SchülerVZ ist tot – es lebe Facebook!

von Sabine Appel

Die Uni hat gerade erst angefangen und ich bin schon wieder heftig am prokrastinieren meiner anstehenden Hausaufgaben. Natürlich auf Facebook, wo das bekanntlich am leichtesten funktioniert. Doch was habe ich nur vor Facebook getan, wenn ich eigentlich lernen sollte? Tatsächlich gelernt jedenfalls nicht. Wo waren wir, Generation Internet, eigentlich alle, bevor wir uns auf Mark Zuckerbergs virtueller Schöpfung herumtrieben? Ach ja, damals gab‘s ja noch das Schüler VZ. Man könnte es als eine Art „Vorläufer“ des Giganten Facebook beschreiben. Doch während Facebook trotz vielfacher Kritik an Datenschutz und Co. nach wie vor weltweit beliebt ist, schließt das SchülerVZ morgen seine virtuellen Türen.

„Wir machen‘s kurz: Es ist vorbei“

Die VZ-Gruppe, bestehend aus SchülerVZ, StudiVZ und meinVZ, gehört inzwischen der Investmentgesellschaft Vert Capital. Während  StudiVZ und meinVZ zunächst weiter bestehen, wird dem SchülerVZ nun radikal der Garaus gemacht. Von 5 Millionen Nutzern sind nur noch 200 000 übrig geblieben. Aus 200 Mitarbeitern wurden 12 Angestellte, die nur noch für die Verwaltung zuständig sind, statt Hoffnung in das Projekt zu setzen. Anfang April geht die Nachricht an alle Nutzer, dass sie zum Ende des Monats automatisch gelöscht werden und vorher am besten noch ihre persönlichen Andenken sichern sollten.  Nach sechs Jahren ist das SchülerVZ am Ende und auch der Schlusssatz „Statt dem üblichen ‘Lebewohl‘ sagen wir:  Man sieht sich“ wirkt nicht so richtig überzeugend.  Was ist da eigentlich passiert?

Als mich die Nachricht erreicht, muss ich erst einmal  grübeln, ob mein SchülerVZ Account eigentlich noch existiert. Ich war schon Jahre nicht mehr auf der Plattform, bin allerdings auch nicht unbedingt gründlich, was die Entsorgung von persönlichen Karteileichen angeht. Probeweise starte ich einen Versuch, mich einzuloggen. Fehlanzeige – ich habe meinen Account wohl irgendwann  doch gelöscht, spätestens nach dem Abitur. Dann gehört man schließlich auch nicht mehr ins SchülerVZ, auch wenn dieses für ein Nutzeralter von 10 bis 21 Jahren freigeschaltet ist. Kurz überlege ich mir, mir für die letzten Stunden noch einmal einen Account anzulegen, um die Funktionen noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Leider muss ich mich jedoch von der Idee des neuen Accounts verabschieden, da nur eingeladene Nutzer ins Verzeichnis aufgenommen werden und keiner meiner Freunde noch einen SchülerVZ-Account besitzt. Mensch, ich werde alt. Oder ist die Plattform alt geworden?

Hühnerbrüste und Duckfaces

Einst unter Schülern und sogar Eltern sehr beliebt, nicht zuletzt aufgrund von Datenschutzpolitik und Nutzerbetreuung, ist SchülerVZ inzwischen in Vergessenheit geraten. Ohne neuen Account muss ich mich hier auf meine Erinnerung verlassen. Und die fördert folgende Bilder zutage: Selbstdarstellung in weiblichen „me, myself and I“ Fotoalben inklusive erster Duckfaces, nackte Hühnerbrüste von 16-jährigen Jungs, die gerade das Fitnesstraining entdeckt haben und private Nachrichten mit dem ersten richtigen Schwarm. Neben einem Steckbrief mit Beziehungsstatus, Lieblingsfilmen und Zitaten gab es da zum Beispiel „Gruppen“, denen man beitreten konnte, und die kleine Communities waren. Eigentlich. In Wirklichkeit dienten sie nur dazu, im Profil aufgezählt zu werden, um eine für das Image schmeichelhafte Bulletpoint-Liste von lustigen Sprüchen neben dem hübschen bearbeiteten Profilfoto zu bilden. Die perfekte Mischung aus Schönheit, Witz und Selbstironie – das war angesagt. Zusätzlich gab es eine Pinnwand auf jedem Profil, an der wir Sympathien, Herzchen und sozialen Status sammelten. Irgendwann kam die „Buschfunk“ Funktion  hinzu, mit der man einen aktuellen Status kundtun konnte. Ach, war das alles schön! Und es klingt  gar nicht so viel anders, als heutzutage auf Facebook – oder?

