„Ich habe immer noch Michaels Eheringe.“

von Alexander Karl und Sanja Döttling

Köln, in der Schwulen-Sauna Babylon. Auf der „Queer as Folk“-Convention erinnerten sich die neun Hauptdarsteller an die Serie zurück, die ihr Leben prägte. Einige der Erinnerungen haben wir exklusiv hier zusammengetragen.

 

 

 

Scott Lowell aka Ted

„Vor einem Jahr, als die Planung begann, hätte ich nie gedacht, dass die Convention tatsächlich zu Stande kommen würde. “

„Ich habe mir als Vorbereitung auf die Convention alle fünf Staffeln innerhalb von drei Tagen angesehen. Das geht ganz gut, wenn man die Sexszenen auslässt.“

 

 

Sharon Gless aka Debbie

„Ich fragte Showtime nach der Rolle. Ich wollte sie unbedingt haben.“

„Ich musste meinen Sohn Michael – Hal Sparks – in einer Szene auf den Hinterkopf hauen. Erst habe ich mich nicht getraut, doch dann zeigte mir Hal, wie stark ich zuschlagen kann. Das war der Moment, in dem die Mutter-Sohn-Beziehung für mich, und die Zuschauer, glaubhaft wurde.“

 

 

Peter Paige aka Emmett

„Beim der letzten Casting-Runde war ich sehr aufgeregt und als Konsequenz eine Stunde zu früh am Studio. Selbst die Tore waren noch geschlossen. Ein anderer Schauspieler, Scott Lowell, saß mit mir dort. Nun gibt es bei den letzten Casting-Runden natürlich ein großes Konkurrenzdenken, und ich wollte die Rolle des Emmetts so gerne. Ich fragte Scott also reserviert: „Und, für welche Rolle bist du hier?“ Er antwortete: „Ted,“ Ich atmete auf und wusste, dass wir gute Freunde werden würden.“

 

 

Robert Gant aka Ben

„Es ist komisch, Harris [in der Serie „Hunter“, der Adoptivsohn von Michael und Ben] jetzt als erwachsenen Mann zu sehen. Wir sind sehr stolz auf unseren „Sohn“.“

„Es ist wichtig, dass wir Schwulen und Lesben einen Anstoß gegeben haben, sich zu outen. Es ist wichtig, dass sie sich auf die Wahrheit konzentrieren.“

 

 

Thea Gill aka Lindsay

 

„Ich hatte kein Problem damit, eine Lesbe zu spielen. Ich kannte auch die britische Version und wusste, was auf mich zukommt.“

 

 


Michelle Clunie aka Melanie

„Die Szene, in der Lindsay und Mel heiraten, hat mich sehr berührt. Ich durfte sogar beim Schreiben meines Treueeids helfen.“

„Wir, Thea und ich, hatten am Anfang der Dreharbeiten eine Szene, in der ich an ihrer Brust saugen sollte. Am Abend davor haben wir uns getroffen und haben „geprobt“. Ich habe gefragt, ob alles okay ist, und sie nickte.“

 

 

Randy Harrison aka Justin

„Brian hat sich in der letzten Staffel sehr schnell sehr verändert. Aber ich glaube, dass mein Charakter, Justin, diesen Wandel in fünf Jahren Überzeugungsarbeit erreicht hat. Ich habe dem Wandel auf jeden Fall geglaubt.“

 

 

 

Hal Sparks aka Michael

„Das Tolle an der Serie ist, dass du die Charaktere lieben und respektieren gelernt hat. Wir sind auch oft über die Grenze dessen, was sozial gemütlich ist, herausgegangen. Das hat meiner Meinung nach einen großen Wert.“

„Ich habe noch immer Michaels Eheringe. Es gab einen der passte, und einen, der es nicht tat.“

 

 

 

Fotos: Sanja Döttling

 

Harris alias Hunter: „Ich würde bei einer Neuauflage mitmachen!“

von Alexander Karl und Sanja Döttling

Harris Allan ist das Küken der „Queer as Folk“-Schauspieler: Mit seinen 27 Jahren ist der Jüngste des Casts, der zur Convention in Deutschland weilt. Seine Serienfigur Hunter war zunächst Stricher, wurde dann von Michael und Ben adoptiert.

 

 

media-bubble.de traf ihn im Café Morgenstern und sprach mit ihm über Partys, Queer as Folk und seine Zukunft.

media-bubble.de: Harris, die Queer as Folk Charaktere feiern ziemlich viel. Wie sieht es bei dir aus: Bist du auch Privat ein Partytier?

Harris: Schon (lacht). Aber wenn man arbeiten muss, ist das natürlich schwer. Ich bin sowieso eher nicht in Clubs, sondern in Lounges. Zwar auch mit Tanzflächen, aber etwas ruhiger und gediegener.

Ihr seid jetzt in Köln bei der rise ‘n Shine Convention, es gab davor auch schon kleinere. Warst du denn schon einmal auf einer QAF-Convention?

Es gab mal eine Kleine in Torronto, da war ich. Es ist aber immer toll, sich mit Fans auszutauschen und ihre Meinungen zu der Serie und meinem Charakter zu hören.

Aber war es nicht komisch, dass du zur Rise  ‘n Shine –Convention nachnominiert wurdest, nachdem Gale Harold alias Brian abgesagt hat?

Nein, ich war glücklich, überhaupt gefragt zu werden und mit nach Köln zu dürfen.

(Eine Kellnerin kommt mit einem Tablett vorbei. Darauf: Irgendwas Sprudelndes, aber was nur?)

Ist das Champagner oder Prosecco?

