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Slut-Shaming: Wenn sich der Mob zur Moralpolizei erhebt

von Lara Luttenschlager

Als sich die Australierin Olivia Melville, 23 Jahre alt, vergangenes Jahr ein Profil auf der allseits gehypten Dating-App Tinder zulegte, hatte sie sich wohl etwas andere Reaktionen erhofft. Denn eigentlich verspricht die App vor allem eins: Den ersten Eindruck auf potentielle Flirts durch ein perfekt inszeniertes Selfie und einen lustigen oder besonders tiefgründigen Spruch bis ins letzte Detail selbst bestimmen zu können. Wem dieser gefällt, ist vielleicht ein „Match“, und wem er nicht zusagt, sieht man sowieso nicht. Abfuhren bleiben so garantiert aus. Olivia, auf ihrem sorgsam ausgewählten Profilbild mit Lippenstift-Lächeln und zwei Freundinnen im Hintergrund ausgestattet, wählte einen vielleicht nicht ganz so romantischen Untertitel für ihr Profil, ein Zitat aus Drakes Song Only: „Type of girl that will suck you dry and then eat some lunch with you“. Für Tinder-Nutzer Chris Hall war dies zwar keinen Match wert – aber einen Screenshot, den er auf Facebook veröffentlichte. Sein Kommentar dazu: „Behaltet Klasse Ladies / Ich bin erstaunt, dass sie immer noch Hunger auf Mittagessen hat“. Der Screenshot ging viral – in Begleitung einer Welle an Beleidigungen über die junge Frau und ihr Profil. Wie so viele andere war Melville soeben „geslutshamed“ worden.

Die Moralpolizei und ihr digitaler Pranger

erster AbschnittDer öffentliche Pranger, wie er früher etwa in Form öffentlicher Auspeitschungen auf dem Marktplatz stattfand, hat in den Sozialen Medien in Form von Cybermobbing sein großes Comeback erlebt. Wer in den Augen der Öffentlichkeit – oder zumindest einer Teilöffentlichkeit – gesündigt hat, wird zur Schau gestellt, diffamiert, beleidigt. Sogenannte shamer betreiben gezielt public shaming gegen jene, die ihrer Meinung eine Normverletzung begangen haben. Im Fall des immer weiter verbreiteten slut-shaming sind es Frauen, die sich scheinbar zu freizügig zeigen oder ein zu freies Sexualleben haben, über die ein wahrer Shitstorm hereinbricht. Am digitalen Pranger werden sie als „slut“ beleidigt, ein Exempel an ihnen statuiert, ihre Normverletzung viral verbreitet. Hall und seine Freunde kündigten sich selbst als „die Kavallerie“ an, bevor sie in der Kommentarzeile weitere Anfeindungen formulierten, als würden sie sich als Kämpfer im Krieg gegen die Verdorbenheit der Frauen verstehen.

Als besonders engagiertes Mitglied dieser selbsternannten digitalen Moralpolizei erwies sich Halls Facebook-Freund Zane Alchin mit Kommentaren wie: „It’s people like you who make it clear women should never have been given rights“. Die wütenden Antworten einer Freundin Melvilles würdigte er durch Vergewaltigungsdrohungen: „You know the best thing about a feminist they don’t get any action so when you rape them it feels 100 times tighter“. Melvilles Fall ist dabei nur einer von vielen – und auch slut-shaming ist nur ein Beispiel für die Bloßstellung sich nicht „normenkonform“ verhaltender Menschen. So verursachte beispielsweise die PR-Managerin Justine Sacco 2013 eine riesige Empörungswelle, als sie kurz vor ihrem Flug nach Kapstadt twitterte: „Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!“. Sofort zirkulierten weltweit hasserfüllte Kommentare zu der jungen Frau und ihren rassistischen Tweet unter dem Hashtag #hasjustinelandedyet, wenige Tage später setzte ihr sie Arbeitgeber vor die Tür.

Die Verlockungen der digitalen Experimentierwiese

zweiter AbschnittIm digitalen Zeitalter haben wir einen Raum geschaffen, in dem sich nicht nur immer mehr Aspekte unseres Lebens abspielen, sondern in welchem wir auch eine neue Bühne finden, um uns selbst zu inszenieren. Dabei gehört die Selbstinszenierung zum alltäglichen sozialen Leben des Menschen dazu – nur findet sie im Internet nicht Face-to-Face statt. Im zunächst anonymen oder zumindest entpersonalisierten virtuellen Raum haben wir so die Möglichkeit, mit unserer digitalen Identität zu experimentieren, indem wir in sozialen Netzwerken bestimmte Informationen preisgeben, Bilder von uns veröffentlichen und so gezieltes impression management betreiben, wie Erving Goffman sagen würde. Doch während es in der analogen Welt weitaus schwieriger ist, sich zu verstellen, kann man sich in der digitalen Welt durchaus von seiner wahren Person lösen und sich ein anderes Gesicht geben – manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Wohl deshalb ist die Freizügigkeit und sexualisierte Eigendarstellung junger Frauen im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Anerkennung ein inzwischen wohlbekanntes Phänomen.

Wofür viele jedoch noch kein Bewusstsein besitzen, sind die neuen, theoretisch weltweiten Öffentlichkeiten, in die sie ihre Informationen einspeisen. Dies führt dazu, dass Normverletzungen nicht mehr nur in einem begrenzten, lokalen Rahmen sichtbar werden, sondern völlig fremde, weit entfernt lebende Menschen sich ebenfalls über die Handlungen anderer entrüsten können. Durch den höheren Anonymitätsgrad im Netz und die indirekte Form der Kommunikation verlieren diese jedoch große Teile ihrer Empathiefähigkeit, da sie ihren Opfern nicht direkt ins Gesicht sehen, wenn sie agieren. Das Ergebnis sind enthemmtere, verletzendere Reaktionen auf Menschengruppen, deren Verhalten scheinbar nicht mit vorherrschenden Wertvorstellungen vereinbar ist – im Fall des slut-shaming werden dabei Menschen angegriffen, deren Sexualleben angeblich nicht dem gesellschaftlich anerkannten Vorbild entsprechen.

Eine Hetzjagd mit Folgen

Welche Folgen diese digitale Hetzjagd auf die Opfer haben kann, dessen sind sich die shamer meist nicht bewusst. Das wohl bekannteste Beispiel für die Auswirkungen des slut-shamings ist der Selbstmord der 15-jährigen Amanda Todd im Jahr 2012, deren Nacktfoto auf einem Facebook-Profil veröffentlicht wurde und trotz mehrmaliger Wohnortswechsel immer wieder zu Mobbing im Internet und durch ihre Mitschüler führte. Philosoph Burkhard Liebsch spricht im Zusammenhang mit Cybermobbing von einer virtuellen symbolischen Gewalt, durch die gezielt das moralische Gesicht, das Ansehen einer Person zerstört wird. Und da das Internet ja bekanntlich nicht vergisst, ist dieses Gesicht auf lange Sicht kaum wiederherstellbar. Wer heute Olivia Melvilles Namen auf Google eingibt, findet sofort die Spuren ihrer Bloßstellung, die sich auch in  Zukunft wahrscheinlich nicht mehr löschen lassen werden. Wenigstens hatte der Vorfall dieses Mal auch für die shamer Folgen: Chris Hall verlor seinen Job und Zane Alchin muss sich im Juni 2016 vor Gericht verantworten.

Fotos: flickr.com/Delete (CC BY-NC 2.0), flickr.com/Helga Weber (CC BY-ND 2.0), flickr.com/_eWalter_  (CC BY-NC 2.0)


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Die Zukunft des Journalismus

Von Jasmin Gerst

Der promovierte Politikwissenschaftler Dominik Wichmann referierte am 14. Dezember im Kupferbau der Universität Tübingen über Veränderungen des Verhältnisses zwischen Publikum und Medien sowie dessen Auswirkungen auf den Journalismus wie wir ihn kennen. Wichmann war Chefredakteur des SZ-Magazins und beim STERN, außerdem hat er vor kurzem zusammen mit Guido Westerwelle dessen Biografie „Zwischen zwei Leben: Von Liebe, Tod und Zuversicht“ realisiert.

