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Die Lage der Musikbranche in Zeiten der Krise

Schon seit mehreren Monaten, besonders zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland, bestimmt das Motto ‚Social Distancing‘ das Leben eines jeden von uns. Doch nicht nur unser soziales Miteinander wurde zeitweise sogar zum Stillstand gebracht, sondern auch das kulturelle Leben. Wie die Kulturszene – insbesondere die Musik- und Veranstaltungsbranche – mit den Auswirkungen der Krise umgeht, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Beim nächsten Kulturschock: Lachen bitte!

von Lara Luttenschlager

Interkulturelles Chaos, Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit – ein Grund zum Lachen, findet das Kino! Denn Filme wie Monsieur Claude und seine Töchter (2014) und Almanya – Willkommen in Deutschland (2011) gehören aktuell zu den Kassenschlagern der Filmindustrie. Und das ist gut so: Culture-Clash-Komödien können dabei helfen, Feindbilder abzubauen, und somit Toleranz und Offenheit fördern.

Den Spieß umgedreht

Wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, sei es im Urlaub, auf der Geschäftsreise oder in der Einwanderungsgesellschaft, findet das manch einer überhaupt nicht zum Lachen. Doch genau darüber machen sich Culture-Clash-Komödien lustig. Sie greifen Klischees und alltäglichen Eigenarten von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen oder sozialen Hintergründen auf, vereinfachen diese und machen sich über jene lustig, die zu steif und verschlossen sind, um sich mit ihrem Gegenüber zu verständigen. Dabei bedienen sie sich der Situationskomik: Die Missverständnisse und Empfindlichkeiten der einzelnen Personen bei ihrem interkulturellen Zusammentreffen werden ins Absurde oder Groteske überspitzt. Dadurch werden einzelne klischeehafte Zuschreibungen wieder aufgebrochen. Doch warum funktioniert das so gut?

Humor als ästhetisches Mittel

15216299853_3ed2f460df_oSchopenhauer zufolge entsteht Humor, wenn Menschen Inkongruenzen wahrnehmen, Gegensätze vermittelt werden[1]. Humor kann aber auch als eine Haltung oder Weltanschauung verstanden werden, die uns erlaubt, unsere Umgebung mit Abstand und Gelassenheit zu betrachten, wodurch wir über ihre Widersprüche überhaupt erst lachen können. Das bedeutet auch, dass wir weniger emotional auf Situationen reagieren können, weil wir eine gewisse emotionale Distanz zum Geschehen behalten. Doch das ist längst nicht alles: Diese emotionale Distanz ermöglicht es uns auch, uns an die eigene Nase zu fassen und über uns selbst zu reflektieren, weil wir uns als Teil dieser widersprüchlichen Welt sehen. Humoristische Medien betrachten die Welt durch genau diese Brille, indem sie Humor als ästhetisches Mittel einsetzen.

In Culture-Clash-Komödien wird ganz gezielt auf bestimmte Inkongruenzen innerhalb von Gesellschaften verwiesen, indem man sie überspitzt oder sich andere, „fremde“ Menschen in der Handlung darüber wundern lässt. Ihre Komik besteht daraus, dass verschiedene Wertesysteme miteinander konfrontiert werden. Dadurch werden alltägliche, unreflektierte, widersprüchliche Normen, Haltungen und Werte hinterfragt und kritisiert. Wenn sich nun in Almanya – Willkommen in Deutschland ein kleines türkisches Kind darüber wundert, dass ein Deutscher seine „Riesenratte“ (den Dackel des Herren) an einem Seil herumführt, obwohl diese doch eigentlich alleine laufen kann, werden für uns alltägliche Handlungen plötzlich ins Lächerliche gezogen, wenn sie vom anderen als Eigenheit bemerkt werden. Unterschiede und Missverständnisse werden nachvollziehbarer, wodurch der Zuschauer die Situationen plötzlich aus zwei Perspektiven heraus beurteilen kann. Die Vorstellung, eine Seite habe nun die bessere Lebensweise, die weniger schlimmen Laster, oder sei überhaupt kulturell überlegen, scheint dann genauso absurd. Und wir merken, wie lächerlich manche Vorurteile sein können, wenn wir etwa damit konfrontiert werden, dass manche Türken glauben, wir Deutsche wären so schmutzig, dass sie vorsichtshalber ein paar Putzlappen mehr mit auf ihre Reise nach Deutschland nehmen. Bestehende Feindbilder werden aufgeweicht.

