Der widernatürliche Gebrauch des Internets

von Sanja Döttling

Das Internet ist der Garant der freien Meinungsäußerung. Dass dabei nicht nur erhellende und interessante, sondern oft auch diskriminierende Meinungen verbreitet werden, zeigt ein Streifzug über homophobe Seiten . Wer sich schnell aufregt, sollte jetzt die Augen schließen.

Ans Kreuz!

„ Der widernatürliche Gebrauch des Anus“ titelte die „Nachrichten“-seite kreuz.net und lässt sich dann über das Sexleben der „Homo-Gestörten“ aus, und welch schädlichen Einfluss dieses auf die Gesundheit hätte. Da werden dann unter anderem Lehrbücher aus den 30er Jahren zu Rate gezogen. In einem Artikel über den Christopher Street Day 2011 in Stuttgart, dessen Schirmherrschaft der Bürgermeister Wolfgang Schuster übernahm, steht: „Die Homo-Bewegung ist eine aggressiv intolerante, moralisch rückständige Hinterhof-Gruppierung, die an der galoppierenden Zersetzung der Familie und Gesellschaft arbeitet.“ Ein Kommentar fasst zusammen: „Der Homo ist heute für HS-Deutschland, was der Arier für NS-Germanien war – der unangreifbare Übermensch eines dekadenten Staates.“ (Anm.: „HS“ steht in diesem Zusammenhang für den Homosexuellen-Staat, eine Erfindung von kreuz.net). Auch zur „Entstehung der Homosexualität hat die Seite ihre Meinung: „Homosexuell wird ein Mensch in der Pubertät, wenn er von älteren Homosexuellen verführt oder sexuell mißbraucht wird.“ Unter dem Stichwort “Gomorrhismus“ finden sich weitere Artikel, die in diesem Ton verfasst wurden. Das Wort lehnt sich an die „lasterhaften“ biblischen Städte Sodom und Gomorra an. Bekannter ist die „Sodomie“: bis in die frühe Neuzeit bezeichnete das Wort von Gesellschaft und Kirche als „pervers“ empfundene sexuelle Praktiken. Satire? Leider Nein – anscheinend meinen die Autoren es ernst.

Die sogenannte Nachrichtenseite bezeichnet sich selbst als „Initiative einer internationalen Gruppe von Katholiken in Deutschland und Übersee, die hauptamtlich im kirchlichen Dienst tätig sind“. Doch von den Betreibern selbst fehlt jede Spur. Stellvertreter der römisch-katholischen Kirche distanzieren sich von der Seite ; der Pressesprecher der deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, äußerte gegenüber dem ZDF, dass die Seite kein offizielles Angebot der katholischen Kirche sei. Wer also steckt hinter der Seite? Die Brandenburgische Landeszentrale für Politische Bildung bezeichnet die Seitenbetreiber als sogar „ rechtsextreme Katholiken “. Und listet auf: „Neben Holocaust-Leugnern, Antisemiten und aggressiven Abtreibungsgegnern schreiben auf kreuz.net auch Schwulenhasser.“

Obwohl als verfassungswidrig eingestuft, gibt es für das deutsche Gesetz keine Möglichkeit, gegen die Seite vorzugehen: Die Server sind nicht in Deutschland registriert und somit außer Reichweite der deutschen Justiz.

Doch die Internet-Community wehrt sich mit ihren eigenen Mitteln: Der Watch-Blog zu kreuz.net lässt sich über die Inhalte der Seite aus; ebenso meinungsfreudig, schaffen sie zumindest einen Ausgleich ans andere Ende des Meinungsspektrums.

Vielen Angehörigen des Glaubens ist die gleichgeschlechtlichen Liebe suspekt. Die kaum gewählte Partei Bibeltreuer Christen (PBC) beispielsweise vertritt die These , dass Homosexualität nicht gottgegeben ist. Sie soll, ihrer Meinung nach, therapiert werden. Die Partei hat eine evangelikale Ausrichtung, allerdings auch Mitglieder aus Freikirchen und Angehörige des katholischen Glaubens.

Das kann man heilen!

Die sogenannte Ex-Gay-Bewegung hat eine große Anhängerschaft und vertritt die Meinung der PBC: Die Bewegung fasst Gruppen und Vereinigungen zusammen, die davon ausgehen, dass gleichgeschlechtliche Liebe durch eine Konversionstherapie „weggeredet “ werden kann.

