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Neues Traumpaar? Internet und Politik.

von Sanja Döttling

Eine belastete Beziehung, die zwischen der Politik und dem Internet. Gerade auch in Deutschland. Nach dem Einzug der Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus entdeckt selbst die Bundesregierung das Internet für sich. In den USA ist man da weiter: Beim Wahlkampf zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten in Amerika macht sich unter anderem Facebook als Wahl-sager einen Namen und gibt Prognosen über den Sieger ab.

Internet und Politik 

Manchmal ist es ein Kampf, die Hass-Liebe zwischen Internet und Politik(ern). ‚Dieses Internet‘ wurde von der Politik in Deutschland lange ignoriert – und wir ignorierten mit. In unserem Facebook-Stream bewundern wir lieber die neue Spraydosen-Wandbemalung in einer befreundeten Studenten-WG. Oder gucken uns bei GMX die Bilderstrecke zum Thema Angeschwemmte Monstertiere an. Politik findet man da nur zwischen den Zeilen (oder wenn man es darauf anlegt). Das ist auch die Schuld der Politik, die sich im Internet eher bedeckt hielt. Bis jetzt.

Bundesregierung und Bürger – Kuscheln im Inter-Bett?

Aber sie bemüht sich, die Politik, auch im Internet präsent zu werden. Unsere Bundesrgierung hat sogar einen eigenen Kanal auf youtube. Sie haben fast 5.000 Abonennten. Die Jungs, die die Gotye-Parodie drehten, haben fast 400.000. Jetzt geht sogar die Kanzlerin in die offensive und fordert die Bürger auf, Ideen für das leben in Deutschland in den nächsten Jahren beizusteuern. Dabei sollen diese Fragen beantwortet werden: „Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen?“.

Dialog über Deutschland“ – so heißt die neue Internetkampagne. Das Ganze läuft ähnlich ab wie schon die Internet-Aktion „Fragen an die Kanzlerin“. Der Unterschied: Die Alliteration. Und: Während die Fragen an die Kanzlerin nur auf youtube von derselben beantwortet wurden, werden nun die Autoren der zehn am besten bewerteten Fragen des „Dialogs“ zu einem ganz realen Bürgergespräch nach Berlin eingeladen.

Somit hat das Dialog-Konzept größere Interaktionsmöglichkeiten als noch die Fragestunde (denn bei den youtube-Videos war sogar die Kommentarfunktion deaktiviert). Und trotzdem wirkt der Versuch einer „direkten“ Demokratie im Internet geradezu hilflos. Vor allem, weil politisch Interessierte und Internet-User sich kaum aus dem gleichen Klientel aufstellen, was die Abstimmungszahlen implizieren: Mit 14.000 Stimmen dafür, offen über den Islam zu diskutieren, liegt eine Forderung an der Spitze, die genauso unkonkret ist wie die Politik selbst. Auf Platz zwei und drei: ACTA-Stoppen und Cannabis legalisieren. Wer will, kann selbst noch bis zum 15. April abstimmen. Oder aber die Bildstrecke über Monstertiere auf GMX anschauen.

Ach ja: Auch Amerika.

Wie es anders gehen kann (und vielleicht sogar muss) zeigt sich in den USA: Im Präsidentschaftswahlkampf in den USA wird verstärkt auf das Internet als Helfer/Waffe gesetzt. So hat Barack Obamas Facebook-Seite inzwischen 25 Millionen Freunde und das Internet hatte 2008 einen großen Anteil an seinem Wahlerfolg. Auch jetzt ist er im Internet noch aktiv. Zahlreiche Gruppen machen sich auch in diesem Wahljahr für und gegen den Noch-Präsidenten stark: „I hate it when I wake up in the morning and Barack Obama is President.“ heißt eine charmante Seite. Eine andere nennt sich „Students for Obama“ und macht sich für dessen Wiederwahl stark.

In welche Richtung entwickelt sich die Symbiose Politik und Internet?

Auch Twitter ist aktiv. Die Twitter-Gemeinde nahm ein einziges Schlagwort aus der Rede des republikanischen Newt Gingrich (seine „grandiosen Ideen„) und der tag #grandiosenewt wurde schnell zum Hit. Überhaupt scheint das Internet in den meisten Fällen der Verleumdung von Kandidaten zu dienen, nicht etwa der Verbreitung tatsächlichen politischen Inhalts (media-bubble  berichtete). Doch laut der New York Times ist twitter dazu in der Lage, aktiveren Kontakt mit dem Bürgern zu halten und schneller auf Stimmungen zu reagieren. (Die Auswertung der twitter-Meldungen zur Prognose von Wahlergebnissen schlug aber fehl.)

Weiter ging das Magazin Politico in Kooperation mit Facebook: Sie werteten Statusmeldungen und Verlinkungen auf den Seiten von US-Bürgern aus, um ein Stimmungsbild von den republikanischen Kandidaten zu generieren. Bei all dem Geschrei um Datenschutz ist das fast schon untergegangen; es ist das eine, wenn Politiker online Kampagnen schalten. Aber doch etwas ganz anderes, wenn Facebook ungefragt unter seinen Nutzern herumfragt.

Der Internetauftritt der Tagesschau argumentiert, dass das Internet in diesem Wahlkampf ein wichtiger Faktor ist und wahlentscheidend sein kann. Das könnte für ein Land wie Amerika sogar gelten. Der deutschen Politik fehlt allerdings merklich das Interesse der internetaffinen Bevölkerung.

 

Foto: flickr/See-ming Lee 李思明 SML (CC BY-SA 2.0)

Das Internet ist Geschichte

von Alexander Karl

Die Angst vor dem Internet ist so alt wie das Internet selbst. Datenschutz, Schutz der Persönlichkeitsrechte und Angst vor einem ‚Big Brother‘, der alles beobachtet. Aber mit jedem Post bei Facebook und Twitter schreiben wir Geschichte. Und die sollte erforscht werden.

Geschichte schreiben im Web

Es ist bitterkalt in Deutschland dieser Tage. Mal wieder weht ein rauer Wind, auch in Richtung Facebook. „Mit Timeline überschreitet Facebook die rote Linie zur nahezu lückenlosen Erfassung der Nutzer“, heißt es vom Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar. Wo diese rote Linie – andere hätten hier Rubikon gesagt – anfängt und endet, hängt von der persönlichen Sichtweise des Users ab. Die alten Posts lagern sowieso auf irgendwelchen Servern, nur jetzt kann man sie auch endlich wieder sehen – und in Erinnerungen schwelgen. Was habe ich im Sommer letzten Jahres noch einmal geschrieben? Welcher Song hat mir gefallen? Das Facebook-Tagebuch weiß es.

Ein wenig erinnert das Prinzip der Timeline an die Chronik des Mittelalters. Darin wird im Normalfall die Geschichte (der Welt und/oder der Region) von der Schöpfung bis zum Tag des Verfassens erzählt. Bei Facebook ist diese Schöpfung unsere Geburt, die Leerstellen können wir nun selbst ausfüllen. Gleichzeitig können aber auch wichtige Lebensereignisse eingestellt werden – was den mittelalterlichen Annalen ziemlich nahe kommt. Während im Mittelalter nur wenige Autoren Chroniken oder Annalen schreiben konnten und die Protagonisten ihrer Erzählungen wichtige Herrscher waren, bietet Facebook uns nun die Möglichkeit, beide Rollen zu übernehmen. Wir sind gleichzeitig Herr über unsere Geschichtsschreibung wie auch der Protagonist.

Facebook lässt uns also zum Historiker werden: Wir schreiben unsere Geschichte, wir durchforsten die Vergangenheit unserer Freunde und suchen Verknüpfungen. Anders als im Mittelalter passiert dies aber nun ziemlich öffentlich – zumindest, wenn man sein Facebook-Profil für alle zugänglich macht.

