Das Ereignis des Jahres – Und wieder guckt kein Schwein

von Jürg Häusermann

Alle sprechen nur von Bushido. Er hat den Bambi für „Integration“ bekommen, und überraschenderweise wollen viele in ihm die integrative Kraft nicht so richtig sehen. Dabei ist das längst abgehakt. Jeder hat seine zweite Chance verdient. Das hat er selbst erklärt und Peter Maffay auch. Im Übrigen sagt er längst nicht mehr: „Wir vergasen jede Tunte“. Im neuesten Video schlachtet er nur noch Polizisten ab. Wozu also die Aufregung?

Schade, dass dabei das wirkliche Highlight der Bambi-Verleihung fast unbemerkt geblieben ist. Dabei ging es da nicht um den Preis für irgendein Fremdwort, sondern schlechthin um den Bambi für das TV-Ereignis des Jahres.

Der Bambi („das Bambi“ ist das Reh; „der Bambi“ ist das vergoldete Messingwesen, das die Chefs von Hubert Burda Medien an die wichtigsten Helden der „Bunten“ verteilen): Er nennt sich bescheiden: „Deutschlands wichtigster Medienpreis und ein Symbol für Publikumsgunst, denn mit dieser Auszeichnung ehrt Deutschland seine Stars“. Oder wie es einer der Drahtzieher aus dem Burda-Konzern sagt: „Es gibt innerhalb Europas kein vergleichbares Format, keinen Preis, der annährend so bedeutend ist wie Bambi, mit einer so hohen Reichweite, mit so tollen Gästen und vor allem auch mit der hohen journalistischen Relevanz.“
(Philipp Welte, Vorstand Hubert Burda Media)

Mit dieser hohen journalistischen Relevanz verleihen sie den Bambi für „Entertainment“, „Newcomer“ und „Comeback“. Dann gibt es noch den Publikumspreis (weil das Publikum nicht mitentscheidet) und zudem noch den Sonderpreis der Jury (weil… ja, warum eigentlich?).

Und eben den Bambi für das „TV-Ereignis des Jahres“.

Und was war denn das TV-Ereignis des Jahres? – Vielleicht die Berichterstattung von den arabischen Revolutionen? Oder der euphorisch hochgejubelte Eurovision Song Contest aus Düsseldorf? Oder einfach die Tatsache, dass die königliche Hochzeit von William und Kate zeitgleich auf sechs Sendern (ARD, ZDF, RTL, Sat 1, n-tv und N24!) übertragen wurde? Nein, das absolute Fernsehereignis des Jahres, das wissen wir jetzt, war „Wetten, dass…“ Nummer 196 – die Direktsendung vom Juni aus Palma de Mallorca. Preisträger ist der hiermit fünffache Bambi-Förster Thomas Gottschalk. Er ließ Kokosnüsse mit den Zähnen knacken, Eiswürfel in ein Cocktailglas werfen und mit Baggerschaufeln Tennis spielen. Und empfing wie immer seine Freunde von Heidi Klum bis Michael Ballack, von Dieter Bohlen bis Jennifer Lopez. In einer Stierkampfarena voller deutscher Touristen.

In den Berichtzeitraum hätte auch eine frühere Show gehört. Man erinnert sich, dass kurze Zeit zuvor Millionen von Zuschauern vorgeführt wurde, wie man einen sportlichen jungen Mann zum Paraplegiker macht (ZDF, 4. 12. 2010). Gottschalk kam dabei angeblich zum Nachdenken. Aber das war keinen Bambi wert und es wurde den ganzen Abend nicht erwähnt.

Da das Thema Fernsehereignis schon besetzt war, muss für die Veranstaltung, bei der dieser Preis vergeben wird, ein anderer Begriff gefunden werden. Die Verleihung, organisiert von Burda und übertragen von der ARD, ist denn halt das „Medienereignis des Jahres“. Sein Kennzeichen ist Beliebigkeit. Und die gegenseitige Bespiegelung all jener, die fürchten müssen, ohne die Medien niemand zu sein.

Und sie sind alle gekommen, nach Wiesbaden zur Preisverleihung. Nicht nur Gottschalks Freunde. Auch Helmut Schmidt ließ sich locken, zusammen mit Lady Gaga, ebenso wie Justin Bieber und Hans-Dietrich Genscher. Um Thomas Gottschalk, dem Medium oder sich selbst zu huldigen (was sich wohl gar nicht richtig abgrenzen lässt).

Denn, wie Schönheitskönigin Shermine Sharivar sagt: „Also Stellenwert äh des Bambis das ist ganz einfach zu erklären, das is‘ äh absolut die äh größte Veranstaltung des Jahres in Deutschland.“ Und dann sitzen sie da, die Genschers und die Gagas, und Laudatorin Cindy aus Marzahn betritt die Bühne, der „Kugelblitz am deutschen Comedy-Himmel“ („Die Welt“). Und versüßt die Ode an Gottschalk mit kleinen Scherzen: „Sagt die Nonne zum Vibrator: Zitter‘ nich‘ so, für mich is‘ ooch das erste Mal.“

Herzliches Gelächter. Denn Bambi 2011 „bewegt und berührt“. Womit es das tut, ist beliebig. Und beliebig ist auch, wer welche Auszeichnung bekommt. (Der Song Contest hat halt schon den Deutschen Fernsehpreis, und zudem war der arme Gottschalk zehn Jahre ohne Bambi.)

Das Medienereignis des Jahres generiert das Fernsehereignis des Jahres. Das Fernsehereignis generiert wiederum Medienereignisse. Eins davon ist Cindy von Marzahn („Thomas, du hast mich damals zu deiner Sendung eingeladen, … und dafür dank‘ ich dir…“). Andere sind Bushido, Bieber und Gaga. Und Genscher? Und Schmidt?

Heino hat jetzt den Ausstieg geprobt. In der Bild-Zeitung steckt er seine Trophäe sorgfältig in einen ausgepolsterten Karton. Wenn er noch lange genug lebt, wird es wird ihm gehen wie Gottschalk. Er hat seine drei Bambis 1988 zurückgegeben, weil die Bunte ihm zu nahe gekommen war. Bei einer der nächsten Galas erhielt er sie wieder feierlich überreicht, zusammen mit einem weiteren, einem „Sonder-Bambi“. Seither lieben sie sich wieder, Gottschalk und Burda. Man kann sich auch nüchterner verhalten. Justin Bieber wurde gefragt, ob er denn zu Hause bereits ein spezielles Plätzchen für seinen Bambi reserviert habe. Er antwortete so unbekümmert wie auf alles andere: „I’ll put it right next to all my other awards, right next to them.“

 

Jürg Häusermann, Jahrgang 1951, ist Professor für Medienwissenschaft (Schwerpunkt: Medienanalyse und Medienproduktion).

 

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