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1, 2 oder 3? Braucht Facebook ein drittes Geschlecht?

von Alexander Karl

 

Nepal ist nicht unbedingt als progessives Land bekannt. Im Gegenteil. Und trotzdem stammt der aktuelle Vorstoß von einem Abgeordneten aus Nepal: Sunil Babu Pant, Gründer und Vorsitzender der Blue Diamond Society, Nepals erster LGBTI-Organisation, setzt sich für ein drittes Geschlecht auf Facebook ein. Was sagt Zuckerberg dazu?

 

Facebooks Macht

In einem offenen Brief an Facebook-Gründer Marc Zuckerberg, schreibt Sunil Babu Pant:

[…] However people who do not identify as male or female continue to be sidelined by Facebook’s options. As you allow users to identify only as male or female, many in the LGBTI community feel as if they are hidden on the site, unable to identify as their true selves.

In Nepal, we have been working with the government to improve this identity-based access to documentation and civic participation. The Government of Nepal is working to implement a third gender option, labeled “other,” on all official forms and registers.

I encourage you to do the same, for the sake of respect for gender-variant people around the world who want to socialize, organize, and be a part of your 21st century internet revolution. I encourage Facebook to celebrate diversity. […]

Bisher scheint Zuckerberg auf seinen Vorstoß noch nicht reagiert zu haben, zumindest findet man weder auf Facebook eine Änderung, noch auf der Seite der Blue Diamond Society.

Die Debatte an sich ist aber äußerst zeitgemäß: So gab es Ende Feburar 2012 die Stellungnahme des deutschen Ethikrats, der sich für die Einführung eines dritten Geschlechts stark macht. Der Focus fasst den Vorstoß so zusammen:

Das Gremium ist der Auffassung, dass ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf Gleichbehandlung vorliegt, wenn Menschen, die sich wegen ihrer körperlichen Konstitution weder dem Geschlecht weiblich oder männlich zuordnen können, rechtlich gezwungen werden, sich auf dem Standesamt einer dieser Kategorien zuzuordnen.

Dieses dritte Geschlecht soll dann unter „anderes“ subsummiert werden. Sicher, auch diese Bezeichnung wirkt auf den ersten Blick nicht sonderlich glücklich gewählt. Aber besser als „sonstiges“ ist sie alle mal.

Außerdem könnte die Einführung eines dritten Geschlechts dafür sorgen, dass Babys mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen in Zukunft nicht mehr zwangsweise operiert werden, um entweder männlich oder weiblich zu sein. Es finden sich online eine Vielzahl von Berichten von Betroffenen, die über die seelische und körperliche Folter dieser Anpassung klagen, nur um in das duale Geschlechtersystem zu passen.

Würde nun also Facebook ein „drittes Geschlecht“ einführen, wäre dies ein deutliches Zeichen und würde vielleicht sogar eine gesellschaftliche Debatte auslösen, die im Fall von Facebook weltweit einsetzen würde. Denn über 845 Millionen Menschen würden damit konfrontiert werden – und erneut könnte Facebook seine Macht demonstrieren. Diesmal aber für eine wirklich gute Sache.

Foto: flickr/Hub☺ (CC BY-SA 2.0) ; Screenshot facebook.de (Profilseite; 2.4.2012)

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum “Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie”  am 17.5.2012. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

Homo-Hass im Web

von Alexander Karl

Das Internet bietet viele Möglichkeiten, seine Meinung kund zu tun. Kritisch wird es dann, wenn (Rand-)Gruppen diskriminiert werden. Gerade Homosexualität gilt noch immer als Tabu und sorgt im Internet für Wirbel. Wie weit darf die freie Meinungsäußerung gehen?

Homo-Hass online

„It gets better“ soll LGBT Mut machen.

Unter dem Motto „NEVER confuse HATE speech with free speech – HATE SPEECH KILLS !“ macht Wipeout homophobia on Facebook (WHOF) auf ein grundlegendes Problem des Internets – und gerade Facebook – aufmerksam: Dort, wo die freie Meinung erlaubt ist, wird ihr oftmals keine Grenze gesetzt. Dies geht bis hin zur Diskriminierung. Kevin ‚Kel‘ O’Neil, Gründer von WHOF, suchte 2010 nach schwulen Gruppen bei Facebook und stieß auf zwei Hater-Gruppen. „I decided to“report“ both pages. Hate speech is illegal in most of the free world and is also against Facebook’s own terms of use“, so O’Neil. Daraufhin wurde die WHOF-Seite auf Facebook gegründet. Regelmäßig wird sich für die Rechte von Homosexuellen in den USA eingesetzt oder über neue Projekte berichtet. Mittlerweile hat die Fan-Seite von WHOF bei Facebook rund 340.000 Mitglieder.

Doch nicht nur werden immer wieder homophobe Seiten und Gruppen gegründet, auch in Kommentaren werden (vermeintliche) Schwule diskreditiert. Facebook ist da längst kein Einzelfall. Ebenso wird bei YouTube Schwulenhass zur Schau gestellt und immer wieder werden die Betreiber der Seiten kritisiert, weil die Löschung zu lange dauert.

Dass dieses Problem kein rein US-amerikanischen ist, zeigt das Beispiel Viva: Der Musiksender postete auf seiner Facebook-Seite ein Bild von Bill Kaulitz‘ (Tokio Hotel) neuer Frisur. Die Reaktion der User schockierte die Redaktion: „Die darauffolgende Stunde waren unsere Redakteure damit beschäftigt, hunderte schwulenfeindliche und diskriminierende Kommentare unter dem Beitrag zu löschen.“ In einem Blogbeitrag der Redaktion erteilte Viva Homophobie eine Absage:

Wir fragen uns: Was ist da los? In der heutigen Zeit, in unserer Generation, bei all dem kulturellen und politischen Fortschritt wundern wir uns darüber, dass es immer noch so viele Jugendliche gibt, die über das Thema Homosexualität nicht hinreichend aufgeklärt sind und deswegen so engstirnig und herablassend damit umgehen.

