The Garden of Words

von Andrea Kroner

Im realen Leben und auch in den meisten Filmen ist Regen negativ besetzt. Er dient oft als Zeichen von Trauer, Schmerz oder als Vorbote von Unheil. Anders in „The Garden of Words“. Hier zeigen fantastische Bilder und minimale Geräusche, wie außergewöhnlich Regen sein kann.

Die Schönheit des Regens

Der Schüler Takao liebt den Regen. Denn dann fühlt er sich dem Himmel ein Stück näher. Deshalb verbringt er regnerische Tage auch nicht in der langweiligen Schule. Er sitzt im Pavillon eines Parks von Tokyo, träumt vor sich hin und zeichnet Schuhe. Dadurch möchte er seinem großen Wunsch näher kommen, später einmal Schuhmacher zu werden, obwohl die Aussichten nicht gut sind.

In diesem Park begegnet er eines Tages einer Frau namens Yukari, die ihre Vormittage im Pavillon mit Alkohol und Schokolade verbringt. Zunächst haben sie nicht viel miteinander zu tun, doch mit der Zeit kommen sich die beiden langsam näher: Takao beginnt sich zu öffnen und von seinen großen Träumen zu erzählen. Das hatte er bisher noch nie gemacht.

Yukari ist so begeistert von seinen Entwürfen und Plänen, dass sie ihn bittet, ein Paar Schuhe für sie anzufertigen, damit sie symbolisch wieder auf eigenen Beinen stehen könne. Denn sie versucht, ihrer ungeliebten Vergangenheit zu entfliehen, statt sich ihr zu stellen.

Mit dem Ende der Regenzeit enden auch die Treffen der beiden. Jeder muss sich jetzt seinen eigenen Aufgaben und Problemen stellen und sein Leben in die Hand nehmen. Yukari krempelt ihr bisheriges Leben um und versucht, von vorn zu beginnen. Auch Takao muss zurück in den Alltag und seinen Abschluss schaffen, um seinen Traum verwirklichen zu können. Doch beide wünschen sich insgeheim den Regen und die gemeinsamen, unbeschwerten Treffen zurück.

Animationskunst auf höchstem Niveau

Alle Hintergründe sind so detailgetreu und liebevoll gestaltet, dass die Grenze zwischen Animation und Realität zu verschwimmen beginnt. Gerade bei den Naturaufnahmen im Park zeigt sich das sehr deutlich: Jedes einzelne Blatt und jeder Regentropfen ist klar konturiert, präzise gezeichnet und voll schöner, leuchtender Farben. Im Internet gibt es sogar zahlreiche Vergleiche zwischen den Zeichnungen und den dazu gehörenden, realen Orten – teilweise sind diese kaum zu unterscheiden.

Doch in der Gestaltung der verschiedenen Handlungsorte gibt es deutliche Unterschiede. Das hektische, laute Stadtleben von Tokio wird anders dargestellt, als die Stille des Parks. Obwohl beide Bereiche realistisch und plastisch gezeichnet sind, wirkt das städtische Leben durch unnatürliche Perspektiven und Blickwinkel surreal und überzeichnet.

Einen starken Gegensatz zu den filigranen Hintergründen bildet auch die Darstellungsweise der Figuren. Sie sind mit großen Augen, einer spitzen Nase und den strähnigen Haaren, wie in Animés üblich, gezeichnet. Dadurch entfernt sich der Film wieder mehr von einer realistischen Darstellung.

Es wird alles gesagt

„The Garden of Words“ dauert nicht einmal 45 Minuten. Das erscheint zunächst äußerst kurz, doch bei Shinkai ist das keine Seltenheit, denn kaum einer seiner Filme dauert länger.

Dennoch könnte man argumentieren, dass er durch die Kürze das Potential seiner Geschichte nicht voll ausgeschöpft hat. Doch er möchte auch gar keine ausschweifende, komplexe Geschichte erzählen, sondern beschränkt sich auf das Wesentliche – deshalb muss man als Zuschauer auch auf die Kleinigkeiten achten, die so wichtig für die tiefgründige und feinfühlige Geschichte einer ganz besonderen Beziehung sind.

Dabei bleibt den ganzen Film über die Spannung bis zum Ende erhalten. Dieses selbst ist jedoch etwas enttäuschend ausgefallen, was aber auch im Auge des Betrachters liegen kann. Aber das muss jeder für sich selbst herausfinden.

Foto: flickr.com/Antonio Tajuelo (CC BY 2.0)

Weitere Artikel aus dieser Reihe:

Teil Eins: Vergessene Filme – verborgene Schätze

Teil Zwei: Der Meister der Stille

Teil Drei: „Faust“ – die Geschichte lebt wieder auf

Teil Vier: „Erleuchtung garantiert“ – wirklich?

Teil Fünf: „5×2“ – Wieso ging es schief?

Teil Sechs: „Moolaadé“ – Bann der Hoffnung

Teil Sieben: The Garden of Words

Teil Acht: Wakolda – ein Arzt auf der Flucht

„Moolaadé“ – Bann der Hoffnung

von Andrea Kroner

Man hört selten etwas über afrikanische Filme, obwohl es dort in den verschiedenen Ländern eine vielfältige Kinotradition mit ganz besonderen Produktionen gibt. Meist setzen sich die Regisseure dabei mit typisch afrikanischen Sitten und Gebräuchen auseinander. So auch Ousmane Sembènes in seinem Film „Moolaadé“. Er möchte die Bevölkerung über die Beschneidung junger Mädchen aufklären.

Ein Verstoß gegen die Tradition

Die Geschichte spielt in einem kleinen afrikanischen Dorf, das sich streng an die Tradition der Beschneidung hält. Doch sechs kleine Mädchen flüchten davor, weil sie Angst vor der Verstümmelung haben. Vier davon retten sich zu Collé Ardo (Fatoumata Coulibaly). Diese hat sich geweigert, ihre zweite Tochter Amsatou beschneiden zu lassen, weil ihre erste Tochter bei diesem Ritual gestorben ist. Und auch den vier Mädchen hilft sie, indem sie das „Moolaadé“ ausspricht. Dafür spannt sie ein Seil am Eingang ihres Hofes auf. Dieses markiert eine symbolische Grenze, die ohne ihre Erlaubnis nicht übertreten werden darf. Wer sich nicht daran hält, verfällt einem tödlichen Bann – glauben zumindest die Dorfbewohner. Deshalb sind die Mädchen vor den Beschneiderinnen sicher, solange sie den Hof nicht verlassen.

