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Die Suche nach dem großen A

Die Suche nach dem großen A

Ob nun in Filmen, Dokumentationen oder Serien, historische Darstellungen haben Hochkonjunktur. Doch ist sie nur ein Instrument, um publikumsansprechende Welten zu schaffen, oder kann aus diesen Formaten auch Wissen gezogen werden? Wir machen uns auf die Suche nach der Authentizität in Serien und TV-Dokumentationen mit historischem Inhalt.

Medienperspektiven à la francaise_Titelbild

Medienperspektiven à la française: eine Schlussbetrachtung

von Sonja Sartor

Einen Blick nach Frankreich zu werfen, lohnt sich. Diese Artikelreihe hat in den letzten Wochen versucht, an einzelnen Aspekten die Vielfalt der französischen Medienlandschaft widerzuspiegeln und dabei auch Themen zu betrachten, die man aus der deutschen Tagespresse weniger kennt. Wir blicken zurück auf die fabelhafte Welt der Medienperspektiven à la française.

Frankreich im Fokus

Die Artikelreihe begann mit zwei großen Medienevents: Die Filmfestspiele von Cannes zeigen jedes Jahr im Mai, das Frankreich immer noch zu den großen Playern der Cineastik gehört. Die Bedeutung des Festivals für das Autorenkino ist immens und die goldene Palme kann als wichtigster Filmpreis nach dem Oscar gesehen werden. In Cannes wird nicht nur bereits gefilmtes Material geehrt, sondern den Weg für die Filme von morgen geebnet.

Der medial weltweit verfolgte Eurovision Song Contest verbreitete Hoffnung in dem von Terror gebeutelten Land. Frankreichs Kandidat Amir landete unter den Top Ten und gab seiner Heimat ein Stück des Nationalstolzes zurück.

Frankreich auf der Leinwand

schluss2Vom französischen Volk anerkannt und verehrt ist nicht nur Amir, sondern vor allem einer der großen Charakterspieler der Grande Nation: Gérard Depardieu. Er kann auf ein turbulentes Leben und herausragende Schauspielleistungen in jeglichen Rollen und Filmgenres zurückblicken. Dass er privat öfters über die Stränge geschlagen hat, wird ihm angesichts des Ruhms, den er über die französischen Grenzen hinaus trägt, großzügig verziehen. Bleibt nur zu hoffen, dass der hünenhafte Tausendsassa mit der sanften Stimme uns noch lange mit neuen Filmen oder Fernsehserien beschenken kann.

In einer kleinen Rückschau wurden die Tabubrüche analysiert, die für das französische Kino so typisch sind. Jean-Jacques Beineix‘ Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen (1986) stellte sich als Meisterwerk des Cinéma du look heraus, das dem Zuschauer so eindringlich wie kaum ein anderer Film vor Augen führt, welche extremen Wege ein Liebespaar gehen kann, von dem eine Person an einer ausgeprägten Persönlichkeitsstörung leidet. Der Kontrast zwischen den impulsiven, wutgeladenen und den zärtlichen, zerbrechlichen Momenten Bettys zeugt von großer Filmkunst.

Frankreich hat jedoch auch aktuell interessante und einzigartige Filme anzubieten: In einer Kritik wurde der Dokumentarfilm Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen unter die Lupe genommen. Filmemacher Mélanie Laurent und Cyril Dion stellen darin kreative Konzepte vor, die sich gegen den prognostizierten Zusammenbruch der Zivilisation stellen und dazu anregen, selbst Hand anzulegen, damit die Kinder von morgen in einer genauso gut oder sogar besser funktionierenden Welt leben können. Der Film ist ein gelungener Gegenentwurf zu Horrorszenarien rund um den Weltuntergang und ist nicht nur unterhaltend, sondern spendet auch viel Hoffnung, was die Zukunft dieser Erde betrifft.

Frankreich streitet, leidet und steht wieder auf

Weiter ging es mit einem Exkurs zur Debatte rund um das Gesetz Loi Evin. Es setzt seit 1991 relativ strenge Maßstäbe zu Werbung für Alkohol und Tabak. Jedoch ist es französischen Abgeordneten gelungen, das Gesetz im Herbst 2015 aufzuweichen. Wo Medien vorher in Beiträgen aus Vorsicht vor keinen Bezug zu Alkohol erwähnten, ist es jetzt legal, über Wein und andere alkoholische Getränke zu „informieren“. Diese Gesetzesänderung soll den Weintourismus und damit die ins Schwanken geratene französische Wirtschaft fördern. Mitunter zeigt die Debatte, dass Wein trotz aller Warnungen seitens gesundheitlicher Behörden zum französischen Leben dazugehört.

Der Artikel über französische Internettrends räumte mit dem Vorurteil auf, dass Franzosen arrogant sind und nicht über sich selbst lachen können. Anhand der Erfolgs-Webseite Viedemerde.fr wurde festgestellt, dass Internetnutzer heute die peinlichen und frustrierenden Aufreger des Tages mit Tausenden von Leuten teilen, die man früher nur dem engsten Freundeskreis erzählt hätte.

Über ein Jahr nach dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo war es Zeit, den Status quo von französischer Satire aufzuarbeiten. Basierend auf einer langen Tradition von Karikaturen und Pamphleten, die bis in die Aufklärung zurückreicht, hat sich in Frankreich eine besonders scharfzüngige Satire ausgebildet. Kein Blatt vor den Mund nehmen, Problematiken überspitzen und Persönlichkeiten und Institutionen lächerlich machen – dies ist essenziell für die funktionierende Demokratie der französischen Republik. Charlie Hebdo hat durch das Attentat Kollegen und damit viel künstlerisches Potenzial verloren und versucht heute, eindeutigere Botschaften zu vermitteln. Aufgeben ist keine Lösung: Frankreich bleibt Charlie.

Abschließend ist zu betonen, dass diese Artikelreihe keinen Anspruch auf die vollständige Abbildung der französischen Medienlandschaft gelegt hat. Ziel war es vielmehr, den Lesern von media-bubble.de einen Einblick in interessante und wichtige französische Medienthematiken zu geben. Frankreich und Deutschland lassen sich im Hinblick auf Medien nur schwer vergleichen. Jede Medienlandschaft ist einzigartig. Einzigartig ist an der französischen Medienlandschaft die große Rolle, die Satire einnimmt. In Zeiten der permanenten Terrorangst ist es bewundernswert, welch standfeste Haltung Frankreich einnimmt, die sich auch in den Medien widerspiegelt. Im Kino hat Frankreich immer wieder neue Maßstäbe gesetzt, Filmgeschichte geschrieben und bringt auch aktuell mit neuen Konzepten frischen Wind in die Kinosäle. Internettrends zeigen, dass sich das französische Volk nicht den Humor und vor allem die Lust am Leben nimmt. Medien aus Frankreich sind besonders und vielfältig – und es wird sich auch in Zukunft lohnen, ab und zu in die französische Medienwelt einzutauchen.

