Meinung oder Beleidigung? Kommentare im Web

von Alexander Karl

Jeder kann im Internet seine Meinung vertreten, rund um die Uhr und überall. Doch manchmal nimmt die freie Meinungsäußerung erschreckende Ausmaße an – schnell werden User beleidigend, gleichzeitig öffnet das Web auch das Tor für extreme Meinungen.

Trolle im Netz

„Das Kommentarfeld unter Artikeln: ein Trollhaus.“ Dies sagt Leo Lagercrantz, ehemaliger Chefredakteur der schwedischen Online-Zeitung Newsmill in der Süddeutschen. Besonders geprägt hat ihn eine Kommentatorin, die er „Troll“ nennt, weil sie in den Kommentarboxen wütet und „die sich entweder gegen Migranten oder bekannte Feministinnen wenden. Ihre Texte sind aggressiv, aber stets gut formuliert und nie drohend.“ Trotzdem, so Lagercrantz, löschte er ihre Beiträge. In den alten Medien hätten es solche „Trolle“ nicht geschafft, ein breites Publikum mit ihrer Meinung zu konfrontieren – denn dort gab es noch Gatekeeper, die über Leserbriefseiten wachten.  „Doch dann wurde das Kommentarfeld im Netz erfunden. Der Einzug der Trolle in die Öffentlichkeit war ein Faktum“, sagt Lagercrantz. Und Lagercrantz entschied sich, dagegen vorzugehen, Kommentare zu löschen, ja, zu „zensieren“, wie ihm einige Nutzer vorwarfen. Lagercrantz verließ die Plattform und sieht nun, wie nach den Anschlägen von Oslo große skandinavische Medien keine anonymen Kommentare mehr zulassen.

Kommentare im Web

Wie aber sieht die Kommentarstruktur im Web aus? Gegen wen richten sich Beleidigungen? Studenten der Uni Mainz untersuchten die Kommentare zu Fukushima auf SpiegelOnline. Sie stellen fest, dass 51,3 Prozent der Beleidigungen gegen andere User gingen, erst dann folgten mit 19,1 Prozent die deutsche Regierung und mit 1o Prozent die deutschen Parteien. Problematisch ist vor allem auch die Äußerung der Ironie. So wurde festgestellt, dass „18,8% aller Kommentare, die Ironie beinhalteten, mit einer Beleidigung
beantwortet“ wurden. Gleichzeitig ziehen aber auch Beleidigungen neuerliche Beleidigungen nach sich – in über 30 Prozent der Fälle. Allgemein konnten die Studenten feststellen, dass eine hohe Emotionalität der geführten Debatte die Wahrscheinlichkeit für Beleidigungen erhöht. Um Debatten also weitgehend beleidigungsfrei ablaufen zu lassen, bräuchte es weniger Emotionen – ein nahezu unmögliches Unterfangen bei heiklen Themen.

Provokateure im Web

Vielleicht ist es manchmal auch ganz gut, sich seinen Kommentar zu sparen – gerade dann, wenn der eigentliche Provokateur nicht nur einen Post weiter unten sitzt, sondern der Beitragsverfasser ist. Ein Beispiel dafür ist die mehr als strittige Seite www.kreuz.net. Dort wird offen von Homo-Gestörten und Homo-Greul gesprochen, vom HS-Staat (HS als Abkürzung für Homosexualität, nicht zu verwechseln mit NS-Staat) und der Holocaust in Frage gestellt. Oder es wurde Stimmung gegen die Heiligsprechung des liberaleren Papst Johannes Paul II. gemacht. Auch deshalb bezeichnet die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung die Seite als „rechtsextreme Katholiken im Internet„. Dementsprechend kontrovers sind auch die Diskussionen auf der Seite, hier einmal ein Auszug zum Thema „Onanie grenzt an Homo-Perversion“.

Dazu stellen sich eigentlich zwei Fragen: Macht es überhaupt Sinn, mit christlichen Fundamentalisten zu diskutieren? Oder ist es die Pflicht eines jeden, solchen Auswüchse paroli zu bieten?

Betrachtet man die Ausführungen Lagercrantz‘, der sich auch telefonisch mit dem „Troll“ auseinandergesetzt hat, mit ihm inhaltlich diskutieren wollte, könnte man meinen, dass es keinen Sinn macht, sich mit „Trollen“ auseinander zu setzen: „Ich tat es [den Ausstieg bei Newsmill] nicht nur mit dem Gefühl, vom Troll besiegt worden zu sein, sondern auch im Wissen, dass mein Kampf sinnlos gewesen war.“

Gleichzeitig aber blickt Lagercrantz nach den Anschlägen in Oslo zurück und sagt: „Persönlich verstärkte das Massaker in Norwegen mein Gefühl, gescheitert zu sein. Nicht weil ich „zensierte“. Sondern weil ich es nicht früher und entschlossener tat.“

 

UPDATE: Es hatte sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Natürlich heißt kreuz.net nicht kreutz.net.

 

Foto: Flickr/maubrowncow (CC BY-NC-SA 2.0) ; Screenshot: http://www.kreuz.net/article.14063.html (20.12.2011)

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