[…]

Unser Fazit: “Schwul“ ist keine Beleidigung und sollte als solche auch nicht verwendet werden!
Um dem Thema noch mehr Ausdruck zu verleihen, haben wir hier einige Gay Pride Bilder und Musikvideos für Euch gesammelt und erklären Euch mehr zu „Gay Pride“ und „LGBT“:

Aufklärung und Hilfe 2.0

Vivas Antwort auf die Kommentare kann nur vorbildlich genannt werden. Denn die offene Auseinandersetzung mit Homosexualität kann nämlich auch durch das Netz vorangetrieben werden. So gibt es etwa das Projekt „It gets better„, in dem vom Promi bis hin zum Jungen von nebenan jeder der Online-Welt Mut machen kann, sich zu outen. Auch Mitarbeiter von Facebook zeigten Flagge:

In Deutschland gibt es ein ähnliches Portal: „Du bist nicht allein„. Dort soll gerade jungen Schwulen ermöglicht werden, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und einen Weg zu finden, mit seiner Sexualität umzugehen. Gleichzeitig verbreiten sich homophobe Aussagen im Web wie ein Lauffeuer – das musste in letzten Jahr auch der Ex-Formel-1-Fahrer Niki Lauda merken, als seine homophoben Aussagen einen Proteststurm hervorriefen. Und auch Facebook will nun gemeinsam mit der US-Organisation GLAAD dafür sorgen, dass im Netz weniger diskriminiert wird.

 

Foto: flickr/nettsu (CC BY-NC-ND 2.0)

Der ewige Bundespräsident – zumindest bei Facebook

von Alexander Karl

Eigentlich müsste das Thema Wulff langsam einmal langweilig werden. Denn nach dem Zapfenstreich, der auch wieder für Wirbel sorgte, könnte es eigentlich ruhig um den Ex-Bundespräsidenten werden.

Aber eine Frage bleibt: Warum ist Wulff bei Facebook noch immer Bundespräsident (Stand: 10.März 2012, 17.33 Uhr)?

Der letzte Post auf der Fanpage von Wulff – die übrigens www.facebook.com/Christian.Wulff.Bundespraesident ist – ist zwar vom 14. Februar. Doch seitdem scheint niemand in den Sinn gekommen zu sein, Wulffs Info-Seite zu aktualisieren. Sprich: Ihn zum Bundespräsidenten a.D. zu küren, der er nun einmal mittlerweile ist. Auf der offiziellen Homepage des Bundespräsidenten heißt er übrigens bereits „Bundespräsident a.D. Christian Wulff“.

Rückblick: Wulffs Facebook-Seite wurde in der Vergangenheit von Usern/Bürgern genutzt, um ihn zum Rücktritt aufzufordern.

 

Foto: Screenshot Facebook.de (10.03.2012)

Der Facebook-Code

von Alexander Karl

Die wunderbare Facebook-Welt scheint offen für alle und alles. Doch nicht immer ist das tatsächlich so. Denn wie jetzt bekannt wurde, gibt es bestimmte Themen, die der Social-Media-Riese aus dem Netz tilgt: Ganz vorne dabei ist Sex – aber auch stillende Mütter.

Offiziell: Vieles ist erlaubt

Die Facebook-Gemeinschaft wächst täglich, doch was die User nur selten wissen, ist was in der Welt hinter dem blauen Logo passiert. Amine Derkaoui, ein 21-jähriger Marokkaner, weiß, wie es hinter den Kulissen aussieht: Er arbeitete für eine Firma, die die Facebook-Richtlinien überwacht. Bezahlung: Ein Dollar in der Stunde! Nun öffnete er dem US-Blog Gawker die Türen zu bisher geheimen Facebook-Richtlinien, die weit mehr Informationen darüber geben, was bei Facebook geht oder nicht, als die Selbstdarstellung dies bisher tat.

Offiziell heißt es unter den „Standards der Facebook-Gemeinschaft„:

Als zuverlässige Gemeinschaft von Freunden, Familienmitgliedern, Arbeitskollegen und Klassenkameraden reguliert sich Facebook weitgehend selbst. Menschen, die Facebook nutzen, können Inhalte melden, die sie fraglich oder anstößig finden, und tun dies auch. Um die Bedürfnisse und Interessen einer globalen Gemeinschaft zu berücksichtigen, bitten wir alle Nutzer darum die folgenden Standards für Inhalte zu respektieren: Drohungen, Darstellung von Selbstverletzung, Schikane & Belästigung, Hassreden, Grafische Gewalt, Sex & Nacktheit, […]

Inoffiziell etwas wundersam

Was „weitgehend“ heißt, zeigt das Dokument von oDesk, der Firma, wo Amine Derkaoui angestellt war: Dort ist detailliert aufgelistet, was geht und was nicht:

1. Any OBVIOUS sexual activity, even if naked parts are hidden from view by hands, clothes or other objects. Cartoons/art included. Foreplay allowed (kissing, groping, etc.) even for same-sex individuals. […]

6. Breastfeeding photos showing other nudity, or nipple clearly exposed. […]

9. People “using the bathroom”. […]

Während der neunte Punkt fast noch amüsant wirkt, brachten die anderen beiden Punkte Facebook zuletzt in die Schlagzeilen: Das Foto eines küssenden schwulen Paars wurde ebenso zensiert wie auch ihre Kinder stillende Mütter. Die laufen Sturm gegen die Regelung. Den „Regeln“ von Facebook zufolge würde das linke Bild der stillenden Mutter verboten werden, das rechte wäre ok. Paradox, dass das, gerade in den USA zumeist so prüde behandelte, Thema Sexualität hier mit Argusaugen beobachtet wird.

Übrigens: Cannabis ist bei Facebook ok (solange man es nicht verkauft), andere Drogen dürfen allerdings nicht erwähnt werden.