Gute Frage.

(Interviewer und Harris sind ratlos)

Was ist denn da der Unterschied?

Prosecco ist die schwule Version von Champagner. Das wird in der schwulen Szene immer getrunken. Und als Studenten können wir uns keinen Champagner leisten.

Ach so (lacht). Und was macht ihr so?

Wir sind eigentlich Studenten, schreiben aber für einen Blog.

Ich studiere auch, BWL, Buisness Management. Aber ich schauspielere auch noch.

Was es eigentlich von Sharon erst gemeint, dass man einen „Queer as Folk“-Film machen sollte?

Echt? Das hat sie gesagt? Ich dachte, das war eher ein Gerücht. Aber wenn – ich würde mitmachen! Doch das wird bestimmt schwierig, man braucht Produzenten, muss alle wieder zusammenbekommen.

Und wie sieht es bei dir derzeit mit Filmen aus?

Ich spiele eine kleine Rolle in einer Komödie namens „Gay Dude“[erscheint 2012] . Und davor habe ich bei Final Destination 3 mitgespielt. Dann ist es schön, einmal wieder etwas Lustiges zu spielen. Obwohl auch Queer as Folk auch viele komische Momente hat.

Foto: Sanja Döttling

Türme für ein freies Netz

von Sebastian Seefeldt

Das Internet steht in seiner Grundidee für Freiheit und Gleichheit. Doch wenn Regierungen – wie zu seiner Zeit das Mubarak-Regime – den „Stecker“ ziehen, wird klar: So frei kann das Internet nicht sein . Allerdings könnte eine aus der Occupy Bewegung geborene Idee das Internet zu seinen alten Werten zurückführen.

 Netzneutralität

Die Niederlande haben erreicht, wovon deutsche Netzpolitiker träumen: die Netzneutralität. Während in Deutschland Daten in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Qualität transportiert werden, gilt in den Niederlanden das Best-Effort-Prinzip. Dabei wird jedes Datenpaket, dass durch die Leitungen der Internetanbieter wandert, gleichbehandelt. Die deutschen Internetprovider setzen dagegen auf das gängige System der Datenraten. Um den DatenTraffic aufzuteilen, werden dem Kunden unterschiedliche Datenraten (Bandbreiten) angeboten – so wird das Netz weniger ausgelastet als im netzneutralen Modell. Der Preis für ein Netz, ohne Datenstau auf dem Informationshighway, ist allerdings hoch: Werden Daten nicht neutral behandelt, kann es zu einer Einschränkung von Innovationen kommen. Netzanbieter können ganz gezielt den Datenverkehr zu bestimmten Seiten schlechter behandeln. Ein Beispiel: Im Jahr 2009 blockiert T-Online Skype für das iPhone, eine Applikation, die mobile Internettelefonie ermöglicht hätte. T-Online argumentierte, dass es zu einer zu hohen Netzauslastung des UMTS kommen würde – blockierte das Programm allerdings auch an Telekom Hotspots, sodass die Angst vor einem Profitverlust wohl auch eine Rolle spielen musste. Allerdings können nicht nur Internetprovider die Netzneutralität stören: Da jede IP-Adresse eindeutig einem Land zuzuordnen ist, können Serviceanbieter ganze Länder blockieren – beispielsweise führte Twitter Anfang des Jahres eine Länderzensur ein. Durch Ereignisse wie diese, vor allem aber durch die Vergegenwärtigung während des arabischen Frühlings, begannen Menschen die Netzneutralität zu thematisieren.

 „Free the Network“

Wenn das Internet so zentralisiert ist, dass eine Regierung mit einem Schalter das gesamte Land vom Internet trennen kann, wird es Zeit nach Alternativen zu suchen. Alternativen, wie sie The Free Network Foundation vorschlägt. Die Theorie klingt zunächst nicht realisierbar: Charles Wyble und Isaac Wilder, die Gründer der Foundation, wollen ein Netzwerk aufbauen, das dezentral und neutral ist. Statt Daten quer durch das Land zu einem Server zu schicken, wo sie dann weiterverschickt werden, sollen sie durch ein sogenanntes „Mesh Network“ fließen. In einem solchen Netzwerk sind die Computer untereinander Verbunden – quasi ein Fischernetz aus Computern. Datenpakete werden von PC zu PC weitergereicht. Durch diese Methode können viele Computer an einen einzelnen Zugangspunkt angeschlossen werden. Ein solches Maschennetzwerk bietet zahlreiche Vorteile: Die Infrastruktur ist sehr stabil, ist leistungsfähig und der Datenverkehr wird gut verteilt.

Mit sogenannten FreedomTowers – leistungsstarken Hotspots mit enormer Reichweite – soll es ermöglicht werden eigene, lokale Netzwerke zu errichten, die wiederum untereinander vernetzt werden können. Die Baupläne stellt The Free Network Foundation auf ihrem eigenen Wiki zur Verfügung. So könnte tatsächlich eine Alternative zum bestehenden Internet entstehen, ganz ohne profitgetriebene Konzerne. Dass ihr Projekt keine Theorie bleiben muss, haben Isaac und Charles bereits bewiesen. Während der Occupy Bewegung versorgten sie in New York, Los Angeles und weiteren Städten die Demonstrantencamps mit netzneutralem WiFi und ermöglichten den Austausch untereinander. Die beiden Aktivisten haben vor die ersten FreedomTowers aus Fördergeldern zu bezahlen, um mehr Menschen von den Freiheitstürmen zu begeistern. So sollen sie ermutigt werden, selbst aktiv zu werden und die Idee des freien Internets weiter zu tragen – vielleicht ein FreedomTower in Muttis Garten? Festgehalten wurde die Geschichte der FreedomTowers in der Reportage „Free the Network“.