Fotos: Pixabay.com , flickr.com/Becky Lai (CC BY-NC-ND 2.0)


Alle Artikel dieser Reihe:

Wenn Leid zu Glück wird –  Der Eurovision Song Contest 2016

Die Crème de la Crème des Autorenkinos

Gérard Depardieu: „Es hat sich so ergeben“

Ein bisschen Wein muss sein

Filmkritik: Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen

Frankreich bleibt Charlie

Der Tabubruch im französischen Film

Französische Webtrends: Mit Humor geht’s besser

Sascha Lobo_Mediendozentur

Das Ende der Gesellschaft – von den Folgen der Vernetzung

von Jasmin Gerst

Auch in diesem Jahr luden das SWR Studio und das Institut für Medienwissenschaften zur 13. Mediendozentur in der Neuen Aula der Universität Tübingen ein. Um den journalistischen Nachwuchs zu fördern, werden jährlich herausragende Persönlichkeiten eingeladen, die über aktuelle und brisante Themen zu referieren.

Am vergangenen Dienstag, den 07.06.2016, war der Blogger und Journalist Sascha Lobo mit seinem Vortrag „Das Ende der Gesellschaft – von den Folgen der Vernetzung“ zu Gast.

Das Ende der Illusion, die wir Gesellschaft nennen

IMG_5131Gleich zu Beginn stellt der 41-jährige klar, dass es in seinem Vortrag keineswegs um „das Ende der Gesellschaft gehe, sondern um das Ende der Illusion, die wir Gesellschaft nennen.“ Denn unsere Gesellschaft durchlebt momentan einen unvorstellbaren Wandel, der nicht nur durch unser Umfeld, sondern auch durch die Massenmedien genährt wird. Dieser Wandel ist unaufhaltsam, denn es wird alles veröffentlicht und alles dokumentiert. Es ist ein Trend geworden, alles mit der Welt zu teilen: sei es das gerade zubereitete Mittagessen, das härteste Sporttraining aller Zeiten oder das kürzlich erworbene Outfit.

Dieser soziale Trend lässt uns in „die Köpfe der Menschen schauen“. Diesen Prozess beschreibt Lobo als Live-Auflösung der Illusion der Gesellschaft – wir können live dabei sein und zuschauen wie sie sich verändert und was sie aus uns Menschen macht.

Zusätzlich entsteht daraus eine neue Qualität der sozialen Medien: Es entsteht nicht nur ein rauer Umgangston bei Menschen, die sich im Netz hinter anonymen Identitäten verstecken, sondern Menschen aller Klassen kommentieren und kritisieren unter vollem Namen. Wir müssen uns bewusst sein, dass durch diesen sozialen Trend unsere Gesellschaft immer mehr abblättert.

Eine neue Sprache entsteht mit unfassbarer Geschwindigkeit

Durch den sozialen Wandel sehen auch die Massenmedien sich gezwungen, eine Veränderung durchzuführen – eine neue formalisierte Sprache der Nachrichten entsteht als Inbegriff der Mäßigung. Auch sogenannte „Fake News“, eine satirische Nachahmung der Nachrichten als eine Art gesellschaftlichen Abschied der sozialen Mäßigung, werden zum Trend. Die Medien richten sich nun nach ihrem Publikum: erst kommen Emotionen, dann kommen die Informationen. Dadurch entsteht eine neue Ebene der digitalen Vernetzung.

Und als wäre dies nicht genug. Mit einer unfassbaren Geschwindigkeit zieht alles an uns vorbei. Dinge geschehen, bevor man versteht warum. Auf einmal geschieht etwas Neues und das Ereignis zuvor ist schon veraltet. Um dieser Entwicklung zu begegnen, braucht man nach Lobo eine emotionale Brille, denn diese Entwicklung manipuliert unsere Emotionen und unsere Wissensbildung scheint damit in Gefahr geraten zu sein.

Ein weiteres Problem ist das Teilen in den sozialen Netzwerken. Erzählungen, die man aufschnappt – ohne konkretes Wissen – sind zentral für diese Problematik und damit gerät auch das wichtigste Instrument des Journalisten in Gefahr: die Recherche. Im Grunde hat man keine andere Wahl, man muss glauben, was einem gesagt wird, obwohl ein Restzweifel bleibt. Dem Wahrheitsbegriff wird sozusagen ein Filter des Gefühls übergestülpt und so wird auch dieser – wie vieles im Netz – zum Fake.

Aber was sind die Gründe für eine derartige Entwicklung? Nicht nur die zunehmende Komplexität der Welt oder die Tatsache, dass es vermeintliche Verschwörungen gibt, können hier als Erklärung angeführt werden, sondern ebenso die immer steigende Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit. Es wird immer deutlicher, dass immer mehr Menschen sich im Netz öffentlich darstellen und sich dabei weitgehend an Äußerlichkeiten orientieren: Der Beauty-Trend oder der Fitness-Trend sind dabei große Vorreiter.

Jedoch bleibt es dabei nicht bei netten Komplimenten. Menschenfeindlichkeit, Neid, Radikalität und auch Gefühle der Notwehr stehen dabei an der Tagesordnung und so nimmt der Extremismus in den sozialen Medien immer mehr zu.

Kampf gegen den Extremismus im Netz

Für Sascha Lobo ist es also „das Ende der Illusion der Gesellschaft“, denn alles scheint möglich zu sein – auch kalte Hysterie und Gewaltbereitschaft gehören wie selbstverständlich dazu. Zusammenfassend kann Lobo feststellen, dass es im Gegensatz zu früher nicht mehr wichtig ist die Nachrichten so emotionslos wie möglich zu präsentieren, sondern dass sich die Reihenfolge umgedreht hat: Emotionen vor Informationen. Dennoch sei es an der Zeit, sich diesen gesellschaftlichen Entwicklungen zu stellen und sich gegen diese mit aller Kraft zu wehren und die sozialen Netzwerke wieder zu dem zu machen, was sie einst waren.

 

Fotos: flickr.com

Feindbilder in den Medien: eine Schlussbetrachtung

von Lara Luttenschlager

Feindbilder sind unsere täglichen Begleiter. In den Medien begegnen wir ihnen beim Surfen auf Facebook, beim morgendlichen Lesen der Zeitung oder wenn wir abends bequem auf dem Sofa einen Action-Thriller anschauen. Wo und warum wir Feindbilder in den Medien finden, war Thema dieser Artikelreihe.

