Die Angst vor dem Fremden: „Edward mit den Scherenhänden“

von Selina Juliana Sauskojus

Aufgeräumte Vorstadtsiedlungen, erfolgreiche Ehemänner, Hausfrauen, die sich ihren Alltag mit Tratsch versüßen – so stellt Tim Burton den amerikanischen Traum in seinem Film Edward mit den Scherenhänden dar. Doch was passiert, wenn plötzlich ein Exot das Leben in Suburbia durcheinander bringt?

In Amerika ist man bekanntermaßen sehr stolz darauf, dass jeder Mensch die gleichen Chancen zum Aufstieg hat. Hautfarbe, Herkunft, Religionsangehörigkeit – all das ist egal, sofern man sich dem amerikanischen System anpasst und sich ein bisschen bemüht. So viel zur Theorie. Filmisch wurde das Thema des amerikanischen Traumes schon des Öfteren aufgegriffen. 1990 tat dies auch der Meister des skurrilen Fantasyfilms Tim Burton. Der Regisseur zeigt uns eine stereotype Vorstadtwelt mit bunten Reihenhäuschen, gestutzten Hecken und heilen Familien. Doch Burton wäre nicht Burton, würde er all dies nicht in einen fantasievollen Rahmen einbinden. So scheint uns Edward mit den Scherenhänden zunächst ein modernes Märchen um den tragischen Titelhelden zu sein. Bei näherer Betrachtung ist der Film jedoch eine bissige Satire auf den American way of life und die Gesellschaft.

Eine unvollendete Kreatur in der Vorstadt

In einem düsteren Schloss kreiert ein Erfinder (die letzte Rolle des Horror-Urgesteins Vincent Price) einen Menschen namens Edward (Johnny Depp). Bevor er sein Geschöpf fertigstellen kann, anstatt Händen hat Edward bisher nur Scheren, stirbt der Erfinder. Edward lebt jahrelang isoliert im Schloss, bis eines Tages die Make-Up-Vertreterin Peg das Schloss aufsucht um potentielle Kunden zu gewinnen. Sie findet den schüchternen Edward. Aus Mitleid beschließt sie, ihn mitzunehmen und ihn unter ihre liebevollen Fittiche zu nehmen. Zunächst ist Edward die neue Attraktion im Vorort. Die Nachbarinnen sind fasziniert von diesem Exoten, umso mehr als dieser sich als Meister des Heckenschneidens und Frisierens entpuppt. Edward ist ebenso erstaunt und verwirrt von dieser neuen Welt, insbesondere als er sich in Peg’s Tochter Kim (Winona Ryder) verliebt. Doch schnell wendet sich das Blatt. Edward’s Unsicherheit und Unerfahrenheit kollidieren mit den Konventionen der Gesellschaft. Anstatt ein willkommenes Mitglied der Nachbarschaft zu bleiben, wird Edward nun zum allgemeinen Feindbild der Leute.

„If you had regular hands, you’d be like everyone else“

Der Charakter Edward ist einer der beliebtesten Figuren der modernen Popkultur. Das liegt nicht nur an seinem unverwechselbaren Äußeren, sondern ebenso daran, was diese Figur verkörpert. Edward, der fast sein ganzes Leben in Isolation verbracht hat, wird in eine Welt geworfen, in der alles standardisiert und konventioniert ist. Diese neue Welt ist ihmfremd und er begegnet ihr zunächst mit einer gewissen Vorsicht. Durch sein sanftes Wesen wirkt er auf den Zuschauer ungemein gewinnend. Innerhalb der Geschichte sind es vor allem seine Scherenhände, die ihn zu einer beliebten Person in der Nachbarschaft machen. Als Edward bei einer Talkshow im Fernsehen auftritt bemerken die Studiogäste: „If you had regular hands, you’d be like everyone else. (…) But then, no one would think you were special.“

In der von Burton dargestellten Welt scheint es keine Sensation zu sein, dass es künstlich geschaffene Menschen mit Scherenhänden gibt. Zwar macht Edward diese Tatsache zu einem Exoten, dies wirkt jedoch eher anziehend als abstoßend. Als ihn jedoch die Nachbarin Joyce verführt, weiß er mit der Situation nicht umzugehen und weist sie ab. Kurz darauf beteiligt sich Edward, aus Liebe zu Kim, an einem Einbruch und wird erwischt. Nun ist Edward ein Ärgernis. Die Nachbarn meiden ihn, nehmen seine Hilfe nicht mehr in Anspruch. Statt sich seiner anzunehmen und ihm bei seiner Sozialisierung zu helfen, verstoßen sie ihn.

Der Film stellt den Umgang der Gesellschaft mit Sonderlingen dar. Dabei wird kein Unterschied gemacht, ob es sich um Menschen handelt, die anders handeln, weil sie sich selbst als Outlaws positionieren wollen oder ob sie, wie Edward, lediglich fremd sind mit den Konventionen, die sich allmählich etabliert haben.

Edward ist eine Figur, die stets aus reinem Herzen und aus Sympathie handelt. Auf die Frage hin, was er mit Geld machen würde, dass er auf der Straße findet, antwortet er, er würde es seinen Liebsten geben, um sie glücklich zu machen. Diese Antwort ist jedoch nicht akzeptabel, da man das Geld gefälligst zur Polizei zu bringen habe. Doch Edward wird nicht als die reine Person gesehen, die er ist. Er stellt vielmehr eine Gefahr für den Trott der Vorstadt dar. Da er sich den Regeln nicht fügen kann (was er aber durchaus gerne würde) wird er verstoßen. Erst als die Nachbarschaft die Gefahr für endgültig gebannt hält, endet die Kampagne, die kollektiv gegen Edward gestartet wurde. Am Ende stellt sich heraus, dass der Protagonist in der Einsamkeit seines Schlosses besser aufgehoben ist, als in der normalen Gesellschaft. Am Ende hat die Vorstadt gesiegt.

Fazit

Mit seiner märchenhaften Geschichte um Edward mit den Scherenhänden schuf Tim Burton eine sehr gelungene Kritik an der Gesellschaft. Burton lässt das Absurde gegen das Normale antreten. Plötzlich scheinen einem die Normalität und die Realität so lieblos, dass man fast an der Gesellschaft verzweifeln mag. Der Protagonist jedoch, der für das Anders- und Fremdsein steht, wächst dem Zuschauer sehr ans Herz, sodass er viel Identifikationspotential bietet. Edward mit den Scherenhänden ist ein modernes Märchen, das mal Spaß macht und mal traurig stimmt. Und letztlich verhält es sich bei diesem Film, wie mit allen Märchen: am Ende steckt doch ein Fünkchen Wahrheit darin.

Foto: flickr.com/Dan C (CC By-NC-SA 2.0)

Tübinale 2013 – Die Gewinner des Abends im Interview

von Nicolai Busch

Klappe, die zweite! Die diesjährige Tübinale mit dem Thema „Medienkonvergenz“ wird Teilnehmern und Zuschauern in Erinnerung bleiben. Media-bubble.de hat für Euch mit den Gewinnern des Kurzfilmwettbewerbs gesprochen und zeigt einen der ausgezeichneten Filme in voller Länge.

Gruppe „It’s complicated“

Medienkonvergenz kann die Annäherung verschiedener Einzelmedien, aber gleichzeitig auch die soziale Distanzierung ihrer Nutzer voneinander bedeuten. Eine Distanzierung, die Janina Wollensak, Kristin Ruff, Moritz Moser und Sebastian Luther in ihrem Kurzfilm „It’s complicated“ nur zurecht zum Thema ihrer Generation erklären. Wie die Welt zweier Menschen, nämlich die des analogen Romantikers mit Hemingway-Syndrom und jene seiner handyversessenen Freundin, aus dem Gleichgewicht gerät, erzählen auf schauspielerisch und kameratechnisch hohem Niveau die Gewinner der Tübinale und des diesjährigen Publikumspreises.

media-bubble.de: Die wichtigste Frage natürlich zu erst: War der Kuss echt?

Moritz Moser: (lacht) Nein, der war natürlich nicht echt! Aber weil es uns schauspielerisch schließlich doch ganz gut gelungen ist, ihn recht echt wirken zu lassen, sind wir wirklich ganz zufrieden mit dem Ergebnis.

mb: Medien rauben zunehmend Aufmerksamkeit und gefährden dadurch zwischenmenschliche Beziehungen. Das ist grob gefasst der Inhalt eures Films. Ein autobiographisches Statement der Mitwirkenden?

