vorherrschenden „Gratiskultur“, die generell Informationen und besonders qualitativ hochwertigen Journalismus als kostenlose Güter annimmt. Dies sei viel gefährlicher für den Journalismus als der Wechsel von Print zu Digital. Dennoch ist Döpfner optimistisch, dass Nutzer in Zukunft vermehrt bereit sein werden, für unabhängig recherchierten, professionellen Journalismus zu bezahlen. Verlage müssten sich nun darauf konzentrieren, auch das junge Publikum zu begeistern. Das ginge am Besten, indem sie die drei traditionellen Qualitätskriterien – Neuigkeiten, Meinung und Sprache – charismatisch und mit Zeitgeist vertreten. Nutzer suchen laut Döpfner nicht nur nach Information, sondern nach Haltung – ganz unabhängig davon, ob sie dieser am Ende zustimmen oder nicht. Außerdem sei eine emotionale Note sehr wohl gewünscht – Medien dürften ruhig eine Seele verkörpern, die die Leser bewegt. Durch die gesteigerte Medienkompetenz entstehen hohe Ansprüche an Journalisten, die jedoch auch als Chance wahrgenommen werden können. Abschließend sagte Döpfner, dass unabhängig davon, was sich technisch verändere, doch immer eines bleibe, das man bewahren müsse: Guter Journalismus. Eine sinnvolle Forderung, so simpel sie auf den ersten Blick auch erscheinen mag.

Praktikum bei der BILD: Ich verkaufe meine Seele… nicht!

Gleich vorne weg: Ich habe meine Seele noch, kann noch in den Spiegel schauen und mein Gewissen ist rein. Wieso denn auch nicht? Vier Wochen habe ich ein Praktikum bei BILD Berlin, drei sind vorbei. Und das Fazit ist… positiv. Sehr positiv, um genau zu sein. Warum? Da gibt es genügend Gründe.

Papier- und Kostenlos.

von Sanja Döttling

Werden mit Zeitungspapier ausgelegte Biomülleimer, der morgendliche Gang in Pyjama zum Briefkasten bei minus elf Grad und vom Regen unleserliche Titelseiten bald der Vergangenheit angehören? Werden wir bald alle eine digitale Zeitung haben, die nur die Nachrichten anzeigt, die wir sehen wollen?

Zeitung ohne Seiten

Die Verkaufszahlen von Tablet-PCs steigen und die Käuferschicht von Papierzeitungen schwindet. Ist die Zeit reif für eine Zeitung 2.0? In der Theorie ja, auch wenn die Idee einer digitalen, personalisierten Zeitung nicht ganz neu ist: Schon 1995 wurde das Konzept dafür entwickelt und zehn Jahre später ging die Seite Daily Me online. Inzwischen haben sich auch andere Anbieter für so genannte News Aggregatoren gefunden. Beispiele sind Flipboard, Zite, Yahoo Livestand, AOL Editions und Google Currents und Pulse. Diese Angebote stellen Webcontent mit einer Art „Zeitungsoberfläche“ dar. Sie sollen übersichtlicher sein und dem Lesern ersparen, sich mühsam Artikel von vielen unterschiedlichen Webseiten zusammenzuklauben. Oder gar diese altmodische Papierzeitung aufzuschlagen, von der man noch nie wusste, wie man sie am besten halten soll.   

Zeitung von vielen – ganz für mich allein

Was diese neue Form des Zeitunglesens so interessant macht, ist ihre Lernfähigkeit: Das Leseverhalten der Benutzer beeinflusst die Artikel, die in die „persönliche Titelseite“ eingebunden werden. Manche Anbieter wie Flipboard nutzen auch die in Sozialen Netzwerken geposteten Links von Bekannten, um Interessen der Benutzer zu erspüren. Angebote wie das kostenlose Google Currents setzen dabei nicht auf eigene Artikel, sondern arbeiten in Kooperation mit 150 Verlagshäusern und verschiedenen Blogs. Für kreative Schreiberlinge bietet es auch die Möglichkeit, eigene Artikel zu erstellen.

Und Deutschland?