Ein Mittel zur Selbstbeschreibung

Ein Grund dafür, warum wir Feindbildern so oft begegnen, ist ihre identitätsbildende Funktion. Indem Menschen sich von anderen abgrenzen, definieren sie, was sie sind oder zumindest sein wollen. Dies geschieht meist über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität, Ethnie oder sozialen Gruppe. Selbst- und Fremdbeschreibungen ist deshalb etwas Normatives inne – und da wir selber ja lieber besonders toll sein wollen, verorten wir die negativen Attribute lieber bei anderen Gruppen. Feindbilder als Deutungsmuster ordnen also anderen Gruppen pauschal negative, kollektive Eigenschaften zu, helfen uns so bei der Bildung der eigenen Identität und reduzieren die Komplexität unserer Umgebung. Dabei bewirken sie meist ein Gefühl des Bedrohtseins, bei dem wenig hinterfragt wird, ob dies überhaupt gerechtfertigt ist.

Zur Rolle des Internets

Welche Implikationen die wachsende Bedeutung des Internets bei der Verbreitung von Feindbildern hat, damit beschäftigten sich ein Artikel über Amateurvideos in bewaffneten Konflikten und ein Artikel über das Slut-Shaming. So haben Amateure in den Krisengebieten der Welt schon längst die Wunderwaffe Handyvideo für sich entdeckt und haben nun nicht nur die Möglichkeit, auf ihr Leid aufmerksam zu machen, sondern auch gezielt den Gegner zu diskreditieren und an die Emotionen der Rezipienten zu appellieren, um Empathie und Unterstützung zu bekommen. Das Internet bietet also einen neuen Entstehungs- und Verbreitungsort für Feindbilder. Gleichzeitig ist dort in den letzten Jahren eine Art digitaler Pranger entstanden, wo Menschen jene diffamieren und beleidigen, die ihrer Meinung nach zu einer Gruppe Menschen gehören, welche gegen bestimmte Normen verstößt. Die indirekte Form der Kommunikation und der hohe Anonymitätsgrad im Internet bewirken hier eine Verringerung der Empathiefähigkeit, wodurch die Reaktionen der Öffentlichkeit oft besonders heftig ausfallen. Slut-Shaming, eine Form des Cybermobbings, bei dem Frauen, die angeblich zu freizügig leben oder gekleidet sind, mit Beleidigungen überhäuft und ausgelacht werden, ist da leider keine Seltenheit mehr.

Feindbilder passen in ihre Zeit

Diese Reihe hat sich außerdem mit aktuell besonders beliebten Filmfeinden auseinandergesetzt, darunter vor allem künstliche Intelligenz und lateinamerikanische Drogenkartelle. Filmfeinde erfüllen wichtige dramaturgische Funktionen, da sie wichtig für den Aufbau des Spannungsbogens sind und den Gegenpart zum bewundernswerten Helden spielen, mit dem wir uns identifizieren. Dabei bedienen sich Filme und Serien oft aktueller Feindbilder und bauen sie mit auf. Das sieht man unter anderem daran, dass Darstellungen und Eigenschaften von Filmfeinden meist den aktuellen Feindbildern einer Gesellschaft entsprechen. Angesichts des technischen Fortschritts und der Entwicklung immer intelligenterer Maschinen versucht der Mensch durch Science-Fiction-Filme seine Identität neu zu definieren und kämpft auf der Leinwand gegen böse, menschenähnliche Roboter. Er kommt zu dem Schluss, dass Maschinen zwar vielleicht bald in vielen Gebieten besser sind als er, aber moralisch immer unterlegen sein werden. Am Feindbild lateinamerikanischer Drogenkartelle andererseits, das seit einigen Jahren Einzug in amerikanische Produktionen Einzug findet, lässt sich erkennen, wie Feindbilder in Unterhaltungsmedien politischen Debatten und Legitimationsdiskursen folgen.

Zur Verantwortung der Medien

Mit einem der wohl aktuellsten Beispiele für die politischen Implikationen bei Feindbildern befasste sich ein Artikel über das Feindbild Islam, das zu erheblichen Teilen durch die Medien verbreitet wird. Hier wird die Verantwortung der Medien deutlich, die durch ihre Bilderwelten und selektive Berichterstattung, welche sich oftmals an dem Nachrichtenfaktor „Negativereignis“ orientiert, soziale Ängste und Vorurteile fördern. Deutlich machte die Betrachtung des Feindbild Islam auch, welche Abgrenzungs- und identitätsbildende Funktion Feindbilder für uns erfüllen können.

Doch Medien können auch genau die umgekehrte Funktion erfüllen, wie ein Artikel über Culture-Clash-Komödien zeigte: Indem diese Protagonisten aus verschiedenen Kulturen oder sozialen Schichten mit all ihren Eigenheiten und Vorurteilen aufeinanderprallen lassen, entlarven sie das Überlegenheitsdenken und die Verschlossenheit der Menschen. Sie lassen unsere Feindbilder und jene, die sich zu stark an ihnen festklammern, zur Lachfigur werden. Denn Humor hilft uns dabei, die Situationen mit mehr Abstand zu betrachten und einzuordnen – und lässt auch noch ein Verbundenheitsgefühl entstehen, wenn wir alle über die gleichen Dinge lachen können.

Und deshalb:

Feindbilder dienen uns als Hilfsmittel zur Definition unserer eigenen Identität und bilden kollektive Negativbeschreibungen anderer Gruppen, die unserem eigenen Selbstbild schmeicheln sollen. Diese Vorurteile teilen die Welt in „wir“ und „die Anderen“ ein und sehen keine einzelnen Menschen, sondern nur noch das schlechte Kollektiv. Eine pauschale Schuldzuweisung kann einzelnen Menschen gegenüber nur ungerecht sein. Als Teile von Diskursen bedingen Feindbilder zudem private und politische Handlungsoptionen und haben deshalb enorme soziale und politische Auswirkungen. Zeigen sollte diese Artikelreihe deshalb vor allem, wie allgegenwärtig Feindbilder sind – und dass ihr bewusstes Hinterfragen selbst bei der Rezeption von scheinbar unverfänglichen Unterhaltungsmedien nur mehr als sinnvoll sein kann.

Foto: flickr.com/ Daniel Horacio Agostini (CC BY-NC-ND 2.0)


Alle Artikel dieser Reihe:

Wenn Aladdin zum Feind wird

Feindbilder in den Medien

Skrupellos, gerissen, unentbehrlich: Filmfeinde

Verpixelte Augenzeugen – Amateurvideos in politischen Konflikten

Künstliche Intelligenz: Unsere Angst vor der „Robokratie“

Slut-Shaming: Wenn sich der Mob zur Moralpolizei erhebt

Islamfeindlichkeit: Der Medien-Verkaufsschlager

Hollywood im War on Drugs

Beim nächsten Kulturschock: Lachen bitte!