Moritz Moser: Ich persönlich bemerke deutlich, dass sich unsere zwischenmenschliche Kommunikation durch Mobile Devices, wie das Smartphone, verändert. Und ich glaube auch, dass wir uns durch die ständige, durch die neuen Medien erzeugte Ablenkung letztendlich voneinander entfremden. Eben das sollte in „It’s complicated“ auch hoffentlich deutlich geworden sein.

mb: Besonders auffällig an eurem Film sind die starken Farben und Kontraste, aber auch die herausragende Tiefenschärfe? Worin liegt das kameratechnische Geheimnis?

Sebastian Luther: Das Geheimnis liegt tatsächlich in der großartigen Ausrüstung, mit der uns das Zentrum für Medienkompetenz (ZFM) ausgestattet hat. Uns als Team war es von Anfang an wichtig, mit einer Kamera zu arbeiten, die unsere filmoptischen Erwartungen auch zu hundert Prozent erfüllt.

mb: Gab es Herausforderung beim Umgang mit dem technischen Equipment?

Sebastian Luther: Eine Herausforderung war ganz sicher, die Technik nicht kaputt zu machen (lacht). Abgesehen davon, fotografiere ich selbst schon seit vielen Jahren und habe mir durch mein Hobby einiges an Know How angeeignet. Das hat den Umgang mit der Kamera um einiges erleichtert.

mb: Wie sich zwei ineinander verlieben, boy meets girl, das ist die am häufigsten erzählte Geschichte der Welt. In „It’s complicated“ erzählt aber jemand vom Anfang, obwohl das Ende schon längst feststeht. Worin lag für euch der Reiz dieser anachronistischen Erzählweise?

Sebastian Luther: Möglicherweise kann sich der Laie unter den Begriffen „Medienkonvergenz“ und „Medienwandel“ nur wenig vorstellen. Wir hatten uns deshalb überlegt, die Thematik durch die Geschichte boy meets girl unterhaltsam und verständlich aufzupeppen . Aber um diese relativ banale Handlung erzähltechnisch aufzuwerten beziehungsweise, um den Zuschauer auch gedanklich etwas zu fordern, haben wir uns dann letztlich entschieden, die Geschehnisse zeitlich versetzt darzustellen.

mb: Mir scheint auch, „It’s complicated“ ist voller sorgfältig bedachter Bilder und Metaphern. Da wäre z.B das Ein- und Ausatmen des Zigarettenqualms am Anfang und Ende des Films. Ein selbstzerstörerisches Motiv? (Sebastian, Moritz)

Moritz Moser: (Überlegt) Ein selbstzerstörerisches Motiv hat die Zigarette meiner Ansicht nach nicht. Sie hat eigentlich zum einen viel mehr die Aufgabe, die beiden Zeitstränge am Ende des Films wieder zusammenzuführen. Zum anderen versucht das Bild der Zigarette oder der Akt des Rauchens bestimmte andere bildliche, die Stimmung des Films sehr prägende Merkmale, wie den Wein, die alte Schreibmaschine, oder den alten Holztisch, in ihrer situativen Bedeutung zu intensivieren. Nur, wenn der Protagonist raucht, ist er ganz bei sich selbst, absseits des Trubels und fähig, die Gründe der dargestellten Beziehungskrise zu reflektieren.

mb: Euer Film zeigt großartige Naturaufnahmen. Welche thematische Rolle spielt die Natur in eurem Film? Wo habt ihr gedreht?

Moritz Moser: Ich glaube, besonders die Aufnahmen am Bodensee sind für die anfängliche Atmosphäre des Films von großer Bedeutung. Hier harmoniert das Paar noch mit der natürlichen Schönheit der farbintensiven Kulisse, während sich später im städtischen, zunehmend dunklen Raum die Probleme zuspitzen und die Situation im Tunnel letztendlich völlig eskaliert. Uns war es wichtig, die Entwicklung der filmischen Liebesbeziehung auch durch die Darstellung der natürlichen Umwelt sinnbildlich deutlich werden zu lassen.

mb: An letzter Stelle: Ergaben sich Schwierigkeiten oder Herausforderungen beim Dreh? Worin lag die größte Herausforderung im schauspielerischen Bereich?

Kristin Ruff: (lacht) Besonders schwierig war es tatsächlich ernst zu bleiben und auch die Handlung ernst zu nehmen. Denn natürlich muss man lachen, wenn man etwas spielt, dass von der eigenen Realität stark abweicht. Es war z.B wirklich nicht leicht, den Streit im Film authentisch darzustellen. Viel einfacher ist es mir wiederum gefallen, die glücklichen Szenen zu spielen. Auch muss man sich daran gewöhnen, während des Spielens nicht in die Kamera zu schauen, was am Anfang beinahe immer rein automatisch passiert ist.

mb: Danke und Herzlichen Glückwunsch!

 

 

Gruppe „Medienwandel und Alltagskultur“

Einen Medienwandel erleben wir nicht erst seit gestern. In ihrem Beitrag „Medienwandel und Alltagskultur“ machten es sich Arianne Schmitt, Katja Lißel und Anna Dudenhausen auch in Wohnzimmern der 60er Jahre gemütlich, um den historischen Wurzeln des Wandels auf den Grund zu gehen. Die Jury zeigte sich begeistert und verlieh den drei Filmproduzentinnen zurecht den Journalistenpreis der Tübinale 2013.

mb: Wie kam es zu eurer großartigen Filmidee?

Anna Dudenhausen: Ich glaube, unsere Ausgangsfrage war tatsächlich: Wie prägen Medien heute unseren Alltag? In unserer Generation ist es zur Gewohnheit geworden, immer erreichbar zu sein und stündlich viel Zeit am Smartphone oder am PC zu verbringen. Mehr als unsere heutigen Gewohnheiten, hat uns als Gruppe dann im Laufe der Vorbereitungen des Films aber bald die Mediennutzung der Menschen früher interessiert. Wir wollten zeigen: Wie sah der Mediengebrauch des deutschen Durchschnittbügers früher aus? Wann haben Menschen Medien genutzt und welchen Stellenwert hatten die Medien vor allem für die Menschen vor unserer Zeit?

mb: Ihr habt für euren Beitrag das Format der Dokumentation gewählt. Eine ganz absichtliche Entscheidung?

Arianne Schmitt: Eigentlich hatten wir anfänglich die Unterschiede der Mediennutzung früher und heute schauspielerisch darstellen wollen. Aber dann ist uns schnell klar geworden: Es ist gar nicht so einfach, das Leben dieser Zeit zu spielen (lacht). Uns fehlten da z.B die Kostüme, das 60er Jahre Bühnenbild und, und, und. Vor allem, weil wir viele geschichtliche Fakten und Erkenntnisse unterhaltsam präsentieren wollten, entwickelte sich aus unserer Schauspielidee letztendlich doch noch die Idee einer Dokumentation.

mb: In eurem Film beginnt der Medienwandel bereits mit der Einführung des Fernsehgeräts im bürgerlichen Haushalt. Diese geschichtliche Komponente fehlt in den meisten anderen Filmbeiträgen der Tübinale.

Katja Lißel: Stimmt, das Museum der Alltagskultur in Waldenbuch und der Ausstellungsbereich „Wohnwirklichkeiten“ des 20. Jahrhunderts hat sich für uns als perfekter Drehort erwiesen. Die Ausstellung in Waldenbuch macht es möglich, das typische Wohnzimmer der beispielsweise 60 oder 70 Jahre zu betreten und selbst in die Rolle damaliger Mediennutzer zu schlüpfen. Auch wurden wir während des Drehens im Museum von Mitarbeitenden wirklich großartig unterstützt. Wir sind sehr froh, derart fachkundige Interviewpartner gefunden zu haben. Vor allem die Interviews nehmen den Zuschauer an der Hand und führen ihn durch eine Zeitreise der Medien

mb: Ergaben sich Schwierigkeiten oder Herausforderungen beim Dreh der Interviews?

Katja Lißel: Schwierig beim Interview ist es natürlich, herauszufiltern, was für den eigenen Beitrag tatsächlich von Interesse ist und was nicht. Das fällt umso schwerer, wenn man, wie in unserem Fall, Fachkundige interviewt, die besonders viele, interessante Dinge erzählen können. Man möchte dann ungern unterbrechen und am liebsten alles Erfahrene filmisch auch irgendwie verarbeiten.

