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5 Möglichkeiten, wie Medien und Journalisten soziale Netzwerke nutzen können

von Alexander Karl

Die Zeiten, in denen gesellschaftliche Debatten in der Kneipe um die Ecke stattfinden, sind noch nicht vorbei. Doch mit den sozialen Netzwerken haben sich neue Orte etabliert, in denen diskutiert wird: Seit Wochen ist etwa die Große Koalition, kurz GroKo, ein zentrales Twitter- und Facebookthema. Die klassischen Medien und einige Journalisten haben Twitter und Facebook längst für sich entdeckt – und greifen über diese in die Debatten ein. Doch wofür nutzen Medien, Journalisten und Blogger soziale Netzwerke?

Variante 1: Social Media zur Distribution journalistischer Inhalte

Sicherlich haben nur die wenigsten User Zeit und Lust, alle wichtigen journalistischen Medien wiederholt am Tag zu besuchen. Abhilfe schaffen da die Medien selbst: Spiegel Online, heute.de und Co. sind auf den sozialen Netzwerken vertreten und posten dort ihre Beiträge. Followen die User bei Twitter oder Liken sie die Seiten bei Facebook, bekommen sie die News direkt auf die Timeline. Artikel und Videos erreichen die Nutzer somit da, wo sie sich sowieso befinden: In den sozialen Netzwerken.

Variante 2: Social Media als Themenlieferant und Straßenumfrage

Die Landung eines Flugzeugs im Hudson River oder News der Koalitionsverhandlungen – die Informationen haben die User wahrscheinlich zuerst in den Sozialen Netzwerken erreicht. Bei der Notlandung im Hudson River 2009 war ein Tweet „mit höchster Wahrscheinlichkeit die erste Nachricht überhaupt, die über die Beinahe-Katastrophe von New York in die Welt gesetzt wird“, wie es Spiegel Online formuliert. Bei den Koalitionsverhandlungen waren es die Politiker selbst, die die Öffentlichkeit so auf dem Laufenden hielten. Sowohl die Notlandung 2009, als auch die Twitter-Nachrichten aus den Koalitionsverhandlungen wurden von den klassischen Medien entsprechend aufgegriffen. Die sozialen Netzwerke werden so zum Themenlieferant. Doch nicht nur die Tweets von Politikern werden journalistisch aufbereitet: Auch die Tweets von Otto-Normal-Bürgern werden von etablierten Online-Medien aufgegriffen. Anstatt in Deutschlands Innenstädten Passanten nach ihrer Meinung zu fragen, stellen Journalisten die Tweets und Posts der Nutzer zu einem Thema zusammen – quasi als Straßenumfrage 2.0 (media-bubble.de berichtete).

Variante 3: Social Media als Kommunikator

Die Zeit, in der es sich die klassischen Medien erlauben konnten, auf ihre Rezipienten nicht einzugehen, ist vorbei: Journalisten suchen auf Twitter und Facebook den Diskurs – so fragte die Schwäbische Zeitung ihre Follower beispielweise nach ihrer Meinung zu den Maut-Plänen der CSU. Gleichzeitig können die Medien Fragen der User beantworten und Feedback entgegennehmen. Tweets und Facebook-Kommentare sind damit das Online-Pendant zu den klassischen Leserbriefen. Mit einem großen Unterschied: Sie sind öffentlich und für jedermann einsehbar.

Variante 4: User helfen bei der Recherche

Warum sollten Journalisten nicht unter ihren eigenen Followern oder Freunden nach Unterstützung für Beiträge suchen? Daniel Bröckerhoff fragte beispielsweise Ende November für das Medienmagazin ZAPP um Hilfe über Twitter. Für den ZDFcheck während des Wahlkampfes konnten die User gar bei der Recherche helfen. Dabei wurden die Aussagen von Politikern auf ihre Richtigkeit geprüft, die User konnten die Recherche mit Hinweisen unterstützen.

Variante 5: Journalisten werden sichtbarer

Nicht nur die Medien können sich und ihre Beiträge über Social Media darstellen und sichtbar machen, sondern auch die Journalisten selbst. Sie können ihre Community mit persönlichen Meinungen, Analysen und Linktipps auf dem Laufenden halten und sich damit gleichzeitig selbst nur Marke machen. Gerade für Journalisten, die nicht vor den TV-Kameras stehen, ist das eine Möglichkeit, sich zu präsentieren. Dabei reicht das Spektrum der twitternden Journalisten von BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, über den Mitherausgeber der FAZ Frank Schirrmacher, bis hin zum Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der SPIEGEL Wolfgang Büchner.

Social Media – das hat diese Übersicht gezeigt – ist von großem Nutzen für den modernen Journalismus. Gleiches gilt natürlich auch für Blogger, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind. Und doch ist klar: Je mehr Medien, egal ob klassische oder reine Online-Medien, die sozialen Netzwerke bevölkern, desto eher droht ihnen die Gefahr, im News-Strom nicht mehr wahrgenommen zu werden. Und dann sind es doch wieder die analogen Stammtische, die das eigentlich Wichtige herausfiltern.

