Wenn Tradwives braune Schürzen tragen
Wie die Social Media-Utopie der 1950er-Jahre-Hausfrauen und Rechtsextremismus fusionieren
Von Sahteene Schecker
Heute gibt es hausgebackenen Krustenbraten vom hausaufgezogenen Schweinchen mit hausgepflanzten Bohnen aus der hausgetöpferten Gusseisenkasserolle. Dein maskuliner, goldblonder Mann kommt endlich nach einem harten, sehr gut bezahlten Arbeitstag nach Hause. Nun genießt ihr mit euren 18 Kindern das Festmahl. Alle 18 Kinder fährst du jeden Morgen mit eurem eigenen Linienbus zur Schule, denn die Zeiten eines sicheren Lebens in Deutschland sind Geschichte. Du vlogst deinen Alltag in femininer Energie und Millionen von Menschen feiern es. Vielleicht bist du ihnen auch schon auf Tiktok oder Instagram begegnet – den Tradwives.
Tradwife steht für „traditional wife“. Das sind (Ehe-) Frauen, die wie Hausfrauen und Mütter in den 1950er Jahren leben. Der Begriff „Tradwife“ existiere seit Jahrzehnten, doch erst 2020 habe sich die Verwendung des Begriffs auffällig vermehrt.
Es scheint keine einfache Pandemie-Flause zu ein, denn sechs Jahre später stellen sie ihre Hausfrauenqualitäten immer noch in ihren luxuriösen Küchen, Selbstversorgergärten und in unseren Handybildschirmen unter Beweis.
Was vorerst so wirkt, als würden die Influencerinnen lediglich ihr Leben teilen, ist vielmehr eine Identität, die traditionelle, heteronormative Geschlechterrollen und Familienhierarchien preist. Was dabei „traditionell“ bedeutet kann variieren. Zusammengefasst gehöre die Tradwife-Bewegung zur Womanosphere: Rechter Onlinecontent für junge weiße Frauen, der männliche Dominanz, weibliche Unterwerfung, konservativer Glaube und rechtsextreme Ideologie.
Nur weil man sich für Traditionalismus entschiedet heißt es nicht, dass man anti-feministisch ist – man kann auch beides sein!
Es ist doch aber die Entscheidung der Frau eine Tradwife zu sein und genau das ist feministisch – oder? Das ist eine typische Argumentation des Choice Feminisms.
Was ist Choice Feminism?
Choice Feminist:innen argumentiere, dass jede beliebige Entscheidung einer Frau* feministisch sei, solange Frauen* sie mit einem „politischen Bewusstsein“ treffen würden .
Jedoch haben nicht alle Frauen* haben aufgrund von Rassismus, sozialen Unterschieden, körperlichen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Normen dieselben Wahlmöglichkeiten.
Die Tradwife-Bewegung zeigt eine Entscheidung, die in einen heteronormativen, traditionalistischen und nationalistischen Rahmen passt. Sie argumentieren, dass traditionelle Weiblichkeit nicht schlecht sei, sondern eine persönliche Möglichkeit, die einzelne Frauen freiwillig nutzen können.
Tradwife ≠ Tradwife
Im Jahr 2025 erklärte eine der erfolgreichsten Influencerinnen der Tardwife-Bewegung Nara Smith in einem Interview: „Ich bin tatsächlich eine vollzeitarbeitende Mutter. […] Es gibt nichts wirklich Traditionelles an uns als Paar“.
@naraazizasmith Late night shenanigans #easyrecipe #homecooking #fypシ #marriage #dessert #baking
Damit bricht sie mit den falschen Versprechen ihrer vermeintlichen Kolleginnen: Genaugenommen sind die Tradwive-influencerinnen keine traditionellen Hausfrauen, sondern Geschäftsfrauen, die den romantischen, idealisierenden Content einer Hausfrau und Mutter der 1950er-Jahre kommerzialisieren. Sie haben Follower:innen in Millionen Höhe und verdienen mit ihnen wahrscheinlich ein ähnlich enormes Vermögen – wenn sie nicht wie Ballerina Farm schon in eine Millionenschwere Familie eingeheirateten.
Wer ist Ballerina Farm?