 Der Boden der Tatsachen

So schön die Idee eines freien Internets auch ist: Der Aufbau eines dezentrales Mesh Networks würde Jahrzehnte dauern. Um die gesamten USA zu vernetzen, würden 70.000 FreedomTowers benötigt – aktuell existieren vier. Bei Kosten von ca. 2000 Dollar pro Turm müssten also 140 Millionen Dollar aus privaten Geldbörsen gezahlt werden. Selbst wenn die Infrastruktur zustande käme, könnte der sogenannte Pinguin-Effekt ein Problem darstellen. Solange das Netzwerk keine hohen Userzahlen hat, werden die restlichen Menschen nicht beitreten. Möglicherweise ist die Idee eines neuen Netzwerkes eine Utopie. Vielleicht ist der Weg der Niederlande der Richtige: Die Netzneutralität via Gesetz zu verankern.

Fotos: flickr/steverhode (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/samtmackenzie (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Erste Eindrücke der Queer-Convention

 von Sanja Döttling (Fotos) und Alexander Karl

Der offizielle Teil der Convention beginnt zwar erst morgen mit den Frage-Panels, aber bereits heute um 13 Uhr begann die Anmeldung zur „Queer as Folk“-Convention im Martitim-Hotel in Köln. 500 Fans aus 29 Ländern wollen kommen! media-bubble.de hat sich in der Schlange schon ein wenig umgehört und hat die Erwartungen der Fans zusammengetragen.

 

 

 

Malgorzata, 34 aus Polen: Ich möchte Leute treffen, die sich genauso für die Serie interessieren wie ich. Das ist in Polen schwer, da wurde „Queer as Folk“ nie ausgestrahlt. Mein Lieblingscharakter: Brian.

 

 

 

 

 

Patrick, 22 aus der Schweiz: Ich freue mich auf die Gespräche mit den Darstellern! Ich will mit ihnen über die Serie diskutieren. Meine Lieblingscharaktere sind Brian und Debbie.

 

 

 

 

 

 Franziska, 22 aus der Schweiz: Ich liebe die Offenheit der Queer as Folk-Charaktere! Meine Serien-Lieblinge sind Debbie, Justin und Emmett.

We’re queer, we’re in Cologne!

von Alexander Karl

Köln, 10:50 Uhr Ortszeit: Die Sonne scheint in den Außenbereich des schwulen Badehauses „Babylon“. Babylon wie der Club, in dem die Stars der Serie auf der Tanzfläche – wie auch im Darkroom Spaß haben. Eigentlich sollte die Pressekonferenz gleich mit den Stars der Serie „Queer as Folk“ losgehen. Doch von Michael, Justin und Co. ist noch nichts zu sehen. Peu à peu trudeln sie ein: Peter Paige alias Emmett und Scott Lowell alias Ted warten im Innenbereich der Sauna auf ihre Kollegen. Sie lachen, scherzen, auch mit den Pressevertretern. Dann kommen auch die anderen Schauspieler. Mit etwas Verspätung, aber bei strahlendem Sonnenschein eröffnet Ralf Morgenstern die Pressekonferenz, stellt die Stars und Elke Kriebel vor. Sie ist die Frau, die die Convention nach Köln holte. Sie hatte Scott Lowell vor einem Jahr gefragt, ob die Chance auf eine „Reunion“ bestünde. Zögerliches Verneinen, aber die Kölnerin blieb am Ball und schlussendlich ist es sieben Jahre nach der letzten Klappe der Serie soweit: Eine Reunion (fast) aller Stars der Serie. Mitten in Deutschland, im schwulen Herzen unserer Republik: In Kölns Innenstadt. In Blickweite vom Kölner Dom erzählen die Stars ungezwungen, lassen Erinnerungen aufflammen, plauern aus dem Nähkästchen. Und man stellt fest: Auch sie sind nur Menschen. Sogar sehr nette.

Die Haare kurz rasiert, die Fliege und der Cardigan aufeinander abgestimmt in fast schon dezentem Brombeer: So erscheint Peter Paige zur Pressekonferenz. Der Emmett Honeycutt-Darsteller ist gut gelaunt, lächelt, scherzt. Weiß sogar, wo Stuttgart liegt: „Ich kann ja Karten lesen.“ Wieder dieses Lächeln, dass man aus seiner Rolle aus Queer as Folk kennt. Sein Manager hatte dem offen schwul lebenden Schauspieler von der Rolle der „Queen“-Emmett abgeraten. Aber er verliebte sich in seine Serienrolle – und freute sich, wenn sie sich immer weiter entwickelte. „Man wusste nie, was einen erwartet, wenn man das Script öffnete“. Klar, denn der Charakter des Emmett machte so ziemlich alles mit: Vom Nacktputzer bis zum Pornodarsteller, vom Toyboy bis zur Outinghilfe eines Footballspielers. Jetzt also, sieben Jahre nachdem die Serie abgedreht wurde, ein Revival der Schauspieler in Köln. Ob er den Kölner Dom kenne? „Wunderbar“, sagt er – sogar auf Deutsch!