Spuren der Vergangenheit

Der „Elektrische Reporter“ berichtete darüber, wie der Datenkünstler Richard Vijgen die ersten Gehversuche der Internet-Community auf Geocities wieder sichtbar machen will. Eigentlich wurde die Seite gelöscht – zwecks Netz-Achäologie soll der Inhalt wieder sichtbar und erforschbar gemacht werden. Der Versuch, Inhalte aus dem Netz zu archivieren und auszuwerten ist also längst nicht mehr nur für Internetgiganten wie Facebook und Google interessant. So will die US-amerikanische Library of Congress sämtliche Twitter-Nachrichten archivieren. Die Library of Congress sieht einen Mehrwert in den Tweets für die Forschung:

„Just a few examples of important tweets in the past few years include the first-ever tweet from Twitter co-founder Jack Dorsey (http://twitter.com/jack/status/20), President Obama’s tweet about winning the 2008 election (http://twitter.com/barackobama/status/992176676), and a set of two tweets from a photojournalist who was arrested in Egypt and then freed because of a series of events set into motion by his use of Twitter (http://twitter.com/jamesbuck/status/786571964) and (http://twitter.com/jamesbuck/status/787167620).“

Doch nicht nur Zeitgeschichte wird durch das Internet erfahrbar – auch der Blick in die (entfernte) Vergangenheit wird durch das Netz ermöglicht. So twittert ein ehemaliger Oxford-Student den Zweiten Weltkrieges 72 Jahre nach den Ereignissen – auf die Stunde genau. Beginnend mit dem 31. August 1939 – dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen – will Alwyn Collinson sechs Jahre lang über die wichtigsten Ereignisse des des Krieges berichten. „I’m using eyewitness accounts, photographs and video to give the feel these tweets are coming straight from 1939.“

Geschichte ist im Netz allgegenwärtig – wir müssen uns ihrer nur bewusst werden und sie einordnen. Und, wie Alwyn Collinson über sein Projekt sagt: „People say it can help connect them to history by seeing it through the eyes and the words of people who were there.“

 

Foto: flickr/Brandon Christopher Warren (CC BY-NC 2.0); Screenshot twitter.com/RealTimeWWII (6.2.2012)

Wenn Schimpansen unsere Flugzeuge fliegen…

von Sebastian Seefeldt

Eine Welt ohne Facebook, Myspace, Blogs, Youtube, Filehostern, Bildhostern oder kurz gesagt: Eine Welt in der wir unsere eigene Meinung nicht mehr verbreiten dürfen – Dank vier kleinen Buchstaben könnten einige Konzerne bald in der Lage sein das gesamte Internet zu zensieren.
Was sich zuerst anhört wie eine schlechte Nachahmung von George Orwells 1984 könnte bald traurige Realität werden. Dank Menschen, die sich so vor einer Tastatur ähnlich verhalten wie ein Schimpanse im Cockpit einer Boeing – also kein Wissen von der Materie haben – könnte bald ein Gesetzesvorschlag mit weitreichenden Folgen verabschiedet werden. Folgen die nicht nur die US Bürger betreffen, sondern Folgen die sich auf den gesamten Globus ausbreiten könnten. Doch wovon rede ich hier eigentlich?

Schwerstverbrecher: Justin Bieber

Wäre der Gesetzesentwurf bereits in Kraft gewesen als ein gewisser Blondschopf seine Musikkarriere auf Youtube

Justin Bieber wurde durch YouTube berühmt

startete, wäre er wohl mehrere Jahre für Urheberrechtsverletzung ins Gefängnis gewandert. Nein, diese Aussage ist falsch, ein Portal wie Youtube wäre unter solchen Bedingungen niemals entstanden. Ob man nun die Vorstellung, Justin Bieber hinter Gittern zu sehen, befriedigend findet oder nicht, Fakt ist: Wir alle nutzen Youtube und wären somit alle von dessen Verschwinden betroffen. Verantwortlich dafür sind zwei Gesetzesentwürfe, zum einen der Stop Online Piracy Act (SOPA), zum anderen der Protect IP Act (PIPA).  The Guardian hat die SOPA-Problematik knapp zusammengefasst und verschafft einen guten ersten Überblick. Doch wieso hält die US-Regierung diese beiden Gesetze überhaupt für nötig?

Zur Zeit regelt der Digital Millennium Copyright Act das Urheberrecht in den USA. Kurz zusammengefasst: Ein Provider (z.B. Youtube) ist nicht für den Inhalt der von Usern auf die Plattform online gestellt wird verantwortlich. Allerdings muss er dafür sorgen, dass Material welches das Urheberrecht verletzt, auf Verlangen des Rechteinhabers entfernt wird. Der Musik- und Filmindustrie ist das aber nicht genug, sie fordern, dass auch alle die dem Täter direkt oder indirekt Helfen bestraft werden müssten. Genau hier beginnt das Dilemma. „Die Entwürfe würden es Firmen ermöglichen, in den USA den Zugang zu ausländischen Websites zu sperren. Wenn Inhaber von Urheberrechten der Meinung sind, dass eine Seite gegen ihre Interessen verstößt, könnten sie, wird das Gesetz verabschiedet, eine sogenannte Court Order beantragen, eine richterliche Verfügung. Ist diese erlassen, müssten Werbefirmen, die Anzeigen auf der Seite schalten, das unterlassen. Auch Geldtransferdienste wie Paypal müssten sich dann von der beanstandeten Seite zurückziehen. Der Betreiber würde somit finanziell ausgehungert, seine Geschäftsgrundlage zerstört“, wie die Zeit berichtete. Dem nicht genug: die Konzerne hätten die Möglichkeit per DNS-Blocking ganze Webseiten unerreichbar zu machen. Dieses Video fasst die gesamte Problematik sehr treffend zusammen. Alle Portale, auf denen potentiell Urheberechtverletzungen satt zu finden sind – sei es nun Youtube, Facebook, Twitter oder ähnliche Dienste – laufen Gefahr über Nacht abgeschaltet zu werden. Beachtet man nun die Tatsache, dass jede Firma, die auch nur eine einzige Filiale in den USA betreibt, dem US Recht unterworfen ist, wird klar, dass auch wir in Deutschland schnell von der neuen Rechtsprechung betroffen wären (nicht dass der Verlust von sozialen Netzwerken schon genug wäre). Selbst Konzerne wie die deutsche Telekom müssten sich also auch dem neuen Recht beugen. Wieso sollte man also überhaupt SOPA befürworten?

„Es ist alles eine Frage der Grenzen“

Aktuell gibt es 142 öffentliche SOPA Befürworter, darunter vor allem große Medienkonzerne, wie z.B. die Motion Picture Association of America (MPAA) und National Cable & Telecommunications Association (NCTA). Neben den offensichtlichen Argumenten der Medienbranche gibt es aber auch noch wirklich „gute“ Gründe die für SOPA sprechen. Wenn es möglich ist, eine Internetseite eins zu eins zu kopieren und die Kunden so zu täuschen und ihnen Plagiate zu verkaufen, dann muss es eine Möglichkeit geben, dagegen vorzugehen und die aktuelle Rechtsfassung beinhaltet kein anwendbares Gesetz. Es wird also eine Möglichkeit  benötigt Plagiate zu stoppen. Die Diskussion sollte also nicht lauten ob wir SOPA brauchen oder nicht, sondern: Wie weit sollte SOPA gehen? Genau dieses Thema behandelt der Netcast von twit.tv.

„All Your Internets Belong to US“

Dieses mehr als passende Wortspiel stammt von dem Blogger Michael Geist der in seinem Beitrag sehr schön die Effekte von SOPA auf Kanada aufzeigt. Seine Folgerungen  können äquivalent für Europa übernommen werden, passend hierzu dieser Artikel von Netzpolitik.org. Der Widerstand gegen SOPA ist groß, sowohl von Konzernen und Organisationen wie Google, EFF und EU einerseits, andererseits von Netzbürgern selbst. So rufen beispielweise Wikipedia  und Anonymous zum Widerstand auf. Hauptgründe sind meistens das Recht auf freie Meinung und der Vorwurf Amerika würde sich die Mechaniken von Unterdrückerregimen aneignen und der Vorwurf des puren Lobbyismus.
Während die SOPA Anhänger auch in ihrem neuen Antrag OPEN (Online Protection and Enforcement Act) keine wirklichen Eingeständnisse machen, findet die Netzgemeinde bereits Wege die Zensur zu umgehen. Die Proteste zeigen Erfolg, so ziehen sich immer mehr öffentlich Befürworter zurück, so auch die nach eigenen Angaben größte Domain-Registrar weltweit Go Daddy. So offen der Ausgang des Disputs auch sein mag – so brisant wie im Jahr 2012 war die Debatte um die Freiheit im Internet wohl noch nie.