Fernab von Bildern gibt es auch klare Regeln, was geschrieben werden darf oder nicht. Zwei Bespiele mit sexuellem Inhalt, die einmal verboten, einmal erlaubt sind:

[Unconfirmed] Yeah I’d like to poke that bitch in the pussy. [poke in the pussy = sex. No details given]

[Confirmed] Ladies and girls, I need some pussy. Call me on 555 143 5746 [sexual solicitation]

Außerdem: Der Holocaust darf nicht geleugnet werden, Kinderpornographie ist natürlich auch verboten und Staatsoberhäupter dürfen nicht bedroht werden. Ein wenig verwundert ein besonderes Foto-Verbot: „Burning the Turkish flag [other flags are ok to be shown burning]“. Warum dürfen alle anderen Flaggen brennend gezeigt werden?

Ebenfalls verwunderlich ist der Umgang der Darstellung von toten Tieren: „Poaching of animals should be confirmed. Poaching of endangered animals should be escalated“. Und Blut ist an und für sich auch kein Grund, ein Bild zu löschen: „Deep flesh wounds are ok to show; excessive blood is ok to show. Crushed heads, limbs, etc. are ok aslong as no insides are showing“.

Psychische Schäden der Mitarbeiter

Generell ist der Richtlinienkatalog natürlich positiv zu bewerten – und auch, wenn es Menschen gibt, die sich Facebook noch einmal genauer ansehen. Doch diese haben mit hohen psychischen Belastungen zu kämpfen. Gegenüber dem Blog Gawker sagten Mitarbeiter einer Firma, die sich mit den Abgründen der Facebook-Welt beschäftigt:

„Think like that there is a sewer channel,“ one moderator explained during a recent Skype chat, „and all of the mess/dirt/ waste/shit of the world flow towards you and you have to clean it.“

Each moderator seemed to find a different genre of offensive content especially jarring. One was shaken by videos of animal abuse. („A couple a day,“ he said.) For another, it was the racism: „You had KKK cropping up everywhere.“ Another complained of violent videos of „bad fights, a man beating another.“

One moderator only lasted three weeks before he had to quit.

„Pedophelia, Necrophelia, Beheadings, Suicides, etc,“ he recalled. „I left [because] I value my mental sanity.“

Übrigens: Bei manchen Sachen bedarf es keiner Mitarbeiter – manchmal zensiert Facebook automatisch. Zum Beispiel werden Links zu Porno-Seiten über den Chat erst gar nicht verschickt.

 

Foto: flickr/ pshab (CC BY-NC 2.0), flickr/ gweggyphoto (CC BY-NC-ND 2.0)

Minderwertigkeitskomplexe dank Facebook

von Alexander Karl

Innerhalb von zwei Jahren stieg die Anzahl der Facebook-Nutzer allein in Deutschland von 5,8 Millionen auf 21,1 Millionen – Tendenz steigend. Fernab der Diskussionen über Datenschutz und Co. bringt Facebook aber auch Gefahren für die Psyche. Aktuelle Studien belegen, wie Facebook die Seele krank machen kann.

Facebook und der Selbstwert

Partybilder auf Facebook – lustig oder nervig?

Eine Freundin scheint gar nicht mehr zu studieren, sondern von Dubai bis Spanien nur auf Reisen zu sein. Andere posten ständig neue Bilder von lustigen (und feuchtfröhlichen) Partys, während man selbst über seinen Fachbüchern hängt. Und kommt es einem nur so vor oder ist gerade wirklich jeder in einer Beziehung, während man selbst Single ist?

Facebook wirkt auf uns – die Frage ist nur wie. Derzeit werden vermehrt Untersuchungen dazu durchgeführt. Nina Haferkamp und Nicole C. Krämer etwa untersuchten in ihrer 2011 veröffentlichten Studie „Social Comparison 2.0: Examining the Effects of Online Profiles on Social-Networking Sites„, welche Wirkung die Selbstdarstellung bei Facebook hat. Zu ihren Erkenntnissen gehört:

The experiment shows that people who look at attractive users have less positive emotions afterwards and are also more dissatisfied with their own body image than people who look at unattractive users.

[…]

Within the group of males, the analysis showed that those who looked at the successful vitae revealed a higher real– ideal discrepancy than those who looked at the less successful ones.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Facebook unzufrieden machen kann – wenn man sich mit anderen vergleicht und den Kürzeren zieht. Doch das experimentelle Studiendesign bringt die Frage mit sich, ob dies in der Realität tatsächlich genauso ist. „Damit ist noch nicht klar, in wie weit in der Realität herausragende Profile tatsächlich aufgesucht werden. Es könnte z.B. sein, dass man bei Minderwertigkeitsgefühlen gezielt weniger herausragende Profile aufsucht, um sich anschließend besser zu fühlen“, sagte Dr. Katrin Wodzicki vom Institut für Wissensmedien (IWM) aus Tübingen media-bubble.

Die Facebook-Depression

Aber auch die Amerikanische Akademie der Kinderärzte (AAP) warnt vor den Gefahren bei Facebook. So heißt es in deren Report: „Because of their limited capacity for self-regulation and susceptibility to peer pressure, children and adolescents are at some risk as they navigate and experiment with social media.“

Eine Gefahr, vor der die AAP warnt, ist etwa das Online-Mobbing: „[…] cyberbullying is quite common, can occur to any young person online, and can cause profound psychosocial outcomes including depression, anxiety, severe isolation, and, tragically, suicide.“ Eine weitere Gefahr ist die sogenannte Facebook-Depression, die den Depressionen in der ’normalen‘ Welt gleichen:

As with offline depression, preadolescents and adolescents who suffer from Facebook depression are at risk for social isolation and sometimes turn to risky Internet sites and blogs for “help” that may promote substance abuse, unsafe sexual practices, or aggressive or selfdestructive behaviors.

Jüngst berichtete auch die New York Times, dass ‚dark postings‘ bei Facebook nicht einfach ignoriert werden sollten – sie können ein Anzeichen einer ernsthaften Depression sein. Eine Studie der University of Washington und der University of Wisconsin-Madison fand etwa heraus, dass etwa 30 Prozent der untersuchten Posts die Kennzeichen von Depressionen erfüllen. In dem NYT-Artikel werden Beispiele von Psychologen oder Dozenten genannt, die ihre Klienten oder Studenten bei Facebook adden – und so die Möglichkeit haben, ihnen bei kritischen Updates Unterstützung anzubieten.

