Ein Tisch tourt durch Tübingen

von Sandra Fuhrmann

Ich bin ein alter hölzerner Schreibtisch. Vielleicht kennt ihr mich ja – in der letzten Woche war ich in ganz Tübingen unterwegs. Was? Ihr denkt ein Tisch kann nicht wandern? Nun – das ist völliger Unsinn.

Gleich am Montag hatte sich unser Chefredakteur Alexander Karl mit seinem Laptop vor dem Clubhaus postiert. Zwar schlotterte er in seinem blauen Cardigan ein wenig vor sich hin, Unterhaltung hatte er dafür genug. Nur als einer der Passanten ihn dann fragte, ob er Hölderlin sei, da wirkte Alex doch ein wenig irritiert.

Tübinger Schreibtische“ ist somit eigentlich nicht ganz richtig. Tatsächlich war es nur ein einziger Tisch, der teilweise sogar mehrmals am Tag seinen Standort in der Stadt änderte. Man fand ihn an der Neckarbrücke, beim Baumarkt, auf dem Marktplatz oder am Bahnhof. In der Tat eine erstaunliche Agilität, die dieses nostalgisch anmutende Holzgestell an den Tag legte. Gewechselt hat der Schreibtisch nämlich nicht nur seinen Standort sondern auch die Menschen, die auf ihm schrieben.

Tibor Schneider fühlte sich am Bahnhof so wohl wie in seinem eigenen Wohnzimmer. Sogar einen Kartoffelsalat bekam er geschenkt. Dann noch ein Bierchen dazu – da schreibt es sich doch gleich doppelt so gut.

Die „Tübinger Schreibtische“ sind ein Teil des Projekts „Megafon“ über das media-bubble bereits in einem anderen Beitrag berichtete. Unter ihrem grünen Sonnenschirm strotzten die Tübinger Autoren Wind und Wetter. „Sie sind greifbar, sie sind in Echtzeit und es geht um eine große Offenheit“, sagt Maria Viktoria Linke, die leitende Dramaturgin des Landestheaters, die zusammen mit der Autorin Sandra Hoffmann das Megafon-Projekt leitet.

Die Autoren, die gewöhnlich unsichtbar zuhause in ihren Zimmern schreiben, sollten für Tübingen sichtbar werden – und Tübingen sichtbar machen. Jeder zu einer anderen Zeit und jeder an einem anderen Ort brachten sie ihren Blick auf die Stadt zu Papier – beziehungsweise auf den Bildschirm ihres Laptops. Elf Autoren waren von Montag bis Samstag in der Stadt anzutreffen. Zwei weitere flanierten inkognito durch die Straßen. Am 22. und 23. Juni werden sie ihre Texte im Landestheater präsentieren.

Wer am Mittwochvormittag zufällig am Bürgeramt vorbeispaziert ist, der hat dort mit großer Wahrscheinlichkeit Eva Kissel getroffen – und ist vielleicht unbewusst Teil ihres Textes geworden.

Man konnte sie sehen, man konnte sie vollquatschen oder man konnte sie ausfragen. Letzteres habe ich dann auch bei drei unserer Autoren an Ort und Stelle getan. Und weil es viel spannender ist selbst zu hören was mir Alexander Karl, Tibor Schneider und Eva Kissel alles erzählen konnten, gibt es meine Gespräche mit den Autoren hier als mp3.

Tübingen hallt und schallt – es lohnt sich also reinzuhören

 

Fotos: Jan Andreas Münster

Bedient euch! – Das Modell Open Source

von Sebastian Luther

Wir schreiben das Jahr 2050. Microsoft und Apple haben den Markt unter sich aufgeteilt: PCs, Tablets, Smartphones; alle Geräte sind zu einem einzigen verschmolzen der Black Box die uns Arbeiten und Zeitvertreib mühelos von Zuhause und unterwegs möglich macht. Die Bedienung von Gerät und Programmen ist intuitiv, Probleme gibt es de facto keine mehr. Falls doch, patchen die Hersteller nach dem Motto „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ so lange die Konzerne das möchten.

Eine Annahme

Zurück in die Gegenwart: Heutzutage ist der Gedanke der Black Box heftig umstritten. Ein Gerät, das alle Funktionen und Anwendungsgebiete in sich vereint? Der US-amerikanische Wissenschaftler Henry Jenkins egalisiert die Black-Box-Hypothesen, da aus seiner Sicht die Konvergenzprozesse, die sich zwischen Produzenten und Konsumenten abspielen, wesentlich wichtiger sind. Spekulationen über das Gerät selbst sind tatsächlich müßig, betrachtet man die Entwicklung der letzten 40 Jahre. 1970 hatte ein Prozessor, also das Herz jedes rechenfähigen Geräts, noch um die 2000 Transistoren, die die Leistungsfähigkeit des Prozessors bestimmten. 2011 war diese Zahl bereits auf über zwei Millionen angestiegen. Die nach dem Mitgründer von Intel benannte Faustregel „moore’s law“ besagt, dass sich die Rechenleistung knapp alle zwei Jahre verdoppelt, so lange, bis physikalische Grenzen bei der Herstellung erreicht werden. Was also in weiteren 40 Jahren sein wird, kann nur abgewartet und beobachtet werden.

Betrachtet man allerdings das Konzept der Geräte, lassen sich durchaus Tendenzen erkennen. Eigene Text- und Datenverarbeitungsprogramme haben sowohl Microsoft als auch Apple schon seit Langem auf dem Markt und die Imperien, die um das jeweilige Betriebssystem konstruiert werden, wachsen und wachsen. Für Smartphones wurde eine eigene Software entwickelt, eigene Karten- und Navigationsdienste befinden sich in der Entwicklung (Apple wirft Google Maps raus, Microsoft hat Streetside). Ein alter Hut sind eigene Dateiformate, sowie der damit verbundene Ärger. Und Microsoft wird den Cloud-Service iCloud von Apple nicht lange auf sich sitzen lassen. Dass Entwicklungen aus dem gleichen Hause untereinander wesentlich besser kommunizieren können, ist offensichtlich. Für User ist das zunächst sehr vorteilhaft, und so bauen die Konzerne weiter an ihren Netzen.