Foto: flickr/iloveJB123 (CC BY 2.0), flickr/Jed Hastwell (CC BY-SA 2.0)

Tot – und trotzdem online

von Steven Gold

Das Papier-Testament hat ausgedient – die letzten Worte werden virtuell gesprochen. Dafür entschied sich auch Derek K. Miller. Er war ein Journalist und Blogger, der letztlich seinem Krebsleiden erlag. Vor seinem Tod hat er allerdings einen letzten Beitrag für seinen Blog verfasst und seine Verwandten gebeten diesen nach seinem Ableben zu veröffentlichen.

Here it is. I’m dead, and this is my last post to my blog.

Mit diesen Worten beginnt er seinen definitiv letzten Blogeintrag, in dem er ein letztes Mal über seine Krankheit und seine Sicht auf den Tod. Er beschreibt diesen letzten Eintrag als einen ersten Schritt vom aktiven Blog zu einem Archiv. Diese, seine letzten Gedanken, mit uns zu teilen erfordert sicherlich Mut im Angesicht des nahenden Endes. Durch seine Art zu schreiben, regt er Menschen an mitzufühlen, ihn aber auch zu verstehen und noch einmal eine völlig neue Sicht auf das Angstthema eines jeden Menschen zu bekommen, den Tod.
Ein anderes Beispiel ist die kleine Jessica Joy Reese, die via Facebook den Menschen nach ihrer Hirntumor-Diagnose die Möglichkeit gab, sie in ihren letzten Monaten zu begleiten. Jeden ihrer posts schloss sie mit den Worten „Never Ever Give Up“,  kurz NEGU. Daraus wurde sogar eine Foundation, die Menschen wie Jessica helfen soll.
Aber ist wirklich jede „letzte“ Nachricht von Relevanz? Sollte jeder Mensch in der Lage sein, seine Gedanken über den Tod hinaus virtuell zur Schau zu stellen?

Eine letzte Nachricht, If I die…

„Zum Ende dieses Jahres wird es nahezu eine Milliarde Menschen […] geben, die aktiv Sites sozialer Netzwerke benutzen. Was sie alle eint, ist, dass sie sterben werden.“ Damit beginnt Adam Ostrow seinen TED Talk Beitrag aus dem Jahr 2011 zum Thema „After your final status update“.
Längst ist das Thema aber auch als Marktlücke entdeckt worden: Da es sich nie voraussehen lässt, wann es denn nun soweit ist, hilft eine Facebook-App mit dem digitalen Nachruf – „If I die“. Gleich zu Beginn auf ihrer Homepage heißt es in einem Video, dass der Tod praktisch hinter jeder Ecke lauert und diese App uns die überwältigende Möglichkeit gibt, sollten wir dem Tod überraschenderweise über den Weg laufen, einige letzte Worte über unseren Facebook-Account mit der Welt zu teilen. Dazu bestimmt man zunächst einmal drei sogenannte „Trustees“, welche das Ableben bestätigen müssen, um nicht ausversehen zu früh die verborgensten Gedanken, Ratschläge oder Geständnisse preiszugeben. Tritt nun tatsächlich der Tod ein, so kann man in einem Post oder einer Videobotschaft noch einmal alles sagen, was man schon immer sagen wollte.
Zweifellos ist dies dennoch nicht jedermanns Sache. Die meisten sind einer derartigen App gegenüber eher skeptisch eingestellt. Vor allem, da gerade bei „If I die“ schnell klar wird, dass diese App nicht so einfach funktioniert, wie die Macher sie in dem Video beschreiben. So müssen die Trustees selbst erst die Anwendung installieren, um die, laut „If I die“, ehrenvolle Aufgabe erfüllen zu können, ihre Freunde als verstorben zu melden. Des Weiteren reichen die drei Trustees natürlich nicht aus, da ja ebendiese mit einem sterben könnten. User erklären, dass es sechs Trustees sein müssen, die – wie bei beinahe jeder Aktion innerhalb von „If I die“ –  nun die App selbst installieren müssen.

Shame on you!

Shame on you!, wenn man an dieser Stelle denkt, die App würde auf wirklich jede erdenkliche Art versuchen, eine größere User-Menge zu bekommen. Zur Erinnerung: Die erste Stufe des Marketings begann mit scheinbar willkürlichen Telefonanrufen, bei denen der einprägsamen Satz „Death can catch you anywhere. Anytime“ formuliert wurde. Heute verbreitet sich die App gewissermaßen über sich selbst. Geht man von der Zahl der „Gefällt mir“-Klicks aus, so haben bis dato 7000 Facebook-User die App installiert (während allerdings über 40.000 monatliche Nutzer angezeigt werden). Wie viele davon allerdings eine eigene Botschaft hinterlassen haben, ist nicht bekannt. Denn, so „If I die“,  sind sämtliche Videos auf  gesicherten Servern gespeichert, wo sie für niemandem, außer dem User selbst, zugänglich sind. Es ist auch nicht bekannt, ob die App tatsächlich schon zum Einsatz kam. (In einem Selbstversuch mit einem Fake-Account hat es schon bei der Benennung der Trustees nicht funktioniert). Ob man sich tatsächlich für so eine Art von Facebook-App entscheidet, muss letztlich jeder selbst entscheiden. Vor der Nutzung sollte man sich jedoch fragen: Will ich mich wirklich jetzt schon mit meinem Tod auseinandersetzen? Was ist, wenn ich in 3 Jahren sterbe und die Nachricht längst nicht mehr aktuell ist? Und letztlich auch: Will ich meine Gedanken wirklich mit der gesamten Welt teilen?

Rest in Peace oder Rest in Facebook?

Auch, wenn man sich gegen die „If I die“-App entscheidet, bleibt man nach dem Tod noch eine Weile erreichbar – zumindest online. So werden Profile in soziale Netzwerke häufig zu einer Art Kondolenz-Buch für Freunde und Bekannte.  Aber was passiert eigentlich nach dem Tod mit unseren Daten? Diese Frage kann kaum jemand beantworten. Chris Faraones geht in seinem Artikel „Digital Death“ ebenfalls der Frage nach – und findet keine eindeutige Antwort. Es gibt zwar Möglichkeiten, über die Verwaltung von Facebook, Twitter und Co. Zugriff auf den Account eines Verstorbenen zu bekommen und so Inhalte zu löschen, dies gestaltet sich allerdings häufig äußerst schwierig. Einige Netzwerke arbeiten deshalb an einem System, welches die Accounts löscht, sobald nachgewiesen werden kann, dass ein User sich „dem Farmville des Himmels“, wie es Chris Fararone nennt, angeschlossen hat. Einige Experten gehen aber auch davon aus, dass früher oder später sowieso alle Daten gelöscht werden. Aber auch wenn dies so sein sollte, so stellt sich doch die Frage: Wann beginnt früher oder später? Natürlich lässt sich der Fortschritt nicht aufhalten, doch sollten wir nicht eine Grenze ziehen? Dieser Frage muss sich jeder Einzelne stellen. Für den einen mögen die heutigen Möglichkeiten einen völlig neuen Weg bieten sich zu verabschieden, während andere sich doch lieber in einem „altmodischen“ Brief unter Ausschluss der Öffentlichkeit an die Nächsten wenden.

Im Gedenken an die am 5. Januar 2012 verstorbene Jessica Joy Rees: NEGU.