Die Anhänger dieser Bewegung haben oft einen religiösen Hintergrund: Die jüdische Organisation JONAH, die muslimische StraightWay Foundation, die evangelikale Gruppe „Exodus International“. Doch auch die sich selbst als wissenschaftlich positionierende Organisation NARTH vertritt diesen Gedankengang .

DieAmerikanische Alternative


Wie in fast allem, übertreffen die USA Deutschland auch bei der Äußerung Anti-Homosexueller Inhalte. Die oben aufgezählten Vereine kommen alle aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Eine weitere Organisation ist „ P.A.T.H.“ , oder „Positive Alternatives to Homosexuality“. Sie vereint unter ihrem Dach unterschiedliche Vereine mit „Therapieangeboten“ für Homosexuelle. Darunter sind nicht nur christliche, sondern auch jüdische und nicht-religiöse Vereine gelistet .

Das Intro der Seitelautet wie folgt:

„ Same Sex Attractions?/ There is hope… / For a new path… / Change is possible!“

Die Vereinigung beschreibt sich so: “PATH is a non-profit coalition of organizations that help people with unwanted same-sex attractions (SSA)”. Ein deutscher Verein unter diesem Dachverband ist das„Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“ (DIJG), das der „Offensive Junger Christen (OJC) untersteht.

Falsche Forschung

Unter augenscheinlich professionellem Deckmantel rät dieses selbsternannte Institut Schwulen und Lesben zu Therapien.

Homosexualität wird auf Traumata in der Kindheit zurückgeführt: „Verschiedene Experten weisen für die Entwicklung zur männlichen oder weiblichen Homosexualität auf die Rolle von chronischen, frühen Traumata hin, die zu einer Störung im normalen Bindungssystem des Kindes geführt haben.“ Man muss sich fragen: Was ist das, ein „normales“ Bindungssystem? Eine gleichgeschlechtliche Beziehung wohl nicht, denn „sexuelles Verhalten [kann] seelische Verletzungen nicht heilen und ungestillte emotionale Bedürfnisse auch nicht stillen.“

Des Weiteren weisen sie auf „gesundheitliche Risiken“ hin: „Homosexuelle Lebensstile bei Männern und Frauen sind mit einem höheren Risiko für verschiedene psychische Probleme und insbesondere bei Männern auch für körperliche Erkrankungen verbunden.“ Laut DIJG führe dieser Lesensstil zu Depressionen, Angststörungen, Alkohol-, Drogen und Medikamentenmissbrauch und Selbstmordgefährdung. Einen Zusammenhang von gesellschaftlicher Diskriminierung von Homosexuellen und psychischen Erkrankungen lehnen sie ab.

Aus diesen, so genannten Gründen, wird dann eine Therapie empfohlen: „Seit vielen Jahrzehnten sind therapeutische Ergebnisse zur Veränderung homosexueller Neigungen in der wissenschaftlichen Literatur dokumentiert.“

Stellvertretend für viele Organisationen, Vereinigungen und Forschungen, die sich gegen die Therapie von Homosexualität aussprechen, soll hier die American Psychological Association zitiert werden. Eine Arbeitsgruppe zum Themengebiet „Appropriate Therapeutic Responses to Sexual Orientation“ folgert nach Untersuchung von wissenschaftlicher Literatur „that efforts to change sexual orientation are unlikely to be successful and involve some risk of harm, contrary to the claims of SOCE practitioners and advocates .“

Freie Meinung auf Kosten der Menschenwürde?

Zehn Mythen, die immer wieder von diesen und anderen homophoben Seiten angeführt werden, hinterfragen und entkräften Evelyn Schlatter und Robert Steinback hier . Unter anderem beschäftigt sich auch der Blog des Psychologen Gregory Herek damit, homophobe Äußerungen zu sammeln und zu entkräften .

Es gibt noch immer viele Gruppen und Vereinigungen, die sich gegen Homosexualität aussprechen.Da im Internet mit dem richtigen Layout aus einer Randgruppe schnell ein wissenschaftliches Institut wird, ist es wichtiger denn je auf Seiten hinzuweisen, die die Wissenschaft in ihrem Sinne und für ihre Zwecke verwenden.Solange die Rechtsprechung an Staatsgrenzen endet, ist gemeinsames, kritisches Betrachten von Inhalten im Web die beste Waffe gegen homophobe und diskriminierende Inhalte.

Foto: flickr/incurable_hippie (CC BY-NC 2.0)

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum “Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie”  am 17.5.2012. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

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