Kultur im Netz – Ein Spannungsfeld: Pop, Politik & Parodien

von Stefan Reuter

Barack Obama ist bekannt für seinen lockeren Umgang mit den Medien – aber dass er „Sexy and I know it“ oder „Call me maybe“ öffentlich singt, überrascht dann doch. Tatsächlich handelt es sich bei den YouTube-Videos um bunte Redenzusammenschnitte, die aber zeigen, wie Politik im digitalen Zeitalter interpretiert wird.

Die Geburt eines YouTube-Hits: Ein Mann präsentiert seine Bikini-Sammlung und performt dazu mit „Call Me Maybe“ von Carly Rae Jepsen einen der schlimmsten Ohrwürmer diesen Jahres für ahnungslose Videochat-Nutzer. Dauerschleife im Radio und vor allem unzählige solcher Parodien des Liedes sind daran schuld, dass man ihm kaum entrinnen kann. Neben Zombies und Batman heißt es auch bei Barack Obama: „Hey, I just met you…“

Sorry for Party Baracking

Der US-Präsident „singt“ dank eines Zusammenschnitts einiger seiner Reden den Charthit auf YouTube nach. Es ist nicht das einzige dieser Art, denn Obama ist sexy und weiß das (siehe unten).

Der Medienwissenschaftler Henry Jenkins stellt in „Convergence Culture“ die These auf, dass solche Parodien von Politikern eine Möglichkeit darstellen könnten, die Bereitschaft zu politischem Engagement zu stärken, denn sie erlauben einen Zugang zu Politik über die Popkultur. Damit umgehen sie den, gerade für junge Menschen oft abschreckenden, Diskurs in den klassischen Medien.

YouTube stellt für Jenkins eine ideale Plattform dar, um den Austausch zwischen verschiedenen politischen Lagern, Amateuren, Profis, alten und neuen Medien zu fördern: Erstens kann jeder darauf zugreifen und auch selber Videos hochladen und seinen Ansichten Gehör verschaffen. Zweitens steht damit ein gigantisches Archiv von Videoschnippseln zur Rezeption und Verarbeitung zur Verfügung. Drittens können Videos ganz einfach über Verlinkungen in Blogs und sozialen Netzwerken schnell weit verbreitet werden. Im besten Fall könnten es so wenig beachtete Themen und Anliegen von Minderheiten auf die öffentliche Agenda schaffen – Stichwort Viralität. Parodien sind dabei oft besonders gut geeignet, da sie primär wegen ihres Humors und dem Bezug zur Popkultur verbreitet werden, so aber auch Anstoß zu Diskussionen liefern können. Zwei aktuelle Beispiele aus dem US-Wahlkampf verdeutlichen, wie Politik mit den Mitteln des Pop verarbeitet wird.

„99 Problems, but a Mitt ain’t one“

Obama, oder besser der Obama-Imitator Iman Crosson, steht am Rednerpult und rappt eine klare Ansage für die anwesende Presse: Mitt Romney hat, trotz der Kritik, die gegen mich geübt wird, keine Chance! Er parodiert dabei den Song „99 Problems“ des Rappers Jay-Z und übernimmt dessen Selbstüberzeugung und klassische Motive des Hip-Hop. Zwischen den Szenen im weißen Haus zieht der Präsident mit seiner Gang aus Leibwächtern durch die Straßen, in der Hand einen Baseball-Schläger. Auf diesem steht: „Walk Soft…“, was eine Anspielung auf ein oft falsch verwendetes Zitat Theodore Roosevelts ist: „Speak softly and carry a big stick.“ Diese „big stick policy“ bezieht sich auf die Außenpolitik und fordert dazu auf, bedächtig zu handeln, bei Bedarf aber die Keule zum Einsatz zu bringen. Crosson verwendet diese Referenz im übertagenen, um klarzustellen, dass Obama von seinem Gegner nicht unterschätzt werden sollte: „Got two choices y’all keep it diplomatic or mop the floor with him. Straight treat him like a chore.“

Dieser zuversichtlichen Aussage steht eine Parodie des zweitschlimmsten Ohrwurms des Jahres gegenüber: „Now you’re not Obama that I used to know.“ Die beiden College-Absolventen Justin Monticello und Ryan Newbrough nahmen sich Gotyes Song vor, um ihre Enttäuschung über die erste Amtszeit und die nicht eingehaltenen Wahlversprechen Obamas zu artikulieren. Während im Original der nackte Körper des Sängers nach und mit geometrischen Formen angemalt wird, um zu illustrieren, wie ein einst geliebter Menschen als ein weiterer „somebody that i used to know“ Teil unseres „Lebensgemäldes“ wird, entsteht bei der Parodie das Konterfei des Präsidenten. Ihre Intention verdeutlichen Monticello und Newbrough in einem Interview mit CNN: „Everybody can find something in this video that they I think they can find truthful. That was really our goal, to be post-partisan in the spirit of the Obama that we used to know.”

Ein möglicher Weg

Im selben Interview geben die beiden allerdings zu, dass sie selbst 2008 nicht gewählt hatten, worauf die Moderatorin zurecht erwidert: “Some people might say listen, the better way to let your voice be heard, with all due respect, is to cast your ballot.”

Auch Jenkins ist nicht so naiv zu glauben, dass Parodien unweigerlich zu mehr Beschäftigung mit Politik führen müssen. Er weist aber darauf hin, dass sie das Potential dazu haben, weil sie Diskussionen anregen können. Und weil es einfacher ist, auf seine Ansichten aufmerksam machen kann, wenn man Politik und Pop verbindet.

Nächste Woche geht es um die berühmten „15 Minutes of Fame“ und Musik-Hypes.

Übrigens: Hier ’singt‘ Obama „Sexy and I know it“

Fotos: www.youtube.comwww.whitehouse.gov (CC BY 3.0)

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