Werbung, die keine ist. Der Fall Facebook

von Larissa Grodke-Bried

Computer an – Internetbrowser auf – Facebook laden – Anmelden: 1 neue Nachrichten, 2 Freundschaftsanfragen, 5 Neuigkeiten. Erst einmal die Freundschaftsanfragen beantworten, dann die Nachrichten lesen und danach die Neuigkeiten begutachten (L backt gerade Plätzchen und P fährt übers Wochenende zu seiner Oma), um sich auf den neusten Stand zu bringen.
Es ist erstaunlich und auch ein wenig beängstigend, wie eng unser Alltagsleben mit Online Communities verknüpft ist. Laut allfacebook.de gibt es derzeit (Stand 13.12.2011) über 22.000.000 aktive Facebook Nutzer (ca. 25% der deutschen Bevölkerung). Auch laut Nielsen Media Research ist Facebook die meist genutzt Media-Plattform: Die durchschnittliche Verweildauer ist sechsmal höher als im Durchschnitt aller Social Networks (22.03.2010).
Aufgrund dieser Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass Facebook eine gute Anlaufstelle für Werbetreibende ist: Viele potenzielle Käufer, die viel Zeit auf Facebook verbringen und so oft beworben werden können.

Facebook – die Werbemaschine

Anfang 2011 stieg der Wert von Facebook auf über 50 Milliarden Dollar. Der russische Investor Digital Sky Technologies und die US-Bank Goldman Sachs beteiligten sich mit 500 Millionen Dollar am Internet-Portal. Luca Di Blasi, wissenschaftlicher Assistent in einem privaten Forschungsinstitut in Berlin mit den Forschungsschwerpunkten Medienphilosophie und Kunsttheorie, erläutert in seinem Gastkommentar bei Zeit Online, wie „Facebook […] seine Mitglieder [benutzt] und […] ihre Profilseiten zu Werbetafeln“ macht. Er stellt die Frage woher diese Einnahmen kommen sollen, die diese Zahlen rechtfertigen. „Da Facebook  auch künftig keine Mitgliedsgebühren erheben will, bleibt im Wesentlichen nur die Werbung“, schlussfolgert Di Blasi.

Die Konkurrenz der Werbeanzeigen

Googelt man einen Begriff, ist es für uns selbstverständlich, dass die obersten Suchergebnisse gesponserte Werbeanzeigen sind. Auch in Sozialen Netzwerken sind wir Werbung gewohnt, doch hier konkurrieren die Anzeigen mit Mitteilungen, die für die Nutzer um einiges interessanter sind: Die Änderung des Beziehungsstatus des Fitnessstudiofreundes auf verlobt und die neuesten Partybilder der Kommilitonin mit diversen Kommentaren von Freunden. Die folgerichtige Idee: Werbung kombiniert mit persönlichen Informationen, die die User direkt anspricht.
Laut einer Studie des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Fittkau&Maaß aus dem Jahr 2010 lehnt jeder zweite personalisierte Werbung ab. 60% der Befragten befürchten zudem, dass durch personalisierte Werbung Datenschutz missachtet wird. Ebenfalls 60% fühlen sich durch personalisierte Werbung beobachtet. Für Werbende ist es also wichtig, das richtige Maß zu finden; einerseits um die passende Zielgruppe anzusprechen und andererseits um dem User nicht das Gefühl zu vermitteln, beobachtet zu werden.

„Sponsored Stories“

Seit Anfang 2011 bietet Facebook nun die Werbeform der „Sponsored Stories“ an.  Unternehmen können veranlassen, dass Check-In-Anmeldungen in ihren Filialen und „Gefällt mir“ – Klicks als Werbung auf der Facebook Seite in der rechten Spalte erscheinen. Die Firmen können ein bestimmtes Kontingent an „Sponsored Stories“ für den Geotaggingdienst Places von Facebook kaufen. Bei diesem Dienst wählt sich der User mit einem GPS-fähigen Smartphone in das Internet ein und bestimmt seinen aktuellen Aufenthaltsort. Der Standort wird auf dem Facebook Profil angezeigt. Zudem ist es möglich, noch weitere Personen zu taggen (markieren).
Loggt sich der Nutzer nun ein, während er in einem Café sitzt, darf das Café den Namen des Nutzers bei den Facebook Kontakten des Nutzers einblenden lassen. Aber nicht nur der Name samt Foto erscheint in der rechten Spalte der Facebook Seite. Es dürfen auch weitere Angaben wie Begleitung, eventuelle  Kommentare und „Gefällt mir“-Klicks veröffentlicht werden. Das Ganze kann dann noch mit dem Logo des Unternehmens versehen werden und ergibt so eine attraktive personalisierte Werbung. Personalisierte Werbung suggeriert Freundschaft und dementsprechend Vertrauen; empfiehlt ein Freund ein Produkt oder die Dienstleistung eines Unternehmens ist die Kaufbereitschaft oder zumindest der Gedanke an einen möglichen Produktkauf um ein Vielfaches höher als bei „normaler Werbung“. Beim sogenannten „Viralen Marketing“ wird die Propaganda der bestehenden Kunden genutzt, um neue Kunden zu werben. Wichtig ist dabei, dass es nicht zu offensichtlich nach Werbung aussieht.

 

Werbung für Werbung

Facebook ist sich seiner Attraktivität bewusst und wirbt selbst für die eigenen Werbeanzeigen: Zielgruppenauswahl, Aufbau einer „Fan“-Gemeinschaft mit Hilfe des „Gefällt mir“-Buttons und Zahlung nur bei Anklicken oder Ansehen der Werbeanzeige.
Auf der anderen Seite wirbt Facebook auch bei seinen Nutzern für seine Werbeanzeigen: „Alle möchten wissen, was ihren Freunden gefällt. Darum kombinieren wir Werbeanzeigen mit Freunden – so kannst du basierend auf den „Gefällt mir“ – Angaben und geteilten Inhalten deiner Freunde ganz einfach Produkte und Dienstleistungen finden, an denen du interessiert bist.“ Dies kann man aber auch abstellen. Sowohl für die Werbeanzeigen von Drittanbietern, als auch für soziale Anzeigen:  Startseite -> Kontoeinstellungen -> Facebook-Werbeanzeigen ->Einstellungen für Werbeanzeigen von Drittanbietern bearbeiten bzw. Einstellungen für soziale Werbeanzeigen bearbeiten.

Das große Werbepotenzial

„Facebook ist und bleibt kostenlos“, heißt es auf der Facebook Startseite. Doch auch ein kostenloses Social Network muss – um kostenlos zu bleiben – Geldverdienen. Facebook verdient durch seine Nutzer und verkauft dies zudem als weiteres Angebot für die Community Mitglieder. Werbung hat ein rießiges Verkaufspotenzial und Facebook die passenden Inserenten.

Foto: flickr/Andrew Feinberg (CC BY 2.0)

Online-Piraten im Visier

von Sandra Fuhrmann

Online-Piraten geraten immer mehr ins Visier der Ermittler. Nachdem die deutsche Kriminalpolizei im letzten Jahr kino.to vom Stecker nahm, soll es jetzt auch dem Nachfolger kinox.to an den Kragen gehen. Die USA aber gehen noch einen Schritt weiter: Mit einem neuen Gesetzesvorhaben könnte auch YouTube illegal werden.

Mission Internet

Jeder der dieser Tage versucht, die Seite http://tvshack.net/ aufzurufen, wird auf ein interessantes Beispiel für die Bemühungen der USA im  Kampf gegen Online-Piraterie stoßen. Vorzufinden ist auf der Seite nicht, wie vielleicht erwartet, eine Liste mit Verlinkungen zu anderen Seiten, deren Inhalt aus nicht lizensierten Streams von Filmen und Fernsehshows besteht. Stattdessen stößt der Besucher auf eine eindrucksvolle Anzeige, die auf die Beschlagnahmung der ursprünglichen Seite und diverse Strafen hinweist, die Verstöße gegen das Copyright zur Folge haben – gekrönt ist dieser Hinweis von drei offiziellen Wappen der US-Regierung.
Richard O’Dwyer hätte wohl nie damit gerechnet, dass sein Angebot jemals der Grund für solche Furore sein wird. Seit Mai 2011 läuft ein Verfahren wegen krimineller Urheberrechtsverletzung gegen den 23-jährigen Studenten aus Großbritannien.  Die ICE (Immigration and Customs Enforcement) fordert die Auslieferung des jungen Briten an die USA, um den Fall vor einem dortigen Gericht verhandeln zu können.  O‘Dwyers Anwalt argumentiert, dass sich der Server, von dem aus die Seite betrieben wurde, nicht in den USA befand und die Angelegenheit somit unter britisches Recht fällt. Die ICE jedoch erhebt Anspruch auf alle Angebote, die von einer .net- oder .com-Domain aus betrieben werden. Die für diese Domains zuständige Firma hat ihren Sitz in Virginia und damit auf US-amerikanischem Boden. Eine Lösung des Streits steht somit weiterhin aus.