Ballerina Farm heißt mit bürgerlichem Name Hannah Neeleman. Mit 10,5 Millionen Follower:innen auf Tiktok ist sie eine der größten Tradwife-Influencerinnen. Sie ist gläubige Mormonin und lebt mit ihren Kindern und Ehemann Daniel Neeleman auf einem Bauernhof in Utah.
Der Vater ihres Ehemanns habe mehrere Fluggesellschaften gegründet und sei CEO von Azul Brazilian Airlines. Zusätzlich betreibt Hannah Neeleman ihr eigenes, vermeintlich Millionen-Unternehmen. In ihrem Onlineshop verkauft sie unter anderem Lebensmittel und Haushaltsprodukte.
@ballerinafarm It’s been a full and beautiful week! So happy to be home with my crew. ♥️
♬ In a Sentimental Mood – Benny Goodman & Benny Goodman Orchestra

Die Durchschnittsfrau* verdient mit Care Arbeit, also Hausarbeit und Kindererziehung, kein Geld. 77 Prozent der 20-64 Jahre alten Frauen* in Deutschland seien berufstätig. Anders als in den 1950er Jahren, damals galt noch das Alleinverdiener Modell. Laut dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut seien heute nur knapp 27 Prozent aller Paare mit Kindern solche, in denen der Mann Alleinverdiener sei. Im Jahr 2024 habe der durchschnittliche Bruttoverdienst von vollzeitbeschäftigten Frauen* circa 4.250 Euro betragen. Nach einer Heirat sinke das Einkommen von Frauen* um 20 Prozent. Forscher:innen vermuten, dass unter anderem traditionelle Rollenbilder diesen Rückgang beeinflussen würden. Da Frauen* den Großteil alleinerziehender Eltern ergäben, seien sie besonders von armutsgefährdet.
„Früher war alles besser“
Trad steht für Tradition. Und diese möchten die Tradwives bewahren – eine typisch nationalistische Rhetorik. Nationalist:innen tun so, als gäbe es eine feste, unveränderliche Kultur, die schon immer gleich gewesen ist. In Wirklichkeit stellen sie diese Kultur vereinfacht dar und lösen sie aus der Geschichte heraus. Sie zeigen also nicht, dass sich Traditionen im Laufe der Zeit verändert und oft neu erfunden wird.
Die 1950er-Jahren waren für die USA ein wirtschaftlicher Boom und bedeuteten finanzielle Sicherheit. Ebenso waren sie ein Boom für weiße Männer – ihre Frauen ordneten sich ihnen unter und sie waren exklusiv an der Macht.
In Zeiten der „Girl Bosse“, Emanzipation und inklusiven Feminismus seien die Tradwives eine Gegenbewegung, die als reaktionelles Geschlechterbild agieren würden . Der Feminismus habe weiße Frauen im Stich gelassen und übersexualisiere sie obendrein . Der Traditionalismus biete Frauen hingegen Schutz und Respekt . So können sie unbesorgt in ihrer natürlichen Rolle als Gebärmaschine und Dienstmädchen – zu Tiktokisch: in ihrer femininen Energie – aufgehen.
(K)eine Rechts-Links-Schwäche
Die Tradwives backen und gebären nicht nur, sie vermitteln auch rechtsextreme Ideologie – ganz subtil und sanft.
Das Zauberwort lautet „White Supremacy“: der Glaube an eine überlegene weiße „Rasse“ , die Frauen durch das Produzieren vieler weißen Babys erhalten sollten. Das Unterordnen der Frau gegenüber dem Mann und das Reduzieren auf eine Gebärmaschine sind im Kern misogyn als auch antifeministisch. Die Rolle der Mutter und Hausfrau nach rechtsextremen Werten als natürliche Gabe der Frau.
In den USA sind dienen Tradwives wie Erika Kirk als Vorbilder der MAGA-Bewegung.

In Deutschland beziehen sie sich häufig auf Heimat, auf ihr Verständnis des Deutsch-Seins und auf Migration als Sicherheitsbedrohung.

Auch die AfD macht Tradwives ein Liebsgeständnis: Vor einigen Jahren postete der Instagram-Account @afd.sachsen eine Collage, auf der sie eine sie „Feministin“ deutlich gegenüber der „traditionellen Frau“ abwerteten.