Auch Hal Sparks ist bester Laune, behält während des Gesprächs aber immer die Sonnenbrille auf. Sparks, der in der Serie den treuen Freund Michael mimt, hat einen ein Jahr alten Sohn. Anders als seine Serienfigur trinkt er nicht und nimmt auch keine Drogen. „Ich stamme von den Ureinwohnern Amerikas ab, deshalb trinke ich nicht.“ Immerhin waren es die Weißen, die die amerikanischen Ureinwohner mit Alkohol bestachen. Aber haben die Ureinwohner kein Problem mit Homosexualität? Sparks verneint, Probleme mit Homosexualität hätten vor allem die großen Religionen und ihre Doktrin. „Tradition ist nicht alles“, sagt er, „die eigene Entscheidung zählt, nicht die der Gesellschaft.“ Wie unterschiedlich die amerikanische Gesellschaft ist, macht auch Sparks deutlich: Eine Greyhound-Busfahrt entfernt kann eine völlig andere Welt kommen, in der Homosexualität noch ein (Tabu-) Thema ist.

Und die anderen? Auch sie erzählen viel. Sharon Gless, die die schrullige, bunte und herzensgute Mutter Debbie spielt, wollte diese Rolle. So sehr dass sie beim Sender Showtime anfragte, ob sie vorsprechen dürfe. „Ich wollte das unbedingt“, sagt die Emmy- und Golden Globe-Gewinnerin fröhlich. Randy Harrison, der den naiven und liebenswerten Justin spielt, war froh, nach der Schule einen Job als Schauspieler zu bekommen, genauso wie Harris Allan, der Hunter spielte. Während Thea Gill die britische Variante bereits vorher gesehen hatte und wusste, wie ihre Rolle als Lesbe Lindsay aussah, hatte Robert Gonzales Gant, dessen Charakter Ben in der zweiten Staffel hinzustößt, die Serie noch nicht gesehen. Michelle Clunie, die Melanie aus „Queer as Folk“ und Partnerin von Lindsay, liebt ihre Serienfigur für ihre Ehrlichkeit, aber auch bei ihr sagte der Agent zunächst Nein. Doch die Schauspielerin mochte die Bipolarität der Serie: Auf der einen Seite den Sex, auf der anderen Seite Alltäglichkeiten wie Zähne putzen.

So alltäglich wie Zähneputzen war auch der Plausch mit den Serien-Stars: So, als würde man mit jemandem reden, den man schon ewig kennt. Sharon Gless könnte sich sogar eine (Kino-)Fortsetzung der Serie vorstellen. Und wer weiß: Vielleicht verschlägt es die schwule Clique ja dann noch einmal nach Köln – und wenn es nur zur Premiere ist.

Foto: Sanja Döttling/ Convention-Logo

Queer as… what?

von Alexander Karl

Queer as Folk, das bedeutet Unterhaltung. Und Sex. Sogar schwulen und lesbischen Sex. Doch die simple Gleichung, dass Queer as Folk eine einzige Parade der Schwulen und Lesben wäre, greift zu kurz: Homophobie, HIV und AIDS werden immer wieder thematisiert. Jetzt feiern bei der Queer as Folk-Convention Fans der Serie sich und die Protagonisten. Aber noch viel mehr.

Wer will das spielen?

Nach dem Erfolg der Orginalserie in Großbritannien im Jahr 1999 sollte Queer as Folk 2000 auch beim US-Pay-Sender Showtime anlaufen. Ein großes Problem war: Wer wollte diese Rollen überhaupt spielen? Wurde man nach einem Auftritt in Queer as Folk nicht automatisch nur noch für schwule Rollen einsetzbar? So stand Showtime vor einem großen Problem: „Showtime had a hard time recruiting actors from big agencies, fearful of their clients‘ being typecast as gay. […] Several fashion designers (of all industries!) even refused to have their products placed in the series. The producers eventually cast almost all unknowns.“

Denn die Charaktere in Queer as Folk waren allesamt eines: Extrem. Und das auf ihre individuelle Art und Weise: „Michael is the child-like innocent, Brian the promiscuous prowler, Ted, the serious nerdy type, and Emmett, the flaming queen” (Cramer, 2007, S. 413). Diese Beschreibung entbehrt natürlich nicht einer gewissen Stereotypisierung, die aber nicht gänzlich falsch ist. Aber hinter jedem Charakter verbirgt sich deutlich mehr, als man vielleicht im ersten Moment denken könnte. So ist die „flaming queen“ Emmett zwar tatsächlich ein wenig tuckig, steht aber vollkommen zu sich und seiner Sexualität. In der fünften Folge der ersten Staffel sagt er: „Steh zu dir oder versink in der Hölle“.

Neben den erwähnten Charakteren bekommt die Männerclique bereits in der ersten Folge zuwachs: Der erst 17-Jährige Justin, der zunächst als recht naiv dargestellt wird. Auf Brians Frage, ob Justin Lust auf die Droge Special K habe, antwortet er: „Ich mag eher Frosties.“ Doch schnell wird deutlich, dass Justin sich als Schwuler akzeptiert und das auch gegen Widerstände – etwa seinen Vater – durchsetzt und sich nicht beirren lässt. In der fünften Folge der ersten Staffel sagt er: „Ich mag Schwänze. Ich möchte von Schwänzen gefickt werden. Ich möchte Schwänze lutschen. Ich mag es Schwänze zu lutschen. Das mach ich auch richtig gut.“

Die Themen von Queer as Folk

„Eins müsst ihr wissen. Es dreht sich alles um Sex. Es ist wahr. Es heißt, Männer denken alle 28 Sek an Sex. Jedenfalls Heteros. Schwule Männer alle 9 Sekunden. […] Es dreht sich alles um Sex. Außer wenn du’s gerade tust, dann geht’s nur darum: Wird er bleiben, wird er gehen, wie bin ich, was mach ich hier eigentlich?“