 Von Spinnen, Wolken und Himmeln

Die Befürchtung, dass diese miteinander verknüpften Entwicklungen sich irgendwann als Spinnennetze entpuppen könnten, ist nicht von der Hand zu weisen. Wieso sollte Apple noch weiterhin Dateitypen von Microsoft unterstützen, wenn das eigene Format an Beliebtheit gewinnt, oder umgekehrt? Entscheidet man sich dann für ein System, kauft sich weitere Software und Geräte dafür, dann ist man schnell schon allein des finanziellen Investments wegen in diesem Netz gefangen.

Dass am 21. April 2011 nicht der Weltuntergang begonnen hat, haben wir dem imaginären, populärkulturellen Ursprung des Menschenfeinds zu verdanken: Skynet, das Computernetzwerk aus dem Terminator-Universum, existiert eben nur dort und konnte somit keine Toaster bzw. humanoide Vernichtungsroboter gegen uns in den Kampf schicken. Diese post-apokalyptische Dystopie spielt mit der Angst des totalen Kontrollverlusts, dass die Menschheit irgendwann vom eigenen technologischen Fortschritt überholt und als die auf der Erde dominierende Entwicklungsform abgelöst wird. Das muss nicht zwangsläufig in totaler Vernichtung enden, ist dennoch aber ein furchteinflößender Gedanke. Der ein oder andere wird dann die Analogie von Skynet zu iCloud mit einem Lachen abtun, aber ein fahles Gefühl behalten, dass ‚morgen‘ vielleicht gar nicht mehr so weit weg ist.

Ein Unternehmen ist auf maximalen Gewinn ausgerichtet. Das Ausbooten der Konkurrenz ist ein probates Mittel in diesem Kampf. Und auch die Kontrolle über unsere Daten, die wir bei Facebook, Google, Apple und Microsoft noch haben, wird von vielen als pure Illusion von Kontrolle gesehen. Wer sollte diese Mogule der Medienwelt in 40 Jahren noch hindern, wenn die eigene Überlebensfähigkeit in der vernetzen Welt von ihnen abhängt?

Open Source als Gegenentwurf

So weit wird es aller Voraussicht nach nicht kommen, wenn wir weiterhin die Unabhängigkeit unserer Versorgungswege beachten. Open Source bzw. die Open Source Initiative (OSI), basiert auf genau diesem Prinzip. Der Quellcode, also quasi die Blaupause, eines Programms wird, im Gegensatz zur Software von großen Unternehmen, veröffentlicht und darf nach diesem Prinzip sogar verändert werden. An Open Source Programmen arbeiten nicht zwangsläufig Entwicklerteams, die von einem Unternehmen für ihre Arbeit bezahlt werden, sondern Entwickler, die auf der ganzen Welt verteilt sind. An dem Open Source Betriebssystem Linux arbeiteten zuletzt über 7800 Menschen aus 80 Ländern, wenn auch nicht alle mit gleichem Einfluss. Es ist das gelebte Paradigma von Wissensgemeinschaften, nach dem niemand alles wissen kann, viele ihr individuelles Wissen allerdings zu einem großen Pool vereinigen können, auf den wiederum jeder zugreifen kann. Zwar ist der Marktanteil von Linux unter gewöhnlichen Desktop Rechnern sehr gering (ca. 1,0 % im Dezember 2011), jedoch werden Server oft mit diesem Betriebssystem versehen, da es als sicherer und einfacher zu warten gilt.

Sollte sich tatsächlich ein Unternehmen in Großmachtfantasien versteigen, dürfte die Popularität dieser Systeme in die Höhe schnellen, sofern nicht schon Kartellbehörden vorher eingreifen. Android, ein Linux-basiertes Betriebssystem für Smartphones und Tablets, dürfte auch den Konkurrenzkampf auf den entsprechenden Märkten ausgeglichen halten und hegemoniale Entwicklungen verhindern. Der faktisch messbare Anteil aller Open Source Anwendungen mag gering sein, gerade weil die Programme beliebig verändert werden können, die Idee, die dahinter steckt, ist jedoch umso stärker. Und was eine Idee im Ernstfall bewirken kann, dafür hat die Geschichte Beispiele im Überfluss zu bieten.

Fotos: flickr/trevi55 (CC BY-NC-SA 2.0), flickr/puntopixel (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Q&As – Dildos, Käfige und kein Happy End

von Sanja Döttling

Am Samstag stellten sich die Stars der „Rise’n Shine“ Convention den Fragen der Fans und erzählten Anekdoten. Randy Harrison interpretiert seine Version der Brian/Justin-Liebesgeschichte auf ganz eigene Art, Sharon Gless hat einen Dreier mit Ehemann und Dildos, und Thea Gill hält eine flammende Rede für liebevolles Mobben. Ausschnitte aus den Q&As.

 

 

Ted und Emmett

Scott Lowell und Peter Paige spielen in der Serie Queer as Folk die beiden Freunde „Ted“ und „Emmett“. Auch am Set waren die beiden fast unzertrennlich. „Eigentlich sind wir keine Method-Actors“, sagt Peter, „aber als Em und Ted sich in der Serie streiten, haben auch wir nicht mit einander gesprochen. Das war hart.“ Natürlich haben Charaktere, die man 15 Stunden am Tag verkörpert, auch Auswirkungen auf die Schauspieler. War Scott mit der Welt im Allgemeinen unzufrieden, musste Peter manchmal zu ihm sagen: „Das bist nicht du, das ist Ted!“

Peter stritt sich am Anfang der Serie mit der Kostümdesignerin. „Sie wollte Emmett einen großen Gartenhut verpassen“, sagte Peter. Er hat sich geweigert. Auch Scott hatte eine unheimliche Begegnung mit den Kostümbildnern. Er sollte eine kurze Lederhose und ein sehr, sehr enges weißes Tanktop tragen. „Ist das der Charakter, für den ich vorgesprochen habe?!“ wunderte er sich damals. Zum Glück haben sich diese Kostümideen nicht durchgesetzt.