 

Bilder: flickr/lioman123 (CC BY-SA 2.0), flickr/mauricevelati (CC BY 2.0)

Warum Twitter für Journalisten wichtig ist

von Alexander Karl

Es ist ja nicht so, als gäbe es Twitter erst seit gestern – bereits seit 2006 kann man über den Kurznachrichtendienst auf 140 Zeichen zwitschern. Doch nur ein Drittel aller deutschen Journalisten hat überhaupt einen Twitter-Accout, wie die Oriella Digital Journalism Study ergab. Im Vergleich zu anderen Ländern ist dies ziemlich wenig. Doch welchen Nutzen hat Twitter für Journalisten?
Informieren und teilen

Informieren und teilen

Informationen in 140 Zeichen zu verpacken ist nicht leicht – dieser Satz etwa hatte bereits 56 Zeichen. Trotzdem stellt sich David Köndgen (Foto) täglich dieser Aufgabe: „Sich kurz fassen zu müssen ist gut. Selbst wenn es auch für Journalisten eine Herausforderung sein kann, die Dinge so präzise auf den Punkt zu bringen“, sagt der crossmediale Volontär von Schwäbisch Media (u.a. Schwäbische Zeitung). Er selbst nutzt den Kurznachrichtendienst zur eigenen Information, teilt aber auch Dinge, die er wichtig findet: „Twitter vereinfacht den Informationsfluss und -austausch“, sagt er.

Denn der Informationsfluss spielt bei Twitter eine große Rolle: Einerseits können Journalisten und Blogger durch das Followen von Künstlern, Politikern oder dem Nutzer von nebenan an Informationen kommen. Da wird man nicht nur über Neuerscheinungen von Platten informiert, sondern auch über randständige Themen, die die Massenmedien noch nicht für sich entdeckt haben oder bei denen die altbekannte Berichterstattung zu langsam ist. Hinzu kommen natürlich, ähnlich wie bei Facebook, eine Vielzahl von persönlichen Einschätzungen der User. Andererseits kann auchder Blick über den Tellerrand, die Konfrontation mit anderen Sichtweisen, für Journalisten und Blogger nützlich sein – und neue Themen abwerfen.

Twitter als Straßenumfrage 2.0

Der Kurznachrichtendienst fördert den spontanen Eindruck, etwa beim sonntäglichen Tatort, der von der Twitter-Gemeinde verfolgt und kommentiert wird – zeitgleich zur Ausstrahlung im Fernsehen. Längst werden die Twitter-Kommentare auch von Journalisten aufgegriffen: Aktuelles Beispiel ist der Ludwigshafener Tatort, zu dem süddeutsche.de „[e]ine Auswahl der besten Tweets“ zusammengestellt hat. Ähnliches hat es bild.de zum Polizeiruf 110 gemacht, swr3.de zu Bischof Tebartz-van Elst. Die Auflistung lässt sich beliebig fortsetzen. Twitter, so scheint es, ist die neue Straßenumfrage. Wo sonst arglose Passanten in der Fußgängerzone nach ihrer Meinung gefragt werden, liefern sie die Twitterer nahezu ohne Aufwand und nur einen Klick entfernt.

Mehr noch lassen sich aus Twitter-Gesprächen Storys stricken. Kürzlich stritten sich Boris Becker und Oliver Pocher via Twitter – ein gefundenes Fressen für die BoulevardMedien.

Schneeballeffekt für Reichweite

Neben der Möglichkeit zur Information und zur thematischen Anregungen bietet Twitter aber auch Möglichkeit, die eigenen Artikel an den Leser zu bringen: Über Hashtags können Keywords markiert werden, nach denen man wiederum suchen kann. Bei 500 Millionen-Tweets, die jeden Tag (!) veröffentlicht werden, helfen die Hashtags bei der Übersicht. Und eben auch dabei, sich Follower außerhalb seiner eigenen Filter Bubble zu erschließen. David Köndgen etwa rät, sich die Trends – also oftmals genutzte Wörter – anzusehen, um die eigenen Tweets unter die Leute zu bringen; zudem auch mal kreativ über Themen zu schreiben: „Und dann auf den Schneeballeffekt hoffen.“ Das gelingt etwa, wenn der eigene Tweet von anderen retweetet wird und somit die Chance auf mehr Follower steigt. Damit trägt Twitter dem Rechnung, was sich im Internet auch für Journalisten immer mehr abzeichnet: Aufmerksamkeit ist die neue Währung, auch wenn die Monetarisierung dessen noch immer unklar ist. Doch Twitter, da ist sich David Köndgen sicher, ist Teil dieses neuen Journalismus: „Ähnlich wie bei der Nutzung von Facebook wird zukünftig auch in Deutschland die Bedeutung von Twitter im Journalismus weiter wachsen.“

 

David Köndgen könnt ihr bei Twitter als @spatzennest folgen. Den Autor dieses Textes findet ihr bei Twitter als @MedienPfau.

 

Foto: Alexander Karl; flickr/fanieart (CC BY-NC-ND 2.0)

Die gnadenlose Republik

von Pascal Thiel

Es ist der 4. Januar 2012. Das erste Mal in der bundesdeutschen Geschichte wird ein Bundespräsident von zwei Journalisten verhört. Ein Bundespräsident, der gezeichnet ist vom Kampf mit den Medien und seinen eigenen Verfehlungen. Ein Bundespräsident auf Abruf.

In einem Berliner Fernsehstudio setzt sich fort, was ein Jahr zuvor begann: Die lange Chronologie der Skandale in Angela Merkels zweiter Amtsperiode.

Damals hatte die Süddeutsche Zeitung ihre Mittwochsausgabe mit einem Titel eröffnet, der den damaligen Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg beschuldigte, in seiner Dissertation abgeschrieben zu haben. Was folgte, ist hinlänglich bekannt: Vorwürfe, Dementi, Rücktritt.

Einer der beiden Journalisten, die den zu dieser Zeit noch amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff zur Aufklärung und Beseitigung aller Vorwürfe bewegen sollten, war Ulrich Deppendorf. Im Rahmen der 10. Mediendozentur von Universität Tübingen und SWR diskutierte er im Festsaal der Neuen Aula die These einer „gnadenlosen Republik“.

Der Fall Wulff

Der Fall Christian Wulff habe zwei Dinge schonungslos offenbart. Zum einen ein katastrophales Krisenmanagement eines Präsidenten, der über seine eigene Vergangenheit gestolpert sei. Zum anderen einen Journalismus, der seine Grenzen weit überschritten habe.