Wie wichtig es sein kann, einen kritischen Blick auf Facebook-Updates zu werfen, zeigt der Fall Amanda Cummings. Kurz vor ihrem Selbstmord ließ sie ihren traurigen Gedanken auf Facebook freien Lauf.

Die Grenzen zwischen einem schlechten Tag und ernsthaften Depressionen anhand eines Facebook-Status zu erkennen, ist aber sicherlich ein schwieriges Unterfangen. Klar ist aber: Facebook zeigt uns nicht die Realität, sondern das, was andere von ihrer Realität preisgeben wollen oder wie sie sich selbst darstellen wollen. Und wer macht auch schon Bilder von sich beim Lernen oder Schlafen?

Fotos: flickr/jemsweb (CC BY-SA 2.0), flickr/kevin dooley (CC BY 2.0)

Comeback des Internet-Dinos? Myspace.

von Alexander Karl

Es ist sicherlich eine Analogie, die nicht gewollt ist. Trotzdem besitzt sie Symbolkraft. In Justin Timberlakes aktuellem Film „In Time“ wird nicht mehr mit Geld bezahlt, sondern mit Lebenszeit. Der Film-Timberlake versucht, seine Lebenszeit zu maximieren – und so versucht er es derzeit auch mit dem Internet-Dino Myspace.

Kollaps und Hoffnungsschimmer

In den ersten Tagen des Social Webs war Myspace der Inbegriff für ein florierendes Netzwerk: 2003 gegründet, 2006 hatte es bereits über 100 Millionen User und tausende Bands, die sich über die Plattform präsentierten. Da gehörte es schon der  News Corporation, die es 2005 für 580 Millionen US-Dollar gekauft hatte. Der Schwerpunkt lag auf der Musik, Künstler konnten sich präsentieren und jeder User sich seinen „Space“ einrichten – eine Art Profil, inklusive Vernetzung mit Freunden. Der Fall von Myspace kam mit dem Aufstieg von Facebook.

Screenshot der Myspace-Startseite

2011 folgte dann der Verkauf aus Murdochs Medienimperium für läppische 35 Millionen US-Dollar an den Werbekonzern Specific Media mit Justin Timberlake. Wer Timberlakes Karriere verfolgt, weiß, dass der Sänger, Schauspieler, Modedesigner – nennen wir es Alleskönner – stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist. Und das, was er anpackt, zu Gold wird.

Das neue Myspace

Neben der Rückbesinnung auf die musikalischen Wurzeln der Plattform planen Timberlake und sein Team ein interaktives Fernsehen, wie er im Januar 2012 bekanntgab:

„We’re ready to take television and entertainment to the next step by upgrading it to the social networking experience. Why text or email your friends to talk about your favorite programs after they’ve aired when you could be sharing the experience with real-time interactivity from anywhere across the globe?“

Auch von einer Kooperation mit Panasonic ist die Rede. Weiter wird Timberlake zitiert:

As the plot of your favorite drama unfolds, the joke of your favorite SNL character plays or even the last-second shot of your favorite team swishes the net, we’re giving you the opportunity to connect your friends to your moments as they’re actually occurring. This is the evolution of one of our greatest inventions, the television.

Screenshot des Myspace-Radios

Wer sich also dazu entscheidet, sich Myspace genauer anzusehen, wird zunächst einmal feststellen, dass man es mit Facebook und Twitter verbinden kann. Das bedeutet dann aber auch, dass alle Songs, die man auf Myspace hört, durch den Liveticker bei Facebook wandern und – außer man stellt es aus – auf der Facebook-Chronik landen.

Und auch der neue Myspace Musikplayer, der im Prinzip an die Konkurrenz wie Pandora oder lastfm angelehnt ist, ist noch nicht ganz perfekt: Gerade von den populären Songs gibt es teilweise nur 30-Sekunden Versionen. Etwa Rihanns Smashhit „We found love“ oder „Born this way“ von Lady Gaga gibt es nur in der Kurzversion. Von anderen Künstlern aber wie Christina Aguilera, Britney Spears oder Whitney Houston gibt es die Songs in kompletter Länge.

Screenshot des Myspace-Profils

Insgesamt scheint sich der neue Kurs aber durchaus auszuzahlen: Eine Millonen neue User sollen seit Dezember neu auf Myspace angekommen sein, so die aktuellen Zahlen, die von 40000 Neuanmeldungen pro Tag sprechen. Die Erklärung liefern die Besitzer der Seite laut New York Times selbst:

The new focus, Mr. Vanderhook said, was not to compete with Facebook as a social network, but to be the conduit for music and other forms of entertainment that can be shared through other networks.

Diese Möglichkeit scheint auch Ex-„The Voice of Germany“-Kandidat Percival genutzt zu haben: So landete er in den Playlisten mehrfach vor Adele. Es bleibt abzuwarten, wie lange Myspace diesen Positivtrend beibehalten kann – oder wann die Zeit entgültig abgelaufen ist.

 

Screenshots: myspace.de (24.02.2012)

Social Sitter: Die virtuelle Profilvertretung im Internet

von Pia Neef

Beim Klettern in Patagonien, auf der Geschäftsreise oder in den Flitterwochen- doch was passiert mit dem eigenen Facebook-Profil in dieser Zeit? Ihm droht Vernachlässigung, ja sogar Verlotterung. Für solche Situationen, in denen man einfach keine Zeit findet, sich um seine Profile in den sozialen Netzwerken zu kümmern, weil man durch lästige Pflichten aus der realen Welt davon abgehalten wird, präsentierte eine Werbeagentur die Lösung, die verhindert, dass das facebook-Profil völlig verwaist: die App socialsitter.net .

Der Social Sitter- die Vertretung für das facebook-Profil

Mit Social Sitter kann die digitale Abwesenheit zwar  nicht direkt verhindert werden, aber immerhin verdeckt werden. Die App bietet allen facebook-Usern eine kostenlose Vertretung für ihr eigenes Profil an, wenn man in der realen Welt (gezwungenermaßen) offline ist. Man wählt sich seinen digitalen Stellvertreter aus einer Reihe von Profilen aus. Zur Auswahl steht beispielsweise die gutbürgerliche Hausfrau, die flippige Studentin oder auch der technikverrückte Systemadministrator. Die Erfinder der App haben versucht die Profile der Charaktere so zu gestalten, dass diese die verschiedensten Gesellschaftsmitglieder ansprechen.