 

Michael, Ben und Hunter

Robert Gant spielte Ben, Micheals Lebenspartner. Sein Charakter war der erste im Fernsehen, der einen HIV-Positiven darstellte, der nicht sofort zum Tode verurteilt wurde. Ihr späterer Adoptivsohn „Hunter“ ist ebenfalls HIV-positiv. „Das war der Grund, warum die beiden Charaktere ein so strakes Band verbindet“, sagt Hal Sparks. Die Rolle des Hunters „deckte all das ab, was wir bis dato noch nicht in der Show hatten“, sagt Hal Sparks: Er ist HIV-positiv, Teenager und wird von einem schwulen Paar adoptiert, ist aber heterosexuell.

Als Michael herausfindet, dass Ben HIV hat, weißt er ihn zuerst zurück. „Es gab eine unglaubliche Rückmeldung aus dem Publikum. Viele haben protestiert, dass hier die Angst vor HIV weiter geschürt würde“, erzählt Grant. „Dabei hatten wir schon die gesamte Staffel gedreht und wussten genau, dass die beiden ein Paar werden“, ergänzt Sparks, „es ist seltsam, diese Reaktion so viel später zu erleben.“

Ein Fan wollte wissen, ob die Drei Gegenstände aus der Serie behalten haben. Sparks sagt: „Wir haben beide unsere Eheringe noch.“ Gant ergänzt:  „Ich habe Bens Sonnenbrille, sein Professor-Jacket und Lederjacke behalten.“ Ganz praktisch denkt Harris Allan, der heute noch seine Schwimmkappe aus der Serie benutzt. Sparks fügte nicht ganz ernst hinzu: „Ach ja, die Sexspielzeuge haben wir natürlich auch noch.“

Der Charakter des Michael in der britischen Version von „Queer as Folk“ ist ein großer Doctor Who Fan. Hal Sparks sagt: „Das bin ich auch, deshalb machte das für mich Sinn.“ Allerdings ist in den USA Star Trek sehr viel bekannter. Also war Michael kurzzeitig ein Trekkie. „Doch Paramount wollte uns keine Szenen zeigen lassen. Also riefen mich am Dreh nachts die Produzenten an und meinten: Was hälst du von Comicheften?“ Und so wurde Michael Comicheft-Fan. Allerdings wollte DC keine seiner Comics im schwulen Kontext sehen. Marvel war das egal: Ihre Charaktere durften verwendet werden.

Eine kleine Gesangteinlagen von Comedian und Sänger Hal Sparks fehlte auch nicht:

 

Mel und Linds

The Gill und Michelle Clunie stellten in der Serie das einzige lesbische Paar da. „Ich hatte nie zuvor einen so straken Charakter gespielt“, sagt Clunie. Beide hatten kein Problem mit den zahlreichen Sexszenen. „Der erste Kuss machte keinen Unterschied“, sagt Gill. Clunie ergänzt: „Das kommt immer auf die Person an, nicht auf das Geschlecht.“ Die Intimität herzustellen, die zwischen den beiden Frauen herrschte, war für die Schauspielerinnen keine Schwierigkeit, weil sie sich von Anfang an sehr mochten. Clunie plaudert noch etwas aus dem Nähkästchen: „Ich identifiziere mich zwar als heterosexuelle Frau, habe aber auch schon mit Frauen geschlafen.“

Allerdings war der Dreier mit dem Charakter Linda sehr aufwühlend für Gill. „Ich habe nach dem Dreh weinen müssen. Die Szene war gefüllt mit Energie. Drei so strake Frauenfiguren in einem Bett zu sehen, war überwältigend und – beängstigend.“ Diese Energie würde sich nicht entwickeln, wenn ein Mann im Spiel gewesen wäre.

„Meiner Meinung nach“, sagt Gill, „hat die Serie Grenzen überschritten. Sie hat gezeigt, dass Sexualität schmutzig und dreckig ist – und manchmal auch falsch.“ Sie spielt dabei vor allem auf die Storyline an, in der ihr Charakter Lindsay mit einem Mann fremd geht. Sie fährt fort: „Aber das ist nunmal das, was wir sind.“ Auf die Diskriminierung und Mobbing von Minderheiten angesprochen, wird sie leidenschaftlich: „Ich finde nicht, dass wir Mobbing einfach über uns ergehen lassen sollten. Wir müssen die Anderen mit unserer Liebe terrorisieren, bis sie uns akzeptieren. Seid einfach ihr selbst!“

Das Publikum hat Tränen in den Augen und schenkt Gill Standing Ovations. Als Gill Clunie auch noch küsst, tobt der Saal.

 

Justin und Debbie

Eigentlich sollte Randy Harrison zusammen mit Gale Harold, dem Star der Serie, hier sitzen. Doch Gale hat sich entschuldigt und so ist Sharon Gless an Randys Seite. „Ich bin Gale Harold“, stellt sie sich vor.

Eine Frage brennt den Fans natürlich besonders auf der Zunge: Was glaubt Randy, wie die Liebesgeschichte zwischen Brian und Justin weitergeht, nachdem Justin nach New York gegangen ist? „Naja, ich denke, dass Justin in NY Erfolg hat und Brian nach und nach vergessen wird“, sagt er schulterzuckend. Der Saal ist empört. Er lenkt ein: „Jeder kann sich ja seine eigene Interpretation der Geschichte vorstellen.“ Ein Fan brüllt: „Lies Fanfictions!“ und Randy muss lachen.