Ja, Sex spielt eine große Rolle in der Serie. Doch sich nur auf Rein-raus-Spielchen zu versteifen, würde Queer as Folk nicht gerecht werden. Viele weitere Probleme der schwulen (und allgemein homosexuellen) Welt werden immer wieder aufgegriffen. So wird bereits zu Beginn der Serie HIV und AIDS thematisiert. Etwa durch Justin, der bei seinem ersten Mal mit Brian ihn dazu auffordert, ein Kondom zu verwenden. Oder durch die Einführung von Vic, Michael Onkel, der an AIDS erkannt ist. In der zweiten Staffel wird mit Ben ein HIV-positiver Charakter als Protagonist der Serie eingeführt, in den sich Michael verliebt. In der vierten Staffel wird der HIV-positiver Stricherjunge Hunter von Michael und Ben adoptiert, wobei mit der Thematik von minderjähriger Prostitution ein weiteres Tabu gebrochen wird. Ebenfalls ein Thema ist die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare: So kommt in der ersten Folge das biologische Kind der lesbischen Lindsay und dem schwulen Brian zur Welt, das später von Lindsays Partnerin Melanie adoptiert wird. Nicht zu vergessen ist auch die Thematisierung von Homophobie und die Beschneidung homosexueller Rechte. Justin wird sowohl in der Schule, als auch von seinem Vater wegen seiner sexuellen Orientierung attakiert, am Ende der ersten Staffel sogar zusammengeschlagen.

Queer as Folk – das sind fünf Staffel Unterhaltung, die weit über das herausgehen, was die Fernsehlandschaft bis dahin gesehen hat. Schwuler und lesbischer Sex, Homophobie in all seinen Schattierungen und ein differenziertes Männerbild – und gerade letzteres ist ein großes Novum in der Fernsehlandschaft.

Mit der Rise’n’Shine-Convention zur Serie in Köln vom 8.-10.6.2012 wird nicht nur die Serie gefeiert, sondern auch ihr Einsatz für homosexuelle Belange. Und das ist wirklich ein Grund zu feiern.

Foto: flickr/saffirahweb (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/saffirahweb (CC BY-NC-ND 2.0)

Jungautor Alexander Karl im Interview mit media-bubble.de

von Sanja Dötting und Pascal Thiel

Alexander Karl sprach mit media-bubble.de über seinen Jugendroman, Authentizität und die große Liebe.

Alexander Karls Buch „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ erschien am 06.06.2012 und ist überall im Buchhandel erhältlich.

Die tagesWEBschau im Test

von Pascal Thiel

Die Tagesschau will endlich für junge Menschen attraktiv werden. Richtig gelesen, die Tagesschau, die noch immer in einem nicht-virtuellen Studio gedreht wird, die Tagesschau, bei der die Moderatoren noch mit gelben Nachrichtenzetteln hantieren, die Tagesschau, die seit einem halben Jahrhundert den Abend „eingongt“.

Ja, genau diese Tagesschau versucht wieder einmal, das junge Publikum für sich zu interessieren. Wie? Mit der tagesWEBschau. Das bedarf einer medienkritischen Betrachtung.

tagesWEBschau? Was ist denn das?

Die tagesWEBschau ist eine dreiminütige Nachrichtensendung, die seit dem 4. Juni 2012 täglich auf dem digitalen ARD-Nachrichtensender tagesschau24 (ehemals EinsExtra) ausgestrahlt wird. Im Internet ist sie über den tagesWEBschau-Player zu erreichen. Die Sendung wird nicht – wie das Mutterformat Tagesschau – moderiert, sondern setzt sich aus drei kompakten Beiträgen zusammen. Es besteht eine starke Ähnlichkeit zu einem anderen Angebot der ARD, der „Tagesschau in 100 Sekunden“.

Thematisch soll die Sendung vor allem internetaffine Junge ansprechen, so Radio-Bremen-Intendant Jan Metzger:

Die tagesWEBschau ist eine kleine Schwester der Tagesschau. Wir werden die Themen des Tages aufgreifen, aber durch den Blickwinkel des Netzes erzählen […]. Darüber hinaus werden wir Inhalte berücksichtigen, die im Netz aktuell sind und die Gemeinde bewegen, aber für die große Tagesschau und das Publikum um 20 Uhr eher weniger wichtig sind. Das alles mixen wir zu einem Format, das die Informations-Qualität der Tagesschau mit der Lebenswelt der Jungen und der Netzaffinen verbindet.

Dabei soll die Komponente der sozialen Interaktion nicht zu kurz kommen. Der tagesWEBschau-Player ist mit drei sozialen Netzwerken verbunden: Facebook, Google und Twitter.

Premiere im Fernsehen ist täglich um 17 Uhr auf tagesschau24, danach kann man die tagesWEBschau abends auf EinsPlus und Einsfestival sehen. Die Sendung befindet sich aktuell in einer sechsmonatigen Testphase. media-bubble.de hat die tagesWEBschau getestet.

Der Praxis-Test.

Viele euphorische Worte, doch hält die neuste Innovation der ARD auch das, was sie verspricht?

Der tagesWEBschau-Player ist schnell gefunden: Auf tagesschau.de weißt ein gut erkennbarer Kasten auf die neue Sendung hin, der mit sofort zum Ziel leitet. Es öffnet sich eine moderne, übersichtlich gestaltete Seite mit einem großen „Play“-Button in der Mitte.

Erstes Urteil: Interface: top!

Der Button ist gedrückt, die Sendung läuft. Drei Themen kurz, prägnant und verständlich dargestellt. Auf den ersten Blick eine solide Berichterstattung im Internet. Doch hieß es nicht, man wolle die Themen „durch den Blickwinkel des Netzes erzählen“?