Medienperspektiven à la française

von Sonja Sartor

Frankreich – Voltaire verfasste hier im 18. Jahrhundert einen Großteil seiner aufklärerischen Werke. Die Brüder Auguste und Louis Lumière drehten 1895 die ersten Filme. Joseph Nicéphore Niépce erfand die Heliografie, den ersten Vorläufer der Fotografie. Auf französischem Boden wurde mehrfach Mediengeschichte geschrieben.

Wenn französische Kultur und Denkweisen auf Medien treffen, entsteht etwas ganz Besonderes. Egal, ob in Film, Literatur oder den schönen Künsten: Was in Frankreich entsteht, über Leinwände flimmert, verlegt oder sonst auf eine Weise produziert wird, scheint stets aus einer eigenen, französischen Perspektive heraus gemacht zu sein. Das französische Medienprodukt begeistert und berührt wie die Komödie „Ziemlich beste Freunde“. Es lässt einen aber auch verwirrt und voller Fragen zurück wie zum Beispiel der Nouvelle Vague-Film „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard.

Dieses Projektstudium stellt weniger eine Rückschau auf bereits Gesehenes und Gehörtes dar, sondern beleuchtet vor allem aktuelle Aspekte der französischen Medienlandschaft. Sich mit Frankreich auseinanderzusetzen, lohnt sich. Aus medienwissenschaftlicher Sicht hat die französische Medienlandschaft so viel zu bieten, dass die Auswahl einiger ausschnittartiger Aspekte schwerfällt. Nichtsdestotrotz ist eine bunte Auswahl an Artikeln gelungen, die sich nicht nur mit Film, sondern auch mit Medienevents, Internettrends, Satire und Werbung in Frankreich auseinandersetzt.

In einem ersten Teil wird der Eurovision Song Contest 2016 als medienübergreifendes Ereignis unter die Lupe genommen. Seit 1956 nimmt Frankreich an dem Wettbewerb teil und in diesem Jahr liegen alle Hoffnungen auf Amir, einem israelisch-französischen Sänger und Songwriter. Wovon sein Lied „J’ai cherché“ handelt und was Amirs Auftritt von denen der anderen  Kandidaten unterscheidet, wird an dieser Stelle analysiert.

Anschließend tauchen wir in die glamourösen 69. Filmfestspiele von Cannes ein. Jedes Jahr im Mai werden an der Côte d’Azur die hochkarätigsten Cineasten geehrt und halb Hollywood scheint dafür nach Südfrankreich zu jetten. Kirsten Dunst und Donald Sutherland sind dieses Jahr Teil der Jury.

In einem Porträt soll der Charakterschauspieler und Tausendsassa Gérard Dépardieu vorgestellt werden. Schon früh durfte er mit Filmgrößen wie François Truffaut zusammen arbeiten. Cyrano de Bergerac oder Obelix – Unterschiedlicher könnten die Rollen nicht sein, in die er bisher geschlüpft ist. Abseits der Kamera sorgt er für Furore: Mit seinen Alkoholexzessen, dem Pinkel-Skandal im Flugzeug und seiner Steuerflucht aus Frankreich hat er ein fragwürdiges Licht auf die eigene Person geworfen. Derzeit versucht er sich in der Netflix-Serie „Marseille“ in der Rolle als Bürgermeister der gleichnamigen Hafenstadt.

Ein Exkurs zur aktuellen Debatte um das Loi Evin gibt einen Einblick in französische Werbegesetze. Besonders leidenschaftlich wird bei Wein- und Tabakwerbung diskutiert, denn diese beiden vermeintlichen Genussgüter haben in Frankreich einen besonderen Stellenwert. Wie sich der französische Staat aus der Zwickmühle des Savoir-Vivre und der Risikoaufklärung befreien möchte und welchen Gegenreaktionen er begegnet, wird hier beschrieben.

Eine Filmkritik über einen aktuellen französischen Film darf in dieser Reihe nicht fehlen. Im Juni 2016 läuft der französische Dokumentarfilm „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ an. Der Film beschäftigt sich mit der großen Frage, wie man die Gesellschaft vor dem Zusammenbruch bewahren und die Welt retten kann. Dazu reist das Filmteam um die Welt und zeigt dem Publikum zukunftsweisende und hoffnungsspendende Projekte. Vielleicht ist es ja doch nicht zu spät zu handeln?

In Teil 6 soll die französische Satire untersucht werden. Es werden die bekanntesten französischen Satiremedien und Satiriker hervorgehoben und Merkmale französischer Satire ausgemacht. Ist französische Satire bissiger als deutsche? Werden andere Problematiken thematisiert? Mehr als ein Jahr nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo ist es Zeit, zu untersuchen, was sich seit damals auf satirischer Ebene geändert hat.

Einen kleinen Rückblick auf die französische Filmgeschichte bietet Teil 7. Die für das französische Kino typischen Tabubrüche werden an Hand der Filme „Die Liebenden“ (1958) und „Betty Blue“ (1986) untersucht. Louis Malles „Die Liebenden“ im Stil der Nouvelle Vage thematisiert den Ausbruch einer Frau aus der ehelichen Monotonie. „Betty Blue“ erzählt die Geschichte einer kopflosen Liebe, die ein dramatisches Ende findet. Wie typisch beide Filme für das französische Kino sind, soll erörtert werden.

Welche Internettrends in Frankreich existieren und inwiefern sie mit deutschen Trends vergleichbar sind, klärt Teil 8. Voller Humor, Sarkasmus und Ironie beschäftigt sich die Webseite viedemerde.fr mit den kleinen und großen Aufregern des Alltags. User berichten auf dieser Seite von Ereignissen, von Kleinigkeiten im Alltag, die einen wissen lassen: Ich hab ein Scheißleben!

Zum Ende des Projektstudiums wird resümiert, welche Erkenntnisse aus den Beiträgen gezogen werden können und was die Einzigartigkeit der französischen Medienlandschaft ausmacht. Hierbei soll unterstrichen werden, dass das Projektstudium keinen Anspruch auf eine vollständige Abbildung der französischen Medienlandschaft gelegt, sondern einzelne, wissenswerte Aspekte aufgegriffen hat. Schließlich werden die einzelnen Artikel in Relation zu einander gesetzt und Ähnlichkeiten und Unterschiede zur deutschen Medienlandschaft aufgezeigt.