Sharon hat für ihren Charakter eine ganze Hintergrundgeschichte ausgetüftelt. „Ich glaube, dass Debbie immer ihren eigenen Beauty-Salon haben wollte. Deshalb sieht sie auch so verrückt aus. Debbie sollte am Anfang 17 Perücken haben, doch dieser Part wurde leider gekürzt. Allerdings wurde sie sehr früh schwanger, ohne Mann, und musste deshalb im Diner anfangen zu arbeiten. Ich denke, dass sie kein Workaholic, sondern ein Socialholic ist: Das Diner und die Leute dort sind ihr Leben.“

Obwohl die anderen Schauspieler sehr viel mehr Sexszenen fingieren mussten als Debbie, hatte auch sie eine etwas „schumtzige“ Szene zu spielen gehabt: Vor ihrem ersten Date mit dem Polizist Carl bekommt sie eine Lehrstunde zum Thema Oraler Verkehr. „Mein Mann besuchte mich ein einziges Mal am Set in diesen fünf Jahren. Es war natürlich just dieser Tag!“ lacht Sharon.

Am Ende steht der Saal, klatschend. Sharon greift sich noch einmal das Mikrofon und sagt sichtlich emotional: „Es ist wohl die letzte Gelegenheit, das zu sagen: Ihr seid wunderbar!“

Damit geht der Q&A-Teil der Veranstaltung zu Ende.

 

Niemand schaut Fußball

Am Abend saß ganz Deutschland vor dem Fernseher und guckte das erste Deuschland-Spiel der EM – Moment mal. Ganz Deutschland? Nein! Denn im Club Gallery stieg die „Babylon Party“ im Rahmen der Convention. Der Verwinkelte Club mit den vielen Nischen und Tanzflächen beherbergte an diesem Abend eine bunte Mischung aus Schwulen, Lesben, Fangirls und Drag Queens.

Rosa Lampen beleuchteten weiße, ornamenthafte Verzierungen, die Galerie umschloss die Haupttanzfläche und bot perfekten Blick auf den übergroßen Vogelkäfig für spektakuläre Tanzeinlagen.  Robert Gant traute sich als erster: Der Schauspieler schwang sich in den Käfig und heizte den Fans richtig ein. Später gesellten sich Peter Paige und Michelle Clunie noch zu ihm  auf die Galerie,  um richtig Party zu machen – und zwar zur Original-Party-Mucke aus der Serie. Scott Lowell traute sich dann auch noch und beglückte die Fans mit ungelenken, gekonnt-dämlichen Tanzeinlagen ganz im Stile seines Charakters Ted. Die Musik, die Schauspieler, die Stimmung – für einen Moment schien das Gallery im Herzen Kölns die berüchtigte Disco Babylon in Pittsburgh zu sein. Auch der Aufbruch der Schauspieler tat der Partylaune dann keinen Abbruch mehr.

 

Mehr Fragen beantworteten die Schauspieler auf der Pressekonferenz am Freitag.

Die Videos der Convention

von Sanja Döttling, Pascal Thiel und Alexander Karl

Ich poste, also bin ich

von Nicolai Busch

Das Streben nach digitaler Unsterblichkeit im Netz ist groß. Eine Facebook-App macht es jetzt möglich, über den eigenen Tod hinaus mit Angehörigen zu kommunizieren. Es ist höchste Zeit, für ein Recht auf Vergessen im Internet einzustehen.

Totgeglaubte leben länger

M. ist gestorben. M.’s Tod kam für ihn selbst nicht überraschend. Die Krankheit hatte sich vor Jahren schon als unheilbar erwiesen. Freunde und Verwandte wollen es trotzdem nicht wahrhaben, verspüren Sinnleere und Zukunftsangst, können nicht schlafen und haben keinen Appetit. Verlassenheits- und Schuldgefühle bestimmen den Alltag. Erst nach vielen Monaten lässt sie der Gedanke an M. weniger verzweifeln. Das Hier und Jetzt scheint wieder greifbar. Neue Beziehungen machen die Zukunft wieder sinnvoll. Doch plötzlich erscheinen Postings und Videobotschaften von M. auf M.’s Facebook-Pinnwand.

Die Geister, die ich rief, werd‘ ich nun nicht los

Ein makaberer, pietätloser Scherz? Nein, denn M. hat zu Lebzeiten dem sozialen Netzwerk Dead Social den Auftrag erteilt, eigenverfasste Nachrichten posthum auf Facebook und Twitter zu veröffentlichen. Jede Woche erreicht die Hinterbliebenen eine Nachricht, ein Video oder ein Foto. M. ist wieder präsent – er ist unsterblich. Dass jede Beziehung vergänglich ist und dass Verluste nach bewältigter Trauer ein neues Leben in sich bergen, daran hat M.  damals nicht gedacht. Der verstorbene, “innere Begleiter“ nimmt wieder Raum ein im Leben der Überlebenden. Einen Raum, dessen Aussehen und Grenzen der Tote Dank Dead Social selbstbestimmt. Er fordert Beschäftigung und besteht darauf, nicht verdrängt zu werden. Glück oder Wahnsinn? Eines ist sicher: Die schwere Last der Trauer, sie ist jetzt wieder spürbar und wird es vorerst bleiben.

If I die, eine Facebook-App zur Sicherung der eigenen, digitalen Unsterblichkeit, Virtuelle Friedhöfe, oder gar die automatische Vererbung digitaler Daten, sind heute gefragter denn je. Niemand möchte schließlich vergessen werden. Solange das digitale Herz schlägt, sehnt sich der narzisstische Social-Networker nach der Einmaligkeit und Exklusivität des persönlichen Profils. Er stilisiert sich, inszeniert sich und muss doch erkennen, dass es beinahe unmöglich ist und bleibt, sich die absolute Aufmerksamkeit der grenzenlosen Netzwelt einzufordern. Denn in den Informationsfluten sozialer Netzwerke versteckt sich abermals ein unauflösbarer Widerspruch: Jeder will unsterblich sein, aber niemand will sich ewig erinnern.