Anna Dudenhausen: Auch die Technik bereitet natürlich einige Herausforderungen! Da gibt es dann den ein oder anderen Wackler im Bild oder einen nicht beabsichtigten kratzenden Ton. Das ärgert natürlich, weil man plötzlich eine interessante und wichtige Szene so nicht mehr verwenden kann. Hier hilft es wiederum viel und ausgiebig zu filmen, um letztendlich die Möglichkeit zu haben, unbrauchbares Material aussortieren zu können.Es gilt: Je mehr Bilder und Perspektiven einem nach den Dreharbeiten zu Verwendung stehen, desto besser!

mb: Und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen! Herzlichen Glückwunsch auch an Euch und vielen Dank für das Interview!

 

Foto und Video: Copyright Sebastian Luther, Moritz Moder und Janina Wollensak

Screenshot: Copyright Anna Dudenhausen, Arianne Schmitt und Katja Lißel

Probieren geht über Studieren – eine ehemalige Studentin berichtet

Für was studieren wir eigentlich? Finden wir unseren Traumjob oder sind wir froh, dass da draußen überhaupt eine Stelle für uns frei ist – für uns als Teil einer wachsenden Masse von Studienabgängern? Bei Geisteswissenschaftlern stellt sich meist die Frage „Was macht man denn damit?“ Auch für einen Medienwissenschaftler ist es nicht immer leicht, die eigene Richtung zu finden. Vielleicht verlässt manch einen auch ab und an der Mut, wenn er düstere Geschichten über den Arbeitsmarkt in der Medienbranche hört. Media-bubble.de hat deshalb einmal nachgehakt, was denn aus den ehemaligen Tübinger MeWis heute so geworden ist.

von Sandra Schröder-Kalemba

Ich heiße Sandra Schröder-Kalemba, bin 30 Jahre alt und habe von 2007 bis 2009 Medienwissenschaft mit dem Abschluss Master in Tübingen studiert:

Die Berufswelt bietet einem Medienwissenschaftler heute viele Möglichkeiten. Wir können danach sowohl als Journalisten, als auch in der PR arbeiten und verfügen über breitgefächerte Kompetenzen im medialen Geschehen. Das Studium bietet eine gute Orientierung und schneidet alle Bereiche von Print, über Hörfunk, bis Fernsehen, Online und PR an. Diese Vielfalt macht uns als Allrounder für viele Arbeitgeber interessant, die crossmedial arbeiten. Aber: man sollte sich im Klaren sein, dass man nach dem Abschluss nur an der Oberfläche gekratzt hat.

Für Arbeitgeber zählen Arbeitsproben

Wer in den Medien Fuß fassen will, der sollte bereit sein, viele Praktika – auch unbezahlt – zu absolvieren, um möglichst viele verschiedene und aussagekräftige Arbeitsproben vorweisen zu können. Es ist ein langer Ausbildungsweg, der einem in vielen Bereichen ein Volontariat zum Redakteur trotzdem nicht erspart. Viele Verlage betrachten Projekte aus der Uni eher als Übungsstoff und bestehen auf „echten“ Beiträgen, die auch veröffentlicht wurden. Diese sollte man unbedingt sorgfältig aufheben, aufbereiten, zugänglich machen und für Bewerbungen sofort parat haben. Besonders gern gesehen sind Projekte, bei denen der Medienwissenschaftler eigenverantwortlich Beiträge umgesetzt hat.

Schon vor meinem Studium habe ich für die Lokalpresse NWZ geschrieben. Während des Studiums war ich drei Monate in einer lokalen Werbeagentur und habe dort Webseiten gestaltet. Nach meinem Studium war ich drei Monate beim Göppinger Stadtmarketingverein und habe dort das Bühnenprogramm für das Event Waldweihnacht organisiert und vom Flyer bis zur Pressemitteilung aufbereitet. Danach war ich ein halbes Jahr bei der Wochenzeitung Staatsanzeiger im Onlinebereich. Erst danach wurde ich aufgrund der aktuellen Arbeitsproben für ein Volontariat bei der Ludwigsburger Kreiszeitung genommen und habe dort noch mal von Grund auf das journalistische Handwerk der Tageszeitung und das Blattmachen gelernt.

Jobs der Zukunft liegen im Netz 

Jetzt bin ich Onlineredakteurin bei der Südwest Presse in Ulm für die Region Göppingen/Geislingen. Dort betreue ich die Webseiten der NWZ und Geislinger Zeitung, erstelle Bildergalerien, habe schon erste Videos gedreht und schreibe auch selber Beiträge. Meine Wünsche haben sich komplett erfüllt: Ich kann als Journalistin online arbeiten und habe großen Freiraum bei der Themengestaltung in allen Medienformen in Text, Bild, Audio und Video. Ich bin froh, dass wir im Studium selbst Videos gedreht und geschnitten haben. Auch der Onlinekurs hat mir sehr viel mit auf den Weg gegeben. Noch heute schaue ich in meinen Aufzeichnungen nach zu Photoshop, Montagetechnik, Interviewtechnik und Reportage.

Das alles habe ich in der Praxis vertieft und darauf aufgebaut. Mein Motto lautet am Ende aber: Probieren geht über Studieren – nur wer das Gelernte anwendet und entwickelt, kann mit den ständig wechselnden Anforderungen der Medien mithalten.  Man ist nie fertig und muss ständig bereit sein, sich auf neue Programme, Gestaltungsregeln etc. einzulassen. Vor allem im Onlinebereich sehe ich die größten Zukunftschancen. Egal ob Zeitungshaus, Stadtverwaltung, Ministerium, Verband oder Verein: alle wollen online machen und suchen Leute, die sich mit Web, Facebook und Co auskennen, schreiben, fotografieren und filmen können. Viel Erfolg!

 

Fotos: Copyright Christine Böhm

Der moderne Meursault: “Solitude”

von Selina Juliana Sauskojus 

Leland P. Fitzgerald ersticht den behinderten Bruder seiner Freundin mit 20 Messerstichen. Ein Motiv finden weder Angehörige noch die Medien. In seinem Film Solitude: Die geheimnisvolle Welt des Leland Fitzgerald (2003) versucht Matthew Ryan Hoge, in Anlehnung an Der Fremde von Albert Camus, Erklärungen für das Handeln des Menschen zu finden.

1942 erschien in einem Pariser Verlag der Roman Der Fremde des algerisch-stämmigen Philosophen Albert Camus. Es gilt bis heute als eines der Hauptwerke des Existentialismus. Darin geht es um Meursault, einen Mann, der seine Umwelt zwar wahrnimmt, dieser aber weder Sympathie noch Empathie entgegenbringt. Als er einen Mann erschießt und in der Gefängniszelle auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartet, gerät er ins Grübeln über sich und das Leben. Leland, der Protagonist von Matthew Ryan Hoge, grübelt aber schon lange bevor er sein Verbrechen begeht. Camus‘ Grundüberlegungen über den Unsinn des Lebens und die Machtlosigkeit des Individuums bekommen dadurch einen neuen Anstrich. Im modernen Kontext des Films verlieren sie jedoch ihre Relevanz.

„Warum ich es getan habe? Wegen der Traurigkeit.“

Der 16-jährige Leland (Ryan Gosling) ersticht, scheinbar grundlos Ryan, den behinderten Bruder seiner Freundin Becky (Jena Malone). Das Verbrechen schockiert Beteiligte und Unbeteiligte. Im Gefängnis scheint er jedoch einen Freund in seinem Lehrer Pearl (Don Cheadle) zu finden, der, nicht ganz uneigennützig, hinter die Motive des Einzelgängers kommen möchte. In zahlreichen Gesprächen wird das schwierige Verhältnis zum Vater (grandios als rüder Schriftsteller: Kevin Spacey), Gut und Böse und eine allgegenwärtige Traurigkeit gesprochen, die Leland überall zu erkennen glaubt. Indes kämpft Ryan’s Familie mit dem Verlust ihres geliebten Familienmitglieds. Dass Becky nebenbei mit Drogenproblemen und Liebeskummer zu kämpfen hat und ihre Schwester Julie (Michelle Williams) sich immer mehr von ihrem langjährigen Freund Allen (Chris Kline) entfernt, erleichtert die Trauerarbeit nicht gerade. Getrieben von der eigenen Trauer um seine Beziehung und dem Schmerz von Ryan’s Familie, glaubt Allen einen Weg zu finden, der allen Beteiligten Erlösung zu versprechen scheint.