Fotos: flickr.com/Arjan Eising (CC BY-NC 2.0)

Wie startet nun die neue Woche?

von Caroline Wahl

Wie soll nun die neue Woche starten? Für Georg Simmel ist die „psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, […] die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht“ (S. 116). So ist der Mensch in der Großstadt einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt, die ihn zunächst überfordert. Er fühlt sich fremd und die Stadt erscheint ihm wie ein Labyrinth. Und das ist der entscheidende Unterschied zwischen der aufkommenden Großstadt Anfang des 20. Jahrhunderts und unserer Medienwelt. Marie fühlt sich weder fremd noch überfordert, wenn sie sich von einer Datingapp über eine Lernplattform zu Twitter treiben lässt. Vielmehr ist alles irgendwie vertraut und natürlich. Statt wie ein Labyrinth erscheint die Medienvernetzung wie ein Wegweiser, der Marie zu jeder Zeit mit unzähligen Möglichkeiten unterschiedliche Richtungen aufzeigt. Und Marie ist kein Einzelfall. Viele erkennen sich vermutlich ein bisschen in Marie wieder, manche mehr manche weniger. Auch mein Tag beginnt und endet mit meinem iPhone. Und das macht mir Angst. Früher war alles noch aufregend. Das erste Mal etwas von meinem Vater bei eBay bestellen lassen oder über icq mit Mitschülern chatten. Aber heutzutage ist es selbstverständlich zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort Medien zu nutzen. Wenn man einen Rucksack in der Stadt kaufen geht, muss man das erst einmal rechtfertigen. Im Internet bekommt man es ja schließlich viel einfacher, schneller und billiger.

Wir haben keine Distanz mehr zu den Medien und uns ist nicht einmal vollkommen bewusst, wie sie ein Teil von uns geworden sind. Und das ist nicht richtig. Es ist nicht natürlich, sein Smartphone zu zücken, wenn man etwas Schönes erlebt um es auf Instagram, Facebook oder Snapchat hochzuladen. Es ist nicht natürlich sich mit seinen Freunde mit GefälltMir-Däumchen zu streiten. Medien sind toll. Und ich möchte sie auch nicht missen. Sie machen wirklich vieles unendlich leicht und sind sehr unterhaltsam. Aber wo sind die Grenzen? Wie viel Besitz dürfen sie von uns nehmen? Wie abhängig sind wir wirklich von ihnen? Der Mensch hat sich vor 113 Jahren in der Großstadt fremd gefühlt. Fremdheit ist sicherlich kein erstrebenswertes Gefühl, aber es ist manchmal gewinnbringend. Es ermöglicht uns die Umwelt aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Vielleicht wäre es gut, einfach mal ein Schritt zurück zu gehen von dem Mediennetz und versuchen Distanz zu gewinnen. Vielleicht wäre es gut, einen Schritt zurück zu gehen und sich sein Medienverhalten fremd anstatt zu eigen zu machen, es zu hinterfragen. Will ich jetzt wirklich ein Foto von meinem Frühstücksbrei knipsen um es hinterher mit der Beschreibung „#porridge#geil#healthy“ auf Instagram hochzuladen? Vielleicht wäre es gut, einfach mal einen Schritt zurückzugehen und das Spinnen in seine Grenzen zu weisen.

Foto: flickr.com/mathias hielscher (CC BY-NC-ND 2.0)

Tag 7: #Tatort

von Caroline Wahl

Sonntag. Dreizehn Uhr vierzehn. Meine Mama weckt mich zum Mittagessen. Ich habe Kopfschmerzen. Eigentlich müsste ich mich jetzt um einen Zug, einen Fernbus oder eine Mitfahrgelegenheit kümmern. Heute Abend bin in ich in Tübingen zum „Tatort“-Public Viewing schauen verabredet. Aber ich will einfach nur hier mit meiner Familie und meinem Kater am Esstisch sitzen. Am liebsten für immer. Mein Kopf tut weh und wir haben leider kein „Schleckerey deutscher Gymnasiasten und Burschen“ zum Verjagen des Katers hier.

Sonntag. Fünfzehn Uhr elf. Apathisch sitze ich noch immer am Esstisch. Meine Schwester sitzt neben mir und spielt Candy Crush. Ich finde zurzeit keine Energie, unter diversen Verbindungen mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln die preiswerteste und noch dazu die schnellste zu finden. Davon würde ich nur noch mehr Kopfschmerzen bekommen. Außerdem bin ich ein Gegner von Sofort-Überweisungen. Ich denke, dass ich nachher einfach zum Bahnhof fahre und mich überraschen lasse, welcher Zug mich mitnimmt. Dann zahle ich eben einundfünfzig Euro.

Sonntag. Siebzehn Uhr vier. Ich sitze in einer Regionalbahn und bin zum zweiten Mal umgestiegen. Ich war dann doch nicht bereit, einundfünfzig Euro für einen ICE zu zahlen. Dafür höre ich jetzt in den Durchsagen jede gefühlte Minute einen neuen lustigen Ortsnamen, den ich noch nie im Leben gehört habe. Bretten. Illingen. Sachsenheim.

Sonntag. Neunzehn Uhr fünfundzwanzig. Ich bin endlich da. Jetzt noch schnell für Tatortschauen fertig machen. Wann treffen wir uns überhaupt? Wo habe ich denn mein Handy hingesteckt? Verdammt. Ich habe es zuhause vergessen.

Sonntag. Zwanzig Uhr. Todesmutig bin jetzt einfach zu der Bar gefahren, in der wir meistens Tatort schauen, und hoffe, dass sich meine Freunde nicht kurzfristig in irgendeiner neu gegründeten WhatsApp-Gruppe nach langer Diskussion für einen anderen Ort entschieden haben. Marie, da bist du ja. Wieso schreibst du nicht in die „Tatort“-Gruppe? Wir dachten schon, dir ist was passiert! Wieso gehst du nicht an dein Handy? Wir haben dich mindestens zwanzigmal angerufen! Ich habe mein Handy zuhause vergessen. Und wieso postest du das nicht auf Facebook? Dann würden wenigstens alle wissen, dass du nur noch über Facebook erreichbar bist! Vergessen. Mache ich morgen.

Sonntag. Zwanzig Uhr fünfzehn. Schade Marie, jetzt kannst du gar nicht mit „Tatort-Twittern“. Ich komme zurecht. Dabei bist du immer die, die von Anfang an weiß, wer es war. Wen soll ich jetzt retweeten?

Sonntag. Zwanzig Uhr zwanzig. Fleißig tippen meine Detektiv-Freunde unter dem Hashtag Tatort ihre neusten Vermutungen ein, welche Indizien für welchen Mörder sprechen, was sie unlogisch finden und welchen Darsteller sie am besten finden. Ganz lustig, das als Außenseiter zu beobachten. Ich weiß wer der Mörder ist.

