Bild: kurhaus production

Der Geleitschutz vom Skript bis zum Film

Alumni-Portrait über die Junior Producerin Luna Selle

Von Franziska Frank

Spielfilme, Serien, Dokus – für den Normalverbraucher sind sie mittlerweile nur noch einen Klick entfernt. Hochwertiger Content wird uns zur Gewohnheit, schließlich ist er jederzeit verfügbar. Doch hinter einem schönen Film liegt tatsächlich eine Menge Arbeit vieler unterschiedlicheFachleute. Der Producer wirkt dabei als ein zentrales Bindeglied und begleitet das Filmprojekt von seinen Anfängen, der Idee, bis zur letztendlichen Aufführung im Kino oder auf Festivals. Wie sieht dieser Beruf dabei im Alltag aus?

Luna Selle, ehemalige Studentin für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, gibt uns einen Einblick in ihr Leben als Junior Producerin. Seit 2019 arbeitet sie bei kurhaus production in Baden-Baden und betreut die Entstehung von Spiel- und Dokumentarfilmen. Ihren abwechslungsreichen Alltag voller Drehbuchbesprechungen, To-Do-Listen und Drehtagen schildert sie uns im Interview, und erklärt mit einem Lächeln den Unterschied zwischen einem Producer und einem Produzenten. „Das werde ich ganz oft gefragt!“  

Das Theater war ihr Anfang

Bild: Stefan Höhn

Dabei hatte Lunas Interesse zuerst dem Schauspiel gegolten. Seit sie 11 Jahre alt war, spielte sie auf ihrer „Heimatbühne“, der Waldbühne Sigmaringendorf, regelmäßig in Bühnenproduktionen mit. Bis sich der Regisseur verabschiedete, und man nach Nachfolgern suchte. So führte sie 2017 das erste Mal gemeinsam mit einem Kollegen Regie. Doch die Erfahrung hatte sie Blut lecken lassen, und so beschloss Luna, ein zweites Mal die Regie zu übernehmen. Für Geschichten aus dem englischen Mittelalter hatte sie eine Vorliebe, daher entschloss sie sich für eine Inszenierung von Robin Hood – dieses Mal als eigenständige Regisseurin. Und da es ihrer Meinung nach keine ansprechende Theaterfassung des Stücks gab, schrieb sie kurzerhand eine eigene. Die Semesterferien schienen wie geschaffen für diese Herausforderung.   

Die Liebe zum Szenischen ist Luna bis heute geblieben. Bei der Frage, was ihr denn nun am meisten Spaß mache, fällt es ihr schwer, sich festzulegen. „Mir macht das Organisieren Spaß, bis zu einem bestimmten Punkt. Aber ich finde es auch toll, dass ich die Abwechslung habe, einfach kreativ inhaltlich arbeiten zu können. Also nur das eine oder nur das andere wäre wahrscheinlich nichts.“ Als Producerin kann Luna nun bei jedem Schritt der Filmherstellung mit dabei sein. 

Eigeninitiative öffnet Türen

An ihr Studium an der Universität Tübingen denkt Luna heute gerne zurück. Sowohl ihren Bachelor als auch ihren Master hat sie dort absolviert. Für sie bestand der Reiz in der Kombination von Theorie und Praxis – so konnte sie einerseits ein fundiertes Wissen der Medien- und Filmwissenschaften aufbauen, aber sich andererseits bereits praktisch engagieren, beispielsweise über die Arbeit beim ZFM. „Durch diese Möglichkeit, im Rahmen des Studiums eigene Projekte zu machen, macht man ja im Grunde schon genau das im Kleinen, was wir jetzt im Großen machen.“ Mit den technischen Mitteln und der Hilfestellung der Universität hat sie also schon einiges ausprobieren und Erfahrungen sammeln können. 

Über ihr Studium erhielt Luna außerdem ein Praktikum beim SWR, was dann anschließend zu ein paar kleinen Jobs dort führte. Wenn man den Fuß, oder zumindest den kleinen Zeh in der Tür hat, dann ergibt sich meistens auch was anderes“, meint Luna. Und weil sie direkt merkte, dass ihr das Film-Set als Arbeitsplatz nicht ausreichte, ging sie nach einem Arbeitstag in die SWR-Redaktion, und fragte dort nach einem Folgepraktikum – ein Schritt, der sich lohnte. Lunas Erfahrung nach wird Initiative meist als positiv empfunden. So kam sie auch an das Praktikum bei kurhaus production, welches später zu ihrer Tätigkeit als Junior Producerin führen sollte: Durch mehrmaliges Nachfragen. Luna erinnert sich schmunzelnd daran, dass sie damals bei ihrer Bewerbung schon mit fast allen Mitarbeitern von kurhaustelefoniert hatte. Aber seit sie selbst arbeitet, versteht sie, dass solche Anfragen häufiger im Tagesgeschäft untergehen können. „Man muss tatsächlich ein bisschen penetrant sein, wenn man was will, und sich immer wieder in Erinnerung rufen.“ Wenn man flexibel sei, würde es sich lohnen, auch an seinen Wünschen dranzubleiben.  