Zeitgleich kommt der Sohn des Oberhaupts ins Dorf. Er hat in Paris studiert und ist eigentlich zurückgekehrt, um Amsatou zu heiraten. Da sie jedoch nicht beschnitten ist, kommt das für seinen Vater nicht infrage. Stattdessen soll er nun seine 11-jährige Cousine zur Frau nehmen. Doch so einfach wird es nicht, denn nun beginnen auch die anderen Frauen des Dorfes langsam, sich gegen das patriarchalische System zu wehren. Am Ende löst sich alles auf – teilweise zum Positiven, teilweise äußerst tragisch.

Ein heikler Punkt

Sembène ist der erste afrikanische Mann, der sich öffentlich mit dem Thema der Beschneidung auseinandersetzt und sich auch vehement dagegen ausspricht. Dabei weitet er das Geschehen des Films auf eine größere Dimension aus: Mit dem Asyl der Mädchen bei Collé Ardo möchte er die Menschen dazu aufrufen, Frauen, die Hilfe suchen, Asyl zu gewähren. Auch bietet das Moolaadé für Collé Ardo die Möglichkeit, aus dem starr festgelegten, von Männern beherrschten System auszubrechen und die Machtverhältnisse umzukehren.

Er äußert seine Kritik jedoch nie zu hart, sondern setzt sie genau an den passenden Stellen und im richtigen Maß ein. Es werden beispielsweise keine verstümmelten Genitalien der Frauen gezeigt, doch trotzdem wird die Grausamkeit dieses Rituals äußerst deutlich, da man die Reaktionen der Mädchen miterlebt. Auch beleuchtet er alle Folgen dieser Verstümmelung. Diese sind sowohl körperlicher als auch seelischer Natur. Eine wichtige Rolle spielen aber auch soziale Konsequenzen für Unbeschnittene, die ausgestoßen werden oder keinen Ehemann finden. Denn kein traditioneller Mann möchte eine Unbeschnittene, eine Unreine heiraten.

Doch Sembène geht noch weiter: Er prangert an, dass gerade Frauen der Zugang zu Informationsquellen oft verboten wird. So werden den Frauen in Moolaadé die Radios weggenommen und verbrannt, wodurch ihnen Informationen und moderne Einstellungen verwehrt werden sollen.

Ein ganz eigener Charme

Sembène schafft es geschickt, in seinem Film drei wichtige Grundelemente zu verbinden: Ästhetik, Unterhaltung und Kritik. Diese drei Komponenten werden immer wechselseitig eingesetzt. So  spricht er ein breiteres Publikum an und kann seine Botschaft auf subtile Art und Weise verbreiten.

Interessant ist, dass der Film nicht in andere Sprachen übersetzt, sondern nur mit entsprechenden Untertiteln versehen wurde. Dadurch gewinnt er gerade für Außenstehende noch mehr an Authentizität. Diese wird durch die typisch afrikanische Musik noch mehr gesteigert, die sich an den richtigen Stellen gut einfügt. Ob moderne Musik aus dem Radio oder traditionelle Klänge bei Ritualen, sie wird immer passend eingesetzt.

Ein guter Einblick

Gerade, wenn man sich nicht so gut mit der Thematik auskennt, bietet dieser Film einen guten Einblick in das Ritual der Beschneidung, wie es in vielen afrikanischen Ländern immer noch praktiziert wird. Er liefert ein ungeschöntes, reales Bild und schafft es, dabei auch noch andere Kritikpunkte einzubinden. Wer mehr darüber erfahren möchte, sollte „Moolaadé“ auf keinen Fall verpassen.

Foto: flickr.com/UNAMID (CC BY-NC-ND 2.0)

Weitere Artikel aus dieser Reihe:

Teil Eins: Vergessene Filme – verborgene Schätze

Teil Zwei: Der Meister der Stille

Teil Drei: „Faust“ – die Geschichte lebt wieder auf

Teil Vier: „Erleuchtung garantiert“ – wirklich?

Teil Fünf: „5×2“ – Wieso ging es schief?

Teil Sechs: „Moolaadé“ – Bann der Hoffnung

 

Kleiner Held, ganz groß

von Marius Lang

Marvel's Ant-Man Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)  Photo Credit: Zade Rosenthal © Marvel 2014Einst war Ant-Man, mit bürgerlichem Namen Hank Pym (Michael Douglas), einer der Top-Agenten der USA im Kampf gegen fremde Mächte. Doch als das Militär seine Techniken finanziell nutzen wollte, nahm der brillante Forscher seinen Hut und seine Technologie gleich mit. Heute lebt Hank Pym zurückgezogen und von seiner Tochter  entfremdet. Seine Firma haben längst andere übernommen, geführt von Pyms einstigen Schützling Darren Cross (Corey Stoll). Als Cross jedoch enthüllt, dass er die Technologie von Ant-Man, sich selbst und andere Materie nach Willen kleiner zu machen, entdeckt hat und nun ebenfalls als Waffe vermarkten will, ist Pym zum erneuten Handeln getrieben. Er rekrutiert den Ex-Knacki Scott Lang (Paul Rudd) und bildet ihn gemeinsam mit seiner Tochter Hope van Dyne (Evangeline Lilly) zum neuen Ant-Man aus, um die Pläne seines früheren Schülers zu durchkreuzen.

Soweit zur Story des aktuellsten Films des MARVEL Filmuniversums. Damit haben wir zum ersten Mal seit Captain America (2011) die Einführung eines neuen Helden in einer klassischen Origin-Story. Zugegeben, Avengers: Age of Ultron (2015) konnte auch als Origin-Story gehandelt werden, für Android Vision und in geringerem Maß für die Maximoff-Zwillinge, doch bei Ant-Man passiert es zum ersten Mal seit Jahren, dass die Grundlage eines neuen Superhelden aus dem Hause MARVEL und Disney in einem eigenen Film abgehandelt wird, abseits der Avengers. Dies hält das Team der größten Superhelden der Welt jedoch nicht davon ab, sich zeitweise und zumindest teilweise in die Handlung einzubringen. Doch dazu später mehr.

Experiment geglückt?

Der Film kann ganz klar als Risiko eingestuft werden. Aus mehreren Gründen: Zum einen ist Ant-Man bei jenen, die mit den Comics weniger bewandert sind, eher einer der obskureren Helden, und das obwohl er zur ersten Besetzung der Avengers gehörte. Zum anderen stand der Film in seiner Produktion von Anfang an unter keinem guten Stern. Als erster Regisseur wurde Edgar Wright angestellt. Doch 2014 distanzierte sich der Regisseur von Hot Fuzz und Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt von dem Projekt. Grund hierfür waren wohl kreative Differenzen. Wrights Nachfolger wurde der in Komödien bewanderte Peyton Reed. Doch hat der Wechsel sich bezahlt gemacht? Ist das Experiment geglückt?

