Ich poste, also bin ich

von Nicolai Busch

Das Streben nach digitaler Unsterblichkeit im Netz ist groß. Eine Facebook-App macht es jetzt möglich, über den eigenen Tod hinaus mit Angehörigen zu kommunizieren. Es ist höchste Zeit, für ein Recht auf Vergessen im Internet einzustehen.

Totgeglaubte leben länger

M. ist gestorben. M.’s Tod kam für ihn selbst nicht überraschend. Die Krankheit hatte sich vor Jahren schon als unheilbar erwiesen. Freunde und Verwandte wollen es trotzdem nicht wahrhaben, verspüren Sinnleere und Zukunftsangst, können nicht schlafen und haben keinen Appetit. Verlassenheits- und Schuldgefühle bestimmen den Alltag. Erst nach vielen Monaten lässt sie der Gedanke an M. weniger verzweifeln. Das Hier und Jetzt scheint wieder greifbar. Neue Beziehungen machen die Zukunft wieder sinnvoll. Doch plötzlich erscheinen Postings und Videobotschaften von M. auf M.’s Facebook-Pinnwand.

Die Geister, die ich rief, werd‘ ich nun nicht los

Ein makaberer, pietätloser Scherz? Nein, denn M. hat zu Lebzeiten dem sozialen Netzwerk Dead Social den Auftrag erteilt, eigenverfasste Nachrichten posthum auf Facebook und Twitter zu veröffentlichen. Jede Woche erreicht die Hinterbliebenen eine Nachricht, ein Video oder ein Foto. M. ist wieder präsent – er ist unsterblich. Dass jede Beziehung vergänglich ist und dass Verluste nach bewältigter Trauer ein neues Leben in sich bergen, daran hat M.  damals nicht gedacht. Der verstorbene, “innere Begleiter“ nimmt wieder Raum ein im Leben der Überlebenden. Einen Raum, dessen Aussehen und Grenzen der Tote Dank Dead Social selbstbestimmt. Er fordert Beschäftigung und besteht darauf, nicht verdrängt zu werden. Glück oder Wahnsinn? Eines ist sicher: Die schwere Last der Trauer, sie ist jetzt wieder spürbar und wird es vorerst bleiben.

If I die, eine Facebook-App zur Sicherung der eigenen, digitalen Unsterblichkeit, Virtuelle Friedhöfe, oder gar die automatische Vererbung digitaler Daten, sind heute gefragter denn je. Niemand möchte schließlich vergessen werden. Solange das digitale Herz schlägt, sehnt sich der narzisstische Social-Networker nach der Einmaligkeit und Exklusivität des persönlichen Profils. Er stilisiert sich, inszeniert sich und muss doch erkennen, dass es beinahe unmöglich ist und bleibt, sich die absolute Aufmerksamkeit der grenzenlosen Netzwelt einzufordern. Denn in den Informationsfluten sozialer Netzwerke versteckt sich abermals ein unauflösbarer Widerspruch: Jeder will unsterblich sein, aber niemand will sich ewig erinnern.

Vergessen ist existenziell

Menschen wollen vergessen und Menschen müssen vergessen, solange sie sich als wandelbare Persönlichkeiten begreifen. Die allumfassende Erhaltung eines Zustandes macht keinen Sinn, solange wir uns geistig entwickeln, Neues erfahren und dem Vergangenen glücklich gedenken wollen. Eben aus diesen Gründen verbannte die klassische Moderne den Tod aus dem Leben. Auf städtischen Friedhöfen ließ man anonyme Urnenhaine mit weiten, namenlosen Rasenflächen anlegen. Die Beerdigung als große, aufwendige Zeremonie wurde seltener, der “einfache Abtrag“ immer häufiger, wie der Sozial- und Kulturhistoriker Norbert Fischer bemerkt.

Erst die Postmoderne nimmt den Toten in den digitalen Alltag auf. Zwar verschluckt sie das lebende Subjekt, doch durch den Tod verhilft sie dem ungehörten Einzelnen wieder zu etwas Aufsehen und durchaus zweifelhafter Aufmerksamkeit. Obwohl man die eigene Paranoia um den Missbrauch von Nutzerdaten durch Facebook und Co. täglich pflegt, hat man sich doch an die maximale, unabänderliche Transparenz im Internet gewöhnt. Das Geheimnis im Netz ist keines mehr. Und vielleicht gelingt es allein dem toten bzw. unsterblichen User, unsere Sehnsucht nach digitaler Intimität durch seine Albernheit bis in alle Ewigkeit zu wecken.

Was bilden wir uns eigentlich ein?

Denn als albern darf man die digitalen Bestatter und Wiederbelebten in gewisser Hinsicht durchaus bezeichnen. Sie gehören jener Gattung an, die Sascha Lobo erst kürzlich als die des digitalen Spießers bezeichnete, einem Zeitgenossen, dem das Internet ausschließlich zur eigenen Selbstbestätigung dient. Es sind jene, die selbst noch im Moment des Todes nach digitalem Größenwahn trachten und ihren Computer deshalb zum Träger pseudo-religiöser Erwartungen erklären. Dabei ist „die Selbstbesinnung des Individuums doch nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens“, wie der Philosoph Hans-Georg Gadamer einmal schrieb.

