Einmal neu, bitte!

von Alexander Karl

Über was hat man sich eigentlich den ganzen Tag Gedanken gemacht, bevor Thomas Gottschalk seinen Abschied von ‚Wetten dass…?‘ bekanntgab? Da hat das ZDF seinen friedlichen Volksmusik-Dösschlaf gehalten und darauf gehofft, dass ZDFneo schon irgendwie die jungen Menschen erreicht. Da mussten Promis Drogen- und Sexeskapaden vermelden, zumindest mal eine Trennung, um die Schlagzeilen zu beherrschen. Heute reicht ein einfaches ‚Nein‘, um auf die Titelseiten zu kommen. Aber dann schon ein gewichtiges: Wenn man nicht gerade die Bundespräsidentschaft ablehnt, dann schon wenigstens ‚Wetten dass…?‘ Und natürlich überlegen auch die Journalisten und Blogger fleißig, wer denn der oder die Neue werden könnte – wenn überhaupt.

Es war eine kuriose Woche – nach Kerkelings Absage als ‚Wetten dass…?‘-Nachfolger wird plötzlich so in etwa jeder Name der Branche gehandelt: Von Frank Elstner, Ur-Vater des Formats, über Anke Engelke, Joko und Klaas oder eben einfach wieder Gottschalk: Geschrieben und überlegt wird viel. Aber wieso überhaupt?

‚Wetten dass…?‘ hat Tradition

Jeder Deutsche kennt die Show – aber nun mal zumeist in Verbindung mit Gottschalk. Deshalb ist es auch nur schlau von Kerkeling, Schöneberger und Co. ein ‚Nein‘ in die Kameras zu hauchen – zu groß wäre die Gefahr, nicht in Gottschalks Schuhe zu passen. Anke Engelke (auch sie wird als Nachfolgerin gehandelt) kann eigentlich ein Lied davon singen – als sie Harald Schmidt beerben wollte, ging das auch nicht lange gut.

Also: Alles neu?

Nein sagt der frühere RTL-Programmdirektor Helmut Thoma: ‚Wetten dass…?‘ sei von ‚Das Supertalent‘ und ‚Schlag den Raab‘ abgelöst worden, die Show gehöre eingestellt. Aber diesen Schritt wird das ZDF kaum ohne einen Neuversuch wagen, immerhin ist es das Flaggschiff des Senders. Eher würde Thomas Bellut wohl Verona Pooth vor sich hin blubben lassen, als ‚Wetten dass…?‘ sang- und klanglos ins TV-Nirvana eingehen zu lassen. Aber wer soll es richten? Derzeit gilt lediglich als gesichert, dass es erneut ein Duo sein soll – vielleicht auch wieder mit Michelle Hunziker. Doch – und wieder heißt es vielleicht – wird Michelle Hunziker so etwas wie das Nummerngirl der Show, das durch die Wetten führt. Denn als Hauptmoderatoren sind derzeit Joko und Klaas im Gespräch. Die Carmen-Nebel-Fans werden aber kaum etwas mit den beiden Namen, geschweige denn mit ihrem Humor, etwas anfangen können. Würde man die beiden aber mit einer gewissen Narrenfreiheit ausstatten, durch die wieder sie noch das ZDF sich verraten fühlen, könnte das Duo wirklich eine gute Wahl sein.

Joko und Klaas als die neuen Gottschalks?

Nein, eben nicht! Joko und Klaas wären weder die Nummer 1 auf der Nachfolger-Liste, noch überhaupt erwartbar gewesen, hätte Kerkeling nicht seinen Hut aus dem Ring genommen. Kurz: Sie wären eine Überraschung und so wäre ‚Wetten dass…?‘ auch wieder eines – spannend, überraschend, neu. Es wäre ein Statement des ZDF, nicht nur dem demographischen Wandel zu huldigen, sondern ein Publikum jenseits der 40 ansprechen zu wollen und somit dem breiten Informations- und Unterhaltungsauftrag endlich zu entsprechen. Denn wenn man im Hauptprogramm des ZDF nach jungen Formaten sucht, findet man meist nur solches für die ganz Jungen – von logo bis Löwenzahn unterhält man die Kiddies. Doch was ist mit der Generation der ‚digital natives‘? Entweder hat das ZDF sie bereits aufgegeben oder hofft sie mit ZDFneo zu locken. Doch längst empfängt nicht jeder ZDFneo, wahrscheinlich weiß ein Gros der Generation nicht mal von der Existenz des Senders, da es dem Fernsehen an sich bereits resignierend den Rücken zugekehrt hat. Es hilft aber nicht, nur über den Verlust von jungem Publikum zu klagen und mit Telenovela wie ‚Herzflimmern‘ auf Quotenfang zu gehen, um wenigstens so den Privaten etwas entgegen zu setzen. Stattdessen müssten die Entscheider im ZDF endlich Mut beweisen und alte Zöpfe abschneiden, anstatt sie einfach neu zu flechten. Dann sollte man hinter den Kulissen einen Raab gemeinsam mit Joko und Klaas ein Konzept ausarbeiten lassen, in dem es noch immer Musik, Show und Nervenkitzel gibt – aber eben zeitgemäß. Und plötzlich würden nicht mehr nur Oma und Enkel vor dem Fernseher sitzen, sondern auch die Jugend. Oder es sich zumindest in der Mediathek ansehen.

Foto: flickr/Funky64 (www.lucarossato.com) (CC BY-NC-ND 2.0)

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