Zum größten Teil: Ja. Den Einfluss des Fachmannes erkennt man deutlich: Ant-Man kann getrost als einer der lustigsten Filme der Reihe bezeichnet werden. Wenngleich nicht jeder Gag an sich funktioniert, schaffen es die sympathischen Charaktere selbst diese so an den Mann zu bringen, dass man sich ein Schmunzeln kaum verkneifen kann.

Gute Charaktere

Marvel's Ant-Man L to R: Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd) and Hank Pym/Ant-Man (Michael Douglas) Photo Credit: Zade Rosenthal © Marvel 2014Diese Charaktere, bis in die kleinsten Nebenrollen großartig besetzt, sind dann auch die erste große Stärke des Filmes. Paul Rudd ist ein wahrer Glückstreffer als Hauptfigur Scott Lang, er bringt genau die richtige Mischung aus Humor und Charaktertiefe mit sich, die der Film von seinem Hauptdarsteller verlangen kann. Geschult wird er im Film von Michael Douglas als in die Jahre gekommener Ex-Ant-Man Hank Pym. Und wie könnte man es von dem Schauspieler anders erwarten, Douglas ist großartig. Die Mentoren-Rolle steht ihm gut und doch blitzen da stets die Anzeichen des harten Knochen und alten Haudegens durch, die man von einem pensionierten Superhelden erwarten würde. Auch Evangeline Lilly als Hope van Dyne, Hank Pyms entfremdete Tochter, macht eine exzellente Figur. Tragisch ist dabei nur, dass der Film sie von Anfang an als offensichtliches Love-Interest für Scott Lang eingeplant hat. Das Problem dabei: Hope ist eigentlich als Charakter die eigentlich logische erste Wahl ihres Vaters für den Anzug des Titelhelden. Sie ist hochintelligent, stark, beherrscht die Technik des Helden und ist von Anfang an gewillt, trotz aller Differenzen mit ihrem Vater, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Die Begründung, warum sie dann nicht zum Helden werden darf, wirkt demzufolge etwas an den Haaren herbeigezogen. Doch am Ende wird man hierfür entschädigt.

Einzige charakterliche Schwäche, wie so oft in den MARVEL-Filmen, ist hierbei der Bösewicht. Der talentierte Corey Stoll ist völlig verschwendet als Fiesling Darren Cross, beziehungsweise Superschurke Yellowjacket. Cross gibt wenig her, er wirkt wie ein zorniges Kind, dass von seinem Zieh-Papa Pym nicht ausreichend geliebt wurde. Dafür sind die Nebenfiguren fantastisch besetzt. Besonders hervorzuheben ist hierbei Michael Peña als Scotts Knast-Kumpel Luis, der einen Großteil der Lacher des Filmes auf seiner Seite verbuchen kann. Dazu tut es immer wieder gut, Peña in einem Film zu sehen. Hinzu kommt ein großartiger Gastauftritt von Anthony Mackie als Avengers-Mitglied Falcon. Dieser Gastauftritt dient dabei noch dazu, Ant-Mans Rolle in dem 2016 erscheinenden Captain America: Civil War aufzubauen.

Traumhaft anzusehen

Marvel's Ant-Man Ant-Man/Scott Lang (Paul Rudd)  Photo Credit: Film Frame © Marvel 2015Neben dem Humor und den guten Charakteren hat der Film noch eine weitere große Stärke: Die phänomenalen Sequenzen, immer dann wenn Ant-Man auf Ameisengröße schrumpft. Daraus hätte man zwar eigentlich noch so viel mehr machen können, doch das was man bekommt, ist schon fantastisch. Die Ameisen, mit denen Ant-Man kommunizieren kann, werden zu einem emotionalen Anker des Films. Die Actionsequenzen sind gut choreografiert und machen exzellenten Gebrauch von der Technik des Helden. Tragisch ist dabei nur, dass der finale Kampf der Hauptfigur mit Schurke Yellowjacket bereist zum Löwenanteil im Trailer des Filmes vorweg genommen wurde. Doch das große Finale des Filmes entschädigt hierfür mehr als ausreichend. Ohne zu viel vorwegzunehmen, es ist der beste Moment des Films und kann getrost als Andeutung darauf gesehen werden, wie künftige MARVEL-Filme, insbesondere der bald erscheinende Doctor Strange, aussehen könnten.

Ant-Man startete als Experiment: Kann man aus einem Helden wie Ant-Man einen Publikumsliebling machen? Die Antwort: Ja, man kann. Mit Guardians of the Galaxy hat das Studio schon bewiesen, dass keine IP zu obskur ist, um daraus nicht einen Hit zu machen. Und auch dieses Mal kann man beruhigt sein, dass der erste richtige Flop von MARVEL noch auf sich warten lässt. Ant-Man macht schlicht Spaß, ein echter Sommerhit und ist dazu schön anzusehen. Dazu nehme man sympathische Charaktere, viel Energie und dazu noch ein gutes Maß Einfallsreichtum und schmecke es ab mit riesigen Ameisen und der perfekte Sommerblockbuster ist fertig. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen.

Fotos: Zade Rosenthal © Marvel 2014

Beck’s letzter Sommer – ein Roadtrip durch’s Leben

von Andrea Kroner

Bisher hat sich Robert Beck immer für die langweilige, sichere Variante entschieden. Doch sein Leben bekommt eine Eigendynamik, als er den jungen Rauli das erste Mal Gitarre spielen und singen hört. Denn der Junge hat ein unglaubliches Talent. Gemeinsam schlittern sie von einem Abenteuer ins nächste und eine turbulente Geschichte kommt ins Rollen.

Auf der Jagd nach großen Träumen

Robert Beck (Christian Ulmen) ist frustriert und angewidert von seinem Leben: Sein Job als Musiklehrer an einem Berliner Gymnasium langweilt und er hat weder eine Freundin, noch Perspektiven für die Zukunft. Doch all das ändert sich schlagartig, als er seinen Schüler Rauli (Nahuel Pérez Biscayart) nach dem Unterricht zu sich ruft. Eigentlich möchte er über dessen schwierige familiäre Verhältnisse reden. Doch Rauli brennt nur darauf, mit Becks Gitarre spielen zu dürfen. Entgegen Becks Erwartungen singt und spielt er „Seven Nation Army“ wie ein junger Gott. Bisher hatte Beck den unscheinbaren, litauischen Jungen kaum wahrgenommen. Doch jetzt sieht er seine Chance, Rauli groß raus zu bringen. Denn er selbst hat in jungen Jahren seine eigene Karriere als Musiker aufgegeben. Obwohl er Frontmann der erfolgreichen Band „Cash Punk“ war, hat er sich dennoch für die sichere Variante als Lehrer entschieden und möchte jetzt seinen großen Traum in Rauli verwirklichen.