Henning Stamm, Leiter der interaktiven Medien der Werbeagentur Kolle Rebbe, berichtet im Gespräch mit media-bubble jedoch, dass weder die flippige Studentin noch die Hausfrau selbst einen Kommentar postet. Stattdessen erledigt das ein Programm, eine Art Redaktionssystem. Die Vertretung im Netz ist eine komplett maschinelle Anwendung. Die Social Sitter existieren in Wirklichkeit nicht, sondern sollen nur einen bestimmten Typus verkörpern. Für jeden dieser Typen gibt es eine Menge von vorgefertigten Posts. Außerdem wurden jedem Charakter Schlüsselbegriffe zugeordnet. Wenn einer dieser Schlüsselbegriffe an der Pinnwand auftaucht, reagiert das Programm darauf und postet einen der vorgefertigten Kommentare.

Wenn man einen Social Sitter engagiert, ist es dem Programm nur erlaubt, Zugriff auf die eigene Pinnwand zu nehmen. Sie bedienen den „Gefällt mir“-Button, kommentieren Beiträge von Freunden, die einem einen Kommentar auf der eigenen Pinnwand hinterlassen haben  und posten Statusmeldungen (hoffentlich im Sinne des Auftraggebers). Man kann sich für nur einen Tag, aber auch für bis zu zwei Wochen vertreten lassen.

Wird der digitale Vertreter bald zum Alltag?

Die App kommt in einer Zeit auf den Markt, in dieser sich viele Menschen Gedanken um ihre virtuelle Identität machen. Unsere Darstellung – und das Leben – im Web wird für uns immer wichtiger. Wir wollen vor späteren Arbeitgebern ein sauberes Profil vorweisen können, trotzdem aber Partybilder posten. Das beides unter einen Hut zu bekommen schwierig wird, ist logisch. Der Blogger Leander Wattig vermutet daher einen Trend zur Zweit-Identität. Egal ob man ein Facebook-Ich oder gleich mehrere hat: Pflege muss sein. Aber muss man dann gleich eine Urlaubsvertretung buchen?

Die Meinungen über die App gehen weit auseinander. Die einen diese Erfindung als einen überfälligen Schritt und als einen neuen Trend. In den Augen von anderen ist die App, wie auch in den Kommentaren auf der Homepage von socialsitter.net, völliger Schwachsinn oder eher eine nicht allzu ernst  gemeinte lustige Idee.

Wenn man sich von einem Social Sitter vertreten lässt, muss man sich im Klaren sein, dass man hier einem Programm Zugang zu seiner persönlichen Pinnwand verschafft und dieses dann auch noch unter dem Namen des Auftraggebers Beiträge von Freuden kommentiert oder Statusmeldungen postet. Jedoch wird jeder von der Profilvertretung verfasste Kommentar oder gepostete Link gekennzeichnet, dass so zumindest auf Social Sitter verwiesen wird. Aus dem Vorstellungsvideo der Social Sitter erhält man zwar einen Eindruck von dem virtuellen Charakter, fraglich ist aber, ob die App wirklich immer im Sinne von einem selbst handelt. Man sollte sich die vorgefertigten Post des jeweiligen Charakter also genau vorher durchlesen, nicht, dass man nach ein paar Tagen digitaler Abwesenheit ein blaues Wundert erlebt, wenn man das erste Mal wieder in seine virtuelle Identität schlüpft.

Lohnt es sich wirklich, nur wegen ein paar Tagen virtueller Abwesenheit einen Social Sitter zu engagieren? Und nur damit die facebook-Freunde nicht anfangen zu glauben, dass man zum Schafe züchten auf eine einsame Farm gezogen ist? Wem ein paar Tage digitale Abstinenz Kopfzerbrechen bereitet und man deswegen im schlimmsten Fall sogar bereit ist seine Flitterwochen abzusagen, sollte diese Angebot in Anspruch nehmen.

Screenshot: socialsitter.net/app/, 20.2.2012

Quo vadis, Urheberrecht?

von Sebastian Seefeldt

Dank ACTA wird derzeit über das Urheberrecht debattiert – und das ist gut so. Denn auf Facebook und Co. brechen wir jeden Tag massenhaft das Gesetz. Welchen Sinn hat das Urheberrecht dann überhaupt? Und wo könnte uns der Konflikt hinführen?

Ziele & Funktion

Das deutsche Urheberrecht ist im Urheberrechtsgesetz (UrhG)verankert. Anspruch auf das Urheberrecht hat jeder, der eine persönliche, geistige Schöpfung hervorbringt, dabei muss der Anspruch nicht erst beantragt werden, sondern gilt als gegeben. Die Kernaufgaben des Urheberrechts sind der Schutz der Person des Urhebers, Anerkennung und Bezahlung des Urhebers sowie die Kulturförderung. Das Urheberrecht an sich ist nicht übertragbar, es können allerdings Nutzungsrechte zugewiesen werden. Die Schutzdauer beträgt 70 Jahre nach dem Tod des Autors, wobei die Rechte den Erben zufallen. So erlischt in näherer Zukunft beispielsweiße das Urheberrecht von Bertolt Brecht, wodurch seine Werke, dann, von jedem verwendet und publiziert werden können. Klingt doch gar nicht schlecht – oder? Bei genauer Betrachtung zeigen sich allerdings die Missstände im Urheberrecht.