Sollte damit das Arrangement einfacher Fernsehbilder zusammengeschnitten mit Screenshots, einigen animierten Grafiken und Skype-Interviews gepaart mit stylischen Google-Earth-Zooms gemeint sein, hat die ARD noch viel Arbeit vor sich. Denn was als bahnbrechende Innovation für Digital Natives verkauft wird, ist doch lediglich eine verkürzte, aufgepimpte Version der 20-Uhr-Tagesschau.

Ebenso „offline“ ist das überschaubare interaktive Angebot. Es ist zwar möglich, sich zu aktuellen Clips vertiefend zu informieren, doch landet man zumeist auf schon bestehenden Seiten des ARD-Netzwerks. Externe Links führen vorhersagbar entweder zu YouTube- oder ARD-Angeboten, neue Informationspfade wird der tagesWEBschau-User wohl kaum beschreiten.

Was die Möglichkeiten der Sozialen Netzwerke betrifft – der Plural sollte da nicht überbetont werden. Der tagesWEBschau-Player gibt dem User lediglich die Möglichkeit, Nachrichten auf Facebook, Google oder Twitter – sogar per Mail – zu teilen. Von neuen, innovativ-sozialen Interaktionsfunktionen keine Spur. Für die Internetgeneration doch ein bisschen mager.

Zweites Urteil: Format: Flop!

Stichwort Themen. Über was wird eigentlich berichtet? Beispiel erster Tag: Facebook-Abstimmung, Gaming-Messe und Occupy musikalisch: Die ARD hat tatsächlich Themen gefunden, die Junge interessieren könnten. Doch lediglich Ersteres hat mit dem Internet zu tun. Ob das wirklich dem Interesse der „Netzgemeinde“, der eigentlichen Zielgruppe, entspricht? Die wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit weiter anderweitig informieren.

Drittes Urteil: Themen: Interessant! Aber: Nur ein Internet-Thema.

Laut RadioBremen sitzt hinter der tagesWEBschau eine Redaktion, die täglich alle sozialen Netzwerke nach interessanten und relevanten Themen durchforstet. Hinzukommen die „Internetaspekte“ der „normalen“ Nachrichten. Aus diesem Pott werden dann drei Themen herausgegriffen. Bedeutet dies, dass das ursprüngliche Tagesschau-Nachrichtenspektrum frei nach dem Motto „Ist das Internet drin? Her damit!“ durchkämmt wird? Andere „nerdigere“ Themen, also Nachrichten direkt aus den Weiten des Netzes, werden dann vernachlässigt. Und so rennt die ARD völlig am eigentlichen Ziel vorbei – der Information über Spezialthemen aus der Welt des Internets.

Viel interessanter und vor allem interaktiver wäre es, die Zuschauer selbst online über Mail, Facebook, Twitter, Skype, Google und co. über die Themenagenda entscheiden zu lassen. Der Bayrischen Rundfunk macht’s vor: Die Rundshow feierte ein Debüt, das für Aufsehen sorgte (media-bubble.de berichtete). Doch dies ist nach jetzigem Stand der Dinge nicht geplant.

Viertes Urteil: Themenfindung: Outdated!

Das Fazit:

Die tagesWEBschau ist ein schönes neues Spielzeug im Spektrum der Nachrichtenangebote der ARD, jedoch nicht wirklich mehr als das. Nach dem Tatort via Twitter und  Gottschalk mit Facebook am Vorabend stolpert die ARD wohl auch beim dritten Anlauf zum jungen Publikum. Es wird sich zeigen, ob sich eine Sendung wie die Tagesschau mit diesem neuen Angebot dauerhaft bei den Jungen etablieren kann.

 

Foto: Screenshot.

Fans & Fiktionen – Ein Treffen unter Fans

von Sanja Döttling

Das Internet bietet mit seinen zahlreichen Vernetzungsmöglichkeiten alles, was das Fan-Herz begehrt. Moment mal – wirklich alles? Denn hin und wieder brechen auch noch die Digital Natives zu realen Treffen mit gleichgesinnten Fans auf. media-bubble.de ist live dabei – Auf der „Queer as Folk“-Convention in Köln!


Sieben Jahre ist es her, seit die letzte Folge der amerikanisch-kanadischen Serie „Queer as Folk“ ausgestrahlt wurde. Die Serie drehte sich um das Leben und Lieben einer homosexuellen Clique in Pittsburgh. Das Remake der englischen Serie war schnell erfolgreicher als das Original und wurde fünf Jahre lang ausgestrahlt. Die Serie bekam gemischte Kritik: Auf der einen Seite lobten viele die Serie als die erste mit schwul-lesbischen Lebensgefühl, andere sehen die klischeehafte Darstellung der schwulen Feier-Mentalität und die Übertragung von heterosexuellen Männer- und Frauenrollen auf homosexuelle Beziehungen kritisch.

Trotz allem ist „Queer as Folk“ ein Meilenstein der Fernsehgeschichte. Es ist die erste Serie, die fast den gesamten Hauptcast aus homosexuellen Charakteren aufstellt. Sie beschäftigt sich auch mit sozial relevanten Themen wie Homophobie, HIV und AIDS, Coming-Out, und Regenbogenfamilien.