Beck ist so begeistert von Raulis Talent, dass er mit dem Jungen bald eine erste Demo-CD aufnimmt und ein kleines Konzert organisiert. Alles in der Hoffnung, ein Plattenlabel zu finden. Und ihre Bemühungen sind auch von Erfolg gekrönt. Ein großes Label möchte den Jungen unter Vertrag nehmen, allerdings ohne Beck als Komponist dahinter. Damit bricht für ihn eine Welt zusammen. Er versucht verzweifelt, den Deal vor Rauli zu verheimlichen und ein anderes, kleineres Label zu finden. Da kommt sein Freund Charlie (Eugene Boateng) ihm überhaupt nicht gelegen. Dieser droht ständig damit, sich umzubringen. Deshalb hat Beck ihn ins Krankenhaus eingeliefert. Charlie ist jedoch ausgebüxt und möchte nun, dass Beck ihn sofort zu seiner schwer kranken Mutter nach Istanbul fährt. Eigentlich hat Beck gerade andere Sorgen, doch er lässt sich breit schlagen und auch Rauli schließt sich spontan dem Abenteuer an. Und so begeben sich die drei auf eine atemberaubende Reise. Dabei muss jeder große und kleine Geheimnisse aufdecken, bei denen es am Ende sogar um Leben und Tod geht.

Hautnah dabei

Die gesamte Produktion verlief in enger Zusammenarbeit mit dem Autor der Buchvorlage, Benedict Wells. Denn für die Produzenten war es essentiell, „dass der Film dem Geist des Romans entsprechen muss“. Andererseits war es für den Autor selbst auch wichtig, dass die Verfilmung für sich selbst stehen kann. Die Medien Film und Buch wären so verschieden, dass Veränderungen der Vorlage notwendig seien. Trotzdem müsse die Seele des Buches auch im Film zu finden sein, und das ist sie für ihn in diesem Fall definitiv.

Auch von den Schauspielern ist Wells begeistert. Er verrät, dass er sich Christian Ulmen schon beim Schreiben des Romans als Beck vorgestellt hat. Deshalb hat er ihn sogar ein bisschen in die Rolle „hineingeschrieben“. Noch bevor die Verfilmung überhaupt feststand, fragte er eigenständig bei Ulmen an, ob dieser sich die Rolle vorstellen könnte – und bekam prompt eine Zusage.

Es sollte etwas besonderes sein

Das war den Produzenten von Anfang an sehr wichtig. Sie wollten keinen Mainstream-Film drehen, sondern sich eher an amerikanischen Independent-Produktionen orientieren. Es gibt keine feste Genrezuordnung, denn der Film ist zu ernsthaft für eine Komödie, aber gleichzeitig auch zu lustig für ein Drama.

Leider ist die Idee dahinter nichts Neues: Filme über Selbstfindung und Verwirklichung großer Träume gibt es heutzutage viele und in diesem Fall ist die Handlung an vielen Stellen leider zu vorhersehbar geworden, anders als im Buch. Dennoch ist der Film insgesamt gelungen, da er den Zuschauer mitnimmt und seine Botschaft gut übermitteln kann: Es ist nie zu spät, seine Träume zu leben. Selbst, wenn man sie eigentlich schon aufgegeben hat.

 

 

media-bubble.de in neuem Glanz

Schon gesehen? Die Arbeiten an unsere Webseite sind endlich abgeschlossen und sie präsentiert sich in einem neuen Look.

Was ist neu? Das Aussehen!

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„5×2“ – Wieso ging es schief?

von Andrea Kroner

Entgegen des normalen Verlaufs einer Liebesgeschichte, sieht man die Hauptfiguren in der Anfangsszene von „5×2“ nicht bei ihrer ersten Begegnung, sondern vor dem Scheidungsrichter. Denn ihre Liebe hat nicht gehalten. Wieso sie schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, zeigen diese und vier weitere Szenen.

Die Trümmer ihrer Ehe

5x2Marion (Valeria Bruni Tedeschi) und Gilles (Stéphane Freiss) hören niedergeschlagen das Urteil ihrer Scheidung – und schlafen direkt danach miteinander. Das ist jedoch nicht von Liebe und Leidenschaft, sondern von zunehmender Enttäuschung und Gewalt geprägt. Danach trennen sich ihre Wege. Die nächste Szene zeigt die beiden als sie noch eine glückliche Familie mit ihrem Sohn Nicolas waren. Sie bereiten sich gerade auf den Besuch von Gilles‘ schwulem Bruder vor. Doch trotz des scheinbar harmonischen Treffens werden die Differenzen zwischen Marion und Gilles deutlich. Diese Spannung bricht auch nicht ab, als die beiden wieder allein sind. Nicht erst hier, sondern auch schon bei Nicolas‘ Frühgeburt zeigt sich dieses gegenseitige Unverständnis, da Gilles bei der Geburt nicht dabei ist. Er kommt erst später ins Krankenhaus, betrachtet seinen Sohn im Brutkasten und verschwindet dann wieder. Die genauen Motive dafür bleiben unklar – einzig die gegenseitige Enttäuschung und Verzweiflung des Paares wird erneut deutlich. Daraufhin springt die Handlung zu ihrer Hochzeit. Während der Feier wirken beide glücklich und verliebt – bis zur Hochzeitsnacht. Gilles ist so müde, dass er im Hotelzimmer sofort einschläft. Daraufhin geht Marion nach draußen und betrügt ihn mit einem Fremden, den sie dort kennenlernt. In der Schlussszene lernen sich Marion und Gilles im Urlaub kennen. Sie ist allein unterwegs, er mit seiner damaligen Freundin. Da Gilles in seiner Beziehung nicht mehr glücklich ist, fühlt er sich immer mehr zu Marion hingezogen.

Es kann nicht gut gehen

Das weiß der Zuschauer schon von Anfang an. Weshalb es so weit gekommen ist, wird von Szene zu Szene immer deutlicher. Auch bei scheinbar glücklichen Augenblicken sucht man immer nach einem Anzeichen für das Scheitern – und wird dabei stets fündig. Denn die gesamte Beziehung scheint von Anfang an nur auf Lügen, Betrug, falschen Hoffnungen, Verrat und unüberbrückbaren Gegensätzen aufgebaut zu sein. Jede Szene wird auf ihre eigene Art und Weise davon geprägt: Beispielhaft ist Gilles‘ Erzählung, dass er Marion auf einer Feier betrogen hat. Die beiden wussten nicht, dass es sich um eine organisierte Sexparty handelte. Marion wollte nicht mitmachen, gab Gilles jedoch ihr Einverständnis. Obwohl Marion das gebilligt hat, merkt man deutlich ihre Unzufriedenheit, während ihr Mann davon erzählt. Als später ihr eigener Seitensprung in der Hochzeitsnacht gezeigt wird, kann man besser verstehen, weshalb sie ihrem Mann diese Erlaubnis gegeben hat. Ähnlich wie hier erfährt der Zuschauer noch in vielen anderen Punkten Stück für Stück, wie beide zu ihrer Scheidung gelangt sind und was dahintersteckt.