Sonntag. Zweiundzwanzig Uhr neunundfünfzig. Ich liege im Bett und weiß nicht was ich machen soll. Normalerweise verbringe ich die letzten Stunden vor dem Einschlafen immer mit meinem Handy. Facebook. Instagram. Snapchat. Youtube. Whatsapp. Jetzt liegt mein Handy zuhause und ich hier. Ich könnte meinen Laptop holen aber der ist noch im Rucksack. Stattdessen nehme ich mir einen Roman, den ich schon lange lesen wollte. Ich bin es gewohnt, dass mein Tag mit meinem Smartphone beginnt und endet. Vielleicht wollte ich es ja einfach mal liegen lassen. Vielleicht wollte ich einfach mal einen Roman lesen. Und vielleicht gehe ich die Woche mal im Wald spazieren.

Sonntag dreiundzwanzig Uhr. Es war die richtige Entscheidung das Handy liegen zu lassen. Ja, es war eine Entscheidung. Ich habe ganz vergessen, wie gerne ich immer schon gelesen habe.

Foto: flickr.com/Insomnia Cured Here (CC BY-SA 2.0)

Tag 6: Wieso antwortest du nicht? Ist dir was passiert?

Von Caroline Wahl

Samstag. Neun Uhr zwanzig. Einhundertdreiundreißig neue Nachrichten auf Whatsapp? Ich erschrecke, als ich mein iPhone in das Ladekabel stecke. Ist etwas passiert? Verdammt, warum habe ich es nicht rechtzeitig aufgeladen. Heutzutage kann man nicht einfach so nicht erreichbar sein. Das geht nicht.

Samstag. Neun Uhr zwanzig. Erleichtert stelle ich fest, dass lediglich eine neue Whatsapp-Gruppe mit dem Namen „PartyParty“ gegründet wurde, in welcher ich neben vierzehn anderen, überaus Diskutierfreudigen Mitglied bin. Ich habe keine Lust, mich an der Abendplanung zu beteiligen. Bei solchen Diskussionen kann ich mich eh nie durchsetzen. Und ich habe auch keine Lust, die einhundertdreißig Nachrichten zu lesen. Einhundertvierunddreißig. Und so ertönt im Sekundentakt mein WhatsApp-Klingelton bis ich es auf lautlos stelle und mich noch einmal ins Bett lege.

Samstag. Elf Uhr drei. Langsam und noch immer müde erklimme ich die Treppe zum Erdgeschoss. Ich werde schneller als mir der Geruch nach Apfelkuchen und Zimt in die Nase steigt. Mama, du bist die Beste. Ob ich mit ihr einen Waldspaziergang machen will? Ich? Warum eigentlich nicht.

Samstag. Zwölf Uhr drei. Es ist wunderschön im Wald. Sanfter Nebel. Sonnenstrahlen erkämpfen sich den Weg durch die Bäume. Vogelgezwitscher. Das Rauschen des Baches und der Geruch. So gut. Eigentlich müsste ich jetzt ein Snapchat-Bild an alle meine Freunde schicken. Oder am besten ein Video. Wenn man etwas Schönes erlebt, muss man es schließlich mit den Freunden teilen. Ich denke darüber nach und bin glücklich, dass ich mein Smartphone neben meinem Bett liegen gelassen habe. Wahrscheinlich hätte ich mich sonst nicht zurückhalten können und tatsächlich ein Video an Kati und Lena geschickt. Manchmal kann ich einfach nicht anders. Peinlich. Was ist das überhaupt für ein kranker Instinkt? Teilen, Teilen, Teilen. Warum muss man heutzutage alles Schöne, das einem zustößt, mit seinen Freunden teilen? Will man, dass sie neidisch sind oder einen bewundern? Schau mal, was ich gleich Leckeres verzehren werde, neidisch? Schau mal, wie viel Spaß ich auf der Party habe, neidisch? Schau mal, wo ich Urlaub mache, neidisch??? Kann man sich nicht einfach nur an den Dingen erfreuen, den Wald mit allen Sinnen wahrnehmen, anstatt einen Ausschnitt zu fotografieren und nachdem man einen hippen Filter benutzt hat an seine Freunde zu schicken oder auf einer Plattform hochzuladen um dann gespannt auf die Reaktionen zu warten. Oh das Porridge-Bild, das ich gerade eben erst auf Instagram hochgeladen habe, gefällt Mirco. Damit möchte er mir bestimmt was sagen. Aber was nur? Vermutlich will er mich zum Essen einladen. Bestimmt.

Samstag. Siebzehn Uhr. Zweihundertdreiundzwanzig neue Nachrichten und acht Anrufe in Abwesenheit. Was ist denn jetzt schon wieder? Ich rufe Sonja, eine der „PartyParty“-Mitglieder zurück. Marie! Ist alles gut? Ist dir was passiert? Warum schreibst du nichts in die Gruppe? Kommst du nicht mit? Ich habe dich mindestens zwanzig Mal angerufen! Die wollen alle zu so einer Hausparty, ich würde viel lieber in die Stadt gehen, aber Felix zieht alle auf seine Seite. Aha. Du kommst doch mit oder? Ja, denke schon.

Samstag. Einundzwanzig Uhr sieben. Inzwischen bin ich bei Sonja und lasse mir von ihr einen Lidstrich ziehen. Ich bin immer noch müde und habe irgendwie keine Lust wegzugehen. Aber da ist eben dieser soziale Druck, dem ich mich beugen muss. Also trinke ich mir so schnell es geht die gute Partylaune an. Bevor wir losziehen schießen wir noch ein paar Selfies. Eins davon schicke ich Kati. Schau mal wie viel Spaß und was für einen perfekten Lidstrich ich habe? Ohne dich und dein Zutun. Ha.

Samstag. Dreiundzwanzig Uhr vier. Wir sitzen zu acht in einer Cocktail-Bar in der Stadt. Die restlichen Mitglieder der WhatsApp-Gruppe, einschließlich Fabian, sind bei der Hausparty. Sonja hat sich mit ihnen zerstritten. Selbstverständlich via WhatsApp. Wild und energisch tippt sie auf ihr Smartphone ein.