Kriminell aber so nützlich

Sind wir bald alle Piraten?

Klickt man auf den Warnhinweis auf der beschlagnahmten Seite wird man zu einem Video weitergeleitet, das noch einmal die Schwere des Vergehens „Online-Piraterie“ verdeutlichen soll. Dieses Video steht auf einer Seite von YouTube.  Beschäftigt man sich nun mit der geplanten Erweiterung des Gesetzes, das zu O’Dwyers Anklage führte, muss man sich fragen, wo die US-Regierung ihre Videos wohl in Zukunft einstellen will, sollte das neue Gesetz tatsächlich in Kraft treten.
Denn: Mit dem SOPA (Stop Online Piracy Act) nämlich soll zukünftig all jenen die Suppe versalzen werden, deren Seiten das Ziel haben, US-Eigentum zu stehlen und auch solche, die gegen das geltende US-Recht verstoßen, Verstöße erleichtern oder diese nicht verhindern. Dazu gehören dementsprechend auch Facebook, Twitter, Google und YouTube. Tausendfach werden beispielsweise auf YouTube urheberrechtlich geschützte Songs und Videos eingestellt, die sich dann über Facebook und Twitter verbreiten. Es wären genau genommen Seiten weltweit, die von diesem Gesetzt betroffen wären – es wäre das gesamte Internet.

Protest auch aus den eigenen Reihen

Dass die US-Regierung mit dem SOPA eine Grenze überschreitet, darüber sind sich die meisten einig. Der Journalist und Medienexperte Felix Salmon stellt in seinem Blog die Frage, ob es unter den gewöhnlichen Internetusern überhaupt Befürworter des Gesetzes gibt. Sogar unter US-Abgeordneten regt sich mehr und mehr Protest gegen den Entwurf. In einem Brief verschiedener Kongressmitglieder an die Vorsitzenden des Komitees werden die Argumente erläutert, die gegen die Verabschiedung des Gesetzes sprechen.
Kritikpunkte gibt es viele. Zum einen ist es die angeblich schlechte und vage Formulierung in der Vorlage. So wird viel Raum für Interpretation und Willkür geschaffen. Und wem soll das Gesetz nun überhaupt nützen? Die gewöhnlichen User sind es offenbar nicht. Ein Vorwurf lautet, dass die Politik sich von Lobbygruppen wie der Film- und Musikindustrie beeinflussen lasse, da diese die Politiker mit Geld für ihre Wahlkämpfe versorge.
Es ist in der Tat eine feine Suppe, die uns die US-Regierung da eingebrockt hat. Auch Online-Innovationen werden durch das geplante Gesetz blockiert. Gerade kleine Firmen und Start-Ups haben oft nicht genug Geld für Überwachungsstrukturen und zur Abwehr von Klagen. Hätte es das Gesetz schon im Jahr 2005 gegeben, wäre beispielsweise YouTube niemals entstanden.

Mit dem SOPA muss sich die USA nun wohl selbst an die Nase fassen. Ganz gemäß ihrem selbst geschneiderten Ruf haben die USA in der Vergangenheit wiederholt andere Länder, wie China, auf das Recht zur freien Meinungsäußerung hingewiesen. Mit dem neuen Gesetzt jedoch würden Access und Service Provider dazu gezwungen Inhalte zu überwachen und zu sperren, um Verstößen aus dem Weg gehen zu können. Eine Maßnahme deren Auswirkungen sich gerade in China bereits beobachten lassen.

Am Pranger – doch zumindest nicht allein

Das Internet ist ein „dunkler Ort“, der „Urheberrechtsverletzungen geradezu fördert“. Zu diesem Schluss kam offenbar auch die Europäische Kommission. Denn nicht nur die US-Regierung kann wegen ihres Gesetzesentwurfs an den Pranger öffentlicher Beschimpfung gestellt werden. Längst gibt es in Europa einen ähnlichen Gesetzesentwurf, gegen den sich ähnlicher Protest regt. Das ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) wird bereits seit gut zwei Jahren im Stillen verhandelt. Unter den 39 teilnehmenden Staaten befinden sich neben den EU-Ländern auch die USA. Beschlossen wurde der Beitritt vom EU-Rat während einer Sitzung des Fischereiausschusses. Die Angst vor dem großen Dunkel und schneller Handlungsbedarf scheinen entsprechend groß zu sein.

Außergewöhnliche Umstände

Vielleicht ist die Frage ja gar nicht die, ob es eine Regelung geben muss, sondern mehr die, wie eine solche Regelung aussehen und wie sie umgesetzt werden soll. Dass das Internet ein außergewöhnlicher Raum ist, der auch außergewöhnliche Maßnahmen erfordert, wird wohl kaum jemand bestreiten. Doch bedeutet das nicht, dass es eventuell unangemessen ist, hier gewöhnliche Gesetze zum Einsatz zu bringen? Einen interessanten Anstoß dazu liefert die Quadrature de Net. Wenn in unserer modernen Zeit jeder Weltweit Zugriff auf im Internet verbreitete Kultur und andere Informationen hat, wie sinnvoll ist es dann eine alte Idee darauf  anzuwenden, die für jeden Akt eine ausdrückliche Genehmigung einfordern möchte?

Foto: flickr/~dolldreamer~ (CC BY-NC-SA 2.0)

Facebook-Beziehung gefällig? – 3…2…1…Deins!

von Mareen Michell

Auf Facebook mit der neuen Freundin prahlen und die Freunde beeindrucken? Die Ex eifersüchtig machen mit dem vollbusigen neuen Fang? Kein Problem! Ein Klick bei eBay genügt.

Beziehungshandel auf eBay – eine illegale Geschäftsidee

Vor ein paar Tagen trennten einen hiervon nur ein paar Mausklicks auf der deutschen Shopping-Website eBay. Junge Frauen boten hier käufliche, ausschließlich virtuelle Beziehungen auf bestimmte Zeit im sozialen Netzwerk Facebook an. Wer sicher gehen wollte, konnte beispielsweise direkt eine Freundin für 250€ erwerben. Doch die meisten Angebote waren herkömmliche Auktionen, bei denen sich das Gebot für den „Artikel“, wie beispielsweise eine 3-monatige Beziehung, nach und nach hochschaukelte. Neben dem reinen Beziehungsstatus, der im Profil oben bei den persönlichen Angaben wie Geburtsdatum, Schule oder Arbeitgeber erscheint, waren Pinnwand-Einträge, diverse Kommentare oder Likes bei Postings, sowie Bildern, oder auch Chatgespräche auf Freundschaftsniveau meistens inklusive.
Die Versteigerungen der Schein-Beziehungen erfreute sich in den letzten Wochen gesteigerter Popularität, woraufhin eBay auf die Geschehnisse aufmerksam wurde und die Auktionen beendete. Denn: Sie verstoßen gegen die eBay Geschäftsbedingungen, welche tatsächlich eine Klausel beinhalten, die bereits eben solche Versteigerungen virtueller Beziehungen untersagt. Leonie Bechtoldt, Sprecherin jenes wohl bekanntesten Auktionsportals, nahm Stellung zum Vorfall, indem sie versicherte, ein Team würde nach den verbotenen Artikeln sehen und diese löschen. Offenbar ist es erfolgreich in seinem Tun, denn beim Anklicken verschiedener Links, die einst zu den netten Ladies führten, erscheinen nun ausnahmslos Fehlermeldungen:  „Dieses Angebot wurde entfernt oder der Artikel ist nicht verfügbar.“
Schade für die Bieterinnen! Denn so manche hätte guten Gewinn erzielt, wie beispielsweise diese:

