Goorakel

 von Sebastian Luther

 Jeder hat es schon einmal erlebt. Die Reihen der Schulkameraden, Freunde, Kommilitonen oder Kollegen dünnen sich langsam aus, in die alltägliche Geräuschkulisse mischt sich ein Schnupfen, Nießen und Schnäuzen. Die Grippe legt jedes Jahr ihren fiebrigen Atem in Schüben über das Land und zwingt dabei tausende vorübergehend in die Knie. Was für sehr viele aber vergleichsweise glimpflich verläuft, endet für andere auch tödlich. Und was eine potenzielle Gefahr birgt, darüber wollen die Menschen informiert sein. Google liest mit und lernt…

„Symptome + Grippe“

Google als Grippevorsage

Es sind Zahlen, die eine erschreckende Grausamkeit maskieren, an die wir uns scheinbar gewöhnt haben. Zwischen 5 000 und 15 000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an den Folgen einer Grippeerkrankung, schätzt das Robert-Koch-Institut. Oft sind es Kranke, Senioren oder Kinder, deren Immunabwehr nicht ausreichend auf die Influenza reagieren kann. Um das Kabinett der Grausamkeiten um einen Vergleich zu erweitern: 2011 starben auf Deutschlands Straßen 3 991 Menschen. Information und Aufklärung dient in vielen Fällen der Prävention, ein Umstand, den Google sich mittlerweile zu Nutze gemacht hat. Der Konzern entdeckte, dass sich die Zahl der Grippeerkrankungen, bzw. -symptome, erstaunlich genau mit der Zahl der grippebezogenen Suchanfragen deckt. Betrachtet man hier die Daten für Deutschland, so erkennt man die grafische Gemeinsamkeit. Weiß man, dass Warnsysteme einzelner Staaten, wie etwa das des Center of Disease Control (CDC) in den USA, oder das European Influenza Surveillance Scheme (EISS), Grippewellen nur mit ein bis zwei Wochen Verzögerung vorhersagen können, liegt die Operationalisierbarkeit auf der Hand. Mittels der Algorithmen, die hier zum Einsatz kommen, kann Google Grippewellen innerhalb eines Tages aufzeichnen und sogar die betroffene Region lokalisieren. „Because the relative frequency of certain queries is highly correlated with the percentage of physicians visits in which a person presents influenza like symptoms, we can accurately estimate the current level of weekly influenza activity […]“, schreibt die zuständige Forschergruppe in ihrem Report, der in der Zeitschrift „Nature“ erschienen ist. Googles Arbeit soll eine Ergänzung zu den bestehenden Überwachungssystemen sein, damit Epidemiologen schneller auf Grippewellen reagieren können. Insbesondere wenn ein neuer Stamm von Grippeviren auftritt, der eine Pandemie mit Millionen von Toten hervorrufen könnte (so geschehen 1918), soll das System zum Einsatz kommen, damit effektive Maßnahmen schnell eingesetzt werden können.

 Share The Moment, Epic Sax Guy und Öknophysik

Google – die sechs Buchstaben, die fast jeden unserer Wünsche erhören, den wir hinunter in den Kaninchenbau des WWW rufen. Die Fähigkeit, anhand von Suchanfragen, -begriffen und deren geografischen Ursprung, Berechnungen und Korrelanzen zu analysieren, beschränkt sich nicht nur auf ernstzunehmende Probleme, wie die Grippe. Google konnte auf die gleiche Art und Weise die Gewinner des Eurovision Song Contests 2009 und 2010 vorhersagen. 2011 lag der Konzern dann falsch, 2012 wird es keine Prognose mehr geben.

Glücksrad oder richtiger Riecher?

Der ESC soll für andere Dinge genutzt werden, Zusammenarbeit mit google+ etwa, Googles sozialem Netzwerk. Das Prinzip bleibt das gleiche: Aus der Häufigkeit bestimmter Suchbegriffe werden Prognosen für die betroffenen Sachverhalte errechnet. 2010 fand der deutsche Wissenschaftler Dr. Tobias Preis heraus, dass sich so auch Börsenaktivitäten vorhersagen lassen. „In seiner Arbeit hat er verglichen, wie das Handelsvolumen der 500 US-Unternehmen, die in dem Börsenindex S&P 500 vertreten sind, mit der Google-Suche nach dem entsprechenden Unternehmensnamen zusammenhängt. Für die Jahre 2004-2010 zeigte sich, so das Ergebnis, eine enge Korrelation zwischen den beiden Größen“, so eine offizielle Mitteilung der Univeristät Mainz, an der Preis forscht. Anhand dieser Daten lässt sich also feststellen, welches Unternehmen gerade beliebt ist und demnächst eine Kurssteigerung erleben könnte.

Auch Googles Licht wirft Schatten

Dieses vergleichsweise junge Forschungsfeld der „Öknophysik“ lässt der Fantasie quasi freien Lauf. Suchanfragen könnten so in Zukunft nicht nur zur ohnehin schon problematischen Berechnung von Börsenkursen genutzt werden, was dem illegalen Handel mit Insiderinfomationen ähnelt. Auch Wahlen könnten so beeinflusst werden, wie jedes andere Ereignis auch, das auf Abstimmung beruht. Wenn bereits früh Trends bekannt werden, orientieren sich Wähler möglicherweise nicht mehr am zur Disposition stehenden Thema, bzw. ihrer Überzeugung diesbezüglich, sondern an eben diesen Trends. Noch fataler wird dieser Umstand, wenn Google schlicht und ergreifend falsch liegt. Im Falle der falschen Vorhersage des ESC Gewinners 2011 mag das ohne drastische Folgen geblieben sein. Aus diesem Grund verweigern deutsche Epidemiologen jedoch Google Flu Trends als reliable Quelle für ihre Arbeit. In einen Bericht von Spiegel Online sagt Udo Buchholz vom Robert-Koch-Institut, dass die Zahlen zu unspezifisch seien was Alter, Geschlecht und Symptomatik angeht, ebenso seien diese Trends zu anfällig für tagesaktuelle Berichterstattung in den Medien, was salopp gesagt „Panikmache“ bedeutet. In diesem Fall würde also eine Grippewelle vorhergesagt werden, weil viele Menschen nach den Symptomen suchen, allerdings ohne wirklich erkrankt zu sein, was Google nicht feststellen kann. Oder nur noch nicht? An dieser Stelle „Quo vadis, Google?“ zu fragen, wäre die gedankliche Mühe einer halbwegs fundierten Antwort nicht wert, weil man die technologische Entwicklung nicht vorhersehen kann, auch Google nicht. Es ist jedoch eine Entwicklung, die man langfristig im Auge behalten muss, damit auf den Impfdosen, die uns vor der nächsten oder übernächsten Grippewelle schützen sollen, nicht eben jene sechs Buchstaben stehen.

Foto: flickr, Y (CC BY 2.0), flickr, anneohirsch (CC BY-NC-SA 2.0)

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