Selbstverständlich ist es allein die berechtigte Furcht vor dem Tod, die zu derartiger, digitaler Großspurigkeit einlädt. Glaubt man dem Futorologen Dr. Ian Pearson, sollte es im Jahre 2050 gar möglich sein, menschliches Bewusstsein vollständig digital zu speichern. Bis dahin bleibt wohl genug Zeit, um entweder weiter fleißig digitale Grabsteine zu liken, oder sich die Frage zu stellen: Wie wird es in Zukunft möglich sein, tausende tote, digitale Identitäten endgültig zu löschen? Denn nur so kann verdrängt werden, was verdrängt werden muss.

Fotos: flickr/fotopamp (CC BY-NC-SA 2.0) , flickr/flavor32 (CC BY-NC-ND 2.0)

Was die Medien mit uns machen – der Fall „Queer as Folk“

von Alexander Karl

Die Medien beeinflussen uns. Immer und überall. Egal, ob wir Tageszeitung oder Blogs lesen, Fernsehen oder Filme schauen: Alles was wir wahrnehmen und konsumieren, wirkt auf uns. Doch welche Wirkung kann eine Serie wie „Queer as Folk“ haben, wenn es um das Aufräumen mit Vorurteilen um Schwule und Lesben geht?

Die Medien wirken – und wie!

Wie genau die Medien uns, unser Weltbild und unser ganzes Leben beeinflussen, erforscht die Medienwirkungsforschung. Medien – und somit auch Filme und Serien – wirken auf uns. Das stellt auch die Wissenschaft fest:

“Because the movies have taught us what it means to be heroic or villainous, masculine or feminine, heterosexual or homosexual. The movies, as one aspect of the vast popular-culture industry, influence how we think about ourselves and the world around us”, schreibt Ellis Hanson in der Einleitung seines Buches „Out takes. Essays on Queer Theory and Film“ (1999, S. 2). Und weiter schreibt Hanson (S. 3): „The study of film is espacially important to questions of desire, identification, fantasy, representation, spectatorship, cultural appropriation, performativity, and mass consumption, all of which have become important issues in queer theory in recent years.”

Das findet auch Peter Paige, Schauspieler der Serie „Queer as Folk“: „Die Serie ist wichtig für die LGBT-Bewegung. Man erreicht die Menschen über die Medien – und speziell über das Fernsehen da, wo sie verwundbar sind – zu Hause im Privaten.“

Eine erste Überlegung könnte also sein, dass es gut ist, queere Charaktere in Serien und Filme einzubauen – dadurch werden die Menschen mit einer Lebenswelt konfrontiert, die sie vielleicht nicht aus erster Hand kennen. In der Vergangenheit beherrschte aber das Bild des femininen Schwulen die TV-Landschaft. Das änderte sich mit „Queer as Folk„. Wie Sharon Gless erzählte, konnte Queer as Folk sogar Leben retten: Ein Junge kam zu ihr und erzählte, dass ein Freund von ihm, der die Serie nicht gesehen hatte, Selbstmord beging. „Für mich wart ihr aber rechtzeitig da“, sagte er, wie Gless bewegt erzählte. Peter Paige alias Emmett sieht „Queer as Folk“ auch deshalb als Outing-Hilfe, als „ongoing resource“, also eine weiterführende Quelle, wie er es ausdrückt- auch zeitlich. Denn auch sieben Jahre nach dem Aus der Serie entdecken noch immer viele die Serie für sich. Trotzdem bleibt Homophobie noch immer ein Thema in der Gesellschaft und wir auch in der Serie angesprochen – und deshalb stand auch bei der „Queer as Folk“-Convention in Köln eine Gesprächsrunde von Stars, Betroffenen und Mitarbeiter des Schwulen und Lesben Beratungscenters Rubicon auf dem Programm.

Homophobie und „Queer as Folk“

„Homophobie bedeutet Angst“, bringt es Robert Gant alias Ben auf den Punkt. Wichtig für Schwule und Lesben ist vor allem die Liebe zu sich selbst, findet Gant. Peter Paige, der wie Robert Gant offen schwul lebt, glaubt, das der gesellschaftliche Wandel global kommt, etwa auch in Ländern wie China, wo die Serie nicht lief. Trotzdem, so stellen die Schauspieler fest, gibt es auch Gegenbewegungen, etwa in Amerika. „Man muss in seinem Land oder System einen Weg finden, die LGBT-Bewegung zu unterstützen“, so Gant.

Michelle Clunie alias Melanie ist selbst heterosexuell, hatte aber auch schon Sex mit Frauen. Sie kann nur versuchen, sich die Probleme eines Coming-Outs vorzustellen, wenn sie es mit der Unterdrückung der Frauen vergleicht. Sie setzt sich aber immer wieder für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Clunie: „Wenn du nicht an die Liebe glaubst, an was glaubst du dann? Hass?“. Robert Gant erzählt offen, dass er manche Rollen bekommen hat, eben weil er offen schwul lebt. „Andere aber nicht“, sagt er schulterzuckend. Peter Paige ergänzt, dass gerade schwule Regisseure immer wieder versuchen, geoutete Schauspieler in stereotype Rollen zu pressen. „Aber manchmal helfen schwule Regisseure auch“, findet Gant.

Unter den Tisch wird aber auch nicht gekehrt, dass Homosexuelle Vorbehalte gegen Transsexuelle und Bisexuelle haben. Ein Kritikpunkt an „Queer as Folk“ war und ist etwa, dass Bisexuelle in der Serie nicht auftauchen. Hal Sparks, der Michael aus Queer as Folk, glaubt, dass man die Menschen – gerade auch in den USA – nicht überfordern dürfe, sondern Stück für Stück vorgehen müsse. „Und man kann nicht jede Minderheit repräsentieren“, sagt er.