Die rückwärts erzählte Handlung bietet dabei eine vollkommen neue Perspektive auf das Erzählte. Dazu trägt auch die ruhige, nüchterne Darstellungsweise bei, bei der die Figuren nur von außen betrachtet werden, wie von einem unbeteiligten Beobachter. Dadurch werden sie in keinster Weise psychologisiert und der Zuschauer muss sich die Hintergründe für ihre Handlungen selbst erarbeiten. Darüber hinaus schafft es Ozon auf beeindruckende Weise durch seine rückwärts erzählte Geschichte Unmittelbarkeit und Mitfiebern zu erzeugen. Obwohl man weiß, dass die Beziehung nicht funktionieren kann, keimt dennoch immer wieder Hoffnung auf, es könne doch noch klappen.

Gegensätze ziehen sich an

Viele Beziehungen bauen auf diesem Prinzip auf und auch Marion und Gilles scheinen vollkommen gegensätzlich: Sie ist eine verletzliche, zarte Frau – er ein herber, starker Mann mit zerfurchten Gesichtszügen. Und beide wandeln sich im Laufe des Films: Gilles ist im Laufe der Jahre zu einem harten, verbitterten Mann geworden. Als er nach der Scheidung mit seiner Ex-Frau schläft, wird er dabei so gewalttätig, dass es fast schon einer Vergewaltigung gleicht. Er entzieht sich allen Problemen und Konfrontationen, wird dabei jedoch teilweise zu extrem als gefühlloses Monster dargestellt. An vielen Stellen kann man gar nicht nachvollziehen, wie sich Marion in ihn verlieben konnte, doch am Strand bei ihrer ersten Begegnung zeigt sich, dass er damals ein liebenswerter junger Mann war.

Marion ist innerlich an der Beziehung zu Gilles zerbrochen: Sie wirkt müde und enttäuscht und wird durchgehend als Opfer von Gilles‘ Handlungen stilisiert. Doch mit jeder folgenden Szene gewinnt sie auch an Schönheit und Lebensfreude. Ihre Unbeschwertheit in jungen Jahren führte dazu, dass sie fremdgegangen ist und somit auch zum Scheitern der Beziehung beigetragen hat.

Ein neuer Blickwinkel

Durch die entgegengesetzte Handlungsrichtung setzt Ozon an einem ganz anderen Ausgangspunkt an und bringt den Zuschauer mehr ins Nachdenken über die Geschehnisse, obwohl das Ende schon vorweggenommen ist. Dafür hat er in Venedig auch einen goldenen Löwen bekommen.

Foto: flickr.com/S.I.B Fotos (CC BY-NC-ND 2.0)

Von Unsicherheit und Selbstzweifeln

Von Jasmin M. Gerst

Wir alle müssen es irgendwann tun: Entscheidungen treffen, die alles verändern können. In ihrem ersten Roman „Was will ich und wenn ja, wie viele?“ schreibt die Mainzer Autorin Felicitas Pommerening über entscheidende Veränderungen im Leben von drei Freundinnen und deren Auswirkungen.

Die Qual der Wahl

Der Roman erzählt die Geschichte von Workaholic Andrea, Familienmensch Lotta und Akademikerin Doreen. Die drei Frauen verbindet nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch die Frage, wie es mit dem Leben weitergehen soll. Alle stehen vor der Qual der Wahl – ob beruflich oder privat.

Andrea ist frisch mit ihrem Freund zusammengezogen, hat aber nur ihre Karriere im Sinn. Als sich ihr eine große berufliche Chance bietet, nutzt sie diese, ohne es vorher mit ihrem Freund zu besprechen. Dieser ist davon gar nicht begeistert und so beginnt sie zu zweifeln, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Karriere oder Liebe? Lotta heiratet ihren Florian und ist überglücklich. Aber wann ist der perfekte Zeitpunkt für Kinder? Diese Frage lässt Lotta fast verzweifeln, vor allem, da es für sie beruflich endlich gut läuft. Und Doreen ist genervt von ihrem Zustand als Dauersingle und verliebt sich ihrer Meinung nach immer in den Falschen.

Obwohl alle drei unterschiedlicher nicht sein können, stellen sie sich alle die gleiche Frage: Was will ich wirklich in meinem Leben und wie soll es weiter gehen?

Kein Ratgeber und trotzdem hilfreich

Die drei Freundinnen werden sehr sympathisch dargestellt – schön ist auch, dass man sich mit mindestens einer von ihnen identifizieren kann bzw. mit ihren Problemen. Jeder weiß, spätestens ab 30 stehen die meisten großen Veränderungen an – man heiratet, muss sich beruflich an einen speziellen Ort binden oder man bekommt ein Kind. Es sind genau die Fragen, die man sich zwangsläufig nach Studium oder Ausbildung stellt, wenn das „richtige“ Leben beginnt. Und genau mit diesen Veränderungen beschäftigen sich Andrea, Lotta und Doreen. Dadurch, dass jedes Kapitel abwechselnd aus der Sichtweise einer der Frauen geschrieben ist, bekommt der Leser einen kleinen Einblick in das Leben jeder einzelnen.

Aber, wer hier einen Ratgeber sucht, ist falsch. Denn jeder Mensch trifft andere Entscheidungen, wie man an diesen drei Frauen sehen kann und jede Entscheidung hat seine Vor- und Nachteile. Aber der Roman liefert Ideen, auf die man gar nicht gekommen wäre und vielleicht hilft er dem einen oder anderen ja doch. Es ist ein schöner Frauenroman, der sich damit auseinandersetzt, was man im Leben eigentlich will – es gibt schließlich viele Optionen: Karriere? Mann und Hochzeit? Und dann Kinder? Oder vielleicht doch lieber den Traumjob annehmen, obwohl man dann eventuell vom Partner getrennt sein muss? Oder verlässt man den Traumjob für ein Kind?

Pommerening kennt sich mit Entscheidungen aus

 Felicitas Pommerening sind solche Probleme bekannt – nach ihrem Studium der Filmwissenschaft, Publizistik und Psychologie hat sie fast jährlich den Job und Wohnort gewechselt, bis sie keine Lust mehr hatte. Irgendwann wollte auch sie sich binden und wohnt bis heute mit ihrem Mann und ihren Kindern in Mainz. 2011 hat sie ihre medienwissenschaftliche Doktorarbeit abgeschlossen und kurz darauf erschien ihr erstes Buch „Weiblich, jung, flexibel: Von den wichtigsten Momenten im Leben und wie man sie am besten verpasst“. Anfang 2014 brachte sie ihren ersten Roman „Was will ich und wenn ja wie viele“ heraus.