Sinnsuche damals und heute

Camus‘ Romanfigur Meursault zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er überhaupt nichts fühlt. Noch nicht einmal als er seine Mutter zu Grabe trägt, scheint er von irgendeiner Emotion gerührt zu sein. Er interessiert sich nicht für sein Umfeld, es sei denn es verschafft ihm kurzweilige Zerstreuung. Leland hingegen ist ein genauer Beobachter seiner Welt. Er sieht den geistig behinderten Ryan mit einer Empathie, die ihm andere Menschen nicht entgegenbringen. Er beobachtet eine große Traurigkeit in dem Jungen, die daher rührt, dass er wie ein Aussätziger behandelt wird und niemals die Chance auf ein normales Leben haben wird. Um diese Traurigkeit zu beenden bringt er ihn schließlich um. Diese Handlung steht konträr zur Grundaussage von Camus. In dessen Theorie des Existentialismus geht es darum, dass der Mensch erkennen müsse, dass er überhaupt nicht nach einem Sinn des Lebens zu suchen hätte, da es ihn sowieso nicht gebe. Je eher man fähig sei, dies zu akzeptieren, desto leichter lasse es sich leben. In Solitude wird diese Aussage umgekehrt. Leland vermisst einen positiven Sinn des Lebens, das Suchen nach Erfüllung und Glück,  und wird deswegen zum Mörder. Im historischen Kontext betrachtet sind die Veränderungen, die Hoge in sein Skript eingearbeitet hat, aber durchaus nachvollziehbar. Der Fremde entstand während des Zweiten Weltkrieges. Geprägt von dessen Eindrücken und seinen Erfahrungen als algerisch-stämmiger Franzose war eine existentialistische Weltsicht vermutlich tatsächlich befreiend. Nach unseren heutigen Maßstäben ist der Existentialismus ein eher deprimierendes philosophisches Konstrukt. Vor allem weil es viel einfacher zu sein scheint einen Sinn im Leben zu finden, sei es Reichtum, Liebe oder Gesundheit, als noch vor siebzig Jahren.

Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse

Worin sich aber Vorlage und Film einig sind, ist die Auseinandersetzung mit Gut und Böse. Leland macht, wie der Protagonist des Romans, eine derartige Schwarz-Weiß-Unterscheidung nicht. Seiner Meinung ist sie ein von Menschen gemachtes Konstrukt, um das Leben und den Umgang damit leichter zu machen. Als Pearl Leland erzählt, dass er seine Freundin mit einer Arbeitskollegin betrogen hat, begründet er dies mit den Worten: „Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich bin auch nur ein Mensch.“ Pearl impliziert damit eine Handlungsunfähigkeit, die dem Menschen innewohnt. Für Leland existiert eine solche Unfähigkeit nicht. Für ihn entscheiden sich Menschen bewusst für ihre Taten und benutzen Aussagen wie „Ich bin doch auch nur ein Mensch“ um negative Handlungen als natürliche Fehlleitungen zu rechtfertigen. Er räumt ein, dass auch er bewusst entschieden hat, Ryan umzubringen. Zu Beginn des Films ist der Zuschauer geneigt, Lelands Tat zu verurteilen (das ändert sich im Verlauf des Filmes auch nicht), aber schlussendlich sind die Motive, die zu einem Mord geführt haben nachvollziehbarer, als die Gründe, die Pearl dazu gebracht haben, seine Lebensgefährtin zu betrügen.

Fazit

Viele Kritiker erwarteten von dem Film eine Erklärung für Jugendgewalt in den USA. Am Ende waren sie enttäuscht, dass der Film darauf keine Antworten lieferte. Diesen Anspruch hat der Film auch überhaupt nicht. Genauso wenig will er das Werk Camus‘ eins zu eins in unsere Zeit übertragen. Durch den Protagonisten Leland wird der Zuschauer aufgefordert hinter die Fassade der Gesellschaft zu blicken, eine Gesellschaft voller Erwartungen, die nicht erfüllt werden können, seien es Erwartungen an die Zukunft, an die Mitmenschen oder an sich selbst. Dass diese erfüllten und unerfüllten Erwartungen intentionale Handlungen nach sich ziehen ist die Quintessenz, die Hoge dem Zuschauer am Ende mit auf den Weg gibt.

 

Fotos: 3L Vertrieb

Girls: Eine Verteidigung

von Lina Heitmann

Ich gebe zu: die erste Folge von Girls war mir zu viel. Die unbezahlten Praktika nach dem Bachelor-Abschluss traten der Realität zu nahe; die Sex-Szene zwischen der Hauptfigur Hannah und ihrem nicht-wirklich-Freund Adam war so ungemütlich und zum Fremdschämen, dass ich ausschalten wollte. Aber die Serie ist lustig, die Charaktere sind zwar nicht immer sympathisch (im Gegenteil), doch sie wachsen einem ans Herz, und die Handlung beschäftigt einen noch im Nachhinein.

Mädchen? Nein, Frauen!

Wie Sebastian Luther erklärt, hat sich Girls als realistisches Gegenstück zu Sex and the City positioniert. Die Serie spielt im Hipster-Brooklyn statt in Manhattan. Die Hauptperson ist dick statt dünn und hat schlecht bezahlte Jobs und unpassende Kleidung statt Carries Glamour-Lifestyle. In der ersten Folge meint Shoshanna, „You’re definitely a Carrie, with like, some Samantha aspects, and Charlotte hair. That’s, like, a really good combination“. Das sind Frauen, die mit Sex and the City aufgewachsen sind und deren Erwartungen zum Teil auf dem von SATC vermittelten Bild von New York basieren. Mit ihrer eigenen Realität hat das aber nur wenig zu tun. Girls stellt das Leben von frischen Uni-Abgängern, die den Schritt zu einer Karriere noch nicht geschafft haben, realistisch dar. Aber es ist nicht in erster Linie diese Realitätstreue, die Girls zu einer richtig guten Serie macht.

Sex, nackte Frauen, und ein Bruch mit Konventionen

Girls ist experimentierfreudig. Eine Folge, die manche mehr (beispielsweise ich selbst), manche weniger gut fanden, lief mitten in der zweiten Staffel unter dem Titel „One Man’s Trash“. Außer Hannah taucht hier keine der anderen Frauen auf. Hannah hat eine auf ein Wochenende runtergekürzte komplette Beziehung mit dem gutaussehenden, sehr erwachsenen Arzt Joshua. Die restliche Handlung steht still und nach der Folge ist unklar, ob das alles wirklich passiert ist oder eine Art Traum- oder Fantasiesequenz war. Sie wird in den weiteren Folgen nicht nochmal angesprochen.

Weder die Quasi-Beziehungen zu Männern noch der Sex in Girls sind perfekt. Meistens ist man gar nicht nicht dafür, dass ein Paar zusammenkommt. Die Sex-Szenen sind entschieden un-Hollywood. Hannah selbst ist experimentierfreudig, denn als Schriftstellerin, insbesondere von persönlichen Essays, will sie möglichst viel erleben. So sind die Sex-Szenen auch experimenteller, sie probiert noch Sachen aus, und Adam lebt Fantasien aus, die er wahrscheinlich aus Pornos kennt. Dazu mein einziges Zitat aus einem der vielen Essays über Girls:

„Hollywood sex scenes are not typically interested in even hinting at the ways that people actually reach orgasm, and this is disheartening above all for female viewers, who develop a certain melancholy by the time that they have seen their one thousandth sex scene in which it is taken for granted that by sex we mean mutually rapturous face-to-face vaginal intercourse. […] So there you go: a dose of porn, judiciously applied by an extremely intelligent director, can save cinematic sex. I wouldn’t have believed it if I hadn’t seen it on Girls.“

Mit ihrer Nacktheit trotzt Lena Dunham dem männlichen Blick und nimmt ihm dadurch die Macht. Als Hannah zieht sie sich gefühlt mindestens einmal pro Folge aus. Bei HBO wäre das nichts Neues, wäre da nicht Dunhams Körper, der, nicht schlank und mit selbstgemalten Tattoos, dem Schönheitsideal des Mainstream widerspricht. Als Erfinderin der Serie, die die Folgen schreibt und immer wieder auch Regie führt, ist sie selbst daran Schuld, dass sie andauernd nackt zu sehen ist. Ihre Nacktheit ist aber kein Standardteil des HBO-Angebots, wo idealtypische vor allem weibliche Körper neben der Handlung gezeigt werden (Boardwalk Empire, Game of Thrones, True Blood…). Hannahs zwei schlanke Freundinnen Shoshanna und Marney sieht man beispielsweise nicht oben ohne.