Geizige Digital Natives?

DominikWichmannWichmann stellt zu Beginn klar, dass der Journalismus noch nie besser war – die Qualität der Inhalte steigt, trotzdem sind immer wenige Konsumenten bereit für diese Qualität Geld zu bezahlen. Eine offensichtliche Veränderung stellt das Leseverhalten der Konsumenten dar. Fakt ist, dass viel weniger Menschen eine Tageszeitung abonniert haben als früher. Und warum? Weil mittlerweile fast alles kostenlos im Netz zu finden ist. Der Kampf, den die Journalisten führen müssen, lässt an der Zukunft des Journalismus zweifeln. Wichmann ist sich jedoch sicher, dass es ihn immer geben wird, allerdings in veränderter Form und mit qualitätsvolleren Inhalten. Die jüngere Generation der Journalisten, die Digital Natives, sind sich ihrer Zukunft zwar ungewiss, bringen jedoch gewisse Vorteile mit sich: Sie können das Neue leichter adaptieren und dabei spielt das Alter eine wichtige Rolle. Da sie bereits in jungen Jahren den Umgang in der digitalen Welt erlernt haben, sind sie der älteren Generation um Längen voraus. Denn Kommunikation allein reicht nicht mehr aus: Die Konsumenten fordern mehr Expertise, aber gerade die Digital Natives sind nicht bereit für diese Expertise zu bezahlen.

Akzeptieren und Umdenken

Fakt ist also, dass sich die Zeiten geändert haben und man sich dieser neuen Zeit anpassen muss. Dazu gehört nicht nur diesen Wandel zu akzeptieren, sondern ihn auch zu „wollen“. Denn die unendlichen Möglichkeiten, die es nun auf dem Markt gibt, müssen optimiert werden. Es ist also von großer Wichtigkeit, dass der Journalismus diese Angebote wahrnimmt und sich heute viel mehr vermarkten muss als früher. Dazu gehört unter anderem stets präsent zu sein, Expertise zu erlangen, Unvoreingenommenheit sowie Form und Inhalt in Einklang zu bringen. Wichmann stellt außerdem fest, dass dieser Umbruch auch viele Widersprüche mit sich bringt. Ein Journalist muss zwei wichtige Parameter vereinen: möglichst aktuell und möglichst zeitnah sein. Das bedeutet, was die Aktualität betrifft, im digitalen Zeitalter angekommen zu sein (Stichwort Liveticker oder Twitter), sowie möglichst schnellen und guten Journalismus zu präsentieren. Dass die Qualität dadurch auf der Strecke bleibt, ist nur allzu verständlich. Nur ein wirklich guter Journalist kann diese beiden Kräfte vereinen, aber dadurch steigt ein weiterer Druck – die Möglichkeit des Scheiterns.

Präsent sein

Ein weiteres Problem ist, dass die Leser nicht nach bestimmten Nachrichten suchen. Die Daten kommen zum Leser und nicht der Leser zu den Daten. Diese werden aufgrund von den Spuren, die der Nutzer tagtäglich hinterlässt, angepasst. Wichtig sei außerdem, dass die Inhalte dort zu finden sein müssen, wo der Leser sich aufhält (z.B. Werbung bei Facebook / Twitter / Instagram etc.). Deshalb wird es immer wichtiger auf Facebook, YouTube, Twitter usw. präsent zu sein. Dass der mediale Wandel begonnen hat, zeigt sich auch dadurch, dass hochkomplexe Themen mittlerweile über mehrere Stunden (z.B. Serie Mad Men) ausdiskutiert werden können. Problem dabei ist jedoch, dass nicht jeder Sender kooperiert und weiterhin ein „spießiges und biederes“ TV-Programm bietet. Die Digitalität ermöglicht revolutionäre Umbrüche sowie eine enorme Verfügbarkeit der Daten.

Aus Real-Time wird Before-Time

Ist es also ein Ende des Journalismus wie wir ihn kennen? Das Berufsbild wird zwar nie verschwinden, so Wichmann, aber der Journalist muss umdenken und sich deutlich mehr nach seinen Lesern richten. Außerdem wird er es deutlich schwerer haben als früher. Denn der Redakteur der Zukunft übernimmt die Rolle als Chefredakteur der Gegenwart. D.h. die Transparenz der Daten führt dazu, dass er oder sie entscheiden.

Durch diese Verfügbarkeit der Daten wird der Journalismus zu einem ganz anderen, so gravierend wird er sich verändern. Sein retrospektiver Charakter wird erweitert und eine neue Erzählform wird entstehen: aus Real-Time wird Before-Time. Um erfolgreich zu sein, fügt Wichmann hinzu, muss man das Rad nicht neu erfinden, es reicht lediglich es als erster zu importieren. Innovation wird ein großes Stichwort sein, diese ist jedoch mühsam und anstrengend. Deshalb ein weiterer Tipp von Wichmann: bestehendes Optimieren!

Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Das Streben nach Perfektion

Von Valerie Heck

Schlauer, aktiver, fitter – dank Technik ist das jetzt möglich. Denn immer mehr Apps und Gadgets werden entwickelt, um den Menschen in seinem Streben nach Optimierung und Perfektion zu unterstützen. Vor allen Dingen im Bereich der Gesundheit und Fitness kann der Mensch immer mehr auf die Unterstützung von Technik bauen. Aber auch die Grenzen des menschlichen Gedächtnisses können beispielsweise mit Kameras, die alle paar Sekunden ein Foto schießen, überwunden werden. Lifelogging heißt der Trend, sein Leben in all seinen Facetten aufzuzeichnen.

„Ein Stück irdische Unsterblichkeit“

Lifelogging (2)

Gordon Bell mit SenseCam

Was als neuster Trend des digitalen Zeitalters gilt, macht Gordon Bell schon seit Jahrzehnten. Dabei trägt der Microsoft-Ingenieur nicht nur bei jedem Schritt, den er macht, eine so genannte SenseCam um den Hals, die alle 20 Sekunden automatisch ein Bild von seiner Umgebung macht. Er speichert auch Artikel, Bücher, CDs, Briefe, Mitteilungen, Präsentationen, private Filme, besuchte Websites, tägliche Aktivitäten und sogar Transkripte von Telefongesprächen und Chats. Sein Ziel ist es, eine lückenlose Enzyklopädie seines Lebens zu erstellen. Das Ganze begann 1998 mit dem Projekt „MyLifeBits“, doch auch nach der Beendung des Projekts 2007 machte Bell mit dem Lifelogging weiter. Nach all den Jahren findet es Bell praktisch, sein digitales Gedächtnis aufrufen zu können

In seinem Buch „Your life, uploaded“ beschreibt Bell die Vorzüge des Lifeloggings: „Man gewinnt mehr Einsicht in sich selbst, die Fähigkeit, die eigene Lebensgeschichte mit proust‘scher[1] Detailtreue nachzuerleben, die Freiheit, weniger im Gedächtnis zu behalten und mehr kreativ zu denken, und sogar ein Stück irdische Unsterblichkeit, weil das Leben im Cyberspace bewahrt wird.“ (Morozov: „Smarte neue Welt“) Für Bell ist das Archivieren seiner Lebensgeschichte ein Versuch, die Grenzen des menschlichen Gedächtnisses zu überwinden.