Da Pommerening selbst Mutter von zwei Kindern ist, kennt sie sich mit Entscheidungen und Fragen wie „Wann ist der beste Zeitpunkt, Kinder zu bekommen?“ aus. Vielleicht wurde sie dadurch dazu inspiriert, uns am Leben von Andrea, Lotta und Doreen und an deren Suche nach Antworten teilhaben zu lassen.

Meiner Meinung nach ist der Roman sehr unterhaltsam und spannend. Und da bald der große Sommerurlaub ansteht, ist er eine weitere perfekte Lektüre für den Strand.

Foto: Berlinverlag.de

„Satire und Aufklärung nach Charlie Hebdo“ mit Martin Sonneborn

Von Andrea Kroner

Martin Sonneborn irritiert durch Versuche der „Weltverbesserung“ und hat auch schon für einige Skandale gesorgt. Doch wofür steht er und was möchte er erreichen? Bei ihm ist das schwer zu sagen, denn keiner weiß, was er wirklich ernst meint!

 Die Arbeit eines Abgeordneten

„Vorsicht Satire!“, müsste man fast rufen, bevor er den Mund öffnet, denn selbst als Abgeordneter des Europaparlaments sind die meisten seiner Aussagen keinesfalls ernst gemeint, eher das Gegenteil ist die Regel. Das wird besonders deutlich, als er seine Arbeit weiterempfiehlt, weil er für 33.000€ im Monat erst um 12 Uhr zu den Abstimmungen erscheinen muss. Die Arbeit selbst als Fraktionsloser sei nicht immer einfach, denn Sonneborn ist dort in den Reihen bei Weitem nicht der Verhaltensauffälligste. Bei den Fraktionslosen sitzen alle, die zu extrem sind, um in eine bestehende Fraktion zu passen oder gar nicht aufgenommen werden wollen. Viele von ihnen sind rechtsradikal, nationalsozialistisch oder judenfeindlich eingestellt. Sein Antrag auf einen anderen Platz wurde jedoch leider abgelehnt.

 Einmal im Monat gibt es einen Ortswechsel, wenn alle Abgeordneten für Abstimmungen nach Straßburg gebracht werden. Ob wohl auch alle Limousinen der Abgeordneten von Brüssel dorthin gefahren werden? Darauf hat Sonneborn leider nie eine Antwort bekommen. Die Abstimmungen selbst werden jedoch so schnell durchgeführt, dass sich ein einzelner Abgeordneter nicht mit allen Themen befassen kann. Aber als „Kleiner“ kann Sonneborn sowieso nichts erreichen, da es feste Fraktionen mit genügend Stimmen gibt.

Was Satire ändern kann                                                                                                               

In seiner Magisterarbeit hatte Sonneborn noch geschrieben, dass es in der heutigen Zeit für die Satire keine Möglichkeit mehr gäbe, etwas zu verändern. Während seiner Zeit als Redakteur des Satiremagazins „Titanic“ wurde er jedoch eines Besseren belehrt und hat gemerkt, dass Satire viel Potenzial zur „Weltverbesserung“ habe. Deshalb glaubt er auch nicht, dass er es eines Tages leid sein könne, die Schwachstellen seiner Gegenüber satirisch aufzuarbeiten.

 Anders als viele andere glaubt er nicht, dass Satire Grenzen hat, im Gegenteil: Er bekräftigt sogar, dass es der Auftrag der „Titanic“ sei, monatlich die Grenzen der Satire neu auszuloten. Das gilt auch für Gleichberechtigung in der Satire. Es sei diskriminierend, eine Gruppe nicht satirisch zu behandeln. Und viele in den betreffenden Gruppen wollen auch gar nicht ausgespart werden, so stammen die besten Karikaturen über Behinderte seiner Meinung nach von einem britischen Rollstuhlfahrer. Deshalb findet Sonneborn auch, dass man nicht grundsätzlich sagen kann, was für Satire erlaubt ist und was nicht. Daran anknüpfend stellte sich die Frage, ob er überhaupt zur Empathie fähig sei und Mitleid für seine Opfer empfinden könne. Für ihn hat diese Eigenschaft jedoch nichts mit seiner Arbeit zu tun, denn sein Ziel sei es nicht, andere Menschen zu verletzen, sondern zum Nachdenken zu provozieren.

Satire ist in

In letzter Zeit hat die Satire stark an Popularität gewonnen: Im Internet wird man zwangsweise mit ihr konfrontiert und Ironie ist für viele ein Schlüssel zum Erfolg geworden. Deshalb möchte Sonneborn mit seiner Arbeit zu einer neuen Ernsthaftigkeit zurückfinden und Satire nur mit einem überdachten Ansatz und aufklärerischen Moment machen. Ihm geht es dabei weniger um den Witz, als vielmehr um das Offenlegen von Ereignissen, die in anderen, seriösen Formaten nicht gezeigt oder gesagt werden dürfen. So hat er in „Sonneborn rettet die Welt“ ein Interview mit der Deutschen Bank geführt, welches ihm „drehbuchähnlich“ vorgegeben war – sowohl die Fragen, als auch die Antworten wurden ihm im Vorfeld zugeschickt. Trotz dieser Einschränkungen ist er zu dem Termin erschienen und hat gezeigt, wie sich „seriöse“ Medien ihre „freie“ Berichterstattung diktieren lassen. Bei solchen Aktionen profitiert er stets von seiner überwältigenden Glaubwürdigkeit, denn augenscheinlich tritt er immer so seriös auf, wie sein Gegenüber.

Sein Einsatz für die kleinen Dinge

Nach einem donnernden Applaus und vielen Lachern beendete Sonneborn seinen gelungenen Auftritt. Zum Abschluss ließ er es sich jedoch nicht nehmen, noch anzukündigen, dass er sich als Abgeordneter im Europaparlament für die Anliegen einsetzen möchte, die sonst wenig interessieren. Darunter fallen beispielsweise die Idee, dass man in Zukunft Geld für die Nutzung von Google bekommen solle oder die Wiedereinführung der Gurkenkrümmungsverordnung. Dadurch möchte er seine Politikerkollegen in Bedrängnis bringen und zeigen, wie sinnlos so manche politische Entscheidung ist. Was er damit wirklich erreichen kann, wird die Zukunft zeigen.

