Can i haz ur clicks plees?

von Sebastian Luther

Memes haben den virtuellen Raum längst hinter sich gelassen und sich von ihrer Quelle emanzipiert. Was auf einem Imageboard begonnen hat, das ist zu einem eigenständigen Kommunikationsmittel geworden. Grund genug, sich dieser Internetphänomene anzunehmen.

/b/

Im Internet kann man den Glauben an die Menschheit verlieren. 4chan.org ist so ein Ort. Alles was undenkbar erscheint, findet sich auf 4chan.org/b/, dem Board der Webseite mit dem passenden Titel „random“ – willkürlich. Neben zirka 50 anderen Boards, in denen Bilder zu Animes, Mangas, Videospielen oder Fotografie gepostet werden, existiert /b/ – random als virtuelle Petrischale für gedankliche Lebensformen aller Couleur. Die Posts ergießen sich kaskadenartig über die Seiten des Boards, regenbogenfarbene oder verkrüppelte Auswüchse jeder Art – lediglich gebunden an die Gesetze des Hypertexts. /b/ – random ist gleichzeitig mit 350,000 von 450,000 Posts am Tag auch das am höchsten frequentierte aller Boards auf 4chan.org und hat  täglich zirka 180,000 Besucher. Es ist die sonderbare Ambivalenz dieser Auswüchse, die sie in einem schillerenden Licht erscheinen lässt. Jeder findet, was er finden will. Es beginnt bei schier unglaublichem, abgrundtiefen Rassismus, Faschismus oder Sexismus und geht über vergleichsweise harmlosen Katzen- und Ponybilder bis hin zu Postings, die auf konnotativer Ebene eine gänzlich neue Bedeutungsebene bekommen haben. Denn seitdem Christopher ‚moot‘ Poole die Seite im Oktober 2003 online stellte, hat sie hervorgebracht, was fast jedem Internetnutzer einmal begegnet und auf die mögliche Präsenz von Rick Astley hindeutet: Memes. Worin besteht allerdings die Verbindung zu einem US-amerikanischen Popstar der 90er?

Never gonna give you up

Dem virtuell gewordenen LSD Trip sind die ersten Memes Mitte des letzten Jahrzehnts entsprungen, so auch das „Rickrolling“. Auf der Seite knowyourmeme.com, einer Art Lexikon für Memes aller Art, wird dieses frühe Meme so beschrieben:

Rickrolling is a bait-and-switch practice that involves providing a web link supposedly relevant to the topic at hand, but actually re-directs the viewer to Rick Astley’s 1987 hit single ‚Never gonna give you up’“.

Neben Rickrolling zählt auch „Caturday“ zu einem der ältesten Memes. Gemäß der Tradition wurden Samstags auf /b/ – random LOLcats, Bilder von Katzen mit bestimmten Bildunterschriften, gepostet. Die Bezeichnung dieser Katzen wiederum entstammt dem Internet-Slang lolspeak, in der ein rudimentäres, absichtlich verfälschtes Englisch zum Einsatz kommt. Die Ursprünge von lolspeak lassen sich nur schwer zurückverfolgen, es ist jedoch in Teilen der Internetcommunity derart populär, dass seit 2007 ein Übersetzungsprojekt der Bibel läuft – in lolspeak. Angekommen in einer derartigen Tiefe des grotesken Kaninchenbaus ins Wunderland WWW stellen sich verschiedene Fragen, ohne deren Antwort es nicht weiter geht: Warum? Wozu? Und warum soll DAS ein Kommunikationsmittel sein? Was der ein oder andere mit ‚42‘ beantworten würde, lässt sich weiter verfolgen, schluckt man die rote Pille und folgt Alice weiter in die Tiefe. Aufbauend auf der Grundstruktur des Internets, dem Hypertext, lässt sich erklären, was hinter den Phänomenen steckt.

Hyper, hyper

Der Hypertext wurde 1963 von Ted Nelson geschaffen. Nelson beschrieb den Hypertext als ein elektronisch verknüpftes, multisequentielles Netzwerk von Texten. Sie ermöglicht eine interaktive Benutzung und mithilfe der Links einen Dialog zwischen ursprünglichen Texten und weiteren Kon-Texten. Ein Prozess, der sich ewig fortsetzt. So stellt etwa Rickrolling, ausgehend von einem augenscheinlichen Text, durch einen Link eine Verbindung zum Kontext, also dem Video, her.

Von allen Memes stellt Rickrolling durch den faktischen Link jedoch eine der offensichtlichsten Verbindungen dar. Ironischerweise angesichts der ganz und gar nicht offensichtlichen Manier, mit der Rickrolling den Link-Verfolger konfrontiert. Caturday, Xibits Yo Dawg, Pedobear, sowie die meisten anderen Memes, enthalten zwar ebenso eine textuelle und eine visuelle Referenz, die auf einen Kontext hindeuten. Dieser lässt sich allerdings weitaus schwerer finden. Ist es nämlich bei dem unerwarteten Antreffen von Rick Astley noch offensichtlich, dass man reingelegt wurde, geben textuelle und visuelle Referenz bei anderen Memes nicht zwangsläufig Aufschluss über deren Bedeutung.

Memologie

Ähnlich einer neuen Sprache oder einer neuen Form von Kommunikation, entstanden durch die Memes im Umfeld des Hypertextes neue Vehikel. Im kulturellen Schaffensprozess wurden Memes arbiträre Bedeutungen zugewiesen, die sich wie bei Symbolen nur durch Kenntnis eben jener Kultur erschließen, der sie entsprangen. So fasst die ursprünglich von Richard Dawkins erdachte Bedeutung von „Memes“ diese Gedanken zusammen: Memes sind Ideen, (Verhaltens-)Konzepte oder Glaubenssysteme, die sich in einer Kultur von Person zu Person verbreiten und, ähnlich den Genen, selbst replizieren, mutieren und auf äußeren Druck durch Anpassung reagieren. Internet-Memes sind Kommunikation, kondensiert, komprimiert und ambivalent. Und in der unabschließbaren Neuschreibung des Hypertexts durch neue Links und Kontexte, gleich dem ewigen Wuchern eines Wurzelgeflechts, sind Iteration und Reproduktion von Memes gleichsam unendlich. Eines der besten Beispiele ist die Seite 9gag.

 

 

Bilder: /b/ Copyrightinhaber anonym; Caturday. Copyrightinhaber anonym; Meme faces by deviantart.com, Nyrow (CC-BY-NC-ND 3.0)

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