Auch Software-Pionier Stephen Wolfram protokolliert seinen gesamten Tagesablauf und hat mittlerweile ziemlich verlässliche Daten über sein Verhalten der letzten 25 Jahre gesammelt. Seine Prämisse dabei ist allerdings: Es darf kein Aufwand dahinter stecken, die Daten zu erfassen; das Ganze muss im Hintergrund ablaufen. Technik macht dies möglich: Eine Uhr überwacht seine Herzfrequenz und seine Schritte, sein Computer macht alle 15 Sekunden einen Screenshot, seine Tastatur erfasst jeden Tastendruck, ein Mikrofon nimmt die Geräusche um ihn herum auf und eine kleine Ansteckkamera schießt alle 30 Sekunden ein Bild.

Alle Zeichen stehen auf Optimierung

Tatsächlich spielt die Technik bei dem Drang nach Optimierung eine große Rolle. Es werden Fitnessarmbänder, Smartphone Apps und immer kleinere Ansteckkameras entwickelt, damit die Menschen möglichst alle ihre Daten aufzeichnen und diese zur Optimierung der körperlichen und geistigen Leistung nutzen können.

Und die neuen Gadgets werden von den Leuten angenommen: Sie versehen ihren Körper mit Sensoren, die körperliche Parameter wie Körpertemperatur, Schritte und Herzfrequenz aufzeichnen, tragen nachts Stirnbänder zur Messung der Gehirnaktivität beim Schlaf und lassen sich von Apps vorschreiben, wie viele Kalorien sie heute noch zu sich nehmen dürfen. Kurz: Die Menschen vermessen sich selbst. Dabei ist ihr Ziel häufig die Optimierung des eigenen Lebens – man will mit  Hilfe von Technik fitter, gesünder oder sogar weniger gestresst werden. Seit 2007 wird dieser Trend mit dem Begriff „Quantified-Self“ zusammengefasst. Dabei werden zwei Tendenzen der Zeit vereint: Der Wunsch nach menschlicher Perfektion und der Glaube an die Segnungen digitaler Technologie.

Die Unternehmen freuen sich…

„Alles wird verschlüsselt sein, elektronische Erinnerungen werden in Schweizer Datenbanken lagern, man wird vorsichtig und begrenzt Informationen mit anderen teilen.“ (Morozov: „Smarte neue Welt“) So spricht Gordon Bell vom Speichern der gesammelten Daten – als eine private Angelegenheit. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Lifelogging findet in der Öffentlichkeit statt. Damit ist nicht nur gemeint, dass Lifelogger die Fotos, die alle 20 Sekunden automatisch geschossen werden, auf verschiedenen Plattformen veröffentlichen, egal wie trivial die Situationen und unscharf die Bilder auch sind, wie diese Aufnahmen mit dem Narrativ Clip zeigen:

Lifelogging (3) Lifelogging (5) Lifelogging (4)

Sondern es ist vor allen Dingen gemeint, dass die Unternehmen durch Apps, Fitnessarmbänder und andere Anwendungen an die Daten ihrer Kunden gelangen und mit Daten lässt sich bekanntlich Geld verdienen. So gibt Travis Bogard von Jawbone, dem Hersteller von Fitnessarmbändern und –apps ganz offiziell zu, dass sein Unternehmen in Zukunft mit Daten und nicht mehr mit Hardware Geld verdienen wolle. Auch das kleine Unternehmen Exist profitiert von den Daten verschiedener Quantified-Self-Anwendungen, indem es diese nach Trends und Korrelationen durchsucht und die Ergebnisse der Analysen an die User verkauft.

Für Stefan Selke, Professor für Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Hochschule Furtwangen, ist das kommerzielle Interesse an Lifelogging entscheidend für die Verbreitung des Trends und auch der Grund dafür, dass Lifelogging in Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird. Unternehmen verdienen an den Daten und an den neuen Geschäftsideen, die sich daraus entwickeln. Denn in Zukunft sollen noch mehr Messungen als Schritt zählen und Puls kontrollieren möglich sein. Google hat bereits ein Patent für ein Armband angemeldet, das Krebszellen erkennen, zählen und am besten noch zerstören soll und wer weiß, was sonst noch in der Zukunft möglich sein wird.

Sinnloser Solutionismus?

Genau diesen kommerziellen Nutzen kritisiert der Autor des Buches „Smarte neue Welt“ Evegny Morozov: „Technologie ist ständig auf der Suche nach Problemen, die sie lösen kann, ohne dass sie einer Lösung bedürfen.“ Diese Tendenz fasst Morozov als „Solutionismus“ zusammen.

Nehmen wir das Beispiel des menschlichen Gedächtnisses, dessen natürliche Lücken für Menschen wie Gordon Bell und andere Lifelogger ein Problem darstellen, das es durch Techniken wie SenseCams, Archivierung und Lifelogging-Apps zu überwinden gilt. Sind die Lücken im Gedächtnis wirklich ein Problem oder manchmal nicht sogar nützlich, wenn man zum Beispiel ein schreckliches Ereignis aus der Vergangenheit verarbeiten möchte. Das Gedächtnis trifft eine Auswahl aus Auslöschen und Bewahren, während der Computer einfach nur speichert. Und wenn man wirklich darüber nachdenkt, braucht man auch Anwendungen wie Fitnessarmbänder oder „Schlafrhythmusüberwacher“ nicht. Doch es werden Probleme wie zu geringe Aktivität oder nicht ideale Tageseinteilung kommuniziert, die die neuste Technik überwinden kann. Und irgendwie ist es auch interessant, die Aktivität des Körpers zu überprüfen und lustig, eine unübersichtliche Menge an Fotos, die automatisch geschossen wurden, zu durchforsten und sich so an Momente zu erinnern, die man sonst wahrscheinlich vergessen hätte.

Es zeigt sich, dass durch die geschaffenen Probleme und die dadurch entwickelte Technik Trends entstehen. Daher werden auch in Zukunft „sinnlose“ Gadgets zur Optimierung des Lebens verwendet werden. Einfach, weil es sie gibt.


Literatur: Morozov, E. (2013). Smarte neue Welt: digitale Technik und die Freiheit des Menschen: Karl Blessing Verlag.

Fotos: flickr.com/N i c o l a (CC BY 2.0), flickr.com/JulianBleecker (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Roland Tanglao (CC BY 2.0), flickr.com/Roland Tanglao (CC BY 2.0), flickr.com/Roland Tanglao (CC BY 2.0)

 

[1] In seiner fiktiven Autobiographie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ versucht der französische Schriftsteller Marcel Proust vergeblich, sich an seine Kindheit und Jugend zu erinnern. Es helfen ihm schließlich eine Reihe von „unwillkürlichen Erinnerungen“ oder Sinnesassoziationen, die Erlebnisse der Vergangenheit auf intensive Weise vergegenwärtigen und damit erinnerbar machen.

Scrollst du noch oder weißt du’s schon?

Von Anita Mäck

Kommunikation funktioniert in unserer Welt längst global. Wir rufen Informationen ab oder stellen sie ein und teilen unser Wissen mit allen Menschen, die einen Zugang zum Netz haben und danach suchen. Währenddessen wächst das Internet kontinuierlich. Sowohl die Anzahl der Server, die Informationen bereitstellen, als auch die Zahl der Nutzer sowie die Intensität der Interaktionen erhöhen sich.

Unsere Erdkunde-Lehrerin in der Schule sagte damals, es sei nicht wichtig alles zu wissen, man müsse nur wissen, wo es steht. Recht hat sie, dachten wir. Ihre Aussage nahm einen gewissen Druck von uns. Das Gefühl, es sei nicht schlimm etwas nicht zu wissen, bezog sich also auf unser Erdkunde-Buch. Heute steht uns eine viel größere Quelle zur Verfügung, das Internet. Das Scrollen auf unseren Smartphones und Tablets ist zur alltäglichen Bewegung geworden. Vergessen wir sie einmal zu Hause, fühlen wir uns nackt. Wie lebt es sich in unserer Informationsgesellschaft? Wie gehen wir mit der Bandbreite an Inhalten um?