Imperfection makes perfect

Keine der Hauptfiguren ist perfekt, und das ist auch gut so! Die Charakterdefekte von Tony Soprano, Walter White und Don Draper werden den entsprechenden Serien nicht vorgehalten – im Gegenteil, sie machen sie interessant. Warum müssen weibliche Figuren perfekt sein und dürfen die Zuschauer nicht in Verlegenheit bringen? Girls ist eine von mehreren Serien, die dieser Doppelmoral trotzen und sie durch ihren Erfolg widerlegen. Die Serie richtet auch selbst einen kritischen Blick auf seine Charaktere. Lena Dunham ist nicht gleich Hannah Horvath. Hannah sagt beispielsweise, sie sei die Stimme ihrer – oder zumindest einer – Generation, aber das ist nicht direkt auf die Serienmacherin zu übertragen. Kurz nachdem sie diesen überheblichen Satz von sich gibt, stielt Hannah das Trinkgeld der Putzfrau im Hotel. Das zeigt: die Serie steht nicht bedingungslos hinter allem, was Hannah sagt und tut. Außerdem dürfen die Personen wachsen: Shoshanna wurde nach der ersten Staffel als nervig und flach kritisiert. In der zweiten Staffel zeigt sie sich als viel erwachsener als ihr älterer Freund Ray, als sie mit ihm Schluss macht und ihm sagt, „I can’t be the only thing you like!“ – und sie hat absolut Recht.

Auch wenn Hannah, Marnie, Jessa und Shoshanna oft unreif und egozentrisch sind – man fühlt trotzdem mit ihnen und hofft für ihre Freundschaft. Die Szene zwischen Hannah und Marnie in der Folge „Boys“, als sie sich am Telefon anschweigen und ihr Glück einander nur vorspielen ist unglaublich berührend. Der einzige Satz, den Hannah für ihr E-Book in der letzten Folge geschrieben hat, „A friendship between college girls is grander and more dramatic than any romance…“ stimmt bei ihr einfach nicht mehr, denn in der zweiten Staffel treiben die Frauen auseinander.

Shock-value

Die Serie kann uns noch schockieren. Bei all der Gewalt, die Teil von vielen Qualitätsserien ist, ist das eine ziemliche Leistung. Wie Hannah sich selbst,bei einem Rückfall in ihre Zwangsstörung gleich zweimal den Q-Tip zu weit ins Ohr rammt, oh mein Gott.

Und sie entfacht Diskussionen – zum Beispiel um die Sex-Szene in der vorletzten Folge, in der eine Art Grauzone der Vergewaltigung gezeigt wird, bei der die Zustimmung auf jeden Fall fehlt. Sebastian Luther sieht darin, dass die Szene als realistisch verkauft wird schon eine Billigung. Dem kann ich nicht zustimmen. Diese Sex-Szene steht in großem Kontrast zu denen zwischen Adam und Hannah, wo Hannah gerne mitmacht. Natalias Widerwillen ist deutlich spürbar. Dunham hat hier wieder mal eine Dosis Porno angewendet und etwas gezeigt, was sonst nicht im Fernsehen vorkommt: Adams Samenerguss auf Natalias Körper. Dieser steht hier aber nicht für Vergnügen oder Erfolg, sondern für den beidseitigen Scham.

 

Foto: flickr/wallyg (CC BY-NC-ND 2.0)

Mädchen?

von Sebastian Luther

Ein Mann befiehlt seiner Freundin, auf allen Vieren durch die Wohnung zu kriechen. Er wirft sie auf das Bett, penetriert sie von hinten und ejakuliert auf ihre Brust. Er gipfelt in Lust, sie in Scham. Willkommen in der Wirklichkeit.

Welcome to the cruel world

Der Mann heißt Adam, er ist Künstler durch und durch. Schauspieler, Autor, Holz-Bildhauer. Damit hat er es in New York nicht leicht, die Konkurrenz ist hart, das Angebot rar und die Mieten hoch. Doch er schafft es trotz allem sich seine quirlige, exzentrische Art zu bewahren. Ein unverwechselbarer Charakter, der auch noch bis an die Zähne mit sarkastischen und brutal ehrlichen Kommentaren bewaffnet ist, die allesamt regelmäßig zum Einsatz kommen. Ein streitbarer Charakter, dessen Wirkung aus der fiktionalen Realität heraus, in der er geschaffen wurde, tief in unsere Realität strahlt. Und schließlich ein scheußlicher Charakter. Nicht im guten Sinne, dass man sich an der außerordentlichen Leistung des Schauspielers aufreibt und reale Gefühle auf eine fiktive Person projiziert, sondern scheußlich auf die scheußliche Art, auf die die Botschaft des Charakters jeden Kontext überlagert und dann verschlingt, dann versickert und dann, am Ende, vernichtend verkündet: “So sollst du sein!” Aber das ist glücklicherweise nicht allein Lena Dunhams Werk.

Stairway to Fame

Ihr Werk allein ist ein Anderes. Ihr Werk ist die Serie “Girls”, die sie zusammen mit Judd Apatow (Superbad, Get Him to the Greek) produziert hat und auch die weibliche Hauptrolle Hannah Horvath spielt. Hannah versucht sich in New York als Autorin zu etablieren, bekommt allerdings in der Pilotfolge die Hiobsbotschaft von ihren Eltern, dass sie sie nicht länger finanziell unterstützen werden, verliert dann ihre einzige, halbwegs aussichtsreiche, aber dennoch unbezahlte, Anstellung und schlingert so durch die Sphären des Big Apple Kosmos. Hannah hat außerdem eine Affäre mit besagtem Adam, die gar nicht gut läuft. Zur Seite stehen ihr die drei restlichen Girls, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Jessa, die aufgedrehte Britin, die kaum eine Feier oder einen Typen auslässt und zum ersten Mal seit Jahren wieder in NYC ist. Weil sie dort keine Wohnung hat, zieht sie bei ihrer Cousine und Freundin Shoshanna ein, dem naiven, jungfräulichen Mauerblümchen, das das Herz am rechten Fleck trägt. Und dann ist da noch Marnie, Hannahs taffe Mitbewohnerin, die einen Job in einer Galerie und einen sehr fürsorglichen Freund hat, beide aber nicht besonders gut leiden kann. So soll sich die Serie insgesamt als realistisches Pendant zu Sex and the City und Gossip Girl positionieren, da beide materielle Sorgen durch ihr Setting ausblenden. Pay-TV Platzhirsch HBO hat Dunham damit gewissermaßen ein goldenes Treppchen in den Himmel des Erfolgs gebaut, ein Raketenstart, kein Fuß in der Tür, sondern eine abgerissene Wand.

Normative Normalität  

Wofür die Serie von Kritikern, Fans und der eigenen Crew gleichermaßen gefeiert wird, ist eben der Realismus. “I think it’s interesting for guys to get an insight into realistic females”, erklärt Dunham in einem Interview. Besonders wird dabei immer wieder Sex in den Vordergrund gerückt, der für Fernsehverhältnisse völlig atypisch abläuft und die dreckige Seite zeigen soll, die nur einem Partner Spaß macht (siehe oben). Das Problem ist dabei nicht, dass Adam mit seiner neuen Freundin Natalia etwas tut, das unrealistisch oder konstruiert wäre. Er bestraft sie in dieser Szene für die Demütigung, der sie ihn ausgesetzt hat, indem sie ihn als den kriselnden Künstler auf eine Party voller erfolgreicher Leute mitgenommen hat, was ihn entsprechend schlecht dastehen ließ. Obendrein trifft er vorher Hannah, was ihn zusätzlich deprimiert und wieder zur Flasche greifen lässt. Auch das ist, wenngleich in sich sehr problematisch, nicht das grundlegende Problem. Das grundlegende Problem ist, dass Adams Verhalten auf dem gleichen Zug mitfährt, der von den Realismushymnen von faz.net, sueddeutsche.de und, oh Wunder, SPON zu Ehren der Sendung angeschoben wird. Diese völlig unkritische Haltung, hier im Beitrag von DRadio Kultur, kolportiert Normalität, sein Verhalten wird entschuldbar. Denn der Adam, der so geschaffen wird, ist ja nur “leicht autistisch”, “wenig gesellschaftsfähig” und trotzdem “ein guter Liebhaber”. Er ist eben so, er ist der Exzentriker, wie es im Klappentext der ersten Staffel heißt. Er ist der Charakter, mit dem man sich dann froh identifizieren kann. Und wenn man sich bei ihm keine Sorgen machen muss, dann bei einem selbst auch nicht. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach, kriegt er Hannah am Ende ja doch zurück. Ach ja, und wenn schon. Er war ja auch noch betrunken. Das macht es doch OK, oder?