Christian Wulff habe erfahren, was man den „Fahrstuhl-Effekt“ nenne. Mit den Medien – in diesem Fall mit der BILD-Zeitung – fuhr Christian Wulff hinauf, mit den Medien ging es fuhr er wieder runter. Doch auf letzterem Wege  sei die Medienmeute eindeutig zu weit gegangen.

Und das, so Deppendorf, spätestens als im Bundespräsidialamt die Anfrage einging, ob Wulff in seiner Schulzeit Mitschüler mit Schokolade und Kleingeld geschmiert habe, um Klassensprecher zu werden. Oder woher denn das zweite Bobby Car käme, das plötzlich in der Wulffschen Garage aufgefunden worden sei.

Kritischer, investigativer Journalismus ist die Grundlage von informierten Öffentlichkeiten in einer Demokratie. Doch, so der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, hätten manche Blätter die „Grenze seriöser Berichterstattung schnell überschritten“. Mit einem „Herdentrieb“, den es bei keiner anderen Person zuvor gegeben habe, habe man den gescheiterten Präsidenten vor sich hergetrieben.

War der Rücktritt also doch nur einer medialen Hatz geschuldet? Als logische Konsequenz einer atemlosen Jagd nach neuen Enthüllungen? Nein, sagt Deppendorf. Wulff könne und dürfe man nicht als Opfer einer medialen Kampagne darstellen. Zwar sei das mediale Verhalten hoch problematisch gewesen, dennoch habe Christian Wulff ein „für einen Präsidenten unwürdiges Verhalten an den Tag gelegt“. Hinzu kommen ein „miserables“ Krisenmanagement und die Fehleinschätzung, alte Verstrickungen ohne Konsequenzen hinter sich lassen zu können. Erst die angesetzten Ermittlungen hätten ihn dann endgültig untragbar gemacht für das Amt.

Ist in diesem Fall doch eine gewisse Gnadenlosigkeit zu erkennen, positioniert sich Deppendorf klar auf der Seite der „nachbohrenden“ Medien. Denn: Es sei ihre Pflicht und Aufgabe, Skandale, Missstände et cetera aufzudecken und aufzuklären.

Schavan, Brüderle und de Maizière

Nicht nur die Medien und der Journalismus, sind Teil der „gnadenlosen Republik“. Auch die Politik hat ihren ganz eigenen Anteil. „Überzogene Zuspitzungen“ führten zu einem immer unruhigeren Zusammenleben der beiden Parteien. Der Journalismus leide zudem unter immer extremeren Geschwindigkeiten, zur Reflexion bliebe oft nur wenig Zeit. Die Politik beschleunige dies sogar, etwa durch eigenständige Berichterstattungen in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook.

Schreitet man voran in der Chronologie der Skandale, so fällt eine grundlegende Entwicklung auf: Obwohl die Berliner Politik in diesem Jahr schon von drei Skandalen erschüttert wurde, üben sich Medien wie Politik zunehmend in Zurückhaltung. Diese sei seit Jahresbeginn mit den einzelnen Skandalen gewachsen. Während man bei Brüderles Sexismusvorwurf noch sofort nach Rücktritt schrie, erledigte das Anette Schavan im Zuge ihrer Plagiatsaffäre von selbst – und Verteidigungsminister de Maizière ist nach dem Drohnendisaster trotz gewaltiger Kommunikationsprobleme seines Ministeriums noch im Amt. Letzterer nahm sich gar drei Wochen zur Aufklärung Zeit – die Empörungsmaschinerie bleibt ruhig.

Hat man also aus dem Fall Wulff gelernt? Hat der Journalismus seine Grenzen kennengelernt? Diese Fragen seien nicht leicht zu beantworten, da es sich bei Schavan, Brüderle und de Maizière nicht um gewöhnliche „Fälle“ handele.

Weil sich der stille Typ Schavan in den Medien nie inszeniert habe, habe die Vertraute der Bundeskanzlerin, die sich 2011 noch schadenfroh über den Rücktritt von KT gefreut hatte, medial wenig zu befürchten. Und tatsächlich: Eine Medienschelte blieb aus.

Der Fall Brüderle indes hat gezeigt, wie kolossal ein medialer Putsch nach hinten losgehen kann. Wohl als Gegenschlagzeile zur Vorstellung des Wahlkampfduos Rösler/Brüderle (FDP) geplant, machte der Stern am 24. Januar diesen Jahres mit dem Vorwurf auf, Brüderle habe eine Redakteurin sexuell belästigt. Was folgte, war eine halbherzige Sexismusdebatte, Unschuldsbekundungen, Empörung über einen „verunsicherten Politiker“ und dasselbe über eine „professionell geschädigte Kollegin“.

Die Drohnenaffäre hingegen brodelt noch. Ob sie im Wahlkampfjahr weiterhin Wellen schlagen wird, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden. Einen Rücktritt hält Ulrich Deppendorf für unwahrscheinlich, da für diesen Posten „qualifiziertes Personal“ im Regierungslager nicht zur Verfügung stehe.

Lehren?

Der Politikjournalismus habe gelernt, wie weit er gehen könne, sagt Deppendorf. Regelrechte Jagdszenen wie beim ersten großen Skandal nach dem Umzug von Bonn nach Berlin, dem Parteispendenskandal, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Dass der Journalismus nicht nach Skandalen schreien darf, sondern sich – im Besonderen im digitalen Zeitalter – seinen Kernaufgaben widmen müsse, sieht auch Deppendorf so: Transparenz vermitteln, Hintergrundinformationen bereitstellen, die Informationsflut des Internets filtern, für eine Diskussionskultur sorgen. Und noch viel mehr. Nicht im Einklang, aber in Kooperation mit der Politik. Denn, so Deppendorf, einer „gnadenlosen Republik“ könnten nur beide Seiten zusammen entgegenarbeiten.