Einig sind sich Stars, Betroffene und Berater, dass Sendung wie „Queer as Folk“ wichtig sind, um einen gesellschaftlichen Kontakt zu Themen wie Homosexualität und Homophobie herzustellen – und da gibt es noch immer viel zu tun. Auch für und gerade in den Medien.

 

 

Fanbuch-Autorin: „Sex ist Sex“

Von Alexander Karl und Sanja Döttling

Lynn van Houten ist medizinische Bibliothekarin ein paar Meilen nördlich von San Francisco, dem amerikanischen Pendant zur Schwulenmetropole Köln. An diesem Wochenende ist die 65-jährige Amerikanerin auf der Convention und verkauft ihr Buch „The Queer as Folk Companion“. Mit viel Liebe zum Detail listet das Guide-Book einzelne Episoden und Zitate auf, verweist aber auch auf wissenschaftliche Artikel. Daneben bietet das Buch eine handvoll Bilder, Interviews, und – als besonderes Extra – Rezepte aus der Serie, zum Beispiel Justins „Jambalaya“ oder die „Lesbian Lasangna“. Media-bubble.de sprach mit van Houten über die Arbeit am Buch, ihre Fanliebe und Romantik.

[captionpix imgsrc=“http://www.der-prinz.de/wp-content/uploads/2012/05/Wordpress-Theme-Consultant-Update-617×289.jpg“ captiontext=“Autorin Lyinn van Houten“]

Media-bubble.de: Du arbeitest eigentlich im medizinischen Bereich der Bibliothek. Wie kam es dazu, dass du ein Buch zu „Queer as Folk“ geschrieben hast?

Van Houten: Die Serie habe ich mir zufällig in meiner lokalen Videothek ausgeliehen. Es geht vielen Fans so, dass sie die Serie erst auf DVD entdeckt haben. Und sie hat mich sofort gefesselt. Das Schreiben und Recherchieren war aber eine kleine Herausforderung.

Wie lang dauerte die Arbeit an dem Buch?

Ich habe drei Jahre lang recherchiert und danach noch zirka ein Jahr geschrieben. Immer nach der Arbeit natürlich, ich bin in Vollzeit angestellt. Wenn ich in zwei Jahren in Rente gehe, möchte ich aber weiterhin Sachbücher schreiben.

Wer ist dein Lieblingscharakter?

Brian. Natürlich. Ich finde, als Charakter in der Serie durchläuft er eine lange Reise. Brian ist ein Charakter, bei dem unter der Oberfläche viel vorgeht.

In der Serie – vor allem mit Brian – wird Sex ja auch sehr explizit gezeigt. Hat dich das gestört?

Nein, gar nicht. Sex ist schließlich Sex. Außerdem war es natürlich interessant, schwulen und lesbischen Sex zu sehen. Das hat ja auch eine bildende Komponente. Wann sieht man das schon mal?

 

 

Macht dieses Lernen über das Leben von Schwulen und Lesben die Serie nicht auch aus?

Ja! Queer as Folk war sehr wichtig für die LGBT-Bewegung. Zum ersten Mal wurde dem schwulen Leben mehr Tiefe gegeben. So was gab es im Fernsehen davor nicht.

Welche Bedeutung hat die Serie für dich?

Wie die meisten heterosexuellen Frauen ist es vor allem die romantische Komponente der Serie, die mich fesselte.

Nachdem du dir die fünf Staffeln intensiv angeschaut hast; was ist deine Lieblingsszene?

In der dritten Staffel verliert Brian Geld und Job. Er kommt zu Debbie, sie backt einen Kuchen und sie rauchen zusammen einen Joint. Es war auch die Szene, in der die Kamera am längsten unterbrochen lief, um die Stimmung so authentischer einzufangen. Beim Testlesen der Szene [Anm.: dabei sitzen die Schauspieler um einen Tisch und lesen das Script, bevor es ans Set geht] stand der ganze Cast auf und applaudierte. Wunderbar!

 

Lynn van Houtens Buch „The Queer as Folk Companion“ ist für 38 Euro (46,99 $) plus Porto zu haben. Der Verlag ist für Bestellungen erreichbar unter der Mailadresse anteaterpress@gmail.com.

Fotos: Sanja Döttling

Szene(n)-Treff im Café Morgenstern

von Alexander Karl und Sanja Döttling (Fotos)

Was kann man sich Schöneres vorstellen, als an einem Freitagabend in Köln im Café zu sitzen, etwas zu essen und zu trinken und zu plaudern? Das dachten sich wohl auch die Queer as Folk-Stars, als Café-Besitzer Ralf Morgenstern sie in Seines einlud. Ich warte mit Sanja, wir trinken Kaffee und Wasser, als plötzlich durchsickert, dass es soweit ist: Die Stars kommen! Pärchenweise steigen sie aus den Autos, Journalisten und Fans belagerten Hal Sparks und Co., als sie stilecht über den pinken Teppich laufen wollen, den der Moderator und Gastgeber Ralf Morgenstern ausgerollt hatte. „Ich glaub, ich falle in Ohnmacht“, sagt einer der Fans, als sich Hal Sparks, Peter Paige, Scott Lowell und Herr Morgenstern dem Blitzlichtgewitter stellen.