Der Alltag im Filmgeschäft

Seit Luna bei kurhaus ist, arbeitet sie an mehreren Projekten, wobei der Aufwand immer vom aktuellen Stadium dessen abhängt. Befindet sich ein Projekt in der Drehbuchentstehungsphase, stehen zunächst immer wieder Lesungen und Besprechungen mit Autor, Regisseur und Redaktion an. Manchmal entwickelt die Firma auch eigene Formate. Die Geschäftsführer (und zugleich Produzenten) von kurhaus sorgen laut Luna beim Tagesgeschäft für eine schöne Arbeitsatmosphäre. Meine Chefs sind wahnsinnig offen, lassen uns ganz viel mitmachen, mit unserem Input einbringen. Egal ob das jetzt der Praktikant oder die Praktikantin ist, die wird genauso gehört wie die Chefs mit ihrer Meinung zu einem Drehbuch.“  

Producer vs. Produzent

Produzenten sind hauptverantwortlich für den Film und dessen Finanzierung, also auch für den wirtschaftlichen Erfolg. Sie betreuen das Projekt von Anfang bis Ende. 

Producer stehen eine Stufe darunter. Sie sind inhaltlich beteiligt und kümmern sich um organisatorische Aufgaben, spielen den Produzenten zu, oder betreuen kleinere Projekte und die Postproduktion.  

Die genaue Trennung der Aufgaben kann von Firma zu Firma variieren.  

Ein großer Unterschied zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestehe laut Luna darin, dass man sich beim SWR weniger Gedanken über die Finanzierung machen müsse, da diese sich (über Mittel wie den Rundfunkbeitrag) bereits einen Großteil ihrer Gelder sichern können. Tatorte werden zum Beispiel fast komplett inhouse beim SWR produziert. Wenn aber kurhaus einen Film machen will, brauchen sie Partner. Es müssen Anträge bei Filmförderungen gestellt werden, meist parallel zur Drehbuchentstehung. Man müsse viele Deadlines und Optionen im Blick behalten. „Ich bin ein absoluter Listenmensch“, meint Luna. „Ohne meine Listen bin ich verloren.“ Ein gewisser Hang zur Selbstorganisation ist hier also sehr hilfreich.  

Nachdem ein Projekt inhaltlich fixiert und finanziert wurde, wird das Team zusammengestellt. So kommen Leute aus ganz Deutschland zusammen, da kurhausMitarbeiter vom freien Markt bezieht. Hier gibt es in jedem Projekt Unterschiede in der Ausführung, insbesondere zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen. Laut Luna ist die funktionierende Kommunikation im Team ein weiteres wichtiges Merkmal für einen guten Producer. Während des Drehs haben die Producer ein offenes Ohr für das Team und kümmern sich gegebenenfalls um Probleme. Falls also beim Drehort ein Rasen gemäht wurde, der nicht gemäht sein sollte, muss schnell für Ersatz gesorgt werden.  

Nachdem die 4-6-wöchige Drehzeit zu Ende ist, beginnt meist für Luna der lange Prozess der Postproduktion. Neben dem Schnitt, welcher mit der Abstimmung natürlich eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, müssen auch kleinteilige Aufgaben erledigt werden: Untertitel, Farbkorrektur, Vorspann und Abspann – alles trägt zur Gesamtkomposition des Films bei. Außerdem kümmert sich Luna um die Auswertung von Filmen. Das heißt, deren Vorführung in Kinos und auf Festivals, die Verleihsuche, und vieles mehr.  Man sieht: Bis ein Film von Anfang bis Ende fertiggestellt ist, kann viel Zeit vergehen.

Dokumentarfilm vs. Spielfilm

Ein Projekt, in das Luna damals einsteigen konnte, war der Dokumentarfilm König Bansah und seine Tochter, eine in Deutschland und Afrika gefilmte Lebensgeschichte einer Vater-Tochter-Beziehung. Damals organisierte Luna den Dreh 2019 in Ghana, inklusive der komplizierten Beschaffung von Presseausweisen und der Reisen nach Afrika, und Begleitung der Dreharbeiten. Auch die komplette Postproduktion hat sie betreut. Als der Film dann auf Festivals gezeigt wurde, hatte sie das Glück, sogar selbst an einigen im Sommer 2020 teilnehmen zu können. Die direkte Rückmeldung vom Publikum zu bekommen, empfand Luna als sehr schön und wichtig. Schließlich stelle man sich bei der Filmentstehung immer auch Fragen: „Interessiert der Film die Leute? Regt er sie zum Nachdenken an?“ 

König Bansah und seine Tochter hat 2020 in Hof den Dokumentarfilmpreis gewonnen und wird auch im ZDF zu sehen sein.  

Luna hat keine klare Präferenz, welche Art von Film sie lieber umsetzt. Beides ist für sie aus unterschiedlichen Gründen reizvoll. Mein Herz hängt so ein bisschen am Szenischen. (…) Gleichzeitig finde ich es beim Dokumentarfilm attraktiv, dass das Team kleiner ist, dass man ein engeres Verhältnis aufbauen kann zur Regie.“ Beim Dokumentarfilm sei es für Producer einfacher, sich mehr in den Prozess einzubringen.

Mut zur Herausforderung

Heute ist Luna sehr dankbar dafür, es in die Filmbranche geschafft zu haben. In ihrer Videobotschaft an die Studenten der Universität Tübingen ermuntert sie dazu, sich für eigene Ziele einzusetzen und dranzubleiben. „Glaubt nicht von vorneherein, dass es aussichtslos ist“, meint sie lachend im Interview. An ihrem Beispiel kann man sehen: Den persönlichen Interessen zu folgen und sich nicht unterkriegen zu lassen, kann wirklich zu Erfolg führen.