Fett und filzig – die Siegerfilme des ITFS

von Sandra Fuhrmann

Das 20. Internationale Trickfilmfestival (ITFS) ist zu Ende und die Gewinner stehen fest. Es war eine Woche gefüllt mit unzähligen Eindrücken und die Jury des Internationalen Wettbewerbs hatte es sicher nicht leicht mit ihrer Entscheidung. Insgesamt 41 Filme, verteilt auf fünf Tage, hatten die fünf Mitglieder zu bewerten. Wir waren für euch bei den Vorführungen dabei und konnten uns so unsere eigene Meinung bilden.

Drei Preise wurden innerhalb des Wettbewerbs vergeben: der Grand Prix, dessen Gewinner ein Preisgeld von 15.000 Euro winkt und der von der Stadt Stuttgart und dem Land Baden-Württemberg gestiftet wird, der Lotte Reiniger Förderpreis für Animation in einer Höhe von 10.000 Euro, von der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und der SWR-Publikumspreis für den Film mit den insgesamt besten Noten bei der Abstimmung durch die Zuschauer, für den es 6.000 Euro gab.

Der Grand Prix

…geht an OH WILLY. Die Co-Produktion zwischen Belgien, Frankreich und den Niederlanden entstand unter der Regie von Emma de Swaef und Marc James Roels und stammt aus dem Jahr 2011.

Story

Die Story handelt von dem inzwischen erwachsenen Mann Willy. In seinem Inneren  scheint er jedoch ein Kind geblieben zu sein. Die Erkrankung seiner Mutter lässt ihn in die Nudisten-Gemeinde im Wald zurückkehren, in der er aufwuchs. Kurz nach seiner Ankunft dort, stirbt die Mutter. Für Willy der Zeitpunkt, sein eigenes Leben Revue passieren zu lassen. Behütet, doch auch abgeschottet von der Außenwelt, wuchs er hinter den Zäunen im Kreis der Gemeinde und umsorgt von der Mutter auf.

Ausflüge nach draußen bekamen ihm nicht gut, wurde er doch von anderen Kindern wegen seiner Nacktheit und seines Körperumfangs verspottet und geschlagen. Lang trank er von der Brust der Mutter. Nach ihrem Tod flieht er nun als Erwachsener in den Wald. Noch immer scheint er wenig selbstständig und unfähig, sich alleine in der Wildnis zurechtzufinden. Gepeinigt von der Natur findet er in einer Höhle Unterschlupf. Ein Wendepunk tritt ein, als Willy dort von einem haarigen Yeti angegriffen wird. Doch anstatt ihn zu fressen, entpuppt sich das Ungetüm als zärtlicher Mutterersatz. Mithilfe einer Schere bringt Willy gar unter dem haarigen Gesicht Züge zum Vorschein, die denen seiner Mutter stark zu ähneln scheinen. Und sogar eine Brust verbirgt sich unter den langen Zottelhaaren, von der Willy trinken kann und so in die Rolle zurückkehrt, die er einst nur ungern verließ – die des nackten Jungen an der Brust der Mutter.

 Alles in allem..

Oh Willy ist ein stop-motion Kurzfilm, der auch ohne Sprache auskommt. Auf skurrile Weise weckt der Film Abscheu und Mitleid beim Zuschauer. Die Geschichte scheint eine perfekte Mischung aus Tragik und Komik. Und mancher skurrile Einfall der Macher lässt einen einfach nur staunen. Richtige Lacher sind im Film meist ganz unverhofft eingebaut und wirken dadurch umso besser. So taucht beispielsweise während Willy sich in der Höhle verborgen hält auf einem Fels vor dem Eingang eine Ziege auf. Der Anblick der Ziege im Sonnenlicht hat etwas Erhabenes – bis sie seitlich von einem Stein getroffen wird und vom Felsen stürzt. Es folgt der Auftritt des Yetis.

Die verwendeten Materialien untermauern im Grunde die Story. Die Puppen sind aus Filz gefertigt, was ihre Konturen weich wirken lässt. Auch die Umgebung besteht aus Filz und anderen Textilien, wirkt dabei aber sehr lebensecht. Die weiche Atmosphäre passt zur Gesamtgeschichte des hilflosen dicken Willy, der sich nach der Liebe und Fürsorge der Mutters sehnt. Der Film verläuft durch eher lange Schnitte sehr ruhig, was dem Ganzen etwas Getragenes verleiht. Insgesamt ergibt sich so ein sehr rundes Bild.