 

Foto: flickr/charliedees (CC BY 2.0)

Modisch empört

von Nicolai Busch

Wenn heute jemand einen Zuckerwürfel in den Bodensee wirft, könnte er das messtechnisch morgen noch nachweisen. Wenn er wollte. Die Frage ist nur, warum sollte man wollen?

Doch von vorne – Michael Jeffries, CEO des großen, US-amerikanischen Modeunternehmens Abercrombie & Fitch behauptete 2006 in einem Interview seine Kollektionen seien ausschließlich für „schlanke, gutaussehende“ Menschen bestimmt. Die Unternehmensstrategie habe letztendlich den kategorischen Ausschluss „dicker, uncooler“ Käufer zum Ziel. Ein Skandal? Oder nur eine sehr ehrliche und offene Beschreibung spätkapitalistischer Unternehmensphilosophie?

 Jeffries vs. Facebook

Erst sieben Jahre später, 2013 steht das selbe US-amerikanische Modeunternehmen im Auge eines riesigen Shitstorms. A & F sieht sich mit abertausenden wütenden Hassmails und Boykottaufrufen in sämtlichen sozialen Netzwerken konfrontiert. Journalisten hatten die umstrittenen Zeilen des CEO aus dem Jahr 2006 wieder ausgegraben, um sich im Krieg gegen den Körperkult auf die Seite der in dieser Welt diskriminierten Dicken zu schlagen.A & F lehnt es nach wie vor ab, Übergrößen anzubieten.

Stating the Obvious – der Zirkelschluss der Empörung

Nun nehmen wir einmal an, es gäbe Leute, die Zuckerwürfel in den Bodensee werfen und darin eine Relevanz sehen würden, diesen eigens in den See geworfenen Zucker im Wasser auch nachzuweisen. Ein typischer Zirkelschluss, der auch die Empörung um A & F bildlich beschreibt. Denn hier wird das zu Beweisende, bei dessen Beweis schon verwendet (Diese Gesellschaft diskriminiert dicke Menschen. A & F diskriminiert dicke Menschen. A & F ist schuld an der Diskriminierung dicker Menschen durch diese Gesellschaft). Im wütenden Gleichschritt pilgert dann ein Mob aus Weltrettern, Meinungsfreiheitskämpfern und moralisch Schwerverletzten zur Stätte der „Verunreinigung des gesellschaftlichen Grundwassers“. Will heißen, zum Bodensee, oder eben zur Facebook Fanpage des Modeunternehmens A & F. Nicht um Zucker nachzuweisen, sondern um ein mehr als hundert Jahre altes Schönheitsideal anzuprangern, das gesellschaftlich fest verankert ist. Ein Schönheitsideal, das wir nicht zuletzt unzähligen überzeugten Käuferinnen und Käufern zu verdanken haben.

A & F – Täter oder Stellvertreter?

Es soll hier keinesfalls versucht werden, das durchaus diskriminierende Geschäftsmodell von A & F zu verharmlosen. Die Zuckerwürfel-Metapher und der Zirkelschluss verweisen auf einen ganz anderen Umstand. Sie verweisen auf eine Empörungsdynamik des digitalen Publikums, die scheinbar erst losbricht, sobald das ohnehin Offensichtliche („Die Mode der Schönen und Reichen diskriminiert seit jeher keineswegs unabsichtlich die weniger Schönen und Mittellosen“), aber bisher Unausgesprochene, von einem Verantwortlichen ausgesprochen wird. Das heißt, die Bedeutung der eigentlich gesellschaftlich begangenen Tat und damit die Wut aller Zeugen steigt, sobald ein einzelner Täter gefunden ist, der sich durch sein ehrliches Statement zum Täter macht und uns Alle dadurch entlastet. Einer, der uns entlastet von unserer diskriminierenden Sehnsucht, uns körperlich und modisch voneinander abzugrenzen.

Der Skandal ist ein gesellschaftlicher

Dabei hätte man sich doch freuen können über die Worte Michael Jeffries. Endlich gibt da mal einer zu, ein Arsch zu sein. Endlich betreibt da mal einer ganz offen die zielgerichtete Ausschließung unerwünschter Kunden und bekennt sich hierdurch als Mitverantwortlicher unwirklicher Stereotype, den Magermädchen und Milchbuben im Strandoutfit. Doch anstatt sich glücklich zu schätzen, dass jemand die Schuld auf sich nimmt, taucht das Publikum online nach Zucker im Bodensee, ohne das wahre Ausmaß des eigentlichen Skandals überblicken zu können. Anstatt sich mit Jeffries Marketingstrategie ehrlicherweise zu identifizieren und sie dann als gesellschaftliches Problem kontrovers zu diskutieren, fordert die Netzgemeinde „mehr Übergrößen“ bei A & F.

Wie klein und unnütz scheint doch plötzlich die Macht des Publikums im digitalen Netzzeitalter, wenn die skandalisierte Normverletzung des Einzelnen nur über das unveränderbar skandalöse Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft hinwegtäuscht?

 

Foto: flickr.com/ E L Montgomery; Bearbeitung Sanja Döttling (BY-NC-SA 2.0)

Mehr Iron Man

von Sanja Döttling

Tony Stark war nie der höflichste Milliadär, und das wird ihm in dritten Teil der Saga zum Verhängnis. Vor ein paar Jahren ließ er den hässlichen, aber brillanten Wissenschaftler Aldrich Killian abblitzen und muss jetzt mit den Folgen leben. Chirurgisch überarbeitet und mit neuem Anzug kommt Killian zurück und versucht sich nicht nur Starks Imperium, sondern auch seine Freundin Pepper unter den Nagel zu reißen. Ein ungünstig gewählter Zeitpunkt, denn in der Beziehung von Pepper und Tony läuft nicht alles rund. Wer will auch schon Mann und Bett mit einem Kampfanzug teilen? Kilian hat eine Methode entwickelt, die Gene des menschlichen Körpers zu verändern – eine Methode, die nur zu leicht als Waffe gebraucht werden könnte.

Weitere Gefahr droht von dem Terroristen Mandarin. Die Auseinandersetzung wird persönlich, als bei einer von Mandarin geplanten Explosion Tonys Sicherheitschef  verletzt wird. Völlig unvorbereitet stolpert Tony Stark in den ersten Kampf und kann nur mit Mühe und einem stark beschädigten Anzug entkommen. Nicht nur der Anzug ist angeschlagen: Seit dem Alien-Angriff auf New York, der im letzten Marvel-Film „The Avengers“ erzählt wird, leidet der taffe Tony Stark an Panikattacken. Nicht die besten Voraussetzungen, um einer terroristischen Vereinigung und einem genveränderten Schönling entgegen zu treten.

Reich und Schön

In den letzten Jahren wurden die Marvelverflimungen immer erfolgreicher. Iron Man 3 bis jetzt  eine Millarde Dollar weltweit ein und steht damit schon jetzt auf Platz 16 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Vorgänger „The Avengers“ belegt übrigens Platz Drei. Das Franchise „Marvel“ hat sich damit endgültig seinen Platz in der Top-Liga erstritten.

Alles auf Anfang

Es ist nur ein konsequenter Schluss, auf Höhe des Erfolgs zum Anfang zurückzukehren. Genau dazu ist Iron Man nämlich gezwungen. Nachdem er nur knapp dem Angriff des Mandarin entkommen konnte, sind Geld, Labor und Autos dahin. Aus dem superreichen Playboy wird wieder der Tüftler Tony, der ganz wie McGyver zum rudimentären Erfinden zurückkehren muss. Ein einfacher und doch effektiver Weg, um aus dem Superhelden einen Underdog zu machen, nicht unähnlich wie im ersten Teil. Neue Verletzlichkeit gewinnt Tony auch durch die Panikattacken, die seinem Charakter mehr Tiefe geben sollen – auch wenn dieser Griff in die Emotionalitätskiste sicher nicht die Neueste im Filmbusiness ist.

