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Was machen eigentlich…?

Von Jasmin Gerst

Dieses Jahr wurden ein weiteres Topmodel und ein neuer Superstar gekürt; Samu Habers neue Show, Die Band, floppte; Popstars kehrt mit der elften Staffel zurück und The Voice of Germany hat eine neue Gewinnerin gewählt. Der Konkurrenzkampf ist größer denn je – eine Castingshow jagt die nächste. Und gerade deshalb haben sich viele Gewinner über die Jahre angehäuft, manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg. Wir haben uns deshalb gefragt, was machen diese Castingshowgewinner eigentlich heute?

Jennifer Hof – Germanys Next Topmodel

Jedes Jahr ruft Heidi Klum aufs Neue junge Mädchen aus ganz Deutschland zu sich auf den Laufsteg, um ein weiteres Topmodel zu finden. So auch 2008, als Jennifer Hof bei einem Casting angesprochen wurde. Damals war sie mit ihren 16 Jahren die jüngste Teilnehmerin, doch die Jury war vor allem an ihren langen Beinen interessiert: Diese sind nämlich 1,13m lang, d.h. einen Zentimeter länger als die von Nadja Auerman. Sie gewann die Show und wurde bei IMG Models unter Vertrag genommen. Danach wurde sie für einige Fashionshows gebucht, aber der große Erfolg blieb aus. Während alle anderen sich mit Schauspiel- und /oder Moderationsjobs durchkämpfen, gab Hof Anfang 2014 bekannt, dass sie eine kaufmännische Ausbildung machen werde. Grund dafür sei auch, dass die Modebranche ihr zu oberflächlich sei und sie ein ganz normales Leben führen wolle. Sie gab außerdem dieses Jahr bekannt, dass sie Mutter geworden sei und nun etwas „viel Besseres“ habe als den Modelljob.

Elli Erl – Deutschland sucht den Superstar

Sie war lange die einzige Frau, die Deutschland sucht den Superstar gewonnen hatte: Elli Erl (siehe Titelbild). Mit ihren roten, kurzen Haaren und ihrer rauen Stimme konnte sie viele Zuschauer überzeugen. Bereits kurz nach ihrem Sieg war es sehr still um sie geworden. Über zehn Jahre ist es nun her, dass sie die Castingshow gewonnen hat. Und was macht Elli heute? Elli macht keine Musik mehr, sondern unterrichtet seit 2010 in Düsseldorf als Realschullehrerin die Fächer Musik, Sport und Englisch. Auch ihre knallrote Mähne hat sie mittlerweile in ein kühles platinblond umgetauscht. Ein erneuter Start in die Musikbranche sei bisher noch nicht in Sicht, die 36-jährige genießt ihr Leben im Moment an der Seite von Freundin Katrin in Köln.

Edita Abdieski – X-Factor

EditaAbdieskiBei Edita Abdieski begann die Karriere schon im Kindesalter: Mit elf Jahren gründete sie ihre erste Band mit Nachbarskindern, seit sie dreizehn ist schreibt sie eigene Songs. Durch ihren unglaublichen Ehrgeiz und ihr Talent gewann sie zwei Gesangswettbewerbe. 2010 beschloss Edita Abdieski an der ersten Staffel von X-Factor teilzunehmen. Sie überzeugte in der Kategorie Solosänger ab 25 Jahren und gewann einen Plattenvertrag bei Sony BMG. Einige Monate später erschien ihr erstes Album One. Ein weiteres gab es nie, obwohl sie ab und zu Auftritte mit kleinem Publikum hat. Laut ihrer Facebook-Seite arbeitet sie aber wieder verstärkt an neuen Songs.

