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Regenbogenbuntes TV

von Alexander Karl

Bei ‚Bauer sucht Frau‘ finden sich zwei Männer,‘X-Diaries‘ wartet mit schwulen Protagonisten auf und nicht zu vergessen die ‚Lindenstraße‘, die Homosexualität im TV salonfähig machte. Und natürlich all die US-amerikanischen Serien, die in Deutschland laufen – etwa ‚Desperate Housewives‘ oder ‚Six feet under‘. Kurz: Im deutschen TV sind homosexuelle Charaktere allgegenwärtig. Aber führt diese Konfrontation auch zu mehr Toleranz? Kann man ein medienwissenschaftliches Modell heranziehen?

Homosexualität im Bewegtbild

Wenn man sich die Entwicklung von homosexuellen Inhalten in Film und Fernsehen näher ansehen will, kommt man natürlich nicht an Hollywood vorbei. Doch gerade in den Staaten war es zunächst problematisch, nicht-heterosexuelle Charaktere darzustellen. Als der Film laufen lernte, kam Homosexuellen zumeist nur eine Rolle zu: Sie dienten als komisches Element, als etwas, über das man sich amüsieren konnte. Der Motion Picture Production Code verbot sogar ab 1934 explizit die Darstellung von Homosexualität, bis er 1968 von dem noch heute existenten Rating System abgelöst wurde. Mit dem Aufkommen der sexuellen Revolution und Pornographie Mitte der Siebziger Jahre setzte eine Art Gegenströmung zur vorherrschenden heteronormativen Ansicht ein, bis mit dem Ausbruch von AIDS, welches bei den ersten Patienten noch GRID (Gay-related immune deficiency) hieß, ein erneuter Tiefpunkt erreicht wurde. Erst 1993 griff Hollywood das Thema in dem Film ‚Philadelphia‘ auf . Eine ähnliche Entwicklung wie der Film nahm auch das amerikanische Fernsehprogramm. Homosexualität spielte selten eine Rolle, erst mit Beginn der 1990-Jahre eroberten Homosexuelle auch das TV. So gab es etwa bereits bei ‚Xena‘ [1995-2001] einen homosexuellen Subtext. 1997 war es Ellen DeGeneres, die sich und ihre Serienrolle gleichermaßen in der Show ‚Ellen‘ [1994-1998] outete, aber bereits 1998 wieder den Bildschirm verließ.

Mit der Comedyserie ‚Will&Grace‚, die im US-Fernsehen auf NBC lief, wurde ein neues Kapitel in der Geschichte der Gleichstellung aufgeschlagen: Erstmals nahmen ein schwuler Charakter (Will) und seine beste Freundin (Grace) die Rolle der Protagonisten im Mainstream-Programm ein. Darüber urteilten Battles und Hilton-Morrow: “This increased visibility is, for some, a sign of society’s growing acceptance of the gay community”. Ferner sagen sie: “[…] we will argue that Will & Grace makes the topic of homosexuality more palatable to a large, mainstream television audience by situating it within safe and familiar popular culture conventions, particularly those of the situation comedy genre.” Dies rührt beispielsweise auch daher, dass der Charakter des Will eben kein Stereotyp ist, sondern stattdessen durch seine optische Heterosexualität vermeintlich unangreifbar ist . Mit Beginn der 2000-Jahre tauchten homosexuelle Charaktere in fast allen bedeutenden TV-Serien auf: Von ‚Sex and the City‘ bis ‚Six feet under‘ oder ‚Desperate Housewives‚  sind überall schwule, lesbische oder bisexuelle Charaktere vertreten. Aktuell stellt die glaad-Studie, die das Auftauchen homosexueller Charaktere im Fernsehen untersucht, daher fest: „The study shows that LGBT representations will account for 3.9% of all scripted series regular characters in the 2010-2011 broadcast television schedule, up from 3% in 2009, 2.6% in 2008, and 1.1% in 2007. The number of regular LGBT characters on cable has also increased following a two year decline, up to 35 from a count of 25 last year.“

Selbstbild und Toleranz

Homosexuelle – und speziell Schwule – sehen sich aber in den Serien nicht treffend dargestellt. Hier muss wohl – wie so oft – differenziert werden. Während die schwulen Charaktere in ‚Desperate Housewives‘ und ‚Sex and the City‘ durchaus sehr sterotyp und tuckig sind und wie ein Paradiesvogel daher kommen, entsprechen sie in ‚Six feet under‘ einem eher heterosexuellen Männerbild.

Doch woher kommt nun diese häufigere Darstellung von Homosexuellen? Ein medienwissenschaftlicher Ansatz wäre die Verstärkerhypothese von Klapper, die besagt, dass die Medien eine Einstellung zu einem Thema nicht verändern, aber verstärken können. Dies würde bedeuten, dass die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben nicht durch das TV entstanden ist, sondern die Medien die Akzeptanz nur verstärken – auch, in dem sie versuchen, die Wirklichkeit abzubilden.

Führt man sich noch einmal Battles und Hilton-Morrows These vor Augen, die besagt: “This increased visibility is, for some, a sign of society’s growing acceptance of the gay community” spricht dies für eine Verstärkerhypothese. Die Medien bestätigen quasi den gesellschaftlichen Wandel. Auf der anderen Seite sagen sie aber: “[…] we will argue that Will & Grace makes the topic of homosexuality more palatable to a large, mainstream television audience by situating it within safe and familiar popular culture conventions, particularly those of the situation comedy genre.” Dadurch also, dass viele Menschen mit Schwulen und Lesben – in dem vermeintlichen ’sicheren‘ Umfeld einer Comedy-Serie –  konfrontiert werden, entsteht Akzeptanz. Dies könnte man als eine Form der Meinungsführerschaft sehen, in der die Senderchefs die Meinungsführer sind und die Zuschauer die Höhrigen.

Andere Ansätzen – etwa das Stimulus-Response-Modell – sind wohl weniger zielführend, denn nur, weil man Homosexuelle im TV sieht, findet man sie nicht sympathisch oder wird selbst schwul. Und wieder einmal stellt sich das auch von Merten beschriebene Problem der Wirkungsforschung: Es ist ziemlich schwer, kausale Zusammenhänge eindeutig zu identifizieren. Doch manche gläubigen US-Amerikaner jedoch sehen dort einen Zusammenhang, der ziemlich stark an das stimulus-response-Modell erinnert…

 

Foto: flickr/incurable_hippie (CC BY-NC 2.0)