Die kleine Münze

Der Begriff der kleinen Münze bezeichnet im Juristenmund die Auffassung, dass sowohl „große Geldscheine als auch die kleinen Münzen“ unter das Urheberrecht fallen. Was zunächst positiv klingt, hat sich allerdings zu einem echten Problem entwickelt. Wenn selbst Werke mit einer geringen schöpferischen Ausdruckskraft 70 Jahre posthum geschützt sind, bringt das Probleme mit sich: Denn die Möglichkeiten für kreative Werke neigen sich dem Ende zu, da schlussendlich viele neue Werke auf einer Kombination von bestehenden Werken basieren – beispielsweise das Remixen in der Musik. Der Fakt, dass wir im Zeitalter des social Webs leben, beschleunigt die Tatsache ungemein – Produktion und Verbreitung von „eigenen Werken“ war noch nie so leicht wie heute. Genau hier stoßen wir auf einen weiteren Knackpunk, denn das Social Web beruht bekanntlich auf dem Teilen von Inhalten. Somit landen wir in unserem aktuellen Dilemma: Rein theoretisch sind Seiten wie Youtube und Facebook ein einziges Sammelsurium von Urheberrechtsbrüchen. Sei es nun der aktuelle Charthit, der posthume Lobesgesang auf eine Popdiva, das Radiogedudel im Hintergrund eines privaten Videos auf YouTube oder das bloße Teilen eines Artikels auf Facebook – denn das Vorschaubild und der angezeigte Textausschnitt fallen unter das Urheberrecht und dürften daher, eigentlich, nicht ungefragt verbreitet werden.

Idealkonflikt und Abmahnwahn

Ein Großteil der Medienindustrie scheint das Internetzeitalter verschlafen zu haben und so hat es den Anschein, als ob die Unterhaltungsindustrie nach neuen Geldquellen sucht. Laut des „Vereins gegen den Abmahnwahn“ wurden 2011 insgesamt rund 218.500 Abmahnungen verschickt in einer durchschnittlichen Höhe von knapp 1000€. Hier breitet sich ein ideologischer Graben auf – die Kunst stand seit Anbeginn ihrer Entstehung für eine freie, offene Gesellschaft, wohingegen die Rechteverwerter, also Verlage, Musikkonzerne usw., auf Kapital aus sind. Aber was gibt ihnen überhaupt das Recht, im Namen der Künstler zu handeln?

Möchte ein Urheber sein Werk veröffentlichen so muss er dazu, wenn er es nicht selbst veröffentlichen kann/will an einen Verwerter, z.B. einen Verlag oder eine Plattenfirma herantreten. In dem abgeschlossenen Vertrag räumt der Urheber das Recht ein, „das Werk zu vervielfältigen, zu verkaufen, zu bewerben usw. Dafür erhält der Autor ein vertraglich vereinbartes Honorar, das aus einer festen Summe und Anteilen an den Verkaufsgewinnen bestehen kann“(bpb).  Bietet ein Dritter den selben Service wie den des Verwerters an, ohne diesen um Erlaubnis zu fragen, beispielsweiße ein Anbieter auf einer Tauschbörse, kann der Verwerter den Anbieter abmahnen. Dass dies nicht immer im Interesse der Musiker ist, zeigt der deutsche Künstler Jan Delay. Als er erfuhr, dass ein Teil seines Gehalts aus solchen Praktiken stammt, schreibt er:

 Dieses ekelige kriegsgewinnler geld will ich aber gar nicht haben! ich werde das komplett spenden, auch in zukunft! und es ändert nichts daran, daß ich diese art von geschäftemacherei um die einbrechenden umsätze zu kompensieren ein unding finde!

Das Urheberrecht ist also prinzipiell etwas „Gutes“ und setzt sich für die Rechte der kreativen Köpfe ein, allerdings hinkt es dem digitalen Zeitalter, indem die Urheberrechtsverletzung eine allgemeingängige Praxis ist, weit hinterher. Wo muss das Urheberrecht ansetzen um diese neue Aufgabe zu bewältigen?

(Service-)Reform

Kritiker des Urheberrechts sehen in verschiedensten Ansätzen das Seelenheil. So sind, unteranderem Zensurmaßnahmen wie bei Apples App- bzw. Macstore im Gespräch. Die Apps werden vorab überprüft, wodurch es rein theoretisch nur möglich ist, legale Programme zu laden. Illegale würden gar nicht erst auftauchen. Allerdings lässt sich auch Apples Appstore austricksen – durch einen Jailbreak können auch „fremde“ Programme auf dem Gerät installiert werden. Wie effektiv eine solche Regelung ist, bleibt fragwürdig, vor allem, da die Frage nach der Kontrollinstanz, welche die „Zensur“ vornimmt, offen bleibt.

Einen komplett anderen Weg würde die Kulturflatrate einschlagen. Hier zielt der Grundgedanke darauf ab, die Tauschbörsen zu akzeptieren und zu legalisieren. Im Gegenzug dafür wird pauschal von jedem Bürger mit Breitbandzugang ein gewisser Betrag erhoben, der anschließend an die Unterhaltungsindustrie ausgeschüttet wird. Mit der Kulturwertmark schlägt der Chaos Computer Club (CCC) eine Abwandlung der Kulturflatrate vor, in welcher der Bürger selbst entscheiden kann, wem er sein Geld zuweisen möchte. Prozentuale Obergrenzen sollen dabei dazu dienen, dass kein „Mainstreamkünstler“ bevorzugt wird und die Diversität der Kunst erhalten bleibt.  Die Kritik ist hier allerdings mehr als offensichtlich: Pauschalen Abgaben, wie an die GEZ, werden in der Bevölkerung nicht gerne gesehen.

Zuletzt bleibt allerdings eine Frage offen: müssen wir wirklich unsere Gesetze reformieren oder hat die Unterhaltungsindustrie schlichtweg ein Serviceproblem?

Foto: flickr/Rosaura Ochoa (CC BY 2.0), dieSachbearbeiter.de (cc by-nc-nd/2.0/de )

Journalismus im Internet und eine Krake. Namens ACTA.

 von Felicitas Schneider

„Die Öffentlichkeit ist verunsichert, die Gerüchteküche brodelt. Die wenigen geleakten Informationen zu ACTA lesen sich wie ein Horrorkatalog für einen Bürgerrechtler“, schreibt die Stop-ACTA-Site.