Regisseur Shane Black hat schon 2005 mit Robert Downey Jr. zusammengearbeitet, damals bei seinem Regiedebut mit der Actionkomödie „Kiss Kiss Bang Bang“, die gleichzeitig die Rückkehr Downeys auf die große Leinwand markierte. Jetzt kommt das Paar erneut zusammen. „Iron Man 3“ ist actionreicher denn je, alles ist auf Hochglanz poliert. Es ist Popcornkino von seiner besten Seite, und auch auf die Handlung wurde wert gelegt. Das ist nicht bei jedem Actionfilm so.

Aus zwei mach eins

Die Handlung des dritten Teils vereint zwei bekannte Handlungsstränge aus dem Comic, die Geschichte des Bösewichts Mandarin (überraschend und furchterregend: Ben Kingsley) und die Story um „Extremis“, die genetische Veränderung des Körpers. Der aus den 60er Jahren stammende Terrorist Mandarin wäre für die heutige Kinoleinwand zu eindimensional. Im Comic ist er einfach nur der böse Kommunist; im Jahr 2013 reicht diese plakative Beschreibung nicht mehr aus. Deshalb haben die Drehbuchautoren Drew Pearce und Shane Black sich hier eine ganz besondere Auflösung einfallen lassen, die beide Handlungen auch zusammenführt. Fans werden vielleicht entsetzt sein; andere werden den frischen Wind lieben.

Eine andere positive Überraschung ist Pepper Pots. Sie ist nämlich mehr als ein weibliches Loveinterest. Zwar ist „Iron Man 3“ noch lange kein Fall für den Bechdel-Test, aber dennoch wird Pepper als weibliche Figur ernst genommen. Sie ist nicht nur Firmenchefin, sondern führt mit Tony auch eine überraschend alltägliche, gleichberechtigte Beziehung. Schön, eine Frau mal nicht nur als Damsel in Distress zu sehen.

Doch ein neuer Faktor (abgesehen von den lebensbedrohlichen Gegnern Tonys) wirft ein Schatten auf die Beziehung. Tony schafft es, den KI-Butler Jarvis seinen Anzug steuern zu lassen. Aus dem Anzug mit der künstlichen Intelligenz entwickelt sich so eine neue Eigendynamik, die auch gern mal in Tonys Schlafzimmer eindringt. Die Fragen, inwieweit sich der Iron Man von Tony Stark entfernt hat, und wie abhängig Tony von seiner eigenen Erfindung geworden ist, werden in diesem Film aufgegiffen. Ist der Superheld die Rüstung? Oder Tonys Erfindergeist?

Lineare Erzählungen waren gestern

Die Comics von Marvel (und DC) hatten schon immer eine anspruchsvolle Chronologie. Alle Superhelden fungieren im gleichen Universum, haben aber andere Handlungsstränge. Außerdem erschienen oft parallel Comic-Bände, die sich auf einen Superhelden konzentrieren, und Bände, die eine ganze Gruppe Superhelden  im Blick haben (wie Avengers). Was dazu führte, dass Helden teilweise in zwei Handlungen „gleichzeitig“, aus Rezipientensicht, zugange waren. Zusätzlich verstärkt wird die Verwirrung durch die Riege der Comicautoren und –zeichner, die die Geschichten manchmal etwas anders erzählen. Die sämtlichen Parallelwelten, in denen Iron Man zugange ist gibt es hier in einer langen Liste.

Lineares Erzählen war in Comics schon lange gestern. Jetzt hat diese Erzählstruktur teilweise auch auf die Marvel-Verfilmungen übergegriffen. Zwar wird hier nur eine Handlung erzählt. Aber „Iron Man 3“ ist der erste Film, der als Fortsetzungen zwei anderer Filme gleichzeitig gilt: Einmal „Iron Man 2“, und zusätzlich „The Avengers“. Aus ersterem wurde die Beziehung mit Pepper fortgesetzt. Aus letzterem behält Tony Stark seine Panikattacken bei. Klingt unkonventionell, ist aber gut gelungen. Der Film sieht sich wie aus einem Guss, Handlungsstränge sind gekonnt ineinander verwoben. Auch die  schöne Hochglanz-Action mit meist zotigem Humor trägt dazu bei.

 

Fotos: TM & © 2013 Marvel & Subs. All Rights Reserved.

Schafpelze statt Daunendecken

von Eva Meixner

Ein freies Leben führen, unter weitem Himmel schlafen und jeden Tag woanders sein – der Film „die Winternomaden“ von Manuel von Stürler zeigt, wie ein fast vergessener Beruf ein solches Leben in Mitten von Europa möglich macht. Der Film porträtiert zwei Menschen, die  als Schäfer und Schäferin für vier Monate mit ihren Schafen durch die Westschweiz ziehen, welche Anstrengungen und Wunder auf sie warten.

Reisevorbereitungen

Die letzten Vorbereitungen werden getroffen, die Esel werden mit Schaffellen und anderen lebensnotwendigen Dingen bepackt, die Leitschafe bekommen Glocken um den Hals. Pascale Eguisier und Carole Noblanc bereiten sich auf eine ungewöhnliche Reise vor. Mitten im Winter werden sie begleitet von 800 Schafen, vier Hütehunden und drei Packeseln durch die Westschweiz wandern, um für die Schafe die besten Futterplätze zu suchen. Den Straßenlärm noch im Nacken machen sie sich mit der riesigen Herde auf den Weg zu einem unkonventionellen und entbehrungsreichen Leben. Tag und Nacht werden sie in den nächsten vier Monaten draußen bei ihrer Herde verbringen, bei Wind und Wetter unter freiem Himmel schlafen und jeglichem Komfort den Rücken zuwenden.

Was hat diese beiden Menschen  veranlasst, ihre warmen, trockenen Wohnungen zu verlassen mit Schafen, Hunden und Eseln bedingungslos den Launen der Natur auszusetzen?

Unter freiem Himmel

Carole und Pascale ist der materialistische Komfort nicht genug. Sie haben Bequemlichkeit gegen ein hartes Leben eingetauscht – aus Liebe zu den Schafen und zur Natur. Sie ziehen von Futterplatz zu Futterplatz, laufen mit ihrer riesigen Herde auf Straßen entlang und durchqueren ganze Dörfer. Fünf Kilometer legen sie im Durschnitt pro Tag zurück, insgesamt werden sie auf ihrer Reise 600 Kilometer laufen. Nach einem Tag voll ununterbrochener Konzentration, kommen sie abends am Lagerfeuer endlich zur Ruhe. In einem Lager aus Planen und Schaffellen schlafen sie nachts an Waldrändern, Lichtungen oder auf freien Wiesen, mit nichts als Schnee um sich herum.

Intensive Vorbereitung

Regisseur Manuel von Stürler und sein kleines Team haben die beiden Schäfer auf ihrer Reise begleitet. Dabei ist ein Film entstanden, der ganz ohne falsche Romantik das Leben der Schäfer widerspiegelt. Von Stürler, der zuvor als Komponist und Musiker tätig war, entdeckte seine Faszination für Schafe und Schäfer, als eines Tages eine Schafherde durch seine Region zieht. Die Idee, seine Leidenschaft des Fotografierens und Filmes, mit seiner Faszination für die Winternomaden zu verbinden, lässt in ihm den Gedanken (die Idee) zu diesem Film reifen. In den zwei Jahren der Vorbereitung für den Film, nimmt von Stürler an einer kompletten Wanderung der Herde teil. Die beiden Schäfer von der Idee zu begeistern gestaltete sich anfangs nicht einfach, verrät von Stürler in einem Interview. Erst nachdem sie der Regisseur überzeugt hat, dass sein Projekt weit anspruchsvoller sein wird, als die zahlreichen Amateurvideos, die über die beiden existieren, willigen sie ein.