Wissen auf dem Silbertablett serviert

Der Begriff der Informationsgesellschaft ist bislang nicht allgemein definiert und wird häufig mit dem der Wissensgesellschaft gleichgesetzt. Er steht für eine Gesellschaftsform, die Informationsverarbeitung, insbesondere über Computer und Internet, nutzt, um Wissen zu teilen. Dies können wir stets erweitern und wiederum anderen Menschen, einschließlich der Ursprungsquelle, zur Verfügung stellen. Durch dieses Verhalten entstand z.B. Wikipedia, die größte Wissensdatenbank der Welt. Der mittlerweile einfache Zugang zu einer mächtigen Bandbreite an Wissen verführt dazu, unmittelbar zum Smartphone zu greifen, wenn man etwas nicht weiß. Im Internet trifft man dann auf Menschen, denen man im realen Leben normalerweise nicht begegnen würde. Oldtimer-Fans etwa tauschen sich in Foren über ihre geliebten Autos aus. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie quer über den Globus verteilt wohnen, solange sie über dasselbe Automodell sprechen. So vielfältig und weit unsere Welt durch das breite Angebot an Informationen wird, so eng rückt sie dadurch auch zusammen.

Intelligenter Umgang mit Wissen als Schlüsselkompetenz

„If I have seen further it is by standing on the shoulders of giants. “ Mit diesem Satz wollte Isaac Newton ausdrücken, wie wichtig es vor allem in der Wissenschaft sei, Informationen zu teilen, um Dinge nicht permanent ein weiteres Mal erfinden zu müssen. Gemeint ist also die Möglichkeit, die eigene Forschung auf den Ergebnissen anderer „Giganten“ aufbauen zu können. Doch nicht nur die Menge an Wissen vergrößert sich, auch die Verfügbarkeit erhöht sich kontinuierlich. Informationen bereitzustellen kostet vergleichsweise wenig. Das „virtuelle Bücherregal“ ist also günstiger als ein echtes, lässt sich einfacher aufbauen und mit ein paar gezielten Klicks intelligent durchsuchen. Wer sich nicht auf unseren rasanten technologischen Wandel einstellt, läuft Gefahr, zum sogenannten Analphabit zu werden. Ja, der Begriff ist richtig geschrieben. Er beschreibt diejenigen, die den Umgang mit Computern und digitalen Informationen scheuen. Wer nicht fähig ist, das Internet geschickt zu verwenden, bekommt früher oder später berufliche und gesellschaftliche Nachteile zu spüren.

Sich im komplexen Informationsdschungel zurechtzufinden und Wissen intelligent zu nutzen, erfordert wiederum Kenntnisse über die Vorzüge und Tücken des Internets. Hier sind u.a. Medienkompetenz, Recherchekompetenz und Urteilungsvermögen über die Qualität von Quellen gefragt. Genauer gesagt sollten sich Nutzer mit internetfähigen Geräten auskennen und wissen, mit welchen Schlagworten sie etwa zu ihrer gewünschten Information gelangen. Darüber hinaus sollte man Quellen kritisch auf ihre Richtigkeit prüfen, da im Netz jeder alles veröffentlichen und miteinander verlinken kann. Durch den einfachen Zugang zum Internet hinterfragen wir Inhalte häufig nicht näher, vor allem, wenn wir sie schnell benötigen. Warum sollten wir uns auch die Mühe machen, selbst nachzudenken, wenn wir die Information nach ein paar Klicks auf dem Silbertablett serviert bekommen? Vielen Nutzern fällt daher falsches Wissen nicht auf, welches sie dann weitertragen.

Doch wir beziehen nicht nur Informationen, wir liefern sie auch. Inzwischen ist es keine Neuigkeit mehr, was William Gibson, ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor, auf den Punkt bringt: „Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Das lernt man schon in der Schule. Was man dabei nicht lernt, ist, dass man dabei auf Schritt und Tritt Spuren hinterlässt, immer und überall, winzige Bruchstücke, scheinbar bedeutungslose Datensplitter, die wieder aufgefunden und neu zusammengesetzt werden können.“ *

Immer schneller, immer weiter, immer mehr – was ist das richtige Maß?

Unsere Welt gestaltet sich durch rapiden Wissenszuwachs zunehmend komplexer. Umso wichtiger ist es, sich ihr anzupassen, um sie zu verstehen. Sowohl im Berufsleben als auch bei der privaten Nutzung ist es von Bedeutung, sich den Möglichkeiten des Internets zu öffnen und den entsprechend richtigen Umgang mit Informationen zu erlernen. Jedoch sollte man sich trauen selbst zu denken, Inhalte kritisch zu hinterfragen und nicht alles sofort glauben, was im Internet und über andere Medien vermittelt wird.

Wie schnell unsere Welt noch werden kann, ist nicht abzusehen. Oben noch als Empfehlung formuliert, stellt sich am Ende durchaus die philosophische Gegenfrage, ob der technologische und gesellschaftliche Wandel neben Anpassung auch Raum für etwas Abstand lässt? Wir definieren einen unzureichenden Wissensstand bei uns selbst als Auslöser für die Suche nach Information. Doch was genau bedeutet unzureichend für uns im digitalen Zeitalter? Wir haben rund um die Uhr die Möglichkeit Suchmaschinen zu befragen, aber sollten wir uns deshalb bei jeder noch so kleinen Wissenslücke „unnormal“ fühlen?

 

Foto: flickr.com/Ewa Rozkosz (CC BY-SA 2.0)


*Dieses Thema wird in anderen Teilen der Artikelreihe genauer beleuchtet, weshalb es hier nur der Vollständigkeit halber angedeutet ist.

Das Identitätsdilemma im digitalen Zeitalter

Von Valerie Heck

Nur noch sehr wenige Menschen sind nicht in mindestens einem sozialen Netzwerk wie Facebook, Instagram oder Twitter angemeldet. Es wird neben der realen eine virtuelle Welt geschaffen, in der der Mensch die Möglichkeit bekommt, sich so zu präsentieren, wie er sein möchte. Doch was bedeutet dies für die eigene Identität? Gibt es noch das eine Ich, wenn im Internet eine Vielzahl virtueller Identitäten aufgebaut werden können?

Ich – Das können viele sein

Daniela Schneider ist Aktionistin für Veganismus, die regelmäßig Beiträge und Artikel zu diesem Thema auf ihrer Facebook-Seite postet. Bei Instagram heißt sie „danispics“, ist Hobbyfotografin und veröffentlicht die schönsten Schnappschüsse aus Alltag und Urlaub. Und bei Tinder ist sie „Daniela“, die gerne kocht und sportlich ist, um mit diesen Eigenschaften die Männer in der Umgebung zu beeindrucken. Es sind drei Namen und drei Identitäten, doch eigentlich steckt nur eine Frau dahinter.

Was im realen Leben nicht denkbar ist, wird in der virtuellen Welt Wirklichkeit, denn das Internet und soziale Netzwerke ermöglichen es, in viele verschiedene Rollen zu schlüpfen oder bestimmte Facetten der Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Man spricht von „virtuellen Identitäten“ und meint damit die Art und Weise, wie Menschen sich selbst in der computervermittelten Kommunikation präsentieren. Gründe für den Aufbau von virtuellen Identitäten gibt es viele.