 

Doch die fünf Staffeln der Serie sind den Fans nicht genug: Nächstes Wochenende startet in Köln die „Rise’n Shine“-Convention zur Serie. Es werden sich aber nicht nur Fans aus Deutschland  im Maritim-Hotel treffen, auch die Schauspieler werden kommen. Dabei hält sich die Veranstaltung auch an den zweigeteilten Grundton der Serie. Zum einen wird gefeiert, es gibt Autogramme, Fotogelegenheiten und Q&As (Fragerunden) mit den Stars. Auf der anderen Seite wird „Rise’n Shine“ auch einen ernsteren Unterton haben. Wie in der Serie werden Themen wie Mobbing, der Umgang mit Vorurteilen und Homophobie aufgegriffen.

Unter Gleichgesinnten

Zu den Teilnehmern der Convention gehört auch Faina. Sie geht in Lingen zur Schule und hat von der Convention über die Social Network-Plattform vk.com erfahren. Sie ist seit über einem Jahr Fan der Serie Queer as Folk. „Es ist einfach so mitreißend, man ist da irgendwie mittendrin vom Anfang an.“ Es ist die erste Serie, die sie sich durchgängig anschaute. „Hier sind die Story und die Charaktere ein Meisterwerk an sich. Außerdem ist die Serie doch recht ungewöhnlich und sehr spannend“, sagt sie.

Auf der Convention hat man die einzigartige Möglichkeit, die Schauspieler und Idole einmal hautnah zu erleben. Das hat natürlich auch seinen Preis: 200 Euro kostet eine der billigsten Varianten für zwei Tage, mit einem Schauspielerfoto. Wer zusätzlich noch Autogramme von den Schauspielern oder eine Partynacht mitbuchen will, zahlt extra.  Für 850 Euro gibt’s die Luxusvariante mit allen erdenklichen Vorteilen.

Viel Geld, auch für die Schülerin Faina. „Tja,und die Frage mit dem Preis ist schon etwas ’schmerzhaft'“, sagt sie, „aber dafür ist es einmalig und Köln ist ja so nah. Ich meine, die hätten die Convention auch gut in Los Angeles veranstalten können. Und da sie hier ist, möchte ich schon dabei sein.“

Auf welchen Teil der Veranstaltung sie sich am meisten freut? „Ich glaube, das Orga-Team hat seine Arbeit so gut geleistet, dass man sich auf die Con als Ganzes freuen kann. Und ein Stück weit lassen wir uns ja auch gern überraschen!“ sagt sie.

Zusammen Fan sein

Conventions haben seit jeher einen sozialen Faktor. Sie bieten die Möglichkeit, sich mit anderen Fans auszutauschen und Ansichten zu teilen. Seit der ersten „World Science-Fiction Convention“ 1939 sind solche Treffen fester Bestandteil der Fan-Communities. In den 60er Jahren kamen die ersten Star Trek Conventions hinzu, heute gibt des die Treffen zu allen Filmen und Serien, wie zum Beispiel My little Pony und Doctor Who.

Auch für Faina wird nächstes Wochenende das Treffen mit Gleichgesinnten eine Rolle spielen. „Man lernt ja auch neue Leute kennen durch so was, das ist ja auch nicht gerade unwichtig“, sagt sie. Faina wird alleine zur Convention gehen – es dort aber nicht lange bleiben. Sie sagt: „Wir haben vor, uns als russische Gruppe irgendwo zu treffen und dann gemeinsam unterwegs zu sein, aber ich weiß nicht so genau inwieweit das bei der Menge an Leuten umsetzbar sein wird.“

Was sonst noch auf der Rise’n Shine-Convention in Köln passieren wird, erfahrt ihr live ab Donnerstag hier auf media-bubble.de!

Neuer Blickwinkel mit Megafon

von Sandra Fuhrmann

Im Grunde sind wir alle Beobachter. Ich selbst beobachte Tübingen, seit ich vor einem Dreivierteljahr in die Stadt gezogen bin – und die Stadt hat sicher ihre Eigenheiten. Heute bin ich weniger gekommen um zu beobachten, als um zuzuhören. Auf der kleinen Terrasse des Tübinger Landestheaters (LTT) warte ich auf Maria Viktoria Linke, die leitenden Dramaturgin des LTT, und die Autorin Sandra Hoffmann. Sie haben mich eingeladen, um mir von „Megafon“, ihrem gemeinsamen Projekt, zu erzählen. Während ich dort so sitze, fällt mir auf, dass ich die einzige Studentin im Restaurant zu sein scheine. Ein in Tübingen eher seltenes Erlebnis. Ich bin gespannt, welche Perspektive auf die Stadt meine beiden Gesprächspartnerinnen bei ihren Beobachtungen gewonnen haben.

„Megafon – Tübingen hallt und schallt“, so das Motto des Projekts. Seit September des vergangenen Jahres haben Maria Viktoria Linke und Sandra Hoffmann Stimmen gesammelt oder diese aus der Stadt „herausgelockt„. Sie haben sich in Tübingen umgeschaut und vor allem umgehört. Dann haben sie das, was sie zusammengetragen haben, „umgewälzt“ und  dabei ganz unterschiedliche Perspektiven entdeckt.

 Auf der anderen Seite des Neckars

An diesem Tag nehme ich selbst einmal eine andere Perspektive ein. Ich bin auf der anderen Seite des Neckars. „Hierhin verirren sich die Studenten eher selten“, sagen die beiden Organisatorinnen und bestätigen damit meine eigenen Beobachtungen. Während ich mir einen Kaffee bestelle, reden wir über das Megafon-Projekt. Und während die beiden erzählen, spüre ich, wie viel sie sich in den vergangenen Monaten durch das Projekt mit der Stadt und ihren Bewohnern auseinandergesetzt haben.