Es bleibt alles beim Alten „deshalb sehen wir es auch nicht so kritisch, wie es einige Initiativen sehen“ dementiert Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Aber, worum handelt es sich bei ACTA, dem Anti-Counterfeiting Trade Agreement, eigentlich und was für eventuelle Auswirkungen hat das auf den (Bürger)Journalismus?

Was ACTA ist und wieso es kritisiert wird

Proteste gegen ACTA gab es auch in Deutschland – wie hier in Augsburg am 11.2.2012

ACTA – ausgeschrieben Anti-Counterfeiting Trade Agreement – ist eine Art Pendant zu den amerikanischen Anti-Piraterie-Gesetzen PIPA und SOPA. Seit 2007 wird das ACTA-Abkommen unter anderem von den USA, Japan und den 27 EU Mitgliedsstaaten unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Hauptgegenstand des ACTA-Abkommens, welches eine Ergänzung zum TRIPS-Abkommen darstellt, ist die Verschärfung des Urheberrechtsschutzes durch striktere Ahndung von Urheberechtsverletzung und Produktpiraterie – vor allem im digitalen Raum. Erst auf stärker werdenden Druck der Öffentlichkeit wurde das „geheime Abkommen“ nach und nach veröffentlicht. Diese Geheimhaltung ist bedenklich, wie viele Juristen u.A. Thomas Stadler, Betreiber des Blogs „Internet-Law“ und Professor Metzer von der Universität Hannover kritisieren. Bedenklicher ist auch, dass das Dokument unter Ausschluss der WTO und des Europa Parlaments erstellt wurde, womit deren Mitspracherecht nicht gewahrt worden ist, obwohl das Abkommen den internationalen Handel und das europäische Recht betrifft.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass ACTA weit über das europäische Recht hinausgeht. Europäisches Recht ist jedoch auf keinen Fall gleichzusetzen mit deutschem Recht. Viele Neuerungen durch ACTA sind längst nationales, nicht jedoch internationales Recht. So ist Artikel 27 des ACTA Abkommens, welcher Auskunftsansprüche gegen Provider vorsieht, schon lange deutsches Recht, nicht jedoch europäisches Recht.

Jedoch findet sich in Artikel 27 des Abkommens auch eine Neuerung für deutsches Recht. Diese ist, laut Rechtsanwalt Ferner, eine ausgesprochen gefährliche Neuerung. Der Artikel besagt, dass nicht nur Besitzer, sondern auch Dritte (beispielsweise Provider) haftbar gemacht werden können. Dies kann durchaus dazu führen, dass Anbieter wie Twitter und diverse Blogdienste Inhalte schon beim Verdacht einer Urheberrechtsverletzung zurückhalten und gar nicht mehr online stellen.

Durch ACTA sollen zudem Daten beschlagnahmt werden dürfen, wenn der Rechteinhaber Zweifel am rechtmäßigen Besitz der Daten äußert (Art. 12 ACTA). Dies entspricht zwar laut Rechtsanwältin Heidrun McKenzie schon der deutschen Gesetzgebung, nicht jedoch der Europäischen.

Des Weiteren dürfen, ohne die vorherige Anhörung des Betroffenen, Rechtliche Maßnahmen verhängt werden. Dieser Artikel verstößt gegen das (deutsche) Recht auf rechtliches Gehör (Art. 103 GG).

Durch die Artikel 12 und 27 des ACTA-Abkommens wird somit sehr deutlich, dass ACTA hauptsächlich die Rechte der Urheber schützen will und wenig Spielraum für die Verteidigung der Betroffenen einräumt. Das wiederum wird dazu führen, dass es eine massive Reduzierung der Informationsmöglichkeiten für die Nutzer geben wird.

ACTA + Onlinejournalismus = ?

Aber welchen Einfluss wird der Artikel 12 auf den Onlinejournalismus haben? Denkt man beispielsweise daran, wie Informationen über das Erdbeben, den Tsunami und den Super GAU in Japan an die Öffentlichkeit gelangten, so waren es nicht Pressemitteilungen der Regierung, sondern Tweets und Blogbeiträge von Betroffenen, die internationale Journalisten mit Informationen versorgten.

Wie griffig ist außerdem das Argument, dass Beiträge in Form von Youtubevideos „zensiert“ würden weil im Hintergrund urheberechtlich geschützte Musik läuft und dadurch eine Verletzung des Urheberrechtes vorliegen würde? Man denke beispielsweise an die Ausstrahlung eines Interviews von einem Festival bei Youtube. Während die Künstler interviewt werden, hört man im Hintergrund einen anderen Act auftreten. Würde das Interview daraufhin zensiert werden, weil der Interviewer die Rechte an der „Hintergrundmusik“ nicht besitzt? Solche Prognosen klingen absurd, werden von ACTA Gegnern jedoch immer wieder angeführt.

Was geschieht also, wenn diese Befürchtung nicht hypothetisch bleibt, sondern Realität wird? Gesetz dem Fall, Journalisten und Bürgerjournalisten veröffentlichen Inhalte (wenn auch in eigenen Worten), die sie zuvor auf Seiten wie Zeit.de gelesen haben, geben jedoch nicht an, woher ihre Informationen stammen, wie das bei Tweets oder Facebookposts meist der Fall ist – würden die ACTA-Neuerungen in diesem Fall greifen?

Würde Journalismus am Ende schrecklich teuer, weil man für alle Informationen die Rechte kaufen bzw. für sie bezahlen müsste? Verstieße dies nicht gegen eine der fundamentalen Ideen des Internets, Informationen kostenlos und weltweit zugänglich zu machen?

Was würde passieren, wenn man auf einem viel frequentierten Blog karikierende, Zeitgeschehen kommentierende Fotos und Werbeanzeigen postet, welche man zuvor im Internet gefunden hat, jedoch nicht angibt, woher der Fundus stammt?

Wie weit wären Journalisten die im Internet veröffentlichen, von diesen neuen, strengeren Richtlinien betroffen?

