Die alltägliche Evolution: The Tree of Life

von Selina Juliana Sauskojus

Ein außergewöhnlicher Regisseur

Terrence Malicks bisherige Karriere verlief alles andere als gewöhnlich. 1973 gelang ihm sein furioses Spielfilmdebüt mit Badlands. Fünf Jahre später knüpfte er daran an mit Glut des Südens. Mit einer noch sehr konventionellen Erzählweise erarbeitete er sich einen hohen Rang in der Riege der New Hollywood-Regisseure.

Trotz seines Erfolges gönnte sich Malick zunächst aber eine Kreativpause – und zwar zwanzig Jahre lang. 1998 kam Der schmale Grat in die Kinos. In diesem Film bricht er erstmals die filmischen Konventionen und entwickelt seinen eigenen, typischen Stil. Sieben Jahre später folgte The New World, eine Verfilmung der Pocahontas-Geschichte. Man könnte diesen Film als eine Zäsur in seinem Schaffen sehen. Wie in Der schmale Grat bediente sich Malick wieder seiner ganz eigenen Filmsprache. Die Kritik war not amused. Wo Malick 1998 etwas neues, spannendes geschaffen hatte, wurden nun Kritiker laut, die seinen Stil als überkandidelt und idealistisch deklarierten.

Das Hauptmotiv des Filmemachers ist stets die makellose Natur versus der Mensch, der sich durch seine destruktive Art in der Welt verliert.  Um dieses Verhältnis darzustellen setzt Malick vor allem auf eine beinahe überhöhende, prächtige Darstellung der Natur. Zudem wurden seine Filme von Mal zu Mal ärmer an Dialog. Stattdessen arbeitet Malick mit dem Voice-Over – Gedankenfetzen, Anrufe an höhere Mächte, Beobachtungen über den Menschen und die Welt. Mit Dialogen geht der Filmemacher, der auch seine Drehbücher selbst schreibt, sehr sparsam um. Der Vorwurf Malick verliere sich mehr und mehr in einer eigenen spirituellen Welt, sahen einige mit The Tree of Life erhärtet.

 

The way of grace and the way of nature

Um The Tree of Life zu verstehen, ist es wichtig, die Sprache Malicks zu begreifen. Der Regisseur selbst ist gläubiger Katholik. Das ist wahrscheinlich die Ursache dafür, dass ihm in seinen Filmen eine übertriebene Religiosität angelastet wird. Und ja, auch in The Tree of Life spielt Gott irgendwie eine Rolle, geht es um nicht weniger als die Schöpfung der Welt und eine typische Familie aus den USA der 60er Jahre, die jeden Sonntag die Messe besucht. Aber das Motiv so einzugrenzen tut dem Regisseur und dem Film mehr als Unrecht.

The Tree of Life behandelt drei Erzählstränge. Die Entstehung der Erde und des Lebens, die Geschichte der Familie O’Brien und das Erwachsenenalter des ältesten Sohnes Jack (Sean Penn). Einer Chronologie folgt der Film nicht. In einem italienischen Kino wurden versehentlich die Akte in unterschiedlicher Reihenfolge zusammengefügt. Es fiel dem Publikum nicht auf – so unkonventionell und experiementell ist der Schnitt in Malicks Filmen.

Mit dem beeindruckenden Einsatz traditioneller Filmtechnik und der Verwendung perfekter Naturaufnahmen inszenierte Malick die Entstehung der Erde. Begleitet von klassischer Musik und dem obligatorischen Voice-Over verschafft Malick dem Zuschauer eine spirituelle Erfahrung, wie man sie im Kino bisher selten erleben durfte. Spirituell ist in diesem Fall nicht negativ konnotiert. Vielmehr wird der Kinogänger in Sprachlosigkeit versetzt ob der Epik der Szene. Sich diesem komplexen Vorgang anzunehmen schaffte in dieser Perfektion noch kein Regisseur.

Besonders bemerkenswert ist eine Szene, die in der Saurierzeit spielt. Ein Pflanzenfresser liegt halblebig an einem Flussbett, ein Aasfresser nähert sich ihm. Doch anstatt mit seinem Opfer kurzen Prozess zu machen, verschont er es. Was Malick an dieser Stelle zeigen möchte, ist ein aktiver Akt der Gnade – Ursprünglich ein Gefühl, das, vor allem im religiösen Kontext, nur dem Menschen zugeschrieben wird. Über diese Szene mockierte sich die Kritik ganz besonders. Die Dinosaurier seien billig animiert, einen Sinn ergebe das ganze sowieso auch nicht.

Im Zusammenhang mit der Familiengeschichte hingegen, nimmt diese Szene eine gewaltige Bedeutungsdimension an. Die Kindheit dreier Brüder, die hin- und hergerissen werden von den unterschiedlichen Persönlichkeiten ihrer Eltern, steht im Fokus des Erzählens. „There are two ways of life. The way of nature and the way of grace. You have to choose which one you’ll follow“, sagt Mrs. O’Brien aus dem Off. Sie selbst verkörpert den Weg der Gnade, des Spirituellen. Als gläubige Christin erzieht sie ihre Kinder liebevoll.

Ganz im Gegensatz zu Mr. O’Brien: „It takes fierce to get ahead in this world.“ Fressen oder gefressen werden, nach diesem Mantra möchte er seine Kinder großziehen. Vor allem der älteste Sohn Jack leidet unter diesen konträren Ansätzen. Komplizierter wird das ganze durch den mittleren Sohn R.L.. Sanft wie seine Mutter und mit den musischen Begabungen seines Vaters ausgestattet scheint er der Inbegriff des Guten zu sein. Jack versucht immer wieder in Rivalität mit seinem jüngeren Bruder zu treten, sich seinen Weg an die Spitze zu erkämpfen. Mit neunzehn Jahren stirbt R.L.. Wie er stirbt erfährt der Zuschauer nicht. Jahre später ist Jack noch immer nicht über den Tod des Bruders hinweg. Verloren in Großstadtschluchten sucht er nach Absolution für sein Fehlverhalten und dem Sinn des Lebens.

Prinzipiell dreht sich alles um den Gegensatz zwischen evolutionärem Verhalten einerseits und einem spirituellen Weg auf der anderen Seite. Dass dieser spirituelle, gnadenvolle Weg nicht in einem religiösen Kontext stehen muss, zeigt die Dinosaurier-Szene. Auf menschlicher Ebene jedoch scheinen Liebe und Gnade stark mit dem Glauben gekoppelt zu sein. Dennoch muss berücksichtigt werden, dass auch Mr. O’Brien, der den egoistischen Weg bevorzugt, ein tiefreligiöser Mensch ist, der am Sonntag sogar die Kirchenorgel spielt. Malick zeigt, wie qualvoll und unnatürlich das Aufwachsen in einem solchen Umfeld sein kann, bezieht jedoch klar Position welcher Weg der „bessere“ Weg ist.

Im zweiten Teil dieses Artikels möchte ich darauf eingehen, wie sich der Regisseur positioniert und mit welchen filmischen und dramaturgischen Mitteln er seine Aussagen untermauert.

 

Fotos: Concorde Film

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