Zum einen geht es darum, bestimmte Eigenschaften zu betonen, um mehr Akzeptanz im virtuellen Umfeld zu erlangen. Wie Daniela, die bei Facebook ihre vegane Lebensart betont, weil viele Freunde Veganer sind. Bei Instagram stellt sie ihre aktive Seite mit Fotos von Reisen und Ausflügen in den Mittelpunkt. Bei Tinder hebt sie Eigenschaften hervor, die bei Männern gut ankommen könnten. In diesem Fall sind die Grenzen zwischen den Identitäten fließend. Zum anderen ist es durch die Anonymität in Chatrooms möglich, seine wirkliche Identität vollkommen zu verbergen und eine Tarnidentität aufzubauen. Die Person macht sich dünner, erfolgreicher oder attraktiver, um befreit von Vorurteilen und sozialem Druck ernst genommen zu werden. In diesem Fall spricht man von „Selbstmaskierung“: Es wird eine virtuelle Identität konstruiert, die sich stark von der Realität unterscheidet, um etwas ausleben zu können, was im realen Leben nicht möglich ist.

Eine selbstidealisierende Maskerade

Identität

In sozialen Medien wie Facebook oder Instagram ist das virtuelle Ich aber nicht länger eine Maske, sondern eng mit dem Offline-Leben verwoben. Die Alltagswelt wird auf den Plattformen geprägt, wo größtenteils Freunde, Familienmitglieder und Kollegen aus der realen Welt durch Fotos, Videos und Kommentare einen Einblick in das eigene Leben bekommen. Das heißt allerdings nicht, dass die „Freunde“ oder „Follower“ in sozialen Netzwerken die eine „echte“ Identität präsentiert bekommen. Die präsentierte Person hat vielleicht Ähnlichkeit mit der Person in der realen Welt, aber heute ist nichts einfacher als sein Selbstbild im Netz mitzubestimmen oder zu idealisieren. Es geht dabei nicht darum zu zeigen, wer ich bin, sondern um die Frage „Wer könnte ich sein?“. Das Selfie wurde in den letzten zwei Jahren zur vorherrschenden Ausdrucksform dieses idealisierten Ichs, denn darin wird das reale Leben häufig wie auf einer Bühne inszeniert. Wer postet schon ein Foto, auf dem er traurig und alleine auf dem Sofa sitzt? Man zeigt sich in Situationen, in denen man etwas Positives aus dem eigenen Leben mitteilen möchte: „Ich habe etwas Leckeres gekocht“ oder „Ich habe eine wunderschöne Zeit im Urlaub“. Der Trend liegt darin, den eigenen Alltag zu überhöhen und so wird im Internet ein „besseres Ich“ bzw. eine idealisierte Identität geschaffen, die sich aus Status Updates, Fotos und Tweets zusammensetzt.

Insbesondere Kevin Systroms Plattform Instagram, bei der Fotos mit schmeichelnden Filtern verschönert und dann hochgeladen werden können, ist zum Sinnbild der öffentlichen positiven Selbstdarstellung geworden. Instagram liefert nämlich kein gnadenlos ehrliches Bild, sondern schmeichelhafte Bilder, die, laut Alex Williams von der NY Times jeden „ein bisschen jünger, hübscher und Cover-würdiger aussehen“ lassen. Nutzer präsentieren sich und ihr Leben „im Layout eines Hochglanzmagazins“. Leute, die durch das Instagram Profil scrollen, sollen wollen, was du hast. Beeindrucken und Selbstreklame ist hierbei vor allen Dingen bei jungen Leuten das Motto, egal wie die Realität dahinter aussieht.

Virtuelle Anerkennung als Existenzbeweis

Identität2

Ist der Urlaub eigentlich wirklich passiert, wenn ich kein Foto vom Strand auf meiner Instagram-Seite veröffentlicht und dazu Feedback in Form von Likes und Kommentaren bekommen habe? Hinter den Fotos, Kommentaren und Videos in sozialen Netzwerken steckt der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, der eng mit der Identitätsfrage verwoben ist. Zugehörigkeit und soziale Akzeptanz sind im Kollektiv wichtig: Nur wenn ich von meinem sozialen Umfeld akzeptiert werde, bilde ich eine Identität.

Der Alltag wird immer mehr vom Nachrichtenstrom in den sozialen Netzwerken bestimmt. Mit Tweets und Instagram-Fotos wird das eigene Dasein bewiesen, denn wer nicht postet, hört auf, zu existieren. Jürgen Fritz, Professor am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik in Köln, schreibt, dass Aufmerksamkeit die Essenz sei, die die virtuelle Welt mit Leben füllt und die Interaktionen ermöglicht. Über Posten wird eine eigene Relevanz geschaffen.

Mit dieser Erkenntnis wird die am Anfang gestellte Frage, ob es überhaupt noch das eine Ich gibt, wenn im Internet eine Vielzahl virtueller Identitäten aufgebaut werden, fast hinfällig. Wer ich bin wird durch das virtuelle Umfeld bestimmt und damit stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt noch eine Identität außerhalb der virtuellen Welt?

Fotos: flickr.com/Zlatko Vickovic (CC BY 2.0), flickr.com/Kroejsanka Mediteranka (CC BY-NC-ND 2.0)

Update completed: Sie sind jetzt vollständig vernetzt

Von Valerie Heck, Miriam Lenz und Anita Mäck

Vollständige Vernetzung, permanentes Einspeisen von Daten und selbstständig miteinander kommunizierende Maschinen – das ist längst kein Zukunftsentwurf mehr. Studenten organisieren den Unialltag über Facebook und WhatsApp. Frischgebackene Mütter tauschen sich in Blogs über Erziehungstipps aus. Familien überprüfen im Urlaub über ein Tablet, ob zu Hause die Tür verschlossen ist. Locked-in-Patienten kommunizieren mit Hilfe von Computern. Sportbegeisterte bekommen immer wieder Werbung für Sneakers, für die sie sich zuvor interessiert hatten. Gesundheitsbewusste überprüfen mit Pulsarmbändern ihre Aktivität.

Es sind alltägliche Kommunikationsmittel und Anwendungen, die zusammenhangslos scheinen, aber zur vollständigen Vernetzung und Profilerstellung führen. Die folgende Artikelreihe beschäftigt sich deshalb damit, was mit uns passiert, wenn wir zunehmend online unterwegs sind, unsere Daten preisgeben und uns auf Maschinen verlassen. Es stellen sich politische und ethische Fragen, wie z. B. wie viel Macht wir Maschinen zugestehen, wie sehr wir uns noch auf unsere eigenen Fähigkeiten verlassen, wie sehr wir zum gläsernen, manipulierbaren Bürger werden und wie sich die Definition von Privatsphäre verändert.

In den kommenden neun Tagen wird täglich ein Artikel veröffentlicht, der eine oder mehrere dieser Fragen behandelt. Das sind die Titel:

  1. Das Identitätsdilemma im digitalen Zeitalter
  2. „Ein Freund, ein guter Freund…“?
  3. Eine Frage der Macht
  4. Die Gedanken sind frei?!
  5. Scrollst du noch oder weißt du’s schon?
  6. Das Streben nach Perfektion
  7. Der errechnete Mensch
  8. Smart Home: Vernetztes Wohnen heute und in Zukunft
  9. Silicon Valley: Die Tech-Elite unter sich

Foto: flickr.com/Sacha Fernandez (CC BY-NC-ND 2.0)

Abschied vom Pessimismus – Warum der Journalismus von der digitalen Revolution profitiert

von Sabine Appel

 

Jedes Jahr lädt das Institut für Medienwissenschaft in Kooperation mit dem SWR prominente Persönlichkeiten zu einem Vortrag über aktuelle Themen in der Medienbranche ein. Gast bei der 11. Tübinger Mediendozentur am Montagabend, den 26. Mai 2014, war Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE. Er sprach über die aktuelle Sinnkrise des Journalismus, die aus der Digitalisierung entstanden ist und vertrat die Meinung, dass man ihr deutlich optimistischer entgegenblicken sollte als bisher. „Plakativer Pessimismus“ sei fehl am Platz, denn eigentlich biete die Digitalisierung genügend Chancen für den Journalismus. Laut Döpfner kann der digitale Journalismus in Zukunft sogar besser werden als der analoge.