Martin Kesici – Star Search

Wir gehen noch weiter zurück – erinnert ihr euch an Star Search? 2003 hat Martin Kesici bei dem Sat.1 Wettbewerb mitgemacht und einen zweijährigen Plattenvertrag mit Universal Records gewonnen. Es kamen einige größere Auftritte wie z.B. in Wacken. Kesici probierte sich an vielem: als Radiomoderator oder als Sprecher bei Hörspielen. Außerdem schrieb er sein erstes Buch: Sex, Drugs & Castingshows – Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co. Seit 2011 ist er Sänger der Berliner Rockband The Core. Bei den Unterhaltungsshows Ich bin ein Star – holt mich hier raus und Promiboxen war er zu sehen. Große musikalische Erfolge blieben jedoch aus.

LaVive – Popstars

800px-LaviveErst im März wurde bekannt gegeben, dass dieses Jahr die elfte Staffel Popstars ausgestrahlt wird. Ein Grund mehr sich an die ehemaligen Sieger der Show zurückzuerinnern. Unter dem Motto Girls forever ging die Castingshow Popstars im Sommer 2010 in die neunte Staffel – die Mitglieder wurden diesmal aber von den Zuschauern anstatt von der Jury ausgewählt. Das Publikum wählte die vier Mädels Sarah Rensing (damals 22), Meike Ehnert(24), Julia Köster(18) und Katrin Mehlberg (20) aus. Nach nur einer veröffentlichen Single und drei Monaten Bandgeschichte lösten sie sich wieder auf. Sie widmeten sich danach dem Abitur, Studium oder der Ausbildung. Eine erneute Musikkarriere ist derzeit nicht in Sicht.

Yvo Antoni und seine Hündin PrimaDonna – Supertalent

Er war der erste nicht-musikalische Gewinner, der 2009 bei Supertalent gewann. Zusammen mit seiner Hündin PrimaDonna präsentierte Yvo Antoni den Zuschauern außergewöhnliche Tricks und gewann knapp gegen die Opernsängerin Vanessa Valcagno. Nach der Show bekam Antoni viele Angebote, brachte sogar eine DVD mit hilfreichen Tipps für Hundeerziehung heraus. Mittlerweile ist es aber sehr still um den Gewinner geworden, die gewünschte Karriere blieb aus.

Anika Scheibe – Das perfekte Model

Modell_beim_Event_5_Jahre_BMW_Welt_Anika_Scheibe2012 wurde die erste Staffel der Casting-Show Das perfekte Model auf Vox ausgestrahlt. Unter der Leitung von Eva Padberg und Karolína Kurková setzte sich Siegerin Anika Scheibe durch. Damit gewann sie eine Werbekampagne für Garnier sowie einen Vertrag bei der Paris Modelagentur JustWM Models sowie ein Fotoshooting für ein Modemagazin und ein Auto. Danach wurde es nicht nur um Anika Scheibe sehr still – für sie und die Castingshow Das perfekte Model gab es weder eine Zukunft auf dem Laufsteg noch im Fernsehen.

Grund für das Versagen der Kandidaten?

Nach dieser kleinen, aber feinen Auswahl von erfolglosen Castingshowgewinnern stellt sich nun die Frage, ob es einen Grund für diesen Misserfolg gibt. Ist die Zeit der Castingshows endgültig vorbei? Haben wir genug davon, jedes Jahr einen neuen Superstar zu wählen?

Die Einschaltquoten sprechen Bände: Dieses Jahr schauten nur 10,9% der Deutschen die neue Superstar-Staffel, die damit ihren bisherigen Tiefpunkt erreicht hatte. Im Vergleich dazu haben die erste Staffel fast vier Mal so viele Deutsche verfolgt. Dieser Verlust ist den Produzenten durchaus bewusst und deshalb versuchen sie durch Änderungen in den jeweiligen Konzepten die Zuschauer bei Laune zu halten. Aber der Markt ist überfüllt von zahlreichen Angeboten und deshalb kann nur überleben, wer eine besonders innovative Idee hat.