Statt schwarz, weiß und rot oder sogar braun, setzen Tradwives auf pastellfarbene Kleider mit süßen Blümchen-Stickereien. Meist sind sie auch noch normschön, weiß und elegant gestylt. Sie teilen in engelsgleicher Stimmlage ihre Rezepte für Krustenbraten wie im Bilderbuch. Manchmal ähneln sie sogar optisch an die 1950er-Jahre. Trotz allem bleiben sie bodenständig und das macht sie nahbar. Sie wirken beinahe aufopfernd, wenn sie davon sprechen, wie sehr ihr Mann sich nach diesem Krustenbraten sehnt und wie lange er schon keine Bohnen mehr aus der hausgetöpferten Kasserolle gegessen hat. Dass sie selbst nach dem fettigen, saftigen Krustenbraten verlangen könnten, scheint kaum vorstellbar.
Auf den ersten Klick wirkt der Content nicht politisch und beinahe unproblematisch. Auf den zweiten Klick hängst du plötzlich in einem rechtsextremen Rabbithole. Tradwives seien für die rechtsextreme Szene „Shield Maidens“ . Sie verstecken rechtsextreme und antifeministische Werte in alltäglichen, zugänglichen Inhalten über die weibliche Dreifaltigkeit: Schönheit, Familie und Haushalt. So verharmlosen sie Rechtsextremismus und machen ihn salonfähig. Tradwives sind nicht einfach nur ein Produkt der Rechtsextremen, sie sind Propagierende. Frauen* seien historisch gesehen seit je her wichtige Akteurinnen* traditionalistischer und rechtsextremer Propaganda . Indem sie rechtsextreme Ideologien zugänglicher für Frauen machen, sorgen sie ironischerweise für die Frauenquote innerhalb dieser Kreise.
Fazit: Einfach nur die Utopie der weiblichen Dreifaltigkeit oder doch Regression?
Tradwives spiegeln eine einfache, glückliche, heile – weiße – Welt im Wohlstand wider. Doch die Realität sieht anders aus: Krisenzeiten in Europa, globaler Rechtsruck und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist vor allem für Frauen* immer wieder eine Herausforderung. Die Tradwives zeigen eine Welt, in der dieses Problem nicht existiert – eine inszenierte Social Media-Utopie.
Denn hinter der ästhetisch inszenierten Fassade aus hausgebackenem Krustenbraten und sanftem Voice-overs verbirgt sich mehr als eine harmlose Sehnsucht nach Nostalgie. Die Tradwife-Bewegung ist ein hochgradig politisiertes Geschäftsmodell und weichgezeichneter Türöffner zur rechtsextremen Ideologie. Sie liefern dir nicht nur das Rezept für ein perfektes Abendmahl, sondern verschleiern systematische, regressive Gefahren wie finanzielle Abhängigkeit, Rassismus und Ausgrenzung nicht-heteronormativer Lebensentwürfe.
Quellen:
- Bundeszentrale für politische Bildung. White Supremacy.
https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossierrechtsextremismus/516452/white-supremacy/ - Christou, M. (2020, 12/21/25). #TradWives: sexism as gateway to white supremacy. openDemocracy. https://www.opendemocracy.net/en/countering-radical-right/tradwives-sexism-gateway-white-supremacy/
- Deutscher Bundestag (2020). Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Lisa Paus, Anja Hajduk, Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 19/18127–. https://dserver.bundestag.de/btd/19/189/1918921.pdf#:~:text=Brutto%02vermögen%20von%20Männern%20im%20zuletzt,000%20Euro
- Deutscher Bundestag (2025). Familienbericht: Armustgefährdung von Alleinerziehenden. https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1038774
- Deutschlandfunk Kultur (2025). Von Hausfrauen zu rechten Inhalten. Deutschlandfunk Kultur. https://www.deutschlandfunkkultur.de/tradwife-hausfrau-social-media-trend-100.html
- Ferguson, M. L. (2010). Choice Feminism and the Fear of Politics. Perspectives on Politics, 8(1), 247–253. doi:10.1017/S1537592709992830. https://www.cambridge.org/core/services/aopcambridgecore/content/view/E6BD4B851D564D34312391F8F9692FCE/S1537592709992830a.pdf/choice-feminism-and-the-fear-of-politics.pdf