Das aktuelle Problem der Verlage ist kurz zusammengefasst: Durch den digitalen Wandel und die kostenlosen Angebote im Internet gehen die traditionellen Printmedien unter. Einzelne Monopolisten (Google, Facebook) bedrohen die Verlage auch online mit ihrer Macht, denn sie kontrollieren die Inhalte im Netz. Die Meinungsvielfalt ist in Gefahr, weil Google und Co durch ihre Algorithmen den von den Nutzern – das sind allein in Deutschland derzeit 91,2% aller Internetnutzer – wahrgenommenen Content diktieren.  Eine weitere Gefahr stelle das „Diktat der Klickzahl“ dar, von dem  Professor Bernhard Pörksen in den Vortrag einleitenden Worten sprach: Dieses könne zum Qualitätsverlust führen, denn im Internet muss bis zu einem gewissen Grad veröffentlicht werden, was der Nutzer lesen will. Wer dies ignoriert, bekommt keine Klicks mehr und wird als Medium nicht mehr gehört. Aber was bedeutet das für den Journalismus?

 

Qualitätsjournalismus vom Papier aufs Tablet bringen

Döpfner stellte im Grunde zwei Thesen auf: Im Verlagswesen ändert sich durch die digitale Revolution letztlich nicht so viel wie ständig befürchtet wird. Aus diesem Grund ist der Journalismus an sich auch nicht dem Untergang geweiht. Außerdem dürfe man als Zeitung entgegen einer landläufigen Meinung eben nicht alles anders machen als bisher, um erfolgreich zu bleiben. Der Schlüssel zum Erfolg sei es, so Döpfner, die klassische „Idee des Journalismus vom Papier zu emanzipieren“. Man müsse sich auf die Grundqualitäten und –fertigkeiten des professionellen Journalismus berufen, um als Verlag bestehen zu bleiben, ganz unabhängig vom Medium.

Der Journalismus dient laut Döpfner nicht mehr als Instrument zur Volksbelehrung, das dem Leser überlegen ist, sondern ist zu einer Dienstleistung geworden, die sich nach dem Nutzer richten und damit auskommen muss, dass der Nutzer selbst auch publiziert – seien es Kommentare oder sogar eigene Blogs. Doch viele sehen in genau dieser Umkehrung die Problematik: Wenn jeder sein eigener Chefredakteur sein und seine Meinung im Internet publizieren kann, sind Profis vielleicht irgendwann überflüssig. Dem widerspricht Döpfner – denn es gebe „nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit“. Zwar sei der kritische Nutzer eine Bereicherung für die Diskussion, aber keine Bedrohung. Denn je größer das Angebot an Informationen sei, desto größer sei auch das bleibende Grundbedürfnis nach Orientierung und Anleitung durch kompetente Meinungsführer. Im digitalen Journalismus ginge es dem Nutzer nicht mehr nur um Informationsbeschaffung, sondern um die Einordnung und Diskussion dieser Information. Davon können Verlage profitieren, indem sie sich auf ihre traditionellen Qualitätsmerkmale berufen.

 

Content is king

Eine weitere interessante These Döpfners ist, dass „elektronisches Papier“ in einigen Jahren so aussehen wird wie heutzutage analoges Papier. Es sei dann dünn und faltbar, habe also alle Qualitäten des bisherigen und sei durch die fortgeschrittene Technologie und ökologische Verträglichkeit noch besser. An dieser Stelle zieht Döpfner eine Parallele zum Journalismus: Mit dem abbildenden Universalmedium könne auch der Journalismus besser werden, da sich die Zeitungen nicht mehr durch Materialmerkmale von den anderen unterscheiden könnten, sondern nur noch durch besser aufbereitete Inhalte. Diese Anforderung sei auch eine Chance. Der Journalismus im Netz sei 1. tiefgründiger, weil er längere Beiträge ermöglicht, 2. aktueller, weil eine sofortige Publikation möglich ist, 3. relevanter, weil es einen größeren Adressatenmarkt gibt und die Inhalte für jeden zugänglich sind, 4. interaktiver und damit klüger, weil Fehler korrigiert werden können und 5. intermedial und deshalb kreativer nutzbar. Der digitale Journalismus fördere damit Qualität wie eh und je. Das Erfolgsrezept für Verlage sei daher, „technisch progressiv, ästhetisch neu und inhaltlich konservativ“ aufzutreten.

Eine kleine, überwindbare Hürde sieht Döpfner in der aktuell vorherrschenden „Gratiskultur“, die generell Informationen und besonders qualitativ hochwertigen Journalismus als kostenlose Güter annimmt. Dies sei viel gefährlicher für den Journalismus als der Wechsel von Print zu Digital. Dennoch ist Döpfner optimistisch, dass Nutzer in Zukunft vermehrt bereit sein werden, für unabhängig recherchierten, professionellen Journalismus zu bezahlen. Verlage müssten sich nun darauf konzentrieren, auch das junge Publikum zu begeistern. Das ginge am Besten, indem sie die drei traditionellen Qualitätskriterien – Neuigkeiten, Meinung und Sprache – charismatisch und mit Zeitgeist vertreten. Nutzer suchen laut Döpfner nicht nur nach Information, sondern nach Haltung – ganz unabhängig davon, ob sie dieser am Ende zustimmen oder nicht. Außerdem sei eine emotionale Note sehr wohl gewünscht – Medien dürften ruhig eine Seele verkörpern, die die Leser bewegt. Durch die gesteigerte Medienkompetenz entstehen hohe Ansprüche an Journalisten, die jedoch auch als Chance wahrgenommen werden können. Abschließend sagte Döpfner, dass unabhängig davon, was sich technisch verändere, doch immer eines bleibe, das man bewahren müsse: Guter Journalismus. Eine sinnvolle Forderung, so simpel sie auf den ersten Blick auch erscheinen mag.

Look Up! – Viral wie ein Katzenbaby

 von Nico Busch

Du glaubst, du bist gesellschaftskritisch? Dir fällt auf, was tausenden Anderen auch schon aufgefallen ist? Dann schreib doch mal ein Gedicht darüber, trag das vor, lass dich dabei filmen und stell das Video ins Internet.

 

Baby, Baby, was ist denn bloß los mit dir?“

Mach es wie Julia Engelmann im Mai letzen Jahres. Der war nämlich aufgefallen, dass es seit 2000 Jahren etwas gibt, dass wir Lethargie nennen. Ein Gefühl der Langeweile und Tatenlosigkeit. Julia Engelmann fühlt das manchmal. Und die weiß, dass du das auch fühlst. Nämlich dann, wenn du daheim auf deiner Couch liegst und plötzlich merkst, dass dein Leben verglichen mit den Lebensentwürfen der Medien oder deiner 600 internationalen Facebook Freunde für immer nur Durchschnitt sein wird. Was die Julia aber nicht verstanden hat, ist, dass dieser Vergleich im Endeffekt bloß konsumgenerierende Einbildung ist. Und deshalb rät sie dir mit ganz viel sprachlichem Pathos in ihrem Video, nochmal so richtig auf die Kacke zu hauen, um am Ende deines Lebens bloß nicht als Langweiler dazustehen. Aus irgendeinem Grund klingt das für dich alles sehr plausibel, was die Julia da sagt. Die ist jetzt immerhin auch schon 21 Jahre alt. Da hat man eben Angst vor der Zukunft. Ja, vor was denn sonst? Du hörst noch irgendwas, das klingt wie „Mal wieder was riskieren“, oder feiern bis die Kühe lila sind, denkst dir YOLO, chillst weiter auf der Couch und fühlst dich bestätigt.

 

 Look Up? Grow up!

