Der errechnete Mensch

Von Miriam Lenz

Unsere Daten sind mittlerweile überall – ob wir sie nun selbst herausgeben (z. B. indem wir ein Nutzerprofil anlegen) oder ob sie abgegriffen werden (z. B. durch die GPS-Funktion im Handy oder Cookies im Netz). Die wenigsten wissen, wer wo welche Daten von ihnen hat. Trotzdem fühlen sich viele nicht bedroht; schließlich hat man nichts zu verbergen. Was macht es schon, wenn jemand durch meine Paybackkarte weiß, was ich einkaufe?! Gleichzeitig haben aber auch immer mehr Menschen ein ungutes Gefühl, weil sie die Warnungen etlicher Experten im Kopf haben, laut denen uns unsere Unvorsichtigkeit noch teuer zu stehen kommen wird. Denn laufend werden unsere Daten gesammelt, an die Wirtschaft verkauft und dort ausgewertet, um dann wiederum gezielt Profit aus uns herausschlagen zu können. Kann man da wirklich noch behaupten, dass das Internet kostenlos ist?

Wem nutzen die Daten?

In der Zukunft und auch jetzt schon fahren wir nicht mehr einfach nur Auto. Wir produzieren dabei am laufenden Band Daten. Das Fahrzeug weiß, wann ich wie wo hinfahre. Es wird mich mithilfe dieser Daten unterstützen und mich z. B. um einen Stau herumlenken oder warnen, wenn mein Fahrstil Anzeichen von Müdigkeit aufweist. Die erzeugten Daten dienen aber nicht nur meiner persönlichen Unterstützung, sondern können auch an Versicherungen verkauft werden. Die Versicherung weiß dann, ob ich ein moderater oder aggressiver Fahrer bin, ob ich oft oder selten fahre und wie oft die Fahrzeugassistenz eingreifen musste. Je nach Daten werde ich teuer oder günstiger versichert werden. Wenn ich einen Unfall habe, werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz darauf per Werbebanner oder Post ein Angebot für einen Neuwagen erhalten. Sei es aufgrund der vom Auto produzierten Daten, weil ich meinen Unfall in einer Mail erwähnt habe oder weil ich auf der Website eines Autoherstellers gesurft bin.

Auch im Bereich Gesundheit geht der Trend hin zu mehr Datensammeln. Fitnessarmbänder und Gesundheits-Apps erstellen ganze Datenbanken über unseren gesundheitlichen Zustand, wofür sich auch die Krankenkasse oder diverse Versicherungen brennend interessieren. Schon jetzt belohnen Krankenkassen die Kunden, die via Gesundheits-App nachweisen, dass sie sich fit halten. Wie lange wird es dann wohl noch dauern, bis diejenigen höhere Beiträge zahlen müssen, die dies nicht tun?

Die systematische Abschöpfung unserer Daten, die Erstellung riesiger Datenbanken und die Auswertung und Verknüpfung unserer Daten dringen in jeden Bereich unseres Lebens vor. Viele Anwendungen und Apps (auch die, von denen man das nicht erwartet) etwa greifen nebenbei Standortdaten, Freundeslisten, Gefällt-mir-Angaben, Adressbücher und Kalender ab. So entstehen sehr genaue Profile über unsere Bildung, Wohnsituation, Beschäftigung, Interessen, Bewegungsverhalten, Finanzen und Gesundheit. Schnell kann es da passieren, dass aufgrund der Datenbasis ein Kredit nicht bewilligt wird oder eine Beförderung bei der Arbeit ausbleibt.

Anhand der errechneten Profile und aufgrund von Statistiken versucht man vorherzusagen, wie man uns am besten manipulieren oder Profit aus uns herausschlagen kann. Apple-Nutzern werden Produkte z. B. oft teurer angezeigt als Windows-Nutzern, weil sie als finanzstärker eingeschätzt werden. Dass der einzelne Mensch unberechenbar bleibt und dass Statistiken irren können, wird der Nachteil des einzelnen sein. Gehört man statistisch zu einer Risikogruppe, kann man das z. B. in Form von teureren Beiträgen zu spüren bekommen. Da hilft es nicht mal, wenn man vorsichtig mit seinen Daten umgegangen ist: Denn je weniger Daten zu einer Person vorliegen, desto weniger ist diese einschätzbar und somit wieder ein Risiko.

Doch es entsteht ein noch verheerenderer Schaden. Wenn ich weiß, dass überall Daten über mich existieren, ich beobachtet und analysiert werde, ändert sich mein Verhalten. Nicht, weil ich glauben würde, dass ich mich falsch verhalte, aber eben doch, um bloß keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Ich werde vorsichtiger, verhalte mich konformer, bin weniger kreativ und werde weniger kritisch denken, geschweige denn mich äußern. Das aber entspricht nicht dem Wesen unserer teuer erkämpften freiheitlichen Gesellschaft. Warum der Schutz unserer Privatsphäre so wichtig ist und warum das Argument nicht zieht, dass wer nichts zu verbergen hat, nichts zu befürchten hat, erklärt der Journalist Glenn Greenwald in einem TED Talk. Er gehörte zu den Ersten, die Edward Snowdens Dateien einsehen durften:

Was sagt das Gesetz?

Bisher hatte jeder der 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ein eigenes Datenschutzgesetz. Nun ist eine Reform geplant, die den Datenschutz vereinheitlicht und die Rechte der Nutzer stärkt. Unlängst gab es außerdem einen Durchbruch. Der Europäische Gerichtshof gab dem Österreicher Max Schrems recht, als dieser klagte, weil seine auf Facebook erzeugten Daten von der europäischen Niederlassung Facebooks in Irland an die Vereinigten Staaten weitergegeben wurden. Dort konnten bisher die Behörden und der Geheimdienst die personenbezogenen Daten nutzen.

Durch das Urteil dürfen nun Tausende von Unternehmen die in Europa gesammelten Daten nicht mehr an die Vereinigten Staaten weitergeben, dort sammeln und analysieren. Im Zuge dessen wurde nun auch das Safe-Harbor-Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union für ungültig erklärt.

Das Thema Datenschutz ist keine Frage der Wirtschaft oder der technischen Möglichkeiten, sondern primär eine politische und juristische. Nur weil wir keine direkte Bedrohung etwa in Form von Waffen spüren, heißt das nicht, dass wir sicher sind. Mit zunehmender Überwachung entsteht ein Gefängnis in unseren Köpfen, weil wir uns immer die Frage stellen müssen, ob die Daten, die durch unser Verhalten erzeugt werden, an jemanden gelangen könnten, der diese zu unserem Nachteil einsetzt.

Foto: flickr.com/Dennis Skley (CC BY-ND 2.0)