Während derzeit noch unklar ist, ob das Europa-Parlament  das ACTA-Abkommen unterzeichnen wird und Deutschland die Ratifizierung vorerst auf Eis gelegt hat, möchten Länder wie Polen, Tschechien und Lettland nach heftigen Protesten aus der Bevölkerung  vorerst die Ratifizierung des Abkommens aussetzen. Viele Fragen stehen im Raum.  Allerdings ist es, wie Thomas Stadler, Betreiber des Blogs „Internet-Law“ anmerkt, schwierig, fundierte, sachliche Fakten über ACTA zu finden. Fragen wie beispielsweise zu den Zusammenhängen zwischen ACTA und Online Journalismus sind dadurch nur schwerlich zu beantworten. Wem das 52-seitige Dokument Aufschluss bietet, der kann sich die Fragen selber beantworten. Wer das nicht möchte oder wem das nicht genügt, der kann sich anderweitig Informationen beschaffen, z.B.: über das Internet. Vorausgesetzt, es gibt sie dort noch.

 

Foto: flickr/ Johanna Bocher (CC BY-NC-ND 2.0); Sophie Kröher

Literatur im Fernsehen? Unsexy!

von Alexander Karl

Literatur gibt es im Fersehen (fast) nicht mehr. Das ‚Literarische Quartett‚ ist seit über zehn Jahren Geschichte und doch vor allem Dank Marcel Reich-Ranicki als die Literatursendung schlechthin präsent. Aktuell gibt es zwar ‚Das blaue Sofa‚ im ZDF und eine Hand voll anderer Angebote in der ARD – aber wer schaut die schon? Sie laufen am späten Abend und sprechen eine Zielgruppe an, die sowieso schon liest und dazu nicht unbedingt animiert werden muss. Trotzdem sind die Quoten schlecht. Passen Bücher und Fernsehen einfach nicht zusammen?

Bücher im Fernsehen – zwei Welten?

Wenn man nicht gerade zielsicher die Literatursendungen einschaltet oder plötzlich bei ihnen aufwacht, bekommt der  Otto-Normal-Verbraucher von Literatur im Fernsehen nichts mit. Gerade bei den Privaten spielt Literatur keine Rolle, außer, wenn Philipp Lahm ein Buch schreibt und darüber bei Stern-TV berichtet wird. Aber auch die Öffentlich-Rechtlichen lassen die Buchkultur – außerhalb ihrer im Sendeplan integrierten halben Stunde – nur selten aufblitzen. Etwa dann, wenn Johannes B. Kerner oder andere „Talkmaster“ prominente Gäste wie Eva Hermann begrüßen und über ihre (Skandal-)Bücher sprechen. Das war’s.

Aber warum findet man so selten Literatur im Fernsehen? Die FAZ sagt, das Fernsehen sei einfach kein Medium für die Literatur:

Doch das eigentliche Problem liegt woanders. In vielen Redaktionen herrscht Ratlosigkeit, wie man so grundverschiedenen Medien wie Literatur und Fernsehen am besten zusammenbringt. Welches Konzept könnte formal und inhaltlich Programmmacher, Zuschauer und Branchenkenner gleichermaßen überzeugen? Gesprächsrunden oder Magazin-Beiträge? Verrisse oder Empfehlungen? Lesungen oder Homestorys?

Fakt ist: Eine Castingshow kann man mit Literatur (leider) nur schwerlich machen. Bücher zu schreiben ist ein langwieriger Prozess, den man nicht in ‚DSDS‘- oder ‚Germany’s next Topmodel‘-gleiche Formate packen könnte. Und auch beim ‚Supertalent‘ wird wohl demnächst kein Schriftsteller gewinnen – was soll er denn auch tun? Sich beim Schreiben zuschauen lassen? Vorlesen? Es wäre wohl die etwas andere Castingshow, aber wohl auch eine, die es nie geben wird.

Buchclub 2.0

Oprah engagiert sich nicht nur für Bücher, sondern wie hier auch in der Politik.

Was also tun? Ein Vorschlag wird in dem gleichen FAZ-Artikel zwar genannt, aber sofort in der Luft zerrissen: Ein Buchclub à la Oprah Winfrey.  Oprah Winfrey ist in den USA in etwa Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Stefan Raab in einer Person. Sie hat Macht. Sie hat Geld. Und ein Herz für Literatur. Mache sprechen sogar von einem Oprah-Effekt. Die FAZ aber meint:

Eines jedoch steht fest: Ein Remake von „Oprah’s Bookclub“, in der die Moderatorin das Buch ihrer Wahl in 9Live-Pose in die Kamera hält und zum kollektiven Download aufs Kindle aufruft, wird es in Deutschland nicht geben. So verzweifelt sind wir hier dann doch noch nicht.

Warum denn nicht? Bücher sind eine Ware. Waren müssen angepriesen werden. Und gerade Bücher! Sie vermitteln Kultur und Wissen. Und doch gibt es viele, die nie „Verblendung“ oder „Der Herr der Ringe“ lesen würden – gibt es ja als Film. Ein Buchclub der Marke Oprah würde Deutschland zumindest nicht schaden. Tatsächlich könnte man das, was ‚Gottschalk live‘ derzeit versucht, prima mit Büchern machen: Die Vernetzung zwischen Sendung und Zuschauer. Vor der Sendung könnte man Auszüge des Buches bei Facebook online stellen, den Autor in die Sendung einladen und ihm die Fragen der Zuschauer stellen. Oder ihm sagen, was den Leuten nicht gefällt. Und darüber diskutieren. Oder sie eine Szene des Buches nachdrehen lassen, umschreiben, vertonen und den Zuschauer so vollkommen einbinden. Die Möglichkeiten wären unbegrenzt.

Bücher sind nicht unsexy und auch nicht per se fernsehresistent. Es kommt nur darauf an, wie man sie zur Schau stellt. Und auf welchem Sendeplatz sie laufen. Aber vielleicht wird ja bald wieder einer in der ARD frei. Zumindest montags bis donnerstags kurz vor der Tagesschau. Außer, Gottschalk modelt die Sendung zu einem Oprah-ähnlichen Buchclub um. Unwahrscheinlich, das die Quoten dadurch noch schlechter werden.

Foto: Sophie Kröher, flickr/Kelly Ida Scope (CC BY-NC-SA 2.0)