Causa Wulff: Warum schweigt BILD?

von Alexander Karl

Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, doch es hat sich tatsächlich so abgespielt: Da ruft ein Bundespräsident den Chefredakteur der BILD-Zeitung an und spricht ihm drohend auf die Mailbox. Und was macht die BILD? Schweigt. Lässt Wulffs Entschuldigung durchgehen, veröffentlicht den Artikel zur Kredit-Affäre aber trotzdem. Und irgendwie – sehr wahrscheinlich von der BILD – gelangt die Info über Wulffs-Mailbox-Drohung dann an die Süddeutsche Zeitung und die FAZ.

Warum schweigt die BILD?

Schlagzeilen wie: „Jetzt reicht’s! Wulff droht BILD!“ oder „Wulff erklärt BILD den Krieg!“ hätten sich super auf der Titelseite gemacht. Stattdessen eine Titelseite zur Rente mit 67 und ein kurzes Statement „In eigener Sache“ online, in der der Vorfall erklärt wird – nachdem SZ und FAZ schon längst Wulffs Ausbruch öffentlich gemacht haben. Warum nur? In der Erklärung der BILD heißt es: „Deshalb [nach der Entschuldigung, Anm. d. Autors] hat die BILD-Zeitung nach breiter redaktioneller Debatte davon abgesehen, eigens über den Vorfall zu berichten.“

Aha. Wieso das? Was ist da los?

Möglichkeit 1: Der Rubikon ist noch nicht überschritten.

Schön, wenn so alte Redewendungen noch genutzt werden, auch, wenn sie kaum noch einer versteht. Was Wulff aber anscheinend meinte, war: Es ist vorbei mit der BILD-Wulff-Symbiose, die über viele Jahre so wunderbar geklappt hat. Vorbei die Zeit, in der Wulff sich für seine jetzige Frau scheiden lassen konnte – und BILD die neue Liebe trotzdem feierte. Auch wenn angeblich bereits vor der Wahl vom Bundespräsidenten eine Abkühlung zwischen BILD und Wulff zu bemerken war: Es scheint eigentlich erst mit der Kredit-Affäre gekracht zu haben. Zumindest für Wulff.

Vielleicht ist die BILD ihren Helden doch treuer, als man glauben mag: Das beste Beispiel sind die Guttenbergs. Selbst nach dem Abdanken von Dr. Guttenberg hielt ihm BILD die Treue. Vielleicht ist Druckerschwärze doch dicker als ein unpassender Mailbox-Anruf. Vielleicht auch nicht.

Möglichkeit 2: BILD will sich die Hände nicht schmutzig machen.

BILD und sich die Hände nicht schmutzig machen? Der bekannte Blogger und Spiegel-Autor Stefan Niggemeier hält das für möglich – klingt aber eigentlich ziemlich unwahrscheinlich. Aber warum sonst spannt man die seriöse Presse vor den Wulff-Karren und lässt sie machen? Selbst in der Online-Berichterstattung hält man sich vergleichsweise zurück, entscheidet sich zunächst ein Presseecho zu bringen und keinen zerfleischenden Artikel. Natürlich berichtet BILD auch nicht positiv über Wulff – aber welches Medium macht das heute schon? Alle Medien fühlen sich von Wulffs Versuch, die Presse direkt zu beeinflussen, angegriffen, ja mehr noch: Bedroht. Und so schießen sie nun gegen Wulff. So heißt es etwa bei stern.de : „Dass Wulff nicht der richtige Mann für die Repräsentation Deutschlands ist, dürfte spätestens jetzt klar werden.“ Und da wirkt der heutige Kommentar für BILD-Verhältnisse fast harmlos. Da heißt es: „Christian Wulff hat das Amt in den letzten Wochen tatsächlich geprägt. Aber das Amt wird Jahre brauchen, bis es sich davon erholt.“

Möglichkeit 3: BILD macht den Sack zu.

Zunächst durch die anderen schwächen und dann zu Fall bringen – das wäre eine clevere Taktik der BILD. Ob tatsächlich eine ganze Redaktion Wulffs Leben durchfilzt und nach dem Skandal sucht, der ihn zum Rücktritt zwingt, kann nur gemutmaßt werden. Unwahrscheinlich wäre es aber trotzdem nicht. Immerhin feiert BILD in diesem Jahr 60. Geburtstag und da macht sich eine Hetz-Kampagne gegen Wulff nicht gut. Aber wenn man ihn – den bösen Bundespräsidenten, der die Berichterstattung über sich verhindern wollte – mit dem Aufkochen einer neuer Affäre zu Fall bringt, steht BILD gut da. Vielleicht kann man die ersten Gewitterwolken schon heranziehen sehen: Denn BILD bittet Wulff, die Mailbox-Nachricht zu veröffentlichen. Kann Wulff da überhaupt nein sagen? Erstaunlicherweise hat Wulff dies abgelehnt. Ob BILD die Nachricht vielleicht doch veröffentlicht oder sie zufällig der FAZ/SZ zugespielt wird, wird sich zeigen.

Von einer „Kampagne“ der Springer-Presse und speziell BILD gegen Wulff kann bisher also nicht die Rede sein – findet auch Medienwissenschaftler Norbert Bolz. ‚Bisher‘ bedeutet aber natürlich: Es ist noch nicht aller Tage Abend. Ich komm wieder. Keine Frage.

UPDATE: Die Mailbox-Nachricht ist auch am 11.1.12 nocht nicht offiziell an die Öffentlichkeit gedrungen, doch Bruchstücke sind mittlerweile bekannt. Eine Rekonstruktion der Nachricht findet sich aber hier.

Foto: flickr.com/European Parliament (CC BY-NC-ND 2.0)

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