 

Bilder: wikimedia commons/avda  (CC-BY-SA-3.0), flickr/mp_fries (CC BY-ND 2.0)

Probieren geht über Studieren – eine ehemalige Studentin berichtet

Für was studieren wir eigentlich? Finden wir unseren Traumjob oder sind wir froh, dass da draußen überhaupt eine Stelle für uns frei ist – für uns als Teil einer wachsenden Masse von Studienabgängern? Bei Geisteswissenschaftlern stellt sich meist die Frage „Was macht man denn damit?“ Auch für einen Medienwissenschaftler ist es nicht immer leicht, die eigene Richtung zu finden. Vielleicht verlässt manch einen auch ab und an der Mut, wenn er düstere Geschichten über den Arbeitsmarkt in der Medienbranche hört. Media-bubble.de hat deshalb einmal nachgehakt, was denn aus den ehemaligen Tübinger MeWis heute so geworden ist.

von Sandra Schröder-Kalemba

Ich heiße Sandra Schröder-Kalemba, bin 30 Jahre alt und habe von 2007 bis 2009 Medienwissenschaft mit dem Abschluss Master in Tübingen studiert:

Die Berufswelt bietet einem Medienwissenschaftler heute viele Möglichkeiten. Wir können danach sowohl als Journalisten, als auch in der PR arbeiten und verfügen über breitgefächerte Kompetenzen im medialen Geschehen. Das Studium bietet eine gute Orientierung und schneidet alle Bereiche von Print, über Hörfunk, bis Fernsehen, Online und PR an. Diese Vielfalt macht uns als Allrounder für viele Arbeitgeber interessant, die crossmedial arbeiten. Aber: man sollte sich im Klaren sein, dass man nach dem Abschluss nur an der Oberfläche gekratzt hat.

Für Arbeitgeber zählen Arbeitsproben

Wer in den Medien Fuß fassen will, der sollte bereit sein, viele Praktika – auch unbezahlt – zu absolvieren, um möglichst viele verschiedene und aussagekräftige Arbeitsproben vorweisen zu können. Es ist ein langer Ausbildungsweg, der einem in vielen Bereichen ein Volontariat zum Redakteur trotzdem nicht erspart. Viele Verlage betrachten Projekte aus der Uni eher als Übungsstoff und bestehen auf „echten“ Beiträgen, die auch veröffentlicht wurden. Diese sollte man unbedingt sorgfältig aufheben, aufbereiten, zugänglich machen und für Bewerbungen sofort parat haben. Besonders gern gesehen sind Projekte, bei denen der Medienwissenschaftler eigenverantwortlich Beiträge umgesetzt hat.

Schon vor meinem Studium habe ich für die Lokalpresse NWZ geschrieben. Während des Studiums war ich drei Monate in einer lokalen Werbeagentur und habe dort Webseiten gestaltet. Nach meinem Studium war ich drei Monate beim Göppinger Stadtmarketingverein und habe dort das Bühnenprogramm für das Event Waldweihnacht organisiert und vom Flyer bis zur Pressemitteilung aufbereitet. Danach war ich ein halbes Jahr bei der Wochenzeitung Staatsanzeiger im Onlinebereich. Erst danach wurde ich aufgrund der aktuellen Arbeitsproben für ein Volontariat bei der Ludwigsburger Kreiszeitung genommen und habe dort noch mal von Grund auf das journalistische Handwerk der Tageszeitung und das Blattmachen gelernt.

Jobs der Zukunft liegen im Netz 

Jetzt bin ich Onlineredakteurin bei der Südwest Presse in Ulm für die Region Göppingen/Geislingen. Dort betreue ich die Webseiten der NWZ und Geislinger Zeitung, erstelle Bildergalerien, habe schon erste Videos gedreht und schreibe auch selber Beiträge. Meine Wünsche haben sich komplett erfüllt: Ich kann als Journalistin online arbeiten und habe großen Freiraum bei der Themengestaltung in allen Medienformen in Text, Bild, Audio und Video. Ich bin froh, dass wir im Studium selbst Videos gedreht und geschnitten haben. Auch der Onlinekurs hat mir sehr viel mit auf den Weg gegeben. Noch heute schaue ich in meinen Aufzeichnungen nach zu Photoshop, Montagetechnik, Interviewtechnik und Reportage.

Das alles habe ich in der Praxis vertieft und darauf aufgebaut. Mein Motto lautet am Ende aber: Probieren geht über Studieren – nur wer das Gelernte anwendet und entwickelt, kann mit den ständig wechselnden Anforderungen der Medien mithalten.  Man ist nie fertig und muss ständig bereit sein, sich auf neue Programme, Gestaltungsregeln etc. einzulassen. Vor allem im Onlinebereich sehe ich die größten Zukunftschancen. Egal ob Zeitungshaus, Stadtverwaltung, Ministerium, Verband oder Verein: alle wollen online machen und suchen Leute, die sich mit Web, Facebook und Co auskennen, schreiben, fotografieren und filmen können. Viel Erfolg!

 

Fotos: Copyright Christine Böhm

Schluss mit Krise!?

von Natalie Schaaf

Brauchst du dringend Geld? Willst du damit etwas Produktives anstellen? Was Journalistisches? www.krautreporter.de, eine neue Crowdfunding-Plattform sucht nach Leuten mit Ideen und welchen mit Geld.