Für die horrende Gebots-Summe von 132.250 € bei immerhin 58 Geboten zur Zeit des Screenshots ist dann wohl auch eher ihr Foto als der recht einfallslose Text verantwortlich. Denn Die Artikelbeschreibung ihrer selbst lautete:

“Hey Jungs
Wer würde gerne eine 2 Monatige Facebook-Beziehung mit mir haben?
Dann fleißig bieten, ich warte!! 😀
egal wie alt und gilt ab da ich das Geld habe =)))”

Käufliche Liebe ist nichts neues, doch erscheint diese zwar harmlosere Form dennoch obskur. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass viele Facebook-user (unter ihnen meine eigenen Freunde) diverse dieser Auktionen in den vergangenen Wochen posteten. Selbstverständlich erreicht jede Meldung, die in einem Netzwerk mehrfach geteilt wird, binnen kürzester Zeit ein riesen Publikum. So wurden wohl die bis dato recht versteckt gebliebenen Geschäftchen der jungen Frauen bekannt. Denn die Idee und das Geschäftsmodell sind keineswegs so brandneu wie die Ermittlungen gegen die oftmaligen Fake-Profile, hinter denen keine realen Persönlichkeiten stehen. Die gab es bereits im August dieses Jahres, wie ein Blogger beweist. Zu seinem Blogeintrag gehört ein Bild, wieder ein Screenshot aus eBay. Erstaunlich ist, dass dieses Mal ein Mann seinen Namen und sein Profil für eine Web-Beziehung versteigert, waren es anderen Bloggern zufolge vor allem in letzter Zeit doch hauptsächlich weibliche Anbieterinnen.

Wie hoch bietest du? Oder: Wie tief sinkst du?!

Doch mal ehrlich: In was für einer Welt leben wir, in der sich offenbar nicht nur das halbe Leben im Internet abspielt, wo Leute gerne zeigen, in welcher Form einer Beziehung  sie angeblich mit wem stecken, sondern auch noch Menschen ganz bewusst sich selbst als Produkt in ein Shopping-Portal stellen?! Und ist es denn auf Käufer- bzw. Bieter-Seite nicht Selbstdiskriminierung genug, eine Fake-Beziehung mit einem Unbekannten einzugehen? Offenbar nicht. Denn gewinnen tut der, der am meisten bietet…oder doch eher der, der bereits am tiefsten gesunken ist? Beziehungen stellen im online-Zeitalter offensichtlich nichtmehr das dar, was sie einmal taten. Ständig liest man auf seiner Startseite neue Meldungen bezüglich des Beziehungsstatus‘ diverser (Facebook-)Freunde, die häufig genauso gerne teilen wenn sie sich wieder einmal getrennt haben und erneut zu den „Singles“ gehören, wie wenn sie eine neue (zeitweilige) Partnerschaft eingehen. Doch wer absichtlich provoziert, dass sein Beziehungsstatus für von vorneherein 2 festgesetzte Monate im Profil ganz schön aussieht und dafür auch noch hunderte, bzw. tausende von Euro hinblättert, ist schon ein schiefer Typ. Vielleicht fanden deswegen einige ihre Wunsch-Beziehungen in eBay unter der Rubrik „Sammeln & Seltenes > Total Verrücktes > Total durchgeknallt“, wie in einem Artikel dieses Medien-News-Portals  bereits im September berichtet wurde.

Prestige-Förderung durch falsche Beziehungen?

Insgesamt dient dieses ganze Vorspielen und fälschliche Vorgeben einer interpersonalen Beziehung auf Facebook jedoch einzig und allein dem Prestige einer Person, das bei besonders hübschen, oder „geilen“ Freundinnen / Freunden, wohl positiv beeinflusst wird. So, oder so ähnlich müssen die Motive der Mitsteigerer auf eBay ausgesehen haben, denn wie in einem weiteren privaten Online-Blog  beschrieben ist, beinhalteten die Angebote „kein reales Treffen oder jegliche Chancen auf ein reales Kennenlernen.“ Weiter steht dort, dass die Freundschaft und der Beziehungsstatus sofort vom Anbieter gekündigt werden darf, sobald obszöne Mails, Bilder, oder Anfragen auch nach einer Verwarnung nicht aufhören sollten. Es war also von vorne herein erklärt, dass sich der Ersteigerer seines als allgemein für hübsch befundenen „Artikels“ keine Hoffnungen auf mehr oder eine jemals echte Beziehung machen durfte.
Doch auch auf der anderen, der Anbieter-Seite, ist es, wie bereits erwähnt, doch fragwürdig, sich auf materielle Ebene herabzusetzen und sogar seinen „Artikelzustand“ anzugeben. Manche titulieren sich als „sehr gut“ , andere geben sogar in wenig für sich werbender Art und Weise an, bereits „gebraucht“ zu sein.

Online-Handel mit Dienstleistungen für soziale Netzwerke wird immer populärer

Da fragt man sich:  Wie weit soll dieser Handel mit Dienstleistungen für soziale Netzwerken noch gehen? Schockierend genug ist es, dass, seit geraumer Zeit jegliche Dienste online für Geld zu haben sind. Und das ganz legal und völlig normal?! Beispielsweise zahlt man bei getfansfast.com bis zu knapp 3.000$ für bis zu 10.000 neue Facebook-Fans, und das alles bei 100%iger Geld-zurück-Garantie, falls es nicht funktionieren sollte. Ein anderes Beispiel ist die Seite Fünfi.de, auf der, passend zum Namen, 5-€-Deals zu allem Möglichen abgeschlossen werden können. Gibt man den Suchbegriff „Facebook“ ein, ergibt sich eine Liste diverser Dienste. Ob man nun sein Produkt promoten lassen möchte, oder lieber „how-to“-Tipps für 500 neue Fans pro Tag  bekommen will – das Portal lässt keine Wünsche offen. Wirklich keine. Denn auch hier bietet eine Verkäuferin namens Fashionmodel an, über 2 Monate hinweg eine Facebook-Beziehung mit dem Käufer zu führen – inklusive Beziehungsstatus, süßer Posts, oder Modelbilder ihrer selbst auf seiner Pinnwand. Dieses Konzept funktioniert auch für andere soziale Netzwerke wie StudiVZ oder Wer-kennt-wen.de, wie weitere bei Fünfi.de aufgelistete Angebote zeigen. Anscheinend ist hier die gefundene Marktlücke, welche ja auf eBay verboten ist, nicht nur ebenfalls bereits entdeckt worden, sondern auch gut am Laufen. Denn der Beschreibung des genannten Beziehungs-Angebots für Facebook lässt sich entnehmen, dass bereits zwei Aufträge bei Fashionmodel in der Warteschlange sind.
Völlig crazy? – Ja! Denn auch dieses Angebot findet sich bei Fünfi.de unter der Kategorie „Verrücktes“.

Die Multitasking-Medien

von Alexander Karl

Multitasking ist die Norm

Während ich diesen Text schreibe, läuft im Hintergrund Musik, Facebook ist in einem Tab offen und mein Handy hat mir gerade eine SMS angekündigt. Für die Generation der digital natives klingt dies zunächst einmal nicht ungewöhnlich. Unsere Aufmerksamkeit wird gespalten, schlussendlich auch für verschiedene mediale Angebote. Denn die Angebote im Zeitalter des Internets sind so reichhaltig, dass man fast schon parallel arbeiten muss, um wenigstens einen Bruchteil zu nutzen.

Dass Medien immer häufiger parallel genutzt werden, fand 2011 auch eine Studie des Fernsehsenders MTV heraus. Folgende Ergebnisse betrachten die Studienleiter als wichtig:

  • Die 14-49 Jährigen schauen eher abends fern und nutzen Internet und WebTV tagsüber
  • Die allgemeine Mediennutzung wächst trotz gleichbleibender frei verfügbaren Zeit über die parallele Mediennutzung
  • Internet wird häufiger parallel zu anderen Medien genutzt, als Fernsehen
  • Internet und Fernseher werden am häufigsten gleichzeitig genutzt
  • Der Fernseher wird überwiegend exklusiv am Abend genutzt, jedoch nimmt die parallele Nutzung zu

Besonders interessant ist, dass das Fernsehen v.a. zur Primetime genutzt wird, während sonst das Internet am beliebtesten ist. Doch gerade dann ist auch die Parallelnutzung des Internets am größten.