Vergessen ist existenziell

Menschen wollen vergessen und Menschen müssen vergessen, solange sie sich als wandelbare Persönlichkeiten begreifen. Die allumfassende Erhaltung eines Zustandes macht keinen Sinn, solange wir uns geistig entwickeln, Neues erfahren und dem Vergangenen glücklich gedenken wollen. Eben aus diesen Gründen verbannte die klassische Moderne den Tod aus dem Leben. Auf städtischen Friedhöfen ließ man anonyme Urnenhaine mit weiten, namenlosen Rasenflächen anlegen. Die Beerdigung als große, aufwendige Zeremonie wurde seltener, der “einfache Abtrag“ immer häufiger, wie der Sozial- und Kulturhistoriker Norbert Fischer bemerkt.

Erst die Postmoderne nimmt den Toten in den digitalen Alltag auf. Zwar verschluckt sie das lebende Subjekt, doch durch den Tod verhilft sie dem ungehörten Einzelnen wieder zu etwas Aufsehen und durchaus zweifelhafter Aufmerksamkeit. Obwohl man die eigene Paranoia um den Missbrauch von Nutzerdaten durch Facebook und Co. täglich pflegt, hat man sich doch an die maximale, unabänderliche Transparenz im Internet gewöhnt. Das Geheimnis im Netz ist keines mehr. Und vielleicht gelingt es allein dem toten bzw. unsterblichen User, unsere Sehnsucht nach digitaler Intimität durch seine Albernheit bis in alle Ewigkeit zu wecken.

Was bilden wir uns eigentlich ein?

Denn als albern darf man die digitalen Bestatter und Wiederbelebten in gewisser Hinsicht durchaus bezeichnen. Sie gehören jener Gattung an, die Sascha Lobo erst kürzlich als die des digitalen Spießers bezeichnete, einem Zeitgenossen, dem das Internet ausschließlich zur eigenen Selbstbestätigung dient. Es sind jene, die selbst noch im Moment des Todes nach digitalem Größenwahn trachten und ihren Computer deshalb zum Träger pseudo-religiöser Erwartungen erklären. Dabei ist „die Selbstbesinnung des Individuums doch nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens“, wie der Philosoph Hans-Georg Gadamer einmal schrieb.

Selbstverständlich ist es allein die berechtigte Furcht vor dem Tod, die zu derartiger, digitaler Großspurigkeit einlädt. Glaubt man dem Futorologen Dr. Ian Pearson, sollte es im Jahre 2050 gar möglich sein, menschliches Bewusstsein vollständig digital zu speichern. Bis dahin bleibt wohl genug Zeit, um entweder weiter fleißig digitale Grabsteine zu liken, oder sich die Frage zu stellen: Wie wird es in Zukunft möglich sein, tausende tote, digitale Identitäten endgültig zu löschen? Denn nur so kann verdrängt werden, was verdrängt werden muss.

Fotos: flickr/fotopamp (CC BY-NC-SA 2.0) , flickr/flavor32 (CC BY-NC-ND 2.0)

Was die Medien mit uns machen – der Fall „Queer as Folk“

von Alexander Karl

Die Medien beeinflussen uns. Immer und überall. Egal, ob wir Tageszeitung oder Blogs lesen, Fernsehen oder Filme schauen: Alles was wir wahrnehmen und konsumieren, wirkt auf uns. Doch welche Wirkung kann eine Serie wie „Queer as Folk“ haben, wenn es um das Aufräumen mit Vorurteilen um Schwule und Lesben geht?

Die Medien wirken – und wie!

Wie genau die Medien uns, unser Weltbild und unser ganzes Leben beeinflussen, erforscht die Medienwirkungsforschung. Medien – und somit auch Filme und Serien – wirken auf uns. Das stellt auch die Wissenschaft fest:

“Because the movies have taught us what it means to be heroic or villainous, masculine or feminine, heterosexual or homosexual. The movies, as one aspect of the vast popular-culture industry, influence how we think about ourselves and the world around us”, schreibt Ellis Hanson in der Einleitung seines Buches „Out takes. Essays on Queer Theory and Film“ (1999, S. 2). Und weiter schreibt Hanson (S. 3): „The study of film is espacially important to questions of desire, identification, fantasy, representation, spectatorship, cultural appropriation, performativity, and mass consumption, all of which have become important issues in queer theory in recent years.”

Das findet auch Peter Paige, Schauspieler der Serie „Queer as Folk“: „Die Serie ist wichtig für die LGBT-Bewegung. Man erreicht die Menschen über die Medien – und speziell über das Fernsehen da, wo sie verwundbar sind – zu Hause im Privaten.“

Eine erste Überlegung könnte also sein, dass es gut ist, queere Charaktere in Serien und Filme einzubauen – dadurch werden die Menschen mit einer Lebenswelt konfrontiert, die sie vielleicht nicht aus erster Hand kennen. In der Vergangenheit beherrschte aber das Bild des femininen Schwulen die TV-Landschaft. Das änderte sich mit „Queer as Folk„. Wie Sharon Gless erzählte, konnte Queer as Folk sogar Leben retten: Ein Junge kam zu ihr und erzählte, dass ein Freund von ihm, der die Serie nicht gesehen hatte, Selbstmord beging. „Für mich wart ihr aber rechtzeitig da“, sagte er, wie Gless bewegt erzählte. Peter Paige alias Emmett sieht „Queer as Folk“ auch deshalb als Outing-Hilfe, als „ongoing resource“, also eine weiterführende Quelle, wie er es ausdrückt- auch zeitlich. Denn auch sieben Jahre nach dem Aus der Serie entdecken noch immer viele die Serie für sich. Trotzdem bleibt Homophobie noch immer ein Thema in der Gesellschaft und wir auch in der Serie angesprochen – und deshalb stand auch bei der „Queer as Folk“-Convention in Köln eine Gesprächsrunde von Stars, Betroffenen und Mitarbeiter des Schwulen und Lesben Beratungscenters Rubicon auf dem Programm.