Foto: Wikimedia.org

Ein Leben in Panels

von Marius Lang

illustriert von Henrike Ledig

Jedes Comic beinhaltet Teile der Persönlichkeit des Autors. Doch die persönlichste Art von Comics ist wohl das biographische oder autobiographische Comic. Oft unabhängig von den großen Verlegern stellen sie in Bildern und Sprechblasen die Leben realer Persönlichkeiten, sei es der Autor selber, jemand der dem Autor nahe steht oder jemand, den der Autor selber eigentlich gar nicht kennt. Doch jeder hat ein Leben geführt, welches sich anbietet, grafisch durch Bilder begleitet zu werden. Die Frage ist, warum sich ein Autor hier entscheidet, diese Lebensgeschichte als Comic, statt als schlichtes Buch festzuhalten und was diese Geschichten in ihrer Form so einzigartig macht.

Ein Comictrend?

11655580_10204289429411711_1980131261_nBiographische Comics und Graphic Novels sind nicht etwa eine Seltenheit. Der deutsche Comicautor Reinhard Kleist etwa veröffentlichte unter anderem Biographische Comics über Johnny Cash und Fidel Castro. David Small erzählt in Stitches die Geschichte seiner Kindheit, samt Krebserkrankung und mehr als düsteren Verhältnis zu seiner Mutter. Und auch im Bereich der Web-Comics hat die Biographische Comickunst ein festes Standbein. Der deutsche Comiczeichner und -autor Felix „Flix“ Görmann veröffentlicht seit vielen Jahren (mehr oder weniger) regelmäßig auf seiner Website (http://derflix.de/) ein Comictagebuch. Auch seine held-Trilogie ist hat autobiographische Züge, schweift allerdings, wie eine Hommage an die Comickunst an sich, schon bald ins absurde ab. Die wohl interessantesten Graphic Novels mit biographischem Charakter sind Art Spiegelmans legendäres Meisterwerk Maus – A Survivor‘s Tale und Marjane Satrapis Persepolis. Anhand dieser beiden Beispiele soll diese besondere Ausprägung des Mediums auch näher untersucht werden.

Das Leben des Vaters

Beginnen wir mit Maus. Das Comic wurde in einzelnen Kapiteln zwischen 1980 und 1991 in dem Inependent-Comic-Magazin RAW veröffentlicht. 1986 wurden dann die ersten fünf Kapitel unter dem Titel Maus – My Father Bleeds History veröffentlicht, 1991 gefolgt von den anderen fünf Kapiteln, unter dem And Here my Troubles Began. Spiegelman erzählt hierbei nicht etwa nur seine eigene Geschichte, sondern vor allem die seines Vaters, Vladek Spiegelman, und dessen Überlebensgeschichte als polnischer Jude durch den Horror der Konzentrationslager von Dachau und Auschwitz. Unterbrochen wird die Geschichte von einer Rahmenerzählung in den Jahren 1978-1970, in denen Art seinen Vater zu dessen Leben interviewt. Das Comic ist einerseits ein Denkmal an den menschlichen Willen zu überleben und andererseits eine Form, das eher schlechte Verhältnis Arts zu seinem Vater aufzuarbeiten.

Was nun war der ausschlaggebende Grund für Spiegelman, die Geschichte seines Vaters in Comic-Form zu erzählen. Zunächst gibt es da den einfachsten Grund: Spiegelman ist nun mal grafischer Erzähler. Mit einer festen Vergangenheit in der Independent-Comicszene seiner Zeit wäre dies wohl der erste Grund sich für diese Art der Narration zu entscheiden. Dies allein ist jedoch zu einfach. Viel wichtiger ist die Bedeutung der Möglichkeiten, die das Comic als Medium für eben diese Geschichte bietet. Graphisches Storytelling bietet zusätzliche Möglichkeiten, eine Geschichte zu charakterisieren. Im Falle von Maus ist dies besonders auffällig. Die Zeichnungen sind simpel gehalten. Farben sind abwesend, alles ist in Schwarz und Weiß gehalten, was der Story ein starkes Spiel mit Kontrasten, Schatten und Dunkelheit erlaubt. Doch die wichtigste bildliche Eigenschaft ist die, die dem Comic ihren Namen gegeben hat. In Art Spiegelmans Holocaust-Geschichte werden Juden als Mäuse, Nazis und nichtjüdische Deutsche als Katzen, Amerikaner als Hunde und Polen als Schweine dargestellt (eine graphische Entscheidung, die auf extreme Kritik aus Polen gestoßen ist). Die auffälligsten Unterschiede zwischen den Figuren sind dabei jedoch nur die Köpfe und Schwänze der Figuren, der Rest sieht ausgesprochen menschlich aus. Dieser graphische Kniff erlaubte es Spiegelman, neben der offensichtlichen Katz-und-Maus-Analogie, etwa einen Juden, der versucht, sich als Pole auszugeben, mit einer Schweinemaske darzustellen. Auch eine gewisse Problematik dieser Darstellung wird an anderer Stelle thematisiert: Art Spiegelmans Frau, eine, als Gefallen für Arts Vater zum Judentum konvertierte, gebürtige Französin wird durchweg als Maus dargestellt. Art stellt jedoch die Frage, ob er sie nicht eigentlich als Frosch darstellen sollte, wie Franzosen im Comic ansonsten gezeichnet sind.

Es ist das Spiel mit den bildlichen Möglichkeiten des Mediums, die das Comic für Spiegelman zur logischen Wahl für die geschichte seines Vaters machte. Das Leben und Überleben des Vladek Spiegelman konnte so um einen weiteren wichtigen medialen Kanal erweitert werden. Heute gilt Maus als die Graphic Novel, die den Trend biographischer Comics vielleicht nicht begründet hat, ihm aber Schwung verliehen hat.

Mehr als 1000 Worte

Ähnlich verhält es sich in Persepolis der iranischen Zeichnerin und Autorin Marjane Satrapi. In Frankreich in vier jährlichen Ausgaben zwischen 2000 und 2003 erstmals veröffentlicht erzählt das Comic die Geschichte von Marjane Satrapis Kindheit und Jugend im Iran in Zeiten der isalmischen Revolution und der Einrichtung des Gottesstaats. Anders als im Falle von Maus ist die zentrale Narration jedoch eine Geschichte aus erster Hand und aus Sicht der Erzählerin. Ähnlich wie Art Spiegelman entschied sich auch Satrapi dazu, nur mit Schwarz und Weiß zu arbeiten. Auch hier unterstreicht die Optik die Narration, die Kontraste spiegeln Satrapis Konflikt mit ihrer eigenen Heimat, die sie so sehr liebt wieder. Das Bild sagt immer mehr als 1000 Worte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Satrapi sich ebenfalls für das Comic als Medium ihrer Geschichte entschied. Ein weiterer Aspekt ist wohl, dass durch die Bilder gewisse Geschichten besser oder zumindest persönlicher transportiert werden, können. Wie auch bei Art Spiegelman und Maus ist es Satrapis Zeichenstil, der ihrer Geschichte eine weit größere, persönliche Note verleiht, als es bloße Wörter könnten. Es hilft, eine Bindung zur Narration aufzubauen, sich in die Autorin hineinzuversetzen und geben ein Bild in ihre Gefühlswelt preis, wie sie mit einer imaginären Gottesfigur redet, Konflikte durchmacht, nach Österreich auf die Schule geht, heiratet und sich scheiden lässt. Alles wird untermalt von den graphischen Möglichkeiten des Mediums.