Der Axel-Springer-Verlag will ebenfalls ins Zeitungs-Aggregator-Geschäft einsteigen und präsentiert dazu MyEdition. Nachteil: Dieser Aggregator wird nur Artikel und Texte aus dem Springer-Haus vereinen, dazu gehören BILD, Die Welt, Hamburger Abendblatt und viele mehr. Und: Kosten soll das Ganze auch etwas. „Wir werden 2012 noch entschiedener auf Bezahlinhalte im stationären Web umschwenken“, sagte Springer-Chef Mathias Döpfner. Bis jetzt ist myEdition aber noch in der Betaversion.

Zeitung ohne Neuigkeiten

Gegner der digitalen Zeitungs-Apps führen ein Argument ins Feld, dass auch in der Medienwissenschaft behandelt wird: Wenn wir nur das Lesen, was uns interessiert, und uns auch nur die Artikel angeboten werden, die wir lesen wollen – dann schauen wir nicht mehr über den Tellerrand unserer Interessen hinaus. Dies nennt sich dann „Filterblase“, was Eli Pariser in seinem Buch „The Filter Bubble: What the Internet is Hiding from you“ beschreibt.

Dabei greift Eli Pariser auch auf die Gatekeeper-Theorie zurück. Diese besagt, dass Journalisten in Redaktionen die ankommenden Nachrichten aussortieren und dem Leser nur eine Auswahl der tatsächlichen Meldungen präsentieren.
Diese Aufgabe des Filterns wird jetzt von den Journalisten auf Such-Algorithmen im Internet verlegt, wie wir es etwa von Amazons Empfehlungen kennen. Doch trotzdem: In den Zeitungen gab es immer Seiten zu festgelegten Ressorts, wie Politik, Sport oder Kultur. Und wer noch Zeitung liest, merkt schnell: Oft bleibt man dann doch an Artikeln hängen, nach denen man nicht suchte. Eine altmodische Papierzeitung – eine Art Flohmarkt für Artikel, auf dem man ungehindert stöbern kann. Und die Titelseite liest man ja doch immer. Zumindest die Überschriften. Denn: Wenn am nächsten Tag der Kommilitone kommt und fragt: „Hast du das mit Wulff gelesen?“, hat man das gelesen, ja zumindest überflogen.

Aber auch gegen die bemängelte, zu enge Eingrenzung der Artikel bei Zeitungs-Aggregatoren ist ein Algorithmus gewachsen. Der wirft hin und wieder unerwartete Artikel auf die digitale Titelseite. Neue Möglichkeiten bietet hier auch der Filter über Soziale Netzwerke: So werden Artikel ausgewählt, die Bekannten gefallen. Bekannte, mit denen man ganz andere Interessen teilt. Auch so bleibt eine gewisse Varianz erhalten.

Teure Technik – und jetzt?

Apropos Technik. Die meisten Zeitungs-Aggregatoren setzen ein Tablet-PC – oder doch zumindest ein Smartphone mit Internetverbindung und den Willen, sehr kleine Buchstaben entziffern zu wollen –  voraus. Seit 2010, dem Jahr, in dem Apple den iPad auf den Markt brachte, wurden in Deutschland 2,3 Millionen Tablet-PCs verkauft. Damit erreichen Tablet-PC sicher nicht die große Masse – zumindest bis jetzt nicht. Allerdings sagt die Bitkom weiterhin steigende Verkaufszahlen voraus, und schon dieses Jahr sollen mehr Tablets als Laptops verkauft worden sein.

Es gibt tausend weitere Gründe für und gegen digitale zeitungsähnliche Neuigkeitenverkünder. Wer hat schon die Zeit, sich so eine personalisierte Zeitung zu generieren? Wer will schon am Bildschirm lesen? Hinter einem Tablet-PC kann man sich am Frühstückstisch nicht verstecken. Dafür liegt ein Tablet-PC nicht aufgeweicht im Briefkasten; die digitale Zeitung (fast) immer online und somit aktueller als jedes andere Medium. Oft sind die Aggregatoren auch kostenlos. Aber ob deswegen die Papier-Zeitung aussterben wird? Mit was legen wir dann den Biomüll aus?

Foto: flickr/yago1.com (CC BY-NC-ND 2.0)

Der Presserat – rastlos im Einsatz und trotzdem ratlos?

Die BILD führt in der Hitliste der meisten Rügen des Presserats, doch auch „die Aktuelle“ und „tv Hören und Sehen“ wurden letztens gerügt. Aber was ist der Presserat? Und welche Sanktionsmöglichkeiten hat das Gremium?