Fotos: wikimedia.org/CHR!S (CC BY-SA 3.0), wikimedia.org/Raimond Spekking (CC BY-SA 4.0), wikimedia.org/Promiflash (CC BY-SA 3.0), Wikimedia.org/Usien (CC BY-SA 3.0)

Die Zukunft des Journalismus

Von Jasmin Gerst

Der promovierte Politikwissenschaftler Dominik Wichmann referierte am 14. Dezember im Kupferbau der Universität Tübingen über Veränderungen des Verhältnisses zwischen Publikum und Medien sowie dessen Auswirkungen auf den Journalismus wie wir ihn kennen. Wichmann war Chefredakteur des SZ-Magazins und beim STERN, außerdem hat er vor kurzem zusammen mit Guido Westerwelle dessen Biografie „Zwischen zwei Leben: Von Liebe, Tod und Zuversicht“ realisiert.

Geizige Digital Natives?

DominikWichmannWichmann stellt zu Beginn klar, dass der Journalismus noch nie besser war – die Qualität der Inhalte steigt, trotzdem sind immer wenige Konsumenten bereit für diese Qualität Geld zu bezahlen. Eine offensichtliche Veränderung stellt das Leseverhalten der Konsumenten dar. Fakt ist, dass viel weniger Menschen eine Tageszeitung abonniert haben als früher. Und warum? Weil mittlerweile fast alles kostenlos im Netz zu finden ist. Der Kampf, den die Journalisten führen müssen, lässt an der Zukunft des Journalismus zweifeln. Wichmann ist sich jedoch sicher, dass es ihn immer geben wird, allerdings in veränderter Form und mit qualitätsvolleren Inhalten. Die jüngere Generation der Journalisten, die Digital Natives, sind sich ihrer Zukunft zwar ungewiss, bringen jedoch gewisse Vorteile mit sich: Sie können das Neue leichter adaptieren und dabei spielt das Alter eine wichtige Rolle. Da sie bereits in jungen Jahren den Umgang in der digitalen Welt erlernt haben, sind sie der älteren Generation um Längen voraus. Denn Kommunikation allein reicht nicht mehr aus: Die Konsumenten fordern mehr Expertise, aber gerade die Digital Natives sind nicht bereit für diese Expertise zu bezahlen.

Akzeptieren und Umdenken

Fakt ist also, dass sich die Zeiten geändert haben und man sich dieser neuen Zeit anpassen muss. Dazu gehört nicht nur diesen Wandel zu akzeptieren, sondern ihn auch zu „wollen“. Denn die unendlichen Möglichkeiten, die es nun auf dem Markt gibt, müssen optimiert werden. Es ist also von großer Wichtigkeit, dass der Journalismus diese Angebote wahrnimmt und sich heute viel mehr vermarkten muss als früher. Dazu gehört unter anderem stets präsent zu sein, Expertise zu erlangen, Unvoreingenommenheit sowie Form und Inhalt in Einklang zu bringen. Wichmann stellt außerdem fest, dass dieser Umbruch auch viele Widersprüche mit sich bringt. Ein Journalist muss zwei wichtige Parameter vereinen: möglichst aktuell und möglichst zeitnah sein. Das bedeutet, was die Aktualität betrifft, im digitalen Zeitalter angekommen zu sein (Stichwort Liveticker oder Twitter), sowie möglichst schnellen und guten Journalismus zu präsentieren. Dass die Qualität dadurch auf der Strecke bleibt, ist nur allzu verständlich. Nur ein wirklich guter Journalist kann diese beiden Kräfte vereinen, aber dadurch steigt ein weiterer Druck – die Möglichkeit des Scheiterns.

Präsent sein

Ein weiteres Problem ist, dass die Leser nicht nach bestimmten Nachrichten suchen. Die Daten kommen zum Leser und nicht der Leser zu den Daten. Diese werden aufgrund von den Spuren, die der Nutzer tagtäglich hinterlässt, angepasst. Wichtig sei außerdem, dass die Inhalte dort zu finden sein müssen, wo der Leser sich aufhält (z.B. Werbung bei Facebook / Twitter / Instagram etc.). Deshalb wird es immer wichtiger auf Facebook, YouTube, Twitter usw. präsent zu sein. Dass der mediale Wandel begonnen hat, zeigt sich auch dadurch, dass hochkomplexe Themen mittlerweile über mehrere Stunden (z.B. Serie Mad Men) ausdiskutiert werden können. Problem dabei ist jedoch, dass nicht jeder Sender kooperiert und weiterhin ein „spießiges und biederes“ TV-Programm bietet. Die Digitalität ermöglicht revolutionäre Umbrüche sowie eine enorme Verfügbarkeit der Daten.