Wir folgen den Serien-Stars in die gute Stube des Café Morgenstern und erleiden einen kleinen Hitzeschock: Drinnen ist es unglaublich warm, die Luft steht. Es wird geschoben und gedrückt. Die Stars werden in einen abgesperrten Bereich geführt, die Presse soll eigentlich an der Bar warten und von dort aus das Treiben verfolgen. Eigentlich. Denn der media-bubble.de Redakteuren gelingt es, in die VIP-Bereich zu kommen.

Neben lokalen Promis und ausgewählten Pressevertretern sitzen hier die Queer as Folk-Stars, Hal Sparks hat sogar seine Freundin mitgebracht. Ralf Morgenstern wird zum Kellner degradiert, er muss für Hal und Begleitung ein Wasser besorgen. Er drängt sich durch die Menge, und kommt schnell zurück. „For your wife“, sagt er, dann: „your girlfriend“. Hal grinst: „Both of them? Then I need one more bottle.“

Die Stars sind in Plauderlaune. Harris Allan redet ganz locker über sein Leben mit und ohne Queer as Folk. Zwei Meter weiter isst Scott Lowell gerade ein Mett-Brot. Ihm ist es peinlich, dass er immer wieder etwas aus den Zähnen puhlen muss. „Das muss man immer“, sage ich und versuche ihm zu erklären, was er da eigentlich gerade gegessen hat. „It’s called Mett. Like meet, met, met“, singsange ich mein Englischunterrichtswissen. Immerhin scheint es ihm geschmeckt zu haben. Hal Sparks sitzt mit seiner Freundin bei Peter Paige und Randy Harrison, der in Ruhe seine Suppe löffelt. Robert Gonzales Gant redet mit der Bürgermeisterin der Stadt Köln. Sie fragt mich, wie nochmal „Strassenbahn“ auf Englisch heißt.  Da steht plötzlich Thea Gill auf und verschwindet. Wohin? Unbekannt. Plötzlich ist sie weg. Michelle Clunie winkt mir zu, lächelt, redet trotz Gedränge mit mir über die Köpfe anderer hinweg. „Ich schreibe gerade mein erstes Stück“, erzählt sie. Ich als Autor weiß, wovon sie redet, nicke, erzähle, sie erzählt wieder.

Plötzlich kommt Bewegung in das kleine Café: Die Presse erscheint, muss dann wieder gehen. Wir wollen gehen, können aber nicht, sind eingeklemmt zwischen Journalisten und Randy, der mit uns über die Energie auf der Bühne plaudert. Dann geht die Tür auf, kurz frische Luft. Und frischer Wind, denn Guido Westerwelle erscheint. Mit Bodyguards und Lebensgefährte plaudert er mit den Stars der Serie – und das sogar auf Englisch. Von einem ruhigen Kaffee sind die Stars weit entfernt. Denn kaum verlassen wir das Café, folgen die Stars. Sie müssen weiter zum nächsten Termin, einer Party mit Fans in einem Club. Und da wird es wohl auch nicht kühler sein.

„Ich habe immer noch Michaels Eheringe.“

von Alexander Karl und Sanja Döttling

Köln, in der Schwulen-Sauna Babylon. Auf der „Queer as Folk“-Convention erinnerten sich die neun Hauptdarsteller an die Serie zurück, die ihr Leben prägte. Einige der Erinnerungen haben wir exklusiv hier zusammengetragen.

 

 

 

Scott Lowell aka Ted

„Vor einem Jahr, als die Planung begann, hätte ich nie gedacht, dass die Convention tatsächlich zu Stande kommen würde. “

„Ich habe mir als Vorbereitung auf die Convention alle fünf Staffeln innerhalb von drei Tagen angesehen. Das geht ganz gut, wenn man die Sexszenen auslässt.“

 

 

Sharon Gless aka Debbie

„Ich fragte Showtime nach der Rolle. Ich wollte sie unbedingt haben.“

„Ich musste meinen Sohn Michael – Hal Sparks – in einer Szene auf den Hinterkopf hauen. Erst habe ich mich nicht getraut, doch dann zeigte mir Hal, wie stark ich zuschlagen kann. Das war der Moment, in dem die Mutter-Sohn-Beziehung für mich, und die Zuschauer, glaubhaft wurde.“

 

 

Peter Paige aka Emmett

„Beim der letzten Casting-Runde war ich sehr aufgeregt und als Konsequenz eine Stunde zu früh am Studio. Selbst die Tore waren noch geschlossen. Ein anderer Schauspieler, Scott Lowell, saß mit mir dort. Nun gibt es bei den letzten Casting-Runden natürlich ein großes Konkurrenzdenken, und ich wollte die Rolle des Emmetts so gerne. Ich fragte Scott also reserviert: „Und, für welche Rolle bist du hier?“ Er antwortete: „Ted,“ Ich atmete auf und wusste, dass wir gute Freunde werden würden.“

 

 

Robert Gant aka Ben

„Es ist komisch, Harris [in der Serie „Hunter“, der Adoptivsohn von Michael und Ben] jetzt als erwachsenen Mann zu sehen. Wir sind sehr stolz auf unseren „Sohn“.“

„Es ist wichtig, dass wir Schwulen und Lesben einen Anstoß gegeben haben, sich zu outen. Es ist wichtig, dass sie sich auf die Wahrheit konzentrieren.“

 

 

Thea Gill aka Lindsay

 

„Ich hatte kein Problem damit, eine Lesbe zu spielen. Ich kannte auch die britische Version und wusste, was auf mich zukommt.“

 

 