Homophobie und „Queer as Folk“

„Homophobie bedeutet Angst“, bringt es Robert Gant alias Ben auf den Punkt. Wichtig für Schwule und Lesben ist vor allem die Liebe zu sich selbst, findet Gant. Peter Paige, der wie Robert Gant offen schwul lebt, glaubt, das der gesellschaftliche Wandel global kommt, etwa auch in Ländern wie China, wo die Serie nicht lief. Trotzdem, so stellen die Schauspieler fest, gibt es auch Gegenbewegungen, etwa in Amerika. „Man muss in seinem Land oder System einen Weg finden, die LGBT-Bewegung zu unterstützen“, so Gant.

Michelle Clunie alias Melanie ist selbst heterosexuell, hatte aber auch schon Sex mit Frauen. Sie kann nur versuchen, sich die Probleme eines Coming-Outs vorzustellen, wenn sie es mit der Unterdrückung der Frauen vergleicht. Sie setzt sich aber immer wieder für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Clunie: „Wenn du nicht an die Liebe glaubst, an was glaubst du dann? Hass?“. Robert Gant erzählt offen, dass er manche Rollen bekommen hat, eben weil er offen schwul lebt. „Andere aber nicht“, sagt er schulterzuckend. Peter Paige ergänzt, dass gerade schwule Regisseure immer wieder versuchen, geoutete Schauspieler in stereotype Rollen zu pressen. „Aber manchmal helfen schwule Regisseure auch“, findet Gant.

Unter den Tisch wird aber auch nicht gekehrt, dass Homosexuelle Vorbehalte gegen Transsexuelle und Bisexuelle haben. Ein Kritikpunkt an „Queer as Folk“ war und ist etwa, dass Bisexuelle in der Serie nicht auftauchen. Hal Sparks, der Michael aus Queer as Folk, glaubt, dass man die Menschen – gerade auch in den USA – nicht überfordern dürfe, sondern Stück für Stück vorgehen müsse. „Und man kann nicht jede Minderheit repräsentieren“, sagt er.

Einig sind sich Stars, Betroffene und Berater, dass Sendung wie „Queer as Folk“ wichtig sind, um einen gesellschaftlichen Kontakt zu Themen wie Homosexualität und Homophobie herzustellen – und da gibt es noch immer viel zu tun. Auch für und gerade in den Medien.

 

 

Fanbuch-Autorin: „Sex ist Sex“

Von Alexander Karl und Sanja Döttling

Lynn van Houten ist medizinische Bibliothekarin ein paar Meilen nördlich von San Francisco, dem amerikanischen Pendant zur Schwulenmetropole Köln. An diesem Wochenende ist die 65-jährige Amerikanerin auf der Convention und verkauft ihr Buch „The Queer as Folk Companion“. Mit viel Liebe zum Detail listet das Guide-Book einzelne Episoden und Zitate auf, verweist aber auch auf wissenschaftliche Artikel. Daneben bietet das Buch eine handvoll Bilder, Interviews, und – als besonderes Extra – Rezepte aus der Serie, zum Beispiel Justins „Jambalaya“ oder die „Lesbian Lasangna“. Media-bubble.de sprach mit van Houten über die Arbeit am Buch, ihre Fanliebe und Romantik.

[captionpix imgsrc=“http://www.der-prinz.de/wp-content/uploads/2012/05/Wordpress-Theme-Consultant-Update-617×289.jpg“ captiontext=“Autorin Lyinn van Houten“]

Media-bubble.de: Du arbeitest eigentlich im medizinischen Bereich der Bibliothek. Wie kam es dazu, dass du ein Buch zu „Queer as Folk“ geschrieben hast?

Van Houten: Die Serie habe ich mir zufällig in meiner lokalen Videothek ausgeliehen. Es geht vielen Fans so, dass sie die Serie erst auf DVD entdeckt haben. Und sie hat mich sofort gefesselt. Das Schreiben und Recherchieren war aber eine kleine Herausforderung.

Wie lang dauerte die Arbeit an dem Buch?

Ich habe drei Jahre lang recherchiert und danach noch zirka ein Jahr geschrieben. Immer nach der Arbeit natürlich, ich bin in Vollzeit angestellt. Wenn ich in zwei Jahren in Rente gehe, möchte ich aber weiterhin Sachbücher schreiben.

Wer ist dein Lieblingscharakter?

Brian. Natürlich. Ich finde, als Charakter in der Serie durchläuft er eine lange Reise. Brian ist ein Charakter, bei dem unter der Oberfläche viel vorgeht.

In der Serie – vor allem mit Brian – wird Sex ja auch sehr explizit gezeigt. Hat dich das gestört?

Nein, gar nicht. Sex ist schließlich Sex. Außerdem war es natürlich interessant, schwulen und lesbischen Sex zu sehen. Das hat ja auch eine bildende Komponente. Wann sieht man das schon mal?

 

 

Macht dieses Lernen über das Leben von Schwulen und Lesben die Serie nicht auch aus?

Ja! Queer as Folk war sehr wichtig für die LGBT-Bewegung. Zum ersten Mal wurde dem schwulen Leben mehr Tiefe gegeben. So was gab es im Fernsehen davor nicht.

Welche Bedeutung hat die Serie für dich?

Wie die meisten heterosexuellen Frauen ist es vor allem die romantische Komponente der Serie, die mich fesselte.