Dieser Trend schlägt sich etwa bei Twitter nieder. So gehört es fast schon zum guten Ton, online über den ‚Tatort‘ zu diskutieren. Bei einer Dezember-Folge kamen beispielsweise 4.700 Tweets zusammen, in der Storyline, Aufbereitung und Farbgebung besprochen wurden. Weiter geht aber ‚The Voice‚: Dort wird zur parallelen Nutzung von Fernsehen und Internet geradezu aufgerufen. Denn in den aktuellen Liveshows wird in die Lounge geschaltet, in der Kandidaten die aktuellen Kommentare von Twitter und Facebook gezeigt werden.

Es liegt also nicht unbedingt an der Qualität des TV-Angebots, dass man sich nebenbei im Internet tummelt – im Gegenteil. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Frauen etwa die Antworten auf Quizfragen suchen, während Männer sich von der TV-Werbung zum Online-Shopping verleiten lassen.

Schattenseite des Multitaskings

Aber Multitasking hat auch seine Schattenseiten: Es schadet der Gesundheit. Von Stress bis hin zum Burn-out kann die parallele Nutzung ziemlich viele ungute Reaktionen im Körper hervorrufen. Und: Es ist nicht effektiv. Das zeigt eine Studie des Ulmer Hirnforschers Manfred Spitzer. Bei der Frankfurter Rundschau heißt es darüber:

Probanden, die als starke oder geringfügige Medien-Multitasker klassifiziert wurden, absolvierten kognitive Tests. Dabei zeigte sich, dass die Nicht-Multitasker die Aufgaben besser lösten, aufmerksamer und schneller waren und besser zwischen Aufgaben wechseln konnten. Spitzer glaubt, Multitasker würden sich durch ihre heftige Mediennutzung Oberflächlichkeit und Ineffektivität geradezu antrainieren.

Eine bereits 2009 durchgeführte Studie der Stanford University kommt zu einem ähnlichen Ergebnis:

Als Gegenbewegung zum Multitasking gibt es die Achtsamkeitstherapie, die den Fokus wieder auf einzelne Handlungen richten soll. Also weg von der parallelen Nutzung, hin zu einer Aufgabe, die dafür aber bewusst absolviert wird. Und das soll auch für die Wirtschaft gut sein – denn der Versuch des Multitaskings kostet allein die US-Wirschaft 650 Milliarden Dollar im Jahr. Ich habe zwischendrin übrigens die Musik beim Schreiben ausgemacht. Ich will ja der Wirtschaft nicht schaden. Na ja, vor allem mir nicht.
Foto: flickr/ryantron (CC BY-ND 2.0)

Unser Leben im Netz (Teil 2)

von Alexander Karl

Wir sind digital natives. Wir sind die Zukunft. Wir sind online. Ziemlich oft sogar und ziemlich lange. Aber was machen wir im Netz? Und wie verändert das Internet sich und schlussendlich uns? media-bubble.de wirft einen Blick auf aktuelle Studien zu unserem Nutzungsverhalten.

Diesmal: Google und die Merkfähigkeit, die Wikipedia-Schreiber und die Zukunft des Internets.

Google und die Merkfähigkeit

Google merkt sich ja ziemlich viel. Um etwa die Google-Suche zu optimieren, nutzt die Suchmaschine 57 Indikatoren, die bei jedem Besuch untersucht werden. Neben Informationen über unsere Search History,  den Browser, den Aufenthaltsort und der genutzten Sprache wird auch dokumentiert, wie lange man zum Tippen seiner Anfrage braucht, ob man mit Enter oder der Maus die Suche abschickt, ob die Autovervollständigung genutzt wird und so weiter. Da klingt es ein wenig verwunderlich ,wenn Stefan Keuchel, Pressesprecher bei Google Deutschland, der ComputerBILD sagt: „Wenn jemand die Google-Suche nutzt, ist das recht anonym, schließlich ändert sich bei den meisten regelmäßig die IP-Adresse und Namen kennen wir auch keine.“ Na ja. Außer, man nutzt Google+, denn dann personalisiert Google die Suche noch weiter.

Aber wie verändert sich die menschliche Merkfähigkeit durch Google? Das haben Forscher der Columbia University untersucht und fanden heraus:

“Our brains rely on the Internet for memory in much the same way they rely on the memory of a friend, family member or co-worker. We remember less through knowing information itself than by knowing where the information can be found.”


Der Spruch: „Man muss nur wissen, wo es steht“, bekommt durch Google eine ganz neue Bedeutung. Sachen von denen wir ausgehen, dass wir sie online finden, vergessen wir. Wenn wir aber glauben, dass wir etwas nicht im Netz finden, merken wir es uns.

Wikipedia – und keiner schreibt

Wikipedia ist wohl mittlerweile jedem Internetnutzer ein Begriff, immerhin findet man zum eingegebenen Suchbegriff sehr häufig zunächst die entsprechende Seite der Online-Enzyklopädie. Doch Wikipedia gehen die Autoren aus! So verschwanden etwa in den ersten drei Monaten des Jahres 2009 bei der englischen Version des Angebots 49.000 Schreiber. Und der Einstieg ist für neue Autoren nicht mehr reizvoll: „So werden Beiträge von Wikipedia-Neulingen heute viel öfter gelöscht als früher. Auch das Artikelwachstum ist längst vom ursprünglich exponentiellen Pfad zu einem eher linearen Wachstum übergegangen“, fasst heise.de den Trend zusammen. Heißt also: Viele Themengebiete sind mittlerweile beackert, viele Einträge müssen nur ab und an aktualisiert werden – es gibt nicht viel zu tun, aber viel zu lesen. Auch die ARD-ZDF-Onlinestudie des Jahres 2011 stellt fest, dass viele Wikipedia nutzen (97 %), aber nur 1 Prozent etwas einstellt und lediglich 2 Prozent beides tun.

Einen Vorschlag für die Weiterentwicklung von Wikipedia – nämlich einen Angriff auf Facebook – bringt Der Freitag:

„Wikipedia ist nicht mehr sexy. Dies kann sich ändern, wenn Wikipedia sich ein Soziales Netzwerk zulegt. Die Software gibt es bereits: Diaspora funktioniert sehr gut. Die Idee hinter Diaspora ist überzeugend: eine Open Source-Software, die es erlaubt, dezentrale, aber miteinander kompatible Soziale Netzwerke zu installieren. Diaspora zu implementieren hätte für Diaspora und für Wikipedia eine positive Signalwirkung: Diaspora würde an Attraktivität und Bekanntheit gewinnen und Wikipedia könnte wieder jugendlicher werden.“

Von den technischen Möglichkeiten einmal abgesehen: Wäre das ein Schritt, den Wikipedia wagen könnte, vielleicht sogar sollte? Nein, sollte Wikipedia nicht. Denn wenn Wikipedia nicht genügend Nutzer gewinnt und noch kläglicher scheitert als Google+, würde Wikipedia einiges an Vertrauen verlieren. Und das ist das letzte, was der Community passieren sollte.