Zeitungssterben, Krisen, überall Krisen und das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Wenn Zeitungen sich irgendwann alle nur noch mit Shops finanzieren können (ui, was gibt es da für tolle Dinge im ZEIT Shop. Eine Hario Skerton Kaffeemühle oder ein iPad Etui namens „Couch Potatoe“), dann werden Journalisten dankbar sein, wenn sie ihr Geld von anderer Stelle bekommen. Wie wäre es zum Beispiel mit Crowdfunding? Heute, am 29.1. startet eine neue Plattform. Sie heißt Krautreporter. Oh je, schon wieder? Reichen nicht www.startnext.de/ , www.visionbakery.com/, www.inkubato.com/de, www.pling.de/? Dazu sagt Sebastian Esser, der die Plattform mit Wendelin Hübner gegründet hat: „Krautreporter bietet ein Umfeld für Journalismus. Bei startnext und anderen Crowdfunding-Plattformen finden sich alle möglichen Projekte: Kinofilme, Gartenbauprojekte, Theaterstücke. Journalismus findet dort unter ferner liefen statt “. Eine Plattform, die sich auf Journalismus spezialisiert, könnte da also eine gewisse Ordnung in das Crowd-Kraut bringen. Leute, die Journalismus unterstützen wollen, müssen nicht erst bei einer altbekannten Plattform „Journalismus“ ins Suchfeld eingeben, sondern sie sollen gleich wissen, dass sie bei www.krautrepoter.de richtig sind. Aber Pluralität ist ja immer gut.

 So funktioniert´s

Der Reporter, Fotograf oder Dokumentarfilmer stellt sein Projekt auf der Plattform vor. In einem kurzen Video fasst er zusammen, was sein Ziel ist, wie viel Geld er bis wann benötigt und welche Prämie er seinen Unterstützern als Gegenleistung verspricht. Wenn die Summe nicht bis zum angestrebten Datum erreicht wurde, kommt das Projekt nicht zustande und die Geldgeber erhalten ihre gesamte Investition zurück. Wichtig ist, dass die Projekte mit einer gewissen journalistischen Professionalität durchgeführt werden. Die Macher müssen sich an den Pressekodex halten, transparent, unabhängig und faktisch korrekt arbeiten. So ist schon mal der Weg für qualitativ guten Journalismus geebnet.

Money, Money, Money

Finanziell unterstützen kann die Projekte jeder. Da kommt wieder die Frage auf: Bekommen dadurch die Reichen mehr Einfluss auf den Journalismus? Dazu Esser: „Die Gefahr halte ich für konstruiert. Menschen, die mit ihrem Geld in irgendeiner Weise Macht und Kontrolle ausüben wollen, würden das kaum über Crowdfunding machen.“ Dem fügt er noch schelmisch hinzu, dass er froh wäre, wenn sich Leute mit viel Geld melden würden. Dennoch: unterwerfen sich Journalisten damit nicht dem Diktat von Angebot und Nachfrage? – Davon sollten sie doch unabhängig sein. Und geht dadurch nicht Pluralität verloren, wenn am Ende immer nur die Projekte „gewinnen“, die die meisten Nachfrager gefunden haben? Oder ist gerade das besonders demokratisch?

Die Zukunft des Journalismus?

Das Allheilmittel für den am Hungertuch nagenden Journalisten, der seinen Schreibtisch bei der  Frankfurter Rundschau oder der dapd verlassen musste, ist Krautreporter nicht. Sebastian Esser erhebt auch gar nicht den Anspruch, dass seine Plattform die Zukunft des Journalismus ist. Sie sei nur eine von vielen Finanzierungsmöglichkeiten. Eine Ergänzung, die Reporter & Co. unabhängig  von Verlagen und Sendern macht.

Unter den ersten Projekten sind ein Dokumentarfilm, eine Auslandsreportage, ein Fotoprojekt, ein Fachbuch und ein hyperlokales Journalismusprojekt, also Lokaljournalismus auf noch kleinerer Ebene. Also Schluss mit Krise? Nun ja, ein bisschen!

 

Fotos: flickr/68751915@N05 (CC BY-SA 2.0); flickr/planeta (CC BY 2.0)

Hunde und Reis – Warum Journalismus im Kleinen beginnt.

von Sanja Döttling

„When a dog bites a man, that is not news, because it happens so often. But if a man bites a dog, that is news“, sagte John Bogart einmal und gab somit die Grundregel des Journalismus vor. In der Lokalzeitung tummeln sich keine beißenden Männer. Dort gibt es abgebrannte Restaurants, Baustellen und verschmutze Parkanlagen.

Die Geschichten liegen auf der Straße? Von wegen! Zwar gibt es im Lokalen viele Straßen, aber auch nun mal einige Waldwege. Und der Sack Reis fällt bekanntlich auch in China, und nicht bei uns im schwäbischen Dorf um. Doch glücklicherweise gibt es auf dem Land etwas ähnliches wie den chinesischen Sack Reis.

„Fahren Sie mal raus und schauen Sie, was aus  der abgebrannten Sportgaststätte wird“, sagt mein Chef bei der Lokalzeitung. „Aber was soll ich denn da schreiben?“ erwidere ich, überschlage den Neuigkeitsgehalt des – vor Wochen abgebrannten – Restaurants und komme auf zehn Zeilen. Höchstens. „Na, machen Sie mal. Das ist ne Geschichte“, sagt der Chef. Grummelnd setze ich mich ans Telefon. Das wird nie was, denke ich. Wie soll ich daraus einen Bericht machen?

Kein Kleintierzuchtverein

Der Besitzer der Gaststätte geht nicht ran. Das heißt aber nicht, dass nichts zu tun ist. Der Chef hat immer einen Stapel Mails auf dem Schreibtisch, die zu einer kleinen, zehnzeiligen Nachricht umgewandelt werden müssen. Oder ich trage die Jubiläen der Rentner ein, die bei runden Geburtstagen und langen Ehen namentlich in der Zeitung erwähnt werden.