Zum Programm: Megafon – was ist das eigentlich? „Ein offenes Sprachrohr“, könnte man antworten. Beim Projekt „Megafon“ wird ganz Tübingen zu einem Sprachrohr. Hoffmann hatte die Idee, die Leserbriefe des Tübinger Tagblatts als eine Art „Seismograf“ für das zu verwenden „was Tübingen ist“. Teilweise sei es ein richtiggehender Kampf, der in diesen Briefen ausgefochten werde und das zeige spannende Seiten der Stadt. „Die Stadt hat interessant reagiert“, berichtet die Autorin, „es gab viele Fragen und enormen Einspruch und Zorn. Zorn darüber, dass wir die Stadt beobachten, dass wir diese Leserbriefe lesen und dass wir sie möglicherweise theatral verwenden.“ Linke vermutet: „Es war die große Angst vor Verarschung.“

Die Ohren gespitzt

Maria Viktoria Linke und Sandra Hoffmann haben ein Dreivierteljahr lang „Tübingen gehört“. Das Gesammelte soll am 22. Und 23. Juni in ein großes Theaterspektakel münden. Die Abende werden je aus zwei Teilen bestehen. Im ersten Teil wird es einen Gang durchs Theater geben, bei dem in Form theatraler Einlagen und verschiedener Lesungen dokumentarisches zu sehen und zu hören sein wird.  Das, was aus dem Gesammelten entstanden ist, wird im zweiten Teil des Abends als eine „Groteske“ oder „Materialkollage“ zu sehen sein. Dabei soll es nicht um eine dokumentarische Darstellung der Stadt gehen. „Theaterstück“ sei auch der falsche Name dafür – zum Beispiel bestehe das Stück nämlich nicht aus einzelnen Akten, so Hoffmann.

Die Straße hinter der Straße

Zum einen geht es bei Megafon darum, eine Stimmenvielfalt der Stadt sichtbar zu machen. Zum anderen hoffen die Organisatorinnen vielleicht etwas „Tübingen-Spezifisches“ zu finden, „das hier ist anders als anderswo“, heißt es auf der Internetseite des Projekts.

Was ist hier denn anders als anderswo? frage ich. „Erzählen Sie doch mal, was anders ist. Das würde uns gleich interessieren.“ lacht Maria Viktoria Linke. Als ich nach Tübingen kam, erinnere ich mich, da kam mir erst einmal vieles „anders“ vor als in anderen Städten. Vielleicht erschien mir dieses „anders“ zu Anfang ein wenig fremd – und bekanntermaßen neigen wir Menschen dazu, Fremdes mit großem Misstrauen zu beäugen. Aber was ist Tübingen denn eigentlich? Schaut man auf das Ortsschild, ist es zuerst einmal eine Universitätsstadt. Es sind die Studenten, die Tübingen zur Stadt mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt in ganz Deutschland machen. Tübingen hat keine Universität – Tübingen ist eine Universität.

Hinter Tübingens Kulissen

Und weil ich in meinem Medienwissenschafts-Studiengang stecke, schaue ich auf die vielen verschiedenen Wege, die die Organisatoren in den letzten Monaten gegangen sind, um hinter die Kulissen der Stadt zu blicken. Es wurden Briefe gelesen, Interviews geführt, Radiobeiträge erstellt und eine Website mit einer Hotline extra für das Projekt eingerichtet. Die letzten beiden „knackigen“ Wochen im Juni sollen von einem Blog zum Projekt begleitet werden. Ich frage, welche Rolle diese Multimedialität im Projekt spielt. „Sie ist ein Teil davon, aber nicht unser Hauptaugenmerk“, sagt Linke. „Ich habe auch schon Projekte gemacht, die eindeutig medienbasiert waren. Bei Megafon sind wir eher ein bisschen retro. Vor allem ging es uns um eine große Offenheit.“

Vielleicht könnte in dieser Hinsicht, so haben die beiden gelernt, Tübingen ein bisschen weniger Ernsthaftigkeit und ein bisschen mehr Ironietolleranz nicht schaden. Die Sorge von manch einem „verarscht“ zu werden, sei völlig unbegründet. „Wenn man Leute nicht ernst nimmt, dann beschäftigt man sich auch nicht mit ihnen“, findet Linke. Und mit der Stadt beschäftigt haben die beiden sich in den vergangenen Monaten zur Genüge. 

Tübingen und ich

Während ich den Artikel schreibe, wird mir bewusst, dass tatsächlich viel Wahrheit hinter den Worten der Dramaturgin steckt. Ich glaube, dass Beobachten etwas ist, das man lernen kann. Aber nur, wenn man lernt, bewusst zu beobachten. Vielleicht habe ich während des Schreibens gelernt, „mein Tübingen“ hinter „dem Tübingen“ zu sehen und die Stadt auch ein wenig ernster zu nehmen.

Aber halt! Es ist noch nicht Schluss mit Beobachten. Denn Sandra Hoffmann und Maria Viktoria Linke werden noch ein wenig weiter sammeln – beziehungsweise sammeln lassen. Vom 11. bis zum 16. Juni werden etwa zwöft Tübinger Autoren ihre stillen Kämmerlein verlassen und sich an den sogenannten „Tübinger Schreibtischen“ in der Stadt verteilen, um einfach nur zu sehen und das Gesehene aufzuschreiben. Ich werde losziehen und die eigentlich stummen Beobachter ein wenig zum Quatschen bringen. Vielleicht sind wir am Ende überrascht, auf was sie so stoßen. Das Ergebnis wird wieder auf media-bubble.de zu finden sein.

Die beigefügten Bilder wurden von Jan Andreas Münster speziell für das Megafon-Projekt aufgenommen.