Aus Real-Time wird Before-Time

Ist es also ein Ende des Journalismus wie wir ihn kennen? Das Berufsbild wird zwar nie verschwinden, so Wichmann, aber der Journalist muss umdenken und sich deutlich mehr nach seinen Lesern richten. Außerdem wird er es deutlich schwerer haben als früher. Denn der Redakteur der Zukunft übernimmt die Rolle als Chefredakteur der Gegenwart. D.h. die Transparenz der Daten führt dazu, dass er oder sie entscheiden.

Durch diese Verfügbarkeit der Daten wird der Journalismus zu einem ganz anderen, so gravierend wird er sich verändern. Sein retrospektiver Charakter wird erweitert und eine neue Erzählform wird entstehen: aus Real-Time wird Before-Time. Um erfolgreich zu sein, fügt Wichmann hinzu, muss man das Rad nicht neu erfinden, es reicht lediglich es als erster zu importieren. Innovation wird ein großes Stichwort sein, diese ist jedoch mühsam und anstrengend. Deshalb ein weiterer Tipp von Wichmann: bestehendes Optimieren!

Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Ein Jahr media-bubble.de – Was kommt jetzt?

von der Redaktion

Ein spannendes und erfolgreiches Jahr liegt hinter uns. Innerhalb kürzester Zeit wuchs eine siebenköpfige Redaktion heran, die den medienkritischen Blog media-bubble.de mittlerweile betreut und mit Leben füllt. Doch was wünschen sich die Redakteure für das zweite Jahr? Im Folgenden haben wir unsere Gedanken formuliert.

 

Nicolai Busch

„Ich wünsche mir, dass media-bubble.de noch größer, bekannter und professioneller wird. Ich wünsche mir einen Blog, der sich noch deutlicher abhebt von altbekannten Formaten, um hierdurch deutliche Zeichen zu setzen.“

Sanja Döttling

„Ich wünsche mir, dass media-bubble.de in Zukunft zu einem integrierten Teil der Universität Tübingen wird, ein Sprachrohr für das medienwissenschaftliche Institut. Zukünftige und eingeschriebene Studenten sollen durch media-bubble.de noch besser über Inhalte des Studiums informiert werden. Diese sollten nicht allein, sondern auch in Bezug zu aktuellen Medienereignissen stehen. Aber auch als Teil des Studiums soll media-bubble.de noch mehr verankert werden: Wer will, soll hier die Möglichkeit haben, Ergebnisse seiner Projektarbeit, seiner Hausarbeiten oder der Seminare vorzustellen.“

Sandra Fuhrmann

„Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir es schaffen, die Vielseitigkeit innerhalb unseres Redaktionsteams, kombiniert mit den vielen Möglichkeiten, die uns unser Online-Blog bietet, zu nutzen, um auch im kommenden Jahr viele neue kreative Ideen und Projekte umzusetzen.“

Alexander Karl

„Ich wünsche mir, dass die Filmindustrie endlich versteht, wie man in Zeiten des Internets Filme vermarktet – und sie zum Kinostart legal online anbietet. Und für media-bubble.de? Natürlich nur das Beste – und eine weiterhin gute und harmonische Redaktion.“

Sebastian Luther

„Ich wünsche mir für’s nächste Jahr media-bubble.de einen nahtlosen Anschluss an unsere Erfolgsgeschichte.“

Sebastian Seefeldt

„Ich erhoffe mir ein Ende der Akronymflut. Langsam sollten die Regierungen verstanden haben, dass SOPA, PIPA, ACTA und CETA nicht auf Zustimmung stoßen werden. Nicht solange sie die Freiheit im Netz gefährden. Ich erwarte von der Regierung ein Einlenken: Dieses „Internet“ muss endlich den Rang im politischen Diskurs einnehmen, den es verdient hat. Netzneutralität und Freiheit im Internet auf die Agenda – ACTA und Co. ad acta.“