Michelle Clunie aka Melanie

„Die Szene, in der Lindsay und Mel heiraten, hat mich sehr berührt. Ich durfte sogar beim Schreiben meines Treueeids helfen.“

„Wir, Thea und ich, hatten am Anfang der Dreharbeiten eine Szene, in der ich an ihrer Brust saugen sollte. Am Abend davor haben wir uns getroffen und haben „geprobt“. Ich habe gefragt, ob alles okay ist, und sie nickte.“

 

 

Randy Harrison aka Justin

„Brian hat sich in der letzten Staffel sehr schnell sehr verändert. Aber ich glaube, dass mein Charakter, Justin, diesen Wandel in fünf Jahren Überzeugungsarbeit erreicht hat. Ich habe dem Wandel auf jeden Fall geglaubt.“

 

 

 

Hal Sparks aka Michael

„Das Tolle an der Serie ist, dass du die Charaktere lieben und respektieren gelernt hat. Wir sind auch oft über die Grenze dessen, was sozial gemütlich ist, herausgegangen. Das hat meiner Meinung nach einen großen Wert.“

„Ich habe noch immer Michaels Eheringe. Es gab einen der passte, und einen, der es nicht tat.“

 

 

 

Fotos: Sanja Döttling

 

Harris alias Hunter: „Ich würde bei einer Neuauflage mitmachen!“

von Alexander Karl und Sanja Döttling

Harris Allan ist das Küken der „Queer as Folk“-Schauspieler: Mit seinen 27 Jahren ist der Jüngste des Casts, der zur Convention in Deutschland weilt. Seine Serienfigur Hunter war zunächst Stricher, wurde dann von Michael und Ben adoptiert.

 

 

media-bubble.de traf ihn im Café Morgenstern und sprach mit ihm über Partys, Queer as Folk und seine Zukunft.

media-bubble.de: Harris, die Queer as Folk Charaktere feiern ziemlich viel. Wie sieht es bei dir aus: Bist du auch Privat ein Partytier?

Harris: Schon (lacht). Aber wenn man arbeiten muss, ist das natürlich schwer. Ich bin sowieso eher nicht in Clubs, sondern in Lounges. Zwar auch mit Tanzflächen, aber etwas ruhiger und gediegener.

Ihr seid jetzt in Köln bei der rise ‘n Shine Convention, es gab davor auch schon kleinere. Warst du denn schon einmal auf einer QAF-Convention?

Es gab mal eine Kleine in Torronto, da war ich. Es ist aber immer toll, sich mit Fans auszutauschen und ihre Meinungen zu der Serie und meinem Charakter zu hören.

Aber war es nicht komisch, dass du zur Rise  ‘n Shine –Convention nachnominiert wurdest, nachdem Gale Harold alias Brian abgesagt hat?

Nein, ich war glücklich, überhaupt gefragt zu werden und mit nach Köln zu dürfen.

(Eine Kellnerin kommt mit einem Tablett vorbei. Darauf: Irgendwas Sprudelndes, aber was nur?)

Ist das Champagner oder Prosecco?

Gute Frage.

(Interviewer und Harris sind ratlos)

Was ist denn da der Unterschied?

Prosecco ist die schwule Version von Champagner. Das wird in der schwulen Szene immer getrunken. Und als Studenten können wir uns keinen Champagner leisten.

Ach so (lacht). Und was macht ihr so?

Wir sind eigentlich Studenten, schreiben aber für einen Blog.

Ich studiere auch, BWL, Buisness Management. Aber ich schauspielere auch noch.

Was es eigentlich von Sharon erst gemeint, dass man einen „Queer as Folk“-Film machen sollte?

Echt? Das hat sie gesagt? Ich dachte, das war eher ein Gerücht. Aber wenn – ich würde mitmachen! Doch das wird bestimmt schwierig, man braucht Produzenten, muss alle wieder zusammenbekommen.

Und wie sieht es bei dir derzeit mit Filmen aus?

Ich spiele eine kleine Rolle in einer Komödie namens „Gay Dude“[erscheint 2012] . Und davor habe ich bei Final Destination 3 mitgespielt. Dann ist es schön, einmal wieder etwas Lustiges zu spielen. Obwohl auch Queer as Folk auch viele komische Momente hat.

Foto: Sanja Döttling

Türme für ein freies Netz

von Sebastian Seefeldt

Das Internet steht in seiner Grundidee für Freiheit und Gleichheit. Doch wenn Regierungen – wie zu seiner Zeit das Mubarak-Regime – den „Stecker“ ziehen, wird klar: So frei kann das Internet nicht sein . Allerdings könnte eine aus der Occupy Bewegung geborene Idee das Internet zu seinen alten Werten zurückführen.

