Türme für ein freies Netz

von Sebastian Seefeldt

Das Internet steht in seiner Grundidee für Freiheit und Gleichheit. Doch wenn Regierungen – wie zu seiner Zeit das Mubarak-Regime – den „Stecker“ ziehen, wird klar: So frei kann das Internet nicht sein . Allerdings könnte eine aus der Occupy Bewegung geborene Idee das Internet zu seinen alten Werten zurückführen.

 Netzneutralität

Die Niederlande haben erreicht, wovon deutsche Netzpolitiker träumen: die Netzneutralität. Während in Deutschland Daten in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Qualität transportiert werden, gilt in den Niederlanden das Best-Effort-Prinzip. Dabei wird jedes Datenpaket, dass durch die Leitungen der Internetanbieter wandert, gleichbehandelt. Die deutschen Internetprovider setzen dagegen auf das gängige System der Datenraten. Um den DatenTraffic aufzuteilen, werden dem Kunden unterschiedliche Datenraten (Bandbreiten) angeboten – so wird das Netz weniger ausgelastet als im netzneutralen Modell. Der Preis für ein Netz, ohne Datenstau auf dem Informationshighway, ist allerdings hoch: Werden Daten nicht neutral behandelt, kann es zu einer Einschränkung von Innovationen kommen. Netzanbieter können ganz gezielt den Datenverkehr zu bestimmten Seiten schlechter behandeln. Ein Beispiel: Im Jahr 2009 blockiert T-Online Skype für das iPhone, eine Applikation, die mobile Internettelefonie ermöglicht hätte. T-Online argumentierte, dass es zu einer zu hohen Netzauslastung des UMTS kommen würde – blockierte das Programm allerdings auch an Telekom Hotspots, sodass die Angst vor einem Profitverlust wohl auch eine Rolle spielen musste. Allerdings können nicht nur Internetprovider die Netzneutralität stören: Da jede IP-Adresse eindeutig einem Land zuzuordnen ist, können Serviceanbieter ganze Länder blockieren – beispielsweise führte Twitter Anfang des Jahres eine Länderzensur ein. Durch Ereignisse wie diese, vor allem aber durch die Vergegenwärtigung während des arabischen Frühlings, begannen Menschen die Netzneutralität zu thematisieren.

 „Free the Network“

Wenn das Internet so zentralisiert ist, dass eine Regierung mit einem Schalter das gesamte Land vom Internet trennen kann, wird es Zeit nach Alternativen zu suchen. Alternativen, wie sie The Free Network Foundation vorschlägt. Die Theorie klingt zunächst nicht realisierbar: Charles Wyble und Isaac Wilder, die Gründer der Foundation, wollen ein Netzwerk aufbauen, das dezentral und neutral ist. Statt Daten quer durch das Land zu einem Server zu schicken, wo sie dann weiterverschickt werden, sollen sie durch ein sogenanntes „Mesh Network“ fließen. In einem solchen Netzwerk sind die Computer untereinander Verbunden – quasi ein Fischernetz aus Computern. Datenpakete werden von PC zu PC weitergereicht. Durch diese Methode können viele Computer an einen einzelnen Zugangspunkt angeschlossen werden. Ein solches Maschennetzwerk bietet zahlreiche Vorteile: Die Infrastruktur ist sehr stabil, ist leistungsfähig und der Datenverkehr wird gut verteilt.

Mit sogenannten FreedomTowers – leistungsstarken Hotspots mit enormer Reichweite – soll es ermöglicht werden eigene, lokale Netzwerke zu errichten, die wiederum untereinander vernetzt werden können. Die Baupläne stellt The Free Network Foundation auf ihrem eigenen Wiki zur Verfügung. So könnte tatsächlich eine Alternative zum bestehenden Internet entstehen, ganz ohne profitgetriebene Konzerne. Dass ihr Projekt keine Theorie bleiben muss, haben Isaac und Charles bereits bewiesen. Während der Occupy Bewegung versorgten sie in New York, Los Angeles und weiteren Städten die Demonstrantencamps mit netzneutralem WiFi und ermöglichten den Austausch untereinander. Die beiden Aktivisten haben vor die ersten FreedomTowers aus Fördergeldern zu bezahlen, um mehr Menschen von den Freiheitstürmen zu begeistern. So sollen sie ermutigt werden, selbst aktiv zu werden und die Idee des freien Internets weiter zu tragen – vielleicht ein FreedomTower in Muttis Garten? Festgehalten wurde die Geschichte der FreedomTowers in der Reportage „Free the Network“.

 Der Boden der Tatsachen

So schön die Idee eines freien Internets auch ist: Der Aufbau eines dezentrales Mesh Networks würde Jahrzehnte dauern. Um die gesamten USA zu vernetzen, würden 70.000 FreedomTowers benötigt – aktuell existieren vier. Bei Kosten von ca. 2000 Dollar pro Turm müssten also 140 Millionen Dollar aus privaten Geldbörsen gezahlt werden. Selbst wenn die Infrastruktur zustande käme, könnte der sogenannte Pinguin-Effekt ein Problem darstellen. Solange das Netzwerk keine hohen Userzahlen hat, werden die restlichen Menschen nicht beitreten. Möglicherweise ist die Idee eines neuen Netzwerkes eine Utopie. Vielleicht ist der Weg der Niederlande der Richtige: Die Netzneutralität via Gesetz zu verankern.

Fotos: flickr/steverhode (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/samtmackenzie (CC BY-NC-SA 2.0)

 

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