Oder dein Name ist Gary Turk. Du bist jung, ambitioniert, schreibst natürlich auch Gedichte (!) und hast auch online einen Namen. Du bist gebildet, aber du hast diesen naiv-optimistischen Forrest Gump-Spirit. Dein sehnlichster Wunsch ist es, irgendwann einmal auf einer Parkbank zu sitzen, Pralinen zu mampfen und glücklich auf dein Leben zurückzublicken, ohne das Gefühl zu spüren etwas verpasst zu haben. Obwohl dir etwa 3300 Menschen auf Twitter folgen, fühlst du dich einsam. Grund genug für dich anzunehmen, dass eine ganze Generation dasselbe Problem hat. Die These von der gemeinsamen Einsamkeit, die die MIT Professorin Sherry Turkle in ihrem Buch Together Alone unserem digitalen Zeitalter schon 2011 unterstellte, machst du unbemerkt zu deiner eigenen, zentralen Thematik deines Gedichts. Melancholische Hintergrundmusik begleitet deinen filmischen Vortrag, der mit einer Liebesgeschichte sein anschauliches Ende findet. Look Up, heißt dein Video und du willst damit sagen: Seht von euren Smartphones auf und stürzt euch ins reale Leben, ihr Langweiler! Deine rhythmischen Reime massieren mehr als 32 Millionen Hirne (Anzahl der Aufrufe des Videos auf YouTube, Stand 09.05.2014). Aber deine Zeilen haben gerade soviel Tiefgang, dass sie die große Masse für vielleicht zwei Wochen in absolute Betroffenheit und Nachdenklichkeit stürzen, ohne durch zuviel Komplexität zu überfordern oder irgendeine Art von Verhaltensänderung zu initiieren. Die Wirkung deines Beitrags ist von jener eines süßen Katzenbabyvideos nicht zu unterscheiden.

 

 

Bei Risiken oder Nebenwirkungen fragen Sie ein virales Video

Egal ob Engelmann oder Turk, was heute an Gesellschaftskritik im Netz viral geht, mutet textlich nicht nur an wie allerfeinster deutscher Pop Schlager à la Unheilig, sondern liest sich auch so: Geboren, um zu leben. Wie wir leben sollen, können Engelmann und Turk so genau auch nicht sagen. Sicher ist scheinbar nur: Überall und in allen Dingen erwartet uns heute das geheimnisvolle Event, die große Herausforderung, die einmalige Chance. Wer sie nicht nutzt, aus dem wird nichts! Was soll einer später im hohen Alter mal erzählen, der in seiner Jugend nichts von Bedeutung erlebt hat? (Engelmann). Und wie soll man die große Liebe finden, wenn man doch ständig auf das Handy starrt? (Turk). Die große Gemeinsamkeit der thematisch unterschiedlichen Beiträge Gary Turks und Julia Engelmanns ist es, dass sie jedem Moment unserer Existenz eine Einzigartigkeit, Gemeinschaftlichkeit und Erlebnisorientierung unterstellen, die wir so tatsächlich weder digital, noch analog erleben und die uns auch in ihrer praktischen Umsetzung schlichtweg überfordern würde.

 

Die mahnende Erinnerung an unser fast vergessenes, romantisch verklärtes, analoges Lebens liegt trotzdem nahe. Sie ist die einfachste und medientauglichste Antwort auf das große Vorurteil der Assozialität durch digitale Kommunikation. Und sie ist alles, was uns technisch-überforderten Hypochondern momentan einfällt, auf unserer panischen Suche nach der großen digitalen Epidemie.

 

 

Fotos: flickr.com/SigfridLundberg  und  flickr.com/Phae (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Von der Power-App zur Malware

Von Daniel Fuchs

Die mit Abstand beliebteste Erweiterung für Internetbrowser heißt Adblock Plus. Diese ist in die Schlagzeilen geraten, weil die Entwickler unter einer Decke mit der Werbeindustrie stecken sollen.

Werbung durch die Hintertür

Adblock Plus ist ein kleines, beliebtes, und für viele unverzichtbares Browser-Plugin, das Werbung auf Webseiten ausblendet. Alleine 15 Millionen Firefox-User surfen mit der Erweiterung. Ursprünglich von nur einer Person entwickelt, wird das Programm seit 2011 von der Kölner Firma Eyeo GmbH vermarktet. Kurze Zeit später wurde die Funktion einer Whitelist eingebaut, mit Hilfe derer explizit bestimmte Werbung zugelassen werden kann. Das Ziel war es, unaufdringliche Werbung zuzulassen, die von der Community vorgeschlagen wurde. Es sollten Webseiten animiert werden, unaufdringlichere Werbung einzusetzen, um trotz Adblocker weiterhin Werbeeinnahmen zu generieren. Sozusagen eine Belohnung für nicht störende Werbung. Soweit die Theorie. Diese neue Funktion löste schon bei ihrer Einführung Diskussionen aus. Für die Einen waren die Kriterien für akzeptable Werbung nicht genau genug definiert, die Anderen wollten keine Form von Werbung zulassen. Bei der Diskussion spielt es damals wie heute keine Rolle, dass die Whitelist mit einem Klick deaktiviert werden kann. Der einfache Grund besteht darin, dass die meisten Nutzer die Standardeinstellungen eines Programms nicht ändern, ob aus Unwissen oder aus Bequemlichkeit.

Interessen auf beiden Seiten

Der Blogger Sascha Pallenberg berichtete vor kurzem, dass die Eyeo GmbH mit der Werbebranche eng vernetzt sein soll. Der konkrete Vorwurf lautet, die Werbung von bestimmten Firmen gegen Bezahlung in die Whitelist aufzunehmen. Dieser Bericht schlägt nun hohe Wellen; es empören sich Zeitungen wie der Spiegel, die SZ oder die FAZ.

Auf den ersten Blick erscheint es ungewöhnlich, dass sich große Zeitungen so ausgiebig mit einem Browser-Plugin beschäftigen. Das ist es aber nicht mehr, wenn man bedenkt, wie sehr sie von Werbung abhängig sind. Erst im Mai diesen Jahres appellierten sie noch mit großflächigen Anzeigen an ihre Leserinnen und Leser, keinen Werbeblocker zu nutzen. Oder zumindest für ihre Seiten eine Ausnahmeregel zu erstellen. Auch die Empörung der Blogosphäre verwundert nicht, da diese ebenfalls beträchtliche Einnahmen durch Werbung generiert.

Auf der anderen Seite ist es natürlich problematisch, wenn Adblock Plus zuerst die komplette Werbung ausblendet, und dann gegen Bezahlung wieder einblendet. Wer weiterhin Werbeeinnahmen will, wird zum Zahlen gezwungen. Dieses Vorgehen erinnert an Wegelagerei. Ganz nebenbei wird damit auch der eigentliche Sinn eines Werbeblockers konterkariert, wenn sich Unternehmen „frei kaufen“ können.

Die Beteiligung der Community an den Entscheidungen, was akzeptable Werbung ist, hält sich auch sehr in Grenzen, wenn man einen Blick in das offizielle Forum wirft. Fast alle Vorschläge stammen von Mitarbeitern, und diese werden dann nicht einmal diskutiert. Von den fast 30000 angemeldeten Accounts scheinen nur eine Handvoll aktiv zu sein.

Das alles erweckt den Eindruck, es handle sich um ein Geschäftsmodell, dessen eigentlicher Sinn es ist, mit zweifelhaften Methoden Geld zu verdienen.

Eine besonders absurde Entdeckung wird jeder machen, der ohne Werbeblocker unterwegs ist. Früher oder später wird man auf Anzeigen treffen, in denen Google per Adsense tatsächlich Adblock Plus bewirbt.

 

Aber ich will trotzdem keine Werbung!

Da Adblock Plus als Open Source Software entwickelt wird, gibt es zahlreiche Forks (wie Adblock Lite oder  Adblock Edge), die auf dem fast gleichen Quellcode basieren. Diese sind zwar nicht so bekannt, aber problemlos einsetzbar.