Pascal Thiel

„Für das zweite Jahr media-bubble.de erhoffe ich mir eine Erweiterung unserer Redaktion zum kommenden Semester. Neue, frische Autoren, die das hohe Niveau des Blogs weiterhin halten können. Außerdem neue, interessante Themen, sodass die Erfolgsgeschichte media-bubble.de noch lange fortgeschrieben werden kann.“

Foto: flickr/Stefan Baudy (CC BY 2.0)

Große Bilder, wenig Worte – 60 Jahre BILD

von Nicolai Busch

Ein Boulevardblatt wird 60. Ein Leitmedium, eine Zeitung mit Machtanspruch, das sinnbildliche Megafon des deutschen Wutbürgers, der immerwährende Angriff auf Irgendetwas und Irgendwen – kurz – die BILD feiert Geburtstag. Wer BILD hört, denkt an landesweit einmalige, reißerische Schlagzeilen, die ein Entsetzen, eine Emotion, zumindest aber ein großes Gefühl heraufbeschwören. Wie kein zweites deutsches Printmedium hat sich BILD der Aufgabe verschrieben, der bürgerlichen Kollektiv-Fantasie, sei sie politisch-korrekt oder diskriminierend, geschmackvoll oder pervers, sinnvoll oder absurd, eine Stimme zu geben. Eine Stimme, die schreit, die laut ist und übertönt, die den Einen verstummen lässt und den Andren gar zur Stellungnahme nötigt.

BILD-Gegner klären auf

Für den Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass ist die Bildzeitung deshalb „ein Instrument des Appells an die niedrigsten Instinkte“ und „regelrecht widerlich“. Doch nicht allein Grass ist dieser Meinung. Die Liste der Bildgegner ist lang. Sie reicht von Hans Leyendecker, dem vielleicht profiliertesten, investigativsten Journalisten Deutschlands, über NGO’s wie Campact bis Günther Wallraff, der Mann, der bei Bild Hans Esser war, wie der Untertitel seines 1977 erschienen Buchs lautet, in dem der Enthüllungsjournalist seine Erfahrungen mit BILD-Redakteuren in der Lokalredaktion Hannover schildert. 60 Jahre BILD gehen Dank Wallfraff & Co. einher mit einer Bewusstseinsveränderung des BILD-Rezipienten sowie der Zeitung selbst. Niemals zuvor sind die journalistischen Fehler und ethischen Abgründe der BILD-Redaktion derart kritisch betrachtet worden, wie in den letzten Jahren. Vor allem die Gründung des mit Preisen überhäuften bildblogs im Jahr 2004 erwies sich als Meilenstein kritischer Medienbeobachtung im Netz. Auf bildblog.de wird auf Verstöße des 60 jährigen Geburtstagskindes gegen den Pressekodex aufmerksam gemacht. Hier wird der BILD ihr Status des Lustigen-Quatschblatts endgültig aberkannt.

Die Macht der BILD

In den letzten Jahren waren es die berühmten Feinde des berüchtigten Boulevardblatts, die im Rahmen ihrer investigativen Recherche und Aufarbeitung der in BILD ausgeschlachteten Inhalte auf einen stetigen Verlust von Macht, eine daraus resultierende Veränderung der redaktionellen Vorgehensweise und auf eine kulturelle Öffnung der Zeitung verweisen. In Bild.Macht.Politik, einer ARD-Dokumentation, die im April diesen Jahres erschien ist, erkennen Günter Wallraff und der Kommunikationsberater Wolfgang Storz, der 2010 und 2011 als Autor der Studie Drucksache.BILD der Otto Brenner Stiftung beteiligt war, klare Zeichen steigender Machtlosigkeit bei BILD innerhalb der letzten Jahre. „Auf der Ebene wichtiger poltischer Entscheidungen ist BILD heute ein zahnloser Tiger“, sagt Storz dort und begründet diese These u.a. mit der geplatzten Keinen-Cent-für-Griechenland-Aktion, in deren Rahmen BILD im November 2011 eine Volksabstimmung über die geplante Änderung europäischer Verträge gefordert hatte. Auch die geplatzte Blase um Karl-Theodor zu Guttenberg, den BILD vor dem Aufkommen des Plagiatsverdachts als möglichen Kanzlerkandidaten gehyped und während der Vorwürfe die Rückendeckung gesichert hatte, gibt Storz in diesem Punkt Recht.