Lachen als Brückenschläger

Gemeinsames Lachen über dieselben Dinge verbindet. Denn soziale Gruppen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie gemeinsame Werte haben oder ablehnen. Wer über die gleichen Dinge lacht und somit die gleichen Widersprüche in Frage stellt, fühlt sich dadurch verbunden. Anglistin Anahita Teymourian-Pesch spricht in diesem Kontext vom schöpferischen, Gruppen konstituierenden Potenzial des Humors[2]. Aber Achtung: Die Grenzen zwischen Bestätigung und Auflösung der Feindbilder sind oft fließend. Damit die Vorurteile abgebaut und nicht auch noch verstärkt werden, müssen die Protagonisten des Films selbst zu der Erkenntnis kommen, dass jede soziale Gruppe ihre Vor- und Nachteile hat und deshalb eine Annäherung suchen. Dadurch werden auch neue, eventuell wünschenswertere soziale Modelle suggeriert: Meist enden Culture-Clash-Komödien mit einem Happy-End, in dem zwei kulturell verschiedene Familien zusammengeführt werden oder wie in Monsieur Claude und seine Töchter eine neue Definition des idealen Franzosen vorgeschlagen wird, der genauso gut afrikanischer, asiatischer oder jüdischer Herkunft sein kann: Alle drei Versionen rühren den konservativen Schwiegervater gleichermaßen zu Tränen, wenn sie inbrünstig die Marseillaise singen.

Culture-Clash-Komödien können auf diese Weise helfen, Brücken zwischen Kulturen und sozialen Schichten zu bauen. Gerade angesichts der wachsenden Globalisierung und unserer zunehmend multikulturellen Gesellschaft könnte das kaum wichtiger sein.

Fotos: http://www.gratisography.com, flickr.com/Todd F Niemand (CC BY-NC 2.0)

[1] Schopenhauer, Arthur (1986). Die Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 105.

[2] Teymourian-Pesch, Anahita (2006): Amerikaner in der Fremde. Humor als Überwindungsstrategie. Berlin: Lit Verlag, 58.


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von Lara Luttenschlager

 

Im Rahmen der Ringvorlesung „Clash of Civilizations: Feindbilder in interreligiösen Beziehungen und internationaler Geopolitik“ sprach der Geologe Prof. Dr. Paul Reuber am 24. November 2014 über die Konstruktion von Leitbildern in den Medien und darüber, wie sie zur Rechtfertigung geopolitischer Maßnahmen genutzt werden. Von klein auf lernen wir, auf Unterschiede zwischen unserer und fremden Kulturen zu achten. Die Konstruktion des Eigenen und des Fremden diene der Stiftung unserer westlichen Identität, sagte schon Foucault. Ähnlich sieht es Edward Said: Der „Orient“ musste erfunden werden, damit der Westen sich abheben und vor allen Dingen überheben konnte. Für Reuber ein Zustand, den es zu hinterfragen gilt.

Kampf der Kulturen

So seien Stereotypen und vor allen Dingen Leitbilder hegemoniale Deutungsschemata, die bereits lange existieren und die wir derart verinnerlicht haben, dass sie in Konfliktfällen als Begründungsrhetorik für eine bestimmte Politik wieder hervorgebracht werden können. Jahrzehnte lang, so Prof. Dr. Paul Reuber, sind unsere Leitbilder durch das geopolitische Kräftemessen des Kalten Krieges geprägt worden. Als dieser jedoch sein Ende fand, geriet der Westen in eine Art Sinnkrise: Neben großer Erleichterung empfand die Politik das Bedürfnis nach neuen Argumenten und Erklärungsmustern, anhand derer geopolitische Handlungen interpretiert werden konnten.