Die Allgemeine Problematik wird damit aber auch nicht gelöst. Auf der einen Seite ist es nachvollziehbar, wenn Nutzer die zumeist nervige Werbung nicht ertragen wollen, und sie ausblenden. Auf der anderen Seite trifft es nicht nur die Großen wie Google, Youtube oder Ebay. Sondern auch Verlage, Blogs, oder Testseiten, bei denen die geschaltete Werbung einen großen Anteil der Einnahmen ausmacht.

Wenn aus sinkenden Werbeeinnahmen die Konsequenz Paywall heißt, erscheint die Werbung für viele als das kleinere Übel. Denn bezahlen muss der Nutzer immer. Bei kostenpflichtigen Diensten direkt beim Anbieter. Bei kostenlosen Diensten bezahlt er mit seiner Aufmerksamkeit und unterstützt den Anbieter durch Werbeeinnahmen. Oder er bezahlt mit seinen persönlichen Daten. Schlussendlich wird es auf die Akzeptanz der Nutzer ankommen.

Fotos: flickr.com/o_Charitas (CC BY-NC 2.0)

Müssen wir alle Verschlüsseln lernen?

von Anne-Sophie Krier

Kaum arbeitet das amerikanische Parlament wieder, versucht es klammheimlich das CISPA-Abkommen durchzusetzen. Und seitdem bekannt ist, dass auch das Handy der Bundeskanzlerin überwacht wurde, heizte das hier in Deutschland die Überwachungsdebatte neu an. Nun heißt es Gegenwehr leisten und sich durch Verschlüsselung schützen. Alternative Anbieter und Cryptopartys machen es möglich. Frei nach dem Motto: Wenn sie sowieso mitlesen, dann machen wir es ihnen so schwer wie möglich!

Massentaugliche Verschlüsselung?

Kaum ein Thema ist in den Medien im Moment so stark vertreten wie der Überwachungsskandal rund um NSA, Prism,Tempora und co. Schon über einen Monat ist es her, dass der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden mit seinen Informationen über den US-Auslandsgeheimdienst an die Öffentlichkeit ging. Er offenbarte uns das Ausmaß der weltweiten systematischen Überwachung und Datensammlung – George Orwell lässt grüßen. Für viele ist der Whistleblower Snowden ein Held, andererseits zählt er aber auch zu den meist gesuchten Personen auf der Welt. Beinahe täglich hören wir von seiner Flucht, Asylanträgen und vermuteten Aufenthaltsorten. Was sich wie ein Thriller liest ist bittere Realität. Der Glaube an den freien Rechtsstaat USA scheint gebrochen und auch die Enthüllungen über die europäischen Geheimdienste und den BND haben das Vertrauen in fremde Nationen und den eigenen Staat erschüttert. Wer liest mit, hört oder sieht mir gerade zu – sei es nun aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen? Und wie kann ich mich davor schützen? Hacker und Aktivisten reagieren mit technischen Lösungen und laden zu sogenannten Cryptopartys ein. Verschlüsselung soll alltäglich, einfach und somit massentauglich werden. Denn: Wer schützt uns, wenn nicht wir selbst?

„Don’t bareback with the internet. Don’t bareback with Big Brother. Use cryptography.“

Am 05.-07. Juli 2013 fand die Sigint-Konferenz des Chaos-Computer-Clubs in Köln statt. Natürlich wurde der Geheimdienstskandal immer wieder Thema der Vorträge und am Wochenende rief man zur Spontan-Demo auf. Doch der Erfolg war, ebenso wie bei weiteren Demos in Berlin und Hannover, eher bescheiden. Der Widerstand findet nicht auf den Straßen sondern vielmehr vor den PCs der Deutschen statt. Alternative Suchmaschinen wie DuckDuckGo oder Ixquick, sowie verschlüsselnde E-Mail-Dienste wie Posteo erfreuen sich wachsendem Interesse und steigender Nutzerzahlen. Durch das Abwenden von den führenden Anbietern entgeht man der Datenspeicherung und Vermarktung und gewinnt wenigstens ein wenig Privatsphäre zurück. Die „Nerds“  scheinen zurzeit einen klaren Vorteil zu genießen, denn in der Szene gilt Verschlüsselung als alter Hut. Doch Ziel ist es, der breiten Masse nun ebenfalls die nötigen Mittel an die Hand zu geben, um sich selbst zu schützen. Eine Möglichkeit dazu sind Cryptopartys. Auf die Idee kam die australische Internet-Aktivistin Asher Wolf schon am 22. September des vergangenen Jahres: Lasst uns eine Party feiern und den Gästen zeigen, wie man E-Mails und Dateien verschlüsselt und anonym im Internet surft. Während die erste Begegnung mit 60 Interessierten startete, wuchs sich die simple Idee innerhalb weniger Wochen zu einer weltweiten Bewegung aus. Die Website crypto.is wartet mit vielen Erklärungen und Tipps für Neueinsteiger auf. Auf der Startseite heißt es: „Crypto.is is an organization designed to assist and encourage anonymity and encryption research, development, and use. As part of this goal, we seek to revitalize the Cypherpunk movement and provide better software, security, and anonymity to individuals worldwide.”

Vielleicht eine Antwort auf die jetzige Lage. Auch auf der Sigint-Konferenz wurden die Menschen ermutigt, das Angebot wahrzunehmen. Alleine im Juli sind sieben Cryptopartys im Raum Bayreuth bis Berlin angekündigt worden. Laien können lernen ihre IP-Adresse zu verschleiern sowie Mails, Chats und Festplatten zu verschlüsseln. Gerade diejenigen scheinen angesprochen, welche glauben sie hätten nichts zu verbergen. Es geht um das Prinzip, der Wahrung der Grundrechte und Privatsphäre. Nadim Kobeissi, Chefentwickler des Chatprogramms CryptoCat, meint, verschlüsselte Chats sollten so einfach gestaltet sein, dass der Benutzer nichts von ihnen merkt. Es ist immer noch schwierig den  Spagat zwischen Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit zu finden. Auch CryptoCat hat noch einige Hürden zu bewältigen und steckt in der Entwicklung.

Lösung unserer Probleme?

Doch inwieweit sind technische Lösungen für ein gesellschaftliches Problem geeignet, um den Geheimdiensten etwas entgegenzusetzen? Wie Karig Friedmann kritisch feststellt, könnte sich die individuelle Verschlüsselung eher kontraproduktiv auswirken. Die Geheimdienste denken, wer verschlüsselt, hat etwas zu verbergen. Gerade die geschützten Mails stechen plötzlich aus dem Datenwust hervor und erregen die Aufmerksamkeit des Geheimdienstes. Geheime Militär- und Geheimdiensteinrichtungen auf Google Maps findet man nach einem ähnlichem Prinzip: „Es sind die verpixelten Flecken in der sonst unverpixelten Landschaft.“ Je geheimer die weltweite Kommunikation wird, desto mehr Überwachung braucht es, um informiert und „sicher“ zu bleiben. Je größer die Überwachung, desto besser wollen sich die Bürger schützen, usw.. Abgesehen von der Tatsache, dass eine Verschlüsselung aufgrund der technischen Entwicklung letztendlich sicherlich leicht von einem Geheimdienst zu knacken ist. Überspitzt ausgedrückt können wir uns in einem solchen Fall von einem freien Netz verabschieden, gefangen zwischen Überwachung und Verschlüsselung. Die Kryptographie bietet vielleicht vorläufige individuelle Sicherheit, doch sie bietet nicht die Lösung für das Kernproblem: Politische Ungerechtigkeit und Bespitzelung unter Missachtung der Menschenrechte.

 

Fotos: flickr.com/alpuerto & jeyulio_(CC BY-NC 2.0)