Oder ich habe Telefondienst, wie nun als ein älterer Herr anruft: „Da, wo ich spazieren gehe, ist total viel Schmutz und Müll in der Parkanlage“, sagt er, „ich habe schon bei der Stadt gefragt, die machen nichts.“ Ich verspreche, ein Foto zu machen. Aber zuvor habe ich noch ein Termin im Heimatmuseum, die haben die Räume umgebaut und installieren neue Informations-Tafeln im Erdgeschoss. Im Schaukasten eine originalgetreue, 30 Zentimeter lange Heuschneidemaschine  aus dem letzten Jahrhundert. Der alte Bauer hat die in mühevoller Handarbeit gebaut. Und meine Kamera klickt ununterbrochen im alten Tante-Emma-Laden.

Tante-Emma-Laden, Heimatmuseum – als nächstes der Kleintierzüchterverein? Schnell stellte sich heraus: Nein. Denn das Arbeiten im Lokalen ist vielseitig, und schwieriger, als man denkt. Das Heimatmuseum hat keine Internetseite, auf der wichtige Informationen stehen. Und die Gemeinderatsmitglieder haben auch keinen Wikipedia-Eintrag.  Zum Glück gibt es den alteingesessenen Kollegen, der sie alle mit Namen und Aufgabengebiet kennt. „Das ist der Herr Müller“, sagt er und gibt mir die Telefonnummer, als ich die Straßenerweiterung hinterfragen soll. Ich rufe bei der Stadt an. Der Vater meines Freundes verbindet mich mit dem zuständigen Beamten.

Es menschelt sehr

Ich fahre weiter in den verschmutzen Park. Er ist sauber. Später ruft der ältere Herr noch einmal an und sagt: „Ich war gerade im Park, da ist jetzt aufgeräumt. Nicht, dass Sie denken, ich hätte mir das ausgedacht.“ Problem gelöst. Dafür ruft ein Getränkehändler an. „Die haben mir meine Einfahrt für Bauarbeiten heute gesperrt. Dabei haben die von der Stadt gesagt, das ist erst morgen! Jetzt kommen meine Kunden nicht mehr in den Hof!“

Über all die internationale Politik und die hochgestochenen Feuilleton-Kritiken vergisst man als angehender Journalist schnell, was in jedem Artikel die Hauptrolle spielt: die Menschen. Auf dem Treffen des Rentner-Fahrradclubs trinke ich Kaffee und kann den Kuchen nur unter vehementem Widerstand ablehnen; in der Hauptstraße backt der Bäcker seit drei Jahrzehnten jeden Morgen ab drei Uhr Brot und Brötchen für die Kunden, ohne seinen Beruf langweilig zu finden. Im Dorf nebenan organisiert der Pfarrer seit Jahren ein Konzert mit internationaler Besetzung, während in der Waldorfschule junge Musiker trainieren. „Das klingt wie lätschige Spagetti!“ ruft der Dirigent, „das ist hier kein Computerspiel. Hier geht es um Hass, um Liebe, um Rache bis in den Tod! Nochmal!“

Lokaljournalismus, sagen die angehenden Jung-Journalisten, das ist langweilig. Zeilenschinderei. Da passiert ja nichts. Sie wollen Großes, und wenn schon nicht zur „Zeit“, dann doch bitte zur „Süddeutschen“, am besten gleich Merkel interviewen oder wenigstens Seehofer. Im Lokalen gibt es die nur in Kleinformat. Aber egal ob Merkel oder Müller: Schreiben, das ist zuallererst ein Handwerk. Und das lernt man im Lokalen besser als zwischen Bestsellern und B-Sternchen. „Wer aus dem örtlichen Feuerwehrfest eine Geschichte machen kann“, sagte mir eine Journalistin einmal, „der kann aus allem eine Geschichte machen.“

Schlussendlich dann wieder das abgebrannte Restaurant. Die Besitzerin war nachts über ihrem  Papierkram eingeschlafen. „Die Paula hat gebellt und mich in den Zeh gebissen“, erzählt sie. Paula ist ihr Dackel-Mischling. „Der Rauch hatte sich schon weit entwickelt, von allein wäre ich da nicht mehr aufgewacht.“ Im Lokalen ist es der heldenhafte Hund, der beißt. Und trotzdem – oder gerade deswegen eine Geschichte.

Foto: flickr/peretzp (CC BY-SA 2.0), Sophie Kröher

Journalismus im Internet und eine Krake. Namens ACTA.

 von Felicitas Schneider

„Die Öffentlichkeit ist verunsichert, die Gerüchteküche brodelt. Die wenigen geleakten Informationen zu ACTA lesen sich wie ein Horrorkatalog für einen Bürgerrechtler“, schreibt die Stop-ACTA-Site.

Es bleibt alles beim Alten „deshalb sehen wir es auch nicht so kritisch, wie es einige Initiativen sehen“ dementiert Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Aber, worum handelt es sich bei ACTA, dem Anti-Counterfeiting Trade Agreement, eigentlich und was für eventuelle Auswirkungen hat das auf den (Bürger)Journalismus?