Und diese Möglichkeiten, die blanke Erzählung vom Leben mit Bildern, persönlichen Stilmitteln und ähnlichem zu versehen, sind der Hauptgrund, warum sich so mancher Comickünstler früher oder später entschließt, sein Leben oder das Leben eines anderen mit Bildern zu versehen, in Panels zu pressen und mit der Welt zu teilen. Und wie diese beiden Beispiele jedem Leser zeigen werde, sind dies oft auch die besten Geschichten.

Empfehlungen:

Maus – Art Spiegelman

Persepolis – Marjane Satrapi

held – Flix

CASH: I See A Darkness – Reinhard Kleist

Stitches – David Small

 

Weitere Artikel aus dieser Reihe:

Teil Eins: Hinter den Panels – Das Comic als Medium

Teil Zwei: Kühlschränke, Frauen und Comics

Teil Drei: Tod und Rückkehr der Comic-Industrie

Teil Vier: Superhelden in Zelluloid – Teil 1

Teil Fünf: Superhelden in Zelluloid – Teil 2

Teil Sechs: Untot und trotzdem Spaß – The Walking Dead

Teil Sieben: Die Rache der Minderheiten

„Minions“ – Wie alles begann

Von Andrea Kroner

Sie waren schon die heimlichen Stars bei „Ich – einfach unverbesserlich 1 & 2“. Deshalb zeigen die kleinen gelben Helferlein nun in ihrem eigenen Kinoabenteuer, wie sie zu ihrem Job bei Gru gekommen sind.

Oft werden die Nebencharaktere zum Liebling der Zuschauer, sei es „Scrat“ in „Ice Age“ oder die Pinguine aus „Madagascar“, welche auch schon einen eigenen Kinoauftritt hatten. Das ist jedoch nicht immer von Erfolg gekrönt. Ob es die Minions schaffen?

Die Geschichte einer Evolution

2421_MM_R4_2250_3225_150302ARMinions leben schon seit mehreren Millionen Jahren auf der Erde. Und seit jeher sind sie auf der Suche nach einem Meister. Einem T-Rex, Anubis, Dracula und Napoleon haben sie schon gedient. Doch durch unglückliche Umstände haben sie auch allen zum Tod verholfen. Aus diesem Grund sind sie in eine Eishöhle ans Ende der Welt geflohen und werden dort immer lustloser, denn ohne Meister hat ihr Leben keinen Sinn mehr. Deshalb  macht sich das ungleiche Trio Kevin, Stuart und Bob auf den Weg, um endlich den „Bigboss“ zu finden.

Zunächst landen sie im New York der 60er Jahre und werden dort auf die VillainCon, eine Messe für Superschurken, aufmerksam – die ideale Gelegenheit, einen Meister zu finden. Mit einer chaotischen Bankräuberfamilie trampen sie deshalb nach Orlando und schaffen es dort schließlich, die Gehilfen der größten Verbrecherin ihrer Zeit, Scarlet Overkill, zu werden. Diese setzt die drei darauf an, die Krone der Queen zu stehlen, was in einem kompletten Chaos voller lustiger Zwischenfälle endet.

Ein Kauderwelsch aus Bananas und Bosse

Die beiden Lieblingswörter der Minions sind „Bananas“ und „Boss“, die aus ihrem Kauderwelsch am besten herauszuhören sind. Davon abgesehen ist ihre Sprache eine Mischung aus einer Vielzahl von verschiedensten Sprachen und undefinierbaren Lauten. Dadurch ist es oft nicht leicht, ihren Gesprächen zu folgen, denn man versteht bei weitem nicht alles. Doch das scheint auch beabsichtigt zu sein: Meist sind bei längeren Reden Schlüsselwörter eingestreut, die grobe Zusammenhänge verständlich machen. Manchmal bleibt es aber auch beim unverständlichen Kauderwelsch. Das tut dem Spaß und Verständnis des Films jedoch keinen Abbruch – man versteht die kleinen gelben pillenförmigen Wesen und ihre Gags auch ohne viele Worte und muss oft schon lachen, wenn sie nur den Mund aufmachen. Interessant ist dabei, dass alle Minions vom Produzenten Pierre Coffin gesprochen werden.

Ein Spaß für jeden

2421_FPF2_00232RDieser Animationsfilm ist so von Witzen und lustigen Episoden durchsetzt, dass man gar nicht mehr mit dem Lachen aufhören kann. Doch er ist keinesfalls nur für Kinder gedacht. Auch Erwachsene kommen auf ihre Kosten, denn es werden nicht nur andere Filme, sondern auch berühmte Persönlichkeiten aufs Korn genommen – beispielsweise die berühmte Überquerung eines Zebrastreifens von den Beatles. Auch die Musik dazu kommt aus den Sechzigern. Statt Pharrell Williams mit „Happy“ hört man „The Who“ oder die „Kinks“. Das ist vielleicht nicht so einprägsam, jedoch passender für die Zeit und weckt Erinnerungen bei so manchem Erwachsenen.

Wie auch schon bei den beiden „Ich – einfach unverbesserlich“-Filmen sind viele Gags jedoch nicht offensichtlich, sondern nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen. Besonders bei den zahlreichen  Anspielungen wird es schwierig, alles zu entschlüsseln. Doch gerade das macht den Reiz des Films aus und regt dazu an, ihn nochmals anzusehen.

Der gelbe Kult

Schon vor dem Kinostart haben die quirligen kleinen Männchen die Herzen vieler Fans erobert und sind mittlerweile in allen möglichen Formen und Größen, zum Essen oder Knuddeln erhältlich. Sie haben schon einen gewissen Kultstatus erreicht.
Und auch in ihrem Film konnten sie überzeugen. Natürlich darf man keine tiefgründige Handlung erwarten, aber wer „Ich – einfach unverbesserlich“ kennt, weiß, worauf er sich einlässt. Jedoch ist es durchaus kein seichter Film, da viele hintergründige Informationen eingestreut werden. So eignet sich der Film für jeden, der gerne lacht.

MINIONS, 2015 – Regie: Pierre Coffin, Kyle Balda. Buch: Brian Lynch, Ken Daurio, Cinco Paul. 91 Minuten.

Fotos: © Universal Pictures