Samstag. Dreiundzwanzig Uhr zweiundzwanzig. Meine angetrunkene gute Laune sinkt. Gierig schlürfe ich an meinem Mojito. Lange hält der Display von Sonjas Handy die spitzen Nägeln, die ohne Pause auf ihn einhacken, nicht mehr aus. Da bin ich mir sicher. Vermutlich ist das letzte Wort in der „PartyParty!“-Gruppe noch nicht gesprochen. Simon und Finn spielen Tischkicker gegen zwei Mädchen, deren Namen ich vergessen habe. Ein drittes Mädchen filmt das Spiel. Dementsprechend lachen die Namenlosen viel zu laut und versuchen so zu tun als ob total im Match vertieft wären. In Echt konzentrieren sie sich nur darauf, dass sie ihren Arsch rausstrecken und die Haare sitzen. Sie erinnern mich an Hühner. Meine Oma hat Hühner. Auf einmal legt sich eine Hand auf meine rechte Schulter. Es ist Jenny. Sie fragt noch nicht einmal ob ich mich zu einem Bild bereit fühle. Das Handy in der linken Hand mit dem Arm in die Höhe gestreckt, tippt sie ungefähr fünfzehnmal auf den Auslöser. Hey Marie, jetzt lach doch mal. Automatisch ziehen sich meine Mundwinkel nach oben.

Samstag. Dreiundzwanzig Uhr Dreißig. Der Abend ist doof. Ich bin müde und will ins Bett. Und ich will Apfelkuchen. Gegenüber von mir gesellt sich ein unglaublich gut aussehender junger Mann zu uns an den Tisch. Ok ein letzter Versuch, den Abend zu retten. Ich versuche Blickkontakt aufzunehmen. Er bemerkt mein Interesse und lächelt zurück. Bekomme ich doch noch mein Match. Ha. Doch bevor er etwas sagt oder ich etwas sagen kann, widmet sich seine Aufmerksamkeit voll und ganz von mir ab und seinem Getränk zu. Er schiebt den Pina Colada kritisch auf dem Tisch rum und drapiert die Melonenscheibe am Glasrand neu. Dann zückt er sein Handy. Geteilt. Ich gehe.

Samstag. Dreiundzwanzig Uhr fünfundfünfzig. Gute Nacht.

Fotos: flickr.com/Bayerische Staatsforsten (CC BY-NC-ND 2.0)

Tag 5: Welche Probeklausur?

von Caroline Wahl

Freitag. Null Uhr vier. Ich schaffe es nicht. Meine Augen zucken. Die Texte sind zu lang. Als dann zu allem Überfluss auch noch die Buchstaben vor meinen Augen anfangen zu tanzen, widme ich mich kurz dem geliebten, von Möglichkeiten überfluteten Internet. Ich muss eh noch schauen, in welchem Raum wir morgen, ich meine heute, schreiben, bzw. tippen und klicken. Ich besuche das Campus-Portal. Prüfungsverwaltung. Klick. Info über angemeldete Prüfungen. Klick. Medienwissenschaft (PO-Version 2010). Haha Po! Ich bin eindeutig übermüdet. Klick. Herzstillstand.

Freitag. Null Uhr fünf. Ach du Scheiße. Wieso steht da keine angemeldete Prüfung. Ich habe mich doch angemeldet. Ich bin mir hundertprozentig sicher. Ich habe mich angemeldet. Habe ich mich angemeldet? Die Dozentin hat uns immer wieder daran erinnert, dass wir uns auch ja rechtzeitig anmelden, damit sie genügend Laptops zur Verfügung stellen wird. Habe ich mich angemeldet?

Freitag. Null Uhr zwanzig. Mir ist es wieder eingefallen, nachdem ich die letzte Woche Revue passieren habe lassen. In meinem Kalender habe ich auf der Seite des letzten Mittwochs eine verteufelte ToDo-Liste wiedergefunden auf der zwischen „Pfandflaschen wegbringen“ und „Wäsche waschen“ dick und fett, sogar mit rotem Buntstift und mit vier Ausrufezeichen „Prüfungsanmeldung bis morgen!!!!“ steht. Was dann passiert ist, ist nicht schwer zu erraten: ToDo-Listen. Was mache ich jetzt? Ich schaffe es nicht mehr! Scheiße. Das Prüfungsamt hat mitternachts meinen Berechnungen zufolge geschlossen und die Klausur findet morgen schon um zehn Uhr statt. ST!

Freitag. Null Uhr zwölf. Nein! Das Prüfungsamt hat morgen geschlossen.

Freitag. Ein Uhr dreiunddreißig. Nachdem ich meine Mama aus dem Schlaf telefoniert habe und mehrere Dozenten und andere für die unterschiedlichsten Ämter Zuständige mit Emails tyrannisiert habe, entscheide ich mich für mein Bett und gegen die ungelesenen Texte. Wahrscheinlich kann ich die Klausur sowieso nicht schreiben.

Freitag. Ein Uhr vierzig. Ich habe zu viel Kaffee getrunken.

Freitag. Sieben Uhr. Ich bin todmüde. Aber ich muss aufstehen: Klausur. Nicht angemeldet. Texte.

Freitag. Sieben Uhr vierzig. Nachdem ich meine Dozentin in ihrem Büro aufgefunden habe, ihr meine verzweifelte Lage niedergelegt habe und es dabei peinlicherweise nicht geschafft habe, die Tränen zu unterdrücken, beruhigt sie mich. Ich bin nicht die Einzige, die die Anmeldung versäumt hat. Selbstverständlich darf ich mitschreiben, bzw. mittippen und mitklicken. Ein schwerer Stein fällt mir vom Herzen. Dafür wird mir aber die Last der vier ungelesenen Texte in meinem Rucksack umso bewusster.

Freitag. Neun Uhr drei. Ich sitze auf dem Boden vor dem Vorlesungsaal, in welchem gerade schon Laptops für die Klausur verteilt werden. Ich bin gleich mit dem zweiten Text durch, wobei ich mich aufgrund des Zeitdrucks nicht konzentrieren kann und eigentlich einfach nur den Text mit Textmarker anmale. Eine meines Erachtens in Anbetracht der Lage viel zu entspannte Kati gesellt sich zu mir. Und gut vorbereitet? Wie fandest du die Probeklausur? PROBEKLAUSUR? Welche Probeklausur? Nein! Nein! Nein! Hast du die nicht gesehen? Die wurde letzten Donnerstag auf ilias hochgeladen. Als ob ich jeden Tag auf ilias schaue, ob etwas neues Wichtiges hochgeladen wurde. Auf ilias wird jedes poplige Handout, jede noch so schlechtPowerpoint-Präsentation, jeder noch so unwichtige Text, „weiterführende Lektüre“ (haha), hochgeladen! Auf ilias wird alles hochgeladen! Als ob ich das alles verfolge! Ich habe schließlich wichtigeres zu tun! Ok, ich sollte hier nicht so rumschreien. Ruhe bewahren. Plan B: Ich werde doch Youtuberin. Ich muss Youtuberin werden. Dann verkaufe ich meine auf den ersten Blick für Zuschauer unbefriedigenden Schminktutorials und Food-Diaries eben als Comedy-Videos. Guter Plan.