Nachdem du dir die fünf Staffeln intensiv angeschaut hast; was ist deine Lieblingsszene?

In der dritten Staffel verliert Brian Geld und Job. Er kommt zu Debbie, sie backt einen Kuchen und sie rauchen zusammen einen Joint. Es war auch die Szene, in der die Kamera am längsten unterbrochen lief, um die Stimmung so authentischer einzufangen. Beim Testlesen der Szene [Anm.: dabei sitzen die Schauspieler um einen Tisch und lesen das Script, bevor es ans Set geht] stand der ganze Cast auf und applaudierte. Wunderbar!

 

Lynn van Houtens Buch „The Queer as Folk Companion“ ist für 38 Euro (46,99 $) plus Porto zu haben. Der Verlag ist für Bestellungen erreichbar unter der Mailadresse anteaterpress@gmail.com.

Fotos: Sanja Döttling

Szene(n)-Treff im Café Morgenstern

von Alexander Karl und Sanja Döttling (Fotos)

Was kann man sich Schöneres vorstellen, als an einem Freitagabend in Köln im Café zu sitzen, etwas zu essen und zu trinken und zu plaudern? Das dachten sich wohl auch die Queer as Folk-Stars, als Café-Besitzer Ralf Morgenstern sie in Seines einlud. Ich warte mit Sanja, wir trinken Kaffee und Wasser, als plötzlich durchsickert, dass es soweit ist: Die Stars kommen! Pärchenweise steigen sie aus den Autos, Journalisten und Fans belagerten Hal Sparks und Co., als sie stilecht über den pinken Teppich laufen wollen, den der Moderator und Gastgeber Ralf Morgenstern ausgerollt hatte. „Ich glaub, ich falle in Ohnmacht“, sagt einer der Fans, als sich Hal Sparks, Peter Paige, Scott Lowell und Herr Morgenstern dem Blitzlichtgewitter stellen.

Wir folgen den Serien-Stars in die gute Stube des Café Morgenstern und erleiden einen kleinen Hitzeschock: Drinnen ist es unglaublich warm, die Luft steht. Es wird geschoben und gedrückt. Die Stars werden in einen abgesperrten Bereich geführt, die Presse soll eigentlich an der Bar warten und von dort aus das Treiben verfolgen. Eigentlich. Denn der media-bubble.de Redakteuren gelingt es, in die VIP-Bereich zu kommen.

Neben lokalen Promis und ausgewählten Pressevertretern sitzen hier die Queer as Folk-Stars, Hal Sparks hat sogar seine Freundin mitgebracht. Ralf Morgenstern wird zum Kellner degradiert, er muss für Hal und Begleitung ein Wasser besorgen. Er drängt sich durch die Menge, und kommt schnell zurück. „For your wife“, sagt er, dann: „your girlfriend“. Hal grinst: „Both of them? Then I need one more bottle.“

Die Stars sind in Plauderlaune. Harris Allan redet ganz locker über sein Leben mit und ohne Queer as Folk. Zwei Meter weiter isst Scott Lowell gerade ein Mett-Brot. Ihm ist es peinlich, dass er immer wieder etwas aus den Zähnen puhlen muss. „Das muss man immer“, sage ich und versuche ihm zu erklären, was er da eigentlich gerade gegessen hat. „It’s called Mett. Like meet, met, met“, singsange ich mein Englischunterrichtswissen. Immerhin scheint es ihm geschmeckt zu haben. Hal Sparks sitzt mit seiner Freundin bei Peter Paige und Randy Harrison, der in Ruhe seine Suppe löffelt. Robert Gonzales Gant redet mit der Bürgermeisterin der Stadt Köln. Sie fragt mich, wie nochmal „Strassenbahn“ auf Englisch heißt.  Da steht plötzlich Thea Gill auf und verschwindet. Wohin? Unbekannt. Plötzlich ist sie weg. Michelle Clunie winkt mir zu, lächelt, redet trotz Gedränge mit mir über die Köpfe anderer hinweg. „Ich schreibe gerade mein erstes Stück“, erzählt sie. Ich als Autor weiß, wovon sie redet, nicke, erzähle, sie erzählt wieder.

Plötzlich kommt Bewegung in das kleine Café: Die Presse erscheint, muss dann wieder gehen. Wir wollen gehen, können aber nicht, sind eingeklemmt zwischen Journalisten und Randy, der mit uns über die Energie auf der Bühne plaudert. Dann geht die Tür auf, kurz frische Luft. Und frischer Wind, denn Guido Westerwelle erscheint. Mit Bodyguards und Lebensgefährte plaudert er mit den Stars der Serie – und das sogar auf Englisch. Von einem ruhigen Kaffee sind die Stars weit entfernt. Denn kaum verlassen wir das Café, folgen die Stars. Sie müssen weiter zum nächsten Termin, einer Party mit Fans in einem Club. Und da wird es wohl auch nicht kühler sein.

„Ich habe immer noch Michaels Eheringe.“

von Alexander Karl und Sanja Döttling

Köln, in der Schwulen-Sauna Babylon. Auf der „Queer as Folk“-Convention erinnerten sich die neun Hauptdarsteller an die Serie zurück, die ihr Leben prägte. Einige der Erinnerungen haben wir exklusiv hier zusammengetragen.