Weg vom Schmuddelimage

Auch, wenn BILD zum Sturz des Bundespräsidenten Wulff entscheidend beitrug, hat das Blatt begriffen, dass heute Veränderungen nötig sind, um als Ausdruck von Volkes-Stimme auch politisch ernst genommen zu werden. BILD will seriöser werden. In dem 2011 im WDR gezeigten Film “Das Wallraff-Urteil und die Folgen“ bedauert Springer-Chef Mathias Döpfner die durch Wallraff aufgedeckten, schockierenden Recherchemethoden der Zeitung in den 1970ern und plädiert für eine Aufarbeitung damaliger Fehler.

Am 09. März, und damit ausgerechnet am Weltfrauentag, verabschiedet sich BILD nach 28 Jahren von zuviel nackter Haut auf Seite 1. BILD will weg vom Schmuddelimage. Und auch der Chefredakteur setzt auf Veränderung. Kai Diekmann trägt die Haare jetzt ungegelt. Die leicht verwegene Bartpracht und auch die schwarze, alternative Rundbrille stehen ihm gut. Der wohl mächtigste Journalist Deutschlands muss ein anständiger, gutmütiger und vertrauenswürdiger Mann sein. Das Image des rigorosen Geschäftsmanns passt nicht länger ins neue Konzept. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die digitale Zukunft der BILD-Zeitung

Anlässlich des 60. Geburtstags versendet BILD am 23. Juni 41 Millionen kostenlose Sonderausgaben an deutsche Haushalte. Eine teure Werbeaktion, die nicht überall auf Vorfreude stößt und sich bereits mit Gegeninitiativen zahlreicher BILD-Gegner konfrontiert sieht. Trotz solcher fragwürdigen Geburtstagsspäßchen im Stile des Print-Zeitalters gilt es, die Digitalisierungsstrategie des Springer-Konzerns nicht zu unterschätzen. Während das digitale Geschäft immerhin ein Drittel des Gesamtumsatzes bei Springer ausmacht, erweist sich bild.de bereits als das meistgelesene journalistische Angebot in Deutschland. Damit, dass sich BILD auch in Zukunft digitaler Trends bedienen wird, um weiterhin am Markt bestehen zu können, darf gerechnet werden. Gerade die anstehende, halbjährige “Forschungsreise“ Kai Diekmanns ins Silicon Valley, dem globalen Zentrum der Computer- und Internetindustrie, lässt für die nächsten Jahre eine voranschreitende Digitalisierung der BILD erahnen.

Im Alter von 60 Jahren begreift BILD zur rechten Zeit, dass eine wichtige Aufgabe des gedruckten Boulevards, nämlich die Suche, Verurteilung und Hinrichtung eines Schuldigen, heute Aufgabe des Cybermobs ist. Diesen gilt es im Netz zu mobilisieren und wirtschaftlich sinnvoll zu kanalisieren. Für eine Zeitung, die seit jeher, gleichsam dem Netz, ein professionelles Spiel mit den Gefühlen seiner Rezipienten betreibt, sollte diese Aufgabe nicht zum Problem werden. „Wenn Springer überhaupt ein Problem hat, dann vielleicht, dass das Unternehmen zu klein ist“; so Döpfner im April diesen Jahres in der ZEIT.

Fotos: flickr/fscklog (CC BY-NC-SA 2.0) , flickr/campact (CC BY-NC 2.0)