Schlicht und einfach überzeugend

Wie auch die Winternomaden selbst, kommt der Film ganz ohne jeglichen Komfort aus. Trotz, oder vielleicht auch gerade weil Manuel von Stürler Musiker ist, entschied er sich weitgehend gegen Filmmusik. Allein das Bellen der Hunde, das Glockengeläute der Leitschafe und das Rufen von Carole und Pascale genügten dem Regisseur zur Darstellung des Schäferlebens. Zwischen hektischem Glockengebimmel, wenn sich die Schafe auf ein Feld verlaufen haben, und ruhigem Feuerknistern, wenn die Tiere bereits schlafen, lässt sich das Leben in der Natur so natürlich wie möglich und ohne aufgesetztes Pathos nachvollziehen. Der Film lädt mit einer leisen, flüsternden Stimme dazu ein, die Winternomaden auf ihrer Reise zu begleiten.

Kein moralischer Appell

Im Gegensatz zu vielen anderen Dokumentarfilmen dieser Art, erhebt der Film keinen Anspruch daran, die Menschen zu mehr Umweltschutz zu bewegen, oder unseren materialistischen Lebensstil zu kritisieren. Mit ganz einfachen, ruhigen Mitteln zeigt er uns, was es bei uns in der Nachbarschaft gibt, von dem wir gar nichts wissen. Er weist uns auf einen anderen Lebensstil hin, zeigt wie diese beiden mit so wenig Komfort leben können, wie fundamental das Ganze ist. Gerade durch dieses diskrete „Daraufhinweisen“, werden Sehnsüchte geweckt; Sehnsüchte nach einem einfacheren, von aller Hektik und Oberflächlichkeit befreiten Leben. Carole und Pascale haben den Komfort der Zivilisation gegen Freiheit eingetauscht.

 

Die Winternomaden (hiver nomade), Deutschland, Schweiz, Österreich, 2012 – Regie: Manuel von Stürler. Buch: Claude Muret, Manuel von Stürler. Kamera/ Bildgestaltung: Camille Cottagnoud. Mit: Pascale Eguisier und Carole Noblanc. 90 Min.

 

Fotos: mm filmpresse

Der Zombie in uns: „Dawn of the Dead“

von Selina Juliana Sauskojus

Nach dem Zweiten Weltkrieg floriert die USA. Die Wirtschaft wächst kontinuierlich, in den 70er Jahren endet Vietnamkrieg, Hippies beginnen die Straßen zu bevölkern. Frieden liegt in der Luft. Doch der Feind versteckt sich nicht ungern in den eigenen Reihen. Und er tarnt sich meist sehr geschickt. Vornehmlich in Shopping Malls, Autohäusern und überall dort wo der glückliche Amerikaner sein Geld ausgeben kann. Die Versprechungen von Wohlstand und Glück, die die Industrie macht, scheinen den Bürger zum willenlosen Konsumenten gemacht zu haben. Diese Entwicklung verarbeitet George A. Romero im zweiten Teil seiner Zombietrilogie und verlegt die Handlung in ein Setting, welches das Herz konsumwütiger Menschen höher schlagen lässt: das Einkaufszentrum.

„When there’s no more room in hell, the dead will walk the earth

Dawn of the Dead setzt zeitlich kurze nach Romeros erstem Zombiefilm Night of the living Dead (1968) ein. Untote wandeln auf der Erde, auf der Suche nach Lebenden, die sie sich einverleiben können. Wer nur ein einziges Mal gebissen wird, verwandelt sich vom Lebenden in einen wandelnden Untoten. In einem Fernsehstudio in Philadelphia werden letzte Versuche unternommen die Öffentlichkeit mit Informationen über die Katastrophe zu versorgen. Doch auch hier greift das Chaos langsam aber sich um sich. Mitarbeiter des Senders, das Paar Stephen und die schwangere Fran, wollen angesichts der aussichtslosen Situation ihr Heil in der Flucht suchen. Mit einem Hubschrauber und zwei SWAT-Mitgliedern, Roger und Peter, machen sie sich auf die Suche nach einem sicheren Refugium. In den vollständig ausgeplünderten amerikanischen Landstrichen findet sich kein Treibstoff mehr. Notgedrungen landen die vier auf dem Dach einer Shopping Mall. Dort beschließen sie sich zu verschanzen. Die Gruppe richtet sich häuslich ein, indes sammeln sich mehr und mehr Untote um das Einkaufszentrum herum. Während die offensichtliche Gefahr vor den geschlossenen Toren umherwandelt, beginnt der subtilere Feind, die Gruppe allmählich zu zersetzen. Fasziniert und geblendet von den Möglichkeiten, die ein Einkaufscenter ihnen bietet, entfremden sich die Gruppenmitglieder voneinander und von sich selbst.

 Ein sicherer Hafen für Mensch und Zombie

Das Einkaufszentrum stellt in Dawn of the Dead nicht nur ein Setting dar. Mit dem Handlungsort überträgt Romero den wichtigsten Anlaufpunkt des modernen Menschen in ein Horrorszenario.

Die Gruppe wird angezogen vom Angebot, das ihr ein möglichst langes Überleben sichert. Selbiges gilt für die Untoten, die vom lebendigen Fleisch der Gruppenmitglieder angezogen werden.

Der Protagonist Stephen sieht jedoch andere Beweggründe für den Auflauf der Untoten: „It’s some kind of instinct. Memory… of what they used to do. This was an important place in their lives.“

Das Stichwort lautet Instinkt: Ein unbewusst gesteuerter, natürlicher Trieb, der jedem Menschen innewohnt. Ein derartiger Instinkt entsteht aber nicht, wenn man sich als Gelegenheitsshopper einmal pro Monat in die städtischen Einkaufsstraßen begibt. Ein Instinkt sichert das Überleben, schützt vor Gefahren. Der Drang Dinge zu besitzen, sie zu horten und zu verteidigen, ist tief im Menschen verwurzelt. Romero zeigt, wie zerstörerisch dieses triebhafte Verhalten letztlich sein kann.

Der Überfluss führt dazu, dass sich die Gruppe immer mehr zersetzt. Anstatt sich mit ihren unbestreitbar vorhandenen Problemen auseinanderzusetzen, verbringen die Überlebenden ihre Zeit damit Schlittschuh zu laufen, sich neu einzukleiden und Candlelight-Dinners zu veranstalten. Pläne weiterzuziehen werden alsbald verworfen, man habe ja schließlich alles was man brauche.

Der Wahnsinn um Konsum und Besitz gipfelt am Ende im Überfall einer plündernden Motorrad-Gang. Anstatt sich und seine überlebenden Freunde zu schützen, verteidigt Stephen „seine“ Mall. Peters Warnungen, die Gang sei nur an den Gütern, nicht aber an ihrem Leben interessiert, schlägt er in den Wind. Letztlich ist ihm der Besitz von Luxusgütern wichtiger geworden, als das Überleben der eigenen Familie und der Freunde.

Der passive Konsument

Als die Gruppe sich im Einkaufszentrum verschanzt, findet sie zunächst einige Zombies vor, die durch das Gebäude wandeln. In der Darstellung unterscheiden sie sich jedoch kaum von lebendigen Besuchern. Entrückte Blicke, ein schlendernder Gang – so sehen Shopper an einem Samstagmittag aus. Oder eben Untote, die sich auf der Suche nach Nahrung befinden.

Was sowohl die Zombies als auch die Überlebenden vereint, ist ihre Passivität. Sie alle geben sich dem Instinkt hin und werden am Ende zu lethargischen Kreaturen ohne bestimmtes Ziel.

Dass der Regisseur dies nicht nur als Problem weniger Menschen betrachtet, wird dadurch deutlich, dass aus Menschen jeder Bevölkerungsgruppe, jeder religiösen Gemeinschaft und jeden Alters letztlich zu Zombies mutieren. Der Hippie, die Nonne und auch der Erstklässler. Alle sind dem Konsum ausgesetzt und keiner kann ihm am Ende entgegentreten.

Fazit

In Deutschland landete Zombie, so der deutsche Filmtitel, zunächst auf dem Index. Die Gore-Elemente schienen etwaige gesellschaftskritische Aussagen vollkommen in den Hintergrund zu drängen. Dennoch vermag keine andere Verbildlichung als der passiv agierende, lethargische Zombie so genau zu illustrieren, was in Überflussgesellschaften vor sich geht. Den Spiegel hat uns Romero vorgehalten, verändern konnte er nichts. Letztlich bleibt ihm aber noch immer der Verdienst einer der Großen des Genres zu sein und den Horrorfilm salonfähig gemacht zu haben.

Fotos: Sceenshots „Dawn of the Dead“, Copyright: Laser Productions