 Netzneutralität

Die Niederlande haben erreicht, wovon deutsche Netzpolitiker träumen: die Netzneutralität. Während in Deutschland Daten in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Qualität transportiert werden, gilt in den Niederlanden das Best-Effort-Prinzip. Dabei wird jedes Datenpaket, dass durch die Leitungen der Internetanbieter wandert, gleichbehandelt. Die deutschen Internetprovider setzen dagegen auf das gängige System der Datenraten. Um den DatenTraffic aufzuteilen, werden dem Kunden unterschiedliche Datenraten (Bandbreiten) angeboten – so wird das Netz weniger ausgelastet als im netzneutralen Modell. Der Preis für ein Netz, ohne Datenstau auf dem Informationshighway, ist allerdings hoch: Werden Daten nicht neutral behandelt, kann es zu einer Einschränkung von Innovationen kommen. Netzanbieter können ganz gezielt den Datenverkehr zu bestimmten Seiten schlechter behandeln. Ein Beispiel: Im Jahr 2009 blockiert T-Online Skype für das iPhone, eine Applikation, die mobile Internettelefonie ermöglicht hätte. T-Online argumentierte, dass es zu einer zu hohen Netzauslastung des UMTS kommen würde – blockierte das Programm allerdings auch an Telekom Hotspots, sodass die Angst vor einem Profitverlust wohl auch eine Rolle spielen musste. Allerdings können nicht nur Internetprovider die Netzneutralität stören: Da jede IP-Adresse eindeutig einem Land zuzuordnen ist, können Serviceanbieter ganze Länder blockieren – beispielsweise führte Twitter Anfang des Jahres eine Länderzensur ein. Durch Ereignisse wie diese, vor allem aber durch die Vergegenwärtigung während des arabischen Frühlings, begannen Menschen die Netzneutralität zu thematisieren.

 „Free the Network“

Wenn das Internet so zentralisiert ist, dass eine Regierung mit einem Schalter das gesamte Land vom Internet trennen kann, wird es Zeit nach Alternativen zu suchen. Alternativen, wie sie The Free Network Foundation vorschlägt. Die Theorie klingt zunächst nicht realisierbar: Charles Wyble und Isaac Wilder, die Gründer der Foundation, wollen ein Netzwerk aufbauen, das dezentral und neutral ist. Statt Daten quer durch das Land zu einem Server zu schicken, wo sie dann weiterverschickt werden, sollen sie durch ein sogenanntes „Mesh Network“ fließen. In einem solchen Netzwerk sind die Computer untereinander Verbunden – quasi ein Fischernetz aus Computern. Datenpakete werden von PC zu PC weitergereicht. Durch diese Methode können viele Computer an einen einzelnen Zugangspunkt angeschlossen werden. Ein solches Maschennetzwerk bietet zahlreiche Vorteile: Die Infrastruktur ist sehr stabil, ist leistungsfähig und der Datenverkehr wird gut verteilt.

Mit sogenannten FreedomTowers – leistungsstarken Hotspots mit enormer Reichweite – soll es ermöglicht werden eigene, lokale Netzwerke zu errichten, die wiederum untereinander vernetzt werden können. Die Baupläne stellt The Free Network Foundation auf ihrem eigenen Wiki zur Verfügung. So könnte tatsächlich eine Alternative zum bestehenden Internet entstehen, ganz ohne profitgetriebene Konzerne. Dass ihr Projekt keine Theorie bleiben muss, haben Isaac und Charles bereits bewiesen. Während der Occupy Bewegung versorgten sie in New York, Los Angeles und weiteren Städten die Demonstrantencamps mit netzneutralem WiFi und ermöglichten den Austausch untereinander. Die beiden Aktivisten haben vor die ersten FreedomTowers aus Fördergeldern zu bezahlen, um mehr Menschen von den Freiheitstürmen zu begeistern. So sollen sie ermutigt werden, selbst aktiv zu werden und die Idee des freien Internets weiter zu tragen – vielleicht ein FreedomTower in Muttis Garten? Festgehalten wurde die Geschichte der FreedomTowers in der Reportage „Free the Network“.

 Der Boden der Tatsachen

So schön die Idee eines freien Internets auch ist: Der Aufbau eines dezentrales Mesh Networks würde Jahrzehnte dauern. Um die gesamten USA zu vernetzen, würden 70.000 FreedomTowers benötigt – aktuell existieren vier. Bei Kosten von ca. 2000 Dollar pro Turm müssten also 140 Millionen Dollar aus privaten Geldbörsen gezahlt werden. Selbst wenn die Infrastruktur zustande käme, könnte der sogenannte Pinguin-Effekt ein Problem darstellen. Solange das Netzwerk keine hohen Userzahlen hat, werden die restlichen Menschen nicht beitreten. Möglicherweise ist die Idee eines neuen Netzwerkes eine Utopie. Vielleicht ist der Weg der Niederlande der Richtige: Die Netzneutralität via Gesetz zu verankern.

Fotos: flickr/steverhode (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/samtmackenzie (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Erste Eindrücke der Queer-Convention

 von Sanja Döttling (Fotos) und Alexander Karl

Der offizielle Teil der Convention beginnt zwar erst morgen mit den Frage-Panels, aber bereits heute um 13 Uhr begann die Anmeldung zur „Queer as Folk“-Convention im Martitim-Hotel in Köln. 500 Fans aus 29 Ländern wollen kommen! media-bubble.de hat sich in der Schlange schon ein wenig umgehört und hat die Erwartungen der Fans zusammengetragen.

 

 

 

Malgorzata, 34 aus Polen: Ich möchte Leute treffen, die sich genauso für die Serie interessieren wie ich. Das ist in Polen schwer, da wurde „Queer as Folk“ nie ausgestrahlt. Mein Lieblingscharakter: Brian.

 

 

 

 

 

Patrick, 22 aus der Schweiz: Ich freue mich auf die Gespräche mit den Darstellern! Ich will mit ihnen über die Serie diskutieren. Meine Lieblingscharaktere sind Brian und Debbie.

 

 

 

 

 

 Franziska, 22 aus der Schweiz: Ich liebe die Offenheit der Queer as Folk-Charaktere! Meine Serien-Lieblinge sind Debbie, Justin und Emmett.