Eigener Senf

Tatsächlich bot uns Oh Willy schon am ersten Präsentationsabend Stoff zur Diskussion und die Meinungen in der Redaktion gingen durchaus auseinander. Doch Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Ich selbst habe mich in diesem Fall sehr über die Entscheidung der Jury gefreut, da der Film auch zu meinen persönlichen Lieblingen im Internationalen Wettbewerb gehört hat. Der Film ist in sich ausgesprochen stimmig und auch seine skurrile Komik macht ihn meiner Meinung nach wirklich sehenswert.

Der Lotte Reiniger Förderpreis für Animationsfilm

…geht an KARA NO TAMAGO (A Wind Egg). Die japanische Produkion entstand 2012 unter der Regie von Ryo Okawara.

 Story

„A Wind Egg“ ist allgemein die Bezeichnung für ein Ei, dass in irgendeiner Form Mängel aufweist. Kara no tamago steht ganz in der Tradition des japanischen surrealen Animationsfilms. So steht bei diesem Film auch nicht unbedingt eine logische Handlung im Vordergrund. Der Film porträtiert eine vierköpfige Familie, die einen Hühnerhof bewirtschaftet.

Nacheinander werden alle Familienmitglieder vorgestellt. Der cholerische Vater, der eifersüchtig über die Eier wacht, die er mehr zu lieben schein, als alles andere. Die kleine Schwester, eine überdrehte Petz Liese. Die Mutter, nicht beachtet vom Vater, frönt sie ihren eigenen erotischen Fantasien und der Junge, der der Protagonist der Geschichte ist. Obwohl keiner in dieser Familie besonders nett zu den anderen zu sein scheint, wirkt der Junge doch in besonderem Maße wie ein Außenseiter.

Einzelne Handlungsstränge überlagern sich im Film, werden auseinandergeschnippelt und dann irgendwie wieder zusammengesetzt. Die Surrealität der Handlung steigert sich mit dem Fortschreiten der Geschichte. Beim Versuch ein Ei zu stehlen wird der Junge von der Schwester beobachtet und verpetzt und anschließend vom Vater eingesperrt. Das Ei kann er retten. Gegen Ende des Films ist zu sehen, wie daraus eine Miniaturversion des Jungen selbst entschlüpft und dies eine zusammenhängende Kette von Gedanken in seinem Kopf auslöst, bei denen sich beispielsweise die Mutter in ein Huhn verwandelt. Gemeinsam bilden diese Gedanken eine Erkenntnis bei dem Jungen, die sich dem Zuschauer aber nicht automatisch erschließt.

Alles in allem..

Kara no tamago ist ein Zeichentrickfilm, der in gedeckten Farben und eher minimalistisch gehalten ist. Die Figuren sind nicht auf Schönheit ausgerichtet. Sie haben ihre Ecken und Kanten. Der Film erfordert eine gewisse Konzentration vom Zuschauer, will man nicht bei den immer wieder unterbrochenen Handlungssträngen ganz den Faden verlieren. Was gehört eigentlich ans Ende und was passiert zuerst? Wie gehören die einzelnen Elemente zusammen? Ein Film, der definitiv einer angestrengteren Auseinandersetzung mit wiederholter Rezeption bedarf, um ganz entschlüsselt zu werden.

Eigener Senf

Leider muss ich an dieser Stelle zugeben, dass diese Entschlüsselung bislang keinem von uns ganz gelungen ist. Besonders für uns als europäische Zuschauer fiel die Rezeption des Films schwer. Doch die verborgene Bedeutung weckt auch Ehrgeiz während des Zuschauens. Man möchte den Schlüssel zur Geschichte finden und weiß, dass er sich vermutlich dort in der Story versteckt. Auch der Schlüssel zur Bewertung ist hier ein ganz anderer als bei „Oh Willy“. Szenische oder ästhetische Kriterien scheinen nicht so recht zu greifen. Dieser Film muss von einer ganz anderen Seite aus betrachtet werden. Deshalb war für uns einstimmig die Entscheidung der Jury auch nicht ganz durchsichtig.