Die Zukunft des Internets

Was könnte die Zukunft in der digitalen Welt mit sich bringen? Was wird sie uns bringen? Zum einen könnte der Traum vom offenen Netz ein für alle Mal ausgeträumt sein – und wir sind selbst daran Schuld. Jonathan Zittrain ist Professor für Recht und Informatik an der Harvard University und sieht in den Smartphones und Tablet-PCs eine große Gefahr. Denn anders als der PC-Marktführer Microsoft bestimmen Apple und Co. die Inhalte von Software, also der Apps:

„Das Zulassungsprocedere von Apps verschleiert allerdings, worum es wirklich geht: Das Geschäft von IT-Unternehmen besteht jetzt auch darin, Texte, Bilder und Töne zu genehmigen – und das auch noch einzeln. Sie bestimmen, was wir auf den wichtigsten Portalen der Welt finden und nutzen können. […] Zwei, drei Betriebssystem-Hersteller sind in der Position, sämtliche Apps und deren Inhalte zu verwalten, und eine kleiner werdende Gruppe von Cloud-Dienste-Anbietern ermöglicht Webseiten oder Blogs, die vor Denial-of-Service- Problemen geschützt sind.“

Der SPIEGEL brachte Ende 2011 eine Titelgeschichte, in der Zittrains Überlegungen noch ein wenig weiterführt werden: Per se gibt es im Internet keine Monopole. Gleichzeitig haben sich aber mittlerweile vier US-Firmen herausgebildet, die den Online-Kuchen zu großen Teilen unter sich aufteilen: Amazon, Apple, Facebook und Google. Jeder bedient eigentlich ein eigenes Segment, gleichzeitig wildert mittlerweile jeder im Revier des anderen: Amazon bringt mit dem Kindle Fire ein Tablet-PC  auf den Markt und greift Apples iPad an, Google+ soll Facebook den Kampf ansagen – und so weiter. Am Ende liegt dann wieder die Entscheidung beim Nutzer – also bei uns – auf welchem Unternehmen er sein Vertrauen (und seine Daten) schenkt.

Wir User werden also in den nächsten Jahren wohl noch häufig überlegen müssen, was wir in der digitalen Welt so alles tun oder auch nicht. Wem wir unser Vertrauen schenken oder auch nicht. Es bleibt also spannend wie sich das Web (und somit unser Leben) verändern wird. Übrigens: Eine erste Prognosen zu den Entwicklungen im Social Web 2012 findet ihr hier.

Unser Leben im Netz (Teil 1) über den digital divide, Facebook und E-Mail gibt es hier.

Foto: flickr/keso (CC BY-NC-ND 2.0)

Unser Leben im Netz (Teil 1)

von Alexander Karl

Wir sind digital natives. Wir sind die Zukunft. Wir sind online. Ziemlich oft sogar und ziemlich lange. Aber was machen wir im Netz? Wofür nutzen wir das World Wide Web? media-bubble.de wirft einen Blick auf aktuelle Studien zu unserem Nutzungsverhalten – von Facebook, über E-Mail bis Google.

Diesmal: Deutschland online, Facebook und E-Mail.

Deutschland online

Fast 52 Millionen Deutsche sind mittlerweile online, das entspricht etwa 73 Prozent – das ergab die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011. Die Altersgruppe der 14-19-jährigen ist zu 100 Prozent online, bei 20-29-jährigen sind es 98,2 Prozent. Ältere User sind noch immer seltener online als die jungen – aber es werden immer mehr. Ein Großteil der Deutschen ist also online, der ‚digital divide‚ scheint eine Sorge der Vergangenheit zu sein. Und docht mahnt die Studie, nicht allein das Vorhandensein von PC und Internet als Triumpf zu feiern: „Vielmehr sind heute „weichere Kriterien“ für die Unterscheidung zwischen Nicht und Gelegenheitsnutzern sowie routinierten Nutzern heranzuziehen – nämlich Grad der Medienkompetenz, Nutzungsvielfalt und Anwendungsroutinen.“

Nutzungsvielfalt ist ein wichtiger Punkt – denn was machen wir ‚digital natives‘ nun online? Die Altersgruppe der 14-29-jährigen ist durchschnittlich 168 Minuten pro Tag, also fast 3 Stunden. Viel Zeit für buntes Treiben im Netz. Beschränkt wird sich aber zumeist auf die Standard-Angebote: 80 Prozent senden mindestens einmal wöchentlich eine E-Mail, 95 Prozent nutzen im gleichen Zeitraum eine Suchmaschine, 71 Prozent sind auf Online-Communitys präsent – so die Studienergebnisse (siehe auch Tabelle rechts).

E-Mail versus Facebook

Eine interessante Frage ist, welche Kommunikationswege von den Onlinern genutzt werden. So fand die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 heraus: „66 Prozent der 20- bis 29-jährigen Onliner nutzen Xing, Facebook oder andere Communitys, zu den E-Mail-Anwendern (mindestens wöchentlich) zählen dagegen 81 Prozent (2010: 92 %).“

Während über Facebook in der Vergangenheit also immer wieder philosophiert wurde, jede Entwicklung durch die Medien ging und über die Zukunft der Plattform diskutiert wurde, gab und gibt es im Windschatten noch immer eine Anwendung, die nicht tot zu kriegen ist – die E-Mail.

Jüngst ergb dies auch eine Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW): „Neue, intelligente Smartphones werden dank der Kombination aus Telefonie, E-Mail und sozialer Kommunikation gerade für die Verbraucher attraktiv“, sagte Olav Waschkies, Vize-Vorsitzende der Fachgruppe Mobile im BVDW, dem Branchendienst Meedia. So scheinen soziale Netzwerke sich positiv auf die Nutzungsintensität auszuwirken. Platzhirsch bleibt aber die E-Mail. Auch die Grafik rechts zeigt: Noch immer stehen E-Mails hoch im Kurs – egal ob Internet-Jungspund oder Veteran.

Weiterhin feiert aber auch Facebook in Deutschland große Erfolge: „Facebook konnte die Zahl seiner Mitglieder binnen eines Jahres mehr als verdoppeln. Zum 16. Juli 2011 waren in Deutschland knapp 20 Millionen Menschen auf Facebook angemeldet, dies entspricht rund 24 Prozent der deutschen Bevölkerung.“ Wie es oftmals aber der Fall ist, scheint es auch zu Facebook eine Gegenbewegung zu geben – nämlich hin zu beschränkten Netzwerken, die etwa nur 50 Freunde fassen. Ob sich diese wirklich durchsetzen werden?

Übrigens: Auch Facebook versuchte ins E-Mail-Geschäft einzusteigen. So konnte man seine E-Mail-Adresse mit @facebook.com anlegen. Das sähe laut Unternehmensinfo dann so aus: „Wenn dir jemand eine E-Mail von diesen externen Systemen schickt, geht sie direkt in deinen Facebook-Nachrichten ein. Falls du Nachrichten an externe E-Mail-Adressen schickst, werden diese so wie deine Nachrichten auf Facebook formatiert und enthalten deinen Namen und dein Profilbild zusammen mit deiner Nachricht.“ Über Erfolg oder Misserfolg ist mir leider nichts bekannt. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass viele sich neben ihrem Facebook-Profil und ihrer E-Mail-Adresse (die man übrigens zur Anmeldung bei Facebook braucht) eine zusätzliche @Facebook-Adresse macht.

Freundschaft und Facebook

Wie entstehen Freundschaften bei Facebook? Wie enden sie? Auch dazu gibt es eine Studie, die wenig überraschend sagt, dass wir zu 82 Prozent Menschen aus dem „echten Leben“ als Freunde hinzufügen. 55 Prozent schmeißen Freunde aus ihrer Liste, wenn diese verletzende Kommentare schreiben. Eine Freundschaft baut in den meisten Fällen übrigens auf Gemeinsamkeiten auf, wobei die Einflussnahme auf die Facebook-Kontake gering bis nicht vorhanden ist – bis auf Klassik und Jazz-Liebhaber, die sich anscheinend untereinander beeinflussen, wie eine Harvard-Studie ergab.  Aber Facebook wirft noch mehr Fragen auf: Soll man seinen Chef als Freund hinzufügen? Laut einer Forsa-Umfrage würde die Mehrheit der Deutschen dies nicht tun – und nur 2 Prozent würde selbst die Initiative ergreifen und dem Arbeitgeber einer Freundschaftsanfrage stellen. Das ist vielleicht auch besser so – im November 2011 wurde ein Mitarbeiter von IKEA entlassen, da dieser anscheinend auf Facebook mit der NPD sympathisierte.

 

Im nächsten Teil: Google und die Merkfähigkeit, Wikipedia und die Zukunft der Online-Welt

Foto: flickr/TF28 ❘ tfaltings.de (CC BY-NC-SA 2.0)