Was ACTA ist und wieso es kritisiert wird

Proteste gegen ACTA gab es auch in Deutschland – wie hier in Augsburg am 11.2.2012

ACTA – ausgeschrieben Anti-Counterfeiting Trade Agreement – ist eine Art Pendant zu den amerikanischen Anti-Piraterie-Gesetzen PIPA und SOPA. Seit 2007 wird das ACTA-Abkommen unter anderem von den USA, Japan und den 27 EU Mitgliedsstaaten unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Hauptgegenstand des ACTA-Abkommens, welches eine Ergänzung zum TRIPS-Abkommen darstellt, ist die Verschärfung des Urheberrechtsschutzes durch striktere Ahndung von Urheberechtsverletzung und Produktpiraterie – vor allem im digitalen Raum. Erst auf stärker werdenden Druck der Öffentlichkeit wurde das „geheime Abkommen“ nach und nach veröffentlicht. Diese Geheimhaltung ist bedenklich, wie viele Juristen u.A. Thomas Stadler, Betreiber des Blogs „Internet-Law“ und Professor Metzer von der Universität Hannover kritisieren. Bedenklicher ist auch, dass das Dokument unter Ausschluss der WTO und des Europa Parlaments erstellt wurde, womit deren Mitspracherecht nicht gewahrt worden ist, obwohl das Abkommen den internationalen Handel und das europäische Recht betrifft.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass ACTA weit über das europäische Recht hinausgeht. Europäisches Recht ist jedoch auf keinen Fall gleichzusetzen mit deutschem Recht. Viele Neuerungen durch ACTA sind längst nationales, nicht jedoch internationales Recht. So ist Artikel 27 des ACTA Abkommens, welcher Auskunftsansprüche gegen Provider vorsieht, schon lange deutsches Recht, nicht jedoch europäisches Recht.

Jedoch findet sich in Artikel 27 des Abkommens auch eine Neuerung für deutsches Recht. Diese ist, laut Rechtsanwalt Ferner, eine ausgesprochen gefährliche Neuerung. Der Artikel besagt, dass nicht nur Besitzer, sondern auch Dritte (beispielsweise Provider) haftbar gemacht werden können. Dies kann durchaus dazu führen, dass Anbieter wie Twitter und diverse Blogdienste Inhalte schon beim Verdacht einer Urheberrechtsverletzung zurückhalten und gar nicht mehr online stellen.

Durch ACTA sollen zudem Daten beschlagnahmt werden dürfen, wenn der Rechteinhaber Zweifel am rechtmäßigen Besitz der Daten äußert (Art. 12 ACTA). Dies entspricht zwar laut Rechtsanwältin Heidrun McKenzie schon der deutschen Gesetzgebung, nicht jedoch der Europäischen.

Des Weiteren dürfen, ohne die vorherige Anhörung des Betroffenen, Rechtliche Maßnahmen verhängt werden. Dieser Artikel verstößt gegen das (deutsche) Recht auf rechtliches Gehör (Art. 103 GG).

Durch die Artikel 12 und 27 des ACTA-Abkommens wird somit sehr deutlich, dass ACTA hauptsächlich die Rechte der Urheber schützen will und wenig Spielraum für die Verteidigung der Betroffenen einräumt. Das wiederum wird dazu führen, dass es eine massive Reduzierung der Informationsmöglichkeiten für die Nutzer geben wird.

ACTA + Onlinejournalismus = ?

Aber welchen Einfluss wird der Artikel 12 auf den Onlinejournalismus haben? Denkt man beispielsweise daran, wie Informationen über das Erdbeben, den Tsunami und den Super GAU in Japan an die Öffentlichkeit gelangten, so waren es nicht Pressemitteilungen der Regierung, sondern Tweets und Blogbeiträge von Betroffenen, die internationale Journalisten mit Informationen versorgten.

Wie griffig ist außerdem das Argument, dass Beiträge in Form von Youtubevideos „zensiert“ würden weil im Hintergrund urheberechtlich geschützte Musik läuft und dadurch eine Verletzung des Urheberrechtes vorliegen würde? Man denke beispielsweise an die Ausstrahlung eines Interviews von einem Festival bei Youtube. Während die Künstler interviewt werden, hört man im Hintergrund einen anderen Act auftreten. Würde das Interview daraufhin zensiert werden, weil der Interviewer die Rechte an der „Hintergrundmusik“ nicht besitzt? Solche Prognosen klingen absurd, werden von ACTA Gegnern jedoch immer wieder angeführt.

Was geschieht also, wenn diese Befürchtung nicht hypothetisch bleibt, sondern Realität wird? Gesetz dem Fall, Journalisten und Bürgerjournalisten veröffentlichen Inhalte (wenn auch in eigenen Worten), die sie zuvor auf Seiten wie Zeit.de gelesen haben, geben jedoch nicht an, woher ihre Informationen stammen, wie das bei Tweets oder Facebookposts meist der Fall ist – würden die ACTA-Neuerungen in diesem Fall greifen?

Würde Journalismus am Ende schrecklich teuer, weil man für alle Informationen die Rechte kaufen bzw. für sie bezahlen müsste? Verstieße dies nicht gegen eine der fundamentalen Ideen des Internets, Informationen kostenlos und weltweit zugänglich zu machen?

Was würde passieren, wenn man auf einem viel frequentierten Blog karikierende, Zeitgeschehen kommentierende Fotos und Werbeanzeigen postet, welche man zuvor im Internet gefunden hat, jedoch nicht angibt, woher der Fundus stammt?

Wie weit wären Journalisten die im Internet veröffentlichen, von diesen neuen, strengeren Richtlinien betroffen?

Während derzeit noch unklar ist, ob das Europa-Parlament  das ACTA-Abkommen unterzeichnen wird und Deutschland die Ratifizierung vorerst auf Eis gelegt hat, möchten Länder wie Polen, Tschechien und Lettland nach heftigen Protesten aus der Bevölkerung  vorerst die Ratifizierung des Abkommens aussetzen. Viele Fragen stehen im Raum.  Allerdings ist es, wie Thomas Stadler, Betreiber des Blogs „Internet-Law“ anmerkt, schwierig, fundierte, sachliche Fakten über ACTA zu finden. Fragen wie beispielsweise zu den Zusammenhängen zwischen ACTA und Online Journalismus sind dadurch nur schwerlich zu beantworten. Wem das 52-seitige Dokument Aufschluss bietet, der kann sich die Fragen selber beantworten. Wer das nicht möchte oder wem das nicht genügt, der kann sich anderweitig Informationen beschaffen, z.B.: über das Internet. Vorausgesetzt, es gibt sie dort noch.