 Der SWR-Publikumspreis

…geht an JUNKYARD. Der Film wurde 2012 in den Niederlanden produziert. Der Regisseur ist Hisko Hulsing.

 Story

In einer U-Bahn wird ein Mann erstochen. Während sein Mörder noch über ihm steht, reist der Zuschauer aus der Dunkelheit heraus zurück in die Vergangenheit des Mannes, in der er im Sonnenschein mit seinem besten Freund spielt. Der Mann, den man nun als Jungen sieht, wächst in behüteten Verhältnissen auf, während die Mutter seines Freundes diesen verwahrlosen lässt. Auf dem Schrottplatz, auf dem die beiden gemeinsam spielen, wohnt ein dritter Junge mit seinem gewalttätigen Vater in einem Wohnwagen.

Während die Jungen heranwachsen entfremden sich die beiden besten Freunde zunehmend. Der Protagonist sucht die Gesellschaft eines Mädchens, zu dem sich eigentlich auch sein Freund hingezogen fühlt. Dieser freundet sich stattdessen mit dem Jungen vom Schrottplatz an und gerät so mehr und mehr in die falschen Kreise. Eines Tages gehen alle drei Jungen zum Wohnwagen auf dem Schrottplatz. Der Protagonist bleibt am Eingang des Schrotplatzes zurück, denn er wagt nicht, dem Mann im Wohnwagen zu nahe zu kommen. Man sieht und hört aus Sicht des Protagonisten, wie die beiden anderen Jugendlichen den Wohnwagen betreten und im Inneren ein Streit ausbricht. Kurz darauf explodiert der Wohnwagen. Die beiden Jungen können sich retten, den Mann jedoch lassen sie schreiend zurück und beobachten, wie er in Flammen aufgeht. Alle drei Jungen gemeinsam suchen Zuflucht in einem alten Haus. Als einige Zeit später die Polizei auftaucht, während schon der gesamte Schrottplatz in Flammen steht, verrät der Protagonist den Polizisten, wer die Schuldigen sind. Die beiden anderen wandern so ins Gefängnis. Der Zuschauer kehrt zurück zu dem Sterbenden in der U-Bahn. Der Blick in das Gesicht des Mörders offenbart die Züge seines ehemals besten Freundes.

Alles in allem..

In Junkyard steht auf jeden Fall die Geschichte im Vordergrund und die hat auf jeden Fall das Potenzial, den Zuschauer zu ergreifen. Mord in der U-Bahn und drogenabhängige Jugendliche sind sicher keine ganz neue Story, man spürt jedoch, dass hier in der Erzählung sehr viel Liebe und Authentizität steckt. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass teilweise Erlebnisse aus der Vergangenheit des Regisseurs Hisko Hulsing aufgegriffen und verarbeitet wurden.

So gibt er beispielsweise an, während seiner Kindheit in Amsterdam früh bemerkt zu haben, wie einige seiner Freunde immer mehr abstürzten und sich von ihm entfremdeten. Auch er selbst fing mit zwölf an Haschisch zu rauchen bis er merkte, dass sein Kopf nicht mehr richtig funktionierte. Die klaren Bilder des Zeichentrickfilms tragen dazu bei, der Geschichte etwas sehr Ehrliches zu verleihen. Mit Farben und Licht wird erreicht, dass die Stimmung zuweilen zwischen Traum und Inferno schwankt und irgendwie in diesen Momenten auch beides passt.

Eigener Senf

Auf jeden Fall ein sehr gelungener Film. Eine nicht ganz neue Geschichte, die aber doch nie ihre Relevanz und emotionale Tragfähigkeit verliert, auf sehr liebevolle Art umgesetzt. Obwohl in diesem Film Sprache zum Einsatz kommt, wird mehr über die Bilder gearbeitet. Ein Film, der auch meiner Meinung nach auf jeden Fall in der oberen Hälfte der gezeigten Filme angesiedelt war. „Sehr schöner Film“, war auch die Meinung der Redaktion.

 

Fotos: Internationales Trickfilm Festival Stuttgart

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.