Genau dieses Bedürfnis wusste Samuel Huntington mit seiner Theorie über den „Kampf der Kulturen“ zu befriedigen. Seine Einteilung der Welt in verschiedene konkurrierende Zivilisationen, darunter die westliche und die islamische, war es, die schon bald im politischen und somit medialen Diskurs dominieren sollte. Huntington schrieb dazu 1987, nach dem Verschwinden der Konfliktlinie zwischen Ost und West würden neue Konflikte entlang der verschiedenen Kulturräume entstehen. Der gefährlichste Faktor sei dabei die
Religion, weshalb sich für den christlich geprägten Westen beispielsweise die Beziehungen mit dem überwiegend islamischen Orient zwangsläufig als schwierig erweisen würden.

Vom Film in die Nachrichten

Doch was hat all das mit den Medien zu tun? Den Einzug des Kampfes der Kulturen in die Medien veranschaulichte Reuber anhand einiger Filmsequenzen: Während James Bond lange meist sowjetische Bösewichte zur Strecke brachte, kamen die Feinde von Actionhelden ab den 90ern nicht mehr aus der UdSSR, sondern aus dem Orient. Der neue Angst-Plot war geboren: Terroristen mit dunklem Bart drohen, den Westen zu zerstören. Die meisten Leitbilder, erklärte Reuber, verbreiten sich zunächst über die Diffusion in der Alltagskultur, um erst nach einiger Zeit auch von Qualitätsmedien aufgegriffen zu werden.

Der entscheidende Durchbruch für das Leitbild des feindlichen Islams sei 2001 mit den Anschlägen des 11. Septembers gekommen, als Huntingtons These plötzlich in allen Medien zu hören war. Und schließlich seien es die Proteste gegen die Mohammed Karikaturen im Jahr 2005 gewesen, die den Kampf der Kulturen auch „headline-fähig“ machten.

„Wir verteidigen die Zivilisation“

Den Grund für die Beliebtheit von Huntingtons Leitbild in den Medien sah Reuber darin, dass es durch extreme Vereinfachung, scharfe Abgrenzung der potenziellen Konfliktparteien und starke Homogenisierung für die Bürger sehr leicht greifbar werde. Problematisch sei allerdings die kulturdeterministische Sicht des Leitbildes, die alle Angehörigen einer Kultur in eine – feindliche – Schublade steckt. Bemerkenswert fand der Redner zudem, dass das Leitbild eines Kampfes der Kulturen in den arabischen Medien nicht zu finden sei. Es handle sich also um eine Rhetorik des Westens.

Das Bild der unheimlichen islamischen Welt, die durch Terrorismus die westlichen Werte bedroht, hat Hochkonjunktur. Nicht selten werde diese Bedrohung zur Legitimation von Eingriffen westlicher Mächte im Nahen Osten benutzt. Sehe man sich allerdings aktuelle Konfliktstrukturen innerhalb der arabischen Kultur an, werde Huntingtons These schnell brüchig: Viele der aktuellen islamistischen Angriffe gelten nicht etwa dem Westen, sondern sind Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, die beide der gleichen Kultur angehören.

Nicht zuletzt deshalb plädierte Reuber abschließend dafür, im Umgang mit den Medien solche Feindbilder und geopolitischen Diskurse zu hinterfragen und ihre Einseitigkeit herauszuarbeiten. Denn auch im Eigenen lauere das Fremde, und es sei wichtig, die Legitimationsdiskurse von Medien und Politik mit ihren Gefahren zu erkennen.

Foto: flickr.com/maria (CC BY-NC-ND 2.0)