 

 

 

Scott Lowell aka Ted

„Vor einem Jahr, als die Planung begann, hätte ich nie gedacht, dass die Convention tatsächlich zu Stande kommen würde. “

„Ich habe mir als Vorbereitung auf die Convention alle fünf Staffeln innerhalb von drei Tagen angesehen. Das geht ganz gut, wenn man die Sexszenen auslässt.“

 

 

Sharon Gless aka Debbie

„Ich fragte Showtime nach der Rolle. Ich wollte sie unbedingt haben.“

„Ich musste meinen Sohn Michael – Hal Sparks – in einer Szene auf den Hinterkopf hauen. Erst habe ich mich nicht getraut, doch dann zeigte mir Hal, wie stark ich zuschlagen kann. Das war der Moment, in dem die Mutter-Sohn-Beziehung für mich, und die Zuschauer, glaubhaft wurde.“

 

 

Peter Paige aka Emmett

„Beim der letzten Casting-Runde war ich sehr aufgeregt und als Konsequenz eine Stunde zu früh am Studio. Selbst die Tore waren noch geschlossen. Ein anderer Schauspieler, Scott Lowell, saß mit mir dort. Nun gibt es bei den letzten Casting-Runden natürlich ein großes Konkurrenzdenken, und ich wollte die Rolle des Emmetts so gerne. Ich fragte Scott also reserviert: „Und, für welche Rolle bist du hier?“ Er antwortete: „Ted,“ Ich atmete auf und wusste, dass wir gute Freunde werden würden.“

 

 

Robert Gant aka Ben

„Es ist komisch, Harris [in der Serie „Hunter“, der Adoptivsohn von Michael und Ben] jetzt als erwachsenen Mann zu sehen. Wir sind sehr stolz auf unseren „Sohn“.“

„Es ist wichtig, dass wir Schwulen und Lesben einen Anstoß gegeben haben, sich zu outen. Es ist wichtig, dass sie sich auf die Wahrheit konzentrieren.“

 

 

Thea Gill aka Lindsay

 

„Ich hatte kein Problem damit, eine Lesbe zu spielen. Ich kannte auch die britische Version und wusste, was auf mich zukommt.“

 

 


Michelle Clunie aka Melanie

„Die Szene, in der Lindsay und Mel heiraten, hat mich sehr berührt. Ich durfte sogar beim Schreiben meines Treueeids helfen.“

„Wir, Thea und ich, hatten am Anfang der Dreharbeiten eine Szene, in der ich an ihrer Brust saugen sollte. Am Abend davor haben wir uns getroffen und haben „geprobt“. Ich habe gefragt, ob alles okay ist, und sie nickte.“

 

 

Randy Harrison aka Justin

„Brian hat sich in der letzten Staffel sehr schnell sehr verändert. Aber ich glaube, dass mein Charakter, Justin, diesen Wandel in fünf Jahren Überzeugungsarbeit erreicht hat. Ich habe dem Wandel auf jeden Fall geglaubt.“

 

 

 

Hal Sparks aka Michael

„Das Tolle an der Serie ist, dass du die Charaktere lieben und respektieren gelernt hat. Wir sind auch oft über die Grenze dessen, was sozial gemütlich ist, herausgegangen. Das hat meiner Meinung nach einen großen Wert.“

„Ich habe noch immer Michaels Eheringe. Es gab einen der passte, und einen, der es nicht tat.“

 

 

 

Fotos: Sanja Döttling

 

Harris alias Hunter: „Ich würde bei einer Neuauflage mitmachen!“

von Alexander Karl und Sanja Döttling

Harris Allan ist das Küken der „Queer as Folk“-Schauspieler: Mit seinen 27 Jahren ist der Jüngste des Casts, der zur Convention in Deutschland weilt. Seine Serienfigur Hunter war zunächst Stricher, wurde dann von Michael und Ben adoptiert.

 

 

media-bubble.de traf ihn im Café Morgenstern und sprach mit ihm über Partys, Queer as Folk und seine Zukunft.

media-bubble.de: Harris, die Queer as Folk Charaktere feiern ziemlich viel. Wie sieht es bei dir aus: Bist du auch Privat ein Partytier?

Harris: Schon (lacht). Aber wenn man arbeiten muss, ist das natürlich schwer. Ich bin sowieso eher nicht in Clubs, sondern in Lounges. Zwar auch mit Tanzflächen, aber etwas ruhiger und gediegener.

Ihr seid jetzt in Köln bei der rise ‘n Shine Convention, es gab davor auch schon kleinere. Warst du denn schon einmal auf einer QAF-Convention?

Es gab mal eine Kleine in Torronto, da war ich. Es ist aber immer toll, sich mit Fans auszutauschen und ihre Meinungen zu der Serie und meinem Charakter zu hören.

Aber war es nicht komisch, dass du zur Rise  ‘n Shine –Convention nachnominiert wurdest, nachdem Gale Harold alias Brian abgesagt hat?

Nein, ich war glücklich, überhaupt gefragt zu werden und mit nach Köln zu dürfen.

(Eine Kellnerin kommt mit einem Tablett vorbei. Darauf: Irgendwas Sprudelndes, aber was nur?)

Ist das Champagner oder Prosecco?

Gute Frage.

(Interviewer und Harris sind ratlos)

Was ist denn da der Unterschied?

Prosecco ist die schwule Version von Champagner. Das wird in der schwulen Szene immer getrunken. Und als Studenten können wir uns keinen Champagner leisten.

Ach so (lacht). Und was macht ihr so?

Wir sind eigentlich Studenten, schreiben aber für einen Blog.

Ich studiere auch, BWL, Buisness Management. Aber ich schauspielere auch noch.

Was es eigentlich von Sharon erst gemeint, dass man einen „Queer as Folk“-Film machen sollte?

Echt? Das hat sie gesagt? Ich dachte, das war eher ein Gerücht. Aber wenn – ich würde mitmachen! Doch das wird bestimmt schwierig, man braucht Produzenten, muss alle wieder zusammenbekommen.

Und wie sieht es bei dir derzeit mit Filmen aus?

Ich spiele eine kleine Rolle in einer Komödie namens „Gay Dude“[erscheint 2012] . Und davor habe ich bei Final Destination 3 mitgespielt. Dann ist es schön, einmal wieder etwas Lustiges zu spielen. Obwohl auch Queer as Folk auch viele komische Momente hat.

Foto: Sanja Döttling