We’re queer, we’re in Cologne!

von Alexander Karl

Köln, 10:50 Uhr Ortszeit: Die Sonne scheint in den Außenbereich des schwulen Badehauses „Babylon“. Babylon wie der Club, in dem die Stars der Serie auf der Tanzfläche – wie auch im Darkroom Spaß haben. Eigentlich sollte die Pressekonferenz gleich mit den Stars der Serie „Queer as Folk“ losgehen. Doch von Michael, Justin und Co. ist noch nichts zu sehen. Peu à peu trudeln sie ein: Peter Paige alias Emmett und Scott Lowell alias Ted warten im Innenbereich der Sauna auf ihre Kollegen. Sie lachen, scherzen, auch mit den Pressevertretern. Dann kommen auch die anderen Schauspieler. Mit etwas Verspätung, aber bei strahlendem Sonnenschein eröffnet Ralf Morgenstern die Pressekonferenz, stellt die Stars und Elke Kriebel vor. Sie ist die Frau, die die Convention nach Köln holte. Sie hatte Scott Lowell vor einem Jahr gefragt, ob die Chance auf eine „Reunion“ bestünde. Zögerliches Verneinen, aber die Kölnerin blieb am Ball und schlussendlich ist es sieben Jahre nach der letzten Klappe der Serie soweit: Eine Reunion (fast) aller Stars der Serie. Mitten in Deutschland, im schwulen Herzen unserer Republik: In Kölns Innenstadt. In Blickweite vom Kölner Dom erzählen die Stars ungezwungen, lassen Erinnerungen aufflammen, plauern aus dem Nähkästchen. Und man stellt fest: Auch sie sind nur Menschen. Sogar sehr nette.

Die Haare kurz rasiert, die Fliege und der Cardigan aufeinander abgestimmt in fast schon dezentem Brombeer: So erscheint Peter Paige zur Pressekonferenz. Der Emmett Honeycutt-Darsteller ist gut gelaunt, lächelt, scherzt. Weiß sogar, wo Stuttgart liegt: „Ich kann ja Karten lesen.“ Wieder dieses Lächeln, dass man aus seiner Rolle aus Queer as Folk kennt. Sein Manager hatte dem offen schwul lebenden Schauspieler von der Rolle der „Queen“-Emmett abgeraten. Aber er verliebte sich in seine Serienrolle – und freute sich, wenn sie sich immer weiter entwickelte. „Man wusste nie, was einen erwartet, wenn man das Script öffnete“. Klar, denn der Charakter des Emmett machte so ziemlich alles mit: Vom Nacktputzer bis zum Pornodarsteller, vom Toyboy bis zur Outinghilfe eines Footballspielers. Jetzt also, sieben Jahre nachdem die Serie abgedreht wurde, ein Revival der Schauspieler in Köln. Ob er den Kölner Dom kenne? „Wunderbar“, sagt er – sogar auf Deutsch!

Auch Hal Sparks ist bester Laune, behält während des Gesprächs aber immer die Sonnenbrille auf. Sparks, der in der Serie den treuen Freund Michael mimt, hat einen ein Jahr alten Sohn. Anders als seine Serienfigur trinkt er nicht und nimmt auch keine Drogen. „Ich stamme von den Ureinwohnern Amerikas ab, deshalb trinke ich nicht.“ Immerhin waren es die Weißen, die die amerikanischen Ureinwohner mit Alkohol bestachen. Aber haben die Ureinwohner kein Problem mit Homosexualität? Sparks verneint, Probleme mit Homosexualität hätten vor allem die großen Religionen und ihre Doktrin. „Tradition ist nicht alles“, sagt er, „die eigene Entscheidung zählt, nicht die der Gesellschaft.“ Wie unterschiedlich die amerikanische Gesellschaft ist, macht auch Sparks deutlich: Eine Greyhound-Busfahrt entfernt kann eine völlig andere Welt kommen, in der Homosexualität noch ein (Tabu-) Thema ist.

Und die anderen? Auch sie erzählen viel. Sharon Gless, die die schrullige, bunte und herzensgute Mutter Debbie spielt, wollte diese Rolle. So sehr dass sie beim Sender Showtime anfragte, ob sie vorsprechen dürfe. „Ich wollte das unbedingt“, sagt die Emmy- und Golden Globe-Gewinnerin fröhlich. Randy Harrison, der den naiven und liebenswerten Justin spielt, war froh, nach der Schule einen Job als Schauspieler zu bekommen, genauso wie Harris Allan, der Hunter spielte. Während Thea Gill die britische Variante bereits vorher gesehen hatte und wusste, wie ihre Rolle als Lesbe Lindsay aussah, hatte Robert Gonzales Gant, dessen Charakter Ben in der zweiten Staffel hinzustößt, die Serie noch nicht gesehen. Michelle Clunie, die Melanie aus „Queer as Folk“ und Partnerin von Lindsay, liebt ihre Serienfigur für ihre Ehrlichkeit, aber auch bei ihr sagte der Agent zunächst Nein. Doch die Schauspielerin mochte die Bipolarität der Serie: Auf der einen Seite den Sex, auf der anderen Seite Alltäglichkeiten wie Zähne putzen.

So alltäglich wie Zähneputzen war auch der Plausch mit den Serien-Stars: So, als würde man mit jemandem reden, den man schon ewig kennt. Sharon Gless könnte sich sogar eine (Kino-)Fortsetzung der Serie vorstellen. Und wer weiß: Vielleicht verschlägt es die schwule Clique ja dann noch einmal nach Köln – und wenn es nur zur Premiere ist.