 

Foto: flickr/ Johanna Bocher (CC BY-NC-ND 2.0); Sophie Kröher

Die Macht der Studien

von Alexander Karl

Studien sind im Journalismus sehr verbreitet: Sucht man bei Google nach „Studie Gesundheit“, stößt man etwa beim Hamburger Abendblatt auf  die Meldung „Studie zeigt: 15 Minuten Sport am Tag ausreichend„. Oder aber die konkreten Zahlen folgen gleich nach der Überschrift, wie etwa bei stern.de. Dort heißt es:  „Nur 14 Prozent der Deutschen leben gesund. […]“

Aber: Wie vertrauenswürdig sind solche Studien? Und tut sich der Journalismus einen Gefallen damit, so stark auf Studien zu setzen?

Das NDR-Medienmagazin ZAPP hinterfragte nun kritisch, ob die Synthese von Journalismus und Studien nicht teilweise abstruse Formen annimmt. So erklärte die Statistikerin Katharina Schüller im Beitrag: „Zahlen, Statistiken und Studien haben etwas Objektives, was Belastbares, sie suggerieren, dass da etwas gemessen worden ist und gezählt und nicht nur einfach geschätzt oder gemeint.“

Pressemittelungen statt Primärquelle

Konkret befasste sich der Beitrag mit den aktuellen Studine zur Internetabhängigkeit der Deutschen und dem Glücksreport. So recherchierte ZAPP etwa, dass in der Internetabhängikeits-Studie nirgendwo die Zahl 560.000  – also die in den Medien oftmals genannte Zahl der Abhängigen – auftaucht. Stattdessen heißt es: „Auf Grundlage des Cut-offs von 28 ergibt sich eine geschätzte Prävalenz für das Vorliegen einer Internetabhängigkeit von 1,5% (Frauen 1,3%, Männer 1,7%).“ Erst das Bundesgesundheitsministerium brachte laut ZAPP die Zahl 560.000 in Umlauf.

Das gleiche gilt für den Glücksreport: Zum einen, so kritisiert ZAPP, ist der Begriff  „Glück“ nicht hinreichend definiert, zum anderen wurde vielmehr nach der Zufriedenheit der Deutschen gefragt.

 

Journalismus und Recherche

Die Grundkritik des ZAPP-Beitrags ist wohl, dass Journalisten zu wenig recherchieren – und nur selten selbst in die zitierten Studien gucken, statt nur Pressemitteilungen zu übernehmen. Dies kreidete das Journalistik Journal bereits vor zwei Jahren an. Dort heißt es: „Zeitnot und Arbeitsverdichtung beherrschen den redaktionellen Alltag, Journalisten verzichten auf Überprüfungsrecherchen und aufwändige Recherche-Methoden, die rasche Verarbeitung von PR-Informationen ersetzt journalistische Kerntätigkeiten.“

Wie wichtig aber eine fundierte Recherche ist, liefert der Bericht des Magazins sofort mit:

Wie wichtig gerade Quellencheck und Faktenkontrolle sind, zeigte der „Spiegel“-Reporter Markus Grill am Beispiel der Pharmaindustrie bei der „Netzwerk Recherche“-Fachkonferenz „Quellen finden und öffnen“. Es gebe beispielsweise eine systematische Unterwanderung von Selbsthilfegruppen durch Pharmakonzerne, als Experten getarnte PR-Agenten der Pharmafirmen oder medizinische Studien, deren wissenschaftlicher Wert fragwürdig sei. Die Zuverlässigkeit der Quellen sei daher stets zu kon­trollieren.

Doch gerade die kürzlich von Stefan Niggemeier gescholtene Online-Ausgabe des stern hat die eingangs genannte Studie zur Gesundheit der Deutschen kritisch beleuchtet. Dort heißt es in der Unterüberschrift: „Nur 14 Prozent der Deutschen leben gesund. Der Rest ernährt sich schlecht, bewegt sich kaum, raucht, trinkt, hat Stress – so das Ergebnis einer neuen Studie, die aber mit Vorsicht zu genießen ist.“

Wieso die Studie mit Vorsicht zu genießen ist, folgt im Artikel. Denn in der Studie der Deutschen Krankenversicherung und der Deutschen Sporthochschule Köln wird gezeigt, dass Hauptschulabsolventen angeblich gesünder leben als höher Gebildete – und widerspricht somit anderen Studien. Doch die Autorin scheint sich die Studie genauer angesehen zu haben und stellt fest, dass die Definitionen – etwa von Gesundheit und Stress – problematisch sind. Und schlussendlich lohnt sich natürlich auch ein Blick auf die Auftragsgeber der Studie.

Doch dies scheint im journalistischen Alltag nicht Usus zu sein. Die Leipziger Journalismus-Forscher Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker legten 2008 mit dem Buch ‚Journalistische Recherche im Internet‘ eine Studie vor, die zeigt, dass Journalisten relativ wenig auf Primärquellen setzen, sondern Wikipedia und Berichte der Konkurrenz zur Recherche heranziehen.

Doch wie sollte ein Journalist nun recherchieren?  Das Journalistik Journal leitet aus der Leipziger Studie folgende Handlungsempfehlungen ab:

Dazu zählen sie beispielsweise die Sensibilisierung der Journalisten für PR-Inhalte, die Schaffung von spezialisierten Rechercheteams, die kontinuierliche Evaluation der Arbeitsabläufe in den Redaktionen, eine gezielte Weiterbildung für effiziente Recherche-Strategien und die feste Verankerung der Online-Recherche in der Journalisten-Ausbildung.

 

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