Freitag. Zwölf Uhr. Anscheinend war die Probeklausur fast identisch mit der hochgeladenen Klausur. Laut Kati. Egal. Ich denke, dass ich bestanden habe. Auf jeden Fall muss ich diesmal nicht ein Semester warten bis die Klausur korrigiert wird.

Freitag. Vierzehn Uhr zwanzig. Nach über einer Stunde fährt der Bus ein. Inzwischen habe ich selbstverständlich auch schon eine Verspätungs-SMS bekommen. Er hatte eine Panne in Karlsruhe. Ich sage meinen Namen und der Fahrer lässt mich durch. Ich habe schließlich per Sofort-Überweisung bezahlt.

Freitag. Zwanzig Uhr sechs. Meine Mama hat Lasagne gemacht. Ich bin glücklich. Abends trinken wir einige Gläser Wein und reden viel. Als ich ihr das Bild von ihrer Schwester und deren „new beginning“ zeigen will, bemerke ich, dass der Akku von meinem Handy leer ist. Egal.

Freitag. Dreiundzwanzig Uhr sieben. Ich liege in meinem Bett in meinem Kinderzimmer. Weit weg von Lernplattformen, Fitness-Apps, Youtube-Videos und diversen sozialen Netzwerken. Mein Smartphone ist immer noch aus und mein Laptop steckt noch im Rucksack. Mir geht es gut.

Foto: flickr.com/Frank Behrens (CC BY-SA 2.0)

Tag 4: Warum Sofort-Überweisungen SOFORT-Überweisungen heißen

von Caroline Wahl

Donnerstag. Zehn Uhr zehn. Ich sitze in der Bib und lerne. Beziehungsweise drucke ich bevor ich richtig anfange zu lernen die Texte aus, die ich in weniger als vierundzwanzig Stunden intus haben muss. Ich schreibe morgen eine Klausur, meine erste Online-Klausur.

Donnerstag. Elf Uhr. Ich beschließe mir eine kleine Lern-Auszeit zu gönnen und suche im Netz nach Zugverbindungen. Ich habe zu der Party in meiner Heimatstadt zugesagt, auf der auch der auch der ominöse Herr Ian erscheinen wird. Einundfünfzig Euro? Die Deutsche Bahn spinnt doch. Ich muss umdisponieren.

Donnerstag. Elf Uhr dreiundfünfzig Nach einem Umweg über mitfahrgelegenheit.de und blablacar.de finde ich zum Glück einen um einiges preiswerteren Fernbus. Bezahlung per Kreditkartenzahlung (VISA oder MasterCard), PayPal, SofortÜberweisung oder iDeal. Verdammt. Zu keiner der angegebenen Zahlungsarten fühle ich mich in der Lage. Ich besitze keine Kreditkarte, bin auch nicht bei PayPal und weiß nicht was eine Sofort-Überweisung, geschweige denn was iDeal ist. Bei meiner Mama anzurufen und darum zu betteln, dass sie mir den Fernbus bezahlt, weil ich, einundzwanzigeinhalb Jahre alt, noch darüber hinaus Medienwissenschaft-Studentin, mit der Transaktion überfordert bin, ist selbst für meine Verhältnisse zu armselig. Also google ich „Sofort-Überweisung“ und bin begeistert. Das schaffe sogar ich! Man muss lediglich Name, ein paar Zahlenkombinationen eingeben, die auf der EC-Karte stehen und dann noch den PIN und TAN eingeben und schwuppdiwupp habe ich ein Bus-Ticket. Das ist ja easy. Ha Mama, was sagst du jetzt?

Donnerstag. Zwölf Uhr neun. Zu meiner Freude habe ich gerade festgestellt, dass sowohl bei Ikea als auch bei Snipes Sofort-Überweisungen möglich sind. Ich überlege, was ich mir bei Ikea bestellen könnte. Neue Bettwäsche könnte ich wirklich gebrauchen. Gekauft. In meiner Euphorie erwerbe ich noch trendige Adidas-Sneaker bei Snipes. Und lustige Socken mit Käfern bestickt. Gekauft. Und ich habe gar nicht das Gefühl zu viel Geld ausgegeben zu haben. Das ging so schnell. Da hat man gar keine Zeit ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Klick. Klick. Schöne neue Schuhe. Und Socken. Und Bettwäsche.

Donnerstag Zwölf Uhr zehn. Jetzt habe ich doch ein schlechtes Gewissen. Die Schuhe waren echt teuer. Die haben mehr gekostet als einundfünfzig Euro. Die Deutsche Bahn ist schuld an meinem Kaufrausch. Die Deutsche Bahn ist an allem schuld. Wieso kommen die Züge auch immer so unpünktlich? Scheiß Deutsche Bahn.

Donnerstag. Zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig. Inzwischen bin ich in meiner Wohnung. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte der Texte gelesen und meine Augen zucken aufgrund der neunten Tasse Kaffee, die ich inzwischen im Akkord geleert habe. Ständig anwesend: mein schlechtes Gewissen. Ich hätte früher anfangen sollen zu lernen. Ich hätte mir nicht einen halben Tag darüber Gedanken machen sollen, ob es sich für mich lohnen würde die Youtuber-Karriere anzustreben um mich am Ende doch dagegen zu entscheiden. Ich hätte mich einfach für eine überteuerte Zugverbindung entscheiden sollen. Dann hätte ich die wertvolle Zeit zum Lesen von klausurrelevanten Texten genutzt, anstatt eine unfassbar schnelle und einfach scheinende Zahlungsmodalität für mich zu entdecken und unüberlegt, weil SOFORT, Bettwäsche und Schuhe zu kaufen. Und Socken. Ich brauche gar keine Bettwäsche. Und Schuhe habe ich auch genug. Aber Socken könnte ich schon mal wieder gebrauchen. Das ging mir einfach zu schnell. Hoffentlich war das alles sicher. Nicht, dass ich jetzt ausgeraubt werde. Ich kenne mich mit sowas überhaupt nicht aus. Wieso habe ich mich davor nicht richtig informiert. Zum Glück strebt mein Kontostand nach dem heutigen Tag sowieso gegen Null. Ist also nicht viel zu holen. Aber trotzdem. Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl. Anderseits macht das heutzutage sowieso jeder. Warum soll es dann also bei mir schiefgehen? Und als ob sich da jeder informiert, bevor er Geld per Sofort-Überweisung versendet. Als ob. Ich konzentriere mich jetzt auf die Klausur.

Donnerstag. Dreiundzwanzig Uhr sieben. Ich trinke die zehnte Tasse Kaffee.

Foto: flickr.com/Graham Richardson (CC BY 2.0)