Foto: Sanja Döttling/ Convention-Logo

Queer as… what?

von Alexander Karl

Queer as Folk, das bedeutet Unterhaltung. Und Sex. Sogar schwulen und lesbischen Sex. Doch die simple Gleichung, dass Queer as Folk eine einzige Parade der Schwulen und Lesben wäre, greift zu kurz: Homophobie, HIV und AIDS werden immer wieder thematisiert. Jetzt feiern bei der Queer as Folk-Convention Fans der Serie sich und die Protagonisten. Aber noch viel mehr.

Wer will das spielen?

Nach dem Erfolg der Orginalserie in Großbritannien im Jahr 1999 sollte Queer as Folk 2000 auch beim US-Pay-Sender Showtime anlaufen. Ein großes Problem war: Wer wollte diese Rollen überhaupt spielen? Wurde man nach einem Auftritt in Queer as Folk nicht automatisch nur noch für schwule Rollen einsetzbar? So stand Showtime vor einem großen Problem: „Showtime had a hard time recruiting actors from big agencies, fearful of their clients‘ being typecast as gay. […] Several fashion designers (of all industries!) even refused to have their products placed in the series. The producers eventually cast almost all unknowns.“

Denn die Charaktere in Queer as Folk waren allesamt eines: Extrem. Und das auf ihre individuelle Art und Weise: „Michael is the child-like innocent, Brian the promiscuous prowler, Ted, the serious nerdy type, and Emmett, the flaming queen” (Cramer, 2007, S. 413). Diese Beschreibung entbehrt natürlich nicht einer gewissen Stereotypisierung, die aber nicht gänzlich falsch ist. Aber hinter jedem Charakter verbirgt sich deutlich mehr, als man vielleicht im ersten Moment denken könnte. So ist die „flaming queen“ Emmett zwar tatsächlich ein wenig tuckig, steht aber vollkommen zu sich und seiner Sexualität. In der fünften Folge der ersten Staffel sagt er: „Steh zu dir oder versink in der Hölle“.

Neben den erwähnten Charakteren bekommt die Männerclique bereits in der ersten Folge zuwachs: Der erst 17-Jährige Justin, der zunächst als recht naiv dargestellt wird. Auf Brians Frage, ob Justin Lust auf die Droge Special K habe, antwortet er: „Ich mag eher Frosties.“ Doch schnell wird deutlich, dass Justin sich als Schwuler akzeptiert und das auch gegen Widerstände – etwa seinen Vater – durchsetzt und sich nicht beirren lässt. In der fünften Folge der ersten Staffel sagt er: „Ich mag Schwänze. Ich möchte von Schwänzen gefickt werden. Ich möchte Schwänze lutschen. Ich mag es Schwänze zu lutschen. Das mach ich auch richtig gut.“

Die Themen von Queer as Folk

„Eins müsst ihr wissen. Es dreht sich alles um Sex. Es ist wahr. Es heißt, Männer denken alle 28 Sek an Sex. Jedenfalls Heteros. Schwule Männer alle 9 Sekunden. […] Es dreht sich alles um Sex. Außer wenn du’s gerade tust, dann geht’s nur darum: Wird er bleiben, wird er gehen, wie bin ich, was mach ich hier eigentlich?“

Ja, Sex spielt eine große Rolle in der Serie. Doch sich nur auf Rein-raus-Spielchen zu versteifen, würde Queer as Folk nicht gerecht werden. Viele weitere Probleme der schwulen (und allgemein homosexuellen) Welt werden immer wieder aufgegriffen. So wird bereits zu Beginn der Serie HIV und AIDS thematisiert. Etwa durch Justin, der bei seinem ersten Mal mit Brian ihn dazu auffordert, ein Kondom zu verwenden. Oder durch die Einführung von Vic, Michael Onkel, der an AIDS erkannt ist. In der zweiten Staffel wird mit Ben ein HIV-positiver Charakter als Protagonist der Serie eingeführt, in den sich Michael verliebt. In der vierten Staffel wird der HIV-positiver Stricherjunge Hunter von Michael und Ben adoptiert, wobei mit der Thematik von minderjähriger Prostitution ein weiteres Tabu gebrochen wird. Ebenfalls ein Thema ist die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare: So kommt in der ersten Folge das biologische Kind der lesbischen Lindsay und dem schwulen Brian zur Welt, das später von Lindsays Partnerin Melanie adoptiert wird. Nicht zu vergessen ist auch die Thematisierung von Homophobie und die Beschneidung homosexueller Rechte. Justin wird sowohl in der Schule, als auch von seinem Vater wegen seiner sexuellen Orientierung attakiert, am Ende der ersten Staffel sogar zusammengeschlagen.

Queer as Folk – das sind fünf Staffel Unterhaltung, die weit über das herausgehen, was die Fernsehlandschaft bis dahin gesehen hat. Schwuler und lesbischer Sex, Homophobie in all seinen Schattierungen und ein differenziertes Männerbild – und gerade letzteres ist ein großes Novum in der Fernsehlandschaft.

Mit der Rise’n’Shine-Convention zur Serie in Köln vom 8.-10.6.2012 wird nicht nur die Serie gefeiert, sondern auch ihr Einsatz für homosexuelle Belange. Und das ist wirklich ein Grund zu feiern.

Foto: flickr/saffirahweb (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/saffirahweb (CC BY-NC-ND 2.0)