Glasige Aussichten

von Daniel Fuchs

Die Aftershowparty der Oscarverleihung aus dem Blickwinkel von George Clooney erleben? Oder doch lieber den Urlaub von Freunden live am Bildschirm mitverfolgen? Das und noch vieles mehr ist mit Googles neuestem Spielzeug vorstellbar, das das Potential besitzt, die Grenzen von Realität und Virtualität weiter zu verschieben.

Der nächste Coup?

Nach dem durchschlagenden Erfolg des von Google für Smartphones entwickelten Betriebssystems Android, das mittlerweile knapp 70% Marktanteil aufweist, [sowie den auf Googles Browser Chrome basierenden Notebooks], plant das Unternehmen aus Mountain View im Herzen des Silicon-Valley, den nächsten großen Coup. Google Glass soll im ersten Quartal 2014 auf dem Markt erscheinen, doch schon jetzt sind einige Exemplare der Datenbrille als Vorabversion im Umlauf. 1500$ mussten die neugierigen Tester berappen, um eine der in limitierter Anzahl verfügbaren Brillen zu ergattern.

Die Technik

Das Innenleben von Google Glass erinnert, von Ausstattung und Funktionsumfang her, an ein handelsübliches Smartphone. Ein Touchpad im Brillenbügel ermöglicht die Steuerung per Hand. Gesteuert werden kann aber auch per Kopf- oder Augenbewegungen und Spracheingaben, entsprechende Sensoren sind vorhanden. Glass soll sich automatisch mit Google Cloud synchronisieren, bei Verstößen gegen die Nutzungsbedingungen kann Google die Brille aus der Ferne deaktivieren. Natürlich fehlt auch die obligatorische Kamera nicht, die fähig ist, alles vom Träger Gesehene aufzuzeichnen. Mit dem integrierten GPS-Empfänger können dabei die eingehenden Daten mit dem entsprechenden Ort verknüpfen werden.

Der Bildinhalt erscheint nicht etwa auf einem Bildschirm vor dem Auge, sondern wird mit einem Prisma direkt auf die Netzhaut projiziert. Für den Träger sieht es so aus, als schwebt ein transparentes Display in einiger Entfernung vor dem Auge in der Luft.

Die Idee des Einblendens von Informationen im Blickfeld ist nicht neu, es gibt bereits ähnliche Einsatzzwecke dieser unter dem Sammelbegriff „augmented reality“ stehenden Technologie. Was neu ist, ist die geplante Einbettung dieser Technologie in das tägliche Leben.

Die Anwendungen

Über besondere Anwendungen, die die Brille deutlich von denen eines Smartphones abheben, ist erst wenig bekannt. Vielmehr scheint es so zu sein, dass sich Google bei der Anwendungsgestaltung wieder auf die Kreativität ihrer Kunden verlässt. Das verdeutlicht auch die Aussage eines Google-Mitarbeiters: „wir wollen, dass ihr verrückte Sachen damit macht. Immerhin habt ihr 1.500 US-Dollar dafür gezahlt„.

Es hat sich bezahlt gemacht, dem Anwender ein Interface mit grundlegenden Funktionen zur Verfügung zu stellen, und mit Hilfe eines zugänglichen Betriebssystems wie Android eine Basis für eigene Ideen für Anwendungen zu bieten. Der Anwender wird zum Entwickler und erweitert damit den Umfang des Interfaces immer mehr.

Bestes Beispiel für die Eigendynamik der Anwendung und Entwicklung war der Verkaufsstart des ersten iPhones im Jahr 2007. Erste Tests berichteten damals eher verhalten über geringen Funktionsumfang, und das Hauptaugenmerk lag damals auf der Telefonie und dem Musikhören. Niemand ahnte, dass diese beiden Features bald schon die uninteressantesten überhaupt sein würden, nachdem die „Apps“ ihren Siegeszug begonnen hatten.

Der gläserne Anwender

Aus den Möglichkeiten folgen aber auch Befürchtungen, wenn es um den Datenschutz und die Privatsphäre geht. Google hat angekündigt, den Speicher der Brille synchron mit ihren Servern zu halten, was nichts anderes bedeutet, als dass jede Information, die durch die Brille aufgenommen wird, Google zur freien Verfügung steht. Die Brille wird zwangsläufig Informationen, nicht nur über den Nutzer selbst, sondern auch über seine Umgebung sammeln, verknüpfen und auswerten. Eine geplante Anwendung ist zum Beispiel die Erkennung von Freunden anhand ihrer getragenen Kleidung. Gesichtserkennung ist zwar von offizieller Seite noch nicht geplant, aber der logische nächste Schritt, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Technik von anderen Konzernen wie Facebook, bereits eingesetzt wird. Die Anwendungen an sich sind demnach nicht neu, wohl aber die Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit des Aufsammelns von Daten. Als ob jeder Nutzer sein eigenes Google Street View mit sich führt, nur dass dieses Gadget nicht auf Straßen und öffentliche Plätze beschränkt ist, sondern alle Bereiche des täglichen Lebens durchdringen kann. Und so berichten begeisterte Tester, dass sie die Brille nur noch zum Schlafen abnehmen.

Ein Blick in die Glaskugel

Es wird vor allem darauf ankommen, was die Nutzer aus den ihnen gebotenen Möglichkeiten machen, und wie sich das Image der Brille entwickeln wird. Denn schon ein Jahr vor dem Verkaufsstart legt sich der Hype schon wieder ein wenig, und das Bild von Glass bekommt die ersten Kratzer. Unter dem Schlagwort  „White Men Wearing Google Glass“ machen sich Blogs darüber lustig, dass vor allem technikaffine, weiße Herren von der Brille angetan sind, und darüber hinaus besonders affig damit aussehen. Ob Google Glass den Nerv der Zeit trifft, und nicht nur ein nettes Spielzeug bleibt, wird sich also erst noch zeigen.

 

Bilder: flickr/69730904@N03 (CC BY 2.0), flickr/timtimes (CC BY 2.0)

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