- Funcke, F.; Menne, S. (2024). Alleinerziehende in Deutschland. Bertelmanns Stiftung. https://www.bertelsmannstiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Factsheet_Alleinerziehende_2024.pdf
- Ganslmeier, M. (2025). Wenn Frauen sich freiwillig unterordnen. ARD. Retrieved 12/10/25 from https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/tradwives-usa-100.html
- Gückel, B. (2025). Tradwives – mehr Hype als Realität? tps://www.bib.bund.de/Publikation/2025/pdf/BiBAktuell82025.pdf__blob=publicationFile&v=2ifo Institut (2025). Einkommen von Frauen sinken nach Heirat um 20%. https://www.ifo.de/pressemitteilung/2025-03-07/einkommen-von-frauen-sinkennach-heirat
- Kaiser, M., & Neumeier, A. (2024). Tradwives: Wie problematisch ist der Hausfrauen-Trend? Bayrischer Rundfunk. https://www.br.de/nachrichten/kultur/hausfrauentrend-tradwives-wie-problematisch-ist-die-bewegung,UByhVwM
- Love, N. S. (2020). Shield Maidens, Fashy Femmes, and TradWives: feminism, patriarchy, and right-wing populism. Frontiers in Sociology, 5, 619572. https://www.frontiersin.org/journals/sociology/articles/10.3389/fsoc.2020.619572/full
- Nagler, J. (2014). Kalter Krieg von 1945 bis 1089. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/usageschichtewirtschaftgesellschaft268/181036/kalterkriegvon1945bis1989/#:~:text=Das%20Programm%20scheiterte%20jedoch%20an,n%20wichtige%20Ämter%20seiner%20Administration.
- Newmark, C. (2020). Unsere lieben Hausfrauen. Die Zeit. https://www.zeit.de/kultur/202002/tradwivesfeminismus1950ersocialmedia10nach8/kompletansicht
- Proctor, D. (2022). The #tradwife persona and the rise of radicalized white domesticity [Journal Article]. Persona Studies, 8(2), 7-26. https://search.informit.org/doi/10.3316/informit.873023567302359
- Richard-Craven, M. (2023). JetBlue Founder David Neeleman Opens Up About Hanving ADHD. Forbes. https://www.forbes.com/sites/mayarichard-craven/2023/09/28/jetblue-founder-david-neeleman-opens-up-about-having-adhd/
- Schuster, K. (2024). Warum der „Tradwife“-Trend gefährlich ist. zdf heute. https://www.zdfheute.de/politik/ausland/tradwife-bewegung-trend-tiktok-100.html
- Shetty, J. [Jay Shetty Podcast] (2025). Nara Smith EXCLUSIVE: They Call Me a ‚Tradwife‘ But Here’s the Real Story. Youtube. https://www.youtube.com/watch?v=KQgm-Kt7Ojc
- Statistisches Bundesamt (2025). Durchschnittliche Bruttomonatsverdienste, Zeitreihe. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Verdienste-Branche-Berufe/Tabellen/liste-bruttomonatsverdienste.html#134694
- Sykes, S., & Hopner, V. (2024). Tradwives: Right-Wing Social Media Influencers. Journal of Contemporary Ethnography 53 453-487(4), 453-487. https://doi.org/https://doi.org/10.1177/08912416241246273
- Theilen, J. (2024). Sie backt und gebärt – und macht das zum Millionenbusiness. Die Welt. https://www.welt.de/iconist/trends/article252769050/Ballerinafarm-Sie-backtgebaert-undmachtdaszumMillionenbusiness.html#:~:text=Was%20ist%20ihr%20Geschäftmodell?,auf%20mehere%20Millionen%20Dollar%20geschätzt.
- Wagensohn, T. (2025). Tradwives und Strongmen. ScienceBlog. https://blog.uni-regensburg.de/tradwives-and-strongmen ZWSI. (2022). ERWERBSKONSTELLATIONEN IN PAARHAUSHALTEN 2022. https://www.wsi.de/de/erwerbsarbeit-14617-erwerbskonstellationen-in-paarhaushalten-2017-14837.htm
- Zahay, M. L. (2022). What “real” women want: Alt-right femininity vlogs as an anti-feminist populist aesthetic. Media and Communication, 10(4), 170-179. https://www.cogitatiopress.com/mediaandcommunication/article/view/5726