Von Facebook überholt

Das SchülerVZ gab es seit 2007, Facebook entstand schon 2004. Bevor die große Facebook-Welle jedoch auch nach Deutschland überschwappte, dauerte es ziemlich lange: Ich selbst erinnere mich, 2009 meinen Account erstellt zu haben und damals noch zu den ersten meiner Freunde gehört zu haben. Im SchülerVZ war ich wie viele andere von Anfang an dabei – dadurch konnte das Netzwerk sich vor Facebooks Zeiten in Deutschland etablieren. Der große Unterschied: Während Facebook spätestens 2009 als globale Epidemie im Stil der Amerikanisierung ausbrach, waren und bleiben die VZ Netzwerke bundesweit ausgelegt. Dazu kommt die Altersbegrenzung, die gerade  SchülerVZ zu einem sehr limitierten Netzwerk macht.

Und Facebook hat letztendlich schlichtweg mehr zu bieten: Nicht nur die Reichweite ist größer, sondern auch der Funktionsumfang. Die Basics sind ähnlich, doch etwas Entscheidendes ist anders: Facebook zeigt Entwicklung. Während man im SchülerVZ noch ziemlich suchen musste, indem man auf die einzelnen Profile seiner Klassenkameraden klickte, liefert Facebook den kompletten Livestream über das aktuelle Geschehen im Leben der anderen. Es sind dadurch nicht mehr nur die Profile der engsten Freunde, die man sich regelmäßig anschaut. Es sind je nach Abonnement verschiedenste Mitmenschen, Organisationen, vielleicht sogar berufliche Chancen, die man täglich verfolgt. Durch die Timeline steht Facebook beinahe schon an der Grenze zum Push-Medium, von dem man zum Austausch oder wenigstens zur Kenntnisnahme gezwungen wird, sobald man die Plattform betritt. Klingt irgendwie fies, passt aber auch zum voyeuristischen Bedürfnis der Gesellschaft und erlaubt eine angenehme Faulheit.

Der vom VZ bekannte  Exhibitionismus kommt bei Facebook nicht zu kurz: Man kann sein Leben in Beiträgen verschiedenster Art sowie mit sozialen Interaktionen dokumentieren und präsentieren wie sonst nirgends. Die ultimative Selbstbestätigung folgt durch den Like-Button. Selbstdarstellung ging auch im SchülerVZ – aber lange nicht so gut wie bei Facebook, da der Entwicklungsfaktor fehlt. In der Facebook-Chronik kann man nicht nur die Beiträge von Freunden einer Person nachverfolgen, was schon bei der VZ-Pinnwand funktionierte, sondern auch die Kundgebungen der Person selbst. Der „Buschfunk“-Status im VZ war selbstlöschend, sobald man einen neuen schrieb, Facebook speichert jede öffentliche Aussage chronologisch. Für immer. Fakt ist: Facebook ist spannender als das lang gleichbleibende SchülerVZ-Profil und es erlaubt mehr Chancen zur Kommunikation.

Das Konzept ist sich sehr ähnlich, an manchen Stellen, Stichwort Nutzerbetreuung, bei SchülerVZ besser.  Dennoch haben die Entwickler der VZ-Netzwerke nicht gut genug aufgepasst. Im Vergleich wirkt SchülerVZ wie eine antiquierte, unausgereifte Version von Facebook mit weniger Funktionen. Es ist ein Abstand, der vor allem durch die globale Vormachtstellung von Facebook nicht mehr aufzuholen ist – und das ist vermutlich auch der Grund, warum das SchülerVZ morgen seine virtuellen Türen für immer schließt und Vert Capital sich weitere Liebesmühe spart. Wir verabschieden uns von einem sozialen Netzwerk, das schon vor Verkündung der Schließung nostalgisch werden ließ. Nutzt die verbleibenden Stunden, um eure Jugendsünden noch einmal Revue passieren zu lassen. Und dann heißt es: Lebewohl, SchülerVZ!

Fotos: Privat



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